Die ersten Jahre der Ehe dieser beiden, der Königin und des Prinzgemahls,
waren friedlos verlaufen. Als aber das Kind, der Thronerbe, in dem alten
Schlosse schrie, öffneten sich die eisernen Torflügel des Seitenportals;
auf den Steinen des Schloßhofes stand die schlanke, blasse Königin, sie
schwang sich in den Sattel, jagte, von einer kleinen Kavalkade gefolgt, auf
dem Schimmel durch die winkligen Straßen, zwischen den gebückten Häusern,
über den Marktplatz, auf die gelben Wälder. Nun sprengte die wilde Königin
wieder durch die verschlungenen Waldungen; auf den Nachbardörfern fanden
Picknicks statt, Maskerade und Mummenscherz in Dorfsälen, bei denen stets
ein reserviertes Nebenzimmer voll war von den glühenden Wangen ihrer
königlichen Majestät, von dem Zittern ihres frechen Leibes wie der
prustenden Laune ihres Mundes, von der verhüllten Süße ihrer abgehackten
Stimme, prunkvolle Feste, bei denen ein leiser kranker Kavalier ihr Flieder
reichte, das Gesicht in ihre Brust vergrub und an ihrem Hals weinte, vor
Glück, Angst und Selbstverachtung. Auch der Prinzgemahl zog wieder einsam
seines Wegs wie ein Mönch. Mit traurig gekräuselten Lippen sah man die
dicke Gestalt durch die Säle schlendern, ihn, bald zutunlich wie ein
Kätzchen, bald träge und faul, fließend von Ironien und Selbstspötteleien.
Er war wortkarg; man hörte aufbrausende Worte aus seinem Munde. Abends
schlich er ohne Diener in den Damenflügel, legte seinen wunden Kopf in den
Schoß eines schmächtigen, schwarzen Hoffräuleins mit strahlenden Augen.
Jetzt sah man nicht mehr die Röcke der Königin schief sitzen; keine
Haarnadeln, die sie verloren hatte, lagen auf den Korridoren; die Treppen
fühlten nicht mehr ihre müden verzagten Füße; lachend gingen diese beiden,
Königin und Prinzgemahl, durch die dunklen Säle nebeneinander. Sie trug
eine blaue Schleife aus Seide über dem rechten Ohr; aus dem Haar hing sie
herab; ihr Geliebter hatte sie gebunden. Im Knopfloche des Prinzen steckte
die Purpurnelke, daran flatterten offen zwei schwarze Frauenhaare.
Es war eines Mittags, daß nach fröhlichem Plaudern erst die Königin, dann
der Prinz verstummte, daß die Königin langsam aufstand, durch die Reihe der
Lakaien wortlos hindurch aus dem Speisesaal ging, daß der Prinz mit einem
versunkenen Blick auf seine linke Hand sitzen blieb, die neben ihrer
rechten gelegen hatte, sein Besteck zusammenschob, wortlos auf sein Zimmer
ging. Die Adjutanten und Damen des Gefolges speisten rasch ab. Die Gemächer
der Königin waren geschlossen; die Königin, hieß es, stände seit ihrer
Rückkehr am Fenster, sei garnicht erregt; sie würde ihr Zimmer bald öffnen.
Der rote Hofrat, ein massiver riesenstarker Jurist, mit strohblondem
Vollbart, gütigen Augen, brummte, es werde doch einmal zu einem offenen
Eklat kommen. Das gelbe Knochengesicht neben ihm mit pechschwarzen Augen
und Haaren, vorgeschobener Unterlippe, ein Männlein mit einer Hakennase,
der Hofarzt, zerknautschte sich zu einem hoffnungsvollen Lächeln.
An der Abendtafel saßen sie ernst beieinander. Es war ihnen nichts
abzumerken; nicht bei den Gesellschaften des nächsten Tages. Sie berührten
sich nicht, sie rückten mit den Stühlen voneinander ab, sie sprachen
freundlich mit abgewandtem Gesicht zu ihrer Umgebung; kaum ein Wort
wechselten sie miteinander. Beider Stimmen klangen höher, und es schien,
als ob einer zu dem andern hinüberlauschte.
