Wahrheitsliebe zeigt sich darin, daß man überall das Gute zu finden
und zu schätzen weiß.
Ein historisches Menschengefühl heißt ein dergestalt gebildetes, daß
es bei Schätzung gleichzeitiger Verdienste und Verdienstlichkeiten
auch die Vergangenheit mit in Anschlag bringt.
Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus,
den sie erregt.
Eigentümlichkeit ruft Eigentümlichkeit hervor.
Man muß bedenken, daß unter den Menschen gar viele sind, die doch
auch etwas Bedeutendes sagen wollen, ohne produktiv zu sein, und da
kommen die wunderlichsten Dinge an den Tag.
Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen
bösen Stand.
Wenn ich die Meinung eines andern anhören soll, so muß sie positiv
ausgesprochen werden; Problematisches hab' ich in mir selbst genug.
Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn
man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken
und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein
glaubt, wieder hervortritt.
Wir würden gar vieles besser kennen, wenn wir es nicht zu genau
erkennen wollten. Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel
von fünfundvierzig Graden erst faßlich.
Mikroskope und Fernröhre verwirren eigentlich den reinen
Menschensinn.
Ich schweige zu vielem still, denn ich mag die Menschen nicht
irremachen und bin wohl zufrieden, wenn sie sich freuen da wo ich
mich ärgere.
Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns
selbst zu geben, ist verderblich.
Das _Was_ des Kunstwerks interessiert die Menschen mehr als das
_Wie_; jenes können sie einzeln ergreifen, dieses im ganzen nicht
fassen. Daher kommt das Herausheben von Stellen, wobei zuletzt, wenn
man wohl aufmerkt, die Wirkung der Totalität auch nicht ausbleibt,
aber jedem unbewußt.
Die Frage: _woher hat's der Dichter?_ geht auch nur aufs _Was_, vom
_Wie_ erfährt dabei niemand etwas.
Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie
geregelt. Es ist nichts fürchterlicher als Einbildungskraft ohne
Geschmack.
Das Manierierte ist ein verfehltes Ideelle, ein subjektiviertes
Ideelle; daher fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht.
Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des
Geschrieben-überlieferten. Ein Manuskript liegt zum Grunde, es
finden sich in demselben wirkliche Lücken, Schreibfehler, die eine
Lücke im Sinne machen, und was sonst alles an einem Manuskript zu
tadeln sein mag. Nun findet sich eine zweite Abschrift, eine dritte;
die Vergleichung derselben bewirkt immer mehr, das Verständige und
Vernünftige der überlieferung gewahr zu werden. Ja er geht weiter
und verlangt von seinem innern Sinn, daß derselbe ohne äußere
Hülfsmittel die Kongruenz des Abgehandelten immer mehr zu begreifen
und darzustellen wisse. Weil nun hiezu ein besondrer Takt, eine
besondre Vertiefung in seinen abgeschiedenen Autor nötig und ein
gewisser Grad von Erfindungskraft gefordert wird, so kann man dem
Philologen nicht verdenken, wenn er sich auch ein Urteil bei
Geschmackssachen zutraut, welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird.
Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung. Das Höchste derselben
ist, wenn sie mit der Wirklichkeit wetteifert, d. h. wenn ihre
Schilderungen durch den Geist dergestalt lebendig sind, daß sie als
gegenwärtig für jedermann gelten können. Auf ihrem höchsten Gipfel
scheint die Poesie ganz äußerlich; je mehr sie sich ins Innere
zurückzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken. Diejenige, die nur das
Innere darstellt, ohne es durch ein äußeres zu verkörpern, oder ohne
das äußere durch das Innere durchfühlen zu lassen, sind beides die
letzten Stufen, von welchen aus sie ins gemeine Leben hineintritt.
Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vorteile der Poesie, auf alle
ihre Rechte; sie bemächtigt sich derselben und mißbraucht sie, um
gewisse äußere, sittliche oder unsittliche, augenblickliche Vorteile
im bürgerlichen Leben zu erreichen.
Literatur ist das Fragment der Fragmente; das wenigste dessen, was
geschah und gesprochen worden, ward geschrieben, vom Geschriebenen
ist das wenigste übriggeblieben.
In natürlicher Wahrheit und Großheit, obgleich wild und unbehaglich
ausgebildetes Talent ist Lord Byron, und deswegen kaum ein anderes
ihm vergleichbar.
Eigentlichster Wert der sogenannten Volkslieder ist der, daß ihre
Motive unmittelbar von der Natur genommen sind. Dieses Vorteils aber
könnte der gebildete Dichter sich auch bedienen, wenn er es verstünde.
Hiebei aber haben jene immer das voraus, daß natürliche Menschen
sich besser auf den Lakonismus verstehen als eigentlich Gebildete.
