Das Schiff stieß an das Ufer, wir sprangen schnell ans Land und
verteilten uns nun nach allen Seiten im Grünen, wie Vögel, wenn das
Gebauer plötzlich aufgemacht wird. Der geistliche Herr nahm eiligen
Abschied und ging mit großen Schritten nach dem Schlosse zu. Die
Studenten dagegen wanderten eifrig nach einem abgelegenen Gebüsch, wo
sie noch geschwind ihre Mäntel ausklopfen, sich in dem vorüberfließenden
Bache waschen und einer den andern rasieren wollten. Die neue
Kammerjungfer endlich ging mit ihrem Kanarienvogel und ihrem Bündel
unterm Arm nach dem Wirtshause unter dem Schloßberge, um bei der Frau
Wirtin, die ich ihr als eine gute Person rekommandiert hatte, ein
besseres Kleid anzulegen, ehe sie sich oben im Schlosse vorstellte. Mir
aber leuchtete der schöne Abend recht durchs Herz, und als sie sich nun
alle verlaufen hatten, bedachte ich mich nicht lange und rannte sogleich
nach dem herrschaftlichen Garten hin.
Mein Zollhaus, an dem ich vorbei mußte, stand noch auf der alten Stelle,
die hohen Bäume aus dem herrschaftlichen Garten rauschten noch immer
darüberhin, eine Goldammer, die damals auf dem Kastanienbaume vor dem
Fenster jedesmal bei Sonnenuntergang ihr Abendlied gesungen hatte, sang
auch wieder, als wäre seitdem gar nichts in der Welt vorgegangen. Das
Fenster im Zollhause stand offen, ich lief voller Freuden hin und
steckte den Kopf in die Stube hinein. Es war niemand darin, aber die
Wanduhr pickte noch immer ruhig fort, der Schreibtisch stand am Fenster
und die lange Pfeife in einem Winkel wie damals. Ich konnte nicht
widerstehen, ich sprang durch das Fenster hinein und setzte mich an den
Schreibtisch vor das große Rechenbuch hin. Da fiel der Sonnenschein
durch den Kastanienbaum vor dem Fenster wieder grüngolden auf die
Ziffern in dem aufgeschlagenen Buche, die Bienen summten wieder an dem
offnen Fenster hin und her, die Goldammer draußen auf dem Baume sang
fröhlich immerzu. -- Auf einmal aber ging die Tür aus der Stube auf, und
ein alter, langer Einnehmer in meinem punktierten Schlafrock trat
herein! Er blieb in der Tür stehen, wie er mich so unversehens
erblickte, nahm schnell die Brille von der Nase und sah mich grimmig an.
Ich aber erschrak nicht wenig darüber, sprang, ohne ein Wort zu sagen,
auf und lief aus der Haustür durch den kleinen Garten fort, wo ich mich
noch bald mit den Füßen in dem fatalen Kartoffelkraut verwickelt hätte,
das der alte Einnehmer nunmehr, wie ich sah, nach des Portiers Rat statt
meiner Blumen angepflanzt hatte. Ich hörte noch, wie er vor die Tür
herausfuhr und hinter mir drein schimpfte, aber ich saß schon oben auf
der hohen Gartenmauer und schaute mit klopfendem Herzen in den
Schloßgarten hinein.
Da war ein Duften und Schimmern und Jubilieren von allen Vöglein; die
Plätze und Gänge waren leer, aber die vergoldeten Wipfel neigten sich im
Abendwinde vor mir, als wollten sie mich bewillkommnen, und seitwärts
aus dem tiefen Grunde blitzte zuweilen die Donau zwischen den Bäumen
nach mir herauf.
Auf einmal hörte ich in einiger Entfernung im Garten singen:
»Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.«
Die Stimme und das Lied klang mir so wunderlich und doch wieder so
altbekannt, als hätte ichs irgendeinmal im Traume gehört. Ich dachte
lange, lange nach. -- »Das ist der Herr Guido!« rief ich endlich voller
Freude und schwang mich schnell in den Garten hinunter -- es war
dasselbe Lied, das er an jenem Sommerabend auf dem Balkon des
italienischen Wirtshauses sang, wo ich ihn zum letztenmal gesehen hatte.
