Aber auch in den Kreisen dieser Verkündiger, also der eigentlichen

Träger der Bewegung, wandte sich die gesuchte „Erkenntnis“ weit

minder rein geistigen Zielen zu, als durchaus praktischen, nämlich

der Ausforschung des Heilsweges, sowie der geheimnisvollen Mittel,

die den Zwang der Heimarméne zu brechen vermöchten[2619]. Die Gnosis,

γνῶσις σωτηρίας, γνῶσις θεοῦ (Erkenntnis des Heilsweges, Erkenntnis

Gottes) wird daher nicht durch Denkarbeit und wissenschaftliches

Bemühen erworben, sondern durch ekstatisches Schauen der höchsten Dinge

und visionären Verkehr mit der Gottheit, sie ist nicht ein Ergebnis

der Vernunft, sondern entspringt dem inneren Fühlen, der andächtigen

Stimmung, der gläubigen Schwärmerei, kurz einem Seelenzustande, dessen

Vollendung τέλος, Télos) zu erreichen nur dem durch „Gnade von oben“

Auserlesenen vergönnt bleibt[2620]. Alle diese Züge sind orientalischer

Herkunft, finden sich aber nicht nur bei neupythagoräischen Orphikern

und Neuplatonikern, sondern schon bei ~Poseidonios~, verknüpft mit

solchen, die teils auf die alten griechischen Geheimkulte zurückgehen,

teils der griechischen Philosophie und besonders dem platonischen

Enthusiasmus entstammen[2621]; zu diesen gehört u. a. die für die

Verbindung mit der Astrologie höchst wichtige Idee, daß die Erlangung

der Gnosis gefördert wird durch Betrachtung und Kenntnis des gestirnten

Himmels, da „die Ordnung am Himmel“ das Dasein der ordnenden Gottheit

verbürgt, und die geordnete Bewegung der Sterne nach ~Aristoteles~ das

Prinzip alles Werdens und Vergehens ist[2622]. Allerorten schöpfen eben

die Gedanken, die in hellenistischer Zeit anscheinend plötzliche und

unbegreifliche ausgedehnte Eroberungen machen, die hierzu erforderliche

Kraft aus der griechischen Welt, in der sie sich jahrhundertelang

allmählich und organisch entwickelt hatten[2623].

Würdig der Gnosis macht aber außer dieser Beschäftigung mit den

himmlischen Dingen auch solche mit den Lehren und Schriften bereits

„Begnadeter“, also mit den „uralten und mystischen Offenbarungen der

Propheten“, die zum Himmel entrückt wurden und zur Erde wiederkehrten

als Verkündiger des Geschauten, des himmlischen Lichtes und Lebens, der

göttlichen Kraft und Gnade[2624]. Ihre Worte geben die Sicherheit, daß

die Gottheit auf die Anrufung des Gläubigen hört und bereit ist, „sich

mit ihm zu vereinen“, und daß +nach dem Tode+ seine Seele auferstehen,

durch die Ogdoas (= Achtheit der 7 Planeten- und der Fixsternsphären)

zum Himmel auffahren und sich dem θεὸς ὕψιστος, dem Höchst-Thronenden,

zugesellen wird[2625]. Aber ein gleiches kann auch +dem noch Lebenden+

beschieden sein, sofern er in den schwärmerischen Zustand der Ekstase

gerät, während derer (nach einer durch ~Poseidonios~ vermittelten

Ansicht der Chaldäer, der sich auch Mithrasverehrer und Neuplatoniker

anschlossen) die Seele den Körper verläßt, um zum Himmel emporzusteigen

und „ein Teil der Gottheit“ zu werden[2626]. Derartige Ekstase bewirken

bei dem ihrer Gewürdigten nicht nur innere Stimmungen und Regungen,

sondern auch äußere Mittel, u. a. der Genuß von ἀμβρόσιον ὕδωρ

(ambrosischem Wasser = Unsterblichkeits-Trank), sowie gewisse rituale

Veranstaltungen[2627]. Zu dem für die Gläubigen Bedeutsamsten, was

die Gnosis lehrt, gehört die „richtige“ Ausführung solcher religiöser

und theurgischer Operationen, der geheimen heiligen Handlungen oder

Sakramente, an die sich u. a. auch die Bekanntgabe gewisser heiliger

Symbole, Formeln, Zeichen, Namen und Zauberworte schließt, deren die

Seele hauptsächlich bedarf, um den Widerstand zu überwinden, den die

Bosheit der 7 Planeten-Dämonen ihrer Himmelsreise entgegensetzt[2628].

Wirksame Hilfe gewährt dem Gnostiker hierbei, aber auch bei allen

sonstigen Anlässen, eine möglichst nahe Verbindung mit seinem „Engel“,

und da die Seelen als „pneumatische Bräute“ dieser Engel gelten,

die sie mit sich in den himmlischen oberen Weltenraum (πλήρωμα,

Pléroma) heben, so erklärt sich hieraus das bei manchen Sekten, z. B.

den Valentinianern, übliche „Sakrament des Ehegemaches“ (νύμφωμα,

θάλαμος), die Zeremonie des „πνευματικὸς γάμος“, der „geistigen

Hochzeit“, die an den Neophyten und Neophytinnen in der „himmlischen

Brautkammer“ als „Sinnbild der innigsten Vereinigung“, und oft wohl

nicht nur ganz symbolisch, vollzogen wurde[2629]. Der so Geweihte ist

τέλειος (Téleios), d. h. ein „Vollendeter“, er ist „umgeschaffen“

durch μεταβολή (Metabolé), erfüllt von deren „totenerweckender Kraft“

(δύναμις τῆς μεταβολῆς) und würdig des Pléromas; auch weiß er das

heilige Licht zu trennen von der verworfenen Finsternis (tenebrae,

chaos, abyssos) und die „unnatürlich“ zur Welt zusammengemengten

Bestandteile zu entmischen, wobei er verfährt wie ein Künstler κράσεως

καὶ μίξεως (der Krasis und Mixis), der die Teile des Eisens mittels

des Magneten von denen anderer Metalle sondert, oder Schmelzen und

Legierungen wieder in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt[2630].

Infolge der ungeheuren Wichtigkeit, die dem „dicere et facere

mysterium“, d. h. dem Reden und Tun beim Geheimdienste, zugemessen

wurde, steigerte sich in gleichem Maße auch die des ausführenden

Priesters, und so kann es nicht wundernehmen, daß Ägypten allmählich

zur „Hochschule“ der Betrüger, Schwindler und betrogenen Betrüger

heranreifte: für die große Menge war der Priester der „Zauberer

κατ’ ἐξοχήν“, der ihren Aberglauben in ausreichender Weise zu

befriedigen, vor allem jedoch seinen gehörigen persönlichen Einfluß

auf die Götter zu bewähren hatte[2631]. Aber auch die Gebildeteren

sahen in ihm den Auserwählten, der es verstand, die Gottheiten auf

die richtige Weise und mit den richtigen Worten anzurufen, unter

Gebrauch der „rechten“ Beschwörungen, Zeichen, Sprüche, Intonationen,

Formeln, Buchstaben, Zahlen und vor allem Namen. Die Namen sind

wesentliche Bestandteile ihrer Träger, deren Macht jener erlangt,

der sie weiß[2632], aber nur die „wahren“ Namen oder Beinamen sind

„treffend und verpflichtend“[2633]. Daher betonen schon ~Origenes~

und die „Chaldäischen Orakel“ im 2. Jahrhundert[2634], sowie das dem

~Iamblichos~ (gest. 330) oder seiner Schule angehörende Mysterien-Buch,

-- das die Dämonen-Lehre und die Kraft der Zaubermittel „mit wahrhaft

scholastischer Gründlichkeit“ abhandelt[2635] --, man habe Namen und

magische Worte in der ägyptischen oder chaldäischen +Ursprache+ zu

kennen und +allein in dieser+ zu benützen, „da solche fremde Ausdrücke

durch jede Übersetzung die Emphase und Kürze des Originals verlieren,

das den Göttern auch das gewohntere und angenehmere ist“[2636]. Von

dieser Kürze merkt man allerdings nichts, wenn z. B. die „Pistis

Sophia“ berichtet, „die 5 großen Archonten, die die ganze Welt als

solche kennt, hießen ~Zeus~, ~Aphrodite~, ~Kronos~, ~Hermes~ und

~Ares~, ihre eigentlichen und unvergänglichen (ἄφθαρτοι) Namen

lauteten aber ~Chrubal~, ~Chosi~, ~Orimuth~, ~Tarpetanuph~ und

~Munichunaphor~“[2637]. Vermutlich ist anzunehmen, daß die Wirkung

dieser, der Gemeinde geläufigen, aber unverständlichen Worte eine

ähnliche war, wie noch heutzutage die des Amen, Sela, Hosianna und

Halleluja[2638], oder die des Gottesdienstes in ausgestorbenen

Sprachen, z. B. Lateinisch oder Sanskrit; auch trug man überhaupt

große Scheu, an dem, was einmal für althergebracht galt, irgendwelche

Veränderungen vorzunehmen, da schon der geringste Fehler in Wort

oder Tat nicht nur die ganze Wirkung des Rituals zu nichte machen,

sondern auch statt der gerufenen guten Geister böse (oft sogar noch

in verkappter Gestalt) herbeiführen und so schreckliche Gefahren

verursachen konnte[2639]. Die typische (auch in den Zauberpapyri

erhaltene) Anordnung des priesterlichen Geheimdienstes umfaßt daher

neben der πρᾶξις (Praxis) = Zauberhandlung und dem λόγος (Logos) =

Zauberspruch stets als dritten Punkt noch die φυλακτήρια (Phylaktéria)

= Schutzmittel gegen die Geister[2640], und es ist sehr wahrscheinlich,

daß zu diesen auch das Locken, Beschwichtigen und Scheuchen durch

tierische Laute, sowie das Schnalzen, Brüllen, Zischen, Pfeifen und

Zwitschern seitens der Mysten zählten[2641].