Es war ein furchtbarer Moment, als sie sich am dritten Tage auf dem Gang zu
den Gemächern der Königin trafen, stehenblieben und sich die Hände gaben,
eines Morgens, eines grauen Morgens. Der Prinz hielt sie an der Schulter;
minutenlang sahen sie sich und sahen immer wieder zur Seite. Jedes
zitterte; das taten sie sonst nur bei geschlossenen Augen. »Geh, geh,«
bettelte sie, huschte den schmalen Korridor zurück.
Er saß auf seinem Zimmer. Der dicke Prinz nahm einen Schemel und setzte
sich vor seinen Kostümschrank. Als er seufzte und sich reckte, stieß er
einen Blumenständer mit einer ungeheuren Vase um. Das Wasser spritzte an
seine Stiefel; er rückte weg, schüttelte gedankenlos den Kopf, setzte sich
dicht an den geöffneten Schrank, wühlte in den Sachen.
»Geh, geh«; das klang wie »komm, komm«. Eine blonde Perücke hielt er in den
Händen und drehte sie. Sie ist gut, dachte er, recht gut; eine gute
Perücke. Sie störte ihn gar nicht, das wunderte ihn, machte ihn
eigentümlich ruhig. Er setzte sie sich auf. Er ließ sein Gefühl ganz
strömen in die Kopfhaut, an die Perücke, um sie wohlig auszukosten. Was
noch? Mokka trinken. Kein Mokka, nichts trinken, nichts. Er lief auf den
Zehenspitzen zur Tür, schloß auf, versperrte den ganzen Korridor, stellte
die Klingel ab, hielt den Pendel der hohen Wanduhr an. Sah sich dann wieder
in seinem Zimmer um, summte durch die Zähne. Er saß tiefsinnig auf dem
Taburett. Stück um Stück der Gewänder zog er zu sich heran, tastete sie ab.
Ein Wams gefiel ihm, das legte er sich über das Gesicht; es roch nach
Flieder. Er legte es sich an, band sich einen dünnen Kavalierdegen um,
strich vor dem Spiegel an seinen Kleidern herunter. »Komm, komm«. Er
schauerte zusammen, schloß leise die Tür auf und schlich, immer durch die
Zähne summend, den Korridor entlang. In der Mitte blieb er plötzlich
stehen, lief auf sein Zimmer zurück, suchte am Boden einen Büschel roter
Purpurnelken aus den Scherben auf, legte ihn behutsam über den linken Arm.
Er ging über die Schwelle; als sich eine Klinke am Ende des Ganges rührte.
Die Tür schloß leise auf; ein helles Tageslicht fiel schräg aus dem Gemach
der Königin auf den engen Gang; leichte rauschende Schritte näherten sich,
das schmale, herrische Gesicht der Königin. Sie trug eine schwarze
Perrücke, deren störrische Locken ihr über die totblassen Wangen fielen;
eng lag ihr ein höfisches schwarzes Seidenkleid an. Sie gingen Arm in Arm,
sie gingen spazieren durch die leeren Gemächer, sie gingen stumm die
spiegelglatten Empfangssäle, die Speisesäle; sie gingen durch die dunklen
Bildersäle. Wie frei er sie führte, wie gut ihre Schritte Takt hielten. Sie
hatte das Gesicht von ihm abgewandt, die wilde Königin. Nur als sich ihre
Arme an der Türe der Königin lösten, wurden ihre Wangen glühend, ihr Atem
flog. Er legte behutsam auf ihre Schwelle den Nelkenbusch nieder; die wilde
Königin nahm seine warme Hand, führte ihn über die roten Blumen hinweg in
ihr Zimmer; vor einem Haufen von Briefen, Blättern und Bändern standen sie
mit gesenkten Köpfen, hielten sie sich an den Schultern, berührten sich
ihre Stirnen.
