III. Warum Frauen nicht heiraten

»Es ist Sache der Frau, sich sobald als möglich zu verheiraten, und

die des Mannes, so lange er kann, unverheiratet zu bleiben.«

_G. Bernard Shaw._

»Die Ehe bringt der Frau solche Vorteile, eröffnet ihr so viele

Lebensmöglichkeiten und stellt ihr so viel größere Freiheit und

nützliche Betätigung in Aussicht, daß, einerlei, ob sie glücklich

oder unglücklich verheiratet ist, sie durch sie nur gewinnen kann.«

_R. L. Stevenson._

»Warum die Frauen nicht heiraten? Aber sie heiraten ja -- wenn sie nur

können«, wird der intelligente Leser unwillkürlich ausrufen. Nicht, bei

der erst besten Gelegenheit! wohlgemerkt! Kein _intelligenter Leser_

wird diesen Irrtum begehen, obzwar es ein ziemlich allgemeiner Irrtum

bei den Nichtverstehenden ist. Die meisten ledigen Frauen über dreißig

müssen das eine oder andere Mal zusammengezuckt sein bei der genial sein

wollenden Bemerkung irgend eines älteren Mannes: »Schau, schau, noch

nicht verheiratet. Nun, da möcht ich wohl wissen, was die jungen Männer

dazu sagen.« Ich schreibe absichtlich »irgend eines Mannes«, denn keine

Frau, wenn sie auch noch so katzenartig veranlagt ist und noch so gern

einen Pfeil in die Brust der Rivalin abschießt, würde eine Beleidigung

von so besonders verletzender Art über die Lippen bringen, die

seltsamerweise von dem Mann, der einen groben Schnitzer begeht, immer

als das schmeichelhafteste Kompliment gedacht ist. Die Tatsache, daß das

unglückliche, auf diese Weise attaquierte ältere Mädchen ein Dutzend

Anträge gehabt haben mag und es doch aus Gründen ihrer inneren Natur

vorzieht, ledig zu bleiben, scheint vollkommen über das Verständnis

dieser Leute zu gehen.

Aber der Hauptgrund, warum die Frauen nicht heiraten, ist offenkundig

der, weil die Männer sich nicht um sie bewerben. Die meisten Frauen

werden Ja sagen, wenn ein genügend netter Mann ihnen ein genügend

angemessenes Leben bietet. Wenn die Anträge, die sie bekommen, unter ein

gewisses Niveau fallen, dann ziehen sie es vor, ledig zu bleiben, und

hoffen dabei im Stillen, daß der richtige Mann noch kommen wird, bevor

es zu spät ist. Man muß auch hervorheben, daß, je kultivierter die

Frauen werden, sie desto weniger geneigt sind, nur um der Verheiratung

willen zu heiraten, wie ihre Großmütter es taten.

Dann gibt es einige Frauen, eine ganz kleine Schar, die, wenn sie nicht

ihr Ideal in seiner Vollkommenheit verwirklichen können, sich nicht mit

dem Minderen begnügen. Durch eine Ironie des Schicksals kommt es vor,

daß diese Frauen oft die Edelsten ihres Geschlechts sind. Es bleibt

jedoch noch eine andere kleine Schar ledig, aus aufrichtiger Abneigung

gegen die Ehe und ihre Pflichten. Es ist vielleicht nicht zu scharf

gesagt, daß eine Frau, die absolut keine innere Berufung für Weibtum und

Mutterschaft hat, eine degenerierte sein muß, und so sehr des weiblichen

Instinkts ermangelt, daß sie den Vorwurf verdient, »geschlechtslos«

genannt zu werden. Dieser Typus nimmt augenscheinlich zu.

