I. Einige Reformvorschläge

Im Laufe der letzten 25 Jahre sind die ärgsten Ungerechtigkeiten unseres

Ehegesetzes richtig gestellt worden, und im Vergleich zu ihnen

erscheinen die noch bleibenden Übelstände verhältnismäßig gering. Es ist

in der heutigen Zeit der fortgeschrittenen Frauen kaum zu glauben, daß

sich vor einigen Jahren ein Mann noch das Besitztum des Weibes aneignen

und es nach Belieben ausgeben konnte oder, was noch ungeheuerlicher ist,

einen Fremden als einzigen Vormund seiner Kinder nach seinem Tode

bestellen durfte, ohne auf die natürlichen Rechte der Mutter auch nur zu

achten.

Die schwerste noch bestehende Ungerechtigkeit ist, daß die Erleichterung

durch die Scheidung den Männern zugänglicher ist als den Frauen. Dieses

Gesetz wurde von den Männern zu ihren eigenen Gunsten abgefaßt, aber

seine Existenz ist ein Schandfleck auf der Ehre der englischen Justiz

und der englischen Sittlichkeit, ebenso wie der Umstand, daß die Untreue

eines Gatten so leicht genommen wird. Wir wollen hoffen, daß die Zeit

nicht mehr fern ist, wo die Scheidungsbedingungen für beide Parteien

genau dieselben sein werden.

Es wird heutzutage fast allgemein die Ansicht gehegt, daß die Lösung der

Ehe nur erreicht werden soll, wenn einer der beiden Teile ein

ausgesprochener Trunkenbold, mondsüchtig oder ein zu langer Kerkerstrafe

Verurteilter ist. Wie erniedrigend ist es für die besten Instinkte

unseres Geschlechtes, daß die Frau eine Ungültigkeitserklärung der Ehe

dadurch erhalten kann, daß sie eine gewisse physische Unfähigkeit des

Mannes beweist, die in keiner Weise ihr Glück, ihre Gesundheit oder ihre

Selbstachtung beeinträchtigt, aber auch nicht einmal die teilweise

Erleichterung der Trennung erreichen kann, wenn ihr Mann ein

Trunkenbold, ein Ehebrecher oder ein Verbrecher ist, solange sie nicht

noch dazu seine Grausamkeit oder sein böswilliges Verlassen beweisen

kann! Es ist ferner eine Ungerechtigkeit, daß die Scheidung so

kostspielig ist, daß nur reiche Leute oder die ganz armen (durch

Beibringung eines Armutszeugnisses) sich sie gestatten können.

Vielleicht die nötigste aller Reformen ist, daß die Ehe der geistig und

physisch Ungeeigneten gesetzlich verhindert werde, oder vielmehr, daß

sie verhindert werden, Kinder zu haben, was ja die Hauptsache ist. Es

wäre ganz gut durchführbar, die Kinderlosigkeit der Ungeeigneten zu

sichern, obgleich ein Gesetz hierüber die taktvollste Handhabung

erfordern würde, und man sich kaum ein Parlament von Männern denken

kann, das es mit irgendeinem Erfolg durcharbeiten könnte. Vielleicht

wird das Gesetz dann durchgehen, wenn wir die »ideale Regierung« haben,

in der beide Geschlechter und alle Klassen vertreten sein werden. Ein

von einem in Staatsdiensten stehenden Arzt unterzeichnetes Zertifikat

sollte jedenfalls obligatorisch sein, bevor eine Heirat bestätigt wird.

Wenn der Krebs, die Tuberkulose, der Wahnsinn und alle mit dem

Alkoholismus und dem ausschweifenden Leben verbundenen Übel jede Familie

im Land infiziert haben werden, dann werden unsere weitsichtigen

Gesetzgeber die Notwendigkeit einer derartigen Einschränkung einzusehen

beginnen. Gegenwärtig wird die Freiheit des Individuums als ein für die

Rasse zu schwer wiegender Wert bewahrt.

Eine andere äußerst nötige Reform ist, daß die unehelich geborenen

Kinder durch die nachträgliche Heirat der Eltern, so wie in vielen

anderen Ländern, legitimiert werden sollen. Das würde niemandem schaden,

könnte auch nicht das Laster ermutigen und würde sehr viel bitteres

Unrecht gut machen. Die gegenwärtige Regelung ist äußerst unvernünftig.

