6. Pelagios, Pibêchios, Heliodoros, Synesios.

(4. Jahrhundert.)

a) Pelagios.

Die Lebenszeit des „Philosophen“ ~Pelagios~ ist nicht genau bekannt,

kann aber keinesfalls, wie ~Kopp~[1053] ursprünglich glaubte, schon

+vor+ jene des ~Zosimos~, und auch nicht, wie nachher ~Berthelot~[1054]

behauptete, bereits in das 1. oder 2. Jahrhundert fallen, denn ~Kopp~

selbst hat später ermittelt[1055], daß ~Pelagios~ sich auf ~Zosimos~

beruft, während +ihn+ hinwiederum zuerst ~Olympiodoros~ zitiert, der

um 425 schrieb; ~Pelagios~ dürfte also in die zweite Hälfte des 4.

Jahrhunderts zu versetzen sein. Sein Werk führt den Titel „Über die

göttliche und heilige Kunst“ (θεῖα καὶ ἱερὰ τέχνη), wurde zuerst 1573

von ~Pizzimenti~ als Teil III („De arte magna“) seiner weiter oben

angeführten Schrift ins Lateinische übersetzt (sehr mangelhaft!) und

liegt nur in sehr schlechter Erhaltung vor, erfüllt von zahlreichen und

dunklen Interpolationen[1056].

Auszugehen ist beim großen Werke vom χαλκός (Chalkós)[1057],

worunter man entweder Kupfer versteht oder Pyrit, der ebenfalls

von sehr verbrennlicher Natur ist; doch nennt man χαλκὸν πυρίτην,

Chalkopyrit, auch das mit Schwefel vorbehandelte Blei[1058]. Die

nächsten Aufgaben sind, das Kupfer von seinen erdigen Bestandteilen,

seiner materiellen Grobheit (παχύτης) zu befreien und es pneumatisch

(πνευματικός) zu machen, weiterhin aber die richtige Veränderung

seiner Färbung und damit die seiner Qualität (ποιότης, Poiótes) zu

bewirken; das geschieht vermöge der von den Alten erfundenen βαφικὴ

τέχνη (Färbekunst) und χρυσοβαφή (Färbung zu Gold), die bewirkt, daß

sich das Kupfer, ähnlich wie ein wohlgepflegter, mit reichlichem

Wasser begossener Baum in feuchter warmer Luft, freudig entwickelt,

„gärt“ und zuletzt jene Blüten und Früchte trägt, die schon

~Demokritos~ zu rühmen wußte[1059]. Von den sechs Operationen, deren

sich die Färbekunst bedient, ist die erste die Schwärzung, bei der

es gilt, eine vollkommen schwarze (πάνυ μέλαν), dem γραφικὸν μέλαν

(Schreiberschwärze = Ruß) gleichende Masse herzustellen[1060]; diese

wird dann, unter Digestion im Dünger, der Aufhellung (Verdünnung),

Weißung, Gilbung, Rötung (Iosis), und Bleichung (Exiosis) unterworfen,

u. a. mit Hilfe des göttlichen Wassers, das bei der Projektion auf

Kupfer, je nach den Umständen, bald weißes Silber, bald rotes oder

gelbes Gold erzeugt[1061], sowie des „weißen Essigs“ und des „Essigs

aus Geranium“ (Decknamen?)[1062]. Nach Art einer wahren Schöpfung

(δημουργία, Demurgía) erfolgt auch die von ~Demokritos~ gepriesene

Umwandlung der σώματα (Sómata, Körper = Metalle) in πνεύματα (Pneumata)

durch das Xérion, das, wie ~Zosimos~ lehrte, selbst pneumatischer

Natur ist[1063]; es stellt ein äußerst feines Pulver dar und führt das

Kupfer in prächtiges Gold über, „rot wie Blut“, auch κινναβάρις τῶν

φιλοσόφων (Zinnober der Philosophen) geheißen[1064]; man verstärkt es

durch Beifügung von etwas natürlichem Gold, das eine Gärung bewirkt

wie Hefe im Bäckerteig, und mehr Gold so ergibt, wie aus Getreidesamen

mehr Getreide wird[1065]. Außerdem kann man auch noch göttliches

Wasser zusetzen, das die „Farben“ nach Art einer Beize abtönt, und sie

zugleich „scharf“ und gehörig in die Tiefe eindringend macht; dies

wußte schon ~Demokritos~[1066].

b) Pibêchios.

