Die in den früheren Abschnitten wiederholt erwähnte, in der Natur
vorkommende Gold-Silber-Legierung war in ~Ägypten~ bereits zu
Beginn des 3. Jahrtausends unter dem Namen Asem (Asemu, Ismu,
Usem) wohlbekannt und wurde damals aus Nubien und Äthiopien
eingeführt[5629]. Zur Zeit des Königs ~Sankhara~, um 2300, wird Asem
erwähnt[5630]; um 2000 ist in einem Märchen die Rede von einem Schurz
„mit Asem überzogen“[5631], um 1700 von einem Zauberbuch „mit Asem
beschlagen“[5632]; um 1500 läßt ~Thutmosis~ III. Asem, in Beutel
gefüllt und in Gestalt von Ringen, aus den Puntländern (Südarabien und
Somali-Gebiet?) herbeiholen[5633]; um 1445 setzt dies seine Schwester,
die Königin ~Hatschepsut~, weiter fort und befiehlt, zwei Obelisken
mit Spitzen aus bestem Asem zu versehen[5634]; im Papyrus ~Harris~ des
13. Jahrhunderts und in anderen gleichzeitigen oder späteren Urkunden,
Inschriften und Briefen wird des Asems, des Einkommens an Asem, des
„weißen arabischen“ Goldes im Gegensatze zum „gelben äthiopischen“,
auch des „Goldes, Feingoldes, Weißgoldes, Asems,..“ neben anderen
gedacht[5635], usf. Die Verwendung des Asems war die nämliche wie die
des Goldes, dem es zu mancherlei Zwecken vorgezogen wurde, teils seiner
schönen Farbe und des prächtigen weißlichen Glanzes, teils seiner
größeren Härte wegen, die die Bearbeitung erleichtert.
In +Babylon+ scheint man das Weißgold ebenfalls schon seit altersher
gekannt zu haben, doch sind frühe Zeugnisse zweifelhafter Natur und
selten; ein jüngeres[5636], aus der Zeit ~Nebukadnezars~ II. (605-561),
berichtet über Unterschlagungen „reinen und gemischten Goldes“, welches
letztere vermutlich Asem war; ob als solches auch das „leuchtende
Hasmal“ anzusehen ist, von dem die Schriften des alten Testamentes ein
einziges Mal (bei ~Ezechiel~) sprechen, steht dahin[5637].
In der +Ägäis+ tritt im 3. Jahrtausend Weißgold ebenso wie Gold
zunächst in Klümpchen (φθοΐδες) auf, später auch in Stangen, Kuchen und
Barren[5638], desgleichen in +Troja+, in den Schichten um 2500[5639];
die +mykenische+ Periode verwendet es häufig zu Schmucksachen und
Gebrauchsgegenständen[5640].
Die +Griechen+ lernten das Weißgold zuerst in Kleinasien kennen,
woselbst es reichlich vorkommt, u. a. im Flusse Paktolos bei Sardes
(in Lydien), am Tmolos und Sipylos usf.[5641]. Die Identität des
griechischen „Elektron“ mit dem ägyptischen Asem wies zuerst ~Lepsius~
nach, zeigte den Unterschied zwischen ὁ ἤλεκτρος = Elektron, τὸ
ἤλεκτρον = Bernstein und ἡ ἤλεκτρος = Bernstein-Verzierung[5642], und
hob hervor, wie schwierig es sei, das Elektron mancher griechischen
Schriftstellen mit Bestimmtheit sei es auf das Metall, sei es auf
Bernstein zu deuten[5643]. Bei ~Homer~ und in den sog. homerischen
Hymnen ist z. B. das Elektron in den Palästen des ~Menelaos~[5644] und
der ~Eiresione~[5645] offenbar Weißgold, dagegen das der phönizischen
Halsbänder und Schmucksachen[5646] Bernstein; wenn ~Helena~ für den
Tempel der ~Athene~ zu Lindos einen Kelch aus Elektron nach dem
Maße ihres Busens stiftete[5647], so kann es sich nur um Weißgold
handeln, und von diesem sprechen auch ~Hesiod~ im Gedichte vom
„Schild des ~Herakles~“[5648], ~Herodot~, wo er das lydische Weißgold
(χρυσὸς λευκός) dem gelben, durch Ausschmelzen gereinigten (ἄπεφθος)
gegenüberstellt[5649], sowie ~Sophokles~, der in der „~Antigone~“ der
Bestechung durch Schätze „sardischen Elektrons und indischen Goldes“
Erwähnung tut[5650].
