»Die treuen Berg' stehn auf der Wacht:
Wer streicht bei stiller Morgenzeit
Da aus der Fremde durch die Heid?
Ich aber mir die Berg' betracht
Und lach in mich vor großer Lust
Und rufe recht aus frischer Brust
Parol und Feldgeschrei sogleich:
Vivat Östreich!
Da kennt mich erst die ganze Rund,
Nun grüßen Bach und Vöglein zart
Und Wälder rings nach Landesart,
Die Donau blitzt aus tiefem Grund,
Der Stephansturm auch ganz von fern
Guckt übern Berg und säh mich gern,
Und ist ers nicht, so kommt er doch gleich,
Vivat Östreich!«
Ich stand auf einem hohen Berge, wo man zum erstenmal nach Östreich
hineinsehen kann, und schwenkte voller Freude noch mit dem Hute und sang
die letzte Strophe, da fiel auf einmal hinter mir im Walde eine
prächtige Musik von Blasinstrumenten mit ein. Ich dreh mich schnell um
und erblicke drei junge Gesellen in langen blauen Mänteln, davon bläst
der eine Oboe, der andere die Klarinette und der dritte, der einen alten
Dreistutzer auf dem Kopfe hatte, das Waldhorn -- die akkompagnierten
mich plötzlich, daß der ganze Wald erschallte. Ich, nicht zu faul, ziehe
meine Geige hervor und spiele und singe sogleich frisch mit. Da sah
einer den andern bedenklich an, der Waldhornist ließ dann zuerst seine
Bausbacken wieder einfallen und setzte sein Waldhorn ab, bis am Ende
alle stille wurden und mich anschauten. Ich hielt verwundert ein und sah
sie auch an. -- »Wir meinten,« sagte endlich der Waldhornist, »weil der
Herr so einen langen Frack hat, der Herr wäre ein reisender Engländer,
der hier zu Fuß die schöne Natur bewundert; da wollten wir uns ein
Viatikum verdienen. Aber mir scheint, der Herr ist selber ein Musikant.«
-- »Eigentlich ein Einnehmer,« versetzte ich, »und komme direkt von Rom
her, da ich aber seit geraumer Zeit nichts mehr eingenommen, so habe ich
mich unterwegs mit der Violine durchgeschlagen.« -- »Bringt nicht viel
heutzutage!« sagte der Waldhornist, der unterdes wieder an den Wald
zurückgetreten war und mit seinem Dreistutzer ein kleines Feuer
anfachte, das sie dort angezündet hatten. »Da gehn die blasenden
Instrumente schon besser,« fuhr er fort; »wenn so eine Herrschaft ganz
ruhig zu Mittag speist, und wir treten unverhofft in das gewölbte
Vorhaus und fangen alle drei aus Leibeskräften zu blasen an -- gleich
kommt ein Bedienter herausgesprungen mit Geld oder Essen, damit sie nur
den Lärm wieder los werden. Aber will der Herr nicht eine Kollation mit
uns einnehmen?«
Das Feuer loderte nun recht lustig im Walde, der Morgen war frisch, wir
setzten uns alle ringsumher auf den Rasen, und zwei von den Musikanten
nahmen ein Töpfchen, worin Kaffee und auch schon Milch war, vom Feuer,
holten Brot aus ihren Manteltaschen hervor und tunkten und tranken
abwechselnd aus dem Topfe, und es schmeckte ihnen so gut, daß es
ordentlich eine Lust war anzusehen. -- Der Waldhornist aber sagte: »Ich
kann das schwarze Gesöff nicht vertragen«, und reichte mir dabei die
eine Hälfte von einer großen, übereinandergelegten Butterschnitte, dann
brachte er eine Flasche Wein zum Vorschein. »Will der Herr nicht auch
einen Schluck?« -- Ich tat einen tüchtigen Zug, mußte aber schnell
wieder absetzen und das ganze Gesicht verziehn, denn es schmeckte wie
Dreimännerwein. »Hiesiges Gewächs,« sagte der Waldhornist, »aber der
Herr hat sich in Italien den deutschen Geschmack verdorben.«
Darauf kramte er eifrig in seinem Schubsack und zog endlich unter
allerlei Plunder eine alte zerfetzte Landkarte hervor, worauf noch der
Kaiser in vollem Ornate zu sehen war, den Zepter in der rechten, den
Reichsapfel in der linken Hand. Er breitete sie auf dem Boden behutsam
auseinander, die andern rückten näher heran, und sie beratschlagten nun
zusammen, was sie für eine Marschroute nehmen sollten.
