2. Die Entstehung der Alchemie.

Aus den im vorigen Abschnitte dargelegten Tatsachen, nämlich der

Entwicklung einer nach vielen Richtungen hin weit vorgeschrittenen

Technik, der Kenntnis systematisch ausgebildeter Verfahren zum Ersatze

kostbarer Metalle, Edelsteine und Farbstoffe durch minderwertige

Nachahmungen, sowie der Ausübung der mit echtem und falschem Material

arbeitenden „Künste“ in den Tempel-Werkstätten, folgerten bereits die

Schriftsteller des 16. und 17. Jahrhunderts, -- so unbestimmt sie

auch nur über alle Einzelheiten unterrichtet sein konnten --, daß der

Ursprung der Alchemie im Bereiche der ägyptischen Gotteshäuser zu

suchen sei; diese Ansicht hat sich zwar als verschiedener Abänderungen

bedürftig, im wesentlichen aber als richtig erwiesen.

Ohne auf die Äußerungen der älteren Autoren einzugehen, unter denen

auf das rühmlichste ~Salmasius~ (~Saumaise~) hervorragt, der die

Manuskripte der Pariser Bibliothek von 1610 bis 1615 eingehend

durchforschte[3047], sei hier nur an die Darlegungen von ~Wiegleb~,

~Moehsen~, ~Sprengel~, ~Schmieder~, ~Chevreul~, ~Hoefer~, ~Kopp~,

~Figuier~, ~Hoffmann~, ~Berthelot~ und ~Riess~ erinnert, die, mit

dem Jahre 1777 einsetzend und bis zur Gegenwart herabreichend,

übereinstimmend zum Schlusse führen, daß ab Ausgangspunkt der

Alchemie die Metallurgie und des näheren die chemische Technik der

Edelmetalle und ihrer Surrogate anzusehen sei. Bereits ~Wiegleb~

erklärt durchaus zutreffend[3048], die Gewinnung des Goldes sei bei

den alten Ägyptern, als alleiniges Vorrecht der Könige, nach gewissen

geheim zu haltenden Verfahren erfolgt, habe aber stets nur als eine

κατασκευή (Kataskeué, Aufbereitung) gegolten, niemals als eine γένεσις

(Génesis, Neuentstehung) oder μεταβολή (Metabolé, Umwandlung),

und ebensowenig sei dies anfänglich betreff der durch „Färben“

von Kupfer herstellbaren Legierungen der Fall gewesen[3049]. Auch

~Chevreul~[3050], ~Hoefer~[3051] und ~Kopp~[3052] sind der Ansicht,

daß alle späteren Entwicklungen in letzter Linie auf die in Ägypten

seit uralter Zeit[3053] ausgeübten mannigfachen metallurgischen,

präparativen und pharmazeutischen Verfahren zurückgehen, also auf

die chemisch-technische Praxis der Künste, Gewerbe, Kunstgewerbe

und Handwerke; ebenso läßt sie ~Berthelot~ in richtiger, wenngleich

nicht (wie er in Anspruch nimmt) origineller Weise, „den ägyptischen

Industrien entfließen, deren Gegenstand die Herstellung von Metallen

und Legierungen, Glaswaren, künstlichen Edelsteinen und gefärbten

Stoffen war“[3054], und desgleichen erblickt ~Riess~ ihre Quelle in

den seit altersher gebräuchlichen und durch die Erfahrungen vieler

Generationen vervollkommneten Methoden der Metall-Gewinnung und

-Verarbeitung, der Erzeugung von Glasflüssen, Edelsteinen und Perlen,

sowie der Färberei mit Purpur und anderen Farbstoffen[3055].

