Erna Reiß gewidmet

Die ersten Jahre der Ehe dieser beiden, der Königin und des Prinzgemahls,

waren friedlos verlaufen. Als aber das Kind, der Thronerbe, in dem alten

Schlosse schrie, öffneten sich die eisernen Torflügel des Seitenportals;

auf den Steinen des Schloßhofes stand die schlanke, blasse Königin, sie

schwang sich in den Sattel, jagte, von einer kleinen Kavalkade gefolgt, auf

dem Schimmel durch die winkligen Straßen, zwischen den gebückten Häusern,

über den Marktplatz, auf die gelben Wälder. Nun sprengte die wilde Königin

wieder durch die verschlungenen Waldungen; auf den Nachbardörfern fanden

Picknicks statt, Maskerade und Mummenscherz in Dorfsälen, bei denen stets

ein reserviertes Nebenzimmer voll war von den glühenden Wangen ihrer

königlichen Majestät, von dem Zittern ihres frechen Leibes wie der

prustenden Laune ihres Mundes, von der verhüllten Süße ihrer abgehackten

Stimme, prunkvolle Feste, bei denen ein leiser kranker Kavalier ihr Flieder

reichte, das Gesicht in ihre Brust vergrub und an ihrem Hals weinte, vor

Glück, Angst und Selbstverachtung. Auch der Prinzgemahl zog wieder einsam

seines Wegs wie ein Mönch. Mit traurig gekräuselten Lippen sah man die

dicke Gestalt durch die Säle schlendern, ihn, bald zutunlich wie ein

Kätzchen, bald träge und faul, fließend von Ironien und Selbstspötteleien.

Er war wortkarg; man hörte aufbrausende Worte aus seinem Munde. Abends

schlich er ohne Diener in den Damenflügel, legte seinen wunden Kopf in den

Schoß eines schmächtigen, schwarzen Hoffräuleins mit strahlenden Augen.

Jetzt sah man nicht mehr die Röcke der Königin schief sitzen; keine

Haarnadeln, die sie verloren hatte, lagen auf den Korridoren; die Treppen

fühlten nicht mehr ihre müden verzagten Füße; lachend gingen diese beiden,

Königin und Prinzgemahl, durch die dunklen Säle nebeneinander. Sie trug

eine blaue Schleife aus Seide über dem rechten Ohr; aus dem Haar hing sie

herab; ihr Geliebter hatte sie gebunden. Im Knopfloche des Prinzen steckte

die Purpurnelke, daran flatterten offen zwei schwarze Frauenhaare.

Es war eines Mittags, daß nach fröhlichem Plaudern erst die Königin, dann

der Prinz verstummte, daß die Königin langsam aufstand, durch die Reihe der

Lakaien wortlos hindurch aus dem Speisesaal ging, daß der Prinz mit einem

versunkenen Blick auf seine linke Hand sitzen blieb, die neben ihrer

rechten gelegen hatte, sein Besteck zusammenschob, wortlos auf sein Zimmer

ging. Die Adjutanten und Damen des Gefolges speisten rasch ab. Die Gemächer

der Königin waren geschlossen; die Königin, hieß es, stände seit ihrer

Rückkehr am Fenster, sei garnicht erregt; sie würde ihr Zimmer bald öffnen.

Der rote Hofrat, ein massiver riesenstarker Jurist, mit strohblondem

Vollbart, gütigen Augen, brummte, es werde doch einmal zu einem offenen

Eklat kommen. Das gelbe Knochengesicht neben ihm mit pechschwarzen Augen

und Haaren, vorgeschobener Unterlippe, ein Männlein mit einer Hakennase,

der Hofarzt, zerknautschte sich zu einem hoffnungsvollen Lächeln.

An der Abendtafel saßen sie ernst beieinander. Es war ihnen nichts

abzumerken; nicht bei den Gesellschaften des nächsten Tages. Sie berührten

sich nicht, sie rückten mit den Stühlen voneinander ab, sie sprachen

freundlich mit abgewandtem Gesicht zu ihrer Umgebung; kaum ein Wort

wechselten sie miteinander. Beider Stimmen klangen höher, und es schien,

als ob einer zu dem andern hinüberlauschte.