»Die Vakanz geht bald zu Ende,« sagte der eine, »wir müssen uns gleich
von Linz links abwenden, so kommen wir noch bei guter Zeit nach Prag.«
-- »Nun wahrhaftig!« rief der Waldhornist, »wem willst du da was
vorpfeifen? Nichts als Wälder und Kohlenbauern, kein geläuterter
Kunstgeschmack, keine vernünftige freie Station!« -- »O Narrenspossen!«
erwiderte der andere, »die Bauern sind mir gerade die liebsten, die
wissen am besten, wo einen der Schuh drückt, und nehmens nicht so genau,
wenn man manchmal eine falsche Note bläst.« -- »Das macht, du hast kein
_point d'honneur_,« versetzte der Waldhornist, »_odi profanum vulgus et
arceo_, sagt der Lateiner.« -- »Nun, Kirchen aber muß es auf der Tour
doch geben,« meinte der dritte, »so kehren wir bei den Herren Pfarrern
ein.« -- »Gehorsamster Diener!« sagte der Waldhornist, »die geben
kleines Geld und große Sermone, daß wir nicht so unnütz in der Welt
herumschweifen, sondern uns besser auf die Wissenschaften applizieren
sollen, besonders wenn sie in mir den künftigen Herrn Konfrater wittern.
Nein, nein, _Clericus clericum non decimat_. Aber was gibt es denn da
überhaupt für große Not? Die Herren Professoren sitzen auch noch im
Karlsbade und halten selbst den Tag nicht so genau ein.« -- »Ja,
_distinguendum est inter et inter_,« erwiderte der andere, »_quod licet
Jovi, non licet bovi!_«
Ich aber merkte nun, daß es Prager Studenten waren, und bekam einen
ordentlichen Respekt vor ihnen, besonders da ihnen das Latein nur so wie
Wasser von dem Munde floß. -- »Ist der Herr auch ein Studierter?« fragte
mich darauf der Waldhornist. Ich erwiderte bescheiden, daß ich immer
besondere Lust zum Studieren, aber kein Geld gehabt hätte. -- »Das tut
gar nichts,« rief der Waldhornist, »wir haben auch weder Geld noch
reiche Freundschaft. Aber ein gescheuter Kopf muß sich zu helfen wissen.
_Aurora musis amica_, das heißt zu deutsch: mit vielem Frühstücken
sollst du dir nicht die Zeit verderben. Aber wenn dann die
Mittagsglocken von Turm zu Turm und von Berg zu Berg über die Stadt
gehen und nun die Schüler auf einmal mit großem Geschrei aus dem alten
finstern Kollegium herausbrechen und im Sonnenschein durch die Gassen
schwärmen -- da begeben wir uns bei den Kapuzinern zum Pater
Küchenmeister und finden unsern gedeckten Tisch, und ist er auch nicht
gedeckt, so steht doch für jeden ein voller Topf darauf, da fragen wir
nicht viel darnach und essen und perfektionieren uns dabei noch im
Lateinischsprechen. Sieht der Herr, so studieren wir von einem Tage zum
andern fort. Und wenn dann endlich die Vakanz kommt, und die andern
fahren und reiten zu ihren Eltern fort, da wandern wir mit unsern
Instrumenten unterm Mantel durch die Gassen zum Tore hinaus, und die
ganze Welt steht uns offen.«
Ich weiß nicht -- wie er so erzählte -- ging es mir recht durchs Herz,
daß so gelehrte Leute so ganz verlassen sein sollten auf der Welt. Ich
dachte dabei an mich, wie es mir eigentlich selber nicht anders ginge,
und die Tränen traten mir in die Augen. -- Der Waldhornist sah mich groß
an. »Das tut gar nichts,« fuhr er wieder weiter fort, »ich möchte gar
