Einsamkeit -- --

Einsamkeit, du schöner Born

Stillgewordner Seelenklagen!

Rausche durch das Muschelhorn

Tönend in den langen Tagen.

Wenn der Gott das Horn ergriff,

Rollt der Donner an den Küsten,

Und es dröhnt des Gottes Schiff,

Und es tönt -- --

Einsamkeit -- -- schrieb Georg noch, dann riß es ab, denn er hatte: >und

es tönt in meinen Brüsten< schreiben wollen, verdrängte es aber, da es

ihm frivol und unpassend vorkam, insgeheim derartig von ihr zu sprechen,

als ob er sie entkleidete, ohne daß sie's wußte; dann kam ihm auch der

Reim zu alltäglich und gemein -- heutzutage -- vor, er ergänzte noch

teilnahmslos die Lücke mit: >in Felsgerüsten<, hörte nervös das störende

Geklapper des Deckels auf dem Teekessel und hockte sinnlos. Vor seinen

Augen verging der rötlich durchschienene Dampfstrahl aus der Tülle,

nebenan wurde ein Stuhl gerückt, Benno ging behutsam durch das Zimmer,

dann klangen ein paar Griffe auf dem Klavier und plötzlich ein leiser

Akkord von solcher Süßigkeit, daß Georgs Herz sich zusammenzog. Angst,

Sehnsucht, Schwermut sogen gewaltsam an seiner Brust; warum sitze ich

hier? dachte er schwer.

Gedankenlos, nur um etwas zu tun, zog er die Schieblade gegen seinen

Leib auf, holte eine Wachstuchkladde heraus und schlug sie auf. _La vita

nuova_ stand groß und einsam auf der ersten Seite. Georg machte

kritische Augen. Auf der nächsten stand ebenso vereinsamt: Galatea ...

Georg schlug willkürlich einige Blätter um und las:

»Die See war schwarz und eigentlich unsichtbar, aber über ihren Rand aus

dem Nichts stieg eine rote Scheibe, glühte und war ein großer, runder

Fisch, der über das schweigsame Meer herschwebte. Auf seinem Rücken

stand ein schwarzer Mann wie ausgeschnitten, mit einem abstehenden Kranz

von wildem Haar, hielt ein Muschelhorn an den Mund und blies unhörbar.

Da sagtest du: man muß die Einsamkeit in das Herz schießen. Ich hatte

aber nur eine kleine Gummizwille in der Hand, wie wir sie als Jungens

machten. Da zielte ich auf den Fisch, und wie ich ihn traf, blieb er

langsam stehn, wurde wieder ganz rund und wedelte einmal mit dem

Schwanz. Dann zauberte er ein glotzendes, grünes Auge in sich hinein,

sah mich boshaft damit an und versank in die Flut, wo er sichtbar blieb

im Tiefersinken, dieweil das Wasser in schwarzen Falten über ihn

hinging. Der Mann, sein Horn noch immer am Munde, sank mit, und da wußte

ich, daß das Ganze aus Pappe geschnitten und ein kleines Theater war

...«

Georg hob die Augen vom Ende der Seite, griff eine Zigarette aus dem

Kasten, tastete, völlig aufgelöst in Bewußtlosigkeit, nach den

Streichhölzern und blieb hocken, die Zigarette im Munde, minutenlang.

Der Teekannendeckel klapperte irrsinnig. Georg fuhr mit einem Ruck aus

sich auf, hob den Kessel aus den Haspen und setzte ihn auf die Erde, wo

er noch eine Weile ingrimmig vor sich hin kollerte und prustete, bis ihm

der Atem ausging und er verstummte. Die Blätter des Hefts hatten sich in

die Höhe gesträubt, Georg las irgendwo die Worte:

»Es giebt nichts, wozu man die Natur nicht gebrauchen könnte; ich will

sie als Medikament gebrauchen. Es muß mir gelingen, einige Zeit ohne

Gedächtnis zu leben. Wenn es nicht geht, werde ich es Benno übergeben.

Es giebt nichts, was man ihm nicht anvertrauen könnte.«

Ja, ja ...

