Drittes Hauptstück. _Praktischer Schluß aus der ganzen Abhandlung._

Einem jeden Vorwitze nachzuhängen und der Erkenntnissucht keine andre

Grenzen zu verstatten als das Unvermögen, ist ein Eifer, welcher der

=Gelehrsamkeit= nicht übel ansteht. Allein unter unzähligen Aufgaben,

die sich selbst darbieten, diejenige auswählen, deren Auflösung dem

Menschen angelegen ist, ist das Verdienst der =Weisheit=. Wenn die

Wissenschaft ihren Kreis durchlaufen hat, so gelanget sie

natürlicherweise zu dem Punkte eines bescheidenen Mißtrauens und sagt,

unwillig über sich selbst: =Wieviel Dinge gibt es doch, die ich nicht

einsehe!= Aber die durch Erfahrung gereifte Vernunft, welche zur

Weisheit wird, spricht in dem Munde des SOKRATES mitten unter den Waren

eines Jahrmarkts mit heiterer Seele: =Wieviel Dinge gibt es doch, die

ich alle nicht brauche!= Auf solche Art fließen endlich zwei

Bestrebungen von so unähnlicher Natur in eine zusammen, ob sie gleich

anfangs nach sehr verschiedenen Richtungen ausgingen, indem die erste

eitel und unzufrieden, die zweite aber gesetzt und gnügsam ist. Denn um

vernünftig zu wählen, muß man vorher selbst das Entbehrliche, ja das

Unmögliche kennen; aber endlich gelangt die Wissenschaft zu der

Bestimmung der ihr durch die Natur der menschlichen Vernunft gesetzten

Grenzen; alle bodenlose Entwürfe aber, die vielleicht an sich selbst

nicht unwürdig sein mögen, nur daß sie außer der Sphäre des Menschen

liegen, fliehen auf den =Limbus= der Eitelkeit. Alsdenn wird selbst die

Metaphysik dasjenige, wovon sie jetzo noch ziemlich weit entfernet ist,

und was man von ihr am wenigsten vermuten sollte, die =Begleiterin der

Weisheit=. Denn solange die Meinung einer Möglichkeit, zu so entfernten

Einsichten zu gelangen, übrigbleibt, so ruft die =weise Einfalt=

vergeblich, daß solche große Bestrebungen entbehrlich seien. Die

Annehmlichkeit, welche die Erweiterung des Wissens begleitet, wird sehr

leicht den Schein der Pflichtmäßigkeit annehmen und aus jener

vorsetzlichen und überlegten Gnügsamkeit eine =dumme Einfalt= machen,

die sich der Veredelung unserer Natur entgegensetzen will. Die Fragen

von der geistigen Natur, von der Freiheit und Vorherbestimmung, dem

künftigen Zustande u. d. g. bringen anfänglich alle Kräfte des

Verstandes in Bewegung und ziehen den Menschen durch ihre

Vortrefflichkeit in den Wetteifer der Spekulation, welche ohne

Unterschied klügelt und entscheidet, lehret oder widerlegt, wie es die

Scheineinsicht jedesmal mit sich bringt. Wenn diese Nachforschung aber

in Philosophie ausschlägt, die über ihr eigen Verfahren urteilt, und die

nicht die Gegenstände allein, sondern deren Verhältnis zu dem Verstande

des Menschen kennt, so ziehen sich die Grenzen enger zusammen, und die

Marksteine werden gelegt, welche die Nachforschung aus ihrem

eigentümlichen Bezirke niemals mehr ausschweifen lassen. Wir haben

einige Philosophie nötig gehabt, um die Schwierigkeiten zu kennen,

welche einen Begriff umgeben, den man gemeiniglich als sehr bequem und

alltägig behandelt. Etwas mehr Philosophie entfernet dieses Schattenbild

der Einsicht noch mehr und überzeugt uns, daß es gänzlich außer dem

Gesichtskreise der Menschen liege. Denn in den Verhältnissen der Ursache

und Wirkung, der Substanz und der Handlung dient anfänglich die

Philosophie dazu, die verwickelte Erscheinungen aufzulösen und solche

auf einfachere Vorstellungen zu bringen. Ist man aber endlich zu den

Grundverhältnissen gelangt, so hat das Geschäfte der Philosophie ein

Ende, und wie etwas könne eine Ursache sein oder eine Kraft haben, ist

unmöglich jemals durch Vernunft einzusehen, sondern diese Verhältnisse

müssen lediglich aus der Erfahrung genommen werden. Denn unsere

Vernunftregel gehet nur auf die Vergleichung nach der =Identität= und

dem =Widerspruche=. Soferne aber etwas eine Ursache ist, so wird durch

=Etwas= etwas =Anders= gesetzt, und es ist also kein Zusammenhang

vermöge der Einstimmung anzutreffen; wie denn auch, wenn ich

ebendasselbe nicht als eine Ursache ansehen will, niemals ein

Widerspruch entspringt, weil es sich nicht contradicieret, wenn etwas

gesetzt ist, etwas anderes aufzuheben. Daher die Grundbegriffe der Dinge

als Ursachen, die der Kräfte und Handlungen, wenn sie nicht aus der