Dann bleiben jene (ich möchte nicht gern eine Vermutung über ihre Zahl

aufstellen), die lieber irgend einen Mann heiraten, wie wenig

begehrenswert und für sie passend er auch sein mag, als »ungeliebt zu

verblühen«. Es ist eine tief betrübende Tatsache, daß ein Mann noch so

häßlich, noch so närrisch, noch so brutal, noch so eingebildet und

niederträchtig sein kann -- und doch eine Frau findet. Jeder Mann kann

irgend eine Frau finden, die ihn heiratet. Bei dieser Gelegenheit muß

man an jene berühmte Köchin denken, die, als man ihr anläßlich der

Treulosigkeit ihres Liebhabers sein Mitleid ausdrückte, erwiderte:

»Das macht nichts, ich kann Gott sei Dank noch jeden Mann lieben.«

Man kann nicht umhin, mit einer gewissen Belustigung die ernsten Artikel

über diesen Gegenstand in den Frauenzeitschriften zu lesen. Da wird uns

überzeugendst versichert, daß die Frauen heutzutage nicht heiraten, weil

sie ihre Freiheit zu hoch schätzen, weil jene, die Geld haben, es

vorziehen, unabhängig zu bleiben und ihr Leben zu genießen, und jene,

die keines haben, lieber tapfer ihr Leben durchkämpfen als die Sklavin

eines Mannes, eine bloße Magd, die ganz im Haushalt aufgeht, zu werden

usw. usw. ganze Seiten voll. All das mag ja von einem ganz kleinen Teil

der Frauen wahr sein, aber es bleibt doch eine unbestreitbare Tatsache,

daß der Hauptgrund für das Sitzenbleiben der Frauen die Gleichgültigkeit

der Männer ist. Ich habe jede Sympathie für die Frauen, welche die

schweren Verantwortungen der Ehe aufzuschieben wünschen, bis sie das

gehabt haben, was man beim anderen Geschlecht das Sich-Austoben nennt,

d.h. bis sie eine Periode der Freiheit genossen haben, in der sie

studieren, reisen, ihre Jugend tüchtig genießen, mit verschiedenen

Männern verkehren, dem Leben in die Augen schauen und etwas von dessen

Sinn lernen können. Aber es kommt eine Zeit in dem Leben beinahe jeder

Frau -- ausgenommen der obbesagten Degenerierten --, in der sie fühlt,

daß es Zeit ist, die Kindereien beiseite zu schieben und in der sich in

ihr Herz eine Sehnsucht nach den wirklichen Dingen des Lebens einnistet,

den Dingen, auf die es ankommt, den Dingen, die dauern -- die Liebe in

der Ehe, und kleine Kinder, und jenes unschätzbare Gut, ein eigenes

Heim.

Es ist heutzutage Mode, das Heim zu diskreditieren. Und Bernard Shaw hat

es scherzend »das Gefängnis des Mädchens und das Arbeitshaus der Frau«

genannt. Aber was für ein wunderbares Heiligtum ist es tatsächlich! Und

wieviel es für die Frauen bedeutet, können nur jene erzählen, die es

entbehrt haben.

In unserer Jugend ist das Heim der Ort der Futterkrippe, der Ort, wo es

Bindfaden, Briefmarken und Monatsschriften in Hülle und Fülle gibt, --

ein Ort, wo gewöhnlich Liebe ist, aber nichtsdestoweniger hauptsächlich

der Ort, den wir als uns gebührend betrachten und für den dankbar zu

sein uns nie im Traum einfällt. Später ist das Heim oft mit

beschwerlichen Pflichten verknüpft, für manche wird es sogar der Ort,

von dem man gerne fort möchte; aber wenn wir es verloren haben, wie

sehnen wir uns danach zurück! Wie ehrfürchtig denken wir an jedes Zimmer

und alles, was sich dort ereignete! Wie sehnen wir uns in Gedanken nach

dem alten Garten und träumen von dem geliebten Grün! Es kommt nicht in

Betracht, wie armselig das Heim gewesen sein mag, ein jedes Stückchen

davon ist einem heilig und teuer, vom Garderobezimmer an, wo man an

trüben Tagen Räuber und Soldaten gespielt hat, bis zum Werkzeugschuppen,

wo man bei schönem Wetter alles mögliche im Sonnenlicht spielte. Bis zum

heutigen Tage rührt es mich fast zu Tränen, wenn mir eine schlecht

gekochte Kartoffel unterkommt. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern

weil sie mich an die Kartoffeln erinnert, die drei kleine Kinder in der

Asche des Feldfeuers in einem alten Garten mit ausgelassener Lustigkeit

zu kochen und mit stiller Ehrfurcht zu essen pflegten -- vor langer,

langer Zeit. Noch heute weckt der Duft eines solchen Feuers in mir das

Gefühl, ich sei, wie einstmals, wieder sieben Jahre alt.

Aber ob eine Frau ein Heim bei ihren Eltern hat oder nicht, eine jede

normale Frau sehnt sich nach ihrem eigenen Heim, und ein Mädchen, das

sogar die Blumen auf der Mittagstafel der Mutter ungerne herrichtet,

wird in der Ehe ganz unappetitliche Hausarbeit gerne tun, in jenem Heim,

das sie ihr eigen nennt.

Diese leidenschaftliche Liebe zum Heim ist eines der

charakteristischesten Merkmale der Frau. Ich meine nicht die Vorliebe

»daheim« zu sein, da die Neigungen der modernen Frauen gewöhnlich

anderswo liegen, aber die Liebe zu dem Ort selbst, und der Wunsch, ihn

zu besitzen. Eine große Anzahl Frauen heiraten einzig und allein um

dieses heißbegehrten Besitzes willen. Und was jene anbetrifft, die es

nicht tun, so erzählen die Spalten der »Christlichen Welt« und anderer

Zeitungen klägliche Geschichten über ihre Sehnsucht darnach. Frauen von

»Herkunft« (eine schwulstige und unsinnige Partikel) sind fast zu allem

bereit, nur um einen bescheidenen Winkel, einen ganz untergeordneten

Platz in der fremdesten Familie zu finden. Sie wollen Haushälterinnen,

Dienerinnen, Gesellschafterinnen, Sekretärinnen, Helferinnen für

»kleinen Gehalt und ein Heim« sein, und manchmal auch ganz ohne Gehalt.

Sie wollen packen, nähen, ausbessern, unterrichten, überwachen; sie

bieten ihre Kenntnisse jeder Art an, wie z.B. ihre musikalischen

Fähigkeiten, ihre Sprachen, ihre Gesundheit und Kraft, ihre

Dienstbereitschaft und alle ihre Tugenden, die angeborenen oder die

erworbenen, alles das für ein bißchen Nahrung und Wärme und das

schützende Obdach jener vier Wände, nach denen ihr ganzes Streben geht,

die ihren höchsten Wunsch ausmachen, ein Heim! Schöne Frauen, begabte,

brave Frauen verkaufen sich täglich, um nur ein Heim zu gewinnen. Sogar

Hedda Gabler, die degenerierteste von allen modernen Heldinnen, die den

Selbstmord der Mutterschaft vorzog, verkaufte sich in einer lieblosen

Ehe nur des Heims halber. Und doch lesen wir fortwährend eine Liste von

trivialen phantastischen Gründen, warum die Frauen nicht heiraten.

Eine Studentin, die gezwungen war, ihre meiste Zeit in einem

ungemütlichen Mietkabinett zu verbringen, erzählte mir einst, daß ihr

einziger Wunsch sei, einen Raum zu haben, der einen Kasten mit ihren

wenigen Kleidern und kleinen Besitztümern beherbergen könne. Sie gab

sich ohne ein Heim zufrieden, aber sie sehnte sich sehr nach einem

solchen Kasten. »Ich werde Tony bald heiraten müssen,« sagte sie, »schon

wegen der Annehmlichkeit, einen Platz für meine Kleider zu haben. Ich

habe ihn nicht gern und ich möchte noch gerne warten, bis jemand kommt,

den ich lieb habe, aber wenn ich ihn je nehme, sehen Sie, dann wird es

wegen des Platzes für den Kasten sein.« Ich muß hinzufügen, daß dieser

»jemand« kam und daß sie jetzt mehrere Kleiderkästen besitzt und drei

kräftige Kinderchen, und daß Tony ihr ausweicht, wenn er ihr auf der

Straße begegnet.

