Der Ritter Blaubart

Hinter der dünnen Birkenreihe, welche die Stadt von Norden her umsäumte,

zog eine wellige Ebene nach dem Meere zu, wenig mit niedrigen Kiefern und

Strauchwerk besetzt. Kein einziger Weg führte aus dem Durchbruch der

Stadtmauer nach dem Strand, der kaum zwei Stunden entfernt ist; eine

Kleinbahn fuhr in weitem Bogen um die Einöde herum an das Wasser. In vielen

Senkungen der Ebene stand der Sumpf, schwarz und steif wie Leim; Ratten und

Kröten hausten hier; öfter stieß ein Häher durch die dicke Luft und schlug

ein Weichtier an.

Wo sich die Hügelreihe am stärksten erhob, ragten quadratische und

unförmige Steinblöcke scharf auf, Reste verwitterter Klippen. Das Meer

hatte sich früher über das Land gestreckt; jetzt lag die Ebene verstört und

frostig da; Meer und Erde wandten sich von ihr ab.

Diese Fläche war vor langen Jahren auf eine sonderbare Weise in den Besitz

eines Barons Paolo di Selvi gekommen. Er war von einer Weltreise durch den

Sund in diese See gesteuert, um in der Stadt den Vater seines ersten

Bootsmannes zu besuchen, der unter dem Äquator dem Schwarzwasserfieber

erlegen war. Er stieg ans Land, sprühend von Laune, träumerisch,

eroberungssicher. Breitschulterig ging er mit den leicht gebogenen Beinen

des Reiters über die Anlegebretter. Der Wind pfiff scharf an dem Morgen,

und warf ihm die schiefsitzende Kapitänsmütze mit einem glatten Schlag ins

Wasser, so daß er barhäuptig und lachend unter seinen Leuten stand, die das

böse Omen entsetzte. Seine Augen waren etwas schräg gestellt, dicht an der

Nase, die klein und stumpf war und mit ihrer Wurzel tief einsetzte. Die

klaren hellgrauen Augen stimmten schlecht zu dem Munde von mädchenhafter

Weiche, zu der Sanftheit seiner Stimme. Er ritt auf einem schwarzen Hengst

hinter einem Maultiergespann den weiten Umweg nach der Stadt; zwei Truhen

schleppte man zu dem alten Manne, den er suchte, eine mit Andenken und

allem Nachlaß des Bootsmannes, die andere mit japanischer Seide, indischen

Perlen und Juwelen, mit sibirischem Pelzwerk. Kaum zwei Stunden blieb er in

der Stadt, dann trabte er pfeifend und lachend allein zurück, unbekannt der

Gegend, den kurzen Weg durch die Ebene. Es ist nichts bekannt über die

Geschehnisse in der Ebene an dem Mittag. Der Baron muß schon am Eingang des

Gebietes vom Pferd abgesessen sein und sich allein durch den Sand und

Morast gemacht haben. Beim nächsten Morgengrauen fand man den Vermißten

besinnungslos auf der Klippe liegen, lang auf den Rücken ausgestreckt, über

und über mit Tang und Lehm bedeckt, das Gesicht eigentümlich geschwollen,

glühend, mit Bläschen, wie verbrannt, auch an der rechten Hand und dem

Vorderarm löste sich die Haut in Fetzen ab. Man lagerte den ohnmächtigen

Mann auf eine Bahre, trug ihn schräg über das Brachland auf die nächste

Chaussee, wo man einen Heuwagen requirierte und in die Stadt fuhr. Die

Wundflächen heilten in einer Woche. Der Baron wußte nicht, was ihm

geschehen war. Nur die Krankenschwestern berichteten, daß seine Augen gegen

Abend einen leidenden entsetzten Ausdruck annähmen, daß er den rechten Arm

zur Abwehr in die Höhe hebe und trostlos wimmere. Als er völlig genesen

war, schenkte er die Yacht seinem ersten Steuermann, entließ seine Leute

und zog in die Stadt.