nicht so reisen: Pferde und Kaffee und frisch überzogene Betten, und
Nachtmützen und Stiefelknecht vorausbestellt. Das ist just das Schönste,
wenn wir so frühmorgens heraustreten und die Zugvögel hoch über uns
fortziehen, daß wir gar nicht wissen, welcher Schornstein heut für uns
raucht, und gar nicht voraussehen, was uns bis zum Abend noch für ein
besonderes Glück begegnen kann.« -- »Ja,« sagte der andere, »und wo wir
hinkommen und unsere Instrumente herausziehen, wird alles fröhlich, und
wenn wir dann zur Mittagsstunde auf dem Lande in ein Herrschaftshaus
treten und im Hausflure blasen, da tanzen die Mägde miteinander vor der
Haustür, und die Herrschaft läßt die Saaltür etwas aufmachen, damit sie
die Musik drin besser hören, und durch die Lücke kommt das
Tellergeklapper und der Bratenduft in den freudenreichen Schall
herausgezogen, und die Fräuleins an der Tafel verdrehen sich fast die
Hälse, um die Musikanten draußen zu sehen.« -- »Wahrhaftig,« rief der
Waldhornist mit leuchtenden Augen aus, »laßt die andern nur ihre
Kompendien repetieren, =wir= studieren unterdes in dem großen
Bilderbuche, das der liebe Gott uns draußen aufgeschlagen hat! Ja, glaub
nur der Herr, aus uns werden gerade die rechten Kerls, die den Bauern
dann was zu erzählen wissen und mit der Faust auf die Kanzel schlagen,
daß den Knollfinken unten vor Erbauung und Zerknirschung das Herz im
Leibe bersten möchte.«
Wie sie so sprachen, wurde mir so lustig in meinem Sinn, daß ich gleich
auch hätte mit studieren mögen. Ich konnte mich gar nicht satt hören,
denn ich unterhalte mich gern mit studierten Leuten, wo man etwas
profitieren kann. Aber es konnte gar nicht zu einem recht vernünftigen
Diskurse kommen. Denn dem einen Studenten war vorhin angst geworden,
weil die Vakanz so bald zu Ende gehen sollte. Er hatte daher hurtig sein
Klarinett zusammengesetzt, ein Notenblatt vor sich auf das aufgestemmte
Knie hingelegt und exerzierte sich eine schwierige Passage aus einer
Messe ein, die er mitblasen sollte, wenn sie nach Prag zurückkamen. Da
saß er nun und fingerte und pfiff dazwischen manchmal so falsch, daß es
einem durch Mark und Bein ging und man oft sein eigenes Wort nicht
verstehen konnte.
Auf einmal schrie der Waldhornist mit seiner Baßstimme: »Topp, da hab
ich es«, er schlug dabei fröhlich auf die Landkarte neben ihm. Der
andere ließ auf einen Augenblick von seinem fleißigen Blasen ab und sah
ihn verwundert an. »Hört,« sagte der Waldhornist, »nicht weit von Wien
ist ein Schloß, auf dem Schlosse ist ein Portier, und der Portier ist
mein Vetter! Teuerste Kondiszipels, da müssen wir hin, machen dem Herrn
Vetter unser Kompliment, und er wird dann schon dafür sorgen, wie er uns
wieder weiter fortbringt!« -- Als ich das hörte, fuhr ich geschwind auf.
»Bläst er nicht auf dem Fagott?« rief ich, »und ist von langer, gerader
Beschaffenheit und hat eine große vornehme Nase?« -- Der Waldhornist
nickte mit dem Kopfe. Ich aber embrassierte ihn vor Freuden, daß ihm der
Dreistutzer vom Kopfe fiel, und wir beschlossen nun sogleich, alle
miteinander im Postschiffe auf der Donau nach dem Schloß der schönen
Gräfin hinunterzufahren.
