Die ganze Welt wirft mir seit langen Jahren vor, ich sei ein
launig-wunderliches Mädchen. Mag ich's doch sein, so bin ich's ohne
mein Verschulden. Die Leute mußten Geduld mit mir haben, und nun
brauche ich Geduld mit mir selber, mit meiner Einbildungskraft, die
mir Vater und Sohn, bald zusammen, bald wechselsweise, hin und wieder
vor die Augen führt. Ich komme mir vor wie eine unschuldige Alkmene,
die von zwei Wesen, die einander vorstellen, unablässig heimgesucht
wird.
Ich habe Ihnen viel zu sagen, und doch schreibe ich Ihnen, so
scheint es, nur, wenn ich ein Abenteuer zu erzählen habe; alles
übrige ist auch abenteuerlich zwar, aber kein Abenteuer. Nun also zu
dem heutigen:
Ich sitze unter den hohen Linden und mache soeben ein Brieftäschchen
fertig, ein sehr zierliches, ohne deutlichst zu wissen, wer es haben
soll, Vater oder Sohn, aber gewiß einer von beiden; da kommt ein
junger Tabulettkrämer mit Körbchen und Kästchen auf mich zu, er
legitimiert sich bescheiden durch einen Schein des Beamten, daß ihm
erlaubt sei, auf den Gütern zu hausieren; ich besehe seine Sächelchen
bis in die unendlichen Kleinigkeiten, deren niemand bedarf und die
jedermann kauft aus kindischem Trieb, zu besitzen und zu vergeuden.
Der Knabe scheint mich aufmerksam zu betrachten. Schöne schwarze,
etwas listige Augen, wohlgezeichnete Augenbraunen, reiche Locken,
blendende Zahnreihen, genug, Sie verstehen mich, etwas Orientalisches.
Er tut mancherlei Fragen, auf die Personen der Familie bezüglich,
denen er allenfalls etwas anbieten dürfte; durch allerlei Wendungen
weiß er es einzuleiten, daß ich mich ihm nenne. "Hersilie", spricht
er bescheiden, "wird Hersilie verzeihen, wenn ich eine Botschaft
ausrichte?" Ich sehe ihn verwundert an, er zieht das kleinste
Schiefertäfelchen hervor, in ein weißes Rähmchen gefaßt, wie man sie
im Gebirg für die kindischen Anfänge des Schreibens zubereitet; ich
nehm' es an, sehe es beschrieben und lese die mit scharfem Griffel
sauber eingegrabene Inschrift:
"Felix
liebt
Hersilien.
Der Stallmeister
kommt bald."
Ich bin betroffen, ich gerate in Verwunderung über das, was ich in
der Hand halte, mit Augen sehe, am meisten darüber, daß das Schicksal
sich fast noch wunderlicher beweisen will, als ich selbst bin.--"Was
soll das!" sag' ich zu mir, und der kleine Schalk ist mir
gegenwärtiger als je, ja es ist mir, als ob sein Bild sich mir in die
Augen hineinbohrte.
Nun fang' ich an zu fragen und erhalte wunderliche, unbefriedigende
Antworten; ich examiniere, und erfahre nichts; ich denke nach, und
kann die Gedanken nicht recht zusammenbringen. Zuletzt verknüpf ich
aus Reden und Widerreden so viel, daß der junge Krämer auch die
pädagogische Provinz durchzogen, das Vertrauen meines jungen Verehrers
erworben, welcher auf ein erhandeltes Täfelchen die Inschrift
geschrieben und ihm für ein Wörtchen Antwort die besten Geschenke
versprochen. Er reichte mir sodann ein gleiches Täfelchen, deren er
mehrere in seinem Warenbesteck vorwies, zugleich einen Griffel, wobei
er so freundlich drang und bat, daß ich beides annahm, dachte, wieder
dachte, nichts erdenken konnte und schrieb:
"Hersiliens
Gruß
an Felix.
Der Stallmeister
halte sich gut."
Ich betrachtete das Geschriebene und fühlte Verdruß über den
ungeschickten Ausdruck. Weder Zärtlichkeit, noch Geist, noch Witz,
bloße Verlegenheit, und warum? Vor einem Knaben stand ich, an einen
Knaben schrieb ich; sollte mich das aus der Fassung bringen? Ich
glaube gar, ich seufzte, und war eben im Begriff, das Geschriebene
wegzuwischen; aber jener nahm es mir so zierlich aus der Hand, bat
mich um irgendeine fürsorgliche Einhüllung, und so geschah's, daß ich,
weiß ich doch nicht, wie's geschah, das Täfelchen in das
Brieftäschchen steckte, das Band darumschlang und zugeheftet dem
Knaben hinreichte, der es mit Anmut ergriff, sich tief verneigend
einen Augenblick zauderte, daß ich eben noch Zeit hatte, ihm mein
Beutelchen in die Hand zu drücken, und mich schalt, ihm nicht genug
gegeben zu haben. Er entfernte sich schicklich eilend und war, als
ich ihm nachblickte, schon verschwunden, ich begriff nicht recht wie.
Nun ist es vorüber, ich bin schon wieder auf dem gewöhnlichen,
flachen Tagesboden und glaube kaum an die Erscheinung. Halte ich
nicht das Täfelchen in der Hand? Es ist gar zierlich, die Schrift
gar schön und sorgfältig gezogen; ich glaube, ich hätte es geküßt,
wenn ich die Schrift auszulöschen nicht fürchtete.
Ich habe mir Zeit genommen, nachdem ich Vorstehendes geschrieben;
was ich aber auch darüber denke, will immer nicht fördern.
Allerdings etwas Geheimnisvolles war in der Figur; dergleichen sind
jetzt im Roman nicht zu entbehren, sollten sie uns denn auch im Leben
begegnen? Angenehm, doch verdächtig, fremdartig, doch Vertrauen
erregend; warum schied er auch vor aufgelöster Verwirrung? warum
hatt' ich nicht Gegenwart des Geistes genug, um ihn schicklicherweise
festzuhalten?
Nach einer Pause nehm' ich die Feder abermals zur Hand, meine
Bekenntnisse fortzusetzen. Die entschiedene, fortdauernde Neigung
eines zum Jüngling heranreifenden Knaben wollte mir schmeicheln; da
aber fiel mir ein, daß es nichts Seltenes sei, in diesem Alter nach
älteren Frauen sich umzusehen. Fürwahr, es gibt eine geheimnisvolle
Neigung jüngerer Männer zu älteren Frauen. Sonst, da es mich nicht
selbst betraf, lachte ich darüber und wollte boshafterweise gefunden
haben: es sei eine Erinnerung an die Ammen--und Säuglingszärtlichkeit,
von der sie sich kaum losgerissen haben. Jetzt ärgert's mich, mir
die Sache so zu denken; ich erniedrige den guten Felix zur Kindheit
herab, und mich sehe ich doch auch nicht in einer vorteilhaften
Stellung. Ach welch ein Unterschied ist es, ob man sich oder die
andern beurteilt.