Schon Tage geh' ich umher und kann die Feder anzusetzen mich nicht
entschließen; es ist so mancherlei zu sagen, mündlich fügte sich wohl
eins ans andere, entwickelte sich auch wohl leicht eins aus dem
andern; laß mich daher, den Entfernten, nur mit dem Allgemeinsten
beginnen, es leitet mich doch zuletzt aufs Wunderliche, was ich
mitzuteilen habe.
Du hast von dem Jüngling gehört, der, am Ufer des Meeres spazierend,
einen Ruderpflock fand; das Interesse, das er daran nahm, bewog ihn,
ein Ruder anzuschaffen, als notwendig dazu gehörend. Dies aber war
nun auch weiter nichts nütze; er trachtete ernstlich nach einem Kahn
und gelangte dazu. Jedoch war Kahn, Ruder und Ruderpflock nicht
sonderlich fördernd, er verschaffte sich Segelstangen und Segel und
so nach und nach, was zur Schnelligkeit und Bequemlichkeit der
Schiffahrt erforderlich ist. Durch zweckmäßiges Bestreben gelangt er
zu größerer Fertigkeit und Geschicklichkeit, das Glück begünstigt ihn,
er sieht sich endlich als Herr und Patron eines größern Fahrzeugs,
und so steigert sich das Gelingen, er gewinnt Wohlhaben, Ansehen und
Namen unter den Seefahrern.--
Indem ich nun dich veranlasse, diese artige Geschichte wieder zu
lesen, muß ich bekennen, daß sie nur im weitesten Sinne hierher
gehört, jedoch mir den Weg bahnt, dasjenige auszudrücken, was ich
vorzutragen habe. Indessen muß ich noch einiges Entferntere
durchgehen.
Die Fähigkeiten, die in dem Menschen liegen, lassen sich einteilen
in allgemeine und besondere, die allgemeinen sind anzusehen als
gleichgültig-ruhende Fähigkeiten, die nach Umständen geweckt und
zufällig zu diesem oder jenem Zweck bestimmt werden. Die
Nachahmungsgabe des Menschen ist allgemein, er will nachmachen,
nachbilden, was er sieht, auch ohne die mindesten innern und äußern
Mittel zum Zwecke. Natürlich ist es daher immer, daß er leisten will,
was er leisten sieht; das Natürlichste jedoch wäre, daß der Sohn des
Vaters Beschäftigung ergriffe. Hier ist alles beisammen: eine
vielleicht im Besondern schon angeborne, in ursprünglicher Richtung
entschiedene Fähigkeit, sodann eine folgerecht stufenweis
fortschreitende übung und ein entwickeltes Talent, das uns nötigte,
auch alsdann auf dem eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, wenn andere
Triebe sich in uns entwickeln und uns eine freie Wahl zu einem
Geschäft führen dürfte, zu dem uns die Natur weder Anlage noch
Beharrlichkeit verliehen. Im Durchschnitt sind daher die Menschen am
glücklichsten, die ein angebornes, ein Familientalent im häuslichen
Kreise auszubilden Gelegenheit finden. Wir haben solche
Malerstammbäume gesehen; darunter waren freilich schwache Talente,
indessen lieferten sie doch etwas Brauchbares und vielleicht Besseres,
als sie bei mäßigen Naturkräften aus eigner Wahl in irgendeinem
andern Fache geleistet hätten.
Da dieses aber auch nicht ist, was ich sagen wollte, so muß ich
meinen Mitteilungen von irgendeiner andern Seite näher zu kommen
suchen.
Das ist nun das Traurige der Entfernung von Freunden, daß wir die
Mittelglieder, die Hülfsglieder unserer Gedanken, die sich in der
Gegenwart so flüchtig wie Blitze wechselseitig entwickeln und
durchweben, nicht in augenblicklicher Verknüpfung und Verbindung
vorführen und vortragen können. Hier also zunächst eine der frühsten
Jugendgeschichten.
Wir in einer alten, ernsten Stadt erzogenen Kinder hatten die
Begriffe von Straßen, Plätzen, von Mauern gefaßt, sodann auch von
Wällen, dem Glacis und benachbarten ummauerten Gärten. Uns aber
einmal, oder vielmehr sich selbst ins Freie zu führen, hatten unsere
Eltern längst mit Freunden auf dem Lande eine immerfort verschobene
Partie verabredet. Dringender endlich zum Pfingstfeste ward Einladung
und Vorschlag, denen man nur unter der Bedingung sich fügte: alles so
einzuleiten, daß man zu Nacht wieder zu Hause sein könnte; denn außer
seinem längst gewohnten Bette zu schlafen, schien eine Unmöglichkeit.
