8. Blei Zinn Eisen Gold Kupfer -- Silber

9. Blei Zinn Eisen Gold Kupfer Queck- Silber

silber

Will man davon absehen, allerlei zwar sehr mögliche, aber nicht

mit Bestimmtheit nachweisbare „Irrtümer“ und „Verwechslungen“

vorauszusetzen und durch deren Verbesserung die erwünschte

Übereinstimmung herzustellen, so muß man zugestehen, wie dies schon

im 17. Jahrhundert ~Borrichius~ tat[2380], daß wohl von Anfang an

„keine Einigkeit bei der Verteilung herrschte“. Als „Führer“ dienten

jedenfalls die uralten Vergleiche Sonne = Gold, Mond = Silber[2381],

denen dann an Allgemeinheit ~Kronos~ = Blei und ~Ares~ = Eisen am

nächsten kommen. Die übrigen Zuweisungen schwanken schon bei den

angeführten und noch mehr bei einzelnen anderen Angaben[2382] ganz

erheblich: für ~Aphrodite~ stehen Zinn und Kupfer (Bronze?) in Frage,

für ~Zeus~ neben Kupfer (Bronze?) Zinn, Elektron und Messing (?)

auch noch Silber, Erz, Gold und „Mischmetall“, für ~Hermes~ neben

Eisen, Elektron, Zinn und Quecksilber auch Kupfer, für ~Ares~ neben

Mischmetall auch Kupfer, für den Mond neben Silber auch Krystall oder

Glas, -- das ursprünglich (als Rohglas) stets grün war und daher

auch mit der grünen Farbe vereinbar ist, die dem Monde zuweilen

zugeschrieben wurde (s. oben). Im einzelnen stimmen indessen auch

die Farben der Planeten mit denen ihrer Metalle oder Mineralien

keineswegs streng überein: kann man allenfalls noch Mond = Stimmi

(Schwefelantimon, Grauspießglanzerz) angesichts des schön weißen

Glanzes dieses Erzes zulässig finden, so sind doch Gleichsetzungen wie

Sonne = Sapphir, ~Jupiter~ = Beryll, ~Saturn~ = Klaudianos (eine in der

Regel als goldähnlich beschriebene Legierung)[2383] nicht ohne weiteres

begreiflich und ebensowenig die von dem arabischen Astrologen ~Abu

Maʿschar~ (9. Jahrhundert) überlieferte ~Merkur~ = Smaragd[2384].

Das „Mischmetall“ (κρᾶμα), das ~Kelsos~ dem ~Ares~ zuschreibt, ist

nicht, wie das verschiedentlich geschah, als Elektron zu deuten,

vielmehr handelt es sich bei ihm wirklich um eine der aus Gemengen

aller sieben oder doch möglichst vieler Metalle zusammengeschmolzenen

Legierungen, wie sie besonders bei den Persern dauernd in Gebrauch und

Ansehen blieben (s. unten); der Bericht des ~Kelsos~ knüpft aber an den

Mithrasdienst an[2385], schöpft also aus persischen Überlieferungen,

und sein ~Ares~ ist vermutlich nur der Stellvertreter des persischen

Kriegsgottes (?) ~Schahréwar~, der im jüngeren Avesta „Herr der 7

Metalle“ heißt[2386], der nämlichen, die nach einer spätpersischen

Legende aus den Gliedern des sterbenden Urmenschen ~Gayomard~

entstehen[2387] und bei der iranisch beeinflußten Sekte der Mandäer (im

Tigrisdelta) die 7 Schichten oder (flachen) „Ambosse“ des Erdkörpers

bilden[2388].

Das Eisen wurde nach ~Kelsos~ dem ~Hermes~ zugeeignet, weil beide

ausdauernd, beharrend und jeder Mühsal gewachsen sind, das Elektron

aber nach dem Buche „Causa causarum“, weil es sich, ganz wie der

(androgyne) ~Hermes~ den anderen Sternen, so den anderen Metallen

anpaßt, sich mit ihnen verbindet und dabei seine und ihre Natur

verändert[2389]. ~Abu Maʿschar~ (9. Jahrhundert) will wissen,

daß erst die Perser dem ~Hermes~ das Zinn beigaben, das Elektron

(διάργυρον) aber dem ~Zeus~[2390]; indessen sind derlei Angaben wenig

zuverlässig, wie denn z. B. der syrische Lexikograph ~Bar Bahlul~

(um 950), der meist sehr gute Quellen benützte, bestimmt behauptet,

die Verbindung des ~Zeus~ mit dem Zinn stamme schon aus der Zeit des

„alten babylonischen Heidentumes“[2391]! In Wirklichkeit dürfte aber

die Übertragung des Zinns von ~Hermes~ auf ~Zeus~ mit der Zuteilung des

Quecksilbers an ~Hermes~ zusammenhängen, betreff derer hier vorerst

nur erwähnt sei, daß sie in weit neuerer Zeit erfolgte[2392], --

nämlich etwa im 4. Jahrhundert, nach Entdeckung der Destillation des

Quecksilbers.

In der Regel ist indessen Eisen das Metall des ~Ares~, und die

Anspielungen hierauf sind zahlreich und alt; schon ~Didymos~, der zu

Beginn unserer Zeitrechnung die Ilias kommentierte, nennt ~Ares~ den

Stern des Eisens[2393]. Nach neupythagoräischen Anschauungen[2394]

steht das dunkle, krieg- und verderbenkündende Eisen auch dem Reiche

der Unterwelt nahe, während Gold, Silber und Erz der Höhe, Mitte und

Tiefe des Weltalls beizuordnen sind, das Kupfer aber Beziehungen zum

„göttlichen Pneuma“ haben soll (weshalb es manche auch dem ~Hermes~

zuteilen). Bei ~Artemidoros~[2395] bedeutet ein Traum vom ~Mars~, daß

dem Träumenden eine chirurgische Operation mittels eiserner Instrumente

bevorstehe.

Das Blei gilt als Metall des Planeten ~Kronos~ (~Saturn~), und weil

dieser nach dem Gotte ~Kronos~ genannt ist, schreibt man auch ihm

eine bleiche, kalte, greisenhafte, langsame, mißgünstige, geizige,

schädliche und namentlich auch feuchte Natur zu, denn wie schon

den Orphikern und daher dem ~Platon~ (im Dialoge „Kratylos“), so

ist vor allem den Stoïkern ~Kronos~ der „Herr der ῥεύματα“, d. h.

des Nassen und Feuchten[2396]. Wie aber ~Kronos-Chronos~ schon als

ταρταροῦχος = Herr der Unterwelt und des Totenreiches, sowie als

κακοδαίμων (Kakodaemon)[2397] Unglück und Verderben bringt, so tut

dies auch sein Planet, und eben deshalb auch das „saturnische Metall“,

das Blei[2398]. Daher fertigt man aus diesem die sog. „Fluchtafeln“

an, die man, beschrieben mit dem Namen des zu Schädigenden, mit dem

Übel, das man ihm zufügen will, sowie mit den Namen und Zeichen der

Planetengötter oder Dämonen, die den Fluch vollstrecken sollen, in der

Erde vergräbt, -- worauf dann die Folge nicht ausbleiben kann[2399],

da das dunkle Blei die bösen Geister ebenso heranzieht, wie z. B. das

leuchtende Silber oder die glänzende Bronze sie vertreiben[2400]; auf

Grund ähnlicher Anschauungen wird auch Saturn mit Nemesis in Verbindung

gebracht, während dem ~Jupiter~ Níke (Sieg) zukommt, dem ~Mars~

Tólma (Mut), der Sonne Daímon, der ~Venus Eros~, dem ~Merkur~ Anánke

(Notwendigkeit) und dem Monde Týche (Zufall)[2401]. Endlich dient das

Blei auch mit zur Bestrafung der sündigen Seelen im Tartaros, wobei

sich die Vorstellung von seiner so besonders „kalten“ Natur in höchst

bezeichnender Weise geltend macht; während nämlich sonst dem ~Saturn~

als Emblem z. B. eine bleierne Vase zugeschrieben wird, aus der sich

ein Strom kalten Wassers ergießt[2402], -- so noch zu Anfang des 5.

Jahrhunderts in ~Marcianus Capellas~ Schrift „Hochzeit des ~Merkur~

mit der Philologie“[2403], die ~Diels~ treffend einen „philologischen

Karneval“ nennt --, meldet ~Plutarch~ (2. Jahrhundert)[2404], daß sich

im Hades drei Seen von +geschmolzenem+ Gold, Eisen und Blei befänden,

der letztere von solcher +eisiger Kälte+, daß er die hineingetauchten

Frevler gleich Hagelkörnern erstarren macht!