Vermutlich waren derlei Verfahren ursprünglich Hoheitsrechte und

Geheimkünste bevorzugter Stände, und zwar die einen, mehr die

Großbetriebe (wie die der Gold-Bergwerke und -Wäschen) betreffenden,

etwa solche des Hofes und der in der Hofsprache als „Freunde des

Königs“ bezeichneten hohen Beamten, die anderen, mehr der Feinkunst

zugehörigen, solche der Priesterschaft; diese ihre Eigenart erklärt

ohne weiteres die Vorschrift, sie nur den Eingeweihten mitzuteilen

und nichts über sie niederzuschreiben[3056]. Während aber die Könige

kraft ihrer Herrschergewalt ein Monopol wie das der Goldgewinnung

festzuhalten und sich und ihren Nachfolgern erblich zu bewahren

vermochten, gelang es den Priestern offenbar nicht, den gesamten

Bereich geheimer Kenntnisse einem weiteren Kreise dauernd zu

verbergen, vielmehr trat im Laufe der Entwicklung, wie in zahlreichen

gleichartigen Fällen so auch hier, allmählich eine profane „Kunst“ an

die Seite der sakralen, ohne diese jedoch auf ihrem Sondergebiete zu

beeinträchtigen oder sogleich in jede Einzelheit ihrer Überlieferungen

einzudringen. Auf das tatsächliche und schon sehr frühe Vorhandensein

dieser Profankunst und auf ihre stetig und erfolgreich fortschreitende

Entfaltung wurde an vielen Stellen des vorhergehenden Abschnittes

hingewiesen; neben ihr blieb aber, wie gleichfalls angeführt, die

Tempelkunst nicht nur ebenfalls lebendig und fuhr fort, Götterbilder,

heilige Geräte, Festgewänder u. dgl. anzufertigen und auszuschmücken,

sondern auch sie erweiterte nach und nach den Umkreis ihres Gebietes,

neue Verfahren aufnehmend und sie auf neue Zweige kunstvoller Tätigkeit

ausdehnend.

Es liegt nun kein Grund vor, zu bezweifeln, daß die Erfahrungen,

die uns z. B. im Leidener und Stockholmer Papyrus in Gestalt eines

umfangreichen und nach vielen Richtungen weitentwickelten Systems

völlig offener Nachahmung und Fälschung von Edelmetallen, Edelsteinen

und Farbstoffen entgegentreten, zuerst +da+ gesammelt wurden, wo

Veranlassungen gegeben und Mittel vorhanden waren, größere Arbeiten

in kostbaren Materialien auszuführen, also in den Werkstätten der

Tempel, und daß ferner die „Geheimnisse der Goldhäuser“ nicht nur

das erste ursprüngliche Wissen um die Herstellung der Götterbilder

aus Gold, Silber, „echten“ Steinen u. dgl. umfaßten, sondern auch

das allmählich erworbene um den Ersatz dieser echten Rohstoffe durch

passend nachgeahmte. Dafür, daß dies bereits in sehr früher Zeit der

Fall war, spricht nicht nur das hohe Alter zahlreicher Angaben, die

Echtes und Unechtes nachdrücklich auseinander halten, sondern auch

schon Umfang und Mannigfaltigkeit der Vorschriften jener Papyri und

der weit hinter ihnen zurückliegenden Grundtexte, die sie (wie schon

oben erwähnt) zum großen Teile und mit einer Art orthodoxer Genauigkeit

wiederzugeben scheinen; die Gesamtheit derartiger Rezepte kann nur als

Ergebnis langsam fortschreitender, ungezählte Jahrhunderte umspannender

Entwicklung aufgefaßt werden.

Auch darüber kann kein Zweifel walten, daß die einschlägigen Vorgänge

oft unrichtig beobachtet und noch öfter unrichtig ausgelegt wurden.

Gewann man z. B. aus Materialien, deren Gehalt an Edelmetallen nicht

unmittelbar erkennbar war, Gold oder Silber, so konnte die Kunst der

Abscheidung gar leicht als eine solche der Hervorbringung gelten[3057].