Zuerst bewohnte er ein Haus im Süden der Stadt, ganz im Freien liegend;

viele Singvögel umgaben ihn; er pflog mit keinem Menschen Verkehr. Nach

einigen Monaten zog er an die Stadtmauer in eine ganz alte Wohnung, die

einen weiten Blick auf die dunstige Heide gewährte. Auf der Stadtmauer

spazierte und saß der völlig veränderte unzugängliche Mann oder ritt die

Chaussee langsam nach dem Meere zu. Bis er nach fast Jahresfrist

frühmorgens durch die Straßen der Stadt ging, auf dem Marktplatz nach einem

Baumeister fragte und diesen mit kurzen Worten beauftragte, ihm in der

Heide auf der höchsten Anhöhe um die Klippe herum ein Wohnhaus zu bauen.

Der Baumeister brauche sich nicht zu beeilen, sagte er, indem er die Arme

verschränkte; es solle ein Schloß werden, heimlich und weitläufig, mit

vielem festlichen Schmuck; denn er wolle in sechs Monaten seine Gemahlin

heimführen.

So zogen die Wegebauer in die Heide, stampften von der Chaussee einen

sicheren Nebenweg nach der Klippe. Die Maurer fuhren lärmend an; sie

planten den Hügel ab, gruben die Pfeiler ein und umbauten den Felsen, der

sich bis zum ersten Stock des Hauses erhob und frei in die Zimmer ragte, --

ein weites gedehntes Gebäude aus grauem Kalkstein, mit bunten

Kirchenfenstern, zierlichen Türmen. Mitten in der Einöde erhob sich das

Schloß, ein Gelächter der Bauleute, ein Kopfschütteln der Städter.

Knapp einen Monat, nachdem die Wände, Zimmer mit Kostbarkeiten erfüllt

waren, führte der Baron eine fremde, junge Frau in sein Schloß. Sie

erschien einmal im Theater der Stadt, die Portugiesin, ein braunes

kindliches Wesen, das nicht vom Arme des Mannes wich; der lachte wieder wie

früher und bezauberte alle. Sie tanzten an dem Abend im Bürgersaal. Der

Baron spitzte seinen Mund und pfiff im Tanz; er strich den braunen Vollbart

und zeigte spottend die Brandnarben auf seiner rechten Hand. Das zweite

Mal, daß man von der Portugiesin hörte, war eine Woche später, als ein

reitender Bote nachts vom Schloß herjagte, dem Arzt die Türe einschlug, ihn

nach der Heide schleppte an die Leiche der jungen Frau. Sie lag mit

blaurotem Gesicht im Nachtkleide auf dem dunklen Korridor vor ihrem Zimmer.

Neben ihr brannte noch die Kerze, mit der sie wohl aus der Tür gestürzt

war. Der Baron folgte dem Arzt mit starren Augen; keine Frage beantwortete

er, keine Miene verzog er. Aus den Worten einer schluchzenden Zofe hörte

der Arzt von dem alten Herzleiden der fremden Frau; er knöpfte seinen Pelz

zu; sie war einer Lungenembolie erlegen.

Nach drei Wochen erschien der Baron wieder in der Stadt; man lud ihn zu den

Gesellschaften ein. Oft und öfter ritt er in die Stadt, er fuhr zur Jagd,

beteiligte sich an Kampfspielen und Rennen, saß abends beim Wein und

erzählte von seinen Fahrten und Abenteuern. Lange Zeit sah man ihn lustig,

schwärmend und träumerisch, mit den Soldaten und Seeleuten der Stadt, er

fuhr eines Märztages mit zweien von ihnen wieder in See. Es kam nach einem

halben Jahr etwa ein Brief von ihm an bei dem Verwalter seines Schlosses,

daß die Wohngemächer grün auszuschlagen und grüne Läufer zu legen seien,

und daß im Damenzimmer Orchideen gesetzt werden sollten.