Die Nacht war totenstill, nichts zu hören vom Meer. Da saß man nun

mitten im riesigen Kanal, die ungeheure Brust des Atlantischen Ozeans

drängte gegen ihn heran, fern überall in ihrer Einsamkeit wanderten die

Schiffe ...

Angst lag auf Georgs Brust. Hatte sich irgend etwas geändert? War irgend

etwas klarer geworden? Ach, wenn doch Benno Klavier spielen wollte, daß

er sich ins Dunkel daneben setzen könnte und wie als Knabe, wenn Onkel

Salomon einmal spielte, das Ohr gegen die tönende Wand legen und sich

vergessen im Staunen über das drinnen tosende musikalische Rumoren. Ach

nein, er hatte Benno sein Gedächtnis nicht anvertraut, immer standen

Dinge bevor, die er nicht begriff, als sollte er sich am nächsten Tag

zur Bedienung einer Maschine stellen, von deren Bau und Wirkung er keine

Ahnung hatte ...

Georg blätterte weiter in seinem Heft, über Seiten voller Verse hin,

Sonette, Sonette, Sonette, und: welche Kunst, dachte er, seine Stimmung

vermittels plausibler Vergleichungen zum Ausdruck zu bringen! -- Dann

kamen wieder Briefe an sie, die er Galatea nannte -- indem es ja sein

höchster und heimlichster Traum war, daß sie, dieser wunderbarlichste

Marmor in Frauengestalt, durch ihn zum warmen Leben sich einführen

lasse, -- Ergüsse, Lobgesänge, Gebete, Beichten in blumenreicher Prosa

...

Und wiederum sah er ihre ungewisse Gestalt, abgewandt von ihm, hingehn

und -- -- entschwinden in die Luft.

Da stand geschrieben:

»Ich reinige meinen inneren Menschen. Ich werde ein Stück Natur,

Erdboden, wenn mich der Sonnenschein, Baum, wenn mich der Wind, hohle

Muschel, wenn der unablässige Donner der See mich mit lärmendem Geläute

erfüllt. Luftiger, offener, ausgebreiteter wird mein Wesen, ich fühls,

ich leere, ich reinige mich. --«

Haben wir uns gereinigt, Benno? Gute Seele, was stauntest du doch über

dies ossianische Eiland von grauem und rötlichem Fels, dies titanische

Gefüge, Grotten, Felsenbögen und Höhlen wie auf Odysseebildern von

Preller. Und ringsum der gewaltige Kanal. Da ließen wirs uns wohl sein,

rollten im Ufersand gegen die Brandung, stürmten über den Felsendamm

zwischen den beiden Inselhälften, hundert Meter über der Meeresfläche,

mit flatternden Hemdkragen gegen den offenen Himmel, gegen den wild

anrennenden Wind, schrien den englischen Möwen auf Deutsch

unverständliche Beschimpfungen zu -- dann --, dann schoß ich Kaninchen

auf dem Eilande Brechou, und du bewundertest mich dabei. Ach, immer hast

du mich bewundert! Als ichs allein nicht mehr ertragen konnte, als mir

eines Tages das Gedächtnis alles Gewesenen wie ein Baum aus dem Haupt

wuchs und riesige Früchte, die herunterstürzten, mich zu erschlagen

drohten, da -- ja, da vergingst du in Schaudern über das unerhörte

Begebnis und in Bewunderung meiner, der sicherlich das Richtige treffen

würde ...

Und Georg erinnerte sich, wie sie nächtelang miteinander sich

besprochen, den Zweikampf wie mit beweglichen Puppen gefochten hatten,

des Ideales hier, ein Fürst zu werden, wie die Welt einen verlangte, der

Wahrheit dort, die Selbsterniedrigung von ihm forderte. Aber die Fehde

blieb immer unentschieden, sie verstummten, schlichen trübe umher --

nun, Benno freilich tat das nicht lange, er hatte ja unendlichen Mut

geschöpft, und nachdem er früher kaum gewagt hatte, eine Zeile zu

schreiben, aus Furcht, Beethoven könnte es ihm verargen, so getraute er

sichs nun, es mit allen Stimmen des Ozeans und der Winde aufzunehmen ...