Das Wort „Elektron“ hängt nach ~Usener~ zusammen mit Ἠλέκτωρ
(~Elektor~) = dem Strahl, dem Namen eines besonderen Gottes der Sonne,
der sich noch im „~Helios Elektor~“ der epischen Dichtung erhalten hat,
sowie in den Eigennamen ~Elektryon~ (Vater der ~Alkmene~), ~Elektryone~
oder ~Alaktryona~ (rhodische Göttin), ~Elektra~ (vorgriechische
Lichtgöttin; Tochter des ~Atlas~; bei ~Homer~ noch nicht Tochter des
~Agamemnon~), usf.; Elektros heißt ein an glitzerndem Wasser reicher
Fluß in Kreta, die „elektrische Pforte“ zu Theben ist die „schimmernde“
(wenn nicht etwa die „südliche“, der Sonne, dem ~Helios Elektor~
zugewandte), und so dürfte auch „Elektros“ ursprünglich das Strahlende,
dem Sonnenscheine des ~Helios Elektor~ Gleichende bedeuten[5651].
Fraglich bleibt, ob der nämlichen Gruppe von Ausdrücken auch ἀλέκτωρ
(Aléktor), ἀλεκτορίς, αλεκτρυών, zuzuzählen ist, der gelbglänzende,
den Sonnenaufgang verkündende Vogel der Iranier, der Hahn[5652];
~Keller~ z. B. will dessen Bezeichnung mit dem persischen al Keter (=
der Gekrönte, cristatus) in Verbindung bringen[5653], ~Wessely~ aber
mit dem ~Alektor~, der bei ~Homer~ noch als Eigenname vorkommt, später
jedoch Kämpfer und Abwehrer bedeutet[5654]. Hiernach glaubt er auch
„Elektros“, den Bernstein, nach dessen Farbe erst hinterher das Metall
benannt sei, von den Wurzelsilben ἀλεκ = „abwehren“ und τρον = „Mittel
zur Tätigkeit“ ableiten zu sollen, so daß „Elektros“ = Abwehrmittel,
Amulett, aufzufassen wäre, und nichts mit ἠλέκτωρ zu tun hätte, das
„Mittel zum Glänzen“ ergäbe, statt „Glänzendes“[5655]. ~Schrader~
hält hingegen eine solche Trennung, die nach allem Obigen auch sonst
vielerlei Schwierigkeiten begegnet, für ganz unzulässig[5656].
Daß das Elektron aus Gold und Silber besteht und ersteres von letzterem
durch „Wegkochen, Wegbrennen, Wegschmelzen“, d. h. auf metallurgischem
Wege, befreit werden kann, scheint man in Lydien wenn nicht überhaupt
herausgefunden, so doch frühzeitig erkannt und demgemäß die wegen
ihrer Farbe, Härte und Billigkeit schätzbare Legierung auch wieder
durch Zusammenschmelzen ihrer Bestandteile künstlich dargestellt
zu haben[5657]. Die in Lydien zuerst aufgekommenen Münzen wurden
anfangs, etwa gegen 700, aus natürlichem Elektron verfertigt, das
zu solchem Zwecke freilich sehr wenig geeignet war, weil sein Wert
mit der wechselnden Zusammensetzung stark schwankte[5658], --
denn der Silbergehalt beträgt oft nur 6-16%[5659], wobei es einen
goldig hellen, oft aber 33-50% und noch mehr[5660], wobei es einen
weißlichen bis silberweißen Schimmer zeigt; in ägyptischem Elektron
sind nach ~Hultsch~ 27% Silber nachgewiesen[5661], in mykenischem
nach ~Rhousopoulos~ 12-24%[5662], in vorderasiatischem nach ~Blümner~
20-48%[5663], nach ~K. B. Hofmann~[5664] sowie ~Hultsch~[5665] 40-50,
meist sogar 60%. Der Ersatz jener Elektron-Münzen durch solche aus
reinem Gold und Silber ist unstreitig ein Verdienst der Lyder, und
zwar wurden zunächst nur größere Stücke, erst weiterhin aber auch
Teil- und Scheide-Münzen in Verkehr gesetzt, wobei das Wertverhältnis
Silber: Elektron: Gold = 1 : 10 : 13⅓ betrug[5666]. Die Griechen
lernten das Münzwesen zuerst in ihren kleinasiatischen, unter lydischer
Oberhoheit stehenden Städten kennen[5667], und ihre ersten Geldstücke,
z. B. die von Aegina und von Athen (mit der Eule), bestanden in der
ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts ebenfalls aus Elektron, etwas später
aber auch schon aus Silber[5668]; jene von Aegina entsprechen der
uralten Gewichtsnorm des ägyptischen Königs ~Chufu~ von etwa 2800,
offenbar wegen des Handelsverkehrs mit Unterägypten[5669], und eines
der ältesten, aus Elektron bestehenden, zeigt noch den Namen des für
seinen Wert haftenden τραπεζίτης (wörtlich: Bankhalters) und trägt die
Umschrift „Φάνους ἐιμὶ σῆμα“, „Ich bin das Zeichen des ~Phanes~“[5670].
