Hersilie an Wilhelm

Die ganze Welt wirft mir seit langen Jahren vor, ich sei ein

launig-wunderliches Mädchen. Mag ich's doch sein, so bin ich's ohne

mein Verschulden. Die Leute mußten Geduld mit mir haben, und nun

brauche ich Geduld mit mir selber, mit meiner Einbildungskraft, die

mir Vater und Sohn, bald zusammen, bald wechselsweise, hin und wieder

vor die Augen führt. Ich komme mir vor wie eine unschuldige Alkmene,

die von zwei Wesen, die einander vorstellen, unablässig heimgesucht

wird.

Ich habe Ihnen viel zu sagen, und doch schreibe ich Ihnen, so

scheint es, nur, wenn ich ein Abenteuer zu erzählen habe; alles

übrige ist auch abenteuerlich zwar, aber kein Abenteuer. Nun also zu

dem heutigen:

Ich sitze unter den hohen Linden und mache soeben ein Brieftäschchen

fertig, ein sehr zierliches, ohne deutlichst zu wissen, wer es haben

soll, Vater oder Sohn, aber gewiß einer von beiden; da kommt ein

junger Tabulettkrämer mit Körbchen und Kästchen auf mich zu, er

legitimiert sich bescheiden durch einen Schein des Beamten, daß ihm

erlaubt sei, auf den Gütern zu hausieren; ich besehe seine Sächelchen

bis in die unendlichen Kleinigkeiten, deren niemand bedarf und die

jedermann kauft aus kindischem Trieb, zu besitzen und zu vergeuden.

Der Knabe scheint mich aufmerksam zu betrachten. Schöne schwarze,

etwas listige Augen, wohlgezeichnete Augenbraunen, reiche Locken,

blendende Zahnreihen, genug, Sie verstehen mich, etwas Orientalisches.

Er tut mancherlei Fragen, auf die Personen der Familie bezüglich,

denen er allenfalls etwas anbieten dürfte; durch allerlei Wendungen

weiß er es einzuleiten, daß ich mich ihm nenne. "Hersilie", spricht

er bescheiden, "wird Hersilie verzeihen, wenn ich eine Botschaft

ausrichte?" Ich sehe ihn verwundert an, er zieht das kleinste

Schiefertäfelchen hervor, in ein weißes Rähmchen gefaßt, wie man sie

im Gebirg für die kindischen Anfänge des Schreibens zubereitet; ich

nehm' es an, sehe es beschrieben und lese die mit scharfem Griffel

sauber eingegrabene Inschrift:

"Felix

liebt

Hersilien.

Der Stallmeister

kommt bald."

Ich bin betroffen, ich gerate in Verwunderung über das, was ich in

der Hand halte, mit Augen sehe, am meisten darüber, daß das Schicksal

sich fast noch wunderlicher beweisen will, als ich selbst bin.--"Was

soll das!" sag' ich zu mir, und der kleine Schalk ist mir

gegenwärtiger als je, ja es ist mir, als ob sein Bild sich mir in die

Augen hineinbohrte.

Nun fang' ich an zu fragen und erhalte wunderliche, unbefriedigende

Antworten; ich examiniere, und erfahre nichts; ich denke nach, und

kann die Gedanken nicht recht zusammenbringen. Zuletzt verknüpf ich

aus Reden und Widerreden so viel, daß der junge Krämer auch die

pädagogische Provinz durchzogen, das Vertrauen meines jungen Verehrers

erworben, welcher auf ein erhandeltes Täfelchen die Inschrift

geschrieben und ihm für ein Wörtchen Antwort die besten Geschenke

versprochen. Er reichte mir sodann ein gleiches Täfelchen, deren er

mehrere in seinem Warenbesteck vorwies, zugleich einen Griffel, wobei

er so freundlich drang und bat, daß ich beides annahm, dachte, wieder

dachte, nichts erdenken konnte und schrieb:

"Hersiliens

Gruß

an Felix.

Der Stallmeister

halte sich gut."

Ich betrachtete das Geschriebene und fühlte Verdruß über den

ungeschickten Ausdruck. Weder Zärtlichkeit, noch Geist, noch Witz,

bloße Verlegenheit, und warum? Vor einem Knaben stand ich, an einen

Knaben schrieb ich; sollte mich das aus der Fassung bringen? Ich

glaube gar, ich seufzte, und war eben im Begriff, das Geschriebene

wegzuwischen; aber jener nahm es mir so zierlich aus der Hand, bat

mich um irgendeine fürsorgliche Einhüllung, und so geschah's, daß ich,

weiß ich doch nicht, wie's geschah, das Täfelchen in das

Brieftäschchen steckte, das Band darumschlang und zugeheftet dem

Knaben hinreichte, der es mit Anmut ergriff, sich tief verneigend

einen Augenblick zauderte, daß ich eben noch Zeit hatte, ihm mein

Beutelchen in die Hand zu drücken, und mich schalt, ihm nicht genug

gegeben zu haben. Er entfernte sich schicklich eilend und war, als

ich ihm nachblickte, schon verschwunden, ich begriff nicht recht wie.

Nun ist es vorüber, ich bin schon wieder auf dem gewöhnlichen,

flachen Tagesboden und glaube kaum an die Erscheinung. Halte ich

nicht das Täfelchen in der Hand? Es ist gar zierlich, die Schrift

gar schön und sorgfältig gezogen; ich glaube, ich hätte es geküßt,

wenn ich die Schrift auszulöschen nicht fürchtete.

Ich habe mir Zeit genommen, nachdem ich Vorstehendes geschrieben;

was ich aber auch darüber denke, will immer nicht fördern.

Allerdings etwas Geheimnisvolles war in der Figur; dergleichen sind

jetzt im Roman nicht zu entbehren, sollten sie uns denn auch im Leben

begegnen? Angenehm, doch verdächtig, fremdartig, doch Vertrauen

erregend; warum schied er auch vor aufgelöster Verwirrung? warum

hatt' ich nicht Gegenwart des Geistes genug, um ihn schicklicherweise

festzuhalten?

Nach einer Pause nehm' ich die Feder abermals zur Hand, meine

Bekenntnisse fortzusetzen. Die entschiedene, fortdauernde Neigung

eines zum Jüngling heranreifenden Knaben wollte mir schmeicheln; da

aber fiel mir ein, daß es nichts Seltenes sei, in diesem Alter nach

älteren Frauen sich umzusehen. Fürwahr, es gibt eine geheimnisvolle

Neigung jüngerer Männer zu älteren Frauen. Sonst, da es mich nicht

selbst betraf, lachte ich darüber und wollte boshafterweise gefunden

haben: es sei eine Erinnerung an die Ammen--und Säuglingszärtlichkeit,

von der sie sich kaum losgerissen haben. Jetzt ärgert's mich, mir

die Sache so zu denken; ich erniedrige den guten Felix zur Kindheit

herab, und mich sehe ich doch auch nicht in einer vorteilhaften

Stellung. Ach welch ein Unterschied ist es, ob man sich oder die

andern beurteilt.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 2 · 第 14 / 20 题