~Pibêchios~[1067] [äg. = der Sperber des ~Horus~; s. den ~Apollo

Bechis~, = „~Horus~ den Sperber“, bei ~Plinius~, lib. 30, cap. 2, in

des ~Apuleius~ „Magia“, cap. 90, und im Teil V des Leidener Papyrus]

soll im 4. Jahrhundert zu Alexandria gelebt und ein „Buch von den

Steinen“ geschrieben haben, aus dem eine Stelle zitiert wird, der

gemäß er sich beim Zerkochen und Verbrennen gewisser Materialien des

Bocksblutes (αἷμα τράγου) bedient habe[1068]. Seine Arbeiten betrafen

die Darstellung und Anwendung des göttlichen Wassers[1069], vor allem

aber die des Quecksilbers, das nach ihm die größte Affinität zu

allen Stoffen besitzt[1070], so daß sämtliche Substanzen Quecksilber

enthalten und aus ihm bestehen[1071]. Nach Angabe der syrischen

Manuskripte schrie ~Pibêchios~ auf allen Märkten aus: „Sämtliche Körper

sind Quecksilber, sämtliche Körper enthalten Quecksilber! Wenn Du es

ausziehst und fixierst, so erhältst Du das Gesuchte! Dies ist das

enthüllte Geheimnis![1072]“

Die syrischen Manuskripte berichten auch über einen Brief[1073], in dem

~Pibêchios~ dem Philosophen und Magier ~Osron~ in Persien mitteilt,

er habe in Ägypten, in einem Verstecke, die göttlichen Schriften des

großen ~Ostanes~ gefunden, vereinigt in einem „Krone“ betitelten Buche,

das ihm aber, weil in persischer Sprache abgefaßt, unverständlich sei,

weshalb er um eine Übersetzung bitte. Aus ~Osrons~ Antwort und einer

weiteren Erwiderung des ~Pibêchios~ ist zu ersehen, daß die „Krone“ in

365 Abteilungen „die ganze Kunst“ enthielt, nämlich die Astrologie und

Astronomie, die Philologie und Philosophie [hier wohl = Kunde von den

„rechten Worten“, d. i. von den Beschwörungsformeln], die Vorschriften

betreff der Opfer und Mysterien, die Magie, sowie die Herstellung von

Edelmetallen, Edelsteinen und Purpur oder anderen kostbaren Farbstoffen

[d. i. die Chemie]. Nunmehr studierten und kommentierten die

zusammenberufenen Kunstbeflissenen Ägyptens diese Schrift, entzifferten

mit ihrer Hilfe auch die heiligen Säulen des ~Hermes~, und teilten ihre

Befunde dem Könige[1074] mit; teils durch ihn selbst, teils durch die

Priester und Philosophen, wurde darauf die göttliche und unerzählbare

Kunst auf sieben Säulen niedergeschrieben. Diese befahl der König in

einem Geheimbaue aufzustellen, der auch mit symbolischen Bildern [=

Hieroglyphen] und einem sich selbst in den Schwanz beißenden Drachen

geschmückt wurde; er verschloß ihn durch sieben Türen und gab Auftrag,

sie nur Edlen und Eingeweihten zu öffnen, die göttlichen Mysterien

jedoch allein dem Kreise der Nachfolger des großen Meisters kund zu

tun; die Priester versiegelten sodann den geheimen Bau und reisten ein

jeder wieder nach Hause. Die sieben Türen aber bestanden nach Einigen

aus Blei, Elektron, Eisen, Gold für die Sonne, Kupfer für ~Kronos~,

Zinn für ~Hermes~, und Silber für den Mond, nach anderen hingegen aus

Blei für ~Kronos~, Elektron für ~Zeus~, Eisen für ~Ares~, Gold für

~Helios~, Kupfer für ~Aphrodite~, Zinn für ~Hermes~ und Silber für

~Selene~. [Auf diese Beziehungen wird weiter unten noch zurückzukommen

sein.]

c) Heliodoros.