Die Freuden des Tags so eng zu konzentrieren, war freilich schwer:
zwei Freunde sollten besucht und ihre Ansprüche auf seltene
Unterhaltung befriedigt werden; indessen hoffte man, mit großer
Pünktlichkeit alles zu erfüllen.
Am dritten Feiertag, mit dem frühsten, standen alle munter und
bereit, der Wagen fuhr zur bestimmten Stunde vor, bald hatten wir
alles Beschränkende der Straßen, Tore, Brücken und Stadtgräben hinter
uns gelassen, eine freie, weitausgebreitete Welt tat sich vor den
Unerfahrnen auf. Das durch einen Nachtregen erst erfrischte Grün der
Fruchtfelder und Wiesen, das mehr oder weniger hellere der eben
aufgebrochenen Strauch--und Baumknospen, das nach allen Seiten hin
blendend sich verbreitende Weiß der Baumblüte, alles gab uns den
Vorschmack glücklicher, paradiesischer Stunden.
Zu rechter Zeit gelangten wir auf der ersten Station bei einem
würdigen Geistlichen an. Freundlichst empfangen, konnten wir bald
gewahr werden, daß die aufgehobene kirchliche Feier den Ruhe und
Freiheit suchenden Gemütern nicht entnommen war. Ich betrachtete den
ländlichen Haushalt zum erstenmal mit freudigem Anteil; Pflug und Egge,
Wagen und Karren deuteten auf unmittelbare Benutzung, selbst der
widrig anzuschauende Unrat schien das Unentbehrlichste im ganzen
Kreise: sorgfältig war er gesammelt und gewissermaßen zierlich
aufbewahrt. Doch dieser auf das Neue und doch Begreifliche gerichtete
frische Blick ward gar bald auf ein Genießbares geheftet:
appetitliche Kuchen, frische Milch und sonst mancher ländliche
Leckerbissen ward von uns begierig in Betracht gezogen. Eilig
beschäftigten sich nunmehr die Kinder, den kleinen Hausgarten und die
wirtliche Laube verlassend, in dem angrenzenden Baumstück ein
Geschäft zu vollbringen, das eine alte, wohlgesinnte Tante ihnen
aufgetragen hatte. Sie sollten nämlich so viel Schlüsselblumen als
möglich sammeln und solche getreulich mit zur Stadt bringen, indem
die haushältische Matrone gar allerlei gesundes Getränk daraus zu
bereiten gewohnt war.
Indem wir nun in dieser Beschäftigung auf Wiesen, an Rändern und
Zäunen hin und wider liefen, gesellten sich mehrere Kinder des Dorfs
zu uns, und der liebliche Duft gesammelter Frühlingsblumen schien
immer erquickender und balsamischer zu werden.
Wir hatten nun schon so eine Masse Stengel und Blüten
zusammengebracht, daß wir nicht wußten, wo mit hin; man fing jetzt an,
die gelblichen Röhrenkronen auszuzupfen, denn um sie war es denn
eigentlich doch nur zu tun; jeder suchte in sein Hütchen, sein
Mützchen möglichst zu sammeln.
Der ältere dieser Knaben jedoch, an Jahren wenig vor mir voraus, der
Sohn des Fischers, den dieses Blumengetändel nicht zu freuen schien,
ein Knabe, der mich bei seinem ersten Auftreten gleich besonders
angezogen hatte, lud mich ein, mit ihm nach dem Fluß zu gehen, der,
schon ansehnlich breit, in weniger Entfernung vorbeifloß. Wir
setzten uns mit ein paar Angelruten an eine schattige Stelle, wo im
tiefen, ruhig klaren Wasser gar manches Fischlein sich hin und her
bewegte. Freundlich wies er mich an, worum es zu tun, wie der Köder
am Angel zu befestigen sei, und es gelang mir einigemal
hintereinander, die kleinsten dieser zarten Geschöpfe wider ihren
Willen in die Luft herauszuschnellen. Als wir nun so zusammen
aneinandergelehnt beruhigt saßen, schien er zu langweilen und machte
mich auf einen flachen Kies aufmerksam, der von unserer Seite sich in
den Strom hinein erstreckte. Da sei die schönste Gelegenheit zu baden.
Er könne, rief er, endlich aufspringend, der Versuchung nicht
widerstehen, und ehe ich mich's versah, war er unten, ausgezogen und
im Wasser.