Er sang noch immer fort, ich aber sprang über Beete und Hecken dem Liede
nach. Als ich nun zwischen den letzten Rosensträuchern hervortrat, blieb
ich plötzlich wie verzaubert stehen. Denn auf dem grünen Platze am
Schwanenteich, recht vom Abendrote beschienen, saß die schöne gnädige
Frau, in einem prächtigen Kleide und einem Kranz von weißen und roten
Rosen in dem schwarzen Haar, mit niedergeschlagenen Augen auf einer
Steinbank und spielte während des Liedes mit ihrer Reitgerte vor sich
auf dem Rasen, gerade so wie damals auf dem Kahne, da ich ihr das Lied
von der schönen Frau vorsingen mußte. Ihr gegenüber saß eine andre junge
Dame, die hatte den weißen runden Nacken voll brauner Locken gegen mich
gewendet und sang zur Gitarre, während die Schwäne auf dem stillen
Weiher langsam im Kreise herumschwammen. -- Da hob die schöne Frau auf
einmal die Augen und schrie laut auf, da sie mich erblickte. Die andere
Dame wandte sich rasch nach mir herum, daß ihr die Locken ins Gesicht
flogen, und da sie mich recht ansah, brach sie in ein unmäßiges Lachen
aus, sprang dann von der Bank und klatschte dreimal mit den Händchen. In
demselben Augenblicke kam eine große Menge kleiner Mädchen in
blütenweißen, kurzen Kleidchen mit grünen und roten Schleifen zwischen
den Rosensträuchern hervorgeschlüpft, so daß ich gar nicht begreifen
konnte, wo sie alle gesteckt hatten. Sie hielten eine lange
Blumengirlande in den Händen, schlossen schnell einen Kreis um mich,
tanzten um mich herum und sangen dabei:
»Wir bringen dir den Jungfernkranz
Mit veilchenblauer Seide,
Wir führen dich zu Lust und Tanz,
Zu neuer Hochzeitsfreude.
Schöner, grüner Jungfernkranz,
Veilchenblaue Seide.«
Das war aus dem Freischützen. Von den kleinen Sängerinnen erkannte ich
nun auch einige wieder, es waren Mädchen aus dem Dorfe. Ich kneipte sie
in die Wangen und wäre gern aus dem Kreise entwischt, aber die kleinen,
schnippischen Dinger ließen mich nicht heraus. -- Ich wußte gar nicht,
was die Geschichte eigentlich bedeuten sollte, und stand ganz verblüfft
da.
Da trat plötzlich ein junger Mann in feiner Jägerkleidung aus dem
Gebüsch hervor. Ich traute meinen Augen kaum -- es war der fröhliche
Herr Leonhard! -- Die kleinen Mädchen öffneten nun den Kreis und standen
auf einmal wie verzaubert, alle unbeweglich auf einem Beinchen, während
sie das andere in die Luft streckten, und dabei die Blumengirlanden mit
beiden Armen hoch über den Köpfen in die Höh hielten. Der Herr Leonhard
aber faßte die schöne gnädige Frau, die noch immer ganz stillstand und
nur manchmal auf mich herüberblickte, bei der Hand, führte sie bis zu
mir und sagte:
»Die Liebe -- darüber sind nun alle Gelehrten einig -- ist eine der
couragiösesten Eigenschaften des menschlichen Herzens, die Bastionen von
Rang und Stand schmettert sie mit einem Feuerblicke darnieder, die Welt
ist ihr zu eng und die Ewigkeit zu kurz. Ja, sie ist eigentlich ein
Poetenmantel, den jeder Phantast einmal in der kalten Welt umnimmt, um
nach Arkadien auszuwandern. Und je entfernter zwei getrennte Verliebte
voneinander wandern, in desto anständigern Bogen bläst der Reisewind den
schillernden Mantel hinter ihnen auf, desto kühner und überraschender
entwickelt sich der Faltenwurf, desto länger und länger wächst der Talar
den Liebenden hinten nach, so daß ein Neutraler nicht über Land gehen
kann, ohne unversehens auf ein paar solche Schleppen zu treten. O
teuerster Herr Einnehmer und Bräutigam! obgleich Ihr in diesem Mantel
bis an die Gestade der Tiber dahinrauschtet, das kleine Händchen Eurer
gegenwärtigen Braut hielt Euch dennoch am äußersten Ende der Schleppe
fest, und wie Ihr zucktet und geigtet und rumortet, Ihr mußtet zurück in