Rund acht Monate nach seiner Abfahrt kehrte er zurück. Wieder führte er

eine junge fremde Frau auf sein Schloß. Diese hat kein Städter gesehen.

Eines Morgens lag sie in schwarzem Reitkleid, den Schleier vor dem stolzen

weißen Gesicht, eine Gerte in der Hand, tot auf dem Hof des Schlosses.

Im Volk, bei den Schiffern und Vorstadtarbeitern munkelte man, wenn der

finstere Baron in seinem schwarzen Ledermantel vorüberritt; die Kinder

schrieen vor ihm auf, warfen kleine Steinchen nach ihm, schossen mit dem

Katapult auf seinen Hengst.

Die Tochter eines Ratsherrn, ein schmächtiges hellblondes Mädchen, sah ihm

vom Fenster aus nach. Ihr traten Tränen in die taubengrauen Augen, wenn die

Männer ingrimmig von dem Geschick des schwarzen Ritters sprachen; sie

weinte in ihrem Zimmer um ihn und war eines Tages auf seinem Schlosse und

wurde seine Frau. Alle angstvollen Beschwörungen der Verwandten konnten

dies nicht verhindern. Scharen von tobenden Menschen wälzten sich über den

dunklen Weg nach dem Schloß, noch ehe ein Monat verstrichen war, als man

die Leiche des süßen Geschöpfes eines Abends an dem Mauerdurchbruch fand.

Die Polizei umringte das Schloß zum Schutz, der Baron wurde in Haft

genommen. Das Gericht verfügte die Exhumierung der beiden ersten Frauen,

die genaue chemische Analyse der drei Leichen auf Giftstoffe. Die

Untersuchung blieb ergebnislos. Der Baron wurde auf freien Fuß gesetzt, das

Volk streckte ohnmächtig die Hände nach ihm aus und wollte ihn zerreißen,

als er seinen Revolver in der rechten Hand, langsam, höhnisch lachend, nach

der Heide hinausritt.

Von nun an mied er die Stadt völlig. Er hauste allein in der Heide; nur

sein Reichtum hielt die Dienerschaft im Schloß zurück.

Da landete eines Tages eine kleine Yacht vor der Stadt. Ein silbernes Horn

blies über die Heide; Miß Ilsebill kutschierte ein Schimmelgespann durch

die glatte Chaussee nach der Stadt. In dem Gasthof am Markt logierte sie

sich ein. Sie fragte den Wirt nach dem Baron Paolo und seinem verrufenen

Schloß; sie fragte zum zweiten, ob jetzt noch eine Frau bei ihm wäre; sie

fragte zum dritten, wo sie ihn sehen könne. Bei den Rennen, die morgen in

Stirming, dem Vororte, stattfänden.

Frühmorgens rüstete man das Gespann; der Groom stieg auf den Bock; auf dem

Polster schaukelte Miß Ilsebill.

Die schnurgraden Alleen herunter sausten die Wagen, die Automobile; sie

lenkten in weitem Bogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel war

stahlblau, es wehte eine sommerliche Luft. Die Menschen drängten auf die

Rennbahn, sie füllten die Tribüne vor dem weiten, grünen Rasen; der Lärm

der Stimmen und Gefährte brauste, ein Riesenvogel, über die leere Fläche.

Die Miß fuhr zuletzt, kurz vor dem Start, am Sattelplatz vor. Zwei sanfte

Schimmel zogen den offenen, blauausgeschlagenen Wagen durch den

knirschenden Sand. Sie stieg aus, im blauen wallenden Samtkleide, eine

weiße Feder wehte in den bloßen Nacken; sie glitt durch die hölzerne Sperre

auf ihren Platz. Sie hatte eine gelbweiße Haut, ebenmäßige Züge. Ihre

tiefschwarzen Augen schlüpften zögernd über die Menschen und Gegenstände,

wie ein schleimiger Schneckenleib, ließ eine Spur. Sie saß lachend da und

kaute Schokolade.