In +Etrurien+ kommt Elektron erst verhältnismäßig spät vor, in
Nordafrika (Karthago) noch später, etwa von 500 an; dort, sowie
in Gallien, stand es lange Zeit hauptsächlich zu Münzzwecken in
Verwendung[5671]. In +Rom+ lebt das Elektron, das fast allerorten
vermöge der Fortschritte der Metallurgie schon frühzeitig durch das
reine Gold und Silber stark zurückgedrängt wurde, vorwiegend nur in
der Litteratur fort: ~Vergil~ erwähnt es bei der Beschreibung des von
~Vulkan~ für ~Aeneas~ verfertigten Schildes[5672]; ~Plinius~ stellt
allerlei Angaben zusammen[5673]; ~Silius Italicus~ (25-100 n. Chr.)
sagt im Gedicht vom „Punischen Kriege“:
„Spaniens Boden erglänzt vom Doppelmetall des Elektrons“[5674];
die „Sibyllinen“ rühmen die Freigebigkeit Kaiser ~Hadrians~ (117-138),
„der Gold und Elektron verschenkte“[5675]; ~Pausanias~ spricht von
dem „aus Gold und Silber gemischten Elektron“[5676]; Kaiser ~Julianus
Apostata~ erzählt in den um 362 verfaßten „Cäsaren“ gelegentlich einer
Götter-Versammlung: „Der Sitz des ~Saturn~ war schimmernd schwarzes
Ebenholz, der des ~Zeus~ war heller als Silber, jedoch blässer als
Gold, -- ob man aber den Stoff Elektron benennen soll, oder wie sonst,
wußte mir ~Hermes~ nicht ganz genau der Wissenschaft der Metallkunde
gemäß anzugeben.“ -- In jüngerer, byzantinischer Zeit wurde auch das
glänzende Email als „Elektron“ bezeichnet[5677], -- so z. B. übersandte
Kaiser ~Justinian~ (518-527) dem Papste ~Hormisdas~ (514-523) „gabatum
electrinam“, einen emaillierten Kelch[5678] --, und in noch späterer
heißt selbst ein glänzender Firnis „Elektron“, so z. B. bei ~Stephanos
Magnetes~ gegen 1100[5679].
Während des Mittelalters, und noch in der Neuzeit, versteht man unter
Elektron nicht selten Gemische aus beliebigen Metallen, nicht bloß
aus edlen, wenngleich diese vorwiegend in Betracht kommen. ~Petrus
Martyr~ erzählt, man habe bei Auffindung Cubas daselbst eine große
Menge Elektron erbeutet, dessen Herkunft nicht zu erfahren war[5680];
es ist dies das nämliche Metall, das nach dem Berichte der ersten
Entdecker auch die Bewohner Haïtis und verschiedener kleiner Antillen
unter dem Namen „Guanin“ besaßen, und dessen Proben nach ~Humboldt~
56% Gold, 19% Silber und 25% Kupfer, oder 63% Gold, 14% Silber und
19% Kupfer enthielten[5681]. Noch der Predigermönch ~Labat~ teilt
mit, daß gegen 1700 die Eingeborenen Westindiens das Wort „Caracoli“
für ihren Halsschmuck gebrauchten, aber auch für das zu seiner
Verfertigung dienende, schöne und glänzende Metall, das angeblich
zusammengeschmolzen werde aus Gold, Silber und Kupfer, „die sie alle
drei sehr rein haben“, das aber vielleicht auch ein Naturprodukt sei
und jedenfalls von den Europäern nur sehr unvollkommen nachgeahmt
werden könne[5682]. Den Anlaß zur Darstellung solcher Gemische gab hier
wie allerorten die zu große Weichheit des reinen Goldes, die seine
Bearbeitung in hohem Grade erschwert. -- In dem vor 1500 verfaßten
„Wunderbuche“ des Abtes ~Trithemius~ überliefert dieser „Electrum
magicum“ als Namen einer aus allen sieben Metallen bestehenden, daher
äußerst zauberkräftigen Legierung, „die sich die Araber und Ägypter
von den Chaldäern aneigneten“[5683]; Ringe von geheimer Kraft, aus der
nämlichen Legierung bereitet „während einer Konstellation des Merkur
und Saturn“, rühmt ~Paracelsus~[5684], dergleichen Ringe und Taler der
etwas spätere ~Thurneisser~[5685], und einen unfehlbaren „magischen
Degen“ aus Elektron noch ~Schwenter~ 1636[5686]. -- Der Merkwürdigkeit
halber sei schließlich der Tatsache gedacht, daß nordamerikanische
Anhänger der Doppelwährung noch vor einigen Jahrzehnten die Prägung von
Dollars aus einer Elektron-Legierung empfahlen[5687].
