»Es ist Sache der Frau, sich sobald als möglich zu verheiraten, und
die des Mannes, so lange er kann, unverheiratet zu bleiben.«
_G. Bernard Shaw._
»Die Ehe bringt der Frau solche Vorteile, eröffnet ihr so viele
Lebensmöglichkeiten und stellt ihr so viel größere Freiheit und
nützliche Betätigung in Aussicht, daß, einerlei, ob sie glücklich
oder unglücklich verheiratet ist, sie durch sie nur gewinnen kann.«
_R. L. Stevenson._
»Warum die Frauen nicht heiraten? Aber sie heiraten ja -- wenn sie nur
können«, wird der intelligente Leser unwillkürlich ausrufen. Nicht, bei
der erst besten Gelegenheit! wohlgemerkt! Kein _intelligenter Leser_
wird diesen Irrtum begehen, obzwar es ein ziemlich allgemeiner Irrtum
bei den Nichtverstehenden ist. Die meisten ledigen Frauen über dreißig
müssen das eine oder andere Mal zusammengezuckt sein bei der genial sein
wollenden Bemerkung irgend eines älteren Mannes: »Schau, schau, noch
nicht verheiratet. Nun, da möcht ich wohl wissen, was die jungen Männer
dazu sagen.« Ich schreibe absichtlich »irgend eines Mannes«, denn keine
Frau, wenn sie auch noch so katzenartig veranlagt ist und noch so gern
einen Pfeil in die Brust der Rivalin abschießt, würde eine Beleidigung
von so besonders verletzender Art über die Lippen bringen, die
seltsamerweise von dem Mann, der einen groben Schnitzer begeht, immer
als das schmeichelhafteste Kompliment gedacht ist. Die Tatsache, daß das
unglückliche, auf diese Weise attaquierte ältere Mädchen ein Dutzend
Anträge gehabt haben mag und es doch aus Gründen ihrer inneren Natur
vorzieht, ledig zu bleiben, scheint vollkommen über das Verständnis
dieser Leute zu gehen.
Aber der Hauptgrund, warum die Frauen nicht heiraten, ist offenkundig
der, weil die Männer sich nicht um sie bewerben. Die meisten Frauen
werden Ja sagen, wenn ein genügend netter Mann ihnen ein genügend
angemessenes Leben bietet. Wenn die Anträge, die sie bekommen, unter ein
gewisses Niveau fallen, dann ziehen sie es vor, ledig zu bleiben, und
hoffen dabei im Stillen, daß der richtige Mann noch kommen wird, bevor
es zu spät ist. Man muß auch hervorheben, daß, je kultivierter die
Frauen werden, sie desto weniger geneigt sind, nur um der Verheiratung
willen zu heiraten, wie ihre Großmütter es taten.
Dann gibt es einige Frauen, eine ganz kleine Schar, die, wenn sie nicht
ihr Ideal in seiner Vollkommenheit verwirklichen können, sich nicht mit
dem Minderen begnügen. Durch eine Ironie des Schicksals kommt es vor,
daß diese Frauen oft die Edelsten ihres Geschlechts sind. Es bleibt
jedoch noch eine andere kleine Schar ledig, aus aufrichtiger Abneigung
gegen die Ehe und ihre Pflichten. Es ist vielleicht nicht zu scharf
gesagt, daß eine Frau, die absolut keine innere Berufung für Weibtum und
Mutterschaft hat, eine degenerierte sein muß, und so sehr des weiblichen
Instinkts ermangelt, daß sie den Vorwurf verdient, »geschlechtslos«
genannt zu werden. Dieser Typus nimmt augenscheinlich zu.