In altem, wenn auch nicht (nach ~Jeremias~)[2405] bis in die

babylonische Frühzeit zurückreichendem Zusammenhange mit den

Metallen der Planeten scheint deren Verbindung mit den +Weltaltern+

zu stehen. Die Lehre von 7 aufeinander folgenden, von ~Saturn~

anfangend durch je einen der Planeten beherrschten und durch deren

Metalle charakterisierten Zeitaltern[2406] dürfte einer Verquickung

chaldäischer und iranischer Ideen entsprungen sein. Nach einer

persischen, noch in einem der apokryphen „~Henoch~“-Bücher (s.

unten) erhaltenen Überlieferung werden die aus sechs verschiedenen

Metallen bestehenden „Berge der Erde“ zuletzt vor der Macht und

Herrlichkeit des „Auserwählten“ dahinschmelzen, d. h. die sechs

ersten Weltreiche dem siebenten eines Messias Platz machen[2407],

und bei dem durch einen feurigen Kometen herbeigeführten Weltenende

sollen die „Metalle der Erde“ in der Glut zerfließen und durch ihre

Ströme die Sünder verzehren, „den Frommen aber nicht anders, denn

laue Milch erscheinen“[2408]. Derlei Gedanken sind seit den letzten

Jahrhunderten des Altertums weit verbreitet: die Mandäer zählen 7

planetarische Weltperioden; die „Sibyllinischen Schriften“ sprechen

von den nach den Metallen benannten Weltreichen, die von 7 Sonnen in

den entsprechenden Farben erleuchtet werden; 7 „Regenten“ kennt die

„Apokalypse ~Johannis~“; in einer spätpersischen Apokryphe des 5. oder

6. Jahrhunderts dient als Symbol der Weltentwicklung ein Baum mit

7 Zweigen aus Gold, Silber, Kupfer, Erz (nach Anderen Eisen), Blei

(nach Anderen Stahl), Zinn und Mischmetall[2409]; endlich erwähnt

auch der ~Virgil~-Kommentar des ~Servius~ (5. Jahrhundert) sechs nach

ihren Metallen bezeichnete Zeitalter, die er die Cumäische Sibylle

verkünden läßt[2410]. Ist „Sibylle“ wirklich vom babylonischen Worte

Sibiltu (Subultu) abzuleiten, das ursprünglich „Ähre“ geheißen haben

soll und späterhin auch das Sternbild der „Jungfrau“ bedeutete,

welche hochwichtige babylonische Göttin mit einer Ähre in der Hand

abgebildet wurde[2411], so hätte dieser Name eine deutliche Spur der

orientalischen Herkunft des ganzen Anschauungskreises bewahrt.

Da der Mikrokosmos keinen anderen Gesetzen als der Makrokosmos

unterliegen kann, ergaben sich in Parallele mit den 7 Zeitaltern die

von den Planeten beherrschten 7 menschlichen Lebensstufen[2412].

Reichen auch die Hauptlehren über den Einfluß der Planeten auf „alles

Menschliche“, auf Alter und Lebensjahre, auf Leib und Seele, ja auf

alle einzelnen Körperteile und Glieder, bis auf ~Petosiris~ und

~Nechepso~ zurück[2413], so sind doch einzelne Ausgestaltungen erst

späthellenistisch, so z. B. die auf Triebe und Vermögen, die auf

Empfindungen und Geschmäcke[2414], vor allem aber die auf die sog.

Stufenjahre bezüglichen[2415]; das Wichtigste unter diesen war das 63.

Lebensjahr, das für ganz besonders bedeutsam und bedenklich galt, da

die schon an sich sehr „ominösen“ Zahlen 7 und 9 offenbar ein in noch

weit höherem Grade verdächtiges Produkt liefern mußten.

d) Apokryphen und Pseudepigraphen.

Von der in den vorstehenden Abschnitten erörterten Geistesrichtung

erfüllt erweisen sich auch zahlreiche der Apokryphen und

Pseudepigraphen des alten und neuen Testamentes, sowie einige ihnen

dem Herkommen nach nicht beigezählte, jedoch inhaltlich nahestehende

Schriften; nur auf einige der wichtigsten soll an dieser Stelle

hingewiesen werden.

Das „Buch ~Henoch~“, das zum Teil in griechischer und altslavischer

Sprache, am vollständigsten und ausführlichsten jedoch in äthiopischer

vorliegt[2416] und zuerst wohl während der Zeit zwischen 167-64 v. Chr.

verfaßt, in das Äthiopische aber erst im 5. Jahrhundert n. Chr.

übersetzt wurde, beschäftigt sich mit dem „Propheten“ ~Henoch~,

einem der (nach ursprünglich +nicht+-israelitischer Tradition)

vorsündflutlichen Patriarchen, der als Erfinder von Sternkunde und

Geheimwissenschaft, Schrift und Rechenkunst gilt, ferner als Kenner

und Beherrscher aller Verborgenheiten der irdischen und himmlischen

Welt, sowie als Weiser und Verkünder aus grauer Urzeit[2417]. In diesen

Eigenschaften feiern ihn auch das aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.

stammende „Buch der Jubiläen“[2418], sowie das zuerst gegen 50 v. Chr.

niedergeschriebene, dann aber um 90 n. Chr. stark umgearbeitete sog.

„4. Buch ~Esra~“[2419]. Der Titel „Schreiber des Wissens des Höchsten“,

den er in letzterem führt, erinnert an den in den Visionen ~Ezechiels~

vorkommenden „Schreiberengel in der Mitte der sechs übrigen“, der kein

anderer ist, als der babylonische ~Nabu~, der als Gott des Wissens

und der Schreibkunst „das Schreibrohr hält“ und tatsächlich in der

Aufzählung der Götter „~Samas~, ~Sin~, ~Nergal~, ~Nabu~, ~Marduk~,

~Istar~, ~Ninib~“ die Mittelstellung einnimmt[2420]. Da indessen das

Buch ~Ezechiel~ zwar aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert herrührt,

jedoch zahlreiche, zum Teil bis in späte Zeiten herabreichende

Abänderungen und Einschiebungen aufweist, so können Vergleiche

überhaupt nur unter allem Vorbehalt gezogen werden, besonders aber

solche, die auch die äthiopische Übersetzung des ~Henoch~ betreffen

sollen, da diese erst gegen 500 angefertigt und nur in Handschriften

des ausgehenden 15. Jahrhunderts erhalten ist.

Eingehende Kenntnis der chaldäischen und persischen Anschauungen über

Sternkunde verrät jedenfalls der ganze „astronomische Abschnitt“ des

äthiopischen ~Henoch~[2421], die Erwähnung der 7 Planeten und ihrer

„Führer“[2422], die Vergleichung der 7 Planeten mit großen brennenden

Bergen (in babylonischem Sinne = bösen Geistern)[2423] sowie die

Vision von den „im Himmel verborgenen“ Bergen aus sechs Metallen,

„die schmelzen und vor dem Gerechten gleich Wachs sein werden“. Als

Namen der Metalle führt eine Stelle an: Eisen, Kupfer, Silber, Gold,

weiches Metall, Blei[2424], eine zweite: Eisen, Kupfer, Silber, Gold,

Zinn, Blei[2425], und eine dritte: Gold, Silber, Zinn, Eisen, weiches

Metall[2426]; die letztere zeigt, daß unter dem „weichen Metall“

nicht Zinn verstanden sein kann, da sie beide nebeneinander aufzählt,

doch gibt auch die Übersetzung „Tropfmetall“[2427] keinen genügenden

Aufschluß, um so mehr, als die Deutung auf das schon an sich flüssige

Quecksilber keine Wahrscheinlichkeit bietet. Angesichts der über

allen Einzelheiten schwebenden chronologischen Unsicherheit kann man

die ganze Stelle nicht, wie das wohl geschehen ist, als die älteste

auffassen, die Weltalter und Planeten-Metalle in Zusammenhang bringt.

Nach der zwischen 100 und 50 v. Chr. verfaßten „Weisheit

~Salomonis~“[2428] besaß König ~Salomon~ Einsicht in „das System der

Welt und die Kraft der Elemente“, von denen Feuer und Wasser, Luft

und Wind, neben Himmel und Sternen Vielen als Götter gelten[2429].

Das System der Welt aber schuf Gott aus dem gestaltlosen (Ur-)Stoffe,

alles ordnend nach Maß, Zahl und Gewicht[2430], denn durch die

verschiedenartige Vereinigung der Elemente (στοιχεῖα, Stoicheía)

brachte er das Mannigfaltigste ganz ebenso hervor, wie die Musen

aus den wenigen Klängen des Saitenspieles die Gesamtheit der

wechselvollsten Melodien zusammenfügen[2431]. -- Im nämlichen Sinne

berichten auch die christlichen Abschnitte der „Sibyllinen“ (um

150 n. Chr.), daß bei der Schöpfung alle Elemente, dem Befehle

Gottes folgend, ebenso sich sammelten und vereinigten, wie sie am

Ende der Tage sich wieder verlieren und die Welt öde zurücklassen

werden[2432]; im „Hirten des ~Hermas~“ heißt es desgleichen, die Welt

sei zusammengefügt aus den vier Elementen und stehe auf ihnen fest, wie

eine Bank auf ihren vier Beinen[2433].