Trat an einem Metall auf Zusatz eines anderen oder irgend eines

Präparates eine erhebliche Veränderung der Farbe und der Eigenschaften

zutage, so war ein neues Metall entstanden[3058]. Lieferte das rote

Kupfer mit arsen- oder quecksilberhaltigen Zusätzen eine silberfarbige

Masse und mit zinn- oder zinkhaltigen eine goldfarbige, so hatte man

Silber und Gold „gemacht“, und erwies es sich nicht für +alle+ Zwecke

als brauchbar, so war doch das gemeine Metall mindestens +so+ weit

veredelt, daß man hoffen durfte, durch Wiederholung oder Abänderung

+völlig+ zum Ziel zu gelangen: denn jede derartige Überführung galt,

ebenso wie die von Kupfer in Bronze durch verhältnismäßig sehr wenig

Zinn, für eine bloße „Färbung“ (βαφή, Baphé) des Grundstoffes, und war

diese noch nicht +ganz+ die richtige, so blieb sie doch vielleicht

+weiter+ vervollkommnungsfähig, soferne man andere Mittel oder andere

Mengenverhältnisse zur Anwendung brachte[3059]. Erhielt man endlich

schon frühzeitig aus Gold und Silber das Asem (Elektron), -- aus dem

man später überdies das reine Gold wieder abzuscheiden lernte --, und

auch aus unedlen Metallen dem Asem gleichende Legierungen, so lag die

Vermutung nahe, daß Gold und Silber selbst ebenfalls aus verschiedenen

Bestandteilen zurechtgemischt und durch geeignete Anreicherung

der Schmelzen in beliebig zu vermehrender Menge gewonnen werden

könnten[3060]. Als weitere und besonders wichtige Tatsachen auf dem

nämlichen Gebiete heben ~Hoefer~[3061] und ~Kopp~[3062] mit Recht die

anscheinend sehr alten Wahrnehmungen hervor, daß durch Einwirkung von

Schwefel auf manche arsenhaltige Substanzen das gelbe Auripigment und

rote Realgar entsteht, aus Schwefel und Quecksilber aber der anfänglich

schwarze, durch Erhitzen jedoch rot werdende und deshalb in der

Folgezeit „Hermaphrodit“ benannte Zinnober[3063], -- Stoffe, die genug

Metallartiges an sich zu haben schienen, um noch im 17. Jahrhundert

als „Metallica“ abgehandelt zu werden[3064]. Alle diese Beobachtungen

mußten die Anschauungen bestärken, daß es sich bei der angestrebten

Herstellung gold- und silberglänzender Legierungen und schließlich

auch der Edelmetalle selbst um nichts anderes handle als um eine

„Färbung“, gleich der von Leinen oder Wolle, und um die Ermittlung des

richtigen Färbemittels, der rechten „Tinktur“[3065]; daraus, -- so sagt

~Kopp~ --, daß diese freilich mißverständliche Idee der reinen Praxis

und einem empirisch wohlbegründeten Wissen entsprungen war, erklärt

sich die Zähigkeit, mit der die Gleichsetzung von Metall-Herstellung

oder -Umwandlung und Färbekunst (βαφικὴ τέχνη) seit ihrem ersten

Auftauchen so viele Jahrhunderte lang unentwegt festgehalten

wurde[3066]. „Färbungen“ waren und blieben auch, wie schon ~Salmasius~

und neuerdings wieder ~Berthelot~ hervorhob, die drei seit jeher

benützten Hauptverfahren der Metall-Arbeiter und -Fälscher, nämlich das

Überziehen der Oberflächen mit dünnen Schichten echten oder unechten

Goldes und Silbers, der Ersatz dieser metallischen Schichten durch

metallglänzende Anstriche oder Firnisse, und endlich die Herstellung

der gesamten Gegenstände aus gold- und silberfarbigen Legierungen.