Baron Paolo lehnte an der Stange; er sah mit Vergnügen die weißen Pferde

antraben, hielt seinen weichen Filzhut zum Schutz über die spähenden Augen.

Als die weiße Straußenfeder steil in dem Winde sich aufstellte, ging er die

vier Stufen der Treppe hinunter, schob sich seitlich durch die Menge und

trat vor Miß Ilsebill. Er hob die hohlen Hände wie ein Araber auf; beugte

seinen Nacken vor ihr. Sie erschrak und lachte dann. Kalvello hieß der

Favorit. Das braune schlankbeinige Tier jagte lässig hinter dem Rudel her;

schon waren zwei Runden um, die Entscheidungsstrecke kam. Miß Ilsebill ließ

das Silberpapier fallen, stützte das feste Kinn auf die Hand, jauchzte über

die gebundene Ruhe des Pferdes. Sie waren dicht am Ziel; da legte sich der

blauweiße Jockey dicht an das Ohr der Pferdes, flüsterte »Kalvello, ho,

Kalvello«. Das Tier senkte den Kopf, flog in vier Sprüngen hin, siegte. Sie

strahlte. Der Lärm der Menge rauschte über sie. Kaum das Hürdenspringen

vorüber war, stand sie auf und lud den schweigenden Mann zu einer

Spazierfahrt mit ihr ein. Während sie durch die Wälder im Süden der Stadt

fuhren, sagte er, daß er der Baron Paolo di Selvi sei, daß er durch sein

Geschick hierher verschlagen sei und drüben in der Heide wohne. Sie

erzählte, sie wäre Miß Ilsebill; er hätte auf seinem Heideschloß drei

Frauen verloren, und sie trauere über sein Geschick. Worauf er einen trüben

Blick auf sie warf, den grauen Kopf senkte; der Groom aber riß die Schimmel

herum; sie fuhren die Chaussee zurück, auf den geraden Weg zur Heide. An

der Wendung zur Schloßallee verengerte sich der Weg. Paolo nahm dem

Kutscher die Leine ab. Die Pferde sträubten sich. Er stieg aus und riß sie

vor. Unter Peitschenhieben zogen sie an, sie schnaubten und wollten

durchgehen, aber er hielt die Leine straff.

Prunkend stand in der Wüstenei das graue Schloß; über dem Dach des

Damenflügels ragte die Spitze einer weißen Klippe. Paolo saß aufrecht im

weichen Hut, eingefallen waren seine braunen Wangen und seine Schläfen,

seine schräg gestellten grauen Augen blickten leer, nur sein Mund war rund

und weich und sehnsüchtig wie immer. In der Dämmerung kamen sie vor sein

Haus. Am Portal gab er ihr zum Abschied die Hand. Miß Ilsebill stieg aber

aus und bat sich bei ihm zu Gaste auf ein paar Tage; sie wollte ihn pflegen

und mit schöner Musik erheitern. Sie bezog die Zimmer des Damenflügels.

Sie ritten morgens und mittags aus; Ilsebill sang und spielte vor ihm in

den Gemächern. Sie trug bunte und nixengrüne Gewänder; in ihren Augen war

ein weißes Schimmern, wenn sie auf den Teppichen tanzte; ihr schwarzes Haar

hatte sie in Zöpfen gebunden, die sie mit den blitzenden Zähnen festhielt.