Die Tür schloß sich hinter ihm; er saß auf dem Taburett vor seinem Spiegel,
strich an seinen Kleidern herunter. Er wollte sie ablegen; es widerstrebte
ihm irgend etwas; die Ärmel schienen festzukleben. Er erschrak vor seinem
kurzgeschorenen blonden Haar; als er seine eigene Uniform angelegt hatte,
fuhr er liebkosend über die fremden Gewande, die er auf dem Teppich
ausgebreitet hatte. Heimlich stieß er von hinten mit dem Hacken in den
Spiegel, schlug Nägel in das bloße Holz, hing das fremde Kostüm offen auf.
Sie saßen bei der Mittagstafel beisammen; jetzt lenkten sie ihre Blicke
zusammen. Er fuhr manchmal mit der Hand über sein Gesicht, seinen Kopf, riß
an seinem hohen Uniformkragen, suchte die Arme unter den Tisch zu
verstecken; kam sich maskiert vor. Die herrische Königin spöttelte mit ihm;
mit einmal legte sie ihr Besteck hin; die Tränen stürzten ihr aus den
Augen; sie knirschte mit den Zähnen. Man lief ihr nach, als sie sich jede
Frage verbat. Sie lag nach einer Stunde ruhig lesend im Bett und bemerkte
nur, daß sie das Geschrei ihres Kindes störe; man solle das Kind in einem
andern Teil des Schlosses unterbringen. Sie würde morgen den Hofarzt
fragen, ob nicht vielleicht der Meeresaufenthalt für das schwächliche Kind
besser sei als die Schloßluft. Die alte Hofdame, die auf einem Stuhle
bekümmert neben ihr saß, wollte erschreckt etwas erwidern, aber die Königin
wiederholte, sehr bestimmt sie anblickend, ihre Frage, ob sie nicht auch
die Meeresluft für das Kind besser halte als das Gebirge. Worauf die alte
Dame auf ihrem Stuhle rückte, an ihrer langen Goldkette nestelte und mit
beherrschter Stimme beipflichtete.
Entsetzt aber stand sie am Abend auf, -- es mochte bald zehn Uhr sein, --
als die junge Königin, die sich an den Flügel gesetzt hatte, sich nach
einigen klimpernden Tönen von ihrem Sessel erhob und sagte, man möchte den
Grafen Hagen, den Dichter, auf der Stelle zu ihr befehlen. Sofort und ohne
Verzug wolle sie ihn auf ihrem Zimmer empfangen, und zwar allein, ohne
Zeugen. Die junge Majestät schrie, indem sie krachend den Flügeldeckel
herunterwarf, sie werde die alte Hofdame ohrfeigen, wenn sie überhaupt noch
einmal den ledernen Mund aufzumachen wage, und sie auf den Gänsehof jagen,
auf den sie gehöre. Sie werde allein den Kavalier empfangen, auf ihrem
dunklen Zimmer, nachdem sie sich zu Bett gelegt habe, und sie könne den
Ministerrat und alle Gichtiker des Landes davon benachrichtigen, sofort,
telephonisch, heute, morgen, übermorgen, wann sie wolle. Sie blieben
schweigend in dem hellerleuchteten Musikzimmer sitzen; die Königin hob den
schwarzen Flügeldeckel auf, spielte eine hastige Mazurka, die alte Hofdame
hielt sich das Spitzentuch vor die Augen. Um halb zwölf Uhr meldete man den
Grafen Hagen. Die Königin hatte ihn schon einmal in diesem Zimmer