England ist beinahe das einzige europäische Land, wo es nicht angestrebt

wird, den Töchtern eine Mitgift zu geben, außer in den wohlhabenden

Klassen. Ganz bemittelte Engländer halten es für unnötig, ihren Töchtern

zu Lebzeiten irgend etwas zu geben, obgleich sie geneigt sind, sich

ernste Einschränkungen aufzuerlegen, um ihre Söhne im Leben gut zu

stellen. Die englischen Väter geben alles ihren Söhnen, in vielen

Ländern des Kontinents kommen die Töchter dem Rechte nach zuerst und in

allen Klassen, den reichen und den armen, trachten die Eltern auf

irgendeine Weise für eine Mitgift zu sorgen, indem sie vom Tage der

Geburt des Kindes an zu sparen beginnen.

Ich bin überzeugt, daß ein ungeheuerer Anstoß zur Ehe gegeben würde,

wenn die Mitgift für die Töchter in England üblich würde und viele

Mißhelligkeiten zwischen Mann und Frau könnten vermieden werden, wenn

die Frau eigene, wenn auch noch so geringe Mittel hätte. Es ist gewiß

äußerst demütigend und unangenehm für eine bessere Frau, von ihrem Mann

wegen jeder Omnibusfahrt und jedes Päckchens Haarnadeln abzuhängen.

Die Engländer sind jedoch darnach, sich mit ihren Fehlern zu brüsten und

überdies so heillos sentimental, daß sie sich's als Ehre anrechnen, in

dieser Hinsicht eine Ausnahme von allen Ländern zu bilden, und noch

damit prahlen, daß bei ihnen die Ehen nur aus Liebe geschlossen werden.

Demselben unsinnigen und unfürsorglichen Geist entspringt die übliche

Abneigung, den Töchtern etwas zu vermachen. Nur bei einem sehr reichen

Mann erwartet man das, während es doch nur gerecht ist, daß jeder Mann

seiner Frau etwas vermacht, wenn auch nur die Einrichtung oder die

Versicherungspolice.

Ein Kapitel über die Ehereformen wäre nicht vollständig ohne Hinweis auf

unsere barbarische kirchliche Ehezeremonie. Nützt es noch etwas, darüber

Klage zu führen? Seit ich lesen kann, lese ich Angriffe darauf. Es ist

klar, daß niemand ein Wort zu ihrer Verteidigung hat, nicht einmal die

Priester, und doch bleibt sie genau so, wie sie zu Zeiten James I.

vorgeschrieben wurde. Wenn je eine von den Männern verfaßte religiöse

Formel einer Revision bedurfte, um mit den Gedanken der Zeit gleichen

Schritt zu halten, so ist es diese. Wie kann die Kirche erwarten, daß

wir die Ehe als ein Sakrament betrachten, wenn ihre Bedingungen in so

roher Sprache und von einem so falschen Gesichtspunkte aus bezeichnet

werden. Ist es nicht falsch, jene Personen zu verherrlichen, die die

»Gabe der Enthaltsamkeit« haben, eine »Gabe«, die bald zum Aussterben

des Menschengeschlechtes führen würde, wenn sie der Majorität eigen

wäre? Diese spezielle Formel ist für eine reine, unschuldige Braut eine

schmähliche Beleidigung und ganz unnütz. Wenn schon keine andere

Verbesserung angebracht wird, so könnte diese einleitende Erklärung der

»Gründe für die Einrichtung der Ehe« wohl ausgelassen werden, wenn auch

nur der Tatsache halber, daß der Hauptzweck der Ehe, nämlich

»gegenseitig Hilfe und Trost zu sein« in ihr an letzter Stelle

erscheint. Die Kirche Englands kann von den Quäkern oder der

»Neu-Jerusalemer Kirche«, einer auf den Schriften des großen Mystikers

Emanuel Svedenborg gegründeten religiösen Gemeinschaft, lernen. Bei dem

»Freundschaftsbund« ist das Verfahren äußerst einfach. Nachdem eine Zeit

in stillem Gebet verbracht wird, erheben sich die Parteien und sagen

einer nach dem andern feierlich, indem sie sich bei der Hand halten:

»Freunde, ich nehme diese meine Freundin A. B. zum Weibe und verspreche,

mit göttlichem Beistand ihr ein liebender und treuer Gatte zu sein, bis

es dem Herrn gefallen wird, uns durch den Tod zu trennen.« Die Formel

der »neuen Kirche« ist länger, aber ebenso schön und einwandfrei.

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll · 第 41 / 45 题