Dieser leidenschaftliche Wunsch nach dem Heim findet sich noch häufiger

in jener Gesellschaftsklasse, die man gewöhnlich die niedere nennt. Ich

habe gelegentlich eine arme Frau beschäftigt, die seit dem Tode ihres

Mannes, also seit neunzehn Jahren, als Köchin diente. Während dieser

ganzen Zeit hat sie auf »ihr Heim gehalten«, d.h. auf ein einzelnes

Zimmer, das ihre Möbel beherbergt. Sie konnte kaum irgendwann das Zimmer

benützen, höchstens ein oder zwei armselige Tage lang und mußte viel von

ihren knappen Mußestunden hergeben, um es rein zu halten. Durch neunzehn

Jahre hat sie lieber drei Schillinge und sechs Pfennig per Woche für das

Zimmer gezahlt, ehe sie ihre Möbel verkauft hätte. Die so ausgegebenen

einhundertzweiundsiebzig Pfund hätten reichlich die Möbel überzahlt und

die Frau sieht den Unsinn vollkommen ein, aber ihre Erklärung ist: »Ich

konnte mich einfach von dem Heim nicht trennen.«

Noch ein Beispiel: Als ich einmal an der See wohnte, hatte ich das

Unglück, ein Gefäß aus dickem blauen Glas zu zerbrechen, das sein Leben

augenscheinlich als Parademarmeladeglas begonnen hatte, aber später aus

einem mir unerfindlichen Grunde zur stolzen Rolle einer Kaminverzierung

avanciert war. Zu meiner Überraschung weinte die würdige Wirtin

bitterlich über den Scherben und als ich prunkvolle Gegenstände

erwähnte, mit denen ich ihren Schatz ersetzen wollte, erklärte sie mir

schnippisch: »Nichts kann diesen Schaden gut machen. Denn dieses blaue

Glas war das erste Stück meines Heims.«

Kehren wir nun zu unserem Gegenstand zurück. Das traurigste an der Sache

ist, daß selbst, wenn jeder Mann über fünfundzwanzig Jahren heiraten

würde, es noch eine enorme Zahl lediger Frauen gäbe. Das ist wirklich

sehr ernst und die Ursache vieler Übel. Um dem so viel als möglich zu

steuern, sollte jeder Mann, jeder gesunde Mann mit genügendem Einkommen,

heiraten. Wenn es bloß »nicht gut für den Mann ist, daß er allein sei«,

so ist es sehr schlecht für die Frau. Jede Frau sollte einen männlichen

Gefährten haben, einen Mann, mit dem sie leben könnte, wenn es auch nur

wäre, um die Billets zu nehmen, das Handgepäck zu tragen und in der

Nacht aufzustehen, um zu sehen, was denn da für ein Lärm ist. Da die

Gesellschaft in ihrer jetzigen Struktur das Zusammenleben von Mann und

Frau als Gefährten nicht hingehen läßt, so ist es klar, daß jede Frau

einen Gatten haben sollte.