Und dann lagen wir auf einer der grünen, windüberstrichenen Inseln im

Innern, gaben uns kummerlos der Sonne preis, träumten Buntes und

Phantastisches, für Benno Unerhörtes, Gloria und Kränze, Frauen und

Wettrennen, Yachten unter Riesensegeln und weiße, nackte Frauenleiber in

einer azurenen See und in paradiesischem Durcheinander mit gestreiften,

gelben Tigern und schwarzen Leoparden.

Bennos Schritte näherten sich der Tür, Georg hörte ihn fragen hinter

seinem Rücken: »Schreibst du?«

»Nein, ich lese bloß! Du willst wohl schlafen gehn?«

Sich wendend sah er Benno, so lang er war, noch dünn- und langhalsiger

in dem aufgeschlagenen Hemdkragen, Gesicht und Augen durchglüht und

beschämt von Visionen, durchs Zimmer gehn und sich aufs Sofa setzen,

gleich die Beine übereinanderlegend und sich schmal machend vor

angeborener Demut. Der rötliche Schnurrbart hing zerzaust und wie

bestraft, die Augen gingen -- wie immer -- nach oben.

»Sieh mal, was ich da geschrieben habe«, sagte Georg, nachdem Benno

etwas wie »gar nicht müde« gemurmelt hatte, und las:

»Widersetze dich niemals einer Erkenntnis. Jede seelische Geste,

festgehalten in der Anmut gereimter Zeilen, strömt eine bestrickende

Glaubwürdigkeit aus. Je leichter dir das Versemachen fällt, um so

schöner werden deine Empfindungen. Es ist doch nur ein papierener

Frühling. Wind und Sterne, Mond und Sonne, Wogen und Möwen, das alles

treibt dich rundum, und am Ende liegst du da. Du bist nur ein

Naturkreisel. -- Horch, Benno, es giebt noch einen Zusatz. Zusatz:

Wirbelt die Oberfläche eines buntbemalten Kreisels herum, so schwinden

die Farben in belangloses Grau. So ist es auch mit der Seele. Wenn sie

aber daliegt und stille wird, zeigt sie lieblich ihre reinen, farbigen

Kreise ...«

Benno saß und lächelte freundlich.

»Benno, was denkst du?«

»Ich? Ach! Ich dachte«, sagte er schamvoll mit seiner gebrochenen

Stimme, »an den Kiwi in Unterprima und --«

»Ach, weil ich von physikalischen Dingen rede, denkst du an

Physikprofessoren! Ach du mein Gott, diese Physikstunden waren das

Gräßlichste auf der Welt! Und wenn er mal ein Experiment machte, ging

alles kaputt. Ja, da sitzen wir nun im Kanal ...«

Benno erhob sich mit einem Ruck zu seiner Länge und trat an das Fenster,

stützte die Hände auf und sah in die Nacht. -- Ich glaube, dachte Georg,

er hat Heimweh.

Nach einer Weile, da weiter nichts geschah, sagte er:

»Ja, wie ist es, Benno, wenn du nicht zu müde bist, könnten wir ja noch

einen Schritt vor die Tür und das Meer besehn ...«

Benno drehte sich still um; sie gingen hinaus und durch den engen,

warmen Flur voller Schränke ins Freie. Die Nacht war dunkel, von den

erloschenen Häusern kaum hier und da eine weiße Wand im Finstern zu

erkennen; oben segelte der kleine Mond hastig durch silbergraues,

bewegtes Gewölk. Da! -- sagte die Kälte, indem sie auf die Stelle mitten

auf Georgs Kopf, wo die Kompresse endlich entfernt war, aber noch das

Haar fehlte, ihren kalten Finger setzte. -- Als sie um die Hausecke

bogen, warf sich der Seewind ihnen straff entgegen; Georg wars, als

legte er ihm miteins ein glattes Kleid von Kühle um den ganzen Leib. Vor

ihnen lag die schwarze Fläche von Haidekraut, die sich ins Nichts

verlor; da und dort, über der unsichtbaren See in der Tiefe, war ein

vereinsamtes Sternlicht. Langsam, während sie auf dem schmalen Pfad von

Klinkern dahingingen, wurde die Brandung hörbar und lauter.