den stillen Bann ihrer schönen Augen. -- Und nun dann, da es so gekommen
ist, ihr zwei lieben, lieben närrischen Leute! schlagt den seligen
Mantel um euch, daß die ganze andere Welt rings um euch untergeht --
liebt euch wie die Kaninchen und seid glücklich!«
Der Herr Leonhard war mit seinem Sermon kaum erst fertig, so kam auch
die andere junge Dame, die vorhin das Liedchen gesungen hatte, auf mich
los, setzte mir schnell einen frischen Myrtenkranz auf den Kopf und sang
dazu sehr neckisch, während sie mir den Kranz in den Haaren festrückte
und ihr Gesichtchen dabei dicht vor mir war:
»Darum bin ich dir gewogen,
Darum wird dein Haupt geschmückt,
Weil der Strich von deinem Bogen
Öfters hat mein Herz entzückt.«
Da trat sie wieder ein paar Schritte zurück. -- »Kennst du die Räuber
noch, die dich damals in der Nacht vom Baume schüttelten?« sagte sie,
indem sie einen Knicks mir machte und mich so anmutig und fröhlich
ansah, daß mir ordentlich das Herz im Leibe lachte. Darauf ging sie,
ohne meine Antwort abzuwarten, rings um mich herum. »Wahrhaftig, noch
ganz der alte, ohne allen welschen Beischmack! Aber nein, sieh doch nur
einmal die dicken Taschen an!« rief sie plötzlich zu der schönen
gnädigen Frau, »Violine, Wäsche, Barbiermesser, Reisekoffer, alles
durcheinander!« Sie drehte mich nach allen Seiten und konnte sich vor
Lachen gar nicht zugute geben. Die schöne gnädige Frau war unterdes noch
immer still und mochte gar nicht die Augen aufschlagen vor Scham und
Verwirrung. Oft kam es mir vor, als zürnte sie heimlich über das viele
Gerede und Spaßen. Endlich stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen,
und sie verbarg ihr Gesicht an der Brust der andern Dame. Diese sah sie
erst erstaunt an und drückte sie dann herzlich an sich.
Ich aber stand ganz verdutzt da. Denn je genauer ich die fremde Dame
betrachtete, desto deutlicher erkannte ich sie, es war wahrhaftig
niemand anders als -- der junge Herr Maler Guido!
Ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte, und wollte soeben näher
nachfragen, als Herr Leonhard zu ihr trat und heimlich mit ihr sprach.
»Weiß er denn noch nicht?« hörte ich ihn fragen. Sie schüttelte mit dem
Kopfe. Er besann sich darauf einen Augenblick. »Nein, nein,« sagte er
endlich, »er muß schnell alles erfahren, sonst entsteht nur neues
Geplauder und Gewirre.«
»Herr Einnehmer,« wandte er sich nun zu mir, »wir haben jetzt nicht viel
Zeit, aber tue mir den Gefallen und wundere dich hier in aller
Geschwindigkeit aus, damit du nicht hinterher durch Fragen, Erstaunen
und Kopfschütteln unter den Leuten alte Geschichten aufrührst und neue
Erdichtungen und Vermutungen ausschüttelst.« -- Er zog mich bei diesen
Worten tiefer in das Gebüsch hinein, während das Fräulein mit der von
der schönen gnädigen Frau weggelegten Reitgerte in der Luft focht und
alle ihre Locken tief in das Gesichtchen schüttelte, durch die ich aber
doch sehen konnte, daß sie bis an die Stirn rot wurde. -- »Nun denn,«
sagte Herr Leonhard, »Fräulein Flora, die hier soeben tun will, als
hörte und wüßte sie von der ganzen Geschichte nichts, hatte in aller
Geschwindigkeit ihr Herzchen mit jemand vertauscht. Darüber kommt ein
andrer und bringt ihr mit Prologen, Trompeten und Pauken wiederum =sein=
Herz dar und will ihr Herz dagegen. Ihr Herz ist aber schon bei jemand
und jemands Herz bei ihr, und der Jemand will sein Herz nicht wieder
haben und ihr Herz nicht wieder zurückgeben. Alle Welt schreit -- aber
du hast wohl noch keinen Roman gelesen?« -- Ich verneinte es. -- »Nun,
so hast du doch einen mitgespielt. Kurz: das war eine solche Konfusion
mit den Herzen, daß der Jemand -- das heißt ich -- mich zuletzt selbst
ins Mittel legen mußte. Ich schwang mich bei lauer Sommernacht auf mein