In den sog. „Oden ~Salomons~“, die aus jüdisch-mystischen Kreisen

etwa zwischen 50 und 67 n. Chr. hervorgingen und um 100 n. Chr. eine

Umarbeitung in christlichem Sinne (aber noch ohne gnostische Einflüsse)

erfuhren[2434], wird die Welt geschildert als bestehend aus oberen und

unteren Orten, Höhen und Niederungen, in deren Mitte sich die Dinge

befinden[2435]; im tiefsten Grunde liegt das finstere Chaos, in dieses

sinken die schwerlastenden Materien (Hýlai) wie Blei hinab[2436],

sammeln sich dort an, werden zwecks Erneuerung aufgelöst und durch

das „Wasser des Herrn“ wiederbelebt und schweben dann geläutert zum

Licht, d. h. nach oben, so daß auch τὰ κάτω (die unteren Dinge) τὰ

ἄνω (zu oberen) werden und schließlich „alles oben ist“, d. h. bei

Gott oder im Herrn[2437]. So wird also die ganze Welt zur Vernichtung

geführt, um sie aufzulösen, zu erneuern und das Tote aufzuwecken durch

das „lebendige, unsterbliche Wasser des Herrn“[2438]; auch die Seelen

steigen hierbei aus der Finsternis der Hölle und dem Rachen des Todes

empor zu Licht und Leben, aus dem Rauche des Abgrundes „durch den Tau

des Herrn“ zur Wolke des Friedens[2439].

Das schon weiter oben erwähnte Werk des ~Kelsos~, „Das wahre Wort“

(um 150), bezeichnet als den ehrwürdigsten und machtvollsten Teil des

Himmels Sonne, Mond, Wandel- und Fixsterne, deren göttliche Natur sie

zu himmlischen Boten, zu sichtlichen Herolden der oberen Dinge geeignet

erweist[2440]; die 7 Planeten schweben in den 7 Himmeln, geleitet und

beherrscht von guten und bösen Engeln, welche letzteren die Gestalten

von Löwe, Stier, Drache, Adler, Bär, Hund und Esel besitzen[2441].

-- In ähnlicher Weise sprechen von den 7 Himmeln die Erzählungen

„Testamente der 12 Patriarchen“ und „Leben ~Adams~ und ~Evas~“ (1. bis

2. Jahrhundert)[2442], das „Martyrium ~Jesaias~“ (2. Jahrhundert)[2443]

und die „Apokalypse des ~Baruch~“ (griechisch und syrisch, 2.

Jahrhundert)[2444], in der auch von den Himmeln und ihren Toren aus

Eisen, Erz usf. die Rede ist[2445].

Die Grundschriften, jedenfalls aber die jetzt vorliegenden

Redaktionen der angeblich von ~Clemens Romanus~ herrührenden

(Pseudo-)Clementinen und Homilien sind nicht schon gegen 150 verfaßt,

wie noch ~Langen~[2446] und ~Soltau~[2447] voraussetzten, sondern nach

~Krüger~[2448], ~Harnack~[2449], ~Heintze~[2450], ~Jülicher~[2451] und

~Bousset~[2452] erst um 250-260, ja was die Homilien betrifft, nach

~Harnack~ vielleicht sogar noch erheblich später. Den vielfach von

iranischen Anschauungen beeinflußten Lehren des ~Clemens Romanus~[2453]

zufolge ist Gott der Schöpfer der vier οὐσίαι (Usíai) heiß, kalt,

trocken, feucht[2454], er hat die πρώτη ὕλη (Urmaterie) vierfältig

und nach Gegensätzen gestaltet, durch ihn wird Luft zu Wasser, Wasser

zu Erde, Erde zu Feuer (beim Aneinanderschlagen der Steine)[2455],

und durch ihn gehen aus den vier Elementen vermöge der μῖξις (Míxis)

die verschiedenen Arten der κράσεις (Kráseis, Gemische) hervor[2456],

unendlich an der Zahl und doch alle zusammenstimmend, da der gesamte

Kosmos „nur als +ein+ großes Tier (Lebewesen) zu betrachten ist“.

Ursprünglich glich eben, der Lehre des ~Orpheus~ gemäß, das Chaos

einem Ei, das alle Elemente in noch einheitlicher ungeformter Mischung

einschloß, aber fähig zur Gestaltung der ganzen Welt, -- geradeso, wie

das Ei des Pfauen schon die Anlage zu jeglicher Buntheit des fertigen

Vogelgefieders in sich enthält. Unter dem Einflusse des göttlichen

Pneumas (πνεῦμα θεῖον) entwickelte sich in jenem Chaos-Ei ein

Mannweibliches (ἀρῥενόθηλυ), ~Phanes~ genannt, und stieg in ihm nach

oben, während die restliche unverbrauchte Materie in die Tiefe sank und

„~Pluton~“ geheißen wird, weil dieser der König der Toten ist[2457].

Sie kann wiederbelebt werden durch das „Wasser des Lebens“, doch darf

dieses Mysterium nicht entweiht werden, und das Buch, das darüber

berichtet, ist auf das strengste geheim zu halten und nur dem eigenen

Sohne zu überliefern[2458].

Zu den merkwürdigsten der höchst abenteuerlichen Begebenheiten,

deren Zeuge ~Clemens Romanus~ in Syrien gemeinsam mit dem von ihm

aufgesuchten hl. ~Petrus~ gewesen sein will, zählt das Zusammentreffen

mit ~Simon Magus~, über dessen dem Christentume feindseliges Auftreten

schon die „Apostelgeschichte“ berichtet, der aber erst in etwas

späterer Zeit (namentlich bei den Gnostikern) zu einer geradezu

führenden Stellung als „Erz-Ketzer und -Zauberer“ und „Vorbild aller

Verworfenen und Abtrünnigen“ gelangte[2459]. Mit Hilfe der Magie, die

es ihm u. a. ermöglichte, die „Buhlerin“ ~Helena~ in ein weibliches

Abbild zu bannen und mit sich zu führen[2460], sich in eine Schlange,

eine Ziege, ein Wesen mit zwei Gesichtern und in Gold zu verwandeln

(μεταβάλλειν)[2461], unendlichen Reichtum zu gewähren usf., vermochte

er auch ein künstliches Menschlein (= homunculus) darzustellen[2462]:

zu diesem Zwecke ließ er eine Vorrichtung, einem Schröpfkopfe

gleichend, menschliches Pneuma anziehen[2463], führte das Pneuma in

Wasser und das Wasser in Blut über, ließ dieses erst gerinnen und dann

zu festem Fleische werden[2464], und erhielt so einen Menschen, den er

auf dem umgekehrten Wege auch wieder in Luft aufzulösen vermochte.

e) Hermes und die Hermetik.

Der Name ~Hermes~ leitet sich nach ~Ed. Meyer~ ursprünglich von ἕρμα

(Hérma) ab, dem an Weg und Weide errichteten Stein-Kegel oder -Haufen,

der dem Beschützer der Herden und Straßen gilt, später zur Steintafel,

und zuletzt, durch Andeutung von Kopf und Geschlechtsteilen, zur

Halbstatue, zur Herme wird. Als Hirt ist ~Hermes~ ein Heilkundiger, ein

verschlagener und auf Gewinn bedachter Betrüger, ein hurtiger Läufer,

gewandt auch im Finsteren und daraufhin ein Herr des Schlafes und der

Träume, der auch mit der dunklen Unterwelt in Verbindung steht[2465].

~Hermes~ ist aber ferner, und vielleicht im Zusammenhange mit dem

Amte des Herdenschutzes, ein Wind-, Luft- und Wetter-Gott[2466],

und aus diesen seinen Eigenschaften erklären sich unschwer die

des Boten und Dieners der Götter, des Diebes und Entführers, des

Pfeifers und Sängers, des Leiters der Seelen (auch durch Schlaf und

Traum)[2467], des Herrn über Glück und Zufall, sowie über Befruchtung

und Zeugung[2468], des Behüters der Wege und Wanderer, des Förderers

der Kaufleute und Händler usf. Die meisten dieser Wirksamkeiten kennt

schon ~Homer~, was für ihr hohes Alter spricht[2469], während erst

eine schon jüngere Zeit den göttlichen Herold in geziemender Weise zum

Meister der Rede, Klugheit und Erfindungsgabe stempelt, zum ~Hermes

Logios~ (λόγιος). Sein eigentümlicher Stab, das Kerýkeion (κηρύκειον),

war nach den einen ursprünglich ein Fetisch[2470], worauf noch der

Gebrauch als Wünschelrute hindeuten könnte[2471], nach anderen hingegen

wandelte sich der Hirten- und Herolds-Stab, die „virga aurea“, mit der

noch ~Horaz~[2472] den Gott die Seelen leiten läßt, nur allmählich zum

schlangenumwundenen Abzeichen[2473].