Paolo lag stumpf auf den Polstern, rauchte und hüllte sich in Dampf, später

warf er sich auf den Teppich, sah ihr neugierig aus seinen hellen Augen zu,

hörte sie summen zu der Guitarre, in die ihre Dienerin griff. Seine Stimme

wurde heller, sein Gang rascher. Und als sie einmal auf dem Balkon standen,

brach sie in ein ungefüges Weinen aus; sie wollte wissen, was es mit ihm

sei, sie wollte ihm helfen. Er aber nahm ihre beiden gelbweißen, heißen

Hände, legte sie auf seine Stirn, indem er die Worte eines fremden Gebets

flüsterte; sie hing an seinem Hals, während er entsetzt bebte und lauter

sprach und schrie, was sie nicht verstand. Schon war er wieder still und

sanft, geleitete Miß Ilsebill in ihr Zimmer. Und am Abend schlich sie sich,

indessen der Baron im Herrenflügel schlief, allein trotzig und finster an

die Tür des verschlossenen Zimmers, in das die Klippe hineinragte. Sie

rüttelte an dem Holz, sie stemmte sich seufzend mit der Schulter an; das

Schloß hielt fest. Da nahm sie das goldene Kreuz vom Halse ab, flehte die

Mutter Gottes um Hilfe an, fand am Fuße der Tür einen Riegel bloßliegen,

schob ihn, den Finger einschlagend, in die Höhe, mit schwerer Mühe, so daß

ihr Arm schmerzte.

Lautlos sprang die Tür auf; Miß Ilsebill, die zarte, in ein schwarzes Tuch

geschlagen, hob die Kerze: es war ein schmales, freundliches Gemach, mit

zärtlichem Frauentand die Tischchen und Wände bedeckt; der rohe zackige

Felsen bildete die breite Hinterwand; er schattete sonderbar in dem

unsichern Lichte; in seiner Nische, über dem Boden, stand das grünbezogene

Nachtlager, zu dem zwei Stufen führten. Miß Ilsebill tänzelte freudig über

den dicken Teppich, warf ihr Tuch ab, sog den schwachen Blumengeruch ein,

zündete zwei Ampeln an und war in dem heimlichsten Zimmer. Die grüne

japanische Seide hing von der Decke herab, Bilder und Tapeten lächelten

ruhevoll und sanft, auch die sonderbare Klippe schimmerte wie ein

spielerischer, phantastischer Einfall. Sie legte leise die Tür an, sprang

auf das Lager, lag träumend stundenlang, schlüpfte frühmorgens wieder durch

die Korridore auf ihr Zimmer, nachdem sie das Licht gelöscht, sorgfältig

die schweren Riegel herabgeschoben hatte. »War nichts geschehen, ist mir

nichts geschehen,« sagte sie glücklich vor sich hin; glitt nun Nacht für

Nacht hinüber in das Felsenzimmer, dort zu schlafen. Des Tages aber fand

Miß Ilsebill kein Ende des Plauderns, Singens und Lockens vor dem

versunkenen Manne. Aus ihren tiefschwarzen schlüpfenden Augen schlug öfter

ein greller Blick zu ihm, und als sie einmal unter den fünf raschelnden

Schleiern vor ihm getanzt hatte und er lachend über ihre tollen Sprünge

ihre Handgelenke hielt, warf sie ihre Schönheit vor ihm hin und bettelte an

seinem Hals: »Ich bin Ihr Eigen, Paolo.« »Sind Sie das, Miß Ilsebill? Sind

Sie das? Und sein Blick war nicht grell und heiß, sondern derart

schwermutsvoll, fragend und ohne Trost, daß sie von ihm abwich, die

Schleier um sich warf und aus dem Zimmer schlich. Er umgab sie aber mit so

viel stiller Ehrfurcht, daß er die blaßwangige Ilsebill ganz in staunendes

Glück versenkte.

Auf ihren Streifzügen durch die Wälder trug der schwarze Ritter sie oft auf

den Armen und betete, manchmal in die starken Kniee sinkend, in fremder

harter Sprache. Sie hob nie die Lippen zu seinem Munde, nur selten nahm er

ihre gelbweißen Hände und preßte sie an seine Stirn. Welche Kleider trug

Ilsebill mit den feinen Knöcheln? Wieviel Zöpfe hingen aus ihrem

blauschwarzen Haar? Grüne Kleider, wie die Seide in dem Felsenzimmer trug

Miß Ilsebill; grüne Blätter lagen auf ihrem Haare und waren eingeflochten

in drei dichten Zöpfen. Miß Ilsebill und Paolo spielten und jagten

zusammen, sie saßen oft am Meere, sie träumten zu zweit. Paolos Augen

sprühten.