Es war ein furchtbarer Moment, als sie sich am dritten Tage auf dem Gang zu

den Gemächern der Königin trafen, stehenblieben und sich die Hände gaben,

eines Morgens, eines grauen Morgens. Der Prinz hielt sie an der Schulter;

minutenlang sahen sie sich und sahen immer wieder zur Seite. Jedes

zitterte; das taten sie sonst nur bei geschlossenen Augen. »Geh, geh,«

bettelte sie, huschte den schmalen Korridor zurück.

Er saß auf seinem Zimmer. Der dicke Prinz nahm einen Schemel und setzte

sich vor seinen Kostümschrank. Als er seufzte und sich reckte, stieß er

einen Blumenständer mit einer ungeheuren Vase um. Das Wasser spritzte an

seine Stiefel; er rückte weg, schüttelte gedankenlos den Kopf, setzte sich

dicht an den geöffneten Schrank, wühlte in den Sachen.

»Geh, geh«; das klang wie »komm, komm«. Eine blonde Perücke hielt er in den

Händen und drehte sie. Sie ist gut, dachte er, recht gut; eine gute

Perücke. Sie störte ihn gar nicht, das wunderte ihn, machte ihn

eigentümlich ruhig. Er setzte sie sich auf. Er ließ sein Gefühl ganz

strömen in die Kopfhaut, an die Perücke, um sie wohlig auszukosten. Was

noch? Mokka trinken. Kein Mokka, nichts trinken, nichts. Er lief auf den

Zehenspitzen zur Tür, schloß auf, versperrte den ganzen Korridor, stellte

die Klingel ab, hielt den Pendel der hohen Wanduhr an. Sah sich dann wieder

in seinem Zimmer um, summte durch die Zähne. Er saß tiefsinnig auf dem

Taburett. Stück um Stück der Gewänder zog er zu sich heran, tastete sie ab.

Ein Wams gefiel ihm, das legte er sich über das Gesicht; es roch nach

Flieder. Er legte es sich an, band sich einen dünnen Kavalierdegen um,

strich vor dem Spiegel an seinen Kleidern herunter. »Komm, komm«. Er

schauerte zusammen, schloß leise die Tür auf und schlich, immer durch die

Zähne summend, den Korridor entlang. In der Mitte blieb er plötzlich

stehen, lief auf sein Zimmer zurück, suchte am Boden einen Büschel roter

Purpurnelken aus den Scherben auf, legte ihn behutsam über den linken Arm.

Er ging über die Schwelle; als sich eine Klinke am Ende des Ganges rührte.

Die Tür schloß leise auf; ein helles Tageslicht fiel schräg aus dem Gemach

der Königin auf den engen Gang; leichte rauschende Schritte näherten sich,

das schmale, herrische Gesicht der Königin. Sie trug eine schwarze

Perrücke, deren störrische Locken ihr über die totblassen Wangen fielen;

eng lag ihr ein höfisches schwarzes Seidenkleid an. Sie gingen Arm in Arm,

sie gingen spazieren durch die leeren Gemächer, sie gingen stumm die

spiegelglatten Empfangssäle, die Speisesäle; sie gingen durch die dunklen

Bildersäle. Wie frei er sie führte, wie gut ihre Schritte Takt hielten. Sie

hatte das Gesicht von ihm abgewandt, die wilde Königin. Nur als sich ihre

Arme an der Türe der Königin lösten, wurden ihre Wangen glühend, ihr Atem

flog. Er legte behutsam auf ihre Schwelle den Nelkenbusch nieder; die wilde

Königin nahm seine warme Hand, führte ihn über die roten Blumen hinweg in

ihr Zimmer; vor einem Haufen von Briefen, Blättern und Bändern standen sie

mit gesenkten Köpfen, hielten sie sich an den Schultern, berührten sich

ihre Stirnen.