Als wir an das Ufer kamen, war schon alles zur Abfahrt bereit. Der dicke
Gastwirt, bei dem das Schiff über Nacht angelegt hatte, stand breit und
behaglich in seiner Haustür, die er ganz ausfüllte, und ließ zum
Abschied allerlei Witze und Redensarten erschallen, während in jedem
Fenster ein Mädchenkopf herausfuhr und den Schiffern noch freundlich
zunickte, die soeben die letzten Pakete nach dem Schiffe schafften. Ein
ältlicher Herr mit einem grauen Überrock und schwarzem Halstuch, der
auch mitfahren wollte, stand am Ufer und sprach sehr eifrig mit einem
jungen, schlanken Bürschchen, das mit langen, ledernen Beinkleidern und
knapper, scharlachroter Jacke vor ihm auf einem prächtigen Engländer
saß. Es schien mir zu meiner großen Verwunderung, als wenn sie beide
zuweilen nach mir hinblickten und von mir sprächen. -- Zuletzt lachte
der alte Herr, das schlanke Bürschchen schnalzte mit der Reitgerte und
sprengte, mit den Lerchen über ihm um die Wette, durch die Morgenluft in
die blitzende Landschaft hinein.
Unterdes hatten die Studenten und ich unsere Kasse zusammengeschossen.
Der Schiffer lachte und schüttelte den Kopf, als ihm der Waldhornist
damit unser Fährgeld in lauter Kupferstücken aufzählte, die wir mit
großer Not aus allen unsern Taschen zusammengebracht hatten. Ich aber
jauchzte laut auf, als ich auf einmal wieder die Donau so recht vor mir
sah: wir sprangen geschwind auf das Schiff hinauf, der Schiffer gab das
Zeichen, und so flogen wir nun im schönsten Morgenglanze zwischen den
Bergen und Wiesen hinunter.
Da schlugen die Vögel im Walde, und von beiden Seiten klangen die
Morgenglocken von fern aus den Dörfern, hoch in der Luft hörte man
manchmal die Lerchen dazwischen. Von dem Schiffe aber jubilierte und
schmetterte ein Kanarienvogel mit darein, daß es eine rechte Lust war.
Der gehörte einem hübschen jungen Mädchen, die auch mit auf dem Schiffe
war. Sie hatte den Käfig dicht neben sich stehen, von der andern Seite
hielt sie ein feines Bündel Wäsche unterm Arm, so saß sie ganz still für
sich und sah recht zufrieden bald auf ihre neuen Reiseschuhe, die unter
dem Röckchen hervorkamen, bald wieder in das Wasser vor sich hinunter,
und die Morgensonne glänzte ihr dabei auf der weißen Stirn, über der sie
die Haare sehr sauber gescheitelt hatte. Ich merkte wohl, daß die
Studenten gern einen höflichen Diskurs mit ihr angesponnen hätten, denn
sie gingen immer an ihr vorüber, und der Waldhornist räusperte sich
dabei und rückte bald an seiner Halsbinde, bald an dem Dreistutzer. Aber
sie hatten keine rechte Courage, und das Mädchen schlug auch jedesmal
die Augen nieder, sobald sie ihr näher kamen.
Besonders aber genierten sie sich vor dem ältlichen Herrn mit dem grauen
Überrocke, der nun auf der andern Seite des Schiffes saß und den sie
gleich für einen Geistlichen hielten. Er hatte ein Brevier vor sich, in
welchem er las, dazwischen aber oft in die schöne Gegend von dem Buche
aufsah, dessen Goldschnitt und die vielen dareingelegten bunten
Heiligenbilder prächtig im Morgenschein blitzten. Dabei bemerkte er auch
sehr gut, was auf dem Schiffe vorging, und erkannte bald die Vögel an
ihren Federn; denn es dauerte nicht lange, so redete er einen von den
Studenten lateinisch an, worauf alle drei herantraten, die Hüte vor ihm
abnahmen und ihm wieder lateinisch antworteten.
Ich aber hatte mich unterdes ganz vorn auf die Spitze des Schiffes
gesetzt, ließ vergnügt meine Beine über dem Wasser herunterbaumeln und
blickte, während das Schiff so fortflog und die Wellen unter mir
rauschten und schäumten, immerfort in die blaue Ferne, wie da ein Turm
und ein Schloß nach dem andern aus dem Ufergrün hervorkam, wuchs und
wuchs und endlich hinter uns wieder verschwand. Wenn ich nur =heute=
Flügel hätte! dachte ich und zog endlich vor Ungeduld meine liebe
Violine hervor und spielte alle meine ältesten Stücke durch, die ich
noch zu Hause und auf dem Schloß der schönen Frau gelernt hatte.