Ein großer Teil der Gedanken, die in der Gnosis zu völliger Ausbildung

gelangten, wurzelt, wie zuerst ~Anz~ überzeugend nachwies[2642], in der

spätbabylonischen Verfallszeit, namentlich in der Periode, während

derer sich chaldäische und persische Anschauungen zu durchdringen

begannen[2643]. Demgemäß ist die Welt eine Mischung aus Licht und

Finsternis, aus edlem göttlichem Geiste und gemeiner „böser“ Materie,

das Machwerk eines untergeordneten, wenn nicht schlechten, so doch

schwachen Demiurgen, und wenn nicht geschaffen, so doch mitbeherrscht

von den Planeten-Geistern[2644]. Anfänglich scheint (wie noch im

„Hirten des ~Hermas~“) jedem Planeten je ein guter und ein böser

Geist, „eine Tugend und eine Sünde“, zugeteilt gewesen zu sein[2645],

allmählich jedoch erhielten die nach persischer Auffassung zu Dämonen

herabgesetzten „niederen Genien“ die Oberhand, die Sterngeister wurden

aus guten erst zu „halbbösen“, dann zu bösen Gestalten[2646] und

schließlich zu „Göttern des Verderbens“, deren Schuld die mangelhafte

Weltordnung ist[2647]. An ihrer Spitze steht ~Jaldabaoth~, ursprünglich

die babylonische Gottheit des bösen und vom Vermögen „hinterlistiger

Täuschung“ (ἐνέδριον ψεῦδος) erfüllten Planeten ~Saturn~[2648], der

daher auch dem ~Kronos~, ~Chronos~, ~Jao~ usf., besonders häufig aber

dem Judengotte ~Jehovah~ gleichgesetzt wird[2649]. Die Planetengötter

sind Archonten = Herrscher[2650], sie knechten die Welt, berauben die

Menschen der Freiheit und befehden sie auf das bitterste[2651]; wie

sie, -- schon nach ~Philo~[2652] und ~Porphyrios~ (232-304?)[2653] --,

die Bewegungen und Geschwindigkeiten der Planeten störend beeinflussen

und diese (nach persischer Auffassung) zur Rückläufigkeit zwingen,

indem sie die guten, dem ~Ormuzd~ dienenden Lenker überfallen und

einkerkern[2654], so verhalten sie sich auch gegen die Sterblichen.

Ihre Schlechtigkeit und Bosheit verkörpert sich im ἀντίμιμον

πνεῦμα[2655], dem „Geist des Zuwiderhandelns“, dem „Geist, der stets

verneint“, dem Ἀντίθεος (Widersacher), dessen Macht furchtbar ist und

selbst durch die Sakramente des „heiligen Wassers“ oder „heiligen Öles“

nur schwierig mit Erfolg bekämpft werden kann; er bringt alles Gute und

Edle zu Fall, zieht das Gemeine und Verderbliche an sich und zwingt die

Menschen zur Sünde oder verbindet sich doch, gemeinem (ὑλικόν, zur Hýle

gehörigen) Kupfer gleichend, in ihrer Seele so mit der dem geläuterten

Silber ähnelnden Kraft des himmlischen Lichtes, wie dies das Kupfer

mit dem Silber in der Metallmischung der Scheidemünzen tut[2656].

Die Hýle, besonders als gestalts- und qualitätslose ὕλη ἄποιος, als

neuplatonische „böse“ Materie, gilt den Gnostikern überhaupt als Symbol

der Schlechtigkeit[2657], des niedrigen weiblichen Prinzips (ἡ θήλεια,

Théleia) im Gegensatze zum höheren männlichen ὁ ἄρσην, Arsen)[2658],

sowie der das Weltganze umfassenden „Finsternis“ und ihres Sinnbildes,

der Schlange oder des Drachens, den Schweif im Munde, oder zum Knoten

verschlungen[2659].

Wie die Sonne, die schon die Chaldäer eine schlangenförmige Bahn

verfolgen und durch ihren Lauf auch den der Gestirne lenken

lassen[2660], so sind auch die Planeten, die vom Demiurgos, dem

„Herrn der zwei oberen Elemente“ (Luft und Feuer) geschaffenen

Wandelsterne[2661], Träger und Erscheinungsformen göttlicher Gewalten,

-- daher noch die Namen ὁ τοῦ Κρόνου (der des ~Kronos~) u. dgl. --,

und beherrschen so entweder unmittelbar, oder durch Geister, die ihre

und der Heimarméne „Diener“ sind, die Welt, die irdischen Dinge, die

Menschen und ihre Seelen[2662]. Die Annahme von 7 Sphären und die

Herabsetzung der Planetengötter zu bösartigen Dämonen führte hiernach

zur Lehre von jener Siebenzahl der an die Planeten gebundenen Übel, die

seither in den „7 Todsünden“ fortlebte[2663], sowie zur Vorstellung,

daß die Dämonen, als Feinde und Hasser der Menschen, sie durch ihre

„zugehörigen“ Übel zu verderben, oder doch zu schädigen trachten.

Nun thronen, spätpersischer Voraussetzung folgend, im obersten über

den 7 Sphären gewölbten Himmel ein höchster, in synkretistischer

Redeweise als „unbekannter Vater“ bezeichneter Gott, der θεὸς ὕψιστος,

sowie eine analoge Göttin, für welche beide auch, in nicht ganz

folgerichtiger Weise, die „Besseren der Sieben“, nämlich Sonne und

Mond, als Symbole gelten[2664]. Die Göttin, offenbar Nachfolgerin der

chaldäischen Himmelskönigin ~Istar~[2665], wird bald ~Sophia~ genannt,

bald ~Barbelo~, d. i. ein verstümmeltes παρθένος (Parthénos, Jungfrau),

bald μήτηρ (Mutter), oder ἡ ἄνο μήτηρ (Mutter in der Höhe), und nähert

sich dem Typus der uralten vorderasiatischen „Magna Mater“, d. h. sie

ist bald Jungfrau (πνεῦμα παρθενικόν), bald Mutter, bald ausschweifende

Liebesgöttin und Buhlerin im Sinne der „~Helena~“ des ~Simon

Magus~[2666]. So wie der Mond (im Griechischen weiblich σελήνη Selene

= Helene) ist auch sie Herrin der Gestirne und der 7 Planeten, umgeben

von männlichen und weiblichen Sterngottheiten niedrigeren Ranges, von

Engeln, Lichtjungfrauen, Schicksalsfrauen und Geistern jener 7 Sphären,

die den 7 übereinander liegenden Gewändern der ~Istar~ gleichen[2667],

-- kurz von ursprünglich durchaus guten Genien, die erst allmählich,

unter persischem Einflusse, zunächst zweifelhaften Charakter annehmen,

schließlich aber das Wesen verworfener und hinterlistiger Dämonen. Der

obere Himmel, die Wohnstätte des höchsten Gottes und der ~Sophia~, ist

aber auch die eigentliche Heimat der Seelen, die von ihm herab in die

Welt der Materie nur gelangen können, indem sie die trennenden Gewölbe

der 7 Sphären durchwandern; hierbei lauern ihnen die Archonten auf und

geben ihnen beim Abstiege ein jeder seine „niedrigen Eigenschaften“

mit auf den Weg, so daß sie von diesen sündigen Anlagen wie von 7

Kleidern oder Hüllen umgeben und so schon von vornherein dem Unglücke

geweiht, auf Erden anlangen[2668]. Noch schlimmer aber ergeht es den

Seelen, wenn sie nach der Trennung von den Leibern den Rückweg in das

himmlische Heim einzuschlagen versuchen[2669]: die heimtückischen

Archonten, als „Türhüter der Sphären“, stellen sich ihnen in den Weg,

wehren ihnen den Einlaß, hindern sie durch Drohung und durch Gewalt die

Pforten der 7 Himmel zu durchschreiten und stoßen sie erbarmungslos in

die Finsternis des Abgrundes zurück[2670]. Hier bewährt sich nun an

den sonst Verlorenen die Macht der Gnosis: denn +sie+ verriet ihren

Anhängern die wahren Namen der Archonten, +sie+ gab ihnen Kunde von den

richtigen Losungsworten und +sie+ erschloß ihnen die rechte Art der

Aussprache; an solchem überirdischen Wissen bricht sich der Trotz der

„Hüter“, sie sehen sich gezwungen, ihren Widerstand aufzugeben und den

Seelen die Himmel zu erschließen. Was sonst +nur+ der erlösende Mittler

zwischen Gott und Welt vermag, der kraft seiner zauberischen Macht

durch die Reiche der Dämonen herabfährt, sie niederkämpft und wieder

gen Himmel aufsteigt[2671], das leistet die Gnosis für ihre Gläubigen

und erfüllt hierdurch ihre wesentlichste, wenn auch nicht alleinige

Verheißung[2672]. Ein gnostisches Evangelium (verfaßt um 150 n. Chr.)

schildert ausführlich die Wanderung der Seele durch die 7 Sphären in

den obersten Himmel[2673], und eine späte, in der „Legenda aurea“

des ~Jacobus a Voragine~ (Bischofs von Genua, 1230-1298) erhaltene

Tradition preist die oft kaum einen Augenblick währende Himmelfahrt

der Gläubigen als ganz besonderes Wunder, weil im Gewöhnlichen zur

Durchwanderung jeder Sphäre und jedes Himmels 5 Jahrhunderte, zur

Erreichung der Himmelswölbung also 7500 Jahre erforderlich sein sollen,

-- „ob das aber wirklich so zutrifft, das weiß Gott allein“, fügt der

Verfasser vorsichtigerweise hinzu[2674].