Im Verlaufe der synkretistischen Periode wurde ~Hermes~ zum

Krystallisationspunkte vielfältiger, u. a. auch durch orientalische

und ägyptische Ideen beeinflußter Götter-Vorstellungen[2474]: schon

den jüngeren Stoïkern gilt er als Träger des λόγος σπερματικός (Lógos

spermatikós), den Neupythagoräern und Orphikern ist er προφήτης

λόγου (Prophet des Logos), Verkünder der Lehre oder des „Wortes“, --

vielleicht infolge Umwandlung der in Arkadien mythischen Genealogie

~Zeus-Hermes-Pan~ zu ~Zeus-Hermes-Logos~, „weil der Gedanken der Vater

des Wortes ist“[2475] --, den Neuplatonikern der „Vernunftgeist“ Logos,

der als Vereinigung des λόγος (Logos) und νοῦς (Nûs) von Anbeginn

her Materie und Sinnenwelt bildete und sich untertan machte[2476],

und weiterhin wird er in pantheistischem Sinne zum Weltherrscher und

Allgeist (κοσμοκράτωρ, παντοκράτωρ), zum Gebieter aller Pneumata, daher

auch der Seelen und Geister, sowie zum Nekromanten = Totenbeschwörer,

Zauberer, Magier, sowie zum Herrn aller diesen Geheimwissenschaften

Ergebenen[2477]. Die Fülle dieser Wirksamkeiten macht es erklärlich,

daß einige der Synkretistiker verschiedene ~Hermes~ annahmen und den

Gott schließlich in nicht weniger als 5 Personen gleichen Namens und

schwankender Genealogie zerlegten[2478], während Andere wiederum

die Einheitlichkeit dadurch zu wahren suchten, daß sie ~Hermes~

mit orientalischen oder ägyptischen Göttern verwandten Charakters

identifizierten.

Die wichtigste und älteste dieser Gleichsetzungen, deren Anfänge schon

in die frühhellenistische Periode zurückreichen[2479], ist die mit dem

(~Platon~ bereits wohlbekannten) ägyptischen ~Thot~ oder ~Tehuti~,

welcher Namen eine Dualform ist, anspielend auf den „Doppel-Ibis“,

in dessen Gestalt man ~Thot~ in den Flecken des Mondes zu erkennen

glaubte[2480]. Den Ägyptern gilt ~Thot~ als Gott der Sternkunde,

Zähler und Berechner alles himmlischen und irdischen, Herr über Maß,

Gewicht und Ordnung, Verkörperer von Geist und Intellekt, Erfinder der

Musik, Rede und Schrift, Schreiber der Götter, Verfasser sämtlicher

ägyptischen Schriftwerke und daher Gott der Bibliotheken, Kenner alles

wißbaren, insbesondere auch der Geheimwissenschaften, Meister der

magischen und mystischen Besprechungen, Beschwörungen und Formeln

nebst ihrer medizinischen Anwendung, Beherrscher der Seelen und Geister

und Wiedererwecker der Verstorbenen[2481]. In späterer hellenistischer

Zeit und unter Anlehnung an die echt ägyptische Vorstellung einer

Schöpfung mittels Emanation durch das bloße Wort, der gemäß der

„Urgott“ die jüngeren Götter „spricht“[2482], entstand dann die Lehre,

daß der Urgott die Welt durch siebenmaliges Lachen hervorbrachte, und

daß beim dritten Lachen der νοῦς (Nûs) zum Vorschein kam, „genannt

~Hermes~“, identisch mit ~Thot~, ~Rê~ dem Sonnengott, ~Mithras~ dem

Sonnengott, ~Agathodaimon~, ~Iao~ usf.[2483], der Herr des Logos

und der Welt[2484], der Beherrscher und Verteiler der Pneumata, der

Führer der Seelen und Lenker der Geister, der das All erfüllende

Weltgeist, das Bewegungs-Prinzip des gesamten Kosmos (mundi velocior

servus)[2485], der „Dreimal-Größte“, ~Hermes Trismegistos~[2486].

Die vielerörterte Benennung „~Trismegistos~“[2487] geht in letzter

Linie auf einen alten und stehenden Beinamen des Gottes ~Thot~ zurück,

der ursprünglich einfach „der Große“ lautete, in jüngerer Zeit

aber auch „der Große, der Große“, ägyptisch āa-āa (so noch in dem

erst zur Kaiserzeit vollendeten Tempel zu Denderah), was gemäß der

üblichen Phraseologie so viel besagt, als „der Wachsende“[2488]; in

wörtlicher Anlehnung werden daher auch für ~Hermes~ die Bezeichnungen

„ὁ μέγας“ sowie „μέγας καὶ μέγας“ überliefert, so z. B. in einer

Inschrift zu Rosette und noch bei Zosimos[2489]. Der Name τρὶς μέγας

oder τρὶς μέγιστος, Trismegistos, findet sich entgegen früheren

Annahmen[2490] auch auf ägyptischen Denkmälern und rührt daher, daß

man die ägyptischen Worte „der Große, der Große“ noch durch ein sog.

determinierendes Zeichen „Wr“ verstärkte, das gleichfalls „groß“

bedeutet, so daß „Trismegistos“ mit „der dreimal Große oder Größte“

zu übersetzen und rein superlativ zu verstehen ist[2491]. Sehr

allgemein wird angegeben, „Hermes ille Trismegistus, ... magister

omnium physicorum“ (= Herr der ganzen Natur) sei zuerst im 15. Kapitel

der Streitschrift des Kirchenvaters ~Tertullianus~ (verfaßt um 210)

gegen die gnostischen Valentinianer nachweisbar; indessen beendigt

schon ~Martial~[2492] sein Spottgedicht auf einen „allvollendeten“

Gladiator namens ~Hermes~ mit den satirischen Worten[2493]: „Hermes,

omnia solus et ter maximus“, „Hermes, der Du allein Alles (zugleich

das Eine und das All) bist und der dreimal Größte“, und sollten

diese Verse allgemein verstanden werden, so mußte das Attribut

„Trismegistos“ den gebildeten Kreisen Roms schon gegen Ende des 1.

nachchristlichen Jahrhunderts durchaus geläufig sein[2494], denen

Alexandrias also noch weit früher. Tatsächlich heißt denn auch

~Hermes Trismegistos~ schon in einem um 260 abgefaßten Ehrendekret

für einen hohen Beamten, das im Papyrus von Hermopolis (in Ägypten)

erhalten ist, „der Gott +unserer Väter+“, was auf eine Verehrung seit

Generationen zurückweist[2495]; analoge gleichzeitige Schriftstücke,

sowie die Zauberpapyri, die meist aus dem 2. Jahrhundert herrühren

und uns in Niederschriften aus dem 3. oder 4. vorliegen, sprechen von

~Hermes Trismegistos~ oder ~Trismegistos~ als etwas wohlbekanntem,

ohne weitere Erklärung[2496]. Beinamen ähnlicher Art kommen übrigens

in der synkretistischen Litteratur nicht selten vor: bei ~Clemens

Romanus~ ist τρισεπάπειρος (ter protendens) „ein die göttliche Natur

dreimal ins Endlose Verbreitender“[2497], in der „Pistis Sophia“ (um

250) sind τριπνεύματοι „die dreimal von Pneuma Erfüllten“[2498], und

ebenda, sowie in anderen Schriften τριδύναμοι oder τριδυνάμεις die

Bewohner des obersten Himmels als die „dreimal Gewaltigen“[2499];

in übertriebener Weise nennt diese der Verfasser der „Pistis“ auch

παντοδυνάμεις, sozusagen „x-mal Gewaltige“[2500], ähnlich wie

~Zosimos~, für den ~Platon~ schon der τρίσμεγας (trísmegas) ist,

folgerichtig den ~Hermes~ als μυριόμεγας (myriómegas, tausendmal-groß)

bezeichnen zu müssen glaubt[2501]. ~Zosimos~ behauptet, den Beinamen

Trismegistos habe ~Hermes~ empfangen, weil er dem Weltall die Zustände

der Kälte, der Wärme und des Flüssigseins, „diese unteilbare Triade“,

als Einheit zugrunde legte[2502]; nach ~Lactantius~ (gest. 330),

für den ~Hermes Trismegistos~ der würdige Nachkomme des ~Uranos~,

~Saturn~ und ~Merkur~, älter als ~Pythagoras~ und die sieben Weisen

und der Meister aller Tugenden und Künste ist, erhielt er ihn

wegen seiner Vielseitigkeit; nach ~Stephanos~ von ~Alexandria~ (7.

Jahrhundert) „wegen seiner dreifachen Ausübung der Kunst“[2503];

nach ~Isidorus Hispalensis~ (7. Jahrhundert) wegen seiner Kenntnisse

in den zahlreichsten Wissenschaften[2504]. Nachdem ~Philosophus

Anonymus~ (7. Jahrhundert?), weil er bei dem „großen Werke“ drei Arten

Grundsubstanzen (οὐσίαι, usíai) wirken ließ[2505]; endlich nach dem

byzantinischen Lexikographen ~Suidas~ (um 1000), weil bereits er in der

Trinität +eine+ Gottheit sah[2506], nämlich die zur Dreifaltigkeit des

Pneumas verbundenen drei höchsten Gewalten. Da ~Plinius~[2507] angibt,

die Magie umfasse drei Teile, nämlich Religion, Medizin und Astronomie,

und halte diese mit dreifachem Bande als Dreiheit der Magie zusammen,

so hat man auch vermutet, ~Hermes~, als größter Meister in allen drei

Teilen, habe mit Recht den Beinamen des „dreifach Größten“ in Anspruch

nehmen dürfen, -- und zu dieser Auslegung würde sowohl das stimmen,

was er am Schlusse der ihm zugeschriebenen „Tabula Smaragdina“ +selbst+

sagt, als auch das, was ~Stephanos~ über seine dreifache Ausübung der

Kunst bemerkt. Da indes, wie angeführt, τρὶς μέγας oder τρὶς μέγιστος

unbedingt superlativ zu verstehen ist, so werden derlei Auffassungen

hinfällig und ebenso auch verwandte, z. B. die des „Dreigestaltigen,

der im Himmel, auf Erden und im Hades der nämliche bleibt“, und des

„die drei Würden des Königs, Propheten und Philosophen (oder Arztes) in

sich Verbindenden“[2508].