Eine leise Melodie, von Benno gepfiffen, ein kleines, getragenes Stück

in Moll, zärtlich, feierlich, plötzlich abbrechend, wehte an Georgs Ohr,

einmal und noch einmal. Er fragte: »Was ist das, Benno?«

Ja ... es sei das Thema des ersten Satzes: Sehnsucht nach der Ebene. Und

übrigens hätten sich ihm, als er es fand, von selber die Worte

unterlegt: Denk ich an Deutschland in der Nacht ...

»Ach, denkst du an Deutschland in der Nacht, Benno?«

Benno schwang einen Arm, warf den Kopf zurück -- Georg konnte die Haare

im Dunkel flattern sehn -- und war ein wenig entrüstet. Ob es nun

vielleicht eine Schande sei, Heimweh zu haben!

»Ach,« sagte er, »ihr seid ja nun Alle Europäer! Aber wenn du dichtest,

Georg, dichtest du dann vielleicht europäisch? Dichtest du

international?«

»Aber die Musik, Benno? Überhaupt alles Geistige, Kunst, Wissenschaft,

sind sie nicht allgemein?«

»Der Stoff, Georg, ach natürlich doch, der Stoff! Sind wir nicht Alle

Menschen? Der Gedanke der Verbrüderung ist natürlich herrlich! Aber im

Geist war sie doch immer schon da, und dem Bauern und dem Handwerker,

wenn er einen Schrank macht oder Rüben baut -- was soll dem

Verbrüderung? Keine Feindschaft soll sein, keine gegenseitige

Verachtung, alle sollen sich gelten lassen und ertragen, jawohl, aber --

das ist doch weiter nichts als Menschenpflicht, da ist doch der nächste

Nachbar der nächste Anlaß, dergleichen zu üben, und wozu brauchts da

fremde Völker und Erdteile? Das Gute kommt doch immer von selbst.«

Benno mußte schreien, so laut war nun der Donner der Brandung. Georg sah

im Finstern vor sich die Zaunpfähle am Rande des Abgrunds; jetzt bog ihr

Weg ab und begann langsam anzusteigen; alsbald erschien auch der

Schattenriß des kleinen Pavillons über ihnen in der Nacht. Georg sah

Helenenruh, das weiße Haus, Wiesen und Park, eine sonnige Insel; dann

erschien die Goethestraße in Altenrepen, sein Schulweg, das rote,

vielfenstrige Haus mit der Sonne überm Türmchen. Ja, er hatte wohl auch

ein wenig Heimweh ...

Sie betraten den Bretterboden des Pavillons, traten an die hölzerne

Brüstung und stützten sich darauf. Alle Hörner der See stießen ihr

gewaltiges Gebrüll aus; sich überneigend sah Georg, schaudernd vor der

Tiefe, den weißen Gischt, wie er sich wütend aufwarf und zerflog. Da war

nun, unsichtbar, unermeßlich nach Westen hin die schwarze, bewegliche

Meeresebene, meilenweit kalte Wasser, Bergtiefen der Gewässer. Ein, zwei

rötliche Lichter in der Ferne schienen eine Küste zu bedeuten, aber es

waren Schiffe, in ungeheurer Einsamkeit verlassen durch die schwere See

hinstampfend, aber innen in ihnen war es doch wieder warm und hell,

waren Tische und Lampen, Keller und Lager voll Geruch von Teer und

Waren, Kabinen voll Schlaf ... Seltsam, diese winzigen, fahrenden Wohn-

und Kaufhäuser in der Meeresfinsternis ...

Georg ließ sich auf die Bank nieder, leise betäubt vom Brausen der

Tiefen, Benno blieb am Pfeiler stehn.

»Und die schönsten Dinge, Georg,« sagte er plötzlich mit Eifer, »die

schönsten Dinge der Welt giebt es doch nur in Deutschland.«

»Zähle auf, Benno, zähl auf!«

Benno schöpfte tief Atem.