Bernard Shaw schreibt: »Gebt den Frauen das Stimmrecht, und in fünf

Jahren werden wir eine drückende Junggesellensteuer haben.« Es sollte

eine solche geben, die gewissen Unterschieden von Alter und Einkommen

unterworfen wäre. Das ist eine der vielen Angelegenheiten, in denen

wir von den Japanern lernen sollten, wo alle Junggesellen über

einem gewissen Alter besteuert sind. Auch in Frankreich wird ein

diesbezügliches Gesetz diskutiert. Zur Zeit, wo ich dies schreibe, sind

die Frauen voller Zukunftsträume über ihre baldige Befreiung, und es

wird sehr viel darüber gesprochen, wie sie ihr Wahlrecht anzuwenden

gedenken. Ich muß leider sagen, daß, obgleich einige unsinnige Drohungen

über die Abschaffung jener Gabe an die Frauen -- die Männerklubs --

verlauten, bis jetzt, abgesehen von _einer_ Ausnahme, nichts über die

ratsame Einführung einer Junggesellensteuer im Druck erschienen ist. Die

eine Ausnahme ist eine sehr interessante, anonym erschienene Novelle,

»der Morgenstern«, welche unter anderen wohldurchdachten Vorschlägen für

politische Reformen auch dringend für eine Junggesellensteuer plädiert.

Es ist offenkundig nur gerecht, daß der Mann, der nichts für den Staat

durch Gründung einer Familie tut, zugunsten desjenigen besteuert werden

sollte, der eine gründet. Wir hören so viel über die sinkende

Geburtsziffer und die Pflicht eines jeden verheirateten Paares,

Nachwuchs zu haben, und doch wird alles getan, um jene, die einen

solchen haben, zu entmutigen. Der Gewerbsmann, der schuftet, um sagen

wir, tausend Pfund jährlich zu verdienen und drei bis vier Kinder für

den Staat heranzuziehen, wird genau so besteuert wie der Junggeselle,

der gar nichts für den Staat tut und sogar die anderen Steuern dadurch

vermeiden kann, daß er, wenn es ihm beliebt, im Hotel oder in einer

Pension lebt.

Aber selbst wenn wir eventuell eine vernünftige Gesetzgebung bekommen

sollten, die jenen, welche für die Erhaltung der Geburtsziffer ihr Teil

tun, Belohnungen anstatt neue Lasten bieten würden, selbst wenn ein

Junggeselle über fünfundzwanzig ein so seltener Gegenstand auf unseren

Inseln würde wie eine alte Jungfer in mohammedanischen Landen, selbst

dann würde noch ein enormer Überschuß von ledigen Frauen sein. Warum ist

das so? Warum soll Großbritannien als das Paradies der alten Mädchen

betrachtet werden?

Warum sollten wir mehr alte Jungfern haben als andere Länder? Ist es,

weil unsere Kolonien soviel junge Männer verschlingen? Warum können sie

denn nicht auch eine gleiche Anzahl von Frauen verschlingen? Man könnte

wünschen, daß der Staat und ein »Institut der Ermunterung zur Ehe« unter

staatlichen Begünstigungen diese äußerst wichtige Sache in die Hand

nehmen. Eine der Pflichten dieses Instituts wäre es, jährlich eine

Anzahl Frauen zur Auswanderung zu bewegen, um so das geeignete

Gleichgewicht der Geschlechter in den heimatlichen Ländern zu erhalten

und jedem Mann in den Kolonien die Aussicht zu verschaffen, eine Frau zu

bekommen. Ich hörte neulich von einem sehr gewöhnlichen Mädchen in den

Kolonien, die elf Männer hatte, die sie alle heiraten wollten. Elf

Männer! Und doch gibt es Scharen von reizenden englischen Mädchen, die

alt werden und versauern, ohne je einen einzigen Heiratsantrag bekommen

zu haben.

Eine andere Pflicht eines »_Instituts der Ermunterung zur Ehe_« wäre es,

die Tausende von einsamen Männern und Frauen des Mittelstandes in den

Großstädten, die den ganzen Tag in der Arbeit sind und keine Gelegenheit

haben, einander zu treffen, irgendwie zu vereinigen. Ich habe eben

Francis Gribble's sehr interessante Novelle »Der Wolkenpfeiler« gelesen,

in welcher er die Existenz von sechs Mädchen in »Stonor House«

beschreibt, einer jener düsteren Baracken für heimatlose, den ganzen Tag

durch die Arbeit angehängte Frauen. Der rasende Wunsch dieser Mädchen,

mit Männern ihrer Klasse zu verkehren, ist betrübend echt, und dieser

Wunsch ist nicht so sehr der Ausdruck der natürlichen Bestrebungen des

jungen Weibes, mit jungen Männern zusammen zu kommen, sondern er

besteht, weil alle diese Männer für die Mädchen Ehemänner sein könnten,

und die Heirat die einzige Möglichkeit ist, aus »Stonor House« und der

freudlosen Existenz daselbst herauszukommen.