Die ursprüngliche Identifikation des ~Hermes~ mit ~Thot~ war bereits

vergessen zur Zeit der Abfassung der sog. „Hermetischen Schriften“,

in denen ~Hermes~ für den Vater des ~Thot~ gilt, zuweilen aber auch

(als ein „zweiter Hermes“?) für den des ~Agathodaimon~[2509], mit dem

zusammen er dann wieder, schon vom 1. Jahrhundert n. Chr. ab, als

Lehrer des ~Pythagoras~ und ~Platon~ auftritt[2510]. Da das ältere

Ägypten jeden „weisen Priester“ als Inkarnation des ~Thot~ ansah und

nach seinem Hinscheiden als „~Thot~“ verehrte, die ganze stets anonym

verbleibende Priester-Litteratur aber als alleiniges Erzeugnis, des

~Thot~ betrachtete[2511], so kann es nicht wundernehmen, daß dem

~Hermes Trismegistos~ „als alleinigen Erben und Besitzer der gesamten

uralten Weisheit Ägyptens“[2512] nach ~Iamblichos~ 20000 Werke

zugeschrieben wurden[2513], ja auf einen angeblichen Bericht ~Manethos~

(um 280 v. Chr.) hin sogar 36525, -- wobei zu bemerken ist, daß diese

Zahl (25 × 1461) 25 jener Sothis- (Hundsstern-) Perioden umfaßt,

nach deren Ablauf jedesmal eine völlige Erneuerung der Welt erfolgen

soll[2514]. In welchem Verhältnisse diese Werke zu einem bei ~Clemens

Alexandrinus~ (gest. 216) erwähnten angeblichen „Auszuge in 42 Büchern“

stehen, (26 engeren philosophischen, 4 astrologischen, 6 medizinischen,

6 sonstigen Inhaltes?), ist nicht bekannt, jedenfalls knüpft aber an

sie die „Fabrikation“[2515] der eigentlichen hermetischen Schriften an,

von denen mehr als zwanzig bis auf unsere Tage gelangten.

Nach ~Zeller~ waren „Hermetische Schriften“, meist älteren, aus

verschiedenen pythagoräischen und platonischen Quellen stammenden

Werken nachgebildet, bereits um 100 n. Chr. vorhanden[2516], ihre

jetzt noch vorliegende Gestalt empfingen sie jedoch erst gegen 300

in Ägypten[2517], und zwar zur Zeit unglücklicher, ja verzweifelter

Zustände des Landes[2518]; daß Einkleidung und Erklärung auf

Verteidigung der ägyptischen Religion abzielen und die „für Minoritäten

charakteristische strenge Geheimhaltung“ gefordert wird, spricht

nach ~Zeller~ für ägyptische Priester als Verfasser[2519]. Auch

~Reitzenstein~ nimmt an, daß solche im 1. Jahrhundert in vorwiegend

theologischem, noch von griechisch-wissenschaftlichen Elementen

getragenem Sinne tätig waren, im 2. Jahrhundert aber den orphischen,

magischen und mystischen Einflüssen die Oberhand ließen[2520], während

christliche fehlen, und neuplatonische nicht für die Entstehung, wohl

aber für das Fortleben bis in das 6. Jahrhundert hinein von Bedeutung

waren[2521]. ~Otto~[2522], ~Zielinski~[2523], ~Kroll~[2524] und ~E.

Kroll~[2525] vertreten hingegen die Ansicht, daß ägyptische Priester

als Verfasser nicht bewiesen sind, wie denn überhaupt der „weise

ägyptische Priester“ ein bloßer litterarischer Typus und zu keiner Zeit

bezeugt ist, am wenigsten aber zur hellenistischen, während derer das

Priestertum auch nicht +eine+ wissenschaftliche Leistung von Bedeutung

hervorgebracht hat[2526]. Die hermetische Litteratur ist zwar, zum Teil

seit ~Philo~, zum Teil seit ~Numenios~ (um 150 n. Chr.), in Ägypten

entstanden, zeigt aber wenige für dieses Land charakteristische Züge.

Ägyptisch ist noch am ehesten ihre +Form+, z. B. wenn ~Hermes~ den

~Asklepios~ (der = ~Thot~ oder ~Tat~ „einer blutlosen Verdoppelung des

Thot“ und = ~Imuthes~ oder ~Imhotep~ sein soll) über die vorgeblichen

Offenbarungen des ~Agathodaimon~ belehrt, also die Geheimwissenschaft

in mündlicher Überlieferung „vom Vater zum Sohne“ weitergibt[2527]; da

aber griechische profane Kreise eine große theologisch-philosophische

Litteratur hervorbrachten, die den Zweck verfolgte, ägyptische und

griechische Religion auf dem Boden der Philosophie einander zu nähern,

so könnte auch jene +Form+ von Nicht-Ägyptern nachgeahmt sein[2528],

um so mehr, als weder die Schilderung der Götter, noch die Art des

Vortrages dem eigentlichen ägyptischen Herkommen ausreichend und

mehr als ganz äußerlich entspricht[2529]. Der +Inhalt+ der Schriften

hingegen, ihr eigentlicher Ideenkreis, ist (von einzelnem abgesehen)

weder ägyptisch, noch ägyptisch beeinflußt, schließt sich vielmehr

seinem ganzen Wesen nach der großen Gedankenwelt des Hellenismus

an, der auch das aus der Fremde Entlehnte unter Anknüpfung an

altgriechisches Gut in geeigneter Weise eingegliedert wird[2530].

Soweit dieses Fremde dem Orient entstammt, ist sein wichtigster

Vermittler ~Poseidonios~; die bei ihm zusammenfließenden Elemente

peripatetischer, platonischer, stoïscher, orphisch-pythagoräischer

und syrischer Herkunft bleiben allerdings nur selten rein bewahrt

(wie z. B. der berühmte Gedanke einer dauernden Verbindung des

Menschen mit der Gottheit durch Betrachtung der Schönheit der Welt

und des gestirnten Himmels), erleiden vielmehr zumeist Verzerrungen

in magischem, mystischem und allegorischem Sinne[2531]: zu solchen

gehören u. a. die Ausführungen über die Rolle der Zahlen, „die

noch über den (platonischen) Ideen stehen“, über die Urmonas, „die

alles weitere samenhaft in sich enthält“, über die „Eins, als die

Oberste“, über gewisse an das Hexen-Einmaleins erinnernde Zahlenrätsel

u. dgl. mehr[2532]. Ein weiterer Vermittler, besonders für jüdische

Vorstellungen, ist ~Philo~, ferner machen sich zahlreiche Anklänge an

die von den Neupythagoräern wiederbelebte Orphik bemerklich, und einige

auch an die Neuplatoniker, aber nicht mehr an ~Plotinos~[2533], was für

einen Abschluß der betreffenden Schriften um 200 spricht[2534]; die

Forderung der „Geheimhaltung“ wäre dann nicht, nach ~Zeller~, äußeren

Umständen zuzuschreiben, sondern erwiese sich als der orphischen

(und auch ägyptischen) Mystik entlehnt[2535]. Spuren frühgnostischer

Gedanken sind nur spärlich nachweisbar, solche christlich-gnostischer

und rein christlicher ursprünglich gar nicht, doch mögen später einige

leise Umformungen stattgefunden haben, vielleicht gelegentlich der

vielfachen Benützungen der hermetischen Schriften durch christliche

Autoren[2536]; die rein ethischen Betrachtungen, die gewisse, angeblich

bloß in arabischer Übersetzung erhaltene Abhandlungen gänzlich

erfüllen, z. B. die „An die menschliche Seele“[2537], erklären sich

daraus, daß deren Verfasser in Wirklichkeit erst im 11. bis 13.

Jahrhundert schrieben und die hermetische Art nur mit mehr oder weniger

Geschick nachahmten[2538].