Roß, hob das Fräulein als Maler Guido auf das andere, und so ging es
fort nach Süden, um sie in einem meiner einsamen Schlösser in Italien zu
verbergen, bis das Geschrei wegen der Herzen vorüber wäre. Unterwegs
aber kam man uns auf die Spur, und von dem Balkon des welschen
Wirtshauses, vor dem du so vortrefflich Wache schliefst, erblickte Flora
plötzlich unsere Verfolger.« -- »Also der bucklige Signor?« -- »War ein
Spion. Wir zogen uns daher heimlich in die Wälder und ließen dich auf
dem vorbestellten Postkurse allein fortfahren. Das täuschte unsere
Verfolger und zum Überfluß auch noch meine Leute auf dem Bergschlosse,
welche die verkleidete Flora stündlich erwarteten und mit mehr
Diensteifer als Scharfsinn dich für das Fräulein hielten. Selbst hier
auf dem Schlosse glaubte man, daß Flora auf dem Felsen wohne, man
erkundigte sich, man schrieb an sie -- hast du nicht ein Briefchen
erhalten?« -- Bei diesen Worten fuhr ich blitzschnell mit dem Zettel aus
der Tasche. -- »Also dieser Brief?« -- »Ist an mich«, sagte Fräulein
Flora, die bisher auf unsere Rede gar nicht acht zu geben schien, riß
mir den Zettel rasch aus der Hand, überlas ihn und steckte ihn dann in
den Busen. -- »Und nun,« sagte Herr Leonhard, »müssen wir schnell in das
Schloß, da wartet schon alles auf uns. Also zum Schluß, wie sichs von
selbst versteht und einem wohlerzogenen Romane gebührt: Entdeckung,
Reue, Versöhnung, wir sind alle wieder lustig beisammen, und übermorgen
ist Hochzeit!«
Da er noch so sprach, erhob sich plötzlich in dem Gebüsch ein rasender
Spektakel von Pauken und Trompeten, Hörnern und Posaunen; Böller wurden
dazwischen gelöst und Vivat gerufen, die kleinen Mädchen tanzten von
neuem, und aus allen Sträuchern kam ein Kopf über dem andern hervor, als
wenn sie aus der Erde wüchsen. Ich sprang in dem Geschwirre und
Geschleife ellenhoch von einer Seite zur andern, da es aber schon dunkel
wurde, erkannte ich erst nach und nach alle die alten Gesichter wieder.
Der alte Gärtner schlug die Pauken, die Prager Studenten in ihren
Mänteln musizierten mitten darunter, neben ihnen fingerte der Portier
wie toll auf seinem Fagott. Wie ich den so unverhofft erblickte, lief
ich sogleich auf ihn zu und embrassierte ihn heftig. Darüber kam er ganz
aus dem Konzept. »Nun wahrhaftig, und wenn der bis ans Ende der Welt
reist, er ist und bleibt ein Narr!« rief er den Studenten zu und blies
ganz wütend weiter.
Unterdes war die schöne gnädige Frau vor dem Rumor heimlich entsprungen
und flog wie ein aufgescheuchtes Reh über den Rasen tiefer in den Garten
hinein. Ich sah es noch zur rechten Zeit und lief ihr eiligst nach. Die
Musikanten merkten in ihrem Eifer nichts davon, sie meinten nachher: wir
wären schon nach dem Schlosse aufgebrochen, und die ganze Bande setzte
sich nun mit Musik und großem Getümmel gleichfalls dorthin auf den
Marsch.
Wir aber waren fast zu gleicher Zeit in einem Sommerhause angekommen,
das am Abhange des Gartens stand, mit dem offenen Fenster nach dem
weiten, tiefen Tale zu. Die Sonne war schon lange untergegangen hinter
den Bergen, es schimmerte nur noch wie ein rötlicher Duft über dem
warmen, verschallenden Abend, aus dem die Donau immer vernehmlicher
heraufrauschte, je stiller es ringsum wurde. Ich sah unverwandt die
schöne Gräfin an, die ganz erhitzt vom Laufen dicht vor mir stand, so
daß ich ordentlich hören konnte, wie ihr das Herz schlug. Ich wußte nun
aber gar nicht, was ich sprechen sollte vor Respekt, da ich auf einmal
so allein mit ihr war. Endlich faßte ich ein Herz, nahm ihr kleines,
weißes Händchen -- da zog sie mich schnell an sich und fiel mir um den
Hals, und ich umschlang sie fest mit beiden Armen.