Eines Mittags sagte sie ihm, daß sie ihn um etwas bitten möchte. Und als

Paolo freundlich fragte, biß sie sich auf die Unterlippe und meinte, daß

sie ihm etwas sagen müsse. Ob es nicht zweckmäßig wäre, wenn sie einen Arzt

kommen ließen aus der Stadt; sie glaube, sie sei etwas krank. Paolos Lippen

wurden schneeweiß, er atmete schwer mit geschlossenen Augen: was ihr denn

fehle. Sie höre immer, fast immer ein leises Scharren. Es sei ein Geräusch,

ganz weit entfernt, ein gleichmäßiges Streifen, Rieseln und Scharren,

gleich als liefe ein Tier über Sand und bliebe immer wieder schnaufend

stehen. Es sei so fein, daß es ihr oft wie ein Pfeifen klinge. Er stand am

Fenster und blies gegen die Scheibe, fuhr mit rauher Stimme heraus, es sei

kein Arzt not bei solcher Krankheit; sie müsse sich zerstreuen; sie müsse

jagen, reisen; am besten, sie ginge fort von hier. Da lachte Miß Ilsebill

aus vollem Halse und sagte, ihre beiden Pferde seien nur schwer den Weg

hierher gelaufen und jetzt, wo fände sie Pferde, die sie zurücktragen

würden ohne ihn. Der untersetzte Mann hatte sich umgedreht, seine Stirn lag

in Falten, sein mageres Gesicht glühte, er klagte heiser: sie solle gehen,

sie solle gehen, sie solle gehen, er wolle sie doch nicht; er wolle kein

Weib und keinen Menschen und nichts; er hasse sie alle, die höhnischen,

sinnlosen Wesen; sie solle gehen, o sie solle gehen. Ein Messer wolle er

ihr gleich geben, damit solle sie sich ihre Krankheit aus dem Herzen

schälen. Wie Miß Ilsebill mit schaukelnden Hüften auf ihn zuging, kam er

auf sie gewankt, taumelnd wie ein Kind, sah sie an derart schwermutsvoll

und ohne Trost, daß sie sein Haar streichelte und in fesselloses Schluchzen

ausbrach, als er an ihrer Brust zitterte. Sie stellte keine Frage an ihn;

sie nahm heimlich einen Dolch von der Wand, versteckte ihn unter ihrem

Kleid.

Miß Ilsebill ging nun in ihrem dünnen Kleid oft allein aus, sie streifte

bis an die Stadtmauer, brachte Paolo seltene Muscheln, blaue Steine mit,

auch streng duftende Narzissen, die er liebte. Und auf einem Wege sprach

sie in der Vorstadt einen alten Bauern an, der erzählte, der Baron habe

sich mit Leib und Seele einem bösen Untier verkauft. Das läge aus Urzeiten

auf dem alten Meeresgrunde, dort auf der Heide; in der Klippe hause es und

brauche alle paar Jahre einen Menschen. Es klänge wie ein Märchen und sei

doch wahr. Wäre nicht bei den Frauen jetzt die Unzucht und Gottlosigkeit so

groß, so wäre der arme Ritter längst befreit von dem Tier. Sie hörte es mit

Glück, denn sie wußte es schon lange.

Sie spielte auf ihrem Zimmer mit Eidechsen, die sie fing. Als Paolo sie

einmal unter Lächeln klagen hörte, sie suche im Grunde nur nach dem Tier,

das so laut scharre und murre und raschelte, meinte er, nach einem langen,

schüttelnden Gelächter, er wolle einen Dichter einladen, den er kenne in

der Stadt, der solle sie mit Märchen und seltsamen Geschichten unterhalten.

Es sei ein seelenkundiger Mann.