Erfahrung hergenommen sind, gänzlich willkürlich sind und weder bewiesen

noch widerlegt werden können. Ich weiß wohl, daß das Denken und Wollen

meinen Körper bewege, aber ich kann diese Erscheinung als eine einfache

Erfahrung niemals durch Zergliederung auf eine andere bringen und sie

daher wohl erkennen, aber nicht einsehen. Daß mein Wille meinen Arm

bewegt, ist mir nicht verständlicher, als wenn jemand sagte, daß

derselbe auch den Mond in seinem Kreise zurückhalten könnte; der

Unterschied ist nur dieser, daß ich jenes erfahre, dieses aber niemals

in meine Sinne gekommen ist. Ich erkenne in mir Veränderungen als in

einem Subjekte, was lebt, nämlich Gedanken, Willkür etc. etc., und weil

diese Bestimmungen von anderer Art sind als alles, was zusammengenommen

meinen Begriff vom Körper macht, so denke ich mir billigermaßen ein

unkörperliches und beharrliches Wesen. Ob dieses auch ohne Verbindung

mit dem Körper denken werde, kann vermittelst dieser aus Erfahrung

erkannten Natur niemals geschlossen werden. Ich bin mit meiner Art Wesen

durch Vermittelung körperlicher Gesetze in Verknüpfung, ob ich aber auch

sonst nach andern Gesetzen, welche ich pneumatisch nennen will, ohne die

Vermittelung der Materie in Verbindung stehe oder jemals stehen werde,

kann ich auf keinerlei Weise aus demjenigen schließen, was mir gegeben

ist. Alle solche Urteile, wie diejenige von der Art, wie meine Seele den

Körper bewegt oder mit andern Wesen ihrer Art jetzt oder künftig in

Verhältnis steht, können niemals etwas mehr als Erdichtungen sein und

zwar bei weitem nicht einmal von demjenigen Werte als die in der

Naturwissenschaft, welche man Hypothesen nennt, bei welchen man keine

Grundkräfte ersinnt, sondern diejenige, welche man durch Erfahrung schon

kennt, nur auf eine den Erscheinungen angemessene Art verbindet, und

deren Möglichkeit sich also jederzeit muß können beweisen lassen;

dagegen im ersten Falle selbst neue Fundamentalverhältnisse von Ursache

und Wirkung angenommen werden, in welchen man niemals den mindesten

Begriff ihrer Möglichkeit haben kann und also nur schöpferisch oder

chimärisch, wie man es nennen will, dichtet. Die Begreiflichkeit

verschiedener wahren oder angeblichen Erscheinungen aus dergleichen

angenommenen Grundideen dienet diesen zu gar keinem Vorteile. Denn man

kann leicht von allem Grund angeben, wenn man berechtigt ist,

Tätigkeiten und Wirkungsgesetze zu ersinnen, wie man will. Wir müssen

also warten, bis wir vielleicht in der künftigen Welt durch neue

Erfahrungen und Begriffe von denen uns noch verborgenen Kräften in

unserm denkenden Selbst werden belehrt werden. So haben uns die

Beobachtungen späterer Zeiten, nachdem sie durch Mathematik aufgelöset

worden, die Kraft der Anziehung an der Materie offenbaret, von deren

Möglichkeit, (weil sie eine Grundkraft zu sein scheint), man sich

niemals einigen ferneren Begriff wird machen können. Diejenige, welche,

ohne den Beweis aus der Erfahrung in Händen zu haben, vorher sich eine

solche Eigenschaft hätten ersinnen wollen, würden als Toren mit Recht

verdienet haben, ausgelacht zu werden. Da nun die Vernunftgründe in

dergleichen Fällen weder zur Erfindung noch zur Bestätigung der

Möglichkeit oder Unmöglichkeit von der mindesten Erheblichkeit sind, so

kann man nur den Erfahrungen das Recht der Entscheidung einräumen, so

wie ich es auch der Zeit, welche Erfahrung bringt, überlasse, etwas über

die gepriesene Heilkräfte des Magnets in Zahnkrankheiten auszumachen,

wenn sie ebensoviel Beobachtungen wird vorzeigen können, daß magnetische

Stäbe auf Fleisch und Knochen wirken, als wir schon vor uns haben, daß

es auf Eisen und Stahl geschehe. Wenn aber gewisse angebliche

Erfahrungen sich in kein unter den meisten Menschen einstimmiges Gesetz

der Empfindung bringen lassen und also nur eine Regellosigkeit in den

Zeugnissen der Sinne beweisen würden, (wie es in der Tat mit den

herumgehenden Geistererzählungen bewandt ist), so ist ratsam, sie nur

abzubrechen, weil der Mangel der Einstimmung und Gleichförmigkeit

alsdenn der historischen Erkenntnis alle Beweiskraft nimmt und sie

untauglich macht, als Fundament zu irgendeinem Gesetze der Erfahrung zu

dienen, worüber der Verstand urteilen könnte.

