Und Männer und Frauen geh'n Hand in Hand
Bis die Fluten des Meeres vertrocknen zu Sand.
Und eins ums andre siegt oder fällt --
Denn der Kampf der Liebe währt endlos fort
Und der Liebe Wort ist des Lebens Wort.
Und wer nimmer das Wort einem andern bot,
Ob er scheinbar auch lebt, ist verdammt und tot.
_W. E. Henley._
Das ist die Tragödie, von deren Existenz wenige Männer wissen, und die
gewiß kein Mann in dieser von Frauen so überfüllten Insel je erfahren
haben mag. Die Männer verhöhnen die nach der Verheiratung strebenden
Frauen immer und spotten ebenso sehr über die alte Jungfer, die sie
verpaßt hat. Der Himmel allein weiß warum, da der Ehestand durch die
Gesetze und Traditionen der Männer dazu gemacht worden ist, alles einer
Frau Begehrenswerte zu verkörpern und der ledige Stand gerade zum
Gegenteil. »Die Leute halten die Frauen, die nicht heiraten wollen, für
unweiblich, die Leute halten die Frauen, die nicht heiraten wollen, für
überspannt, und sie verknüpfen beide Meinungen dahin, es für unwürdig zu
halten, wenn die Frauen den Ehestand nicht als die Hoffnung und den
Zweck ihres Lebens ersehnen, und ein weibliches Wesen ihrer
Bekanntschaft, das sie einer solchen Sehnsucht für fähig halten,
lächerlich und verächtlich zu finden. Die Frauen sollen keine Ermutigung
gewähren, aber sie auch gewiß nicht versagen, und so geht es weiter, und
jede Vorschrift hebt die vorige auf, und die meisten sind negativ«
(Augusta Webster).
Bernard Shaw und George Moore haben im Druck behauptet, daß die Frauen
sich häufig um die Männer bewerben, und einige Männer haben mir
Einzelheiten über die Bewerbungen, welche ihnen seitens des schönen
Geschlechtes zukamen, mitgeteilt. Ich glaube, es ist einer der
Grundsätze der radikalen Frauen, daß das Geschlecht, welches das Kind
trägt, ein Recht darauf hat, den Gatten zu wählen; obgleich dies sich
unangenehm umstürzlerisch anhört, scheint es doch außerordentlich
vernünftig. Daß das Recht, einen Gefährten zu wählen, jedem jugendlichen
Wesen eingeräumt werden sollte, wird möglicherweise in der Zukunft
anerkannt werden, wenn die Frauenfrage ein für allemal erledigt sein
wird.
In jenen fernen Tagen wird es, das wollen wir hoffen, keine Tragödie der
Unbegehrten mehr geben. Es scheint fast unzart, diese Bezeichnung auf
jene Scharen lediger Frauen Englands anzuwenden, die zum großen Teil Amt
und Würden bekleiden, treffliche Frauen sind und unter denen sich
Steuerzahlerinnen, Familienvorsteherinnen, Philantropinnen befinden, die
in Kirchsprengeln unter den Armen, in Spitälern, Schulen, Asylen,
Ämtern, Ateliers arbeiten, in öffentlichen Körperschaften, in den
Redaktionsstuben gewöhnlich gut und hilfreich sind, oft klug und
reizend, gelegentlich vielleicht ein wenig eng, aber im großen ganzen
die besten Traditionen ihres Geschlechts aufrecht erhalten und es
natürlich _nie_ zugeben, daß sie gerne geheiratet hätten. Jedoch müssen
sie alle im tiefsten Herzen das Traurige ihrer Unbefriedigtheit
empfinden und sich, so gut sie können, mit anderen Interessen trösten.
Diejenigen, welche absorbierende Beschäftigungen haben, sollten dankbar
sein, denn die Frau, welche alles daran setzt, um einen Gatten zu
finden, und dieses Ziel nicht erreicht, wird gewöhnlich reizbar, bitter,
enttäuscht und in jeder Hinsicht unnütz. Aber die Frauen, deren Herz
weit genug ist, um andere Ideale zu fassen als das eheliche, finden
andere Arbeit zu leisten und leisten sie tüchtig und hingebungsvoll.
Liebevolle und warmherzige Frauen braucht man immer. Die Ehe ist im
Leben einer solchen Frau nicht die Hauptsache, obzwar sie es für die
höchste Entwicklung ihres persönlichen Glückes sein mag.