Die Tür schloß sich hinter ihm; er saß auf dem Taburett vor seinem Spiegel,

strich an seinen Kleidern herunter. Er wollte sie ablegen; es widerstrebte

ihm irgend etwas; die Ärmel schienen festzukleben. Er erschrak vor seinem

kurzgeschorenen blonden Haar; als er seine eigene Uniform angelegt hatte,

fuhr er liebkosend über die fremden Gewande, die er auf dem Teppich

ausgebreitet hatte. Heimlich stieß er von hinten mit dem Hacken in den

Spiegel, schlug Nägel in das bloße Holz, hing das fremde Kostüm offen auf.

Sie saßen bei der Mittagstafel beisammen; jetzt lenkten sie ihre Blicke

zusammen. Er fuhr manchmal mit der Hand über sein Gesicht, seinen Kopf, riß

an seinem hohen Uniformkragen, suchte die Arme unter den Tisch zu

verstecken; kam sich maskiert vor. Die herrische Königin spöttelte mit ihm;

mit einmal legte sie ihr Besteck hin; die Tränen stürzten ihr aus den

Augen; sie knirschte mit den Zähnen. Man lief ihr nach, als sie sich jede

Frage verbat. Sie lag nach einer Stunde ruhig lesend im Bett und bemerkte

nur, daß sie das Geschrei ihres Kindes störe; man solle das Kind in einem

andern Teil des Schlosses unterbringen. Sie würde morgen den Hofarzt

fragen, ob nicht vielleicht der Meeresaufenthalt für das schwächliche Kind

besser sei als die Schloßluft. Die alte Hofdame, die auf einem Stuhle

bekümmert neben ihr saß, wollte erschreckt etwas erwidern, aber die Königin

wiederholte, sehr bestimmt sie anblickend, ihre Frage, ob sie nicht auch

die Meeresluft für das Kind besser halte als das Gebirge. Worauf die alte

Dame auf ihrem Stuhle rückte, an ihrer langen Goldkette nestelte und mit

beherrschter Stimme beipflichtete.