empfangen, zwei Tage vor ihrer Hochzeit war es, in einer späten Nacht. Der
bleiche Kavalier war gebeugt in das finstere Zimmer getreten, in dem nur
eine matte Flügelkerze brannte; die Königin lag versunken in ihrem weichen
Lehnstuhl. Auf dem Teppich standen viele Hochzeitsgeschenke herum, Vasen,
Bilder, Truhen. Er sah nichts als die Königin; kein Wort schenkte er ihr,
die seinen heißen Kopf im Schoß hielt, als: »Mich ekelt's vor dir, mich
ekelt's vor dir.« Dabei schauerte er immer und konnte den Blick nicht von
ihren tiefliegenden Augen reißen. Auch sie schaute auf nichts als auf den
Dichter; und was sie ihm sagte, unter Küssen auf Hände, Finger, Mund,
Wange, Haar, unter Liebkosen und Wiegen, war eines: »Lebewohl«. Jetzt
schlug der Graf die Portiere zurück; die erschrockene alte Dame wollte, als
er sich tief verneigte, mit einem verzweifelten Händeringen ins Nebenzimmer
gehen; die Königin aber fixierte sie starr, sagte nach einer Weile: dies
sei nicht nötig. Sie ließ den blonden Kavalier unter dem blitzenden
Kronleuchter stehen, fragte ihn nach den Ergebnissen der letzten Jagd, die
sie zusammen gemacht hatten, ob er sich schon wegen seines Avancements im
Regiment umgesehen hätte. Dann erhob sie sich, dankte für seinen Besuch,
wünschte ihm gute Nacht. Fragte die alte Dame lachend, die Hände in die
Hüften gestemmt, wie lange sie hier noch sitzen wolle, wann sie denn die
Depeschen abzuschicken gedenke. Die schüttelte den Kopf.
In dem alten Schloß blieb es stille, bis zu dem Morgen, an dem der Graf
trotz des Verbots der Königin in ihr Zimmer drang; er weinte vor ihr am
Boden liegend, sie schlug ihn mit der Gerte ins Gesicht. Mit Aufglühen und
Erbleichen, knirschenden Zähnen und Zittern hörte sie ihn an in ihrem
Lehnstuhle, als er sie bei aller verflossenen Süße und Zärtlichkeit
beschwor; er taumelte mit einer blutigen Strieme im Gesicht aus dem Zimmer;
reiste am Mittag ab. Schon über eine Woche sah man den Graf nicht; da
meldete der Hofmarschall der Königin sein Verschwinden; sie lachte
höhnisch; die Dienstboten müßte man noch öfter wechseln. Ob er noch lebe;
als der Marschall bejahte, brach sie in ein ganz wildes Gelächter aus: »Sie
sehen, Marschall, wie richtig Schiller singt: Oh Königin, das Leben ist
doch schön.«
Das schmächtige schwarze Hoffräulein verließ ihr Zimmer nicht mehr. Der
gelbe Hofarzt behandelte sie wegen einer plötzlichen Geistesverwirrtheit
und ließ sie bewachen. Sie hatte einen Brand auf ihrem Zimmer verursacht,
als sie in einer Nacht ihre gesamten schwarzen Kleider mitten auf dem Boden
aufhäufte und mit Briefen anzündete. Der Qualm war bis in die Gemächer der
Königin gedrungen. Nach einigen Wochen wurde sie klarer, war zum Skelett
abgemagert, trug der Königin einen Wunsch auf Heimatsurlaub vor. Zwei Tage
später fand man sie ertränkt in dem Teiche ihres väterlichen Gutes.