Was die eigentliche, wesentlich theologische +Lehre+ der

Hermetiker betrifft, so geht sie verschiedentlich zunächst von

peripatetischen Vorstellungen aus, z. B. vom νοῦς (Nûs) = ~Hermes~

dem Hirtengotte[2539], formt diese in platonischem Sinne um, so daß

sie z. B. das „Böse“ (das, einem Stoffe gleich, von selbst entsteht,

wie der Grünspan am Kupfer und der Schmutz am Körper)[2540] als

durch die Hyle und samt dieser als durch das Planetensystem bedingt

ansieht[2541], und sucht endlich den platonischen Dualismus mit

dem stoïschen Pantheismus zu vereinigen[2542]: ~Hermes~ ist als

Demiurgos der die Welt schaffende und als Nûs der sie durchdringende

Allgeist[2543], er wird identifiziert mit dem Logos, der sich ihm

ursprünglich nur offenbarte, und tritt schließlich an dessen Stelle als

Mittler zwischen Gott und Welt, als der Erlöser, der die Menschheit

befreit vom Zwange der Heimarméne, der Herrschaft der Planeten

(στοιχεῖα, Stoicheía), die mit Ausnahme der Sonne sämtlich verderbliche

und bösartige Dämonen sind. Die erlösten Auserwählten sind τέλειοι,

(Vollendete), sie trinken ἀμβρόσιον ὕδως (ambrosisches Wasser =

Unsterblichkeitstrank der Ägypter und Orphiker), und ihre Seelen sind

würdig der παλιγγενεσία (Palingenesía, Wiedergeburt der Orphiker) und

der Himmelsreise[2544].

Nach ~Reitzenstein~ wurden diese Lehren in ihren verschiedenen

Entwicklungs-Zuständen unter entsprechenden Kulthandlungen innerhalb

eigener Gemeinden gepflegt, zu deren Mitgliedern u. a. auch ~Zosimos~

gehörte, und die sich etwa vom 1. vor- bis zum 3. nachchristlichen

Jahrhundert erhielten[2545]; nach ~Cumont~ und ~Kroll~ ist hingegen ein

Kult nicht bewiesen und in den „Schriften“ nicht vorausgesetzt, die

Hermetik muß vielmehr als eine rein litterarische Bewegung angesehen

werden, die die griechische Philosophie in ähnlicher (sehr wechselnder)

Weise ebenso mit ägyptischen und orientalischen Traditionen zu

vereinigen suchte, wie jene, die in den „Chaldäischen Orakeln“ des 2.

oder 3. Jahrhunderts ihren Ausdruck fand, mit chaldäischen[2546]. Erst

die gnostisch beeinflußten Gemeinden der Ssabier (s. unten) kennen

einen Kult des ~Hermes~, berufen sich auf Offenbarungen durch ihn und

~Agathodaimon~ und schätzen sich im Besitze der „heiligen Bücher“

beider; von ihnen gingen die einschlägigen Anschauungen auf die Araber

über[2547], und durch Übersetzungen arabischer Werke ins Lateinische

gelangten sie frühzeitig auch zur Kenntnis des Westens: schon bei

~Albertus Magnus~ (12. Jahrhundert) ist ~Hermes Trismegistos~ einer der

großen „Weisen der Vorzeit“[2548], und in diesem Sinne übergibt er in

dem 1488 durch ~Giovanni~ ausgeführten Fußboden-Mosaik im Hauptschiffe

des Domes zu Siena dem Heiden- und Christentume ein Buch mit der

Inschrift „Suscipe, o, litteras et leges Aegyptii“ (Empfange hier

Weisheit und Gesetzgebung des Ägypters)[2549].

Bruchstücke der ältesten hermetischen Lehren enthält die sog.

„Straßburger Kosmogonie“[2550], der gemäß ~Hermes~ den Himmel als

Halbkugel formt; an ihm bildet er die 7 Zonen (Sphären) mit den die

Schicksale bestimmenden Planetengeistern, den 7 ἄρχοντες (Archontes,

Gebietern) oder κοσμοκράτορες (Kosmokrátores, Weltherrschern)[2551],

die auch mit den 7 Gewändern der Isis im Kult der phrygischen

Naassener (vom 1. Jahrhundert vor bis zum 2. nach Chr.) verglichen

werden[2552]. Einer schon etwas späteren Zeit scheint der „Poimandres“

anzugehören, der aus 18 sehr verschiedenen und nicht streng

zusammengehörigen Abhandlungen besteht. Der Name ~Poimandres~, der

sich schon bei ~Zosimos~ findet und wohl auf neuplatonische Quellen

zurückgeht, bedeutet wörtlich einen „Hirten“ und spielt demnach auf

das wichtige Bild an, dessen sich schon ägyptisch-demotische Schriften

und ausführlicher ~Philo~ bedienen[2553]. Die Eigenschaft, in der

~Poimandres~ auftritt, ist indessen die einer höchsten Gottheit[2554],

eines zweiten demiurgischen Gottes[2555], eines Sohnes Gottes, der

entstanden ist aus dem Nûs und dem ewigen Licht, als Inbegriff aller

δυνάμεις (Kräfte) Gottes, als Logos. Indessen ist unter diesem Logos

nicht der rein geistige des ~Heraklit~ und der Stoa zu verstehen,

sondern der des ~Philo~, d. h. die vernünftig wirkende Kraft, die

Einheit aller einzelnen Vernunftkräfte oder das vollbringende

Schöpferwort Gottes, verkörpert durch den Demiurgen, den Mittler

zwischen Gott und Menschheit, den Sohn Gottes[2556]; mit der Materie

zeugt dieser 7 zweigeschlechtliche Menschen, die erst in der nächsten

Weltperiode in je zwei Hälften getrennt werden, und ein Zusatz besagt,

daß dies geschah, weil er bei der Herabfahrt durch die 7 Sphären die

Naturen der 7 Planeten in sich aufgenommen hatte[2557].

Zumeist jüngere, in einigem aber auch ältere Gedanken als der

„Poimandres“ dürfte die, aus verschiedenen, bisher nicht genügend

trennbaren Quellen entflossene Abhandlung „Κόρη κόσμου“ bieten[2558],

deren Titel nicht mit „Pupille der Welt“, sondern mit „Jungfrau der

Welt“ zu übersetzen ist[2559]; u. a. treten in ihr die vier Elemente,

die auch mit den Planeten als στοιχεῖα zusammenfließen, in Person auf,

um allerlei Anklagen zu erheben[2560], und ~Hermes~ bildet „mit den

Händen“ wie die „Körper“ aus Erde und Wasser, so auch die „Seelen“

aus göttlichem Pneuma und dem πῦρ νοερόν (hier etwa = dem himmlischen

Funken), und diese stellen daher ein bloßes κρᾶμα (Kráma) dar, eine

Mischung, die durch den Tod wieder διάλυσις (Diálysis, Trennung)

erleidet[2561].

Weitere Bestandteile der „Hermetischen Schriften“ bilden der bei

~Apuleius~ (gegen 200) erhaltene „~Asklepios~“, dessen Schlußgebet sich

auch im „Papyrus ~Mimaut~“ des ausgehenden 3. Jahrhunderts findet,

ferner der „κλείς“ (Schlüssel), voll dunklen astrologischen Inhaltes,

und in seinem Titel, der nicht selten auch den Zauberbüchern vorgesetzt

wird, wohl auf den mystischen „Schlüssel des ~Hermes~“ anspielend,

sowie endlich das Buch „Die 7 Pflanzen der 7 Planeten“[2562]. Letzteres

erklärt die betreffenden Pflanzen für „hervorgebracht durch das

eigentümliche Pneuma der 7 Planeten“ und nennt als die der Sonne

Heliotrop, als die des Mondes Aglaophotis (= Paeonia, Pfingstrose?),

als die des ~Kronos~ Aeïzoos (= Sempervivum, Hauswurz), als die des

~Zeus~ Eupatorium (= Odermennig?), als die des ~Ares~ Peucedanum (=

Hirschwurz?), als die der ~Aphrodite~ Panacea (= Adiantum, Frauenhaar),

als die des ~Hermes~ Phlomos (= Verbascum, Königskerze)[2563].

Auf die schon weiter oben besprochenen chemischen Pseudepigraphen

des ~Hermes~ braucht an dieser Stelle nicht nochmals eingegangen zu

werden. Nach ~Zielinski~[2564] verehrte man in Böotien ~Hermes~ als

~Kadmilos~, ~Kadmos~ oder ~Kasmos~ und deutete diesen Namen auf den

Kosmos um, den der ~Kadmos~-Gattin ~Harmonia~ aber auf die Harmonie

der Sphären, die die Schicksale bestimmen; ihr goldenes Halsband,

ein Geschenk des ~Hermes~, wurde, gleich dem goldenen Vließ und dem

goldenen Lamm des ~Atreus~ (die ebenfalls Gaben des ~Hermes~ waren)

als „Fluchgold“ betrachtet, und an diesen Zug soll die sog. „niedere

Hermetik“ angeknüpft und ihre weitere Ausbildung hauptsächlich in

Ägypten erfahren haben. ~Dieterich~ erklärt indessen eine solche

Trennung der Hermetik in höhere und niedere für unberechtigt und

unmöglich, auch hält er es für aussichtslos, nur der letzteren den

durch ~Reitzensteins~ Untersuchungen festgestellten „ägyptischen

Bestandteil der synkretistischen Mischung“ zugestehen oder diesen gar

völlig ausscheiden zu wollen[2565]; der nämlichen Ansicht ist auch

~Kroll~.