Da er sehr gut schwamm, verließ er bald die seichte Stelle, übergab
sich dem Strom und kam bis an mich in dem tieferen Wasser heran; mir
war ganz wunderlich zumute geworden. Grashupfer tanzten um mich her,
Ameisen krabbelten heran, bunte Käfer hingen an den Zweigen, und
goldschimmernde Sonnenjungfern, wie er sie genannt hatte, schwebten
und schwankten geisterartig zu meinen Füßen, eben als jener, einen
großen Krebs zwischen Wurzeln hervorholend, ihn lustig aufzeigte, um
ihn gleich wieder an den alten Ort zu bevorstehendem Fange geschickt
zu verbergen. Es war umher so warm und so feucht, man sehnte sich
aus der Sonne in den Schatten, aus der Schattenkühle hinab ins
kühlere Wasser. Da war es denn ihm leicht, mich hinunterzulocken,
eine nicht oft wiederholte Einladung fand ich unwiderstehlich und war,
mit einiger Furcht vor den Eltern, wozu sich die Scheu vor dem
unbekannten Elemente gesellte, in ganz wunderlicher Bewegung. Aber
bald auf dem Kies entkleidet, wagt' ich mich sachte ins Wasser, doch
nicht tiefer, als es der leise abhängige Boden erlaubte; hier ließ er
mich weilen, entfernte sich in dem tragenden Elemente, kam wieder,
und als er sich heraushob, sich aufrichtete, im höheren Sonnenschein
sich abzutrocknen, glaubt' ich meine Augen vor einer dreifachen Sonne
geblendet: so schön war die menschliche Gestalt, von der ich nie einen
Begriff gehabt. Er schien mich mit gleicher Aufmerksamkeit zu
betrachten. Schnell angekleidet standen wir uns noch immer
unverhüllt gegeneinander, unsere Gemüter zogen sich an, und unter den
feurigsten Küssen schwuren wir eine ewige Freundschaft.
Sodann aber eilig eilig gelangten wir nach Hause, gerade zur rechten
Zeit, als die Gesellschaft den angenehmsten Fußweg durch Busch und
Wald etwa anderthalb Stunden nach der Wohnung des Amtmanns antrat.
Mein Freund begleitete mich, wir schienen schon unzertrennlich; als
ich aber hälftewegs um Erlaubnis bat, ihn mit in des Amtmanns Wohnung
zu nehmen, verweigerte es die Pfarrerin, mit stiller Bemerkung des
Unschicklichen, dagegen gab sie ihm den dringenden Auftrag: er solle
seinem rückkehrenden Vater ja sagen, sie müsse bei ihrer
Nachhausekunft notwendig schöne Krebse vorfinden, die sie den Gästen
als eine Seltenheit nach der Stadt mitgeben wolle. Der Knabe schied,
versprach aber mit Hand und Mund, heute abend an dieser Waldecke
meiner zu warten.
Die Gesellschaft gelangte nunmehr zum Amthause, wo wir auch einen
ländlichen Zustand antrafen, doch höherer Art. Ein durch die Schuld
der übertätigen Hausfrau sich verspätendes Mittagessen machte mich
nicht ungeduldig, denn der Spaziergang in einem wohlgehaltenen
Ziergarten, wohin die Tochter, etwas jünger als ich, mir den Weg
begleitend anwies, war mir höchst unterhaltend. Frühlingsblumen
aller Art standen in zierlich gezeichneten Feldern, sie ausfüllend
oder ihre Ränder schmückend. Meine Begleiterin war schön, blond,
sanftmütig, wir gingen vertraulich zusammen, faßten uns bald bei der
Hand und schienen nichts Besseres zu wünschen. So gingen wir an
Tulpenbeeten vorüber, so an gereihten Narzissen und Jonquillen; sie
zeigte mir verschiedene Stellen, wo eben die herrlichsten
Hyazinthenglocken schon abgeblüht hatten. Dagegen war auch für die
folgenden Jahrszeiten gesorgt: schon grünten die Büsche der künftigen
Ranunkeln und Anemonen; die auf zahlreiche Nelkenstöcke verwendete
Sorgfalt versprach den mannigfaltigsten Flor; näher aber knospete
schon die Hoffnung vielblumiger Lilienstengel gar weislich zwischen
Rosen verteilt. Und wie manche Laube versprach nicht zunächst mit
Geißblatt, Jasmin, reben und rankenartigen Gewächsen zu prangen und
zu schatten.
Betracht' ich nach so viel Jahren meinen damaligen Zustand, so
scheint er mir wirklich beneidenswert. Unerwartet, in demselbigen
Augenblick, ergriff mich das Vorgefühl von Freundschaft und Liebe.