In dem vor einigen Jahren erschienenen »Pfad eines Pioniers« bricht Dolf

Wyllarde ähnlichen Ideen Bahn, aber ihre jungen Frauen sind weniger

gesund und weniger aufrichtig bestrebt, mit Männern zu Heiratszwecken

zusammenzukommen. Jedoch geben einem beide Bücher eine gute Vorstellung

von dem lieblosen unnatürlichen Leben der jungen Frauen des

Mittelstandes, deren Verwandte, wenn sie welche haben, weit weg sind,

und die ihr Leben in großen Städten verdienen müssen, fast immer durch

diese ungünstigen sozialen Bedingungen zur Altjungfernschaft verurteilt.

Daß eine große Anzahl wohlerzogener Frauen zu einem solchen Dasein

verdammt sein soll, spricht so eindringlich als nur möglich für die

Daseinsberechtigung zweier französischer Institutionen, nämlich den

beschränkten Familiennachwuchs und das System der Mitgift. In den

letzten Jahren ist die »Beschränkung des Nachwuchses« auch in England

weit verbreitet und bis das System der Mitgift auch zur Regel wird,

könnte das »_Institut der Ermunterung zur Ehe_« die Sache in die Hand

nehmen. Zwei oder drei außerordentlich feinsinnige Philantropen haben

diesem Gegenstand schon ihre Aufmerksamkeit gezollt, aber jede Bewegung

dieser Natur nimmt zu sehr den Charakter einer Heiratsagentur an, um von

jener Klasse beifällig aufgenommen zu werden, für deren Wohlergehen sie

bestimmt ist. Und doch müßte das »_Institut der Ermunterung zur Ehe_«

mit diesem Hindernisse rechnen und ihre wahre Absicht unter einem

anderen Namen verbergen. Ich bin sicher, daß, wenn der Zweck so genügend

verhüllt würde, daß feine Männer und Frauen ohne Verlust der

Selbstachtung Vorteil aus ihr ziehen könnten, die Beteiligung an dieser

Institution von seiten beider Geschlechter eine enorme wäre. Ein direkt

für den sozialen Verkehr geschaffener Klub könnte die Lösung sein, und

man könnte leicht Kränzchen, Konzerte, Ausflüge arrangieren, die zu

einer Quelle der Freude und Anregung in manchem düsteren Leben würden.

Wenn Erfolge zu verzeichnen wären, so sollte man Provinzfilialen

gründen. -- Man sieht fortwährend in den Zeitungen Beweise für die

Tatsache, daß es eine Menge junger Leute des Mittelstandes gibt, die

heiraten können und wollen, und denen es nur an weiblicher Bekanntschaft

in ihrer eigenen Gesellschaftsklasse fehlt, um eine Wahl zu treffen.

Unglückliche Mesallianzen sind oft die Folge davon, und es erscheint mir

trostlos und verderblich, daß diese für die Ehe geschaffenen Männer

nicht mit einigen von jenen tausenden junger Mädchen zusammengebracht

werden können, deren Leben in unangemessener Plage dahin fließt und die

sich in Sehnsucht nach einem Heim und einem Gatten verzehren. Bis das

»_Institut der Ermunterung zur Ehe_« Tatsache wird, gibt es noch

prächtige Arbeit für einen Philantropen von unendlichem Takt und

warmfühlendem Herzen. Um wieviel könnte man die Summe menschlicher

Freude erhöhen! Wie reich könnte der geringe Einsatz an Geld und Zeit

belohnt werden!

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll · 第 14 / 45 题