Was endlich die sog. „Kyraniden des ~Hermes~“ anbelangt, die nach

~Zielinski~ über Kyrene (zusammenhängend mit κύρη = κόρη?) nach

Ägypten gelangt wären, so ist diese sehr späte und völlig formlose

Schrift, deren Original angeblich im Orient auf eisernen Säulen

in syrischer Sprache eingegraben gefunden wurde, ein „Denkmal

des krassesten Aberglaubens“, insbesondere was den botanischen,

mineralogischen und pharmakologischen Inhalt betrifft[2566]. Sie bildet

eine Hauptquelle der bis an die Schwelle der Neuzeit fortwirkenden

„astrologischen Medizin“ und „medizinischen Mantik“, mit ihrer

Zuordnung der körperlichen Teile und Krankheiten an die Planeten[2567]

und mit ihrer „magischen Pharmakopöe“, als deren Musterbeispiel die

„Iatromathematika“ dienen können, die ~Hermes Trismegistos~ dem

„Könige ~Kyranos~ von Persien“ offenbarte[2568]. Sie wimmeln von den

abenteuerlichsten Rezepten, die in den späteren hermetischen Texten

auch kurzweg στῆλαι (Säulen)[2569] heißen, -- woraus sich wohl das

„Eingegrabensein auf Säulen“ erklärt --, und halten den göttlichen

Ursprung selbst für Heilmittel profansten Zweckes aufrecht: so

überliefert denn auch z. B. ~Alexander~ von ~Tralles~[2570] (um 550)

„Ἑερμοῦ κλίμαξ“ (Klimax des ~Hermes~) als Bezeichnung eines ganz

besonders wirksamen Abführmittels!

——————————

Der Name des mit ~Hermes~ so enge verbundenen ~Agathodaimon~

ist, als ἀγαθὸς δαίμων (= der gute Gott), ursprünglich der einer

arkadischen und böotischen Gottheit ländlichen Natursegens, die in

den uralten Tempeln zu Megalopolis und Epidauros verehrt wurde;

erst später wandelte sich, wie ἀγαθὸς ἄγγελος zu ~Agathangelos~, so

ἀγαθὸς δαίμων zu ~Agathodaimon~[2571]. Dieser galt als Schutzgeist

für Gemeinwesen und Einzelne, als ein glückbringender und das Heim

behütender Hausgeist, der nach dem Ende der Mahlzeit eine Spende

ungemischten Weines erhielt; doch besaß er als Hervorbringer der

Feld- und Baumfrüchte auch chthonische Bedeutung. In Hinsicht auf sie

wurde er als Schlange dargestellt, denn diese ist die Verkörperung

der Götter der Erdtiefe, der in ihr hausenden Heroen, aber auch der

einfachen Toten und daher namentlich der Ahnen[2572]. ~Agathodaimon~

nannten die alten Griechen insbesondere die (als „heilige Schlange“

angesehene und als „Hausschlange“ verehrte) Natter, während in der

Neuzeit die Bezeichnung auf die Eidechse übergegangen ist, „die an

und in der Erde lebt und daher mantische Natur besitzt“[2573]. In

der synkretistischen Zeit verband sich die griechische Anschauung

mit der orientalischen, der gemäß die Schlange, die sich stets in

der Nähe der Allmutter Erde bewegt, eine Trägerin der Weisheit, ein

Symbol des Wissens und ein prophetisches Tier ist[2574], sowie mit der

ägyptischen, nach der Verstorbene, vor allem aber Götter, tiergestaltig

in Schlangen weiterleben[2575]; so wurde ~Agathodaimon~ mit dem

chthonischen Gotte ~Anubis~ (= chthonischer ~Hermes~, ~Hermanubis~)

identifiziert[2576], vor allem aber mit dem zuweilen Schlangengestalt

annehmenden Gotte ~Thot~ der Stadt Chnumum (Hermopolis magna)[2577].

Dieser, auch ~Chnum~, ~Chnubis~, ~Chnuphis~, ~Knuphis~, ~Kamephis~

und ~Kameph~ genannte Gott[2578] herrschte anfänglich in Syene als

„Herr der schwarzen Töpfererde“ zugleich mit ~Isis~, der „Herrin der

schwarzen Fruchterde“, mit der er „sich vereint hat“ (chnum, äg.

= vereinigen, gesellen), und die ihm daher später als Besitzerin

dieses Gebietes nachfolgt[2579]. Schon weiter oben wurde der Rolle

gedacht, die er in der hellenistischen Periode spielte, die ~Chnum~ =

~Thot~ = ~Ptah~ = ~Zeus~ = ~Aion~ = ~Agathodaimon~ setzte und diese

synkretistische Gestalt als Demiurgen, Allerweltskünstler, Herr

des Pneumas, Lebenshauches und Geistes, als Schutzgott Ägyptens,

Stadtgott Alexandrias usw. verehrte. Hier sei daher nur erwähnt, daß

~Agathodaimon~ auch = Nûs und Logos, sowie als Verfasser von als

λόγια (Lógia) eingeschätzten Lehren galt[2580], daß man ihn als ~Pan~

in stoïschem Sinne, d. h. als Allgott, betrachtete[2581] und auch

als den syrischen Glücksgott ~Gad~ = „männliche ἀγαθὴ τύχη“ = bonus

eventus = guten Genius feierte, worauf anspielend schon ~Nero~ sich als

„~Agathodaimon~ des Erdkreises“ bezeichnete[2582]. Auch die Astrologen

stellen ~Agathodaimon~ = ~Jupiter~ = bonus eventus in Gegensatz zu

~Kakodaimon~ = ~Saturn~ = malus eventus[2583] und benennen ersteren

zuweilen als „venerandus felix“, den zu verehrenden Glücksbringer[2584].

Dargestellt wurde ~Agathodaimon~ meist in Gestalt des ~Chnum~, als

Schlange, die sich in den Schwanz beißt oder sich in einen Ring

zusammengeschlungen hat, als Schlange mit Sperberkopf, oder als auf

dem Schweif aufrecht stehende Schlange mit breitem Menschen- oder

Löwen-Antlitz und teilweise langem, gesträubtem Haar[2585]; in solcher

Form gebildete oder mit dergleichen Zeichnungen versehene Amulette,

die namentlich die gnostische Sekte der Ophiten (Schlangen-Anbeter)

mit Vorliebe gebrauchte und schon im 1. Jahrhundert n. Chr. nach

Kleinasien brachte, sind in großer Zahl auf unsere Zeit gekommen.

Wie der ausgezeichneten Satire des ~Lukian~ (um 180) über den

berüchtigten Schwindelpriester ~Alexandros~ von ~Abonoteichos~ zu

entnehmen ist[2586], bediente sich schon dieser abgefeimte Betrüger

einer derartigen kunstvoll vorgerichteten Schlangenfigur, die beim

Ziehen an einer verborgenen Schnur den „reichlich Zahlenden“ die ihnen

erwünschten Orakelsprüche „auf autophonem Wege“ erteilte[2587].

f) Die Gnostik.

Die letzten vorchristlichen Jahrhunderte brachten infolge der

sinkenden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Mißgeschicke

und Bedrängnisse aller Art über die Bevölkerung des Ostens, die ihr

Unglück, im Sinne des astrologischen Fatalismus, von dem sie durchaus

erfüllt war, dem Einflusse der Planeten zuschrieb, der Heimarméne;

ein Verlangen nach Befreiung von dieser furchtbaren und erdrückenden

Gewaltherrschaft, eine Sehnsucht nach Erlösung, erfüllte daher schon

damals mehr und mehr alle Gemüter[2588]. Diese Gefühle verstärkten

sich noch, als im Verlaufe der Kaiserzeit, namentlich seit dem 2.

Jahrhundert, die Grundlagen des überlieferten Glaubens endgültig

zusammenbrachen, die alten Religionen keinen Halt mehr gewährten,

und Aberglauben jeglicher Form aus den unteren unwissenden Schichten

auch in die oberen gebildeten emporstieg. Die neuerwachten religiösen

und metaphysischen Bedürfnisse suchten nunmehr Befriedigung in der

Mystik „uralter“ Geheimkulte und philosophischer Spekulationen, die

die Reste eigener Denktätigkeit zunächst befriedigten, bald aber zu

gänzlichem Schwinden brachten[2589]. Getreu dem bei ~Makrobios~[2590]

(5. Jahrhundert) überlieferten Grundsatze „Vetustas adoranda est“

= „Ehrfurcht vor der Vergangenheit!“ flüchtete die Phantasie aus

der trüben Gegenwart in die glanzvoll ausgemalte „alte Zeit“, zu

~Pythagoras~, „der in alle verborgenen Kulte und Mysterien eingeweiht

war“[2591], zur angeblich unverändert überlieferten und daher

„höheren“ Weisheit ägyptischer, chaldäischer oder gar indischer

Priester, „dieser getreuen Bewahrer heiliger Geheimnisse“[2592],

zum Ritual unverstandener alter oder fremder Kultbräuche, dem man

verborgenen symbolischen Sinn unterlegte, und vor allem zu der durch

die Neupythagoräer wiederbelebten Orphik. ~Orpheus~ galt auch hier

wieder als ältester und wichtigster Verkünder erhabener Offenbarungen,

deren Inhalt sich in höherem Fluge weit über alles sonstige menschliche

Wissen hinaus erhebt[2593], und als Verfasser jener „tiefsinnigen

und göttlichen“ Prophezeiungen, Sprüche und Hymnen, mit deren

Sammlung und Erhaltung sich eigene Zirkel und Kultgemeinden auf

das angelegentlichste beschäftigten[2594]. Soweit ihre Reste ein

Urteil gestatten, erweisen sie sich als Ergebnis der Vereinigung und

Umbildung der im hellenistischen Ägypten aus sehr verschiedenen Quellen

zusammengeflossenen orphischen Lehren, verraten anfangs (um 100-150)

noch keinerlei christliche Einwirkung, zeigen später neuplatonische

(nicht aber plotinische) Spuren, gelangen gegen 300 zur abschließenden

Gestaltung, erfahren aber auch in den folgenden Jahrhunderten noch

mancherlei Abänderungen und Einschiebungen[2595].