Denn als ich ungern Abschied nahm von dem schönen Kinde, tröstete
mich der Gedanke, diese Gefühle meinem jungen Freunde zu eröffnen, zu
vertrauen und seiner Teilnahme zugleich mit diesen frischen
Empfindungen mich zu freuen.
Und wenn ich hier noch eine Betrachtung anknüpfe, so darf ich wohl
bekennen: daß im Laufe des Lebens mir jenes erste Aufblühen der
Außenwelt als die eigentliche Originalnatur vorkam, gegen die alles
übrige, was uns nachher zu den Sinnen kommt, nur Kopien zu sein
scheinen, die bei aller Annäherung an jenes doch des eigentlich
ursprünglichen Geistes und Sinnes ermangeln.
Wie müßten wir verzweifeln, das äußere so kalt, so leblos zu
erblicken, wenn nicht in unserm Innern sich etwas entwickelte, das
auf eine ganz andere Weise die Natur verherrlicht, indem es uns
selbst in ihr zu verschönen eine schöpferische Kraft erweist.
Es dämmerte schon, als wir uns der Waldecke wieder näherten, wo der
junge Freund meiner zu warten versprochen hatte. Ich strengte die
Sehkraft möglichst an, um seine Gegenwart zu erforschen; als es mir
nicht gelingen wollte, lief ich ungeduldig der langsam schreitenden
Gesellschaft voraus, rannte durchs Gebüsche hin und wider. Ich rief,
ich ängstigte mich; er war nicht zu sehen und antwortete nicht; ich
empfand zum erstenmal einen leidenschaftlichen Schmerz, doppelt und
vielfach.
Schon entwickelte sich in mir die unmäßige Forderung vertraulicher
Zuneigung, schon war es ein unwiderstehlich Bedürfnis, meinen Geist
von dem Bilde jener Blondine durch Plaudern zu befreien, mein Herz
von den Gefühlen zu erlösen, die sie in mir aufgeregt hatte. Es war
voll, der Mund lispelte schon, um überzufließen; ich tadelte laut den
guten Knaben wegen verletzter Freundschaft, wegen vernachlässigter
Zusage.
Bald aber sollten mir schwerere Prüfungen zugedacht sein. Aus den
ersten Häusern des Ortes stürzten Weiber schreiend heraus, heulende
Kinder folgten, niemand gab Red' und Antwort. Von der einen Seite her
um das Eckhaus sahen wir einen Trauerzug herumziehen, er bewegte sich
langsam die lange Straße hin; es schien wie ein Leichenzug, aber ein
vielfacher; des Tragens und Schleppens war kein Ende. Das Geschrei
dauerte fort, es vermehrte sich, die Menge lief zusammen. "Sie sind
ertrunken, alle, sämtlich ertrunken! Der! wer? welcher?" Die Mütter,
die ihre Kinder um sich sahen, schienen getröstet. Aber ein ernster
Mann trat heran und sprach zur Pfarrerin: "Unglücklicherweise bin ich
zu lange außen geblieben, ertrunken ist Adolf selbfünfe, er wollte
sein Versprechen halten und meins." Der Mann, der Fischer selbst war
es, ging weiter dem Zuge nach, wir standen erschreckt und erstarrt.
Da trat ein kleiner Knabe heran, reichte einen Sack dar: "Hier die
Krebse, Frau Pfarrerin", und hielt das Zeichen hoch in die Höhe. Man
entsetzte sich davor wie vor dem Schädlichsten, man fragte, man
forschte und erfuhr so viel: dieser letzte Kleine war am Ufer
geblieben, er las die Krebse auf, die sie ihm von unten zuwarfen.
Alsdann aber nach vielem Fragen und Widerfragen erfuhr man: Adolf mit
zwei verständigen Knaben sei unten am und im Wasser hingegangen, zwei
andere, jüngere haben sich ungebeten dazu gesellt, die durch kein
Schelten und Drohen abzuhalten gewesen. Nun waren über eine steinige,
gefährliche Stelle die ersten fast hinaus, die letzten gleiteten,
griffen zu und zerrten immer einer den andern hinunter; so geschah es
zuletzt auch dem Vordersten, und alle stürzten in die Tiefe. Adolf,
als guter Schwimmer, hätte sich gerettet, alles aber hielt in der
Angst sich an ihn, er ward niedergezogen. Dieser Kleine sodann war
schreiend ins Dorf gelaufen, seinen Sack mit Krebsen fest in den
Händen. Mit andern Aufgerufenen eilte der zufällig spät rückkehrende
Fischer dorthin; man hatte sie nach und nach herausgezogen, tot
gefunden, und nun trug man sie herein.