Da die στοιχεῖα (Stoicheía) als +Gestirne+ und +Elemente+ Bestandteile

der +Welt+, als +Buchstaben+ aber auch solche der +Worte+ sind, ergeben

sich geheimnisvolle Beziehungen zwischen den Namen oder Bezeichnungen

der Dinge, den Buchstaben, aus denen diese Namen bestehen, und den

Zahlenwerten, die diesen Buchstaben entsprechen[2675]; da derlei

Betrachtungen in den älteren magischen und koptischen Texten vom

+griechischen+ Alphabet ausgehen, „dessen Zeichen kraftvoller sind“,

so gelangten sie nach Ägypten wohl über griechische Gebiete[2676],

denen selbst sie wieder aus dem Oriente zukamen, der alten Heimstätte

der Buchstaben-Mystik[2677]. Indem deren Lehren sich mit jenen

von den 7 Planeten vereinigten[2678], entstand die bereits den

Neupythagoräern, dem ~Philo~[2679] und dem ~Plutarch~ (48-125)[2680]

völlig geläufige Vorstellung, daß die Töne, die schon ~Platon~ die

sternlenkenden „Sirenen“ hervorbringen läßt, keine anderen seien, als

die 7 griechischen Vokale α, ε, η, ι, υ, ο, ω, die sich als „Mysterien

der 7 φωναί (Klänge)“ zum Heptachord der Sphärenharmonie vereinen

und in Beziehung stehen zu den 7 Saiten, Farben, Tagen, Himmeln,

Sphären und Stufen der Erlösung[2681]. Umgekehrt rief man daher die

Planetengötter durch Intonieren und Psalmodieren der 7 Vokale in allen

möglichen Variationen an, -- s. das spanische insalmar = impsalmare =

zaubern[2682] --, legte den aus 7 Buchstaben gebildeten, „die Sphären

und ihre 7 Vokale“ umfassenden Götternamen besondere Macht bei[2683]

und verfertigte auch spielerische Bilder solcher Zusammenstellungen,

z. B. in Gestalt eines Eies, Herzens, Täubchens, Quadrates, oder des

als Amulett u. dgl. ganz besonders wirksamen „Flügels des ~Hermes~“

(Ἑερμοῦ πτέρυξ)[2684]:

ω ω

ο ο

ω υ υ ω

ο ι ι ο

ω υ η η υ ω

ο ι ε ε ι ο

ω υ η α η υ ω

ο ι ε ε ι ο

ω υ η η υ ω

ο ι ι ο

ω υ υ ω

ο ο

ω ω

Weil aber im Griechischen die Zahlen mit Hilfe der Buchstaben

ausgedrückt und geschrieben werden:

{ 1 2 3 4 5 6 7 8 9

{ α β γ δ ε ϛ (Stigma) ζ η θ

{ 10 20 30 40 50 60 70 80 90

{ ι κ λ μ ν ξ ο π ϙ (Koppa)

{100 200 300 400 500 600 700 800 900

{ ρ σ τ υ φ χ ψ ω ϡ (Sampi),

ergaben sich Betrachtungen über die „Ziffernsummen der Worte“ fast von

selbst[2685], und solche, die gewisse wichtige Zahlenwerte darstellten,

mußten erhöhte Bedeutung gewinnen[2686].

Unter diesen nimmt die erste Stelle der Name ~Abraxas~ ein, der 7

Buchstaben zählt und die Zahlensumme 3α + β + ρ + ξ + σ = 3 + 2 + 100

+ 60 + 200 = 365 ergibt; dies ist der Geheimname des obersten, die

Macht der 7 Planeten in sich vereinenden Beherrschers der 7 Sphären

und der 365 das Pleroma erfüllenden Engel, Teilgötter, göttlichen

Kräfte oder göttlichen Erscheinungsformen, die nach gnostischer Lehre

durch Emanation aus ihnen hervorgingen[2687]. Schon dem Kirchenvater

~Irenaeus~, der um 202 als Bischof von Lyon starb, ist dieser Name

und seine Bedeutung = 365 wohlbekannt[2688], und an ~Abraxas~ scheint

sich auch das berühmte Zauberwort „Abracadabra“ zu knüpfen, das

aus der bereits im 1. Jahrhundert sehr entwickelten medizinischen

Magie stammt und zuerst bei ~Sammonicus~ (gest. 211) nachgewiesen

ist[2689], seinen hohen Ruf aber in den Kreisen der Abergläubischen

bis auf den heutigen Tag unverändert bewahrt hat[2690]. Der „Urgott“

~Abraxas~ gilt u. a. als wesensgleich mit dem Logos, mit ~Hermes~

und mit ~Thot~, besitzt die „pneumatischen Kräfte des ~Thot~“, vor

allem die der Wiederbelebung Abgeschiedener (σῶμα νεκροῦ), und ist

„Beherrscher des heiligen Pneumas“, aus dem die vier Stoffe der

Weltordnung hervorgehen, d. s. die zu je zweien entgegengesetzten

Elemente, von denen Wasser und Erde mehr körperlicher, Luft und Feuer

aber mehr körperloser Natur sind[2691]; er wird ferner identifiziert

mit ~Anubis~, ~Serapis~, ~Mithras~, ~Jao~, ~Zebaoth~, ~Pan~ usf.,

und findet sich, mit diesen Namen bezeichnet und den Sinnbildern

von Schlange, Löwe, Sphinx, Affe, Käfer, Hahn u. dgl. zugesellt,

auf den gnostischen Gemmen und Amuletten, deren eine sehr große

Zahl auf unsere Zeit gekommen ist[2692]. Aus der Beziehung zum

Sonnengott ~Mithras~ und zum Hahn als „Sonnenvogel“ erklärt es sich

auch, daß man in ~Abraxas~ den hahnenköpfigen Leger des +Welteneies+

erblickte[2693]. Schon weiter oben wurde einiger hierher gehöriger

Legenden gedacht, der babylonischen vom Urei, aus dem ~Ea~ = ~Oannes~,

der Bringer des Lebenswassers, hervorging[2694], der vorderasiatischen

vom Ei der syrischen ~Aphrodite~, das aus dem Himmel in den Euphrat

fiel[2695], der ägyptischen vom Ei = Chaos[2696] und der (aus diesen

entsprungenen?) orphischen vom Ei des ~Phanes~, das infolge des

Umschwunges des Chaos = Chronos = Aither entstand[2697]. Sie alle

flossen zusammen in der gnostischen Anschauung vom Weltenei „in den

Wassern“ oder „im Schoße des Alls“, aus dem sich Himmel und Erde, ja

der ganze Kosmos gestaltet[2698], und das man daher, -- der Gewohnheit

der Zeit folgend, und nicht etwa auf eigene Kenntnis des ~Heraklit~

oder ~Xenophanes~ hin --, auch als ἓν καὶ πᾶν (Hen kai pan) und

(nach der falschen Etymologie πᾶν = Πάν) als Symbol des Gottes ~Pan~

ansah[2699]. Besonders beliebt war der Vergleich des von ~Abraxas~

gelegten Welteneies mit dem Ei des Pfauen, das ebenfalls nur „Eines“

ist, trotz dessen aber die Anlage zu „allen 365 Farben“ und damit „zu

den mannigfaltigsten, vielgestaltigen und buntesten Bildungen“ schon in

sich enthält[2700].

Wie das Weltall, so besitzt auch das Ei ein Oben, eine Mitte und

ein Unten und ferner mehrere den Sphären entsprechende Hüllen und

Schichten, deren innerste von dem in Schlangenform eindringenden

„Geist“ (oft auch von einem bösen) befruchtet wird[2701]. In allem

diesem zeigen beide die auffälligste Analogie mit dem +Mutterschoße+,

der geradezu ein Abbild des Kosmos, seiner Ordnung und seiner

Entstehung darstellt[2702] und als „Gefilde der Entstehung“ zu

bezeichnen ist, in dem die pythagoräische heilige Vierzahl herrscht,

nämlich die der vier Elemente[2703]. Das Weltall ist in der Tiefe

erfüllt vom Dunkel „schrecklichen Wassers“, in der Höhe von Licht,

in der Mitte aber von Pneuma; Licht und Pneuma trachten, das Dunkel

nach oben zu drängen, es emporzuheben „wie auf Fittigen des Adlers“,

damit das Schlechte zum Guten hinstrebe, gleich der indischen Naphtha

zum Feuer[2704]. Ganz ebenso enthält die Matrix in der Tiefe dunkles

Wasser, in der Höhe das lichte Feuer des Lebens (den lebenden

Embryo), dazwischen aber Pneuma, das die einen als Spiegelbild

des Lichtes im Wasser auffassen (entsprechend dem der Außenwelt im

dunklen Wasser des Auges)[2705], die anderen als den leisen Wind, der

dem befruchtenden Schlängelchen gleich säuselt und dabei im Wasser

„Wellen“ erregt, die Anstoß zu Bewegung und Entwicklung geben[2706].