Entsetzt aber stand sie am Abend auf, -- es mochte bald zehn Uhr sein, --

als die junge Königin, die sich an den Flügel gesetzt hatte, sich nach

einigen klimpernden Tönen von ihrem Sessel erhob und sagte, man möchte den

Grafen Hagen, den Dichter, auf der Stelle zu ihr befehlen. Sofort und ohne

Verzug wolle sie ihn auf ihrem Zimmer empfangen, und zwar allein, ohne

Zeugen. Die junge Majestät schrie, indem sie krachend den Flügeldeckel

herunterwarf, sie werde die alte Hofdame ohrfeigen, wenn sie überhaupt noch

einmal den ledernen Mund aufzumachen wage, und sie auf den Gänsehof jagen,

auf den sie gehöre. Sie werde allein den Kavalier empfangen, auf ihrem

dunklen Zimmer, nachdem sie sich zu Bett gelegt habe, und sie könne den

Ministerrat und alle Gichtiker des Landes davon benachrichtigen, sofort,

telephonisch, heute, morgen, übermorgen, wann sie wolle. Sie blieben

schweigend in dem hellerleuchteten Musikzimmer sitzen; die Königin hob den

schwarzen Flügeldeckel auf, spielte eine hastige Mazurka, die alte Hofdame

hielt sich das Spitzentuch vor die Augen. Um halb zwölf Uhr meldete man den

Grafen Hagen. Die Königin hatte ihn schon einmal in diesem Zimmer

empfangen, zwei Tage vor ihrer Hochzeit war es, in einer späten Nacht. Der

bleiche Kavalier war gebeugt in das finstere Zimmer getreten, in dem nur

eine matte Flügelkerze brannte; die Königin lag versunken in ihrem weichen

Lehnstuhl. Auf dem Teppich standen viele Hochzeitsgeschenke herum, Vasen,

Bilder, Truhen. Er sah nichts als die Königin; kein Wort schenkte er ihr,

die seinen heißen Kopf im Schoß hielt, als: »Mich ekelt's vor dir, mich

ekelt's vor dir.« Dabei schauerte er immer und konnte den Blick nicht von

ihren tiefliegenden Augen reißen. Auch sie schaute auf nichts als auf den

Dichter; und was sie ihm sagte, unter Küssen auf Hände, Finger, Mund,

Wange, Haar, unter Liebkosen und Wiegen, war eines: »Lebewohl«. Jetzt

schlug der Graf die Portiere zurück; die erschrockene alte Dame wollte, als

er sich tief verneigte, mit einem verzweifelten Händeringen ins Nebenzimmer

gehen; die Königin aber fixierte sie starr, sagte nach einer Weile: dies

sei nicht nötig. Sie ließ den blonden Kavalier unter dem blitzenden

Kronleuchter stehen, fragte ihn nach den Ergebnissen der letzten Jagd, die

sie zusammen gemacht hatten, ob er sich schon wegen seines Avancements im

Regiment umgesehen hätte. Dann erhob sie sich, dankte für seinen Besuch,

wünschte ihm gute Nacht. Fragte die alte Dame lachend, die Hände in die

Hüften gestemmt, wie lange sie hier noch sitzen wolle, wann sie denn die

Depeschen abzuschicken gedenke. Die schüttelte den Kopf.

In dem alten Schloß blieb es stille, bis zu dem Morgen, an dem der Graf

trotz des Verbots der Königin in ihr Zimmer drang; er weinte vor ihr am

Boden liegend, sie schlug ihn mit der Gerte ins Gesicht. Mit Aufglühen und

Erbleichen, knirschenden Zähnen und Zittern hörte sie ihn an in ihrem

Lehnstuhle, als er sie bei aller verflossenen Süße und Zärtlichkeit

beschwor; er taumelte mit einer blutigen Strieme im Gesicht aus dem Zimmer;

reiste am Mittag ab. Schon über eine Woche sah man den Graf nicht; da

meldete der Hofmarschall der Königin sein Verschwinden; sie lachte

höhnisch; die Dienstboten müßte man noch öfter wechseln. Ob er noch lebe;

als der Marschall bejahte, brach sie in ein ganz wildes Gelächter aus: »Sie

sehen, Marschall, wie richtig Schiller singt: Oh Königin, das Leben ist

doch schön.«

Das schmächtige schwarze Hoffräulein verließ ihr Zimmer nicht mehr. Der

gelbe Hofarzt behandelte sie wegen einer plötzlichen Geistesverwirrtheit

und ließ sie bewachen. Sie hatte einen Brand auf ihrem Zimmer verursacht,

als sie in einer Nacht ihre gesamten schwarzen Kleider mitten auf dem Boden

aufhäufte und mit Briefen anzündete. Der Qualm war bis in die Gemächer der

Königin gedrungen. Nach einigen Wochen wurde sie klarer, war zum Skelett

abgemagert, trug der Königin einen Wunsch auf Heimatsurlaub vor. Zwei Tage

später fand man sie ertränkt in dem Teiche ihres väterlichen Gutes.