Und die große Zahl von Frauen, die zu heiraten Gelegenheit hatte, kann
sich damit trösten, daß sie eines Ideals wegen oder aus welchem Grunde
immer den ledigen Stand gewählt hat. Noch größer ist die Zahl jener, die
das Temperament zum Ledigbleiben besitzen und von denen Bernard Shaw
schreibt: »Steril, die _Lebenskraft_ geht an ihnen vorbei.« Das
beeinträchtigt sie selten. Sie haben eine Menge kleiner Vergnügungen und
Interessen, welche ihnen genügen. Keinerlei Herzensstürme, keine Pein
unterdrückter Mutterschaft kräuselt den glatten Spiegel ihres
Lebensmeeres. Keine von all diesen wird von der wirklichen Tragödie der
Unbegehrten berührt. Diese harrt mit all ihrer Bitternis jener, die zu
dem Typus der »+grande amoureuse+« gehören, die gewöhnlich aus Mangel an
Gelegenheit, manchmal aus Mangel an Anziehungskraft davon abgehalten
wurden, das tiefste Bedürfnis ihrer Natur zu befriedigen.
Ich traf einst in einem Hotel an der Riviera ein ältliches Fräulein, das
immer unglaublich verstimmt war. Wie herrlich auch die Sonne scheinen
mochte, wie schön die Welt in jenem schönsten Erdenwinkel erschien,
nichts hatte die Macht, sie aufzuheitern. Ich versuchte einmal, sie zur
Teilnahme an einem Ausflug zu bewegen, der eine Gesellschaft in ein von
Hügeln umgebenes benachbartes Dorf bringen sollte. Sie lehnte ab. Ein
anderes Mal lud ich sie ein, mich in die Spielsäle nach Monte Carlo zu
begleiten, aber sie lehnte wieder ab. Nachdem mehrere wohlgemeinte
Bemühungen meinerseits, sie aufzuheitern, zu demselben Resultat geführt
hatten, sagte mir die arme Seele mit zögernden Worten, daß sie heitere
Orte und angeregte Gesellschaften meide. »Sie machen mich immer
unzufrieden und erinnern mich an das, was ich hätte haben können. Sie
rufen in mir, wie soll ich es nennen, die Tragödie des 'Es hätte sein
sollen' wach.« Ich verstand, was sie meinte, und es wurde zu meiner
Erleichterung kein weiteres Wort über dieses Thema gewechselt, denn
vertrauliche Mitteilungen dieser Art sind immer für beide Teile sehr
peinlich. Meine Leser werden wahrscheinlich diese arme Dame als
krankhaft eigennützig und unausgeglichen verachten. Vielleicht haben sie
recht. Aber die Trauer eines leeren Herzens, eines einsamen Lebens war
die Ursache ihres verkümmerten Wesens. Zum Glück ist ihr Fall ein
extremer. Die meisten alten Jungfern, glaube ich, können sich daran
freuen, junge Mädchen glücklich zu sehen und interessieren sich
gewöhnlich intensiv für die Liebesaffären der anderen. Da fällt mir eine
schöne Stelle von Fiona Macleod ein, die sagt, daß »das in der Seele
eines andern heimlich Geschaute das Leben verklärt«. Es wird genügen, um
so manche alte Jungfer glücklich zu machen: die Erinnerung an irgend
eine Liebe und Zärtlichkeit, an irgend einen Roman, um das Leben zu
versüßen; die Frauen brauchen das.
Um ein anderes Beispiel zu geben. Eine Frau fragte mich einst, warum die
Männer sich verlieben. »Ich bin begierig, ob Sie mir sagen können, was
an den Frauen ist, die die Männer dazu veranlassen, sich um sie zu
bewerben. Ich habe eine Menge unschöner verheirateter, und eine Menge
armer Frauen gekannt und eine Menge ganz entsetzlicher, ohne eine
einzige Eigenschaft, die einen Mann glücklich machen kann. Und doch
müssen sie irgend etwas anziehendes gehabt haben, irgend etwas, um
derentwillen die Männer sich um sie bewarben«.
Dann fuhr sie fort, mir in eindringlichsten Worten zu sagen, wie sehr
sie sich darnach sehne, ein eigenes Heim zu haben und einen lieben,
netten Mann, der sie betreue, und daß doch noch nie ein Mann sich um sie
beworben hatte. Kein Mann hatte sie je begehrt oder sie mit
Liebesblicken angesehen. Sie hat nie die leidenschaftliche Umarmung
eines Mannes oder den verzückten Kuß eines Liebhabers kennen gelernt.