Aber die wilde Königin und der dicke Prinz gingen stundenlang in dem weiten
Park hinter dem Schloß spazieren; der Diener, der ihnen folgte, berichtete
nur, daß sie selten miteinander Worte wechselten. Sie nahm jeden Ruf und
jede Hoffnung von seinen müden Augen, seinen Mienen ab, sie prägte sich
selbst ihm ein mit unverwandten Blicken, senkte ihn vor sich hin zu
demütiger Zärtlichkeit. Kein Gebüsch war so still, daß die Wandelnden das
Rauschen nicht störte, wenn sie zueinander hinüberlauschten. Als sie eines
Abends vom Garten hinauf in das Musikzimmer gingen, schleppte ein langes
Geraune über die Korridore vor ihnen her. Wie in Decken gehüllt glitten sie
über die Gänge. Vor einem kleinen Kreis drin öffneten sich die Flügeltüren,
und herein traten über das spiegelnde Parkett Königin und Prinzgemahl, ohne
Masken, wie Gespenster, ähnelnd den entschwundenen beiden, Grafen und
Komteß. Aus den Augen der strengen Königin leuchtete die schwarze Wildheit
der Toten, über der schwermütigen Ruhe des Prinzen lag ein gebeugtes
Leiden. Der glattrasierte Hofprediger seufzte: die beiden trügen offenbar
schwer an ihrer Vergangenheit; spitz formte der mongolische Mischling, der
Hofarzt, den Mund, legte das Kinn auf das weiße Vorhemd, indem er die
beiden fixierte; ihn chokiere weniger die merkwürdige Art, wie das
Vergangene an ihnen arbeite, als wie sie die Gegenwart, die augenblickliche
Gegenwart vergäßen. Dies chokiere ihn ernstlich des Lebens dieser beiden
willen.
Die beiden hatten unablässig nebeneinander zu sitzen, unablässig
miteinander zu flüstern. Die Königin zog sich von den notwendigen
Regierungsgeschäften zurück; sie übertrug wichtige Funktionen den alten
Männern ihres Staatsrates; sie sagte die öffentlichen Empfänge ab, sie
erschien nicht bei den Hoftafeln. Eines Morgens stürzte sie in schneeigem
Kleid den engen Gang zu seinem Zimmer hin; die schwarze Glut in ihren Augen
war verblichen, sie riß mit fahrigen Händen die Türen seines
Kostümschrankes auf, wühlte, wühlte am Boden liegend, während er sie
tröstete, in den Sachen. Mörderische Griffe ihrer Finger zerfetzten die
blonde Perücke, zerknäulten, zerlumpten das fliederduftige Wams. Auf ihrem
linken Oberarm hatte sie eine alte tiefe Bißwunde. Sie stand auf, nahm
einen blanken Perserdolch von seinem Tisch, schnitt die Narbe aus ihrem
Fleisch heraus, stieß das Leinen zurück, mit dem er das spritzende Blut
stillen wollte. Sie warf sich in Krämpfen auf den Boden hin, schlug mit den
Fäusten gegen ihren Mund, gegen ihre Brust, bettelte: »Du mußt hingehen; du
mußt das Kind umbringen. Es ist nicht meines, es ist eine lebendige Lüge.
Wenn du es gut mit mir meinst, mußt du das Kind umbringen. Ich kann es
nicht.« Dann fuhren sie verzweifelt auf, suchten in den Mienen, tasteten
die Gesichter ab. Sein Kopf hing über ihre Schulter, sie weinte ein
trostloses: »Du, du.«
In langen Tagen flossen ihre Tränen ab. Als sie wieder den weiten Park
hinter dem Schloß gingen, war unvermerkt der bunte Herbst gekommen. Über
die Gesichter dieser beiden, der wilden Königin und des schwermütigen
Prinzen, hatte sich ein dichter Schleier gelegt. Eine tiefe unnahbare Ruhe
schritt wie ein gepanzerter Wächter um sie herum. Sie zogen auf die Jagd,
sie schossen die klagenden Rebhühner auf den struppigen Feldern; in Lachen
und Glut ritten sie nebeneinander zurück. Aber wer sie im Dunkeln
heimreiten sah, erkannte, daß die gleiche Verschlossenheit über ihren
Gesichtern hing, wie das glitzernde, spinnwebdünne Gewand, das über die
Meerfrauen fließt und mit Anbruch der Nacht phosphoresziert. Zum Erstaunen
des Hofes trennten sich die beiden eines Tages. Der Prinzgemahl verschwand,
ohne daß jemand wußte wohin. Als er nach drei Tagen zurückkehrte, erklärte
er gelassen, daß er eine geheime Sendung der Königin ausgeführt hatte; in
den internen Kreisen war man über die Maßen bestürzt und beunruhigt. Ein
Gerede erhob sich im Lande.