Auf einmal klopfte mir jemand von hinten auf die Achsel. Es war der
geistliche Herr, der unterdes sein Buch weggelegt und mir schon ein
Weilchen zugehört hatte. »Ei,« sagte er lachend zu mir, »ei, ei, Herr
ludi magister, Essen und Trinken vergißt er.« Er hieß mich darauf meine
Geige einstecken, um einen Imbiß mit ihm einzunehmen, und führte mich zu
einer kleinen lustigen Laube, die von den Schiffern aus jungen Birken
und Tannenbäumchen in der Mitte des Schiffes aufgerichtet worden war.
Dort hatte er einen Tisch hinstellen lassen, und ich, die Studenten und
selbst das junge Mädchen, wir mußten uns auf die Fässer und Pakete
ringsherum setzen.
Der geistliche Herr packte nun einen großen Braten und Butterschnitten
aus, die sorgfältig in Papier gewickelt waren, zog auch aus einem
Futteral mehrere Weinflaschen und einen silbernen, innerlich vergoldeten
Becher hervor, schenkte ein, kostete erst, roch daran und prüfte wieder
und reichte dann einem jeden von uns. Die Studenten saßen kerzengerade
auf ihren Fässern und aßen und tranken nur sehr wenig vor großer
Devotion. Auch das Mädchen tauchte bloß das Schnäbelchen in den Becher
und blickte dabei schüchtern bald auf mich, bald auf die Studenten, aber
je öfter sie uns ansah, je dreister wurde sie nach und nach.
Sie erzählte endlich dem geistlichen Herrn, daß sie nun zum erstenmal
von Hause in Kondition komme und soeben auf das Schloß ihrer neuen
Herrschaft reise. Ich wurde über und über rot, denn sie nannte dabei das
Schloß der schönen gnädigen Frau. -- Also das soll meine zukünftige
Kammerjungfer sein! dachte ich und sah sie groß an, und mir schwindelte
fast dabei. -- »Auf dem Schlosse wird es bald eine große Hochzeit
geben,« sagte darauf der geistliche Herr. »Ja,« erwiderte das Mädchen,
die gern von der Geschichte mehr gewußt hätte; »man sagt, es wäre schon
eine alte, heimliche Liebschaft gewesen, die Gräfin hätte es aber
niemals zugeben wollen.« Der Geistliche antwortete nur mit Hm, hm,
während er seinen Jagdbecher vollschenkte und mit bedenklichen Mienen
daraus nippte. Ich aber hatte mich mit beiden Armen weit über den Tisch
vorgelegt, um die Unterredung recht genau anzuhören. Der geistliche Herr
bemerkte es. »Ich kanns Euch wohl sagen,« hub er wieder an, »die beiden
Gräfinnen haben mich auf Kundschaft ausgeschickt, ob der Bräutigam schon
vielleicht hier in der Gegend sei. Eine Dame aus Rom hat geschrieben,
daß er schon lange von dort fort sei.« -- Wie er von der Dame aus Rom
anfing, wurd ich wieder rot. »Kennen denn Ew. Hochwürden den Bräutigam?«
fragte ich ganz verwirrt. -- »Nein,« erwiderte der alte Herr, »aber er
soll ein lustiger Vogel sein.« -- »O ja,« sagte ich hastig, »ein Vogel,
der aus jedem Käfig ausreißt, sobald er nur kann, und lustig singt, wenn
er wieder in der Freiheit ist.« -- »Und sich in der Fremde herumtreibt,«
fuhr der Herr gelassen fort, »in der Nacht gassatim geht und am Tage vor
den Haustüren schläft.« -- Mich verdroß das sehr. »Ehrwürdiger Herr,«
rief ich ganz hitzig aus, »da hat man Euch falsch berichtet. Der
Bräutigam ist ein moralischer, schlanker, hoffnungsvoller Jüngling, der
in Italien in einem alten Schlosse auf großem Fuß gelebt hat, der mit
lauter Gräfinnen, berühmten Malern und Kammerjungfern umgegangen ist,