Das kam mir sehr sonderbar vor. Sonderbar schmerzlich und demütigend.
Ich konnte sie kaum ansehen, während sie mir all das erzählte.
»Ich würde einen Mann so glücklich machen,« sagte sie, und ihre
traurigen dunklen Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sogar schöne
Augen, und war eine ganz hübsche Frau von anmutigem sanftem Wesen. »Ich
würde so gut gegen ihn sein, ich würde einfach nur für ihn leben. Ich
versuche es mir aus dem Kopf zu schlagen, aber da ich älter werde und es
immer aussichtsloser ist, denke ich immer mehr daran, und manchmal fühle
ich, daß ich über all dem Elend verrückt werde. Die Zukunft ist so
schrecklich grau für mich. Alles ist so ungerecht. Ich bin für die Liebe
so geschaffen, und mein Leben fließt dahin und ich habe nichts gehabt,
_nichts_.«
Sie weinte bitterlich und ich weinte auch, aus Mitleid mit ihr.
Merkwürdigerweise war diese Frau nicht nur anziehend, wie ich schon
erwähnte, und bestrebt zu gefallen und durchaus weiblich, sondern sie
hatte auch genug Gelegenheit gehabt, Männer zu treffen. Ich vermute,
es fehlte ihr das, was die schottische Bäuerin das »in die Augen
springende« nennt, jenen unbestimmten Geschlechtsmagnetismus, der jenen
unschönen, armen, entsetzlichen Frauen, von denen sie sprach, eigen
war. Oder es fehlte ihr der Wille zum Leben, und daher kam kein
Lebensgefährte zu ihr.
Es gibt tausende von Frauen, welche dasselbe fühlen, obgleich sie
zumeist verschmähen, es einzugestehen. Wir hören eine Menge über das
Recht des Mannes, zu leben. Was ist es denn mit dem Recht der Frau, zu
lieben? Die Frauen sind so geartet, daß das Bedürfnis, zu lieben und
geliebt zu werden, das stärkste Element ihres Wesens und der Kern ihres
Seins ist. Überall im ganzen Land gibt es einsame Frauen in allen
Klassen, müßige und arbeitende, hübsche und unhübsche, gute und
schlechte, die nach Liebe dürsten, nach einem Mann, der sie betreut,
nach dem Recht des Weibtums und dem dreimal gesegneten Recht der
Mutterschaft. In den Zeitungen erschallt unaufhörlich das abgedroschene
Geschwätz der Männer: »Die Frauen sollten sich nicht in die Politik
mischen, die Frauen sollten dies oder das tun, sie sollen sich um ihr
Haus und ihre Kinder kümmern.« Aber die ruhelosen Frauen, die diese
Dinge tun, haben gewöhnlich kein Haus und keine Kinder, um die sie sich
kümmern können. Was nützt es, ihnen die Heiligkeit der Mutterschaft zu
predigen, wenn ihr sie nicht Mutter werden laßt, wozu von den Pflichten
des Weibtums schwatzen, wenn ihr sie nicht zu Frauen begehrt.
Es ist eine wohlbekannte physiologische Tatsache, daß eine große Anzahl
von Frauen in den mittleren Jahren wahnsinnig werden, bei denen das
nicht geschehen wäre, wenn sie die gewöhnlichen Pflichten, Freuden und
Beschäftigungen der Ehe gehabt hätten, wenn ihre Weibnatur nicht durch
ein unnatürliches Cölibat ausgehungert worden wäre. Ich kann hier nicht
darauf eingehen, aber ich empfehle es der Aufmerksamkeit meiner
nachdenklicheren Leser und jener, die sich mit der Verbesserung der
sozialen Mißstände in unserem ruhmreichen, zivilisierten zwanzigsten
Jahrhundert beschäftigen.
Am schlimmsten von allen ist die Lage der Frauen, die sich nicht bloß
nach der Ehe und einem lieben Mann sehnen, sondern vielmehr nach der
Mutterschaft, jener bittersüßen Krone des Geschlechts, welche die im
Cölibat lebenden Priester unaufhörlich als das höchste Gut und die erste
Pflicht der Frauen preisen, von welcher aber tausende von Frauen in
diesem Lande ausgeschlossen sind. Es muß gewiß keine Bitterkeit so
quälend sein als die Bitterkeit der Frauen, die sich nach der
Mutterschaft sehnen, in deren Ohr die _Lebenskraft_ unaufhörlich rauscht
und in deren Herz die erträumten Kinder sich regen und unaufhörlich
rufen: »Schenke uns Leben, Schenke uns Leben!« ein Ruf, der Jahr um Jahr
quälender wird, da jedes Jahr die göttliche Möglichkeit unerfüllt
bleibt.