»Eine deutsche Sommernacht«, sagte er.

»Ja, Benno, da hast du recht. >Wenn die Brunnen verschlafen rauschen<,

nicht wahr? Und Kornfelder im Mondschein und silberne Ritter von Thoma

auf allen Hügeln, die Wache halten. Oder -- nein so, Benno: Eine

Mondnacht ... Ein Stück weißer Straße -- und eine weiße Hauswand mit

dunklen Fensterscheiben, Gartenmauer, weiß, und darüber die dunklen,

schweren Baumwipfel, in denen der Nachtwind rieselt -- rieselt --, nun

hier -- nun da, nun rauschend, nun ganz leise nur -- knisternd, daß du

fast die einzelnen Blätter sehen kannst, die sich wenden ...«

»Ja, Georg! ja!«

»Und -- -- kennst du das von Rilke:

Und dann ein Rauschen und ein Ruf der Ronde,

Und eine Weile bleibt das Schweigen leer,

Und eine Geige dann ...

... und sagt ganz langsam: Eine Blonde ...«

Benno war begeistert. »Eine Blonde!« hauchte er. »Ja, ein blondes

deutsches Mädchen, das gehört auch zum Schönsten!«

»Ich will sie dir nicht rauben, deine Blonden,« sagte Georg, »aber ich

bin nun mal mehr für Dunkel.«

»Du für Dunkel, Georg? Aber Renate?«

»Renate? Ach, erstens ist sie nicht blond! Sowas nennt sich nicht blond,

und zweitens: ist sie vielleicht ein Mädchen?«

Benno sagte, das verstünde er nicht. Georg wußte es selber nicht zu

erklären. Nein, dachte er, sie ist weder Mädchen noch Frau, aber sie ist

-- -- als wäre sie drei Nächte lang die Geliebte eines Gottes gewesen,

und ist verzaubert von unsterblichen Küssen und überweltlicher Hoheit.

-- Aber wieso sagte ich nur eben, ich wäre für Dunkel? Magda ist doch

blond -- ja, deshalb liebte ich sie wohl auch nicht richtig! -- Iris

Runges elfenbeinernes Gesicht erschien ihm da und die türkisfarbenen

Augen im schwarzen Oval der Haare.

»Zähle weiter, Benno, was giebt es noch?«

»Ach, der Frühling, Georg, einen deutschen Frühling, giebt es den

vielleicht in Italien oder in Indien! Wenn die Ebenen noch ganz grau

sind und ferne Wälder durchsichtig und kahl, und die Wolken gehen so

niedrig und langsam übers Land. Der Wind ist feucht, man riecht die

Erde, und irgendwo stehen schon Primeln ...«

»Ach, wohl, Benno, wohl, und ein deutsches Ährenfeld, du sagtest es

schon! Diese Gelbe, und das lange Schwanken der glatten Mauer und

Lerchen im Sommersonntag und ganz ferne Glocken!«

»Und bist du einmal im Herbst über Land gegangen, Georg --«

»Deutsche Herbstwälder, Benno, mein Gott ja, deutsche Herbstwälder

giebts auch in Griechenland nicht! Goldgelbes Birkenlaub in flammend

blauen Lüften ...«

»Ja, und ich dachte eben an die Ebene. Im September, wenn die weißen

Morgennebel alles rings verschließen, und die Sonne bricht nun durch,

und auf einmal ist da eine glühende, weiße, beleuchtete Hauswand, dann

siehst du das Dach, und nun die Kronen von Obstbäumen, dunkelgrün,

triefend naß, nun die roten Flecke der Äpfel, und am Zaun, der auf

einmal aus den weißen Tüchern kommt, lehnt vielleicht ein ganz blaues

Waschfaß ...«

»Herbstkräftig,« murmelte Georg und fuhr lauter, damit Benno ihn hören

könne, fort: »herbstkräftig die gedämpfte Welt -- In warmem Golde

fließen ...«

»Ach, ja, Georg, und die Dichter, glaubst du denn, daß je irgendwo die

Dichter so ihr Land ausgesaugt hätten wie Eichendorff und Lenau, und wie

Claudius und George? Wie war doch das noch: >Im Morgentaun -- trittst du

hervor --<. Von George, ich weiß es nicht mehr, du lasest es vor ...«

Georg fuhr leise und seltsam schmerzlich fort:

»Den Kirschenflor

Mit mir zu schaun.