Aber die wilde Königin und der dicke Prinz gingen stundenlang in dem weiten

Park hinter dem Schloß spazieren; der Diener, der ihnen folgte, berichtete

nur, daß sie selten miteinander Worte wechselten. Sie nahm jeden Ruf und

jede Hoffnung von seinen müden Augen, seinen Mienen ab, sie prägte sich

selbst ihm ein mit unverwandten Blicken, senkte ihn vor sich hin zu

demütiger Zärtlichkeit. Kein Gebüsch war so still, daß die Wandelnden das

Rauschen nicht störte, wenn sie zueinander hinüberlauschten. Als sie eines

Abends vom Garten hinauf in das Musikzimmer gingen, schleppte ein langes

Geraune über die Korridore vor ihnen her. Wie in Decken gehüllt glitten sie

über die Gänge. Vor einem kleinen Kreis drin öffneten sich die Flügeltüren,

und herein traten über das spiegelnde Parkett Königin und Prinzgemahl, ohne

Masken, wie Gespenster, ähnelnd den entschwundenen beiden, Grafen und

Komteß. Aus den Augen der strengen Königin leuchtete die schwarze Wildheit

der Toten, über der schwermütigen Ruhe des Prinzen lag ein gebeugtes

Leiden. Der glattrasierte Hofprediger seufzte: die beiden trügen offenbar

schwer an ihrer Vergangenheit; spitz formte der mongolische Mischling, der

Hofarzt, den Mund, legte das Kinn auf das weiße Vorhemd, indem er die

beiden fixierte; ihn chokiere weniger die merkwürdige Art, wie das

Vergangene an ihnen arbeite, als wie sie die Gegenwart, die augenblickliche

Gegenwart vergäßen. Dies chokiere ihn ernstlich des Lebens dieser beiden

willen.

Die beiden hatten unablässig nebeneinander zu sitzen, unablässig

miteinander zu flüstern. Die Königin zog sich von den notwendigen

Regierungsgeschäften zurück; sie übertrug wichtige Funktionen den alten

Männern ihres Staatsrates; sie sagte die öffentlichen Empfänge ab, sie

erschien nicht bei den Hoftafeln. Eines Morgens stürzte sie in schneeigem

Kleid den engen Gang zu seinem Zimmer hin; die schwarze Glut in ihren Augen

war verblichen, sie riß mit fahrigen Händen die Türen seines

Kostümschrankes auf, wühlte, wühlte am Boden liegend, während er sie

tröstete, in den Sachen. Mörderische Griffe ihrer Finger zerfetzten die

blonde Perücke, zerknäulten, zerlumpten das fliederduftige Wams. Auf ihrem

linken Oberarm hatte sie eine alte tiefe Bißwunde. Sie stand auf, nahm

einen blanken Perserdolch von seinem Tisch, schnitt die Narbe aus ihrem

Fleisch heraus, stieß das Leinen zurück, mit dem er das spritzende Blut

stillen wollte. Sie warf sich in Krämpfen auf den Boden hin, schlug mit den

Fäusten gegen ihren Mund, gegen ihre Brust, bettelte: »Du mußt hingehen; du

mußt das Kind umbringen. Es ist nicht meines, es ist eine lebendige Lüge.

Wenn du es gut mit mir meinst, mußt du das Kind umbringen. Ich kann es

nicht.« Dann fuhren sie verzweifelt auf, suchten in den Mienen, tasteten

die Gesichter ab. Sein Kopf hing über ihre Schulter, sie weinte ein

trostloses: »Du, du.«

In langen Tagen flossen ihre Tränen ab. Als sie wieder den weiten Park

hinter dem Schloß gingen, war unvermerkt der bunte Herbst gekommen. Über

die Gesichter dieser beiden, der wilden Königin und des schwermütigen

Prinzen, hatte sich ein dichter Schleier gelegt. Eine tiefe unnahbare Ruhe

schritt wie ein gepanzerter Wächter um sie herum. Sie zogen auf die Jagd,

sie schossen die klagenden Rebhühner auf den struppigen Feldern; in Lachen

und Glut ritten sie nebeneinander zurück. Aber wer sie im Dunkeln

heimreiten sah, erkannte, daß die gleiche Verschlossenheit über ihren

Gesichtern hing, wie das glitzernde, spinnwebdünne Gewand, das über die

Meerfrauen fließt und mit Anbruch der Nacht phosphoresziert. Zum Erstaunen

des Hofes trennten sich die beiden eines Tages. Der Prinzgemahl verschwand,

ohne daß jemand wußte wohin. Als er nach drei Tagen zurückkehrte, erklärte

er gelassen, daß er eine geheime Sendung der Königin ausgeführt hatte; in

den internen Kreisen war man über die Maßen bestürzt und beunruhigt. Ein

Gerede erhob sich im Lande.