So ordnen sich die Elemente und es entsteht, falls keine „Fehlgeburt“

störend eingreift[2707], im „Wasser“ und aus dem Wasser der Matrix das

Kind[2708]; seine „Begierde“ zu entstehen nimmt aber ihren Ausgang vom

Feuer, das im Blute des Mannes und Weibes zu Samen und Milch wird, --

durch μεταβολή (Metabolé) der ποιότης (Poiótes, Qualität), +nicht+

der οὐσία (Usía, Substanz) --, und sich so anfangs zur Materie und

weiterhin zur Nahrung des neuen Wesens umgestaltet[2709].

——————————

Auf die spätere, eigentlich christliche Gnosis, braucht an dieser

Stelle nicht mehr eingegangen zu werden; die „phantastische Mischung“

aus paulinischen Ideen, platonisierender Religions-Philosophie,

Mysterien-Praxis und orientalischer Kultweisheit ist in ihr fast

unentwirrbar[2710], und das Bestreben, πίστις (Pístis, Glauben) in

γνῶσις (Gnósis, Erkenntnis) zu verwandeln, führt zu bedenklichen

Versuchen „spekulierender Phantasten“, die Dogmen des Christentums

vorgefaßten Meinungen gemäß umzudeuten und seine Lehre zum Rahmen

neuplatonischer, chaldäischer und anderer orientalischer Lehren zu

modeln[2711]. Durch das Zugeständnis, daß der auch von der Gnosis

verkündete Erlöser kein anderer sei als ~Christus~, sowie durch

die Bemühungen, die gnostische Offenbarung durch apokryphe und

pseudepigraphe Akten, Dokumente und Evangelien zu legitimieren,

konnte das erhoffte Ergebnis nicht erzielt werden, da die Machwerke

der Theosophen und Mystagogen allzusehr gegenüber den Schriften

abfielen, in denen sich die christliche Idee mit der Weltmacht

griechisch-philosophischer Gedanken edelster Art vereinigte[2712].

So verblieb denn auf diesem Gebiete nach ~Deussen~ nur eine einzige

dauernde Nachwirkung, die der unwiderleglichen Behauptung der

Gnostiker, daß es in einer Welt, die das Werk eines allgültigen,

allweisen und allmächtigen Gottes wäre, einer Erlösung nicht

bedürfte[2713].

g) Der Mithrasdienst.

Wie die durch ~Winckler~ zu Boghazkiöi in Kleinasien aufgefundenen

hethitischen Inschriften aus der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen

Jahrtausendes ersehen lassen, gehörte ~Mithra~, neben ~Varuna~ und

~Indra~, schon in dieser Zeit der ältesten datierbaren Zeugnisse

iranischer Sprache und Religion zu den wichtigsten Göttern uralter,

noch vorzoroastrischer Herkunft[2714]. Ursprünglich galt ~Mithras~

anscheinend als Herr der himmlischen Tageshelle und so, als ein

bloßer Lichtgott, an sich keineswegs für ebenbürtig dem Weltherrscher

~Ahuramazda~ (~Ormuzd~ = ~Zeus~) und dem Gotte der unendlichen Zeit

~Zervan~ (= ~Chronos~ = ~Kronos~ = ~Aion~), vielmehr beruhte seine

hervorragende Bedeutung darauf, daß der Lichtgott auch Luftgott war und

als solcher der „Mittler“ zwischen Himmel und Unterwelt, ~Ormuzd~ und

~Ahriman~[2715]. Im System ~Zoroasters~ ist er ein guter Genius, ein

„Erlöser“, da er u. a. die Gerechten gegen die Dämonen schützt und sie

in das Paradies geleitet[2716]. Die Periode der chaldäisch-persischen

Verquickung identifiziert ihn mit ~Samas~, dem Sonnengotte und

Beherrscher der 7 Planeten, und erhebt ihn hierdurch zwar nicht

zur obersten Gottheit, aber zu einer der hauptsächlichsten und den

obersten verbündeten[2717]; seine Verehrung, bis dahin immer noch eine

heterodoxe Abzweigung der iranischen Religion, nimmt aber erst beim

Übergange in den Okzident den Charakter eines Mysterien-Kultes an[2718].

In die eigentliche griechische Welt hatte ~Mithras~ niemals Eingang

gefunden; erst die späthellenistische betrachtete ihn zunächst als

Vater des ~Helios~ und dann, „da Vater und Sohn Eines sind“, als

~Mithras-Helios~ oder als ~Helios~ (Sonne) selbst, als den allmächtigen

unüberwindlichen Sonnengott (Ἥλιος ἀνίκητος; Sol invictus)[2719],

identisch mit ~Apollon~, aber auch mit ~Hermes~, ~Jahweh~, ~Jao~ und

anderen Gottheiten der synkretistischen Zeit[2720]. Seinen Dienst

verband sie teils mit den älteren griechischen Lehren von den Sternen

als gottbeseelten Wesen, teils mit den jüngeren neupythagoräischen

vom heiligen Lichte als Sinnbilde der unsichtbaren Gottheit[2721] und

knüpfte ihn an wiedererweckte uralte Riten, wie Abhaltung in Höhlen,

Benützung tierischer Masken und Laute, gefährliche Prüfungen und

geheime Weihen, u. dgl. mehr[2722]. Diesen ausgesprochenen Charakter

eines fremdländischen Geheimkultes behielt der Mithrasdienst unentwegt

mit nachdrücklicher Schärfe bei; da sich ihm aber infolgedessen das

ganze Gebiet des gebildeten Hellenismus verschloß, blieben seine

Anhänger allezeit eine „kulturlose Sekte“, die sich nur aus den

untersten Volksschichten ergänzte[2723]. Einen außerordentlichen

Aufschwung nahm er in Ägypten und im Orient zur Zeit der großen

römischen Annexionen in Kleinasien, also gegen Ende des 1. Jahrhunderts

n. Chr., und zwar hauptsächlich unter den römischen Soldaten

und niedrigen Beamten[2724], die ihn seither mit erstaunlicher

Geschwindigkeit durch fast das ganze römische Weltreich ausbreiteten.

Das meiste hierzu trug die Huld der Kaiser im 3. Jahrhundert bei,

die wie ~Septimius Severus~ (193-211), ~Heliogabalus~ (218-222),

~Severus Alexander~ (222-235) und schließlich ~Aurelianus~ (270-275)

den „Sol invictus“ in die römische Staatsreligion aufnahmen[2725] und

die völlige Umwandlung des von ~Augustus~ nach römischem Begriffe

geschaffenen „Principates“ in die absolute Monarchie „von Gottes

Gnaden“ nach orientalischem Geiste vollzogen[2726]: für sie war die

Sonne der Regent der das Schicksal bestimmenden Sterne, daher das

königliche Gestirn, das die Auserwählten zu Herrschern erhebt, sie

an seiner eigenen Gottheit teilhaben und als deren Emanation ihre

Stellvertretung auf Erden übernehmen läßt, endlich ihnen auch das Recht

verleiht, sich die „Strahlenkrone“ auf das Haupt zu setzen, wie sie im

Orient bereits der ptolemäische und seleukidische König getragen hatte,

und in Rom zuerst ~Nero~[2727].

Die älteste Form des Mithrasdienstes, über die wir bisher Kunde

besitzen, scheint aus einer „Mithras-Liturgie“ ersichtlich zu sein,

die ~Dieterich~ als Bestandteil des „Pariser Zauberpapyrus“ (ed.

~Wessely~) nachwies[2728]. Niedergeschrieben ist dieser gegen 300, die

vorgetragenen Lehren dürften aber bereits seit 200 zur Anfertigung

von Zauberbüchern herangezogen, mindestens seit 150 im Kulte benützt,

also ungefähr um 100 abgefaßt worden sein[2729]; dementsprechend

verraten sie keinen Einfluß des ~Plotinos~ oder ~Porphyrios~, zeigen

den Charakter der frühen Gnostik, die eine engere Verbindung mit dem

Christentum noch nicht eingegangen war, und räumen letzterem keine

bedeutsame Stellung ein, wenngleich sie ~Christus~ zweimal, als „Gott

der Juden“ und zusammen mit ~Abraham~, ~Israel~ und ~Jakob~ erwähnen,

-- wie dieses auch andere Zauberpapyri des nämlichen Zeitalters tun,

die von „~Jesus Ammon~“, „~Jesus Osiris Ammon~“ und anscheinend auch

von „~Jesus Anubis~“ sprechen[2730].