Dann bleiben jene (ich möchte nicht gern eine Vermutung über ihre Zahl
aufstellen), die lieber irgend einen Mann heiraten, wie wenig
begehrenswert und für sie passend er auch sein mag, als »ungeliebt zu
verblühen«. Es ist eine tief betrübende Tatsache, daß ein Mann noch so
häßlich, noch so närrisch, noch so brutal, noch so eingebildet und
niederträchtig sein kann -- und doch eine Frau findet. Jeder Mann kann
irgend eine Frau finden, die ihn heiratet. Bei dieser Gelegenheit muß
man an jene berühmte Köchin denken, die, als man ihr anläßlich der
Treulosigkeit ihres Liebhabers sein Mitleid ausdrückte, erwiderte:
»Das macht nichts, ich kann Gott sei Dank noch jeden Mann lieben.«
Man kann nicht umhin, mit einer gewissen Belustigung die ernsten Artikel
über diesen Gegenstand in den Frauenzeitschriften zu lesen. Da wird uns
überzeugendst versichert, daß die Frauen heutzutage nicht heiraten, weil
sie ihre Freiheit zu hoch schätzen, weil jene, die Geld haben, es
vorziehen, unabhängig zu bleiben und ihr Leben zu genießen, und jene,
die keines haben, lieber tapfer ihr Leben durchkämpfen als die Sklavin
eines Mannes, eine bloße Magd, die ganz im Haushalt aufgeht, zu werden
usw. usw. ganze Seiten voll. All das mag ja von einem ganz kleinen Teil
der Frauen wahr sein, aber es bleibt doch eine unbestreitbare Tatsache,
daß der Hauptgrund für das Sitzenbleiben der Frauen die Gleichgültigkeit
der Männer ist. Ich habe jede Sympathie für die Frauen, welche die
schweren Verantwortungen der Ehe aufzuschieben wünschen, bis sie das
gehabt haben, was man beim anderen Geschlecht das Sich-Austoben nennt,
d.h. bis sie eine Periode der Freiheit genossen haben, in der sie
studieren, reisen, ihre Jugend tüchtig genießen, mit verschiedenen
Männern verkehren, dem Leben in die Augen schauen und etwas von dessen
Sinn lernen können. Aber es kommt eine Zeit in dem Leben beinahe jeder
Frau -- ausgenommen der obbesagten Degenerierten --, in der sie fühlt,
daß es Zeit ist, die Kindereien beiseite zu schieben und in der sich in
ihr Herz eine Sehnsucht nach den wirklichen Dingen des Lebens einnistet,
den Dingen, auf die es ankommt, den Dingen, die dauern -- die Liebe in
der Ehe, und kleine Kinder, und jenes unschätzbare Gut, ein eigenes
Heim.
Es ist heutzutage Mode, das Heim zu diskreditieren. Und Bernard Shaw hat
es scherzend »das Gefängnis des Mädchens und das Arbeitshaus der Frau«
genannt. Aber was für ein wunderbares Heiligtum ist es tatsächlich! Und
wieviel es für die Frauen bedeutet, können nur jene erzählen, die es
entbehrt haben.
In unserer Jugend ist das Heim der Ort der Futterkrippe, der Ort, wo es
Bindfaden, Briefmarken und Monatsschriften in Hülle und Fülle gibt, --
ein Ort, wo gewöhnlich Liebe ist, aber nichtsdestoweniger hauptsächlich
der Ort, den wir als uns gebührend betrachten und für den dankbar zu
sein uns nie im Traum einfällt. Später ist das Heim oft mit
beschwerlichen Pflichten verknüpft, für manche wird es sogar der Ort,
von dem man gerne fort möchte; aber wenn wir es verloren haben, wie
sehnen wir uns danach zurück! Wie ehrfürchtig denken wir an jedes Zimmer
und alles, was sich dort ereignete! Wie sehnen wir uns in Gedanken nach
dem alten Garten und träumen von dem geliebten Grün! Es kommt nicht in
Betracht, wie armselig das Heim gewesen sein mag, ein jedes Stückchen
davon ist einem heilig und teuer, vom Garderobezimmer an, wo man an
trüben Tagen Räuber und Soldaten gespielt hat, bis zum Werkzeugschuppen,
wo man bei schönem Wetter alles mögliche im Sonnenlicht spielte. Bis zum
heutigen Tage rührt es mich fast zu Tränen, wenn mir eine schlecht
gekochte Kartoffel unterkommt. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern
weil sie mich an die Kartoffeln erinnert, die drei kleine Kinder in der
Asche des Feldfeuers in einem alten Garten mit ausgelassener Lustigkeit
zu kochen und mit stiller Ehrfurcht zu essen pflegten -- vor langer,
langer Zeit. Noch heute weckt der Duft eines solchen Feuers in mir das
Gefühl, ich sei, wie einstmals, wieder sieben Jahre alt.