Der Pfarrherr mit dem Vater gingen bedenklich dem Gemeindehause zu;
der volle Mond war aufgegangen und beleuchtete die Pfade des Todes;
ich folgte leidenschaftlich, man wollte mich nicht einlassen; ich war
im schrecklichsten Zustande. Ich umging das Haus und rastete nicht;
endlich ersah ich meinen Vorteil und sprang zum offenen Fenster
hinein.
In dem großen Saale, wo Versammlungen aller Art gehalten werden,
lagen die Unglückseligen auf Stroh, nackt, ausgestreckt,
glänzend-weiße Leiber, auch bei düsterm Lampenschein hervorleuchtend.
Ich warf mich auf den größten, auf meinen Freund; ich wüßte nicht
von meinem Zustand zu sagen, ich weinte bitterlich und überschwemmte
seine breite Brust mit unendlichen Tränen. Ich hatte etwas von Reiben
gehört, das in solchem Falle hilfreich sein sollte, ich rieb meine
Tränen ein und belog mich mit der Wärme, die ich erregte. In der
Verwirrung dacht' ich ihm Atem einzublasen, aber die Perlenreihen
seiner Zähne waren fest verschlossen, die Lippen, auf denen der
Abschiedskuß noch zu ruhen schien, versagten auch das leiseste Zeichen
der Erwiderung. An menschlicher Hülfe verzweifelnd, wandt' ich mich
zum Gebet; ich flehte, ich betete, es war mir, als wenn ich in diesem
Augenblicke Wunder tun müßte, die noch inwohnende Seele hervorzurufen,
die noch in der Nähe schwebende wieder hineinzulocken.
Man riß mich weg; weinend, schluchzend saß ich im Wagen und vernahm
kaum, was die Eltern sagten: unsere Mutter, was ich nachher so oft
wiederholen hörte, hatte sich in den Willen Gottes ergeben. Ich war
indessen eingeschlafen und erwachte verdüstert am späten Morgen in
einem rätselhaften, verwirrten Zustande.
Als ich mich aber zum Frühstück begab, fand ich Mutter, Tante und
Köchin in wichtiger Beratung. Die Krebse sollten nicht gesotten,
nicht auf den Tisch gebracht werden; der Vater wollte eine so
unmittelbare Erinnerung an das nächstvergangene Unglück nicht
erdulden. Die Tante schien sich dieser seltenen Geschöpfe eifrigst
bemächtigen zu wollen, schalt aber nebenher auf mich, daß wir die
Schlüsselblumen mitzubringen versäumt; doch schien sie sich bald
hierüber zu beruhigen, als man jene lebhaft durcheinander kriechenden
Mißgestalten ihr zu beliebiger Verfügung übergab, worauf sie denn
deren weitere Behandlung mit der Köchin verabredete.
Um aber die Bedeutung dieser Szene klar zu machen, muß ich von dem
Charakter und dem Wesen dieser Frau das Nähere vermelden: Die
Eigenschaften, von denen sie beherrscht wurde, konnte man, sittlich
betrachtet, keineswegs rühmen; und doch brachten sie, bürgerlich und
politisch angesehen, manche gute Wirkung hervor. Sie war im
eigentlichen Sinne geldgeizig, denn es dauerte sie jeder bare Pfennig,
den sie aus der Hand geben sollte, und sah sich überall für ihre
Bedürfnisse nach Surrogaten um, welche man umsonst, durch Tausch oder
irgendeine Weise beischaffen konnte. So waren die Schlüsselblumen
zum Tee bestimmt, den sie für gesünder hielt als irgendeinen
chinesischen. Gott habe einem jeden Land das Notwendige verliehen,
es sei nun zur Nahrung, zur Würze, zur Arzenei; man brauche sich
deshalb nicht an fremde Länder zu wenden. So besorgte sie in einem
kleinen Garten alles, was nach ihrem Sinn die Speisen schmackhaft
mache und Kranken zuträglich wäre: sie besuchte keinen fremden Garten,
ohne dergleichen von da mitzubringen.
Diese Gesinnung und was daraus folgte, konnte man ihr sehr gerne
zugeben, da ihre emsig gesammelte Barschaft der Familie doch endlich
zugute kommen sollte; auch wußten Vater und Mutter hierin durchaus
ihr nachzugeben und förderlich zu sein.