Das Heil, das der Dienst des ~Mithras~ den „Söhnen“ oder „Kindern“ des

Gottes (d. h. seinen Anhängern)[2731] verheißt, ist im wesentlichen,

wie bei den Gnostikern, die Auferstehung, der Aufstieg der Seele nach

dem Tode, aber auch die Himmelfahrt und Vereinigung mit der höchsten

Gottheit noch während des Lebens, im Zustande der Ekstase[2732], durch

die man „wie es alltäglich geschieht, den Grenzen dieser Welt entrückt

und ein Teil des Gottes im Himmel wird“[2733]. Der Geheimdienst

symbolisiert die Schicksale der Gläubigen, indem er einen Gott sterben

und in das Totenreich niederfahren läßt, worauf er beklagt, gesucht

und gefunden wird, kraft höherer Macht aufersteht und wieder gen

Himmel fährt[2734]; aus den Ähnlichkeiten dieser Formen mit denen

anderer analoger Kulte erklären sich gewisse gemeinsame Züge, wie

z. B. die Entlehnung des Ausrufes εὑρήκαμεν („er ist gefunden“) aus

den ~Osiris~-Mysterien in ihrer späten Gestalt[2735]. Auch die an dem

einzelnen Mysten vorgenommenen Zerimonien betreffen Tod und Begräbnis,

äußere und innere Reinigung, Wiedergeburt und Auferstehung[2736] und

machen seine Seele würdig, später den Weg in den obersten Himmel zu

finden, oder schon jetzt den Anblick des ~Mithras~ zu ertragen, der dem

in völliger Ekstase Befindlichen als „König“ in scharlachrotem Mantel

erscheint[2737].

Während der Pariser Zauberpapyrus die ekstatische Himmelfahrt in einer

Weise beschreibt, die der älteren persischen Auffassung, die nur drei

Himmel kennt, noch nähersteht[2738], lassen jüngere Berichte, die uns

hauptsächlich in des ~Kelsos~ Schrift „Das wahre Wort“ (verfaßt um 150)

erhalten sind[2739], sie in 7 Stufen vor sich gehen und verknüpfen sie

auf das engste mit der Lehre von den 7 Planeten. „Daß es einen Weg der

Seelen zur Erde und von der Erde hinweg gibt, -- so sagt ~Kelsos~[2740]

--, bezeugen ~Platon~ und die Mysterien des ~Mithras~ bei den

Persern.... Ihr Sinnbild ist wie folgt beschaffen: eine Leiter (κλῖμαξ,

Klímax) mit 7 hohen Toren, darüber aber ein achtes; die Tore sind aus

Blei, Zinn, Erz, Eisen, Mischmetall, Silber und Gold, zugeschrieben

dem ~Kronos~ (weil das Blei die Langsamkeit dieses Sternes anzeigt),

der ~Aphrodite~ (weil man mit ihr die Helle und Weiße des Zinns

vergleicht), dem ~Zeus~ (weil das Erz stark ist und der Palast des

~Zeus~ χαλκοβατής heißt, d. i. mit erzener Schwelle versehen)[2741],

dem ~Hermes~ (weil sich das Eisen, gleich ihm, betriebsam, arbeitsselig

und alle Mühen ertragend zeigt), dem ~Ares~ (weil das Mischmetall

wechselnd und mannigfaltig ist wie er), der ~Selene~ und dem ~Helios~

(weil Silber und Gold ihre Färbungen nachahmen).“ Dieser κλῖμαξ

ἑπτάπυλος (7toriger Klimax), dessen Toren ursprünglich wohl nur die

+Farben+ der 7 Planeten und ihrer Sphären und erst späterhin die

diesen Farben entsprechenden +Metalle+ zugeschrieben wurden[2742], ist

offenbar eine Nachbildung des babylonischen Stufenturmes[2743], der

schon der Vision des Patriarchen ~Jakob~ von der Himmelsleiter zugrunde

liegt[2744], und gilt als Sinnbild der stufenweisen Erhebung der Seele

zum „Höchstthronenden“[2745], dem großen ~Mithras~, dem Allgotte,

dessen Name in der Schreibweise Μείθρας auch den Zahlenwert 40 + 5

+ 10 + 9 + 100 + 1 + 200 = 365 besitzt[2746]. An den 7 Toren stoßen

die aufsteigenden Seelen der „Guten“ auf die „göttlich-dämonischen“

Gestalten der 7 „Hüter“[2747], geben sich ihnen durch den rechten

Vortrag der erlernten Formeln und Worte als „Geweihte“ zu erkennen,

legen die beim Abstiege in Empfang genommenen schlechten Hüllen

wieder ab, durchschreiten die Tore (wie das auch die zuerst um

180 verfaßten „Oracula chaldaica“ schildern)[2748] und schweben

schließlich als „sublimierte Monaden“ zum Empyreum empor[2749]. Dieser

Wichtigkeit der Sphären gemäß erscheinen den Gläubigen schon während

des Geheimdienstes, neben den 7 himmlischen Schicksals-Göttern und

-Jungfrauen und den 7 Bewahrern der Weltachse, -- diese sind wohl nach

persischer Anschauung die Sterne des großen und kleinen Bären --, die

„7 unsterblichen Gottheiten der Welt“, d. s. die 7 Planetengötter, für

die in den Mithräen 7 Nischen und 7 Tore bereitstanden[2750]. Ihnen

entsprechen die 7 Grade der Eingeweihten, die in späterer Zeit zufolge

der allgemeinen Verbreitung der Mithrasverehrung im römischen Heere

zugleich als eine Art militärischer Rangordnung der „~Mithras~-Armee“

gedacht waren[2751], ursprünglich aber besondere, zum Teil dem

Tierreiche entnommene Geheimnamen führten, aus denen sich auch das

Brüllen, Heulen, Pfeifen und Schnalzen der Mysten erklärt[2752]. Für

die Anrufung der Planetengötter, die am erfolgreichsten an den ihnen

zugehörigen Wochentagen geschah[2753], bestand ein ausführliches

und verwickeltes Ritual, das auch hier wieder den Priestern eine

hervorragende Bedeutung als „Mittler“ zwischen Mensch und Gottheit

sicherte[2754]. Die Rolle des ~Mithras~ selbst war dabei zwar nicht

ganz einheitlich, indem er bald als Weltherrscher und Allgott gefeiert

wurde, bald nur als dessen „erste Emanation“, als Logos, himmlisches

Pneuma, Inbegriff der (bei den Persern seit altersher göttlich

verehrten) Elemente und Demiurgos, der in höherem Auftrage die Welt

schuf und gestaltete, sie regiert und über sie wacht[2755], -- aber

derlei Widersprüche beschwichtigte die Überlegung, daß im Grunde doch

„Alles nur Eines“ und der Oberherr mit seiner Emanation identisch sei.

Als Gottheiten, die teils nur als Begleiter des ~Mithras~ aufgefaßt,

teils aber auch (mehr oder minder weitgehend) ihm gleichgesetzt wurden,

sind zu erwähnen[2756]: ~Schahrewar~, der persische Kriegsgott(?) und

„Beherrscher aller Metalle[2757], -- aus welcher Eigenschaft sich

vermutlich die Zuteilung des „Mischmetalles“ an ~Ares~ erklärt --,

und der Gott der unendlichen Zeit, ~Zervan~ = ~Chronos~ = ~Kronos~ =

~Saturn~. Er ist ein löwenköpfiges Ungeheuer in Menschengestalt, von

Schlangen umwunden und mit den Abzeichen der Planeten geschmückt, gilt

als Vater sämtlicher Götter, die er erzeugt und deren Kräfte er in

sich vereint enthält, und ist Herr und Führer der vier Elemente, aus

denen die ganze Welt besteht, und daher auch Schaffer und Zerstörer

alles Vorhandenen. Als ~Kronos-Mithras~ wird er auch abgebildet mit dem

schon der Antike wohlbekannten Attribute des Himmelsschlüssels, mittels

dessen er den Geweihten die Tore der 7 Himmelsstufen erschließt, und

dessen Besitz ihm auch gewisse Pseudepigraphen zuschreiben, als deren

Verfasser ~Ostanes~ und der „Prophet und Himmelswanderer“ ~Krates~

[= ~Chrat~, Beinamen des ägyptischen ~Horus~] genannt werden; κλείς =

Schlüssel, im Sinne von „Wunderschlüssel“, ist daher, wie schon weiter

oben erwähnt, auch ein beliebter Titel magischer und astrologischer

Zauberbücher, ja die koptischen Gnostiker verstehen nicht selten unter

κλείς ~Christus~, der übrigens schon im Evangelium des ~Lukas~[2758]

κλείς γνώσεως = „Schlüssel der Erkenntnis“ genannt wird[2759].

h) Die Ssâbier und Mandäer.

Unter dem Namen der +Ssâbier+[2760] bergen sich die Harrânier, d. s.

die Bewohner der Stadt Harrân (= Karrhae), die sich im nördlichen

Mesopotamien unweit Edessa erhob, nach alter (irrtümlicher)

Überlieferung etwa an der Stelle des babylonischen und als Heimat

~Abrahams~ auch biblischen Ur[2761]. Harrân bildete seit frühester Zeit

einen wichtigen Mittelpunkt ost-westlichen Verkehrs und Handels, --

schon der Prophet ~Ezechiel~ (6. Jahrhundert v. Chr.) zählt es unter

den „Krämern von Tyrus“ auf[2762] --, war dem Monde geweiht und seiner

Gestalt gemäß (halbmondförmig) erbaut[2763] und in babylonischer,

assyrischer, syrischer, römischer, christlicher und arabischer Zeit

hochberühmt als Sitz uralter Heiligtümer und vor allem als Kultstätte

des Mondes, der daselbst als ~Sin~, ~Selene~, und androgyner ~Deus

Lunus~ verehrt wurde[2764].