Sie machte sich aber geschwind wieder los und legte sich ganz verwirrt
in das Fenster, um ihre glühenden Wangen in der Abendluft abzukühlen. --
»Ach,« rief ich, »mir ist mein Herz recht zum Zerspringen, aber ich kann
mir noch alles nicht recht denken, es ist mir alles noch wie ein Traum!«
-- »Mir auch,« sagte die schöne gnädige Frau. »Als ich vergangenen
Sommer,« setzte sie nach einer Weile hinzu, »mit der Gräfin aus Rom kam
und wir das Fräulein Flora gefunden hatten und mit zurückbrachten, von
dir aber dort und hier nichts hörte -- da dacht ich nicht, daß alles so
noch kommen würde! Erst heut zu Mittag sprengte der Jockei, der gute,
flinke Bursch, atemlos auf den Hof und brachte die Nachricht, daß du mit
dem Postschiffe kämst.« -- Dann lachte sie still in sich hinein. »Weißt
du noch,« sagte sie, »wie du mich damals auf dem Balkon zum letztenmal
sahst? Das war gerade wie heute, auch so ein stiller Abend und Musik im
Garten.« -- »Wer ist denn eigentlich gestorben?« fragte ich hastig. --
»Wer denn?« sagte die schöne Frau und sah mich erstaunt an. »Der Herr
Gemahl von Ew. Gnaden,« erwiderte ich, »der damals mit auf dem Balkon
stand.« -- Sie wurde ganz rot. »Was hast du auch für Seltsamkeiten im
Kopfe!« rief sie aus, »das war ja der Sohn von der Gräfin, der eben von
Reisen zurückkam, und es traf gerade auch mein Geburtstag, da führte er
mich mit auf den Balkon hinaus, damit ich auch ein Vivat bekäme. -- Aber
deshalb bist du wohl damals von hier fortgelaufen?« -- »Ach Gott,
freilich!« rief ich aus und schlug mich mit der Hand vor die Stirn. Sie
aber schüttelte mit dem Köpfchen und lachte recht herzlich.
Mir war so wohl, wie sie so fröhlich und vertraulich neben mir
plauderte, ich hätte bis zum Morgen zuhören mögen. Ich war so recht
seelenvergnügt und langte eine Handvoll Knackmandeln aus der Tasche, die
ich noch aus Italien mitgebracht hatte. Sie nahm auch davon, und wir
knackten nun und sahen zufrieden in die stille Gegend hinaus. -- »Siehst
du,« sagte sie nach einem Weilchen wieder, »das weiße Schlößchen, das da
drüben im Mondschein glänzt, das hat uns der Graf geschenkt, samt dem
Garten und den Weinbergen, da werden wir wohnen. Er wußt es schon lange,
daß wir einander gut sind, und ist dir sehr gewogen, denn hätt er dich
nicht mitgehabt, als er das Fräulein aus der Pensionsanstalt entführte,
so wären sie beide erwischt worden, ehe sie sich vorher noch mit der
Gräfin versöhnten, und alles wäre anders gekommen.« -- »Mein Gott,
schönste, gnädigste Gräfin,« rief ich aus, »ich weiß gar nicht mehr, wo
mir der Kopf steht vor lauter unverhofften Neuigkeiten; also der Herr
Leonhard?« -- »Ja, ja,« fiel sie mir in die Rede, »so nannte er sich in
Italien; dem gehören die Herrschaften da drüben, und er heiratet nun
unserer Gräfin Tochter, die schöne Flora. -- Aber was nennst du mich
denn Gräfin?« -- Ich sah sie groß an. -- »Ich bin ja gar keine Gräfin,«
fuhr sie fort, »unsere gnädige Gräfin hat mich nur zu sich aufs Schloß
genommen, da mich mein Onkel, der Portier, als kleines Kind und arme
Waise mit hierherbrachte.«
Nun wars mir doch nicht anders, als wenn mir ein Stein vom Herzen fiele!
»Gott segne den Portier,« versetzte ich ganz entzückt, »daß er unser
Onkel ist! Ich habe immer große Stücke auf ihn gehalten.« -- »Er meint
es auch gut mir dir,« erwiderte sie, »wenn du dich nur etwas vornehmer
hieltest, sagt er immer. Du mußt dich jetzt auch eleganter kleiden.« --
»O,« rief ich voller Freuden, »englischen Frack, Strohhut und Pumphosen
und Sporen! und gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien,
nach Rom, da gehn die schönen Wasserkünste, und nehmen die Prager
Studenten mit und den Portier!« -- Sie lächelte still und sah mich recht
vergnügt und freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik
herüber, und Leuchtkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über
die Gärten, und die Donau rauschte dazwischen herauf -- und es war
alles, alles gut!