Shakespear ist für aufkeimende Talente gefährlich zu lesen; er
nötigt sie, ihn zu reproduzieren, und sie bilden sich ein, sich
selbst zu produzieren.
über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst
Geschichte erlebt hat. So geht es ganzen Nationen. Die Deutschen
können erst über Literatur urteilen, seitdem sie selbst eine
Literatur haben.
Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohlwollens
andrer freut.
Frömmigkeit ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die reinste
Gemütsruhe zur höchsten Kultur zu gelangen.
Deswegen läßt sich bemerken, daß diejenigen, welche Frömmigkeit als
Zweck und Ziel aufstecken, meistens Heuchler werden.
"Wenn man alt ist, muß man mehr tun, als da man jung war."
Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld, weil man sich
nie ganz genug getan.
Die Mängel erkennt nur der Lieblose; deshalb, um sie einzusehen, muß
man auch lieblos werden, aber nicht mehr, als hiezu nötig ist.
Das höchste Glück ist das, welches unsere Mängel verbessert und
unsere Fehler ausgleicht.
Kannst du lesen, so sollst du verstehen; kannst du schreiben, so
mußt du etwas wissen; kannst du glauben, so sollst du begreifen; wenn
du begehrst, wirst du sollen; wenn du forderst, wirst du nicht
erlangen; und wenn du erfahren bist, sollst du nutzen.
Man erkennt niemand an als den, der uns nutzt. Wir erkennen den
Fürsten an, weil wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen.
Wir gewärtigen uns von ihm Schutz gegen äußere und innere
widerwärtige Verhältnisse.
Der Bach ist dem Müller befreundet, dem er nutzt, und er stürzt gern
über die Räder; was hilft es ihm, gleichgültig durchs Tal
hinzuschleichen.
Wer sich mit reiner Erfahrung begnügt und darnach handelt, der hat
Wahres genug. Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne.
Die Theorie an und für sich ist nichts nütze, als insofern sie uns
an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.
Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand genähert,
und so gelangt der Menschenverstand durch Handeln und Beobachten zur
Abstraktion.
Wer zuviel verlangt, wer sich am Verwickelten erfreut, der ist den
Verwirrungen ausgesetzt.
Nach Analogien denken ist nicht zu schelten; die Analogie hat den
Vorteil, daß sie nicht abschließt und eigentlich nichts Letztes will;
dagegen die Induktion verderblich ist, die einen vorgesetzten Zweck
im Auge trägt und, auf denselben losarbeitend, Falsches und Wahres
mit sich fortreißt.
Gewöhnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist ein
Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes.--Reines Anschauen des
äußern und Innern ist sehr selten.
Es äußert sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren Handeln;
dieses symbolisch, vorzüglich durch Mathematik, in Zahlen und Formeln,
durch Rede, uranfänglich, tropisch, als Poesie des Genies, als
Sprichwörtlichkeit des Menschenverstandes.
Das Abwesende wirkt auf uns durch überlieferung. Die gewöhnliche
ist historisch zu nennen; eine höhere, der Einbildungskraft verwandte
ist mythisch. Sucht man hinter dieser noch etwas Drittes, irgendeine
Bedeutung, so verwandelt sie sich in Mystik. Auch wird sie leicht
sentimental, so daß wir uns nur, was gemütlich ist, aneignen.
Die Wirksamkeiten, auf die wir achten müssen, wenn wir wahrhaft
gefördert sein wollen, sind:
vorbereitende,
begleitende,
mitwirkende,
nachhelfende,
fördernde,
verstärkende,
hindernde,
nachwirkende.
Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugängliche von dem
Unzugänglichen zu unterscheiden; ohne dies läßt sich im Leben wie im
Wissen wenig leisten
"Le sens commun est le Génie de l'humanité."
Der Gemeinverstand, der als Genie der Menschheit gelten soll, muß
vorerst in seinen äußerungen betrachtet werden. Forschen wir, wozu
ihn die Menschheit benutzt, so finden wir folgendes: Die Menschheit
ist bedingt durch Bedürfnisse. Sind diese nicht befriedigt, so
erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so erscheint sie
gleichgültig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also zwischen
beiden Zuständen; und seinen Verstand, den sogenannten
Menschenverstand, wird er anwenden, seine Bedürfnisse zu befriedigen;
ist es geschehen, so hat er die Aufgabe, die Räume der
Gleichgültigkeit auszufüllen. Beschränkt sich dieses in die nächsten
und notwendigsten Grenzen, so gelingt es ihm auch. Erheben sich aber
die Bedürfnisse, treten sie aus dem Kreise des Gemeinen heraus, so ist
der Gemeinverstand nicht mehr hinreichend, er ist kein Genius mehr,
die Region des Irrtums ist der Menschheit aufgetan.