~Heliodoros~, der nicht näher bekannte, christliche Verfasser eines

dem Kaiser ~Theodosios~ gewidmeten Gedichtes „Über die mystische Kunst

der Philosophen“, soll im 4. Jahrhundert gelebt haben, was zutreffen

kann, falls es sich um ~Theodosios I.~ (379-395) handelt[1075]; das

in verschiedenen Fassungen vorliegende und auch öfter ins Lateinische

übersetzte Gedicht zählt etwa 270 jambische (sog. politische =

volkstümliche) Verse und ist ebenso schlecht und nachlässig betreff

der Form, wie leer und dunkel hinsichtlich des Inhaltes, der übrigens

nirgends über die allergewöhnlichsten alchemistischen Redensarten

hinausgeht. ~Borrichius~, der es in einem äußerst seltenen, 1696 aus

seinem Nachlasse herausgegebenen Werke bespricht[1076], sagt nicht mit

Unrecht, wer daraus klug werden wolle, möge sich einen ~Oedipus~ zur

Stelle schaffen.

d) Synesios.

Den älteren alchemistischen Werken erstanden, infolge ihrer

Schwerverständlichkeit und Unklarheit, alsbald Kommentatoren, deren

oft entstellende und zuweilen sogar fälschende Tätigkeit zwar schon

~Zosimos~ tadelt, die aber immerhin noch wirkliche Sachkenntnis

besaßen, und vermöge dieser hoch über ihren späteren byzantinischen

Nachfolgern stehen, bei denen tote Buchgelehrsamkeit die Stelle

der völlig fehlenden lebendigen Anschauung vertreten soll. Der

wichtigste jener Kommentatoren ist ~Synesios~, den man bis vor nicht

allzulanger Zeit meist für identisch mit ~Synesios von Ptolemaïs~

hielt. Letzterer, der Sprößling eines vornehmen Geschlechtes der

Provinz Kyrene und Schüler der berühmten alexandrinischen Philosophin

~Hypatia~ (an die er das bekannte Schreiben betreff der Herstellung

eines Aräometers richtete), bekleidete seit 410, trotz seines nur

sehr oberflächlichen Bekenntnisses zum Christentum, das Amt eines

Bischofes zu Ptolemaïs in der Kyrenaïka, woselbst er schon 415, erst

im 46. Lebensjahre stehend, einer schweren Krankheit erlag; er war ein

hochgebildeter Mann und verfaßte zahlreiche, zum Teil noch erhaltene

Schriften und Briefe über astronomische, philosophische und religiöse

Gegenstände, sowie eine Anzahl Hymnen gnostischer Richtung, in denen

er, dem Zeitgeiste entsprechend, hellenistische, orientalische,

ägyptische, jüdische und christliche Ideen zu vereinigen suchte[1077].

Die unter dem Namen des ~Synesios~ überlieferte (unvollendete)

Abhandlung chemischen Inhaltes findet sich in den Codices der eben

erwähnten Werke nicht vor, und da der Bischof ~Synesios~ erst 379

geboren wurde, der in Form eines Dialoges eingekleidete, „mit Hilfe

Gottes“ (θεοῦ συνεργείᾳ) unternommene „Kommentar zu ~Demokritos~“

aber vor 390 vollendet sein muß, -- da er dem ~Dioskoros~ zugeeignet

ist, „dem Oberpriester des Serapis-Tempels zu Alexandria“,

welches Heiligtum um 390 zerstört wurde --, so kann er unmöglich

vom Bischofe ~Synesios~ herrühren, sondern ist jedenfalls einem

seiner gleichnamigen Zeitgenossen zuzuschreiben[1078]. Seine erste

Veröffentlichung (in schlechter lateinischer Übersetzung) erfolgte 1573

durch ~Pizzimenti~, in dessen Werk er den zweiten Abschnitt bildet;

die ziemlich zahlreichen griechischen Handschriften weisen Spuren

später Umarbeitungen und verschiedene Lücken auf, stimmen in vielen

Einzelnheiten nicht überein, und enthalten sprachlich und sachlich so

viel allegorisch Dunkles und Unverständliches, daß die wiederholten

Mahnungen des ~Synesios~, ~Dioskoros~ möge doch genauer aufmerken

und seinen Verstand etwas mehr anstrengen, durchaus gerechtfertigt

erscheinen[1079].