Am nächsten Mittag spazierte über den breiten Hauptweg der Dichter auf das

Schloß; sie saßen zu dritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein, den Arzt zu

spielen bei Miß Ilsebill und ihre Schwermut zu beheben; denn es scheine ihm

eine Art Schwermut zu sein, was in ihr scharre und raschele und sie zu

verschlingen drohe. Der Dichter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer; es

war ein schlanker, junger Mann mit langen Armen und mit freien Bewegungen.

Er fuhr über sie mit herrscherischen Blicken, sie lachten zusammen, über

ihre Bilder gebückt. Er bat sie, sie möchte tanzen, als schon die Lust dazu

in der Wilden erwacht war; sie tanzten zusammen unter Ilsebills letztem

Schleier, und die Entfesselte sprang mit ihm auf den Balkon und lachte mit

einmal über das Schloß und den Sumpf und die scharrenden Tiere. Sie krümmte

sich über das Eisengitter, schrie ihr Gelächter über die dämmerige Heide

hin. Wahnsinnig, ja wahnsinnig wäre sie, eine Leiche bei lebendigem Leibe.

Mögen alle vorsintflutlichen Drachen ausbrechen und Paolos Glück morden:

sie kenne nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und das sei sie selber. Sie

streckte ihre runden Arme über sich, rief das Meer an, sie wolle wieder

fort, sie wolle reisen und wandern und wolle immer lieben und immer küssen.

Und eh die Dunkelheit einbrach, ging der Dichter fort; trällernd riß sie

ein grünes Blatt aus ihrem Haar und steckte es zwischen seine Lippen.

Kaum war es finster im Schloß geworden, da warf sich Miß Ilsebill ihr

schwarzes Tuch um, nahm noch mit glühenden Wangen eine Kerze in die Hand

und belud ihren linken Arm mit zwei Scheiten Holz: sie wollte zum Schluß

die Felsenkammer in Brand stecken und dann in Nacht und Nebel verschwinden.

Auf dem Meer wartete schon die Yacht, die der Dichter zur Flucht besorgt

hatte. Den dunklen Gang keuchte sie hin; aus dem Dunklen, ihr entgegen,

kamen Schritte. Die Scheite ließ sie über die Kniee leise zu Boden gleiten,

es war Paolo, der sie nicht fragte, ihre Kerze sachte an den Boden stellte

und sie zärtlich, ohne zu sprechen, streichelte über Haar und Hände. Die

schwarzen Augen Miß Ilsebills schlüpften nicht fort von seinen, die voll

Teilnahme blickten und einen erschreckenden Trost spendeten, schlüpften

nicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines heiteren Gesichts. Seine

schräggestellten Augen strahlten über sie gar eine Dankbarkeit, sein Mund

näherte sich zum ersten Male ihren Lippen und küßte sie. Er sagte, er ginge

noch heute in die Stadt. Sie kauerte auf dem Gang, die Kerze war erloschen,

eine unbezwingliche Angst schüttelte ihre Schultern. Sie hielt das Kreuz in

beiden Händen hoch, sie richtete sich auf, die Scheite ließ sie liegen, sie

mußte über den Gang, sie mußte nach der Tür, sie mußte in die Kammer. Hart

war ihr Gesicht, dann verzerrte es sich hilflos. Hinter dem Kreuz schleppte

sich Miß Ilsebill, weinend und sich kasteiend. Den Riegel schob sie hoch.

In der Kammer ging sie händeringend auf und ab, schlug sich die Brust,

schlummerte auf dem weichen Teppich ein.