Als Ssâbier bezeichneten sich die Harrânier nicht schon zur Zeit der

arabischen Eroberung (639)[2765], vielmehr legten sie sich diesen

Namen erst um 830 unter dem Khalifen ~Almaʿmun~ bei, der ihnen als

„ungläubigen Heiden“ völlige Ausrottung ankündigte. Den von solcher

Gefahr Bedrohten erteilte ein schlauer muslimischer Rechtsgelehrter

gegen schwere Bezahlung den Rat, sie sollten sich als jene Ssâbier

ausgeben, über die niemand mehr irgend Genaueres wisse, denen jedoch

der Koran an drei Stellen Duldung zugesagt habe; dies geschah

seinerzeit jedenfalls, weil man ihre Sekte, die der mesopotamischen

Elkesaïten (die zwar verwandt, aber nicht identisch sind mit den

Mendaïten, Mandäern oder „Johannes-Christen“, deren dürftige

Reste sich bis auf den heutigen Tag erhielten), trotz des starken

Einschlages heidnischer Elemente für eine christliche ansah[2766].

Der Name Ssâbier ist syrischen Ursprunges und bedeutet die sich (zu

kultischen Zwecken) „Waschenden“, vielleicht auch „Taufenden“[2767].

Tatsächlich sind auch die Ssâbier Reste echt syrischer Heiden und

in vieler Hinsicht Bewahrer der alten heidnischen Religion und

des alten, durch chaldäische und persische Einflüsse abgeänderten

Sterndienstes, wie er etwa bei der spätbabylonischen Landbevölkerung

üblich gewesen sein mag[2768]. Verhältnismäßig früh wurden sie mit

hellenistischer Litteratur und Philosophie vertraut, nahmen sodann

hermetische, gnostische und neuplatonische Lehren auf[2769], und

während ihr Schrifttum und ihre Übersetzungen auch weiterhin syrisch

blieben, fühlten sie sich einerseits als Zugehörige des ererbten

Glaubens mit seinen noch die babylonischen Namen tragenden Göttern,

Tempeln und Kultgebräuchen, andererseits als Träger hellenistischer,

namentlich hermetischer und gnostischer Überlieferungen, sowie als

Pfleger des hermetischen und gnostischen Gemeinde-Wesens[2770].

In dieser Mischform, die für die Überlieferung zahlreicher alter

Traditionen von +größter Bedeutung+ ist, da sie unter dem leichten

monotheistischen Firnis neuplatonischer und hermetischer Ideen das rein

Heidnische zumeist fast unverändert bewahrte[2771], war das Ssâbiertum

spätestens schon im 3. Jahrhundert vorhanden[2772] und machte Harrân

zu einem Hauptorte der Fälschung philosophischer, religiöser und

mystisch-magischer Schriften, als deren Verfasser u. a. galten: die

Propheten und Weisen ~Pythagoras~, ~Platon~, ~Aristoteles~, ~Hermes~

„der Fürst der Leute von Harrân“ und sein großer Schüler (oder Lehrer)

~Agathodaimon~, ~Hermes Trismegistos~, „der König, Philosoph, Prophet

und Patron der untergeschobenen Bücher“[2773], der große Zauberer

~Ostanes~[2774], usf. Die Eroberung durch die Araber, die in Harrân

die erste Bekanntschaft mit dieser ganzen Art der Litteratur gemacht

haben dürften, änderte nichts an den bestehenden Verhältnissen, um so

mehr als die Ssâbier sich als sehr anpassungsfähig erwiesen und eine

ganze Anzahl arabisch schreibender Gelehrter hervorbrachten, u. a.

den berühmten ~Thabit ben Qorrah~ (826-901), sowie den Astronomen

~Albattani~. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts berichten über die Ssâbier

und ihren Glauben recht zutreffend ~Alnadim~ im „Fihrist“[2775], der

Geograph ~Ibn Hauqal~, sowie der hochgelehrte ~Albiruni~. Nach ~Ibn

Hauqal~ ist Harrân die Stadt der Ssâbier, bewohnt von 14 Hütern ihrer

Tempel, dessen größter erbaut ist von ~Abraham~[2776], der schon

nach dem „Buche der Jubiläen“ (2. Jahrhundert v. Chr.) daselbst „die

Zeichen der Sonne, des Mondes und der Planeten beobachtete“[2777].

~Albiruni~ meldet, daß die Ssâbier in Harrân, die verschieden von den

+wahren+ Ssâbiern im Irâk sind, gleich den alten persischen Königen vor

~Zoroaster~ Sonne, Mond, Planeten und Elemente verehren, deren Idolen

und Kultbildern in den Tempeln gewisse Feste feiern, über die er nicht

ausreichend unterrichtet sei, und zahlreiche Propheten und Philosophen

besäßen, u. a. ~Agathodaimon~ und ~Hermes~, der auch dem ~Henoch~,

~Idris~ und ~Buddha~ gleichgesetzt werde[2778]. Der „große Tempel“ zu

Harrân, d. i. der Mond-Tempel, „in dem ~Selene~ begraben liegt“[2779],

war gegen 1050 noch wohlerhalten; entweder in dieser Zeit, gelegentlich

eines Krieges mit den Ägyptern, oder im 13. Jahrhundert anläßlich des

Mongolen-Einbruches, wurde er gänzlich zerstört und zugleich mit ihm

verschwinden auch die Ssâbier spurlos aus der Geschichte[2780].

Im Mittelpunkte der ssâbischen Lehren, über die allein der Araber

~Almusabbihi~ ein Buch von 6000 Seiten geschrieben haben soll[2781],

steht der Sterndienst[2782], der aber erst einem älteren und

nichtsemitischen Kultus eingegliedert worden zu sein scheint. Betreff

des letzteren haben sich nur spärliche und späte Andeutungen erhalten,

z. B. bei dem ganz unzuverlässigen ~Ibn Alwahschijah~ (um 900) und bei

~Maimonides~ (1135-1204)[2783], denen zufolge der „Prophet“ ~Tammuz~,

der zuerst zur Verehrung der 7 Planeten und 12 Tierkreiszeichen

aufforderte, deshalb auf Befehl des Königs von Babylon getötet worden

sei[2784]. In der frühesten überlieferten Form der Lehren geben sich

diese als wesentlich dem Neuplatonismus entsprungen zu erkennen, wenn

auch einem vielfach umgestalteten und erweiterten, so daß Theorien

über Pantheismus, Weltseele, Väter und Mütter, tätige und leidende

oder männliche und weibliche Prinzipien, Zusammenhalten aller

Naturerscheinungen durch geistige Kräfte und Wesen, sympathetische

Verbindungen und Einflüsse u. dgl. stark vorwiegen, ferner den Formeln,

Zerimonien, Zauberkünsten, theurgischen oder magischen Praktiken, die

Einwirkung oder Zwang auf die geistigen Wesen ermöglichen, besondere

Bedeutung zugemessen wird[2785]. Die Erhabenheit der Gottheit über die

Materie und alles auch nur teilweise Materielle, sowie die Schwäche des

Menschen erfordert Vermittler rein geistiger Natur, die in ähnlicher

Weise Emanationen der Gottheit sind, wie die Lichtstrahlen solche

der Leuchte[2786]; zu ihnen zählen u. a., ganz im Sinne ~Philos~,

der den λόγος (Lógos) und die δυνάμεις (Dynámeis) schon „Werkzeuge

und Diener Gottes“ nannte[2787], die „oberste Ursache“ (= πρῶτον

αἴτιον des ~Iamblichos~), die „oberste Vernunft“ (= πρῶτος νοῦς des

~Iamblichos~)[2788], die Notwendigkeit, die Weltordnung, die Seele

und verschiedene andere[2789]. Die wichtigsten unter diesen geistigen

Wesen und Vermittlern sind aber die Leiter der 7 Planeten, die als „7

Glieder Gottes“ die Welt gestalten, lenken und beeinflussen[2790],

als „Väter“ die Elemente hervorbringen, die dann wieder die „Mütter“

aller Einzeldinge sind[2791], und für Aller Augen in den 7 Planeten

hervortreten. Den Planeten-Geistern, die teils männlich und weiblich

(oder wie ~Sin~, der Mond, androgyn), teils gut und böse, teils glück-

und unglückbringend[2792] sind, sowie den „intellektuellen Substanzen“,

weihten die Harrânier ihre Tempel, deren älteste und prächtigste

~Abraham~ erbaute[2793]; sie bergen als Repräsentanten der unsichtbaren

Geister und der nicht stets sichtbaren Planeten deren Idole und Götzen,

die daher entsprechend den jenen zugehörigen Formen, Gestalten,

Farben, Stoffen und Zahlen anzufertigen sind, da allein unter dieser

Voraussetzung die „Kräfte ihrer Sterne“ sich auch wirklich über sie

ergießen[2794].