Hatte man auf irgendeinem dieser Wege die gesuchte Färbung zustande

gebracht, so war auch das gesetzte Ziel erreicht, man erfreute sich in

aller Aufrichtigkeit der gelungenen Nachahmung oder Fälschung, erteilte

den Kunstprodukten kurzweg die Namen der echten, -- „du erhältst

Purpur“, „du findest Smaragd“, heißt es im Stockholmer Papyrus --, und

stellte mit Befriedigung fest, wie sie selbst die τεχνῖται (Techniten)

derart täuschten, daß sie nichts von der Unterschiebung bemerkten. Wie

schon weiter oben hervorgehoben wurde, läßt diese im Texte des Leidener

und Stockholmer Papyrus öfter wiederkehrende Versicherung ohne weiteres

ersehen, daß die geschilderten Kunstgriffe nicht von den Techniten

selbst herrührten, sondern von Persönlichkeiten höheren Ranges, die

sich im Besitze umfangreicherer, zum Teil auch sorgfältig geheim

gehaltener Kenntnisse befanden.

Nun geht, ganz abgesehen von anderen, später zu besprechenden

Gründen, schon aus der allgemeinen und stehenden Bezeichnung der

Alchemie als „ἱερὰ, θεία, δογματικὴ τέχνη = heilige, göttliche,

dogmatische Kunst“ zweifellos hervor, daß sie nicht von der

+profanen+ Technik ihren Ausgang nahm, sondern von der +sakralen+,

also von der der Tempelwerkstätten; alles spricht daher dafür, daß

jene „höheren Persönlichkeiten“ dem Stande der Priester angehörten,

die, wie ~Figuier~ schon vor über einem halben Jahrhunderte richtig

urteilte[3067], „zwar nicht die höhere verborgene Weisheit besaßen,

die ihnen die Folgezeit zuschrieb, dagegen vielerlei empirische und

praktische Kenntnisse“. Tatsächlich gelten auch der gesamten antiken

Tradition, der hierin die Ermittlungen der Ägyptologie zur Stütze

gereichen, die ägyptischen Priester als älteste Vertreter der Kunst,

Edelmetalle, Edelsteine und Purpur nachzuahmen und zu fälschen, einer

Kunst, deren Ursprung sich in den „Geheimnissen“ der zur Herstellung

der Götterbilder, sowie der gottesdienstlichen Geräte und Gewänder

bestimmten „Goldhäuser“ verliert; auch die vielerlei, zum Teil

freilich sagenhaften Berichte über die Aufbewahrung und Auffindung

von „Rezeptbüchern“ in Tempeln bestätigen, daß sich in diesen auch

die Werkstätten zur Ausübung der betreffenden Vorschriften befanden

und machen es ferner erklärlich, daß die Legende das erste Auftreten

des späterhin als „Vater der Alchemie“ gerühmten sog. ~Demokritos~

(~Pseudo-Demokritos~) in den Tempel zu Memphis verlegt (s. weiter

unten).

So lange die ägyptische Landesreligion und mit ihr die Priesterschaft

auch nur einigermaßen ihre herkömmliche Stellung behauptete, -- und

dies blieb ihr, trotzdem die Zeichen längst begonnener Auflösung

immer deutlicher hervortraten, bis in die ptolemäische Zeit hinein

möglich --, scheinen die geschilderten Verhältnisse keine wesentliche

Veränderung erfahren zu haben. Eine solche trat erst ein, als im

weiteren Verlaufe der hellenistischen Bewegung der Verfall des ererbten

Glaubens mit zunehmender Schnelligkeit fortschritt, im 1. Jahrhundert

v. Chr. schon mit überraschender, im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. mit