Auf das, so oft mit dem metallischen „Elektros“ zusammen genannte,
oder mit ihm verwechselte „Elektron“, den +Bernstein+, des näheren
einzugehen, ist an dieser Stelle ausgeschlossen, und es muß genügen,
hier nur auf einige, für weiter unten zu erörternde Fragen wichtige
Hauptpunkte seiner Geschichte hinzudeuten, im übrigen aber auf die
einschlägige, zwar kurzgefaßte, aber sehr inhaltreiche Schrift
~Wesselys~ zu verweisen[5688].
Im nördlichen Mitteleuropa ist Bernstein bereits während der älteren
Steinzeit nachweisbar, zuweilen sogar in recht beträchtlichen Mengen,
die hauptsächlich das große Bernsteingebiet West-Dänemarks, zum Teil
aber auch das Ostpreußens lieferte[5689]; in der jüngeren Steinzeit,
und nach deren Ende, etwa von 2000 ab, wird er jedoch daselbst
selten, zugleich aber im südlichen Mittel- und in Süd-Europa, die ihn
vorher kaum kannten, unerwartet häufig; fraglos hängt dies mit dem
Eindringen von Gold, vor allem aber von Bronze, zusammen, für die er
das vornehmlichste, ja oft einzige Tauschmittel darstellte, so daß ihn
~Wessely~ mit vollem Recht „eine eminent europäische Kulturerscheinung
der prähistorischen Zeit“ nennt[5690]. Ein Austausch geschätzter Waren
von Volk zu Volk vollzog sich offenbar allerorten schon in +weit+
früheren Perioden, als man zumeist anzunehmen pflegt, wovon für das
zentrale Europa das Vorhandensein von Muscheln des Mittelmeeres in
Funden aus der älteren Steinzeit Zeugnis ablegt, für das zentrale
Nordamerika aber jenes von Schnecken und Muscheln des atlantischen
Ozeans im Inhalte der sog. „Mounds“ am Mississippi[5691]. Auf solche
Weise gelangte auch der Bernstein spätestens gegen etwa 1600 an die
Küsten des westlichen Mittelmeeres, von wo ihn die Phönizier bald
darauf nach dem Osten brachten[5692], so daß das vereinzelte Vorkommen
von Bernsteinperlen in vorderasiatischen und assyrischen Grabstätten
aus der Zeit vor und seit 1500[5693] und das reichliche in den
mykenischen Kuppelgräbern gegen 1100[5694], sowie in den jedenfalls
noch erheblich jüngeren kaukasischen Gräbern nächst Koban[5695], nicht
wundernehmen kann. Ein Hauptweg, den der aus dem Norden kommende
Bernstein einschlug, führte über die Rheinlande und rheinaufwärts,
oder über Gallien und rhoneabwärts nach dem Po-Gebiete des östlichen
sowie nach den Küstenstrichen des westlichen Norditaliens[5696].
An diese, ursprünglich vorwiegend von Ligurern bewohnten Gegenden
knüpfen sich bei den Griechen, -- jedoch noch nicht bei ~Homer~, der
Bernsteinschmuck in den Händen phönizischer Kaufleute erwähnt[5697] --,
die Sagen über die Schwestern des ~Phaethon~, die, an der Mündung des
Eridanos (Po) in Pappeln verwandelt, Bernstein-Tränen vergießen, sowie
die über das λυγκούριον (Lynkúrion), den zu Bernstein verhärtenden
Harn (οὔρον, Uron) des Luchses (λύγξ, Lynx), den dieses boshafte Tier
den Menschen nicht gönnt und deshalb in der Erde verscharrt. Letztere
Fabel erklärt sich aus einer mißverständlichen Volksetymologie,
indem λιγούριον δάκρυ, die „ligurische Träne“, oder das abgekürzte
„Ligurion“, zu „Lynkurion“ entstellt, und dieses als „Harn des
Luchses“ gedeutet wurde[5698]. Derlei, schon dem ~Theophrastos~ (um
320 v. Chr.) geläufige Märchen[5699] erhielten sich bis in das späte
Altertum lebendig, -- noch ~Lukian~ stellte sie in seiner Abhandlung
„De electro“ zusammen[5700] --, und gingen dann in gleicher Weise
in die Litteratur des Mittelalters, ja die der Neuzeit über, so daß
z. B. ~Ruellius~, der 1543 sein großes Pflanzenwerk herausgab, nicht
verabsäumt, sie anzuführen, wo er von den „drei Arten des Elektrons“
spricht, „dem natürlichen, dem künstlichen und dem Bernstein“[5701].