Eine andere Leidenschaft jedoch, eine tätige, die sich unermüdet
geschäftig hervortat, war der Stolz, für eine bedeutende,
einflußreiche Person gehalten zu werden. Und sie hatte fürwahr diesen
Ruhm sich verdient und erreicht; denn die sonst unnützen, sogar oft
schädlichen unter Frauen obwaltenden Klatschereien wußte sie zu ihrem
Vorteil anzuwenden. Alles, was in der Stadt vorging, und daher auch
das Innere der Familien, war ihr genau bekannt, und es ereignete sich
nicht leicht ein zweifelhafter Fall, in den sie sich nicht zu mischen
gewußt hätte, welches ihr um desto mehr gelang, als sie immer nur zu
nutzen trachtete, dadurch aber ihren Ruhm und guten Namen zu steigern
wußte. Manche Heirat hatte sie geschlossen, wobei wenigstens der
eine Teil vielleicht zufrieden blieb. Was sie aber am meisten
beschäftigte, war das Fördern und Befördern solcher Personen, die ein
Amt, eine Anstellung suchten, wodurch sie sich denn wirklich eine
große Anzahl Klienten erwarb, deren Einfluß sie dann wieder zu
benutzen wußte.
Als Witwe eines nicht unbedeutenden Beamten, eines rechtlichen,
strengen Mannes, hatte sie denn doch gelernt, wie man diejenigen
durch Kleinigkeiten gewinnt, denen man durch bedeutendes Anerbieten
nicht beikommen kann.
Um aber ohne fernere Weitläufigkeit auf dem betretenen Pfade zu
bleiben, sei zunächst bemerkt, daß sie auf einen Mann, der eine
wichtige Stelle bekleidete, sich großen Einfluß zu verschaffen gewußt.
Er war geizig gleich ihr, und zu seinem Unglück ebenso speiselustig
und genäschig. Ihm also unter irgendeinem Vorwande ein schmackhaftes
Gericht auf die Tafel zu bringen, blieb ihre erste Sorge. Sein
Gewissen war nicht das zarteste, aber auch sein Mut, seine
Verwegenheit mußte in Anspruch genommen werden, wenn er in
bedenklichen Fällen den Widerstand seiner Kollegen überwinden und die
Stimme der Pflicht, die sie ihm entgegensetzten, übertäuben sollte.
Nun war gerade der Fall, daß sie einen Unwürdigen begünstigte; sie
hatte das möglichste getan, ihn einzuschieben; die Angelegenheit
hatte für sie eine günstige Wendung genommen, und nun kamen ihr die
Krebse, dergleichen man freilich selten gesehen, glücklicherweise
zustatten. Sie sollten sorgfältig gefüttert und nach und nach dem
hohen Gönner, der gewöhnlich ganz allein sehr kärglich speiste, auf
die Tafel gebracht werden.
übrigens gab der unglückliche Vorfall zu manchen Gesprächen und
geselligen Bewegungen Anlaß. Mein Vater war jener Zeit einer der
ersten, der seine Betrachtung, seine Sorge über die Familie, über die
Stadt hinaus zu erstrecken durch einen allgemeinen, wohlwollenden
Geist getrieben ward. Die großen Hindernisse, welche der Einimpfung
der Blattern anfangs entgegenstanden, zu beseitigen, war er mit
verständigen ärzten und Polizeiverwandten bemüht. Größere Sorgfalt
in den Hospitälern, menschlichere Behandlung der Gefangenen und was
sich hieran ferner schließen mag, machte das Geschäft wo nicht seines
Lebens, doch seines Lesens und Nachdenkens; wie er denn auch seine
überzeugung überall aussprach und dadurch manches Gute bewirkte.
Er sah die bürgerliche Gesellschaft, welcher Staatsform sie auch
untergeordnet wäre, als einen Naturzustand an, der sein Gutes und
sein Böses habe, seine gewöhnlichen Lebensläufe, abwechselnd reiche
und kümmerliche Jahre, nicht weniger zufällig und unregelmäßig
Hagelschlag, Wasserfluten und Brandschäden; das Gute sei zu ergreifen
und zu nutzen, das Böse abzuwenden oder zu ertragen; nichts aber,
meinte er, sei wünschenswerter als die Verbreitung des allgemeinen
guten Willens, unabhängig von jeder andern Bedingung.
In Gefolg einer solchen Gemütsart mußte er nun bestimmt werden, eine
schon früher angeregte wohltätige Angelegenheit wieder zur Sprache zu
bringen; es war die Wiederbelebung der für tot Gehaltenen, auf welche
Weise sich auch die äußern Zeichen des Lebens möchten verloren haben.