erschreckender, und als das Eindringen der oft falsch verstandenen

Lehren spätgriechischer Philosophie, hermetischer und gnostischer

Vorstellungen, sowie orientalischer Kulte zur völligen Zersetzung der

alten Religion und ihrer Organisation führte. Der in den vorhergehenden

Abschnitten geschilderten Zeitströmung, die sich auf allen Gebieten

des öffentlichen und privaten Lebens durch Überhandnahme der Magie und

Mantik, Zauberei und Mystik, Astrologie und Dämonologie geltend machte,

konnten sich auch die Priester nicht mit dauerndem Erfolge widersetzen,

und wenn es ihnen glückte, ihr Dasein noch verhältnismäßig lange mit

einem gewissen äußeren Ansehen zu umgeben und in auskömmlicher Weise

wirtschaftlich gesichert zu fristen[3068], so ist dies nur dem Umstande

zuzuschreiben, daß sie, teils in richtiger Einsicht, teils unter der

Macht des Zwanges, dem Drängen der großen Menge nachgaben und ihr

boten, was sie verlangte: freilich wurde der Priester so aus einem

Hüter des Glaubens zum Pfleger des Aberglaubens, er hatte in erster

Linie das, was man ihm zuschrieb und bezahlte, nämlich die Fähigkeit

persönlichen Einwirkens auf das Walten der guten und bösen Gottheiten,

auch ausreichend nachzuweisen, und da ihm hierzu jedes Mittel das

rechte sein mußte, sank er vom geschäftsmäßigen Beschwörer und

Geisterbanner zum arglistigen Zauberer und Gaukler und von diesem zum

bewußt täuschenden Schwindler und Betrüger herab. Wie die Geschichte

für so viele ähnliche Fälle bestätigt, gibt es auf diesem Wege keine

Umkehr: jeder Niedergang des Standes fördert den weiteren seiner

Zugehörigen, und jede Entwürdigung des Einzelnen beschleunigt die

völlige Verderbnis der Gesamtheit.

Was nun auf sämtlichen Gebieten priesterlicher Tätigkeit statthatte,

das vollzog sich auch auf dem der Tempelgewerbe, und wenn man bis

dahin bei aller Geheimtuerei doch in ganz aufrichtiger Weise auf

Nachahmung und Fälschung ausgegangen war, so gab man +nunmehr+ vor,

vermöge magischer Mittel und unter Mithilfe der Geister nicht etwa

gleichwertigen +Ersatz+ für Gold, Silber und andere Kostbarkeiten

herstellen zu können, sondern +diese selbst+. Wie es aber, -- schon

weiter oben wurde darauf hingewiesen --, der synkretistischen Richtung

überhaupt eigen war, sich nicht mit der einfachen Verschmelzung

überlieferter mystischer, theurgischer und anderer Praktiken

zu begnügen, sondern gleichzeitig auch „deren Verfeinerung und

theoretische Begründung anzustreben, und zwar durch Anlehnung an

Anschauungen, die unter dem Titel ‚philosophischer‘ die sogenannten

gebildeten Kreise des Zeitalters erfüllten“, so durfte es auch im

vorliegenden Falle nicht bei der bloßen Behauptung sein Bewenden

finden, vielmehr sollte diese durch eine zureichende Theorie gestützt

werden. Eine derartige Forderung zu stellen, lag selbstverständlich

ganz außerhalb des Gesichtskreises gewöhnlicher Techniten, wohl aber

konnten sie Priester erheben, die, unter hellenistischen Einflüssen

großgezogen, über den Weg zu ihrer Erfüllung von vornherein im klaren

waren: Beweise für die Möglichkeit und Lösbarkeit der Aufgabe hatte

die griechische Philosophie zu erbringen, und zwar in erster Linie auf

Grund jener von ~Platon~ und ~Aristoteles~ aufgestellten Lehren vom

Wesen und von den Umwandlungen der Materie, von der Entstehung der

Bronze aus Kupfer und Zinn usf., die dem Zeitalter (obwohl zumeist nur

in vielfach abgeändertem und entstellendem Gewande) durchaus vertraut

waren und noch über die Schriften seiner spätesten Autoren einen

wenngleich schwachen, so doch unverkennbaren Abglanz der ursprünglichen

Gedanken, Betrachtungen und Ausdrucksweisen verbreiten[3069]. In

zweiter Linie wurden aber auch brauchbare, passend ausgewählte

Anschauungen der nacharistotelischen Schulen zur Stütze herangezogen.