Aber ob eine Frau ein Heim bei ihren Eltern hat oder nicht, eine jede
normale Frau sehnt sich nach ihrem eigenen Heim, und ein Mädchen, das
sogar die Blumen auf der Mittagstafel der Mutter ungerne herrichtet,
wird in der Ehe ganz unappetitliche Hausarbeit gerne tun, in jenem Heim,
das sie ihr eigen nennt.
Diese leidenschaftliche Liebe zum Heim ist eines der
charakteristischesten Merkmale der Frau. Ich meine nicht die Vorliebe
»daheim« zu sein, da die Neigungen der modernen Frauen gewöhnlich
anderswo liegen, aber die Liebe zu dem Ort selbst, und der Wunsch, ihn
zu besitzen. Eine große Anzahl Frauen heiraten einzig und allein um
dieses heißbegehrten Besitzes willen. Und was jene anbetrifft, die es
nicht tun, so erzählen die Spalten der »Christlichen Welt« und anderer
Zeitungen klägliche Geschichten über ihre Sehnsucht darnach. Frauen von
»Herkunft« (eine schwulstige und unsinnige Partikel) sind fast zu allem
bereit, nur um einen bescheidenen Winkel, einen ganz untergeordneten
Platz in der fremdesten Familie zu finden. Sie wollen Haushälterinnen,
Dienerinnen, Gesellschafterinnen, Sekretärinnen, Helferinnen für
»kleinen Gehalt und ein Heim« sein, und manchmal auch ganz ohne Gehalt.
Sie wollen packen, nähen, ausbessern, unterrichten, überwachen; sie
bieten ihre Kenntnisse jeder Art an, wie z.B. ihre musikalischen
Fähigkeiten, ihre Sprachen, ihre Gesundheit und Kraft, ihre
Dienstbereitschaft und alle ihre Tugenden, die angeborenen oder die
erworbenen, alles das für ein bißchen Nahrung und Wärme und das
schützende Obdach jener vier Wände, nach denen ihr ganzes Streben geht,
die ihren höchsten Wunsch ausmachen, ein Heim! Schöne Frauen, begabte,
brave Frauen verkaufen sich täglich, um nur ein Heim zu gewinnen. Sogar
Hedda Gabler, die degenerierteste von allen modernen Heldinnen, die den
Selbstmord der Mutterschaft vorzog, verkaufte sich in einer lieblosen
Ehe nur des Heims halber. Und doch lesen wir fortwährend eine Liste von
trivialen phantastischen Gründen, warum die Frauen nicht heiraten.
Eine Studentin, die gezwungen war, ihre meiste Zeit in einem
ungemütlichen Mietkabinett zu verbringen, erzählte mir einst, daß ihr
einziger Wunsch sei, einen Raum zu haben, der einen Kasten mit ihren
wenigen Kleidern und kleinen Besitztümern beherbergen könne. Sie gab
sich ohne ein Heim zufrieden, aber sie sehnte sich sehr nach einem
solchen Kasten. »Ich werde Tony bald heiraten müssen,« sagte sie, »schon
wegen der Annehmlichkeit, einen Platz für meine Kleider zu haben. Ich
habe ihn nicht gern und ich möchte noch gerne warten, bis jemand kommt,
den ich lieb habe, aber wenn ich ihn je nehme, sehen Sie, dann wird es
wegen des Platzes für den Kasten sein.« Ich muß hinzufügen, daß dieser
»jemand« kam und daß sie jetzt mehrere Kleiderkästen besitzt und drei
kräftige Kinderchen, und daß Tony ihr ausweicht, wenn er ihr auf der
Straße begegnet.