Duft einzuziehn

Des Rasenbeetes ...

Durch die Natur

Noch nichts gediehn

Von Frucht und Laub.

Rings Blüte nur ...

Von Süden weht es ...«

Benno, zu seinem Munde herabgebeugt, wiederholte voll Inbrunst: »Von

Süden weht es ...« Dann warf er sich mit einem Ruck hoch, trat weg und

setzte sich auf die Bank.

»Ja, da sitzen wir nun im atlantischen Kanal in der Nacht und haben

Heimweh nach Deutschland. Wenn wir jetzt Wiener wären und an Wien

dächten, so würden wir weinen«, murmelte Georg. Aber im selben

Augenblick brach alles immer Unterdrückte mit einer solchen Wucht in ihm

los, daß er aufsprang, den Holzpfeiler neben Benno mit beiden Fäusten

packte und, die Stirn darangepreßt, ächzte:

»Verstehst du es denn, Benno, ja versteht es denn _ein_ Mensch, was das

heißt, nicht mehr zu wissen, woher man kommt? Und ich, Benno, ich, der

immer so stolz war auf Ahnen und alle Vergangenheit und Zusammenhänge,

und daß all das nun Lüge war, Unsinn, gemeine, scheußliche, stinkende

Lüge und Irrtum --« Er brach ab und schüttelte sich.

Einen Augenblick später sich wieder aufrichtend und Haltung nehmend,

trat er von Benno fort und lehnte sich mit dem Leib gegen die Brüstung

und über das Meer. Hinter sich wußte er Benno, der so still in sich saß

vor Scheu und Ergriffenheit, daß sich keine Muskel und keine Faser an

ihm bewegte. Und wiederum erschien da, abgewandt, hingehend, die

unsichtbare Gestalt Renates ...

Seltsam, seit wann ist das nur, daß ich sie so sehe? fragte sich Georg.

Und woher gerade diese Bewegung an ihr? Es giebt ja wohl keine Stellung

oder Lage, keine Tätigkeit und keine Bewegung, in der ich sie nicht

geträumt hätte -- woher nun diese? Als ob sie selber, indigniert, sich

von mir fortwendete, jedesmal, und davonginge. Habe ich sie totgeträumt?

fragte er sich erschrocken. Ja, ist mein Gefühl noch immer so stark wie

im Anfang? Ich glaube -- -- nicht ... Ach, Renate, Renate, warum stehe

ich denn hier über dem finstern Atlant, kalten Gewässern und landfremden

Schiffen? Du bist es doch, die gilt, einzig gilt! Dich zu krönen, aus

den Sternen den Thron, für dich, für dich, das ist doch -- nun, wenn

nicht das Ziel selber, doch der Leib, in dem es sich irdisch darstellen

muß, um möglich zu werden. Nein, nun ertrage ich es nicht mehr. Dies ist

ja eine dergestalt menschliche Angelegenheit, daß tatsächlich nichts

weniger helfen kann als Fels und Meereswoge. Ich muß unter Menschen. Die

Maske muß probiert werden, das Herz angestoßen werden auf reinen oder

unreinen Klang.

»Wie ist es, Benno,« sagte er, sich umwendend, »wenn wir morgen fahren,

kann ich noch eben rechtzeitig zur Einschreibung ins Semester kommen.«

Benno sprang auf.

»Ja,« sagte er, lang dastehend, aus tiefster Seele, »ja, reisen wir!«

Neben Georg tretend, legte er einen Arm um seine Schulter. Lange standen

sie so, der Raum füllte sich mit dem Brausen der Tiefen, schläfriger

dachte Georg an Deutschland, an Altenrepen und verlangend und

hoffnungsvoll an einen Garten, Orgel und Liebe.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 5 / 124 题