Kunst, Ethisches, Natur

Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muß nur versuchen, es

noch einmal zu denken.

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals,

wohl aber durch Handeln. Versuche deine Pflicht zu tun, und du weißt

gleich, was an dir ist.

Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.

Die vernünftige Weit ist als ein großes unsterbliches Individuum zu

betrachten, das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich

sogar über das Zufällige zum Herrn macht.

Mir wird, je länger ich lebe, immer verdrießlicher, wenn ich den

Menschen sehe, der eigentlich auf seiner höchsten Stelle da ist, um

der Natur zu gebieten, um sich und die Seinigen von der gewalttätigen

Notwendigkeit zu befreien; wenn ich sehe, wie er aus irgendeinem

vorgefaßten falschen Begriff gerade das Gegenteil tut von dem, was er

will, und sich alsdann, weil die Anlage im Ganzen verdorben ist, im

Einzelnen kümmerlich herumpfuschet.

Tüchtiger, tätiger Mann, verdiene dir und erwarte:

von den Großen--Gnade,

von den Mächtigen--Gunst,

von Tätigen und Guten--Förderung,

von der Menge--Neigung,

von dem Einzelnen--Liebe.

Die Dilettanten, wenn sie das Möglichste getan haben, pflegen zu

ihrer Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig.

Freilich kann sie nie fertig werden, weil sie nie recht angefangen

ward. Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig

dar, ausgeführt oder nicht, schon ist es vollendet. Der

geschickteste Dilettant tastet im Ungewissen, und wie die Ausführung

wächst, kommt die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum

Vorschein. Ganz zuletzt entdeckt sich erst das Verfehlte, das nicht

auszugleichen ist, und so kann das Werk freilich nicht fertig werden.

In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule, wohl aber

Vorbereitungen; die beste jedoch ist die Teilnahme des geringsten

Schülers am Geschäft des Meisters. Aus Farbenreibern sind treffliche

Maler hervorgegangen.

Ein anderes ist die Nachäffung, zu welcher die natürliche allgemeine

Tätigkeit des Menschen durch einen bedeutenden Künstler, der das

Schwere mit Leichtigkeit vollbringt, zufällig angeregt wird.

Von der Notwendigkeit: daß der bildende Künstler Studien nach der

Natur mache, und von dem Werte derselben überhaupt sind wir genugsam

überzeugt; allein wir leugnen nicht, daß es uns öfters betrübt, wenn

wir den Mißbrauch eines so löblichen Strebens gewahr werden.

Nach unserer überzeugung sollte der junge Künstler wenig oder gar

keine Studien nach der Natur beginnen, wobei er nicht zugleich dächte,

wie er jedes Blatt zu einem Ganzen abrunden, wie er diese

Einzelnheit, in ein angenehmes Bild verwandelt, in einen Rahmen

eingeschlossen, dem Liebhaber und Kenner gefällig anbieten möge.

Es steht manches Schöne isoliert in der Welt, doch der Geist ist es,

der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen

hat.--Die Blume gewinnt erst ihren Reiz durch das Insekt, das ihr

anhängt, durch den Tautropfen, der sie befeuchtet, durch das Gefäß,

woraus sie allenfalls ihre letzte Nahrung zieht. Kein Busch, kein

Baum, dem man nicht durch die Nachbarschaft eines Felsens, einer

Quelle Bedeutung geben, durch eine mäßige einfache Ferne größern Reiz

verleihen könnte. So ist es mit menschlichen Figuren und so mit

Tieren aller Art beschaffen.

Der Vorteil, den sich der junge Künstler hiedurch verschafft, ist

gar mannigfaltig. Er lernt denken, das Passende gehörig

zusammenbinden, und wenn er auf diese Weise geistreich komponiert,

wird es ihm zuletzt auch an dem, was man Erfindung nennt, an dem

Entwickeln des Mannigfaltigen aus dem Einzelnen, keineswegs fehlen

können.