Im Traume hörte sie ein Scharren und Krachen, ein lautes Rufen von

Männerstimmen: »Ilsebill, rette dich; rette dich, Ilsebill, Ilsebill!«

Richtete sich auf. Kam aus dem Felsen eine blasende Flamme, ein brennender

Mund her. Der Felsen sprang mitten auseinander, aus der Höhle strömte das

Wasser, wälzte sich ein grauenhaftes Meeresungeheuer, eine Meduse mit

zahllosen ringelnden Fängen; aus dem Leib schlug die zitternde, blaurote

Flamme wie der Atem. Miß Ilsebill stürzte nach der Tür; die fand sie nicht;

da schrie sie gell und wahnsinnig: »Paolo, Paolo.« Das Untier zischte nach

ihr; eine lähmende Süße durchfloß sie; sie schlug in Todesangst gegen die

Wand. Ein blanker Spieß hing da, sie riß ihn herunter, schleuderte ihn

blind in die Flamme hinein. Halbumfallend fand sie die Tür, lief,

schreiend, mit den versengten Händen um sich schlagend, über die stummen

Gänge; blieb vor ihrer Zimmertür liegen.

Bis an den grauen Morgen lag die stolze Miß Ilsebill. Als sie sich

aufrichtete, löste sie mit starrer Ruhe ihre Schuhe und Strümpfe ab, band

ihre Zöpfe auf, ging barhäuptig, in bloßem, dünnem Röckchen aus dem Hause,

durch den Torweg nach der Stadt zu über die Heide, bis da, wo die Birken

stehen. Sie wandte sich nicht einmal um. Hinter ihr tobte es; vom Meere her

kam ein Donnern und Bersten. Eine Springflut, eine meilenweite graue Wand

durchbrach die Dämme und Deiche, setzte rollend und schäumend über die

verwunschene Ebene, bedeckte wieder, was ihr schon einmal gehört hatte,

dazu ein graues Schloß und viele schlafende, armselige Menschen. Das

furchtbare Wasser warf seine Wellen bis dicht an den Berg heran vor der

Stadt, auf dem die Birken stehen. Ilsebill wanderte auf den Berg. Und wie

sie zwischen den Bäumen ging, trat der Nebel in den Wald. Aus einem Baume,

an dem sie betete und ihr Kreuz aufhing, trat ein feiner, feiner Rauch, der

süßer als Flieder duftete. Er legte sich um die wandernde Ilsebill, so daß

sie eingehüllt war in die Falten eines weiten, duftenden Mantels. Sie sah

keinen Schritt vor sich und keinen Schritt hinter sich; und als sie merkte,

daß der Mantel der Mutter Gottes sie einhüllte, fing sie an zu weinen wie

ein zages Mädchen. Rascher und rascher lief sie, aber sie stürzte bei jedem

Schritt: »Ich möchte doch leben. Ach, liebe Mutter Gottes, laß mich doch

die Blumen noch sehen, laß mich doch die Vöglein sehen. Ach, liebe Mutter

Gottes, sei gut zu mir. Ich sehe, -- du bist gut zu mir, wie ich zu dir

bin.« Ihre Lippen blaßten. Sie wurde dünner und dünner. Seufzend löste sie

sich auf und verschwand in dem feinen Nebel, der über die Birken zog.

Schon hob sich die Sonne über dem Wasser, da trabte langsam ein schwarzer

Hengst mit einem Reiter durch den Mauerdurchbruch von der Stadt her. Der

Reiter ritt über den Berg, und wie er auf der Höhe stand, schäumte

meilenweit vor ihm das graue, tobende Wasser und kein Weg und kein Schloß.

Er stieg ab, band das Pferd an einen Stamm, ging zwischen den Birken. Ein

winziges goldenes Kreuz hing an einem Baum; um den ging ein süßer Geruch

herum. Er zog den weichen Hut, kniete nieder und legte die Stirn an die

Rinde: »Große Angst hast du uns beschert, holde Mutter Gottes; große Liebe

hast du uns beschert, du holde Mutter Gottes.«

Die Städter sahen noch einmal den schwarzen Reiter an diesem Tage des

Dammbruches durch die Stadt jagen. Dann hörte man nach vielen Jahren wieder

von ihm, als die Kämpfe in Mittelamerika tobten. Als Führer einer Freischar

gegen die heidnischen Indianer fiel er damals mit seiner ganzen Mannschaft

bei einem heimtückischen Angriff.

Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen · 第 18 / 22 题