Dieser leidenschaftliche Wunsch nach dem Heim findet sich noch häufiger
in jener Gesellschaftsklasse, die man gewöhnlich die niedere nennt. Ich
habe gelegentlich eine arme Frau beschäftigt, die seit dem Tode ihres
Mannes, also seit neunzehn Jahren, als Köchin diente. Während dieser
ganzen Zeit hat sie auf »ihr Heim gehalten«, d.h. auf ein einzelnes
Zimmer, das ihre Möbel beherbergt. Sie konnte kaum irgendwann das Zimmer
benützen, höchstens ein oder zwei armselige Tage lang und mußte viel von
ihren knappen Mußestunden hergeben, um es rein zu halten. Durch neunzehn
Jahre hat sie lieber drei Schillinge und sechs Pfennig per Woche für das
Zimmer gezahlt, ehe sie ihre Möbel verkauft hätte. Die so ausgegebenen
einhundertzweiundsiebzig Pfund hätten reichlich die Möbel überzahlt und
die Frau sieht den Unsinn vollkommen ein, aber ihre Erklärung ist: »Ich
konnte mich einfach von dem Heim nicht trennen.«
Noch ein Beispiel: Als ich einmal an der See wohnte, hatte ich das
Unglück, ein Gefäß aus dickem blauen Glas zu zerbrechen, das sein Leben
augenscheinlich als Parademarmeladeglas begonnen hatte, aber später aus
einem mir unerfindlichen Grunde zur stolzen Rolle einer Kaminverzierung
avanciert war. Zu meiner Überraschung weinte die würdige Wirtin
bitterlich über den Scherben und als ich prunkvolle Gegenstände
erwähnte, mit denen ich ihren Schatz ersetzen wollte, erklärte sie mir
schnippisch: »Nichts kann diesen Schaden gut machen. Denn dieses blaue
Glas war das erste Stück meines Heims.«
Kehren wir nun zu unserem Gegenstand zurück. Das traurigste an der Sache
ist, daß selbst, wenn jeder Mann über fünfundzwanzig Jahren heiraten
würde, es noch eine enorme Zahl lediger Frauen gäbe. Das ist wirklich
sehr ernst und die Ursache vieler Übel. Um dem so viel als möglich zu
steuern, sollte jeder Mann, jeder gesunde Mann mit genügendem Einkommen,
heiraten. Wenn es bloß »nicht gut für den Mann ist, daß er allein sei«,
so ist es sehr schlecht für die Frau. Jede Frau sollte einen männlichen
Gefährten haben, einen Mann, mit dem sie leben könnte, wenn es auch nur
wäre, um die Billets zu nehmen, das Handgepäck zu tragen und in der
Nacht aufzustehen, um zu sehen, was denn da für ein Lärm ist. Da die
Gesellschaft in ihrer jetzigen Struktur das Zusammenleben von Mann und
Frau als Gefährten nicht hingehen läßt, so ist es klar, daß jede Frau
einen Gatten haben sollte.