~Synesios~ erwähnt, daß sich ~Demokritos~ jener persischen Methoden

bediente, die er von ~Ostanes~ erlernte, dem Verkündiger der großen

Wahrheit „Die Natur freut sich an der Natur, usf.“[1080]. Die Natur der

Stoffe ist in ihrem Inneren verborgen (ἡ φύσις ἔνδον κέκρυπται), und

es ist erforderlich sie herauszukehren (φέρειν ἔξω)[1081], was durch

das Werk (πρᾶγμα, Prágma) geschieht, indem man erst eine Verflüssigung,

dann aber wieder eine Festigung und Fixierung der Substanzen

herbeiführt[1082]. Zur ersteren bedient man sich u. a. der Lösungen und

Schmelzen (ὕδατα) von Nitron (νίτρον), Weinstein (φέκλη]) und anderen

Pflanzenaschen (σποδοκράμβη; wörtlich: verbrannter Kohl)[1083], --

also der Alkalien --, während die Festigung durch ἐξηδάτωσις erfolgt,

d. h. durch Entwässerung und Austreibung der flüssigen Teile[1084].

Die Fixation endlich erfordert die Beigabe gewisser Zusätze, die

bald „Metalloíosis“, d. i. Transmutation, bald „Metalleúosis“, d. i.

Metallisierung [zu Edelmetall] bewirken[1085]; sie bestehen aus

Schwefel, Auripigment [ἀρσενικὸν ξανθόν = gelbem Arsen], göttlichem

Wasser, oder jenen beiden Quecksilbern, die nach ~Hermes~ „Zweierlei

sind und doch nur Eines“, dem Weißenden aus Arsen und dem Gilbenden aus

Zinnober[1086]. Mit Recht behauptete ~Pibêchios~, daß das Quecksilber

die größte Affinität zu allen Körpern habe: denn tatsächlich zieht

es alles an sich, nimmt die Psychen und Pneumata, aber auch die

Hylen beliebiger Stoffe ganz ebenso in sich auf, wie Wachs beliebige

Farben, digeriert und kocht sie zurecht, fixiert sich samt ihnen

auf den Metallen der Tetrasomie, denen es die „Substanzen“ der

Trockenheit und der richtigen [z. B. gelben] Farbe zuführt[1087], und

geht mit ihnen unter Veränderung seiner eigenen Natur eine unlösbare

Verbindung ein; es vermag die „Form und Gestalt“ aller Substanzen

anzunehmen und bildet demgemäß ihre nur dem Anscheine nach fortwährend

wechselnde, in Wirklichkeit aber stets gleichbleibende und beharrende,

einheitliche Grundlage[1088], [d. i. die Materia prima, der „Mercurius

philosophorum“ der späteren Alchemisten].

Die Umwandlung der Metalle, die Diplosis, durch die man auch unedle

Metalle in die nächstverwandten edleren überführt[1089], die

Gewinnung der flüchtigen Geister und „Blüten“ aus pflanzlichen und

in analoger Weise aus mineralischen Stoffen[1090], usw., erfordern

eine Anzahl besonderer Vorrichtungen, z. B. die verschiedenen Arten

der Kerotakis, der Thermospodien (Aschenbäder), in denen man die

Erwärmung und Calcinierung, sowie die Wiederbelebung des Calcinierten

durch den Einfluß der Wärme (ἀναζωπύρησις) vornimmt[1091], sowie der

Destillations-Apparate[1092]. Bei den guten Apparaten dieser Art trägt

[laut beigefügter Abbildung] ein Dreifuß das Gefäß (λέβης), in dem

mittels Asche der Kolben (βοτάριον, λωπάς) vorsichtig erhitzt wird,

die Dünste aber steigen aus ihm durch ein dicht eingepaßtes Rohr in

den metallenen oder gläsernen Helm (φιάλη, χαλκεῖον), der die Gestalt

eines Kopfes oder auch einer weiblichen Brust (μαστάριον) besitzt; das

Rohr tritt von unten genau in der Mitte des ziemlich flachen Bodens

(über den es ein wenig hochgeführt wird) in diesen Aufsatz ein, die

Dünste verdichten sich rasch an der großen gewölbten Oberfläche, das

Verflüssigte sammelt sich auf dem Boden und fließt durch ein seitliches

Ansatzrohr in das Sammelgefäß (δοχεῖον) ab. -- Unverkennbar ist

dieser Beschreibung nach der Fortschritt von der rohen Destillation

oder vielmehr Sublimation zu Zeiten des ~Plinius~ und ~Dioskurides~

bis zum Gebrauche eines mit Tubulus und seitlichem Abfluß versehenen

Kondensationshelmes bei ~Synesios~.

Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange · 第 71 / 127 题