Bei solchen Gesprächen erhorchte ich mir nun, daß man bei jenen
Kindern das Umgekehrte versucht und angewendet, ja sie gewissermaßen
erst ermordet; ferner hielt man dafür, daß durch einen Aderlaß
vielleicht ihnen allen wäre zu helfen gewesen. In meinem
jugendlichen Eifer nahm ich mir daher im stillen vor, ich wollte keine
Gelegenheit versäumen, alles zu lernen, was in solchem Falle nötig
wäre, besonders das Aderlassen und was dergleichen Dinge mehr waren.
Allein wie bald nahm mich der gewöhnliche Tag mit sich fort. Das
Bedürfnis nach Freundschaft und Liebe war aufgeregt, überall schaut'
ich mich um, es zu befriedigen. Indessen ward Sinnlichkeit,
Einbildungskraft und Geist durch das Theater übermäßig beschäftigt;
wie weit ich hier geführt und verführt worden, darf ich nicht
wiederholen.
Wenn ich nun aber nach dieser umständlichen Erzählung zu bekennen
habe, daß ich noch immer nicht ans Ziel meiner Absicht gelangt sei
und daß ich nur durch einen Umweg dahin zu gelangen hoffen darf, was
soll ich da sagen! wie kann ich mich entschuldigen! Allenfalls hätte
ich folgendes vorzubringen: Wenn es dem Humoristen erlaubt ist, das
Hundertste ins Tausendste durcheinanderzuwerfen, wenn er kecklich
seinem Leser überläßt, das, was allenfalls daraus zu nehmen sei, in
halber Bedeutung endlich aufzufinden, sollte es dem Verständigen, dem
Vernünftigen nicht zustehen, auf eine seltsam scheinende Weise
ringsumher nach vielen Punkten hinzuwirken, damit man sie in einem
Brennpunkte zuletzt abgespielt und zusammengefaßt erkenne, einsehen
lerne, wie die verschiedensten Einwirkungen den Menschen umringend zu
einem Entschluß treiben, den er auf keine andere Weise, weder aus
innerm Trieb noch äußerm Anlaß, hätte ergreifen können? Bei dem
Mannigfaltigen, was mir noch zu sagen übrigbleibt, habe ich die Wahl,
was ich zuerst vornehmen will; aber auch dies ist gleichgültig, du
mußt dich eben in Geduld fassen, lesen und weiter lesen, zuletzt wird
denn doch auf einmal hervorspringen und dir ganz natürlich scheinen,
was mit einem Worte ausgesprochen dir höchst seltsam vorgekommen wäre,
und zwar auf einen Grad, daß du nachher diesen Einleitungen in Form
von Erklärungen kaum einen Augenblick hättest schenken mögen.
Um nun aber einigermaßen in die Richte zu kommen, will ich mich
wieder nach jenem Ruderpflock umsehen und eines Gesprächs gedenken,
das ich mit unserem geprüften Freunde Jarno, den ich unter dem Namen
Montan im Gebirge fand, zu ganz besonderer Erweckung eigner Gefühle
zufällig zu führen veranlaßt ward. Die Angelegenheiten unseres Lebens
haben einen geheimnisvollen Gang, der sich nicht berechnen läßt. Du
erinnerst dich gewiß jenes Bestecks, das euer tüchtiger Wundarzt
hervorzog, als du dich mir, wie ich verwundet im Walde hingestreckt
lag, hilfreich nähertest? Es leuchtete mir damals dergestalt in die
Augen und machte einen so tiefen Eindruck, daß ich ganz entzückt war,
als ich nach Jahren es in den Händen eines Jüngeren wiederfand.
Dieser legte keinen besondern Wert darauf; die Instrumente sämtlich
hatten sich in neuerer Zeit verbessert und waren zweckmäßiger
eingerichtet, und ich erlangte jenes um desto eher, als ihm die
Anschaffung eines neuen dadurch erleichtert wurde. Nun führte ich es
immer mit mir, freilich zu keinem Gebrauch, aber desto sicherer zu
tröstlicher Erinnerung: Es war Zeuge des Augenblicks, wo mein Glück
begann, zu dem ich erst durch großen Umweg gelangen sollte.
Zufällig sah es Jarno, als wir bei dem Köhler übernachteten, der es
alsobald erkannte und auf meine Erklärung erwiderte: "Ich habe nichts
dagegen, daß man sich einen solchen Fetisch aufstellt, zur Erinnerung
an manches unerwartete Gute, an bedeutende Folgen eines
gleichgültigen Umstandes; es hebt uns empor als etwas, das auf ein
Unbegreifliches deutet, erquickt uns in Verlegenheiten und ermutigt
unsere Hoffnungen; aber schöner wäre es, wenn du dich durch jene
Werkzeuge hättest anreizen lassen, auch ihren Gebrauch zu verstehen
und dasjenige zu leisten, was sie stumm von dir fordern."