Bernard Shaw schreibt: »Gebt den Frauen das Stimmrecht, und in fünf
Jahren werden wir eine drückende Junggesellensteuer haben.« Es sollte
eine solche geben, die gewissen Unterschieden von Alter und Einkommen
unterworfen wäre. Das ist eine der vielen Angelegenheiten, in denen
wir von den Japanern lernen sollten, wo alle Junggesellen über
einem gewissen Alter besteuert sind. Auch in Frankreich wird ein
diesbezügliches Gesetz diskutiert. Zur Zeit, wo ich dies schreibe, sind
die Frauen voller Zukunftsträume über ihre baldige Befreiung, und es
wird sehr viel darüber gesprochen, wie sie ihr Wahlrecht anzuwenden
gedenken. Ich muß leider sagen, daß, obgleich einige unsinnige Drohungen
über die Abschaffung jener Gabe an die Frauen -- die Männerklubs --
verlauten, bis jetzt, abgesehen von _einer_ Ausnahme, nichts über die
ratsame Einführung einer Junggesellensteuer im Druck erschienen ist. Die
eine Ausnahme ist eine sehr interessante, anonym erschienene Novelle,
»der Morgenstern«, welche unter anderen wohldurchdachten Vorschlägen für
politische Reformen auch dringend für eine Junggesellensteuer plädiert.
Es ist offenkundig nur gerecht, daß der Mann, der nichts für den Staat
durch Gründung einer Familie tut, zugunsten desjenigen besteuert werden
sollte, der eine gründet. Wir hören so viel über die sinkende
Geburtsziffer und die Pflicht eines jeden verheirateten Paares,
Nachwuchs zu haben, und doch wird alles getan, um jene, die einen
solchen haben, zu entmutigen. Der Gewerbsmann, der schuftet, um sagen
wir, tausend Pfund jährlich zu verdienen und drei bis vier Kinder für
den Staat heranzuziehen, wird genau so besteuert wie der Junggeselle,
der gar nichts für den Staat tut und sogar die anderen Steuern dadurch
vermeiden kann, daß er, wenn es ihm beliebt, im Hotel oder in einer
Pension lebt.
Aber selbst wenn wir eventuell eine vernünftige Gesetzgebung bekommen
sollten, die jenen, welche für die Erhaltung der Geburtsziffer ihr Teil
tun, Belohnungen anstatt neue Lasten bieten würden, selbst wenn ein
Junggeselle über fünfundzwanzig ein so seltener Gegenstand auf unseren
Inseln würde wie eine alte Jungfer in mohammedanischen Landen, selbst
dann würde noch ein enormer Überschuß von ledigen Frauen sein. Warum ist
das so? Warum soll Großbritannien als das Paradies der alten Mädchen
betrachtet werden?
Warum sollten wir mehr alte Jungfern haben als andere Länder? Ist es,
weil unsere Kolonien soviel junge Männer verschlingen? Warum können sie
denn nicht auch eine gleiche Anzahl von Frauen verschlingen? Man könnte
wünschen, daß der Staat und ein »Institut der Ermunterung zur Ehe« unter
staatlichen Begünstigungen diese äußerst wichtige Sache in die Hand
nehmen. Eine der Pflichten dieses Instituts wäre es, jährlich eine
Anzahl Frauen zur Auswanderung zu bewegen, um so das geeignete
Gleichgewicht der Geschlechter in den heimatlichen Ländern zu erhalten
und jedem Mann in den Kolonien die Aussicht zu verschaffen, eine Frau zu
bekommen. Ich hörte neulich von einem sehr gewöhnlichen Mädchen in den
Kolonien, die elf Männer hatte, die sie alle heiraten wollten. Elf
Männer! Und doch gibt es Scharen von reizenden englischen Mädchen, die
alt werden und versauern, ohne je einen einzigen Heiratsantrag bekommen
zu haben.
Eine andere Pflicht eines »_Instituts der Ermunterung zur Ehe_« wäre es,
die Tausende von einsamen Männern und Frauen des Mittelstandes in den
Großstädten, die den ganzen Tag in der Arbeit sind und keine Gelegenheit
haben, einander zu treffen, irgendwie zu vereinigen. Ich habe eben
Francis Gribble's sehr interessante Novelle »Der Wolkenpfeiler« gelesen,
in welcher er die Existenz von sechs Mädchen in »Stonor House«
beschreibt, einer jener düsteren Baracken für heimatlose, den ganzen Tag
durch die Arbeit angehängte Frauen. Der rasende Wunsch dieser Mädchen,
mit Männern ihrer Klasse zu verkehren, ist betrübend echt, und dieser
Wunsch ist nicht so sehr der Ausdruck der natürlichen Bestrebungen des
jungen Weibes, mit jungen Männern zusammen zu kommen, sondern er
besteht, weil alle diese Männer für die Mädchen Ehemänner sein könnten,
und die Heirat die einzige Möglichkeit ist, aus »Stonor House« und der
freudlosen Existenz daselbst herauszukommen.