Tut er nun hierin der eigentlichen Kunstpädagogik wahrhaft Genüge,

so hat er noch nebenher den großen nicht zu verachtenden Gewinn, daß

er lernt, verkäufliche dem Liebhaber anmutige und liebliche Blätter

hervorzubringen.

Eine solche Arbeit braucht nicht im höchsten Grade ausgeführt und

vollendet zu sein; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist, so

ist sie für den Liebhaber oft reizender als ein größeres ausgeführtes

Werk.

Beschaue doch jeder junge Künstler seine Studien im Büchelchen und

im Portefeuille und überlege, wie viele Blätter er davon auf jene

Weise genießbar und wünschenswert hätte machen können.

Es ist nicht die Rede vom Höheren, wovon man wohl auch sprechen

könnte, sondern es soll nur als Warnung gesagt sein, die von einem

Abwege zurückruft und aufs Höhere hindeutet.

Versuche es doch der Künstler nur ein halb Jahr praktisch und setze

weder Kohle noch Pinsel an ohne Intention, einen vorliegenden

Naturgegenstand als Bild abzuschließen. Hat er angebornes Talent, so

wird sich's bald offenbaren, welche Absicht wir bei diesen Andeutungen

im Sinne hegten.

Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiß ich,

womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann.

Jeder Mensch muß nach seiner Weise denken, denn er findet auf seinem

Wege immer ein Wahres, oder eine Art von Wahrem die ihm durchs Leben

hilft; nur darf er sich nicht gehen lassen; er muß sich kontrollieren;

der bloße nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen.

Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt

bankerott.

In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich

die Absichten vorzüglich der Aufmerksamkeit wert.

Die Menschen werden an sich und andern irre, weil sie die Mittel als

Zweck behandeln, da denn vor lauter Tätigkeit gar nichts geschieht

oder vielleicht gar das Widerwärtige.

Was wir ausdenken, was wir vornehmen, sollte schon vollkommen so

rein und schön sein, daß die Welt nur daran zu verderben hätte; wir

blieben dadurch in dem Vorteil, das Verschobene zurechtzurücken, das

Zerstörte wiederherzustellen.

Ganze, Halb--und Viertelsirrtümer sind gar schwer und mühsam

zurechtzulegen, zu sichten und das Wahre daran dahin zu stellen,

wohin es gehört.

Es ist nicht immer nötig, daß das Wahre sich verkörpere; schon genug,

wenn es geistig umherschwebt und übereinstimmung bewirkt; wenn es

wie Glockenton ernstfreundlich durch die Lüfte wogt.

Wenn ich jüngere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine

Zeitlang in Italien aufgehalten, befrage: warum sie doch, besonders

in ihren Landschaften, so widerwärtige grelle Töne dem Auge

darstellen und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen? so geben sie

wohl ganz dreist und getrost zur Antwort: sie sähen die Natur genau

auf solche Weise.

Kant hat uns aufmerksam gemacht, daß es eine Kritik der Vernunft

gebe, daß dieses höchste Vermögen, was der Mensch besitzt, Ursache

habe, über sich selbst zu wachen. Wie großen Vorteil uns diese Stimme

gebracht, möge jeder an sich selbst geprüft haben. Ich aber möchte

in eben dem Sinne die Aufgabe stellen, daß eine Kritik der Sinne

nötig sei, wenn die Kunst überhaupt, besonders die deutsche, irgend

wieder sich erholen und in einem erfreulichen Lebensschritt vorwärts

gehen solle.

Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch großer Bildung, sie mag

sich ihm nun durch Sorgfalt der Eltern und Erzieher, durch

friedliches Beispiel oder durch strenge Erfahrung nach und nach

offenbaren. Ebenso wird zwar der angehende Künstler, aber nicht der

vollendete geboren; sein Auge komme frisch auf die Welt, er habe

glücklichen Blick für Gestalt, Proportion, Bewegung; aber für höhere

Komposition, für Haltung, Licht, Schatten, Farben kann ihm die

natürliche Anlage fehlen, ohne daß er es gewahr wird.