Nicht in der Körperschaft praktisch tätiger Techniten nahmen

also die alchemistischen Ideen ihren Ursprung, etwa indem (nach

~Schmieder~)[3070] die Arbeiter zunächst sich selbst und dann

andere täuschten, oder (nach ~Berthelot~) anfänglich wirklich

glaubten Gold und Silber erzeugen zu können und hieran erst später

durch höher Gebildete irre gemacht und zu deren Zwecken ausgenützt

wurden[3071], -- findet doch ~Berthelot~ schließlich selbst einen

solchen Vorgang auffällig und überraschend[3072] --, vielmehr ist die

Quelle jener Gedanken in der Gilde der spätägyptischen, richtiger

ägyptisch-hellenistischen Priester zu suchen. Bei ihnen allein

vereinigten sich die verschiedenen, sämtlich gleich wichtigen und

unentbehrlichen Elemente: Vertrautheit mit den Arbeitsmethoden,

Gelegenheit zu ihrer Ausübung, Kenntnis des griechischen, ägyptischen

und orientalischen Mysterienwesens sowie der hellenistischen

Philosophie, und endlich reichlicher Anlaß zur Verwertung der

einschlägigen Vorführungen im eigenen wie im Standes-Interesse.

Schauplatz derartiger, wie aller anderen mit Zauberei,

Dämonen-Beschwörung usf. verbundenen Wundertaten dürften die Tempel

geblieben sein, so lange sie bestanden und die Priester über sie zu

verfügen hatten; als sie ihnen aber seit dem 3. Jahrhundert allmählich,

und gegen Ende des 4. gänzlich entrissen, zum Teil aufgelassen, zum

Teil in Kirchen umgewandelt, zum Teil auch gewaltsam zerstört wurden,

da flüchteten die ausgetriebenen, von ihren christlichen Nachfolgern

wie von den Staatsbehörden mit gleich großem Hasse verfolgten

Kenner überlieferter Weisheit in „fest zusammenhaltende esoterische

Zirkel“[3073], in denen sie unter dem dichten Schleier des Geheimnisses

ihre Künste weiterpflegten und noch weit über zwei Jahrhunderte

hinaus bis zur Zeit der arabischen Eroberung lebendig erhielten.

Zweifellos sind diese Zirkel die nämlichen, in denen z. B. dem Berichte

des ~Rufinus~ (345-410) gemäß gewisse Priester, die zur Zeit der

Schließung der alexandrinischen Tempel durch Kaiser ~Theodosius~ (um

390) nach Kanopos geflohen waren, „dort alsbald, unter dem Vorwande

des Studiums ihrer heiligen Schriften, wiederum Aberglauben, Zauberei

und Magie lehrten“[3074]; es sind ferner die nämlichen, deren

Teilhaber, wie ~Horapollons~ um 400 vollendetes Werk „Hieroglyphika“

beweist[3075], noch anderthalb Jahrhunderte nach Anbringung der

spätesten hieroglyphischen Inschriften an den Tempelwänden (um 250

n. Chr.) Listen mit einer Anzahl richtiger hieroglyphischer Zeichen

in Händen hatten, „allmählich aussterbende Kreise letzter Diener der

alten Landesgötter, abergläubischer Zauberer und Quacksalber, die,

an entlegenen Orten ein verborgenes Dasein fristend, die Reste ihrer

religiösen Kenntnisse in diese Bilder hineingeheimnisten“[3076].