Daß man sich über das Wesen des Bernsteins als verhärtetes Baumharz
seit altersher klar war, beweist u. a. die Behauptung des ~Ktesias~
(um 415 v. Chr.), daß das an Schätzen jeglicher Art überreiche Indien
auch die Bäume hervorbringe, auf denen der Bernstein „wächst“[5702],
-- eine Behauptung, die, weitergegeben durch ~Aelian~[5703] und den
spätbyzantinischen ~Manuel Philes~[5704] (13. Jahrhundert, zur Zeit des
Kaisers ~Michael Palaeologus~), ihren Weg in die gesamte abendländische
Litteratur nahm[5705]. -- Was die Herkunft des Bernsteins betrifft,
so wußte man ebenfalls schon frühzeitig, daß ihn nicht die Küsten
Liguriens oder des westlichen Mittelmeeres erzeugen, aus deren Häfen
ihn die Phönizier zuerst heranholten, sondern gewisse, in äußerster
Ferne gelegene Inseln; bei den späteren +Griechen+ heißen sie
Elektriden, unter welchem Namen sie auch ~Plinius~[5706], und noch um
400 n. Chr. ~Martianus Capella~ kennen und als „Insulae Electrides,
in quibus electrum gignitur“ (die den Bernstein hervorbringen)
anführen[5707], bei den +Römern+ aber, z. B. bei ~Plinius~, „Insulae
glaesariae prope Brittaniam“, „Glas hervorbringende Inseln, gelegen
unweit Britanniens“[5708], d. s. die dem westdänischen Gebiete
vorgelagerten Inseln der Nordseeküste. Glaes, latinisiert glaesum oder
glaessum = Glas, Glast, Glanz, war offenbar der alte einheimische Name
des Bernsteins[5709], den erst in späterer Zeit „dessen Surrogat- und
Konkurrenz-Artikel an sich riß“, das gewöhnliche Glas[5710]; Glasperlen
sind in Mitteleuropa während der reinen Bronzezeit noch sehr selten,
und Funde wie in einem Pfahlbau von ungefähr 1500 zu Wollishofen
(Schweiz) stehen vereinzelt; gegen Ende dieser Periode, etwa seit
dem 12. und 11. Jahrhundert, erweisen sie sich aber, oft zusammen
mit Silber und Eisen, schon ziemlich verbreitet[5711], -- es sind
gegenwärtig etwa 25 nordeuropäische Funde orientalischer Glasperlen
bekannt[5712] --, und die Bezeichnung des Bernsteins, Glas, ging dann
allmählich auf die neue Ware über. Das Bernsteingebiet Ostpreußens
betraten die Römer, wie ~Plinius~[5713] berichtet, erst zur Zeit
~Neros~; der von ihm angeführte lateinische, richtiger latinisierte
Name „Sucinum“ oder „Succinum“ leitet sich von einem in jener Gegend
gebräuchlichen einheimischen ab, der sich noch im lettischen „Sakai“
(eigentlich = Harz) erhalten hat[5714], und steht vielleicht auch mit
dem nach ~Plinius~ bei den Ägyptern und Skythen üblichen „Sacal“ und
„Sacrium“ im Zusammenhang.
Zum Schlusse sei noch erwähnt, daß zur Lösung der für die Beurteilung
von Funden oft entscheidenden Frage nach der Herkunft des zugehörigen
Bernsteins die chemische Analyse wichtige Anhaltspunkte liefert: von
anderen charakteristischen Produkten abgesehen ergibt z. B. unter sonst
gleichen Umständen der Ostsee-Bernstein 65-80% Bernsteinsäure, der
zuweilen in Sizilien vorkommende nur 1-16%, der Nordsee-Bernstein aber
einen Betrag von mittlerer Höhe; diese, schon vor längerem entdeckten,
nachher aber wieder angezweifelten Tatsachen, haben in neuerer Zeit
durch die genauen vergleichenden Untersuchungen von ~Reuther~[5715]
ihre endgültige Bestätigung erfahren.