Helenenruh, am 20. April

Im Grunde bin ich doch froh, daß ich hierhergekommen bin. Zwar kann ich

so gut wie nichts tun, aber sooft ich denke, ich sei überflüssig, so muß

ich nur Magda ansehn und denke gleich, es kommt einmal der Augenblick,

wo sie zusammenbricht, und es ist niemand da, der sie bettet. Und nun,

wo auch Jason al Manach, der die ersten Tage nach meiner Ankunft nur

heiß und stumpf umhersaß, sich mit einer schweren Gehirnentzündung

hingelegt hat, so verbrennt sie ja in Mitleiden und Dienstbarkeit.

Seitdem herrscht tiefe Stille in Helenenruh, nur das Motorrad des

Doktors unterbricht das dumpfe Krankenzimmerschweigen, in dem wir

Frauen, die Domina und die Pflegerinnen, umhergleiten, und während

draußen der April grüne Seiden ausbreitet und die schönen Farben

hineinstickt, lagert im Hause die beständige Dämmerung verschlossener

Vorhänge oder des Nachtlichts und die schwere, dumpfe Luft.

Was war das doch für ein anderes Helenenruh in Magdas Briefen! Soviel

Trauriges darin war, es war doch das Bogners und der kindlichen Magda,

die ich damals noch vor Augen hatte und nicht auslöschen konnte trotz

dieser fremden Briefe. Dies aber, das ich hier gefunden habe, das weiß

von alledem nichts; es sind nur Wege und Bäume, ein Teich, die Wiesen

und die See, ein schönes Haus mit Sälen und vielen Fenstern, und wenn

ich im Klaviersaal gespielt habe und am Fenster stehe und zum

Verwalterhause hinüberblicke, die Vorfrühlingswolken über dem Park sehe

und den Wind, der silbergraue Streifen über die frisch ergrünte

Wiesenfläche schleppt, so finde ich keine Spur von dem hier, was ich

hineingedacht habe, und ich sehe wohl ein, daß wir alles für uns allein

haben. Die Dinge bleiben sich gleich und lassen uns an sich vorüber.

am 1. Mai

Chalybäus hat sich langsam erholt und vor ein paar Tagen sein

Bett verlassen in Gestalt einer schiefen, vertrockneten und

zusammengekrümmten Steinzeitmumie. Gleich verlangte er Wein, und als der

ihm verweigert wurde, bekam er einen Tobsuchtsanfall. Es scheint nichts

anderes übrig zu bleiben, als ihm zu willfahren; der Arzt wenigstens

erklärt, es sei vorläufig nichts zu machen. Nun ist er bei einer

alltäglichen Menge von drei bis fünf Flaschen Rotwein und verhält sich

einigermaßen still. -- Du arme Magda!

Jetzt beginnt nun auch Jason al Manach, dies fremde Wesen, auf der Bank

neben der Haustür zu sitzen, einer kümmerlichen, weißen Kellerpflanze

ähnlich und zuerst klagend, das Licht stürze sich wie brennende

Vogelschwärme in seine Augen; aber das Brennen hörte auf, nicht nur

seine Augen, sondern auch Lungen und alle Adern sogen still, er genas.