Ich denke oft daran, wie alles zusammenwirkt, eine edle heißblütige,
mütterlich veranlagte Frau zu quälen, deren Natur so darben muß. Sie muß
natürlich jede derartige Regung unterdrücken, den Kopf hoch tragen und
mit Lächeln die überlegenen Mienen der Mädchen erdulden, die viel jünger
sind als sie und zufällig den goldenen Zauberring tragen, der im Leben
der Frau alles ändert; sie muß gewöhnlich behaupten, daß sie nicht
heiraten will und nie wollte und es hätte können, wenn sie gewollt
hätte; sie muß über diese Zeilen lachen, wenn sie sie zufällig lesen
sollte und die Verfasserin eine krankhafte Idiotin nennen -- kurz und
gut, sie muß eine Rolle spielen einer Welt gegenüber, die es äußerst
humorvoll findet, daß eine Frau um das Geburtsrecht ihres Geschlechts
betrogen wird. Jede Zeitung und jedes Buch, das sie heutzutage zur Hand
nimmt, enthält irgend etwas zur Verherrlichung des Weibtums und der
Mutterschaft. Die Musik, die Bilder, die Novellen, die Theaterstücke --
alles spricht ihr von dem befriedigten und siegreichen Geschlechtstrieb
und nichts von dem ausgehungerten und unterdrückten. Dasselbe Prinzip
ist überall in der Natur, der Himmel, die Blumen, der See, die grünen
Bäume, das Prasseln des Sommerregens, alles Schöne, alle Töne in der
Natur sind von derselben Bedeutung für sie und enthalten denselben
scharfen Stachel, dieselbe drückende Last; wenn sie zur Krankhaftigkeit
neigt, dann reißt jedes Kindergesicht, das sie auf der Straße sieht, die
Wunde in ihrem Herzen auf. Das Geplapper eines jeden süßen Kindchens ist
eine Qual für sie. »Mir nicht, mir nicht«, muß der ewige Kehrreim in
ihrem Gemüt sein. Ihre Arme sind leer, ihr Herz ist kalt, sie gehört zu
dem großen traurigen Heer der Unbegehrten.
_Wundert man sich da noch, daß die Irrenhäuser voll lediger Frauen
sind?_
Notiz. Eine gescheite und entzückende Freundin von mir, eine alte
Jungfer aus eigener Wahl, macht Einwendungen gegen meine Ansicht über
den ledigen Stand. Es würde mich sehr betrüben, wenn irgendwelche meiner
Worte anderen Frauen Kummer verursachen sollten. Ich sagte schon früher,
daß einige der besten Frauen ledig sind, was für jemanden, der an die
Ehe so glaubt wie ich, traurig ist. Zwei der gütigsten und edelsten
Frauen, die ich kenne, sind unverheiratet. Die eine von ihnen scheint
absolut ohne irgend einen Gedanken an sich zu leben, hat ihr ganzes
Leben tüchtig für andere gearbeitet, ihre geistigen und körperlichen
Kräfte bis zur äußersten Grenze und die Schätze ihres edlen Herzens
freigebig und grenzenlos hergegeben. Ich bitte meine Leser, zu beachten,
daß ich einen Unterschied zwischen jenen ledigen Frauen zu machen
trachte, die nicht heiraten wollen und jenen, die es wollen, zwischen
den reichen Mädchen, die über alle Annehmlichkeiten des Lebens verfügen
können, und den armen, die in die Tretmühle harter unaufhörlicher und
unangemessener Arbeit eingespannt sind. Einen noch größeren Unterschied
wünsche ich zu machen zwischen den gelassenen und zufriedenen Frauen,
die sich den Verhältnissen anpassen und ein ruhiges glückliches
Schicksal in irgendeiner Lebenslage finden -- und den weniger
ausgeglichenen, leidenschaftlichen Naturen mit tieferem Begehren und
zwingendem Liebesbedürfnis. Dieses unterdrückte, verdrängte und
niedergekämpfte Liebesbedürfnis erweckt mein tiefes Mitleid, von dem
meine Freundin behauptet, daß es verschwendet und nicht am Platze ist.
Darüber müssen meine Leser urteilen.