Wollen nun Menschen von den Gottheiten etwas erbitten, so muß dies

durch die Priester geschehen, denn diese allein besitzen die zu einer

wirksamen Anrufung erforderlichen Kenntnisse der astrologischen und

magischen Eigenschaften der Gestirne, sowie die der chaldäischen,

persischen, altgriechischen, romaeischen (= neugriechischen),

arabischen und indischen Namen oder Worte, die man stets +sämtlich+

auszusprechen hat, damit die jeweilig „angenehmsten“ keinesfalls

übergangen werden[2795]. Die Priester wenden sich an +die+ Götzen und

durch sie an +die+ Sterngeister, unter deren Einfluß das Erwünschte

steht[2796], allenfalls aber auch an solche, die jenen gut befreundet

sind, -- man kann z. B. ~Aphrodite~ um das angehen, was man von ~Ares~

verlangt, und sie bei ihm, dessen Gunst wegen seiner großen Macht und

Schädlichkeit ohnehin ganz besonders zu suchen ist, Fürbitte einlegen

lassen[2797]. Am aussichtsvollsten ist es, wenn man +den+ Planeten

anrufen kann, unter dem man geboren ist; aber auch hierbei bleibt es

für den Bittsteller wie für den Priester Vorbedingung, daß sie der

Gottheit innerlich und äußerlich gereinigt nahen, mit lauterer Seele,

ohne niedrige und selbstsüchtige Gedanken, ferner zur richtigen und

angenehmen Zeit, z. B. jedem Sterne womöglich an seinem Tage, zu seiner

Stunde (der ersten des Tages)[2798], während seiner Kulmination, bei

guter Stellung und Nachbarschaft[2799], und endlich unter den richtigen

Zerimonien, Gebeten, Anrufungen, Beschwörungen und Gebärden, sowie

unter den richtigen, zugehörigen und „angenehmen“ Opfern, bei denen

nicht nur die Art und Farbe der Kleider, Räucherwerke, Tiere, Pflanzen,

Metalle usf. in Frage kommt, sondern auch die passende Zahl[2800]. Je

nachdem man 7 Sphären annimmt oder 9 (z. B. einschließlich derer der

Erde und Luft)[2801], hat man daher den Planeten Opfer von 7 oder 9

Lämmern, Schafen, Böcken u. dgl. darzubringen[2802] und sich dabei zu

überzeugen, daß die Altäre der Idole die erforderliche Zahl Stufen

besitzen, drei für den Mond, vier für ~Merkur~, fünf für ~Venus~,

sechs für die Sonne, sieben für ~Mars~, acht für ~Jupiter~ und neun

für ~Saturn~[2803]. Betreff der drei wichtigen oberen Planeten,

~Saturn~, ~Jupiter~, ~Mars~, gelten nach dem „Ghâjat“ die Vorschriften:

Kleidung schwarz, weiß, und gelb-rot; Ring aus Eisen, Bergkrystall(?),

Kupfer; Räucherpfanne aus Eisen, --, Kupfer; Opfertier schwarzer Bock,

weißes Schaf, --[2804]. Indessen gehen die Meinungen nach manchen

Richtungen auseinander, so z. B. schreiben einige dem ~Mars~ nicht

das Kupfer zu, sondern das Eisen, nebst den Leuten, die es bearbeiten

und gebrauchen, dem ~Jupiter~ aber das Edelmetall und die Leute, die

es aus den Gesteinen abscheiden[2805]. Die Berichte wiederum, die

~Aldimeschqi~ (1256-1327) in seiner „Kosmologie“ anführt[2806], und

die sichtlich aus sehr guten alten Quellen geschöpft sind, geben für

die 7 Planeten[2807] Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und

Mond an: Farben der Tempel schwarz, grün, rot, gelb, blau, bunt, weiß;

Farben der Kleider schwarz, grün, blutrot, gelb, weiß(?)[2808], bunt,

weiß; Metalle der Idole Blei, Zinn, Eisen, Gold, Kupfer, Mischmetall

nebst einem Porzellangefäß voll Quecksilber, Silber; Tag der

Verehrung Samstag, Donnerstag, Dienstag, Sonntag, Freitag, Mittwoch,

Montag[2809]. Das Quecksilber und ebenso das Gefäß aus Porzellan, einem

Material, das im westlichen Asien erst während des 8. Jahrhunderts

näher bekannt wurde, sind indessen hier offenbar Einschiebsel einer

erst späteren Zeit. In der Liste, die, ssâbischen Ansichten folgend,

~Ibn Alwahschijah~ (um 900) betreff der Planeten, ihrer üblichen und

auch auf den „Planeten-Siegeln“ enthaltenen Zeichen und ihrer Metalle

überliefert, fehlt das Quecksilber[2810], und ~Aldimeschqi~ selbst

sagt gelegentlich, daß Andere als siebentes Metall das „Châr Ssînî“

betrachten, d. i., wie schon der Name anzeigt, eine aus China stammende

Legierung, vielleicht eine Art sehr heller Bronze[2811]. Möglicherweise

ersetzte sie zunächst das anfänglich dem Jupiter zugeteilte

Elektron (Gold-Silber-Legierung), denn die Behauptung des syrischen

Lexikographen ~Bar Bahlul~ (um 950)[2812], die Verbindung zwischen

Jupiter und Zinn stamme schon aus sehr alter, wenn auch nicht ältester

Zeit babylonischen Heidentumes, ist nachweislich ganz unrichtig. Die

zwischen Metallen, Edelsteinen usf. und Planeten erklären aber die

Ssâbier daraus, daß die Sterne durch ihre Stellungen, Bewegungen und

Kräfte, vor allem aber durch ihre Farben und Lichtstrahlen, alles

Bestehende in entsprechender Weise beeinflussen, daher denn die Sonne,

das leuchtende gelbe Gestirn, das Gold hervorbringt, ~Saturn~, „dieser

in Weisheit und Geheimwissenschaft erfahrene indische (= schwarze)

Alte“ das Blei, usw.[2813].

Über die +Stifter+ der ssâbischen Religion besitzen wir Berichte

einer großen Anzahl hervorragender arabischer Gelehrter, Historiker

und Geographen, u. a. solche des ~Alkindi~ (starb nach 870),

~Ibn Khordadhbeh~ (gest. 912), ~Almasʿudi~ (gest. 958), ~Alkindi

Altudschibi~ (gest. um 970), der Verfasser der „Schriften der treuen

Brüder“ (10. Jahrhundert), des ~Schahristani~ (gest. 1153), ~Alqifti~

(gest. 1248), ~Ibn Saʿid~ (gest. 1274), ~Abuʿlfaradsch~ (gest. 1286),

~Aldimeschki~ (gest. 1327), ~Makrizi~ (gest. 1441), die auch bei diesen

letzteren Autoren häufig auf sehr frühe und zuverlässige Quellen

zurückgehen. Vielfach herrscht die Überzeugung vor, die ssâbische

Religion sei die älteste aller, und bei den Chaldäern, Persern,

Arabern, Indern, Chinesen, Türken, Griechen, Römern und sämtlichen

„fremden und heidnischen“ Völkern entweder die ursprüngliche oder die

seitens der Chaldäer bei ihnen eingeführte[2814], -- doch fehlt es

gegenüber derartigen Einbildungen auch nicht an Zweifeln, wie denn

z. B. ~Aldimeschqi~ ohne weiteres zugesteht[2815], „daß viele Angaben

und Erzählungen der Ssâbier auf lügnerischen Erfindungen dieses

heidnischen Volkes beruhen“.

Als Begründer der ssâbischen Religion werden neben ~Orpheus~, ~Solon~,

~Homer~, dem Astronomen ~Aratos~[2816], den Verfassern einiger

hermetischer Schriften[2817] und ~Abraham~[2818] hauptsächlich

angeführt ~Hermes~ = ~Henoch~, sowie ~Agathodaimon~ = ~Seth~, die

sich auch mit ~Orpheus~ I. und II. identifiziert finden[2819].

Vermittelt wurden diese Gleichsetzungen wohl durch die Syrer, bei

denen Synkretismus und neuplatonische Mystik, namentlich seit der

Einwanderung der von den „rechtgläubigen“ byzantinischen Kaisern

ausgetriebenen Nestorianer[2820] überraschend schnell Boden

faßten[2821]; doch ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß sie ganz

oder teilweise auch erst aus der Zeit nach der arabischen Eroberung

herrühren, die nicht nur späthellenistische Pseudepigraphen aller Art

mit kritikloser Gläubigkeit aufnahm, sondern sie alsbald auch mit Eifer

und Geschick nachzuahmen verstand[2822].