Ist er nun nicht geneigt, von höher ausgebildeten Künstlern der

Vor--und Mitzeit das zu lernen, was ihm fehlt um eigentlicher

Künstler zu sein, so wird er im falschen Begriff von bewahrter

Originalität hinter sich selbst zurückblicken; denn nicht allein das,

was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wir erwerben können,

gehört uns an, und wir sind es.

Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer auf dem Wege,

entsetzliches Unglück anzurichten.

"Blasen ist nicht flöten, ihr müßt die Finger bewegen."

Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae

nennen; man kann eben auch sagen, daß es inkomplette, unvollständige

Menschen gibt. Es sind diejenigen, deren Sehnsucht und Streben mit

ihrem Tun und Leisten nicht proportioniert ist.

Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der

Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt; aber selbst

schöne Vorzüge werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn

jenes unerläßlich geforderte Ebenmaß abgeht. Dieses Unheil wird sich

in der neuern Zeit noch öfter hervortun; denn wer wird wohl den

Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart, und zwar in

schnellster Bewegung genugtun können?

Nur klugtätige Menschen, die ihre Kräfte kennen und sie mit Maß und

Gescheidigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen,

Ein großer Fehler: daß man sich mehr dünkt, als man ist, und sich

weniger schätzt, als man wert ist.

Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jüngling, an dem ich nichts

verändert noch gebessert wünschte; nur macht mir bange, daß ich

manchen vollkommen geeignet sehe, im Zeitstrom mit fortzuschwimmen,

und hier ist's, wo ich immerfort aufmerksam machen möchte: daß dem

Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben deshalb das Ruder in die

Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkür der Wellen, sondern dem

Willen seiner Einsicht Folge leiste.

Wie soll nun aber ein junger Mann für sich selbst dahin gelangen,

dasjenige für tadelnswert und schädlich anzusehen, was jedermann

treibt, billigt und fördert? Warum soll er sich nicht und sein

Naturell auch dahin gehen lassen?

Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden läßt,

muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden

verspeist, den Tag im Tage vertut und so immer aus der Hand in den

Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. Haben wir doch

schon Blätter für sämtliche Tageszeiten! ein guter Kopf könnte wohl

noch eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein

jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins öffentliche

geschleppt. Niemand darf sich freuen oder leiden als zum

Zeitvertreib der übrigen; und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt

zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil,

alles veloziferisch.

So wenig nun die Dampfmaschinen zu dämpfen sind, so wenig ist dies

auch im Sittlichen möglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das

Durchrauschen des Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um

Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuern Elemente, auf die

gegenwärtig ein junger Mann gesetzt ist. Wohl ihm, wenn er von der

Natur mit mäßigem, ruhigem Sinn begabt ist, um weder

unverhältnismäßige Forderungen an die Welt zu machen noch auch von

ihr sich bestimmen zu lassen.

Aber in einem jeden Kreise bedroht ihn der Tagesgeist; und nichts

ist nötiger, als früh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen,

wohin sein Wille zu steuern hat.

Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen wächst mit

den Jahren; und wen ich länger um mich sehe, den suche ich immerfort

aufmerksam zu machen, welch ein Unterschied stattfinde zwischen

Aufrichtigkeit, Vertrauen und Indiskretion, ja daß eigentlich kein

Unterschied sei, vielmehr nur ein leiser übergang vom

Unverfänglichsten zum Schädlichsten, welcher bemerkt oder vielmehr

empfunden werden müsse.

Hierauf haben wir unsern Takt zu üben, sonst laufen wir Gefahr, auf

dem Wege, worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben, sie ganz

unversehens wieder zu verscherzen. Das begreift man wohl im Laufe

des Lebens von selbst, aber erst nach bezahltem teurem Lehrgelde, das

man leider seinen Nachkommenden nicht ersparen kann.

Das Verhältnis der Künste und Wissenschaften zum Leben ist nach

Verhältnis der Stufen, worauf sie stehen, nach Beschaffenheit der

Zeiten und tausend andern Zufälligkeiten sehr verschieden; deswegen

auch niemand darüber im ganzen leicht klug werden kann.

Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustände, sie seien nun ganz

roh, halbkultiviert, oder bei Abänderung einer Kultur, beim

Gewahrwerden einer fremden Kultur, daß man also sagen kann, die

Wirkung der Neuheit findet durchaus statt.

Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr je

älter sie ist, je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie.

Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am

eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden müßte.

Sie ist ganz Form und Gehalt und erhöht und veredelt alles, was sie

ausdrückt.

Die Musik ist heilig oder profan. Das Heilige ist ihrer Würde ganz

gemäß, und hier hat sie die größte Wirkung aufs Leben, welche sich

durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt. Die profane sollte

durchaus heiter sein.

Eine Musik, die den heiligen und profanen Charakter vermischt, ist

gottlos, und eine halbschürige, welche schwache, jammervolle,

erbärmliche Empfindungen auszudrücken Belieben findet, ist

abgeschmackt. Denn sie ist nicht ernst genug, um heilig zu sein, und

es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten: die Heiterkeit.

Die Heiligkeit der Kirchenmusiken, das Heitere und Neckische der

Volksmelodien sind die beiden Angeln, um die sich die wahre Musik

herumdreht. Auf diesen beiden Punkten beweist sie jederzeit eine

unausbleibliche Wirkung: Andacht oder Tanz. Die Vermischung macht

irre, die Verschwächung wird fade, und will die Musik sich an

Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden, so wird sie

kalt.

Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer höchsten Stufe; alles

Mittlere kann wohl aus mehr denn einer Ursache imponieren, aber alle

mittleren Kunstwerke dieser Art machen mehr irre, als daß sie

erfreuen. Die Bildhauerkunst muß sich daher noch ein stoffartiges

Interesse suchen, und das findet sie in den Bildnissen bedeutender

Menschen. Aber auch hier muß sie schon einen hohen Grad erreichen,

wenn sie zugleich wahr und würdig sein will.

Die Malerei ist die läßlichste und bequemste von allen Künsten. Die

läßlichste, weil man ihr um des Stoffes und des Gegenstandes willen,

auch da, wo sie nur Handwerk oder kaum eine Kunst ist, vieles zugute

hält und sich an ihr erfreut; teils weil eine technische obgleich

geistlose Ausführung den Ungebildeten wie den Gebildeten in

Verwunderung setzt, so daß sie sich also nur einigermaßen zur Kunst

zu steigern braucht, um in einem höheren Grade willkommen zu sein.

Wahrheit in Farben, Oberflächen, in Beziehungen der sichtbaren

Gegenstände aufeinander ist schon angenehm; und da das Auge ohnehin

gewohnt ist, alles zu sehen, so ist ihm eine Mißgestalt und also auch

ein Mißbild nicht so zuwider als dem Ohr ein Mißton. Man läßt die

schlechteste Abbildung gelten, weil man noch schlechtere Gegenstände

zu sehen gewohnt ist. Der Maler darf also nur einigermaßen Künstler

sein, so findet er schon ein größeres Publikum als der Musiker, der

auf gleichem Grade stünde; wenigstens kann der geringere Maler immer

für sich operieren, anstatt daß der mindere Musiker sich mit anderen

soziieren muß, um durch gesellige Leistung einigen Effekt zu tun.

Die Frage: ob man bei Betrachtung von Kunstleistungen vergleichen

solle oder nicht, möchten wir folgendermaßen beantworten: Der

ausgebildete Kenner soll vergleichen; denn ihm schwebt die Idee vor,

er hat den Begriff gefaßt, was geleistet werden könne und solle; der

Liebhaber, auf dem Wege zur Bildung begriffen, fördert sich am besten,

wenn er nicht vergleicht, sondern jedes Verdienst einzeln betrachtet;

dadurch bildet sich Gefühl und Sinn für das Allgemeinere nach und

nach aus. Das Vergleichen der Unkenner ist eigentlich nur eine

Bequemlichkeit, die sich gern des Urteils überheben möchte.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 2 · 第 18 / 20 题