Bis eines Tages beide völlig des Landes verschwunden waren. Indessen in der

Hauptstadt das Militär in den Kasernen blieb, die Polizei fieberhaft

arbeitete, der Ministerrat zusammentrat, stieß von der Küste ein Dampfer

ab, der seit einer Woche dort geankert hatte. Nur eine kleine Mannschaft

grüßte ehrfurchtsvoll die fremde Königin und den Prinzen, die in weiße

Mäntel gehüllt, sich auf dem Deck ergingen. Das Schiff fuhr über den Ozean

fünf Tage; dann ankerte es vor einer kleinen Insel; ein Boot setzte die

fremde Königin und den Prinzen an Land.

Es war eine Insel, an dessen Strand nur arme Fischer wohnten; meilenweit

entfernt an der anderen Küste lag ein kleines Dorf. Was sich damals

zwischen der jungen Königin und dem schwermütigen Prinzen begab, bei den

Fischersleuten auf der kleinen Insel im blauen Ozean, ist schwer mit Worten

zu erzählen; daß sie am Fuß der weißen Kalkfelsen saßen, oder weiter zurück

unter den hohen Palmbäumen, daß sie sich kaum minutenlang aus den Augen

verloren; daß die Königin, blasser und blasser, nur selten schluchzend den

Kopf auf ihre Brust fallen ließ, und der Prinz die Hand vor seine Stirn

hielt. Die Blicke der Frau wanderten hin und her zwischen dem Meer und

seinem Angesicht; wenn er das blaue Wasser nicht sah, wußte er nicht, ob er

in ihre Augen oder in sich schaute. So fest sie sich umschlangen, so tief

sie sich küßten, die Schwermut der beiden, ihre Angst zueinander, kannte

kein Ende.

Die Abendröte lohte über dem glatten Meer. Sie saßen tagelang in ihren

weißen Mänteln unter den Felsen. Nur die Hände streichelten sie sich

manchmal. Ihre Blicke hingen an dem glitzernden grenzenlosen Wasser. Ihre

stillen Gesichter hellten sich auf. Eine unermeßliche Ruhe atmete das Meer,

die dehnte sich über die Ufer, nahm den Strand, die Kiesel, Muscheln,

Felsen in sich hinein, rührte an die Stirne der beiden.

Bis morgens die gelbe Sonne über den kleinen Strand schien. Da raschelten

die Kiesel, klangen die feinen Steinchen. Über den Sand schleppte der

Purpurmantel der wilden Königin. Die ging einsam, in voller Pracht, langsam

nach dem blauen Meere zu. Auf dem blonden Haar trug sie die goldene Krone.

Von den strengen Schultern fiel der Purpurmantel mit breitem Brokat. Ihr

schmales Gesicht war glatt und süß. So ging die junge Königin allein über

den dünnen Sand in der flimmernden Luft nach dem blauen Meere zu. Zwei

graue Seemöven watschelten im Sand hinter ihr; sie folgten der Königin auf

Schritt und Tritt.

Von einer weißen Klippe stieg der schwermutige Prinz herab, mit bloßem

Haupt, in einem blauen Samtmantel; seine schwarzen Kniehosen waren aus

blankem Atlas, silberweiß waren die Schnallen seiner Schuhe. Er trug einen

runden hohen Stab in der rechten Hand.

Kaum eine Welle warf der blitzende Ozean, als von der Insel heranschritten

die blasse junge Königin und der stille Prinz. Die Wellen schaukelten; mit

flachem Handteller strich der Wind über das glückliche Meer. Dicht schossen

die Möven über die kühl hauchende Fläche.

Oben auf dem flinkernden Wasser schwammen nebeneinander ein runder Stab und

eine goldene Königskrone.

Die Ermordung einer Butterblume und andere Erzählungen · 第 14 / 22 题