In dem vor einigen Jahren erschienenen »Pfad eines Pioniers« bricht Dolf
Wyllarde ähnlichen Ideen Bahn, aber ihre jungen Frauen sind weniger
gesund und weniger aufrichtig bestrebt, mit Männern zu Heiratszwecken
zusammenzukommen. Jedoch geben einem beide Bücher eine gute Vorstellung
von dem lieblosen unnatürlichen Leben der jungen Frauen des
Mittelstandes, deren Verwandte, wenn sie welche haben, weit weg sind,
und die ihr Leben in großen Städten verdienen müssen, fast immer durch
diese ungünstigen sozialen Bedingungen zur Altjungfernschaft verurteilt.
Daß eine große Anzahl wohlerzogener Frauen zu einem solchen Dasein
verdammt sein soll, spricht so eindringlich als nur möglich für die
Daseinsberechtigung zweier französischer Institutionen, nämlich den
beschränkten Familiennachwuchs und das System der Mitgift. In den
letzten Jahren ist die »Beschränkung des Nachwuchses« auch in England
weit verbreitet und bis das System der Mitgift auch zur Regel wird,
könnte das »_Institut der Ermunterung zur Ehe_« die Sache in die Hand
nehmen. Zwei oder drei außerordentlich feinsinnige Philantropen haben
diesem Gegenstand schon ihre Aufmerksamkeit gezollt, aber jede Bewegung
dieser Natur nimmt zu sehr den Charakter einer Heiratsagentur an, um von
jener Klasse beifällig aufgenommen zu werden, für deren Wohlergehen sie
bestimmt ist. Und doch müßte das »_Institut der Ermunterung zur Ehe_«
mit diesem Hindernisse rechnen und ihre wahre Absicht unter einem
anderen Namen verbergen. Ich bin sicher, daß, wenn der Zweck so genügend
verhüllt würde, daß feine Männer und Frauen ohne Verlust der
Selbstachtung Vorteil aus ihr ziehen könnten, die Beteiligung an dieser
Institution von seiten beider Geschlechter eine enorme wäre. Ein direkt
für den sozialen Verkehr geschaffener Klub könnte die Lösung sein, und
man könnte leicht Kränzchen, Konzerte, Ausflüge arrangieren, die zu
einer Quelle der Freude und Anregung in manchem düsteren Leben würden.
Wenn Erfolge zu verzeichnen wären, so sollte man Provinzfilialen
gründen. -- Man sieht fortwährend in den Zeitungen Beweise für die
Tatsache, daß es eine Menge junger Leute des Mittelstandes gibt, die
heiraten können und wollen, und denen es nur an weiblicher Bekanntschaft
in ihrer eigenen Gesellschaftsklasse fehlt, um eine Wahl zu treffen.
Unglückliche Mesallianzen sind oft die Folge davon, und es erscheint mir
trostlos und verderblich, daß diese für die Ehe geschaffenen Männer
nicht mit einigen von jenen tausenden junger Mädchen zusammengebracht
werden können, deren Leben in unangemessener Plage dahin fließt und die
sich in Sehnsucht nach einem Heim und einem Gatten verzehren. Bis das
»_Institut der Ermunterung zur Ehe_« Tatsache wird, gibt es noch
prächtige Arbeit für einen Philantropen von unendlichem Takt und
warmfühlendem Herzen. Um wieviel könnte man die Summe menschlicher
Freude erhöhen! Wie reich könnte der geringe Einsatz an Geld und Zeit
belohnt werden!