Von ~Hermes~ heißt es, daß er gleichzeitig Prophet, Philosoph (oder

Astronom) und König war[2823], und zwar nach den einen König von

Persien[2824], nach den anderen aber von Oberägypten, wo er als

~Hermes~ I. alle überhaupt bekannten Werke verfaßte, die von Magie,

Astronomie, Astrologie, Medizin, Zauberei u. dgl. handeln[2825];

auch seine Sprößlinge, die ebenfalls ~Hermes~ hießen, waren Könige,

und zu ihnen zählt u. a. ~Alexander der Grosse~, dessen rechter

Name „~Hermes~, Sohn des ~Philippos~“ lautete[2826]. ~Hermes~

wurde gleichgesetzt mit ~ʿUtarid~ (babylon. = ~Merkur~), mit dem

hochberühmten arabischen Propheten ~Idris~, d. i. ursprünglich

dem Apostel ~Andreas~[2827], und samt diesem dem Urpatriarchen

~Henoch~[2828]. Vermöge seiner geheimen Kräfte, -- denn er war

„dreifach an Weisheit“ --, stieg er empor bis zur Sphäre des ~Saturn~

(= zur äußersten), verweilte in ihr 30 Jahre (= Umlaufszeit des

~Saturn~), nahm von da aus Einblick in alle Zustände des Weltalls

und kehrte dann zur Erde zurück, wohlbewandert in der Kenntnis des

Planeten-Umlaufes und aller Himmels-Erscheinungen[2829]. Auf solches

Wissen gestützt erschloß er aus der Stellung der Gestirne das Nahen

der Sündflut und errichtete deshalb zur Sicherung seiner Schätze und

Manuskripte die Pyramiden, deren jede, „wie alle ägyptischen Tempel“,

7 den 7 Planeten geweihte Kammern enthält, auf deren Wänden magische,

astronomische, astrologische, medizinische, chemische und andere

Inschriften stehen[2830]; der Khalif ~Harun Alraschid~ ließ, als er

nach Ägypten kam, eine von ihnen „mit Feuer und Essig“ öffnen, aber

ohne Ergebnis und vor allem ohne die Schätze zu finden[2831].

Der „ägyptische“ ~Agathodaimon~, der kein anderer ist als ~Seth~, der

Sohn ~Adams~[2832], soll nach einigen ein „griechisch-ägyptischer

Prophet“, tausend Jahre älter als ~Hermes~ und dessen Lehrer gewesen

sein[2833], nach anderen aber sein Jünger und Schüler[2834]; um diese

Widersprüche zu vereinigen, nahm man auch an, daß es +mehrere+ ~Hermes~

gegeben habe[2835], u. a. einen ägyptischen, „der die ägyptische

Religion begründete“[2836], und einen babylonischen, „einen der 7

Diener des Tempels, nämlich jenes des ~ʿUtarid~“ (= ~Merkur~)[2837].

Dieser letztere ging aber nach manchen ebenfalls nach Ägypten, lehrte

die Priester zu Memphis die Astrologie und Geheimwissenschaft, über

die er zahllose religiöse, philosophische und alchemistische Werke

verfaßt hatte, und zeichnete gemeinsam mit ~Agathodaimon~ seine

Lehren auch auf den Tempel-Stelen auf, aus deren Inschriften später

(was schon ~Iamblichos~ als wohlbekannt berichtet) ~Pythagoras~ und

~Platon~ ihre Weisheit schöpften[2838]. Nicht sicher ist, welcher der

verschiedenen ~Hermes~ der Lehrer des ~Agathodaimon~ war; viele nehmen

an, es sei ~Hermes Trismegistos~ gewesen[2839], der sein ganzes Leben

philosophischem Nachdenken und wissenschaftlichen Versuchen widmete, --

u. a. erfand er dabei die Glasur der Tongefäße mittels Salmiak[2840]

--, und nach seinem Tode als Lichtsäule gen Himmel fuhr[2841]. Nach

allgemeiner Annahme sind er und ~Agathodaimon~ in den beiden großen

Pyramiden begraben[2842], während die drittgrößte den ~Ssabi Ben

Hermes~ bergen soll, -- eine offenbar erst nachträglich als „Heros

epónymos“ (Namengeber) der Ssâbier erdachte Persönlichkeit[2843].

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Nur ganz kurz sei an dieser Stelle der oben erwähnten +Mandäer+

gedacht, aramäischer Stämme, die im mesopotamischen Delta (im

Irak) wohnten[2844] und anscheinend mancherlei Gemeinsames mit den

Manichäern besaßen, über die erst in neuester Zeit die Funde zu

Turfan im chinesischen Turkestan helleres, doch bei weitem noch nicht

ausreichendes Licht verbreiteten.

Die Religion der Mandäer ist eine Mischbildung, die, soweit ihre erst

im 3. bis 6. Jahrhundert abgefaßten „heiligen Schriften“ ein Urteil

gestatten, aus ursprünglich rein heidnischen und verhältnismäßig

einfachen Grundlagen unter dem Einflusse babylonischer, chaldäischer,

persischer und gnostischer Anschauungen entstand[2845]. Die Welt

ist ihr eine Mischung von Gutem und Bösem, Licht und Finsternis,

hervorgebracht durch eine androgyne Urgottheit, und zwar nicht

miterzeugt, aber mitbeherrscht von den halbbösen und bösen 7

Planeten-Dämonen[2846]. Bei der Weltschöpfung entstand ein Festland

mit 7 Ringmauern, durch die das feindselige böse Wesen Ur von der

Oberwelt so abgeschlossen ist, daß auf seinem Leibe die Erde ruht, in

Gestalt 7 flacher Schichten aus (7) Metallen, „Ambosse“ genannt[2847].

Ferner bildeten sich aus der Urmasse, der „Mutter der Welt“[2848],

unter Einwirkung des „Wassers des Lebens“[2849] die 7 Planeten, die

als „7 Leuchten der Welt“ auf Wagen fahren und ~Samos~ (Sonne),

~Libat~ (~Dilbat~, ~Venus~), ~Sin~ (Mond), ~Kiwan~ (~Saturn~), ~Bel~

(~Jupiter~), ~Niragh~ (~Mars~) und ~Enbu~ (~Nebu~, ~Merkur~) heißen,

aber auch vielerlei andere, zum Teil babylonische Namen führen[2850].

Die 7 Planeten regieren die 7 Weltperioden oder Weltreiche[2851],

sie lenken durch ihre Bewegungen alle Vorgänge auf Erden[2852] und

bestimmen namentlich, getreu den Aufzeichnungen des „weisen Schreibers

~Nebu~ im Buche der Schicksale“, die Erlebnisse der Menschen[2853]. Den

zur Erde hinabsteigenden Seelen erteilen sie ihre Laster und stürzen

sie dadurch in endloses Unglück; aus diesem befreit die Würdigen (=

Gläubigen) die gute erlösende Gottheit und führt sie nach dem Ende des

Lebens zu ihrem Sitze in den obersten Himmel zurück[2854].

Nach ~Reitzenstein~ ist es bemerkenswert, daß, wie manche mandäische

Namen (z. B. ~Abatur~ für ~Hermes~)[2855], so auch vielerlei Lehren

und Anschauungen der Mandäer sichtlich iranischen Ursprung oder doch

iranische Gestaltung aufweisen[2856]; zu diesen zählen die vom Aufstieg

der Seele[2857], vom großen Drachen (der babylonischen Tiamat)[2858],

sowie vom Feuer und Wasser, den beiden enge mit der dualistischen

Theorie zusammenhängenden Grundstoffen[2859]. Ursprünglich ist das

Feuer der gute und männliche, das Wasser der schlechte und weibliche;

bei den Mandäern wird diese Einteilung aber in ihr Gegenteil verkehrt

und bleibt so auch bei einigen christlich-gnostischen Sekten bis

in das 2. Jahrhundert hinein bestehen[2860], während andere, unter

Einmischung der griechischen Lehre von den vier Elementen, Feuer und

Luft als ψυχικὰ στοιχεῖα (seelische Elemente) ansehen, Wasser und Erde

aber als σοματικὰ στοιχεῖα (körperliche Elemente)[2861]. Die nämlichen

iranischen Einflüsse machen sich zugleich mit jenen der griechischen

Philosophie[2862] auch schon frühzeitig in der hermetischen Litteratur

bemerkbar[2863], und ebenso zusammen mit jenen der phrygischen

Götterlehre in den gnostischen Offenbarungs-Schriften[2864]:

es entstammen ihnen u. a. der zweigeschlechtliche Urmensch, die

Göttin ~Psyche~, die in die Materie herabsinkt und wieder in den

Himmel heimkehrt[2865], sowie verschiedene kosmogonische Züge, die

vermutlich auf dem Wege über die in großem Ansehen stehende Tradition,

insbesondere die volkstümlich-hellenistische, Eingang fanden[2866].

Den iranischen Mythen, deren religiöse Nachwirkung überhaupt

außerordentlich hoch einzuschätzen ist[2867], entnahm vieles höchst

Bedeutsame auch ~Mani~ (216-276), der Begründer des Manichäismus,

der die christliche und die persische Religion miteinander zu

verschmelzen suchte[2868]; auch er schöpfte indessen nicht unmittelbar

aus orientalischen Quellen, sondern aus älteren griechischen, in

frühhellenistischer Zeit entstandenen Vorlagen, von denen sich

Überreste in den Zauberpapyri erhalten haben[2869]. Aus allen den

genannten Litteraturkreisen hinwiederum gingen iranische Lehren zu den

Ssâbiern über[2870], ferner zu den früharabischen „Treuen Brüdern“ (s.

unten)[2871], sowie auch zu den eigentlichen arabischen Hermetikern,

die indes bisher nur sehr unzureichend erforscht sind[2872].

Dritter Abschnitt.

Chemie und Alchemie.

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 89 / 127 题