So wie man einerseits durch etwas tiefere Nachforschung einsehen lernet,

daß die überzeugende und philosophische Einsicht in dem Falle, wovon wir

reden, =unmöglich= sei, so wird man auch andererseits bei einem ruhigen

und vorurteilfreien Gemüte gestehen müssen, daß sie entbehrlich und

=unnötig= sei. Die Eitelkeit der Wissenschaft entschuldigt gerne ihre

Beschäftigung mit dem Vorwande der Wichtigkeit, und so gibt man auch

hier gemeiniglich vor, daß die Vernunfteinsicht von der geistigen Natur

der Seele zu der Überzeugung von dem Dasein nach dem Tode, diese aber

zum Bewegungsgrunde eines tugendhaften Lebens sehr nötig sei; die müßige

Neubegierde aber setzt hinzu, daß die Wahrhaftigkeit der Erscheinungen

abgeschiedener Seelen von allem diesen sogar einen Beweis aus der

Erfahrung abgeben könne. Allein die wahre Weisheit ist die Begleiterin

der Einfalt, und da bei ihr das Herz dem Verstande die Vorschrift gibt,

so macht sie gemeiniglich die große Zurüstungen der Gelehrsamkeit

entbehrlich, und ihre Zwecke bedürfen nicht solcher Mittel, die

nimmermehr in aller Menschen Gewalt sein können. Wie? ist es denn nur

darum gut, tugendhaft zu sein, weil es eine andre Welt gibt, oder werden

die Handlungen nicht vielmehr dereinst belohnt werden, weil sie an sich

selbst gut und tugendhaft waren? Enthält das Herz des Menschen nicht

unmittelbare sittliche Vorschriften, und muß man, um ihn allhier seiner

Bestimmung gemäß zu bewegen, durchaus die Maschinen an eine andere Welt

ansetzen? Kann derjenige wohl redlich, kann er wohl tugendhaft heißen,

welcher sich gern seinen Lieblingslastern ergeben würde, wenn ihn nur

keine künftige Strafe schreckte, und wird man nicht vielmehr sagen

müssen, daß er zwar die Ausübung der Bosheit scheue, die lasterhafte

Gesinnung aber in seiner Seele nähre, daß er den Vorteil der

tugendähnlichen Handlungen liebe, die Tugend selbst aber hasse? Und in

der Tat lehret die Erfahrung auch, daß so viele, welche von der

künftigen Welt belehrt und überzeugt sind, gleichwohl dem Laster und der

Niederträchtigkeit ergeben nur auf Mittel sinnen, den drohenden Folgen

der Zukunft arglistig auszuweichen; aber es hat wohl niemals eine

rechtschaffene Seele gelebt, welche den Gedanken hätte ertragen können,

daß mit dem Tode alles zu Ende sei, und deren edle Gesinnung sich nicht

zur Hoffnung der Zukunft erhoben hätte. Daher scheint es der

menschlichen Natur und der Reinigkeit der Sitten gemäßer zu sein, die

Erwartung der künftigen Welt auf die Empfindungen einer wohlgearteten

Seele, als umgekehrt, ihr Wohlverhalten auf die Hoffnung der andern Welt

zu gründen. So ist auch der =moralische Glaube= bewandt, dessen Einfalt

mancher Spitzfindigkeit des Vernünftelns überhoben sein kann, und

welcher einzig und allein dem Menschen in jeglichem Zustande angemessen

ist, indem er ihn ohne Umschweif zu seinen wahren Zwecken führet. Laßt

uns demnach alle lärmende Lehrverfassungen von so entfernten

Gegenständen der Spekulation und der Sorge müßiger Köpfe überlassen. Sie

sind uns in der Tat gleichgültig, und der augenblickliche Schein der

Gründe vor oder dawider mag vielleicht über den Beifall der Schulen,

schwerlich aber etwas über das künftige Schicksal der Redlichen

entscheiden. Es war auch die menschliche Vernunft nicht gnugsam dazu

beflügelt, daß sie so hohe Wolken teilen sollte, die uns die Geheimnisse

der andern Welt aus den Augen ziehen, und denen Wißbegierigen, die sich

nach derselben so angelegentlich erkundigen, kann man den einfältigen,

aber sehr natürlichen Bescheid geben, daß es wohl am ratsamsten sei,

=wenn sie sich zu gedulden beliebten, bis sie werden dahin kommen=. Da

aber unser Schicksal in der künftigen Welt vermutlich sehr darauf

ankommen mag, wie wir unsern Posten in der gegenwärtigen verwaltet

haben, so schließe ich mit demjenigen, was VOLTAIRE seinen ehrlichen

CANDIDE nach so viel unnützen Schulstreitigkeiten zum Beschlusse sagen

läßt: =Laßt uns unser Glück besorgen, in den Garten gehen und arbeiten!=

Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik · 第 7 / 9 题