Aus den geschilderten Verhältnissen, die so manchen Einzelheiten nach

vorerst nicht streng zu beweisen, sondern nur zu erschließen sind,

folgerte ~Sprengel~ schon 1820, soweit er sie damals zu überblicken

vermochte, „die Alchemie sei als ein Zweig der Theurgie zu betrachten,

aus ihr hervorgegangen unter gnostischen und neupythagoräischen

Einflüssen verschiedener Art“[3077]. Der Zusammenhang, den er hiermit

scharfen Blickes erkannte, steht den Alchemisten selbst in der

Tat fest und wird von ihnen jederzeit in streng dogmatischer Form

ausgesprochen: sie nennen sich Priester und Mysten ihrer Kunst, diese

Kunst ist eine geheime, heilige, göttliche und wird identifiziert

mit der Weisheit der alten ägyptischen Priester, als deren legitime

Nachfolger und Erben sich die hellenistischen Hierophanten ausgeben.

Nach ~Zosimos~, der spätestens um 300 n. Chr. schrieb, hatten die

Ägypter vor den Griechen zwei Arten der τέχνη (Techne) voraus, die

Kunst der φυσικῶν ψάμμων, d. i. die Aufbereitung der natürlichen

Sande, die die Könige durch ihre „Techniten“ als Regal ausführen

ließen[3078], und die Kunst der καιρικῶν ψάμμων, d. i. die Behandlung

der „in Binden gewickelten“ = zugerichteten Mineralien (der Präparate),

erfolgend durch gewisse Handgriffe (χειροκμήματα), die ein Geheimnis

der in den Tempelwerkstätten tätigen Priester bildeten[3079]. Gleich

den Mysten und Theurgen mußte sich auch der Alchemist an Leib und

Seele reinigen und heiligen, er sollte nicht niedrigen persönlichen

Zielen nachstreben, sondern nur höheren allgemeinen, er durfte seine

Arbeit nicht zwecks Gewinnung von Gold unternehmen, sondern allein

zwecks Lösung des großen Problemes der Verwandlung[3080]. Gleich den

Mysten und Astrologen hatte er ferner einen „Eid der Geheimhaltung“

abzulegen, dessen Fassung sich, gemäß der Überlieferung im sogenannten

„Briefe der ~Isis~ an ~Horos~“, in vielen Punkten auffällig an echt

altägyptische Vorlagen anlehnt: der Schwur erfolgt bei ~Hermes~ (=

~Thot~) und ~Anubis~, den Göttern der Leichenbestattung, beim Geheule

des dreiköpfigen Höllenhundes und der typhonischen Schlange ~Apep~

(~Apophis~), „die da bedroht die Totenbahre des ~Serapis~“ (der an die

Stelle des ~Osiris~ getreten ist), sowie bei den drei großen Nöten,

dem Feuer, dem Gift oder dem Strang, der Geißel oder dem Schwert, und

er schließt mit dem Gelöbnis, die geoffenbarten Geheimnisse einzig

und allein dem eigenen Sohne zu überliefern, -- in welchem Sinne

die „Kunst“ auch τεκνοπαράδοτος genannt wird, d. h. „an den Sohn

weiter zu gebende“[3081]. Endlich ist, dem ganzen Vorstellungskreise

entsprechend, auch die alchemistische Terminologie eine durchaus

doppelsinnige: wie die Chemiker Priester, so sind ihre Arbeitsräume und

ihre Apparate Tempel[3082], und die Parallelisierung ihrer Operationen

mit gottesdienstlichen Handlungen geht so weit, daß den Beschreibungen,

wie ~Reitzenstein~ erkannte, nicht selten hohe religionsgeschichtliche

Bedeutung innewohnt; die Anspielungen betreffen meist Kulte ägyptischer

Gottheiten, vor allem des ~Osiris~, nicht selten aber auch solche

orientalischer, besonders des ~Mithras~, woraus sich die Bezeichnungen

„mithrisches Geheimnis“ für die Kunst und „mithrische oder persische

Knochen“ für gewisse Präparate erklären[3083].

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 91 / 127 题