Viel habe er überstanden, sagte er heut abend zu mir und Magda. Sie

stand in der Haustür nahe bei unserer Bank, über den drei Stufen, ach,

so gebrechlich aussehend von der übermäßigen Anstrengung der Pflege, in

ihrem schlecht und lose sitzenden Hängekleid von Nessel, das Haar in

einem hellen Tuch, unter dem ihre Züge wie ausgewischt erschienen. --

Man könnte auch sagen, fügte er hinzu, er habe sich selbst überstanden,

und dann sagte er wieder einmal wie in seinen Delirien, aber mit ganz

verständigem Ausdruck etwas sehr Sonderbares. Er habe ihn wohl gesehen,

den großen Grauen am Fußende seines Bettes; freundlich habe er ihn, den

kranken Jason, eingeladen, doch mit ihm zu gehn, aber er habe ihm ruhig

geantwortet, daß er doch selber einsehn müßte, es sei durchaus keine

Kunst, das Leben vermittels des Todes zu überwinden, allenfalls mit

Hülfe des Sterbens, womit er sich ja auch eingehend beschäftige, aber

solange es nach ihm gehe, wolle er nicht völlig sterben, sondern

vielmehr so gesund wie möglich werden, und übrigens glaube er schon

längst nicht mehr überzeugt an die Existenz des vor ihm Stehenden, der

sich denn daraufhin auch achselzuckend entfernt habe. So gesund wie

möglich, wiederholte er bekräftigend -- er glaube, es würde ihm noch

gelingen. -- Magda, schwach und todmüde, begann leise zu weinen, es

dämmerte zwischen den Bäumen, aus dem Heckengang quoll die Nacht, Jason

blickte gegen den hellen, herniederleuchtenden Himmel oben, wir hörten

hinter uns das kleine Weinen rinnen und gedachten des ewigen Lebens.

am 2. Mai

O, das sind garstige Dinge, die sich da zugetragen haben!

Schon längst schien mirs eine fixe Idee von Ch. zu sein, daß der Herzog

ihn tödlich beleidigt habe, daß es ein Verbrechen von ihm, dem Ch.,

wäre, nur einen Pfennig vom Herzog anzunehmen -- eine eigentümliche

Veränderung der Sachlage --, und daß daher ihm und seiner Tochter nichts

anderes übrig bleibe, als mit einer Drehorgel auf den Märkten

umherzuziehn. -- Nun war er doch entlassen. Magda zeigte mir einen Brief

vom Herzog an Ch. vor einigen Tagen; darin änderte er einen ersten

Vorschlag an Ch., die Heilanstalt Frankenhöhe aufzusuchen -- da er

mittlerweile vom Arzt erfahren hatte, daß eine Kur vorderhand unmöglich

sei --, in eine Rente nebst freiem Aufenthalt in Helenenruh, Magda

zuliebe, die ja so an H. hängt. Der Brief hatte einen fürchterlichen

Wutausbruch ihres Vaters zur Folge, hinterdrein ein Schreiben an den

Herzog, das er insgeheim Jason diktierte, für den er noch immer eine

schöne Sympathie bewahrt. Darin standen Dinge, von deren Unwahrheit

Jason wohl überzeugt war, vielleicht auch ist sein Denkvermögen noch

immer etwas imaginär, jedenfalls gab er den Brief M., in meiner

Gegenwart. Magda las lange an dem Brief, schob ihn dann zu mir herüber,

ohne das Gesicht zu verziehen, und sah auf den Tisch vor sich. So las

ich denn, daß ihr Vater -- auf welche Weise war nicht zu erkennen --

Kenntnis erlangt hatte von einem nächtlichen Besuch des Prinzen in

Magdas Zimmer (im vergangenen Juli). Ob ihr Vater nun mehr dazu neigte,

die Ehe zu verlangen, oder ob er nur einen Erpressungsversuch machen

wollte, das war infolge des Jammergeredes, in das er alles wickelte,

nicht deutlich zu erkennen. -- Als ich endlich aufsehn mußte vom Lesen,

fand ich Magdas Augen auf mich gerichtet, so erloschen und hart, daß ich

mehr darin lesen mußte als Abscheu vor ihrem Vater.

Im ersten Augenblick war ich so erschrocken -- -- Ich sah sie aufstehn

und das Zimmer verlassen, endlich brachte ichs fertig, ihr nachzugehn,

und im Park fand ich sie denn, wie sie wie eine Verlorene schwankend an

den Fliederbüschen hinstreifte, und führte sie sanft ins Haus. Sie blieb

aber stumm -- und was ist auch zu sagen?

Es ist, als sollt es kein Ende nehmen mit den Lasten, die ihr

aufgebürdet werden. Sogar bereits Überstandenes kommt nun wieder und

trifft sie von neuem und von einer anderen Seite. Gott mag wissen, was

er damit will.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 7 / 124 题