Es geschieht nichts Unvernünftiges, das nicht Verstand oder Zufall
wieder in die Richte brächten; nichts Vernünftiges, das Unverstand
und Zufall nicht mißleiten könnten.
Jede große Idee, sobald sie in die Erscheinung tritt, wirkt
tyrannisch; daher die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur
allzubald in Nachteile verwandeln. Man kann deshalb eine jede
Institution verteidigen und rühmen, wenn man an ihre Anfänge erinnert
und darzutun weiß, daß alles, was von ihr im Anfange gegolten, auch
jetzt noch gelte.
Lessing, der mancherlei Beschränkung unwillig fühlte, läßt eine
seiner Personen sagen: Niemand muß müssen. Ein geistreicher
frohgesinnter Mann sagte: Wer will, der muß. Ein dritter, freilich
ein Gebildeter, fügte hinzu: Wer einsieht, der will auch. Und so
glaubte man den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und Müssens
abgeschlossen zu haben. Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis
des Menschen, von welcher Art sie auch sei, sein Tun und Lassen;
deswegen auch nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln
zu sehen.
Es gibt zwei friedliche Gewalten: das Recht und die Schicklichkeit.
Das Recht dringt auf Schuldigkeit, die Polizei aufs Geziemende. Das
Recht ist abwägend und entscheidend, die Polizei überschauend und
gebietend. Das Recht bezieht sich auf den Einzelnen, die Polizei auf
die Gesamtheit.
Die Geschichte der Wissenschaften ist eine große Fuge, in der die
Stimmen der Völker nach und nach zum Vorschein kommen.
Man kann in den Naturwissenschaften über manche Probleme nicht
gehörig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hülfe ruft; aber
nicht jene Schul--und Wortweisheit; es ist dasjenige, was vor, mit
und nach der Physik war, ist und sein wird.
Autorität, daß nämlich etwas schon einmal geschehen, gesagt oder
entschieden worden sei, hat großen Wert; aber nur der Pedant fordert
überall Autorität.
Altes Fundament ehrt man, darf aber das Recht nicht aufgeben,
irgendwo wieder einmal von vorn zu gründen.
Beharre, wo du stehst!--Maxime, notwendiger als je, indem einerseits
die Menschen in große Parteien gerissen werden; sodann aber auch
jeder Einzelne nach individueller Einsicht und Vermögen sich geltend
machen will.
Man tut immer besser, daß man sich grad ausspricht, wie man denkt,
ohne viel beweisen zu wollen: denn alle Beweise, die wir vorbringen,
sind doch nur Variationen unserer Meinungen, und die Widriggesinnten
hören weder auf das eine noch auf das andere.
Da ich mit der Naturwissenschaft, wie sie sich von Tag zu Tage
vorwärts bewegt, immer mehr bekannt und verwandt werde, so dringt
sich mir gar manche Betrachtung auf: über die Vor--und Rückschritte,
die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur sei hier ausgesprochen:
_daß wir sogar anerkannte Irrtümer aus der Wissenschaft nicht
loswerden_. Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis.
Einen Irrtum nenn' ich, wenn irgendein Ereignis falsch ausgelegt,
falsch angeknüpft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignet sich aber im
Gange des Erfahrens und Denkens, daß eine Erscheinung folgerecht
angeknüpft, richtig abgeleitet wird. Das läßt man sich wohl gefallen,
legt aber keinen besondern Wert darauf und läßt den Irrtum ganz ruhig
daneben liegen; und ich kenne ein kleines Magazin von Irrtümern, die
man sorgfältig aufbewahrt.
Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine Meinung,
so sieht jedermann, der eine Meinung vorträgt, sich rechts und links
nach Hülfsmitteln um, damit er sich und andere bestärken möge. Des
Wahren bedient man sich solange es brauchbar ist; aber
leidenschaftlich-rhetorisch ergreift man das Falsche, sobald man es
für den Augenblick nutzen, damit als einem Halbargumente blenden, als
mit einem Lückenbüßer das Zerstückelte scheinbar vereinigen kann.
Dieses zu erfahren, war mir erst ein ärgernis, dann betrübte ich mich
darüber, und nun macht es mir Schadenfreude. Ich habe mir das Wort
gegeben, ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken.
Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher
erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und
verknüpft. Folgt man der Analogie zu sehr, so fällt alles identisch
zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles ins Unendliche. In
beiden Fällen stagniert die Betrachtung, einmal als überlebendig, das
andere Mal als getötet.
Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das Gewordene
angewiesen; jene bekümmert sich nicht: wozu? dieser fragt nicht:
woher?--Sie erfreut sich am Entwickeln; er wünscht alles festzuhalten,
damit er es nutzen könne.