Bis eines Tages beide völlig des Landes verschwunden waren. Indessen in der
Hauptstadt das Militär in den Kasernen blieb, die Polizei fieberhaft
arbeitete, der Ministerrat zusammentrat, stieß von der Küste ein Dampfer
ab, der seit einer Woche dort geankert hatte. Nur eine kleine Mannschaft
grüßte ehrfurchtsvoll die fremde Königin und den Prinzen, die in weiße
Mäntel gehüllt, sich auf dem Deck ergingen. Das Schiff fuhr über den Ozean
fünf Tage; dann ankerte es vor einer kleinen Insel; ein Boot setzte die
fremde Königin und den Prinzen an Land.
Es war eine Insel, an dessen Strand nur arme Fischer wohnten; meilenweit
entfernt an der anderen Küste lag ein kleines Dorf. Was sich damals
zwischen der jungen Königin und dem schwermütigen Prinzen begab, bei den
Fischersleuten auf der kleinen Insel im blauen Ozean, ist schwer mit Worten
zu erzählen; daß sie am Fuß der weißen Kalkfelsen saßen, oder weiter zurück
unter den hohen Palmbäumen, daß sie sich kaum minutenlang aus den Augen
verloren; daß die Königin, blasser und blasser, nur selten schluchzend den
Kopf auf ihre Brust fallen ließ, und der Prinz die Hand vor seine Stirn
hielt. Die Blicke der Frau wanderten hin und her zwischen dem Meer und
seinem Angesicht; wenn er das blaue Wasser nicht sah, wußte er nicht, ob er
in ihre Augen oder in sich schaute. So fest sie sich umschlangen, so tief
sie sich küßten, die Schwermut der beiden, ihre Angst zueinander, kannte
kein Ende.
Die Abendröte lohte über dem glatten Meer. Sie saßen tagelang in ihren
weißen Mänteln unter den Felsen. Nur die Hände streichelten sie sich
manchmal. Ihre Blicke hingen an dem glitzernden grenzenlosen Wasser. Ihre
stillen Gesichter hellten sich auf. Eine unermeßliche Ruhe atmete das Meer,
die dehnte sich über die Ufer, nahm den Strand, die Kiesel, Muscheln,
Felsen in sich hinein, rührte an die Stirne der beiden.
Bis morgens die gelbe Sonne über den kleinen Strand schien. Da raschelten
die Kiesel, klangen die feinen Steinchen. Über den Sand schleppte der
Purpurmantel der wilden Königin. Die ging einsam, in voller Pracht, langsam
nach dem blauen Meere zu. Auf dem blonden Haar trug sie die goldene Krone.
Von den strengen Schultern fiel der Purpurmantel mit breitem Brokat. Ihr
schmales Gesicht war glatt und süß. So ging die junge Königin allein über
den dünnen Sand in der flimmernden Luft nach dem blauen Meere zu. Zwei
graue Seemöven watschelten im Sand hinter ihr; sie folgten der Königin auf
Schritt und Tritt.
Von einer weißen Klippe stieg der schwermutige Prinz herab, mit bloßem
Haupt, in einem blauen Samtmantel; seine schwarzen Kniehosen waren aus
blankem Atlas, silberweiß waren die Schnallen seiner Schuhe. Er trug einen
runden hohen Stab in der rechten Hand.
Kaum eine Welle warf der blitzende Ozean, als von der Insel heranschritten
die blasse junge Königin und der stille Prinz. Die Wellen schaukelten; mit
flachem Handteller strich der Wind über das glückliche Meer. Dicht schossen
die Möven über die kühl hauchende Fläche.
Oben auf dem flinkernden Wasser schwammen nebeneinander ein runder Stab und
eine goldene Königskrone.