der sein Geld sehr wohl zu Rate zu halten weiß, wenn er nur welches
hätte, der --« »Nun, nun, ich wußte nicht, daß Ihr ihn so gut kennt«,
unterbrach mich hier der Geistliche und lachte dabei so herzlich, daß er
ganz blau im Gesichte wurde und ihm die Tränen aus den Augen rollten. --
»Ich hab doch aber gehört,« ließ sich nun das Mädchen wieder vernehmen,
»der Bräutigam wäre ein großer, überaus reicher Herr.« -- »Ach Gott, ja
doch, ja! Konfusion, nichts als Konfusion!« rief der Geistliche und
konnte sich noch immer vor Lachen nicht zugute geben, bis er sich
endlich ganz verhustete. Als er sich wieder ein wenig erholt hatte, hob
er den Becher in die Höh und rief: »Das Brautpaar soll leben!« -- Ich
wußte gar nicht, was ich von dem Geistlichen und seinem Gerede denken
sollte, ich schämte mich aber, wegen der römischen Geschichten, ihm hier
vor allen Leuten zu sagen, daß ich selber der verlorene, glückselige
Bräutigam sei.
Der Becher ging wieder fleißig in die Runde, der geistliche Herr sprach
dabei freundlich mit allen, so daß ihm bald ein jeder gut wurde und am
Ende alles fröhlich durcheinandersprach. Auch die Studenten wurden immer
redseliger und erzählten von ihren Fahrten im Gebirge, bis sie endlich
gar ihre Instrumente holten und lustig zu blasen anfingen. Die kühle
Wasserluft strich dabei durch die Zweige der Laube, die Abendsonne
vergoldete schon die Wälder und Täler, die schnell an uns vorüberflogen,
während die Ufer von den Waldhornsklängen widerhallten. -- Und als dann
der Geistliche von der Musik immer vergnügter wurde und lustige
Geschichten aus seiner Jugend erzählte: wie auch er zur Vakanz über
Berge und Täler gezogen und oft hungrig und durstig, aber immer fröhlich
gewesen, und wie eigentlich das ganze Studentenleben eine große Vakanz
sei zwischen der engen, düstern Schule und der ernsten Amtsarbeit -- da
tranken die Studenten noch einmal herum und stimmten dann frisch ein
Lied an, daß es weit in die Berge hineinschallte.
»Nach Süden sich nun lenken
Die Vöglein allzumal,
Viel Wandrer lustig schwenken
Die Hüt' im Morgenstrahl.
Das sind die Herrn Studenten,
Zum Tor hinaus es geht,
Auf ihren Instrumenten
Sie blasen zum Valet:
Ade in die Läng und Breite,
O Prag, wir ziehn in die Weite:
_Et habeat bonam pacem_,
_Qui sedet post fornacem!_
Nachts wir durchs Städtlein schweifen,
Die Fenster schimmern weit,
Am Fenster drehn und schleifen
Viel schön geputzte Leut.
Wir blasen vor den Türen
Und haben Durst genung,
Das kommt vom Musizieren,
Herr Wirt, ein'n frischen Trunk!
Und siehe, über ein kleines
Mit einer Kanne Weines
_Venit ex sua domo_ --
_Beatus ille homo!_
Nun weht schon durch die Wälder
Der kalte Boreas,
Wir streichen durch die Felder,
Von Schnee und Regen naß,
Der Mantel fliegt im Winde,
Zerrissen sind die Schuh,
Da blasen wir geschwinde
Und singen noch dazu:
_Beatus ille homo_,
_Qui sedet in sua domo_,
_Et sedet post fornacem_
_Et habet bonam pacem!_«
Ich, die Schiffer und das Mädchen, obgleich wir alle kein Latein
verstanden, stimmten jedesmal jauchzend in den letzten Vers mit ein, ich
aber jauchzte am allervergnügtesten, denn ich sah soeben von fern mein
Zollhäuschen und bald darauf auch das Schloß in der Abendsonne über die
Bäume hervorkommen.