Der Einfluß der geschilderten Verhältnisse förderte notwendigerweise

die Verbreitung aller Arten Magie, Mantik und Orakelwesen, die Kulte

enthusiastischer und mysterienhafter Richtung, sowie die Geheimdienste

mit ihren Formeln, Riten und Weihen[2596]; unter Verschmelzung

älterer griechischer, orphischer, orientalischer, spätägyptischer

und neuplatonischer Elemente eigneten sich die theurgischen

Praktiken (die sich zu einem großen Teile in den gleichzeitigen

Zauberpapyri erhalten haben) Charakter, Terminologie und Ritual der

Mysterien-Dienste an, strebten aber gleichzeitig nach „Verfeinerung

und theoretischer Begründung“ durch Anlehnen an Anschauungen, die

unter dem Titel „philosophischer“ die sog. gebildeten Kreise des

Zeitalters erfüllten[2597]. Eine wichtige Rolle spielten hierbei

namentlich die Zeremonien des Schwures bei der Einweihung, des Eides

der Geheimhaltung, sowie der „Reinigung“, denn nur die „Weihen“

reinigen die Seelen und stellen sie in ihrem ursprünglichen Glanze

wieder her, und nur die so Geweihten vermögen jenes Gut höherer

Wahrheit zu erfassen, das ihnen Befreiung und Erlösung in Aussicht

stellt[2598]. Als selbstverständlich ergibt sich die Pflicht, ein

solches vor der großen Menge zu bergen und es mittels einer dunklen

Symbolik, die das eigentlich Wichtige verdeckt, vor „Profanation“ zu

bewahren[2599]. „Alle Theologen der Hellenen und Barbaren (so sagt

hierüber ~Clemens Alexandrinus~, gest. 216) haben das Wesen der Dinge

verhüllt und die Wahrheit nur in Rätseln und Gleichnissen, Allegorien

und Metaphern überliefert; Geheimnisse vertraut man nur der Rede an,

nicht der Schrift, die schon fast Entweihung ist; jedenfalls ist aber

der profane Leser in die Irre zu führen, so daß er gar nicht merkt, was

die Hauptsache ist und was unwichtiges Beiwerk[2600].“

Die unter dem Namen der „+gnostischen+“ bekannte Form der ganzen

Bewegung ist keineswegs, wie vielfach angenommen wird, eine spezifisch

christliche und dem Altertum fremde, vielmehr war sie in ihren

Anfängen vermutlich schon im 1. Jahrhundert v. Chr., wenn nicht

früher, in Syrien vorhanden und gelangte von dort aus auch nach

Ägypten[2601]; bereits die paulinischen Briefe kennen sie als eine Art

heidnisch-mystischer Religiosität, der gemäß ein unmittelbarer Verkehr

mit der Gottheit das Wissen um ihre sonst verborgenen Geheimnisse

gewährt[2602]. Auch ein vielgestaltiger jüdischer Gnostizismus, dessen

Geheimlehren selbst wieder hauptsächlich von orientalischen, weniger

von griechischen Überlieferungen und Spekulationen abhängig waren,

übte um die nämliche Zeit mannigfaltige, wenngleich im einzelnen

bisher schwer faßbare Einflüsse aus[2603]. Spätere griechisch-jüdische

Kultgemeinden Ägyptens besaßen noch einschlägige, der jüdischen

Tradition entstammende „heilige Bücher“, zu denen u. a. die „ἱεραὶ

βίβλοι“ gehörten, deren der Leidener Papyrus gedenkt, ferner das sog.

„8. Buch Mosis“ (in der vorliegenden Gestalt um 150 verfaßt) u. dgl.

mehr[2604]; Beschwörungen bei „~Jesu~, dem Gotte der Juden“, sind

ebenfalls Wahrzeichen aus der Periode derartiger synkretistischer

Durchdringungen[2605].

Der Geburtsort der eigentlichen +Gnostik+ ist indessen das

spätptolemäische Alexandria, „wo sich ihr Gebäude erhob über dem Boden

uralten ägyptischen Glaubens, aus dem Schutte zahlreicher anderer

Religionen“[2606], und Stätte ihrer Entstehung waren die hellenistisch

umgestalteten, von Zauber erfüllten Mysterienkulte orphischer und

enthusiastischer Richtung[2607]; Griechischer Einfluß blieb stets

überwiegend[2608], und griechischer Geist suchte in Kultgemeinden,

deren religiöser Dienst dem orphischen, dionysischen, ägyptischen,

jüdischen, phrygischen, persischen und chaldäischen nachgebildet war

und sich heiliger Bücher, Lieder und Hymnen bediente, die uns zum

Teil zwischen den „Rezepten“ der Zauberpapyri als „Gebete“ erhalten

geblieben sind[2609], die Bausteine so mannigfaltiger Herkunft nach

einheitlichem Plane zusammenzufügen[2610]. So betrachtet, erweist

sich die Gnosis als Erscheinungsform der großen synkretistischen

Bewegung, zu der den Anstoß gab die zunehmende nähere Berührung des

Orients und Okzidents, der fortschreitende Austausch der nationalen

Religionen, deren Beeinflussung durch die griechische Philosophie, und

schließlich die Aufnahme gewisser, jedoch schon völlig phantastisch

veränderter Gedanken des nachapostolischen Christentums[2611]. Die

nämliche weitgehende Durchdringung hellenistischen, chaldäischen und

ägyptischen Wesens, von dem die Kultbilder zu Denderah und Edfu und

auf babylonischem Gebiete ~Teukros~ Zeugnis ablegen[2612], zeigt sich

in den Glaubensvorstellungen der Gnostiker und tritt ganz besonders

auch in der Bedeutung zutage, die gerade orphische, chaldäische

und ägyptische Geheimlehren für sie besitzen[2613]. Die gnostische

Litteratur ist daher erfüllt von Berufungen auf derartige Mysterien

und Weihen, deren Kult-Mythen und -Gebräuche sie unter entsprechender

Allegorisierung als bildliche Darstellungen aller der Wahrheiten

ausgibt, die sie zu erweisen bemüht ist[2614]; ihre Autoritäten

sind hierbei bald griechische Philosophen (in neupythagoräischer

oder -platonischer Auffassung), Dichter (auch ~Homer~) und Weise,

bald die „eigenen Berichte“ von Gottheiten wie ~Thot~, ~Hermes~,

~Isis~, ~Asklepios~, ~Agathodaimon~ und Anderen über die Schöpfung

und Entwicklung der Welt, bald die Erzählungen jener durch solche

Offenbarungen kosmologischen, astrologischen und dämonologischen

Inhaltes begnadeten „Propheten“, denen die Götter, wenn sie sie durch

Beschwörung und Bedrohung erst einmal herniedergezogen und zum Sprechen

gebracht haben, „nichts zu verbergen vermögen“[2615]. Merkwürdig und

bedeutsam erweist sich hierbei die Verquickung des iranischen Dualismus

der guten und bösen Götter mit dem spätgriechischen Gegensatze zwischen

der guten Welt des geistig-göttlichen Pneumas und der schlechten

des körperlich-gemeinen Stoffes (der Hýle), da nichts geeigneter

war, die Sehnsucht nach Befreiung und Erlösung zu fördern, als die

Lehre von der unendlichen Überlegenheit der geistig-idealen über die

sinnlich-materielle Welt[2616]. Der großen Menge allerdings blieb diese

Seite der Gnosis unfaßlich; für sie war Gnostik gleichbedeutend mit

Magie, -- etwa jener der Zauberpapyri[2617] --, d. h. sie verhieß ihren

Anhängern alle Güter der Welt, hauptsächlich Reichtum, Gesundheit und

Unsterblichkeit, und gewährte ihren Verkündigern geheime Weisheit =

νοῦς (Nûs), höhere Vernunft = λόγος (Logos), sowie wahre Erkenntnis =

γνῶσις (Gnosis)[2618].

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 88 / 127 题