"Laß mich bekennen", versetzte ich darauf, "daß mir dies hundertmal
eingefallen ist; es regte sich in mir eine innere Stimme, die mich
meinen eigentlichen Beruf hieran erkennen ließ." Ich erzählte ihm
hierauf die Geschichte der ertrunkenen Knaben, und wie ich damals
gehört, ihnen wäre zu helfen gewesen, wenn man ihnen zur Ader gelassen
hätte; ich nahm mir vor, es zu lernen, doch jede Stunde löschte den
Vorsatz aus.
"So ergreif ihn jetzt", versetzte jener, "ich sehe dich schon so
lange mit Angelegenheiten beschäftigt, die des Menschen Geist, Gemüt,
Herz, und wie man das alles nennt, betreffen und sich darauf beziehen;
allein was hast du dabei für dich und andere gewonnen? Seelenleiden,
in die wir durch Unglück oder eigne Fehler geraten, sie zu heilen
vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig, die Zeit viel,
entschlossene Tätigkeit hingegen alles. Hier wirke jeder mit und auf
sich selbst, das hast du an dir, hast es an andern erfahren."
Mit heftigen und bittern Worten, wie er gewohnt ist, setzte er mir
zu und sagte manches Harte, das ich nicht wiederholen mag. Es sei
nichts mehr der Mühe wert, schloß er endlich, zu lernen und zu
leisten, als dem Gesunden zu helfen, wenn er durch irgendeinen Zufall
verletzt sei: durch einsichtige Behandlung stelle sich die Natur
leicht wieder her; die Kranken müsse man den ärzten überlassen,
niemand aber bedürfe eines Wundarztes mehr als der Gesunde. In der
Stille des Landlebens, im engsten Kreis der Familie sei er ebenso
willkommen als in und nach dem Getümmel der Schlacht; in den süßesten
Augenblicken wie in den bittersten und gräßlichsten; überall walte
das böse Geschick grimmiger als der Tod, und ebenso rücksichtslos, ja
noch auf eine schmählichere, Lust und Leben verletzende Weise.
Du kennst ihn und denkst ohne Anstrengung, daß er mich so wenig als
die Welt schonte. Am stärksten aber lehnte er sich auf das Argument,
das er im Namen der großen Gesellschaft gegen mich wendete.
"Narrenpossen", sagte er, "sind eure allgemeine Bildung und alle
Anstalten dazu. Daß ein Mensch etwas ganz entschieden verstehe,
vorzüglich leiste, wie nicht leicht ein anderer in der nächsten
Umgebung, darauf kommt es an, und besonders in unserm Verbande
spricht es sich von selbst aus. Du bist gerade in einem Alter, wo man
sich mit Verstande etwas vorsetzt, mit Einsicht das Vorliegende
beurteilt, es von der rechten Seite angreift, seine Fähigkeiten und
Fertigkeiten auf den rechten Zweck hinlenkt."
Was soll ich nun weiter fortfahren auszusprechen, was sich von
selbst versteht! Er machte mir deutlich, daß ich Dispensation von
dem so wunderlich gebotenen unstäten Leben erhalten könne; es werde
jedoch schwer sein, es für mich zu erlangen. "Du bist von der
Menschenart", sprach er, "die sich leicht an einen Ort, nicht leicht
an eine Bestimmung gewöhnen. Allen solchen wird die unstäte
Lebensart vorgeschrieben, damit sie vielleicht zu einer sichern
Lebensweise gelangen. Willst du dich ernstlich dem göttlichsten aller
Geschäfte widmen, ohne Wunder zu heilen und ohne Worte Wunder zu tun,
so verwende ich mich für dich." So sprach er hastig und fügte hinzu,
was seine Beredsamkeit noch alles für gewaltige Gründe vorzubringen
wußte.
Hier nun bin ich geneigt zu enden, zunächst aber sollst du
umständlich erfahren, wie ich die Erlaubnis, an bestimmten Orten mich
länger aufhalten zu dürfen, benutzt habe, wie ich in das Geschäft,
wozu ich immer eine stille Neigung empfunden, mich gar bald zu fügen,
mich darin auszubilden wußte. Genug! bei dem großen Unternehmen, dem
ihr entgegengeht, werd' ich als ein nützliches, als ein nötiges Glied
der Gesellschaft erscheinen und euren Wegen, mit einer gewissen
Sicherheit, mich anschließen; mit einigem Stolze, denn es ist ein
löblicher Stolz, euer wert zu sein.