Georg ging eine schräge, braungoldene Fläche hinunter. In der Tiefe war
ein lichter, weißer Wald; die Bäume standen weit voneinander und sahen
wie große, schneeweiße Tüten aus, die auf der Spitze standen. Im
Näherkommen gewahrte er, daß es riesige, schön gewundene
Muschelschnecken waren; ihre Windungen glühten rosig, und in ihnen
rieselte es goldig. Vor der nächststehenden waren zwei Pfähle aus
Ebenholz, einer immer etwas höher als der andere, so daß sie eine Treppe
bildeten, und indem er noch dachte, es müßten, da sie sich gegenseitig
stets überhöhten, doch wohl mehr als nur zwei Pfähle sein, war er schon
hinaufgestiegen, beugte sich über den rundwulstig nach innen gebogenen
Rand der Muschel und sah, daß eine Wendeltreppe hinunterführte. Er stieg
sie hinab, sie wand sich ins Bodenlose unter seinen Füßen fort, es ward
Abend und Finsternis, dieweil er stieg, aber dann wußte er, daß er
wieder die verbotene Treppe im Trassenberger Pallas beging. Diesmal aber
war die Tür doch offen, es wehte eisigkalt aus dem Gang, Georg wußte,
daß ein solcher da war, ohne ihn sehen zu können, und tastete sich
furchtsam, mit beiden Händen die ganz nahen Wände streifend, vorwärts.
Bald kam er an eine Biegung, an eine andere, es ging rechts, ging links,
Georg dachte: gleich muß die Falltür kommen, er schritt immer langsamer,
in großer Angst, auf einmal war eine schwarze Türöffnung da und hinter
ihr das Bodenlose. Die Angst verschlug ihm den Atem, er wußte, daß er
sterben, daß er hinunterstürzen und zerschellen sollte, nein, er wußte,
schon wenn er fiele, würde alles aus sein, und schon wich der Boden, er
fiel, er löste sich, rücklings sinkend, auf in den Tod, noch denkend, es
ist ja gar nicht so schlimm, das Sterben -- --
Da schlug er die Augen auf.
Eine Weile unbegreifend, wo er sich befand, erkannte er langsam die
braune Tür gegenüber mit dem hellen Lichtspalt von nebenan, dann in der
Ecke rechts davon den kleinen Kamin mit dem Schattenriß des hängenden
Teekessels über der roten Glut -- langsam das ganze, kleine Zimmer,
gefüllt mit Schatten, den Schattenriß des Tisches zwischen Kamin und dem
Sofa, auf dem er saß, und er hörte die englischen, losen Schiebefenster
knacken und leise prasseln unter gelinden Stößen des Nachtwinds. Im
Nebenzimmer räusperte sich jemand, Benno ... Da saß er unsichtbar und
komponierte bei seiner Lampe ...
Im selben Maß wie die Schlafbenommenheit entwich auch die Erscheinung
des Traumes, nur die Erinnerung an den finstern Gang blieb noch; ihn
schauderte leise im Gedanken des Sterbens, wie er sich auflöste,
angstvoll und doch schon beruhigt ...
Da aber sah er wieder, wie immer, Renate, abgewandt von ihm, durch ein
Zimmer gehn, undeutlich, nur ihre Erscheinung, fast nur ihre Haltung,
als komme sie aus der Tür und ginge zu -- zu einem Tisch -- Georg sah
ihn nicht -- und legte etwas darauf, ein Buch, ein Schlüsselbund, worauf
sie sich auflöste ... Immer dieselbe Erscheinung ...
Georg stand, trunken von Schlaf und Gefühl, vom Sofa auf, legte ein paar
Stücke Holz in die Glut, setzte sich daneben auf den Stuhl am Tisch,
klappte den daliegenden Briefblock auf, ergriff die Feder und stürzte
sich ins Schreiben.
Serk, schrieb er, im Mai.
Galatea, o Galatea! Ich sterbe, ich sterbe ja vor Heimweh nach Dir! Im
Traum eben litt ich einen leichten Tod, Du warst nicht in dem Traum, ich
verstehe es nicht, wie konnte der Tod leicht sein ohne Dich! An meinem
Leibe sind alle Adern geöffnet, das Blut strömt, auf jeder Welle
entschwimmt mir Dein Lächeln mit dem fortfließenden Leben ...
Soll ich Dir Träume erzählen, süße Seele? Komm, höre einen Traum!
Es war ein Garten und ein Gebüsch. Eine Stimme war im Gebüsch, sie
rauschte nur. Da kam ein Arm hervor, der die Zweige nach oben hob, ein
weißer Arm, dann stand eine Frau in der Aprilnacht, holte zwei Schwerter
hinter dem Rücken hervor, in jeder Hand eines, und stieß sie mir durch
Rücken und Brust ...
In einer Nacht aber hatte ich diesen Traum:
Ich ging am Strande des Ozeans, da sah ich das Meerweib von fern. Sie
stand, nahe von ihr war ein Felsenbogen, ein gewaltiger Grotteneingang,
und sie stand, als habe sie beim Auftauchen aus der dunklen See eine
Glocke von Gewässer mit hochgenommen, die wölbte sich nun als schwarzes
Kleid um ihre untere Hälfte, um die obre hing Wellenschaum als weißes,
dreieckiges Tuch mit langen, fließenden Fransen. So stand sie, die Hand
am Kinn, in der anderen den Ellenbogen, sinnend, aber sie sang, ich
hörte ihre Stimme: