VIRGILIUS.

Die =tote= Materie, welche den Weltraum erfüllet, ist ihrer

eigentümlichen Natur nach im Stande der Trägheit und der Beharrlichkeit

in einerlei Zustande, sie hat Solidität, Ausdehnung und Figur, und ihre

Erscheinungen, die auf allen diesen Gründen beruhen, lassen eine

=physische= Erklärung zu, die zugleich mathematisch ist und zusammen

=mechanisch= genannt wird. Wenn man andererseits seine Achtsamkeit auf

diejenige Art Wesen richtet, welche den Grund des =Lebens= in dem

Weltganzen enthalten, die um deswillen nicht von der Art sind, daß sie

als Bestandteile den Klumpen und die Ausdehnung der leblosen Materie

vermehren, noch von ihr nach den Gesetzen der Berührung und des Stoßes

leiden, sondern vielmehr durch innere Tätigkeit sich selbst und überdem

den toten Stoff der Natur rege machen, so wird man, wo nicht mit der

Deutlichkeit einer Demonstration, doch wenigstens mit der Vorempfindung

eines nicht ungeübten Verstandes sich von dem Dasein immaterieller Wesen

überredet finden, deren besondere Wirkungsgesetze =pneumatisch= und,

soferne die körperliche Wesen Mittelursachen ihrer Wirkungen in der

materiellen Welt sind, =organisch= genannt werden. Da diese immaterielle

Wesen selbsttätige Prinzipien sind, mithin Substanzen und vor sich

bestehende Naturen, so ist diejenige Folge, auf die man zunächst gerät,

diese, daß sie untereinander, unmittelbar vereinigt, vielleicht ein

großes Ganze ausmachen mögen, welches man die immaterielle Welt (_mundus

intelligibilis_) nennen kann. Denn mit welchem Grunde der

Wahrscheinlichkeit wollte man wohl behaupten, daß dergleichen Wesen von

einander ähnlicher Natur nur vermittelst anderer (körperlichen Dinge)

von fremder Beschaffenheit in Gemeinschaft stehen könnten, indem dieses

letztere noch viel rätselhafter als das erste ist?

Diese =immaterielle= Welt kann also als ein vor sich bestehendes Ganze

angesehen werden, deren Teile untereinander in wechselseitiger

Verknüpfung und Gemeinschaft stehen, auch ohne Vermittelung körperlicher

Dinge, sodaß dieses letztere Verhältnis zufällig ist und nur einigen

zukommen darf, ja, wo sie auch angetroffen wird, nicht hindert, daß

nicht eben die immaterielle Wesen, welche durch die Vermittelung der

Materie ineinander wirken, außer diesem noch in einer besondern und

durchgängigen Verbindung stehen und jederzeit untereinander als

immaterielle Wesen wechselseitige Einflüsse ausüben, sodaß das

Verhältnis derselben vermittelst der Materie nur zufällig und auf einer

besonderen göttlichen Anstalt beruhet, jene hingegen natürlich und

unauflöslich ist.

Indem man denn auf solche Weise alle Prinzipien des Lebens in der ganzen

Natur als so viel unkörperliche Substanzen untereinander in

Gemeinschaft, aber auch zum Teil mit der Materie vereinigt

zusammennimmt, so gedenkt man sich ein großes Ganze der immateriellen

Welt, eine unermeßliche, aber unbekannte Stufenfolge von Wesen und

tätigen Naturen, durch welche der tote Stoff der Körperwelt allein

belebt wird. Bis auf welche Glieder aber der Natur Leben ausgebreitet

sei, und welche diejenigen Grade desselben seien, die zunächst an die

völlige Leblosigkeit grenzen, ist vielleicht unmöglich, jemals mit

Sicherheit auszumachen. Der =Hylozoismus= belebt alles, der

Materialismus dagegen, wenn er genau erwogen wird, tötet alles.

MAUPERTUIS maß den organischen Nahrungsteilchen aller Tiere den

niedrigsten Grad Leben bei; andere Philosophen sehen an ihnen nichts als

tote Klumpen, welche nur dienen, den Hebezeug der tierischen Maschinen

zu vergrößern. Das ungezweifelte Merkmal des Lebens an dem, was in

unsere äußere Sinne fällt, ist wohl die freie Bewegung, die da blicken

läßt, daß sie aus Willkür entsprungen sei; allein der Schluß ist nicht

sicher, daß, wo dieses Merkmal nicht angetroffen wird, auch kein Grad

des Lebens befindlich sei. BOERHAAVE sagt an einem Orte: =Das Tier ist

eine Pflanze, die ihre Wurzel im Magen= (inwendig) =hat.= Vielleicht

könnte ein anderer ebenso ungetadelt mit diesen Begriffen spielen und

sagen: =Die Pflanze ist ein Tier, das seinen Magen in der Wurzel=

(äußerlich) =hat.= Daher auch den letzteren die Organen der

willkürlichen Bewegung und mit ihnen die äußerliche Merkmale des Lebens

fehlen können, die doch den ersteren notwendig sind, weil ein Wesen,

welches die Werkzeuge seiner Ernährung in sich hat, sich selbst seiner

Bedürfnis gemäß muß bewegen können, dasjenige aber, an welchem dieselbe

außerhalb und in dem Elemente seiner Unterhaltung eingesenkt sind, schon

gnugsam durch äußere Kräfte erhalten wird und, wenn es gleich ein

Principium des inneren Lebens in der Vegetation enthält, doch keine

organische Einrichtung zur äußerlichen willkürlichen Tätigkeit bedarf.

Ich verlange nichts von allem diesen auf Beweisgründe; denn außerdem,

daß ich sehr wenig zum Vorteil von dergleichen Mutmaßungen würde zu

sagen haben, so haben sie noch als bestäubte veraltete Grillen den Spott

der Mode wider sich. Die Alten glaubten nämlich dreierlei Art vom Leben

annehmen zu können, das =pflanzenartige=, das =tierische= und das

=vernünftige=. Wenn sie die drei immaterielle Prinzipien derselben in

dem Menschen vereinigten, so möchten sie wohl unrecht haben, wenn sie

aber solche unter die dreierlei Gattungen der wachsenden und

ihresgleichen erzeugenden Geschöpfe verteileten, so sagten sie freilich

wohl etwas Unerweisliches, aber darum noch nicht Ungereimtes,

vornehmlich in dem Urteile desjenigen, der das besondere Leben der von

einigen Tieren abgetrenneten Teile, die Irritabilität, diese so wohl

erwiesene, aber auch zugleich so unerklärliche Eigenschaft der Fasern

eines tierischen Körpers und einiger Gewächse, und endlich die nahe

Verwandtschaft der Polypen und anderer Zoophyten mit den Gewächsen in

Betracht ziehen wollte. Übrigens ist die Berufung auf immaterielle

Prinzipien eine Zuflucht der faulen Philosophie und darum auch die

Erklärungsart in diesem Geschmacke nach aller Möglichkeit zu vermeiden,

damit diejenigen Gründe der Welterscheinungen, welche auf den

Bewegungsgesetzen der bloßen Materie beruhen, und welche auch einzig und

allein der Begreiflichkeit fähig sind, in ihrem ganzen Umfange erkannt

werden. Gleichwohl bin ich überzeugt, daß STAHL, welcher die tierische

Veränderungen gerne organisch erklärt, oftmals der Wahrheit näher sei,

als HOFMANN, BOERHAAVE u. a. m., welche die immaterielle Kräfte aus dem

Zusammenhange lassen, sich an die mechanische Gründe halten und hierin

einer mehr philosophischen Methode folgen, die wohl bisweilen fehlt,

aber mehrmalen zutrifft, und die auch allein in der Wissenschaft von

nützlicher Anwendung ist, wenn anderseits von dem Einflusse der Wesen

von unkörperlicher Natur höchstens nur erkannt werden kann, daß er da

sei, niemals aber, wie er zugehe und wie weit sich seine Wirksamkeit

erstrecke.

So würde denn also die immaterielle Welt zuerst alle erschaffene

Intelligenzen, deren einige mit der Materie zu einer Person verbunden

sind, andere aber nicht, in sich befassen, überdem die empfindende

Subjekte in allen Tierarten und endlich alle Prinzipien des Lebens,

welche sonst noch in der Natur wo sein mögen, ob dieses sich gleich

durch keine äußerliche Kennzeichen der willkürlichen Bewegung

offenbarete. Alle diese immaterielle Naturen, sage ich, sie mögen nun

ihre Einflüsse in der Körperwelt ausüben oder nicht, alle vernünftige

Wesen, deren zufälliger Zustand tierisch ist, es sei hier auf der Erde

oder in andern Himmelskörpern, sie mögen den rohen Zeug der Materie

jetzt oder künftig beleben oder ehedem belebt haben, würden nach diesen

Begriffen in einer ihrer Natur gemäßen Gemeinschaft stehen, die nicht

auf den Bedingungen beruht, wodurch die Verhältnis der Körper

eingeschränkt ist, und wo die Entfernung der Örter oder der Zeitalter,

welche in der sichtbaren Welt die große Kluft ausmacht, die alle

Gemeinschaft aufhebt, verschwindet. Die menschliche Seele würde daher

schon in dem gegenwärtigen Leben als verknüpft mit zweien Welten

zugleich müssen angesehen werden, von welchen sie, soferne sie zu

persönlicher Einheit mit einem Körper verbunden ist, die materielle

allein klar empfindet, dagegen als ein Glied der Geisterwelt die reine

Einflüsse immaterieller Naturen empfängt und erteilet, sodaß, sobald

jene Verbindung aufgehört hat, die Gemeinschaft, darin sie jederzeit mit

geistigen Naturen stehet, allein übrig bleibt und sich ihrem Bewußtsein

zum klaren Anschauen eröffnen müßte.(6)

(6) Wenn man von dem Himmel als dem Sitze der Seligen redet, so setzt

die gemeine Vorstellung ihn gerne über sich, hoch in dem unermeßlichen

Weltraume. Man bedenket aber nicht, daß unsre Erde, aus diesen

Gegenden gesehen, auch als einer von den Sternen des Himmels

erscheine, und daß die Bewohner anderer Welten mit ebenso gutem Grunde

nach uns hin zeigen könnten und sagen: Sehet da den Wohnplatz ewiger

Freuden und einen himmlischen Aufenthalt, welcher zubereitet ist, uns

dereinst zu empfangen. Ein wunderlicher Wahn nämlich macht, daß der

hohe Flug, den die Hoffnung nimmt, immer mit dem Begriffe des Steigens

verbunden ist, ohne zu bedenken, daß, so hoch man auch gestiegen ist,

man doch wieder sinken müsse, um allenfalls in einer andern Welt

festen Fuß zu fassen. Nach den angeführten Begriffen aber würde der

Himmel eigentlich die Geisterwelt sein oder, wenn man will, der selige

Teil derselben, und diese würde man weder über sich noch unter sich zu

suchen haben, weil ein solches immaterielle Ganze nicht nach den

Entfernungen oder Naheiten gegen körperliche Dinge, sondern in

geistigen Verknüpfungen seiner Teile untereinander vorgestellt werden

muß, wenigstens die Glieder derselben sich nur nach solchen

Verhältnissen ihrer selbst bewußt sind.

Es wird mir nachgerade beschwerlich, immer die behutsame Sprache der

Vernunft zu führen. Warum sollte es mir nicht auch erlaubt sein, im

akademischen Tone zu reden, der entscheidender ist und sowohl den

Verfasser als den Leser des Nachdenkens überhebt, welches über lang oder

kurz beide nur zu einer verdrießlichen Unentschlossenheit führen muß. Es

ist demnach so gut als demonstriert, oder es könnte leichtlich bewiesen

werden, wenn man weitläuftig sein wollte oder noch besser, es wird

künftig, ich weiß nicht wo oder wenn, noch bewiesen werden, daß die

menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslich verknüpften

Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt stehe, daß

sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke empfange, deren

sie sich aber als Mensch nicht bewußt ist, solange alles wohl steht.

Andererseits ist es auch wahrscheinlich, daß die geistige Naturen

unmittelbar keine sinnliche Empfindung von der Körperwelt mit Bewußtsein

haben können, weil sie mit keinem Teil der Materie zu einer Person

verbunden sind, um sich vermittelst desselben ihres Orts in dem

materiellen Weltganzen und durch künstliche Organen der Verhältnis der

ausgedehnten Wesen gegen sich und gegen einander bewußt zu werden, daß

sie aber wohl in die Seelen der Menschen als Wesen von einerlei Natur

einfließen können und auch wirklich jederzeit mit ihnen in

wechselseitiger Gemeinschaft stehen, doch so, daß in der Mitteilung der

Vorstellungen diejenige, welche die Seele als ein von der Körperwelt

abhängendes Wesen in sich enthält, nicht in andere geistige Wesen und

die Begriffe der letzteren, als anschauende Vorstellungen von

immateriellen Dingen, nicht in das klare Bewußtsein des Menschen

übergehen können, wenigstens nicht in ihrer eigentlichen Beschaffenheit,

weil die Materialien zu beiderlei Ideen von verschiedener Art sind.

Es würde schön sein, wenn eine dergleichen systematische Verfassung der

Geisterwelt, als wir sie vorstellen, nicht lediglich aus dem Begriffe

von der geistigen Natur überhaupt, der gar zu sehr hypothetisch ist,

sondern aus irgendeiner wirklichen und allgemein zugestandenen

Beobachtung könnte geschlossen, oder auch nur wahrscheinlich vermutet

werden. Daher wage ich es auf die Nachsicht des Lesers, einen Versuch

von dieser Art hier einzuschalten, der zwar etwas außer meinem Wege

liegt und auch von der Evidenz weit gnug entfernet ist, gleichwohl aber

zu nicht unangenehmen Vermutungen Anlaß zu geben scheinet.

* * * * *

Unter den Kräften, die das menschliche Herz bewegen, scheinen einige der

mächtigsten außerhalb demselben zu liegen, die also nicht etwa als bloße

Mittel sich auf die Eigennützigkeit und Privatbedürfnis als auf ein

Ziel, das =innerhalb= dem Menschen selbst liegt, beziehen, sondern

welche machen, daß die Tendenzen unserer Regungen den Brennpunkt ihrer

Vereinigung =außer uns= in andere vernünftige Wesen versetzen; woraus

ein Streit zweier Kräfte entspringt, nämlich der Eigenheit, die alles

auf sich beziehet, und der Gemeinnützigkeit, dadurch das Gemüt gegen

andere außer sich getrieben oder gezogen wird. Ich halte mich bei dem

Triebe nicht auf, vermöge dessen wir so stark und so allgemein am

Urteile anderer hängen und fremde Billigung oder Beifall zur Vollendung

des unsrigen vor uns selbst so nötig zu sein erachten, woraus,

wenngleich bisweilen ein übelverstandener Ehrenwahn entspringt, dennoch

selbst in der uneigennützigsten und wahrhaftesten Gemütsart ein geheimer

Zug verspürt wird, dasjenige, was man vor sich selbst als =gut= oder

=wahr= erkennt, mit dem Urteil anderer zu vergleichen, um beide

einstimmig zu machen, imgleichen eine jede menschliche Seele auf dem

Erkenntniswege gleichsam anzuhalten, wenn sie einen andern Fußsteig zu

gehen scheint, als den wir eingeschlagen haben, welches alles vielleicht

eine empfundene Abhängigkeit unserer eigenen Urteile vom =allgemeinen

menschlichen Verstande= ist und ein Mittel wird, dem Ganzen denkender

Wesen eine Art von Vernunfteinheit zu verschaffen.

Ich übergehe aber diese sonst nicht unerhebliche Betrachtung und halte

mich vor jetzt an eine andere, welche einleuchtender und beträchtlicher

ist, so viel es unsere Absicht betrifft. Wenn wir äußere Dinge auf

unsere Bedürfnis beziehen, so können wir dieses nicht tun, ohne uns

zugleich durch eine gewisse Empfindung gebunden und eingeschränkt zu

fühlen, die uns merken läßt, daß in uns gleichsam ein fremder Wille

wirksam sei, und unser eigen Belieben die Bedingung von äußerer

Beistimmung nötig habe. Eine geheime Macht nötiget uns, unsere Absicht

zugleich auf anderer Wohl oder nach fremder Willkür zu richten, ob

dieses gleich öfters ungern geschieht und der eigennützigen Neigung

stark widerstreitet, und der Punkt, wohin die Richtungslinien unserer

Triebe zusammenlaufen, ist also nicht bloß in uns, sondern es sind noch

Kräfte, die uns bewegen, in dem Wollen anderer außer uns. Daher

entspringen die sittlichen Antriebe, die uns oft wider den Dank des

Eigennutzes fortreißen, das starke Gesetz der Schuldigkeit und das

schwächere der Gütigkeit, deren jede uns manche Aufopferung abdringt,

und obgleich beide dann und wann durch eigennützige Neigungen überwogen

werden, doch nirgend in der menschlichen Natur ermangeln, ihre

Wirklichkeit zu äußern. Dadurch sehen wir uns in den geheimsten

Beweggründen abhängig von der =Regel des allgemeinen Willens=, und es

entspringt daraus in der Welt aller denkenden Naturen eine =moralische

Einheit= und systematische Verfassung nach bloß geistigen Gesetzen. Will

man diese in uns empfundene Nötigung unseres Willens zur Einstimmung mit

dem allgemeinen Willen das =sittliche Gefühl= nennen, so redet man davon

nur als von einer Erscheinung dessen, was in uns wirklich vorgeht, ohne

die Ursachen derselben auszumachen. So nannte NEWTON das sichere Gesetz

der Bestrebungen aller Materie, sich einander zu nähern die

=Gravitation= derselben, indem er seine mathematische Demonstrationen

nicht in eine verdrießliche Teilnehmung an philosophischen

Streitigkeiten verflechten wollte, die sich über die Ursache derselben

eräugnen könnten. Gleichwohl trug er kein Bedenken, diese Gravitation

als eine wahre Wirkung einer allgemeinen Tätigkeit der Materie

ineinander zu behandeln und gab ihr daher auch den Namen der

=Anziehung=. Sollte es nicht möglich sein, die Erscheinung der

sittlichen Antriebe in den denkenden Naturen, wie solche sich

aufeinander wechselsweise beziehen, gleichfalls als die Folge einer

wahrhaftig tätigen Kraft, dadurch geistige Naturen ineinander

einfließen, vorzustellen, sodaß das sittliche Gefühl diese =empfundene

Abhängigkeit= des Privatwillens vom allgemeinen Willen wäre und eine

Folge der natürlichen und allgemeinen Wechselwirkung, dadurch die

immaterielle Welt ihre sittliche Einheit erlangt, indem sie sich nach

den Gesetzen dieses ihr eigenen Zusammenhanges zu einem System von

geistiger Vollkommenheit bildet? Wenn man diesen Gedanken so viel

Scheinbarkeit zugesteht als erforderlich ist, um die Mühe zu verdienen,

sie an ihren Folgen zu messen, so wird man vielleicht durch den Reiz

derselben unvermerkt in einige Parteilichkeit gegen sie verflochten

werden. Denn es scheinen in diesem Falle die Unregelmäßigkeiten

mehrenteils zu verschwinden, die sonsten bei dem Widerspruch der

moralischen und physischen Verhältnisse der Menschen hier auf der Erde

so befremdlich in die Augen fallen. Alle Moralität der Handlungen kann

nach der Ordnung der Natur niemals ihre vollständige Wirkung in dem

leiblichen Leben des Menschen haben, wohl aber in der Geisterwelt nach

pneumatischen Gesetzen. Die wahre Absichten, die geheime Beweggründe

vieler aus Ohnmacht fruchtlosen Bestrebungen, der Sieg über sich selbst,

oder auch bisweilen die verborgene Tücke bei scheinbarlich guten

Handlungen sind mehrenteils vor den physischen Erfolg in dem

körperlichen Zustande verloren, sie würden aber auf solche Weise in der

immateriellen Welt als fruchtbare Gründe angesehen werden müssen und in

Ansehung ihrer nach pneumatischen Gesetzen zufolge der Verknüpfung des

Privatwillens und des allgemeinen Willens, d. i. der Einheit und des

Ganzen der Geisterwelt, eine der sittlichen Beschaffenheit der freien

Willkür angemessene Wirkung ausüben oder auch gegenseitig empfangen.

Denn weil das Sittliche der Tat den inneren Zustand des Geistes

betrifft, so kann es auch natürlicherweise nur in der unmittelbaren

Gemeinschaft der Geister die der ganzen Moralität adäquate Wirkung nach

sich ziehen. Dadurch würde es nun geschehen, daß die Seele des Menschen

schon in diesem Leben dem sittlichen Zustande zufolge ihre Stelle unter

den geistigen Substanzen des Universum einnehmen müßte, so wie nach den

Gesetzen der Bewegung die Materien des Weltraums sich in solche Ordnung

gegeneinander setzen, die ihren Körperkräften gemäß ist.(7) Wenn denn

endlich durch den Tod die Gemeinschaft der Seele mit der Körperwelt

aufgehoben worden, so würde das Leben in der andern Welt nur eine

natürliche Fortsetzung derjenigen Verknüpfung sein, darin sie mit ihr

schon in diesem Leben gestanden war, und die gesamte Folgen der hier

ausgeübten Sittlichkeit würden sich dort in denen Wirkungen wieder

finden, die ein mit der ganzen Geisterwelt in unauflöslicher

Gemeinschaft stehendes Wesen schon vorher daselbst nach pneumatischen

Gesetzen ausgeübt hat. Die Gegenwart und die Zukunft würden also

gleichsam aus einem Stücke sein und ein stetiges Ganze ausmachen, selbst

nach der =Ordnung der Natur=. Dieser letztere Umstand ist von besonderer

Erheblichkeit. Denn in einer Vermutung nach bloßen Gründen der Vernunft

ist es eine große Schwierigkeit, wenn man, um den Übelstand zu heben,

der aus der unvollendeten Harmonie zwischen der Moralität und ihren

Folgen in dieser Welt entspringt, zu einem außerordentlichen göttlichen

Willen seine Zuflucht nehmen muß, weil, so wahrscheinlich auch das

Urteil über denselben nach unseren Begriffen von der göttlichen Weisheit

sein mag, immer ein starker Verdacht übrig bleibt, daß die schwache

Begriffe unseres Verstandes vielleicht auf den Höchsten sehr verkehrt

übertragen worden, da des Menschen Obliegenheit nur ist, von dem

göttlichen Willen zu urteilen aus der Wohlgereimtheit, die er wirklich

in der Welt wahrnimmt, oder welche er nach der Regel der Analogie gemäß

der Naturordnung darin vermuten kann, nicht aber nach dem Entwurfe

seiner eigenen Weisheit, den er zugleich dem göttlichen Willen zur

Vorschrift macht, befugt ist, neue und willkürliche Anordnungen in der

gegenwärtigen oder künftigen Welt zu ersinnen.

(7) Die aus dem Grunde der Moralität entspringende Wechselwirkungen

des Menschen und der Geisterwelt nach den Gesetzen des pneumatischen

Einflusses könnte man darin setzen, daß daraus natürlicherweise eine

nähere Gemeinschaft einer guten oder bösen Seele mit guten und bösen

Geistern entspringe, und jene dadurch sich selbst dem Teile der

geistigen Republik zugeselleten, der ihrer sittlichen Beschaffenheit

gemäß ist, mit der Teilnehmung an allen Folgen, die daraus nach der

Ordnung der Natur entstehen mögen.

* * * * *

Wir lenken nunmehr unsere Betrachtung wiederum in den vorigen Weg ein

und nähern uns dem Ziele, welches wir uns vorgesetzt hatten. Wenn es

sich mit der Geisterwelt und dem Anteile, den unsere Seele an ihr hat,

so verhält, wie der Abriß, den wir erteilten, ihn vorstellt, so scheinet

fast nichts befremdlicher zu sein, als daß die Geistergemeinschaft nicht

eine ganz allgemeine und gewöhnliche Sache ist, und das Außerordentliche

betrifft fast mehr die Seltenheit der Erscheinungen, als die Möglichkeit

derselben. Diese Schwierigkeit läßt sich indessen ziemlich gut heben und

ist zum Teil auch schon gehoben worden. Denn die Vorstellung, die die

Seele des Menschen von sich selbst als einem Geiste durch ein

immaterielles Anschauen hat, indem sie sich in Verhältnis gegen Wesen

von ähnlicher Natur betrachtet, ist von derjenigen ganz verschieden, da

ihr Bewußtsein sich selbst als einen =Menschen= vorstellt durch ein

Bild, das seinen Ursprung aus dem Eindrucke körperlicher Organen hat,

und welches in Verhältnis gegen keine andere als materielle Dinge

vorgestellt wird. Es ist demnach zwar einerlei Subjekt, was der

sichtbaren und unsichtbaren Welt zugleich als ein Glied angehört, aber

nicht ebendieselbe Person, weil die Vorstellungen der einen ihrer

verschiedenen Beschaffenheit wegen keine begleitende Ideen von denen der

andern Welt sind und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch

nicht erinnert wird, und umgekehrt mein Zustand als eines Menschen in

die Vorstellung meiner selbst als eines Geistes gar nicht hineinkommt.

Übrigens mögen die Vorstellungen von der Geisterwelt so klar und

anschauend sein, wie man will,(8) so ist dieses doch nicht hinlänglich,

um mich deren als Mensch bewußt zu werden; wie denn sogar die

Vorstellung seiner selbst (d. i. der Seele) als eines Geistes wohl durch

Schlüsse erworben wird, bei keinem Menschen aber ein anschauender und

Erfahrungsbegriff ist.

(8) Man kann dieses durch eine gewisse Art von zwiefacher

Persönlichkeit, die der Seele selbst in Ansehung dieses Lebens

zukommt, erläutern. Gewisse Philosophen glauben, sich ohne den

mindesten besorglichen Einspruch auf den Zustand des festen Schlafes

berufen zu können, wenn sie die Wirklichkeit dunkeler Vorstellungen

beweisen wollen, da sich doch nichts weiter hievon mit Sicherheit

sagen läßt, als daß wir uns im Wachen keiner von denenjenigen

erinnern, die wir im festen Schlafe etwa mochten gehabt haben, und

daraus nur soviel folgt, daß sie beim Erwachen nicht klar vorgestellt

worden, nicht aber, daß sie auch damals, als wir schliefen, dunkel

waren. Ich vermute vielmehr, daß dieselbe klärer und ausgebreiteter

sein mögen, als selbst die kläresten im Wachen, weil dieses bei der

völligen Ruhe äußerer Sinne von einem so tätigen Wesen als die Seele

ist, zu erwarten ist, wiewohl, da der Körper des Menschen zu der Zeit

nicht mit empfunden ist, beim Erwachen die begleitende Idee desselben

ermangelt, welche den vorigen Zustand der Gedanken als zu

ebenderselben Person gehörig zum Bewußtsein verhelfen könnte. Die

Handlungen einiger Schlafwanderer, welche bisweilen in solchem

Zustande mehr Verstand als sonsten zeigen, ob sie gleich nichts davon

beim Erwachen erinnern, bestätigen die Möglichkeit dessen, was ich vom

festen Schlafe vermute. Die Träume dagegen, das ist, die Vorstellungen

des Schlafenden, deren er sich beim Erwachen erinnert, gehören nicht

hieher. Denn alsdenn schläft der Mensch nicht völlig; er empfindet in

einem gewissen Grade klar und webt seine Geisteshandlungen in die

Eindrücke der äußeren Sinne. Daher er sich ihrer zum Teil nachhero

erinnert, aber auch an ihnen lauter wilde und abgeschmackte Chimären

antrifft, wie sie es denn notwendig sein müssen, da in ihnen Ideen der

Phantasie und die der äußeren Empfindung untereinander geworfen

werden.

Diese Ungleichartigkeit der geistigen Vorstellungen und derer, die zum

leiblichen Leben des Menschen gehören, darf indessen nicht als eine so

große Hindernis angesehen werden, daß sie alle Möglichkeit aufhebe, sich

bisweilen der Einflüsse von seiten der Geisterwelt sogar in diesem Leben

bewußt zu werden. Denn sie können in das persönliche Bewußtsein des

Menschen zwar nicht unmittelbar, aber doch so übergehen, daß sie nach

dem Gesetz der vergesellschafteten Begriffe diejenige Bilder rege

machen, die mit ihnen verwandt sind und analogische Vorstellungen

unserer Sinne erwecken, die wohl nicht der geistige Begriff selber, aber

doch deren Symbolen sind. Denn es ist doch immer ebendieselbe Substanz,

die zu dieser Welt sowohl als zu der andern wie ein Glied gehöret, und

beiderlei Art von Vorstellungen gehören zu demselben Subjekte und sind

miteinander verknüpft. Die Möglichkeit hievon können wir einigermaßen

dadurch faßlich machen, wenn wir betrachten, wie unsere höhere

Vernunftbegriffe, welche sich den geistigen ziemlich nähern,

gewöhnlichermaßen gleichsam ein körperlich Kleid annehmen, um sich in

Klarheit zu setzen. Daher die moralische Eigenschaften der Gottheit

unter den Vorstellungen des Zorns, der Eifersucht, der Barmherzigkeit,

der Rache, u. d. g. vorgestellt werden; daher personifizieren Dichter

die Tugenden, Laster oder andere Eigenschaften der Natur, doch so, daß

die wahre Idee des Verstandes hindurchscheinet; so stellt der Geometra

die Zeit durch eine Linie vor, obgleich Raum und Zeit nur eine

Übereinkunft in Verhältnissen haben und also wohl der Analogie nach,

niemals aber der Qualität nach miteinander übereintreffen; daher nimmt

die Vorstellung der göttlichen Ewigkeit selbst bei Philosophen den

Schein einer unendlichen Zeit an, so sehr wie man sich auch hütet, beide

zu vermengen, und eine große Ursache, weswegen die Mathematiker

gemeiniglich abgeneigt sind, die Leibnizische Monaden einzuräumen, ist

wohl diese, daß sie nicht umhin können, sich an ihnen kleine Klümpchen

vorzustellen. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, daß geistige

Empfindungen in das Bewußtsein übergehen könnten, wenn sie Phantaseien

erregen, die mit ihnen verwandt sind. Auf diese Art würden Ideen, die

durch einen geistigen Einfluß mitgeteilt sind, sich in die Zeichen

derjenigen =Sprache= einkleiden, die der Mensch sonsten im Gebrauch hat,

die empfundene Gegenwart eines Geistes in das Bild einer =menschlichen

Figur=, Ordnung und Schönheit der immateriellen Welt in Phantasien, die

unsere Sinne sonst im Leben vergnügen, u. s. w.

Diese Art der Erscheinungen kann gleichwohl nicht etwas Gemeines und

Gewöhnliches sein, sondern sich nur bei Personen eräugnen, deren

Organen(9) eine ungewöhnlich große Reizbarkeit haben, die Bilder der

Phantasie dem innern Zustande der Seele gemäß durch harmonische Bewegung

mehr zu verstärken, als gewöhnlicherweise bei gesunden Menschen

geschieht und auch geschehen soll. Solche seltsame Personen würden in

gewissen Augenblicken mit der Apparenz mancher Gegenstände als außer

ihnen angefochten sein, welche sie vor eine Gegenwart von geistigen

Naturen halten würden, die auf ihre körperliche Sinne fiele, obgleich

hiebei nur ein Blendwerk der Einbildung vorgeht, doch so, daß die

Ursache davon ein wahrhafter geistiger Einfluß ist, der nicht

unmittelbar empfunden werden kann, sondern sich nur durch verwandte

Bilder der Phantasie, welche den Schein der Empfindungen annehmen, zum

Bewußtsein offenbaret.

(9) Ich verstehe hierunter nicht die Organen der äußeren Empfindung,

sondern das Sensorium der Seele, wie man es nennt, d. i. denjenigen

Teil des Gehirnes, dessen Bewegung die mancherlei Bilder und

Vorstellungen der denkenden Seele zu begleiten pflegt, wie die

Philosophen davor halten.

Die Erziehungsbegriffe oder auch mancherlei sonst eingeschlichene Wahn

würden hiebei ihre Rolle spielen, wo Verblendung mit Wahrheit untermengt

wird, und eine wirkliche geistige Empfindung zwar zum Grunde liegt, die

doch in Schattenbilder der sinnlichen Dinge umgeschaffen worden. Man

wird aber auch zugeben, daß die Eigenschaft, auf solche Weise die

Eindrücke der Geisterwelt in diesem Leben zum klaren Anschauen

auszuwickeln, schwerlich wozu nützen könne; weil dabei die geistige

Empfindung notwendig so genau in das Hirngespenst der Einbildung verwebt

wird, daß es unmöglich sein muß, in derselben das Wahre von den groben

Blendwerken, die es umgeben, zu unterscheiden. Imgleichen würde ein

solcher Zustand, da er ein verändertes Gleichgewicht in den Nerven

voraussetzt, welche sogar durch die Wirksamkeit der bloß geistig

empfindenden Seele in unnatürliche Bewegung versetzet werden, eine

wirkliche Krankheit anzeigen. Endlich würde es gar nicht befremdlich

sein, an einem Geisterseher zugleich einen Phantasten anzutreffen, zum

wenigsten in Ansehung der begleitenden Bilder von diesen seinen

Erscheinungen, weil Vorstellungen, die ihrer Natur nach fremd und mit

denen im leiblichen Zustande des Menschen unvereinbar sind, sich

hervordrängen, und übelgepaarte Bilder in die äußere Empfindung

hereinziehen, wodurch wilde Chimären und wunderliche Fratzen ausgeheckt

werden, die in langem Geschleppe den betrogenen Sinnen vorgaukeln, ob

sie gleich einen wahren geistigen Einfluß zum Grunde haben mögen.

Nunmehro kann man nicht verlegen sein, von denen Gespenstererzählungen,

die den Philosophen so oft in den Weg kommen, imgleichen allerlei

Geistereinflüssen, von denen hie oder da die Rede geht, scheinbare

Vernunftgründe anzugeben. Abgeschiedene Seelen und reine Geister können

zwar niemals unsern äußeren Sinnen gegenwärtig sein, noch sonst mit der

Materie in Gemeinschaft stehen, aber wohl auf den Geist des Menschen,

der mit ihnen zu einer großen Republik gehört, wirken, so, daß die

Vorstellungen, welche sie in ihm erwecken, sich nach dem Gesetze seiner

Phantasei in verwandte Bilder einkleiden und die Apparenz der ihnen

gemäßen Gegenstände als außer ihm erregen. Diese Täuschung kann einen

jeden Sinn betreffen, und so sehr dieselbe auch mit ungereimten

Hirngespinsten untermengt wäre, so dürfte man sich dieses nicht abhalten

lassen, hierunter geistige Einflüsse zu vermuten. Ich würde der

Scharfsichtigkeit des Lesers zu nahe treten, wenn ich mich bei der

Anwendung dieser Erklärungsart noch aufhalten wollte. Denn metaphysische

Hypothesen haben eine so ungemeine Biegsamkeit an sich, daß man sehr

ungeschickt sein müßte, wenn man die gegenwärtige nicht einer jeden

Erzählung bequemen könnte, sogar ehe man ihre Wahrhaftigkeit untersucht

hat, welches in vielen Fällen unmöglich und in noch mehreren sehr

unhöflich ist.

Wenn indessen die Vorteile und Nachteile in einander gerechnet werden,

die demjenigen erwachsen können, der nicht allein vor die sichtbare

Welt, sondern auch vor die unsichtbare in gewissem Grade organisiert

ist, (wofern es jemals einen solchen gegeben hat), so scheint ein

Geschenk von dieser Art demjenigen gleich zu sein, womit JUNO den

TIRESIAS beehrte, die ihn zuvor blind machte, damit sie ihm die Gabe zu

weissagen erteilen könnte. Denn nach den obigen Sätzen zu urteilen, kann

die anschauende Kenntnis der =andern= Welt allhier nur erlangt werden,

indem man etwas von demjenigen Verstande einbüßt, welchen man vor die

=gegenwärtige= nötig hat. Ich weiß auch nicht, ob selbst gewisse

Philosophen gänzlich von dieser harten Bedingung frei sein sollten,

welche so fleißig und vertieft ihre metaphysische Gläser nach jenen

entlegenen Gegenden hinrichten und Wunderdinge von daher zu erzählen

wissen, zum wenigsten mißgönne ich ihnen keine von ihren Entdeckungen;

nur besorge ich, daß ihnen irgendein Mann von gutem Verstande und wenig

Feinigkeit ebendasselbe dürfte zu verstehen geben, was dem TYCHO DE

BRAHE sein Kutscher antwortete, als jener meinte, zur Nachtzeit nach den

Sternen den kürzesten Weg fahren zu können: =Guter Herr, auf den Himmel

mögt Ihr Euch wohl verstehen, hier aber auf der Erde seid Ihr ein Narr.=

Drittes Hauptstück. _Antikabbala. Ein Fragment der gemeinen Philosophie,

die Gemeinschaft mit der Geisterwelt aufzuheben._

ARISTOTELES sagt irgendwo: =Wenn wir wachen, so haben wir eine

gemeinschaftliche Welt, träumen wir aber, so hat ein jeder seine eigne.=

Mich dünkt, man sollte wohl den letzteren Satz umkehren und sagen

können: wenn von verschiedenen Menschen ein jeglicher seine eigene Welt

hat, so ist zu vermuten, daß sie träumen. Auf diesen Fuß, wenn wir die

=Luftbaumeister= der mancherlei Gedankenwelten betrachten, deren

jeglicher die seinige mit Ausschließung anderer ruhig bewohnt,

denjenigen etwa, welcher die Ordnung der Dinge, so wie sie von WOLFFEN

aus wenig Bauzeug der Erfahrung, aber mehr erschlichenen Begriffen

gezimmert oder die, so von CRUSIUS durch die magische Kraft einiger

Sprüche vom =Denklichen= und =Undenklichen= aus Nichts hervorgebracht

worden, bewohnet, so werden wir uns bei dem Widerspruche ihrer Visionen

gedulden, bis diese Herren ausgeträumet haben. Denn wenn sie einmal, so

Gott will, völlig wachen, d. i. zu einem Blicke, der die Einstimmung mit

anderem Menschenverstande nicht ausschließt, die Augen auftun werden, so

wird niemand von ihnen etwas sehen, was nicht jedem andern gleichfalls

bei dem Lichte ihrer Beweistümer augenscheinlich und gewiß erscheinen

sollte, und die Philosophen werden zu derselbigen Zeit eine

gemeinschaftliche Welt bewohnen, dergleichen die Größenlehrer schon

längst innegehabt haben, welche wichtige Begebenheit nicht lange mehr

anstehen kann, woferne gewissen Zeichen und Vorbedeutungen zu trauen

ist, die seit einiger Zeit über dem Horizonte der Wissenschaften

erschienen sind.

In gewisser Verwandtschaft mit den =Träumern= der =Vernunft= stehen die

Träumer der =Empfindung=, und unter dieselbe werden gemeiniglich

diejenige, so bisweilen mit Geistern zu tun haben, gezählt und zwar aus

dem nämlichen Grunde wie die vorigen, weil sie etwas sehen, was kein

anderer gesunder Mensch sieht, und ihre eigene Gemeinschaft mit Wesen

haben, die sich niemanden sonst offenbaren, so gute Sinne er auch haben

mag. Es ist auch die Benennung der Träumereien, wenn man voraussetzt,

daß die gedachte Erscheinungen auf bloße Hirngespenster auslaufen,

insoferne passend, als die eine so gut wie die andere selbst ausgeheckte

Bilder sind, die gleichwohl als wahre Gegenstände die Sinne betrügen;

allein wenn man sich einbildet, daß beide Täuschungen übrigens in ihrer

Entstehungsart sich ähnlich gnug wären, um die Quelle der einen auch zur

Erklärung der andern zureichend zu finden, so betrügt man sich sehr.

Derjenige, der im Wachen sich in Erdichtungen und Chimären, welche seine

stets fruchtbare Einbildung ausheckt, dermaßen vertieft, daß er auf die

Empfindung der Sinne wenig achthat, die ihm jetzt am meisten angelegen

sind, wird mit Recht ein =wachender Träumer= genannt. Denn es dürfen nur

die Empfindungen der Sinne noch etwas mehr in ihrer Stärke nachlassen,

so wird er schlafen, und die vorige Chimären werden wahre Träume sein.

Die Ursache, weswegen sie es nicht schon im Wachen sind, ist diese, weil

er sie zu der Zeit als =in sich=, andere Gegenstände aber, die er

empfindet, als =außer sich= vorstellt, folglich jene zu Wirkungen seiner

eignen Tätigkeit, diese aber zu demjenigen zählet, was er von außen

empfängt und erleidet. Denn hiebei kommt es alles auf das Verhältnis an,

darin die Gegenstände auf ihn selbst als einen Menschen, folglich auch

auf seinen Körper gedacht werden. Daher können die nämliche Bilder ihn

im Wachen wohl sehr beschäftigen, aber nicht betrügen, so klar sie auch

sein mögen. Denn ob er gleich alsdenn eine Vorstellung von sich selbst

und seinem Körper auch im Gehirne hat, gegen die er seine phantastische

Bilder in Verhältnis setzt, so macht doch die wirkliche Empfindung

seines Körpers durch äußere Sinne gegen jene Chimären einen Kontrast

oder Abstechung, um jene als von sich ausgeheckt, diese aber als

empfunden anzusehen. Schlummert er hiebei ein, so erlischt die

empfundene Vorstellung seines Körpers, und es bleibt bloß die

selbstgedichtete übrig, gegen welche die andre Chimären als in äußerer

Verhältnis gedacht werden und auch, solange man schläft, den Träumenden

betrügen müssen, weil keine Empfindung da ist, die in Vergleichung mit

jener das Urbild vom Schattenbilde, nämlich das Äußere vom Innern,

unterscheiden ließe.

Von wachenden Träumern sind demnach die Geisterseher nicht bloß dem

Grade, sondern der Art nach gänzlich unterschieden. Denn diese

referieren im Wachen und oft bei der größten Lebhaftigkeit anderer

Empfindungen gewisse Gegenstände unter die äußerliche Stellen der andern

Dinge, die sie wirklich um sich wahrnehmen, und die Frage ist hie nur,

wie es zugehe, daß sie das Blendwerk ihrer Einbildung außer sich

versetzen und zwar in Verhältnis auf ihren Körper, den sie auch durch

äußere Sinne empfinden. Die große Klarheit ihres Hirngespinstes kann

hievon nicht die Ursache sein; denn es kommt hier auf den Ort an, wohin

es als ein Gegenstand versetzt ist, und daher verlange ich, daß man

zeige, wie die Seele ein solches Bild, was sie doch als =in= sich

enthalten vorstellen sollte, in ein ganz ander Verhältnis, nämlich in

einen Ort =äußerlich= und unter die Gegenstände versetze, die sich ihrer

wirklichen Empfindung darbieten. Auch werde ich mich durch die Anführung

anderer Fälle, die einige Ähnlichkeit mit solcher Täuschung haben und

etwa im fieberhaften Zustande vorfallen, nicht abfertigen lassen; denn

gesund oder krank, wie der Zustand des Betrogenen auch sein mag, so will

man nicht wissen, ob dergleichen auch sonsten geschehe, sondern wie

dieser Betrug möglich sei.

Wir finden aber bei dem Gebrauch der äußeren Sinne, daß über die

Klarheit, darin die Gegenstände vorgestellt werden, man in der

Empfindung auch ihren Ort mit begreife, vielleicht nicht allemal mit

gleicher Richtigkeit, dennoch als eine notwendige Bedingung der

Empfindung, ohne welche es unmöglich wäre, die Dinge als außer uns

vorzustellen. Hiebei wird es sehr wahrscheinlich, daß unsere Seele das

empfundene Objekt dahin in ihrer Vorstellung versetze, wo die

verschiedene Richtungslinien des Eindrucks, die dasselbe gemacht hat,

wenn sie fortgezogen werden, zusammenstoßen. Daher sieht man einen

strahlenden Punkt an demjenigen Orte, wo die von dem Auge in der

Richtung des Einfalls der Lichtstrahlen zurückgezogene Linien sich

schneiden. Dieser Punkt, welchen man den Sehepunkt nennt, ist zwar in

der Wirkung der =Zerstreuungspunkt=, aber in der Vorstellung der

=Sammlungspunkt= der Direktionslinien, nach welchen die Empfindung

eingedrückt wird (_focus imaginarius_). So bestimmt man selbst durch ein

einziges Auge einem sichtbaren Objekte den Ort, wie unter andern

geschieht, wenn das Spektrum eines Körpers vermittelst eines

Hohlspiegels in der Luft gesehen wird, gerade da, wo die Strahlen,

welche aus einem Punkte des Objekts ausfließen, sich schneiden, ehe sie

ins Auge fallen.(10)

(10) So wird das Urteil, welches wir von dem scheinbaren Orte naher

Gegenstände fällen, in der Sehekunst gemeiniglich vorgestellt, und es

stimmt auch sehr gut mit der Erfahrung. Indessen treffen ebendieselbe

Lichtstrahlen, die aus einem Punkte auslaufen, vermöge der Brechung in

den Augenfeuchtigkeiten nicht divergierend auf den Sehenerven, sondern

vereinigen sich daselbst in einem Punkte. Daher, wenn die Empfindung

lediglich in diesem Nerven vorgeht, der _focus imaginarius_ nicht

außer dem Körper, sondern im Boden des Auges gesetzt werden müßte,

welches eine Schwierigkeit macht, die ich jetzt nicht auflösen kann,

und die mit den obigen Sätzen sowohl als mit der Erfahrung unvereinbar

scheint.

Vielleicht kann man ebenso bei den Eindrücken des Schalles, weil dessen

Stöße auch nach geraden Linien geschehen, annehmen, daß die Empfindung

desselben zugleich mit der Vorstellung eines _foci imaginarii_ begleitet

sei, der dahin gesetzt wird, wo die gerade Linien des in Bebung

gesetzten Nervengebäudes, im Gehirne äußerlich fortgezogen,

zusammenstoßen. Denn man bemerkt die Gegend und Weite eines schallenden

Objekts einigermaßen, wenn der Schall gleich leise ist und hinter uns

geschieht, obschon die gerade Linien, die von da gezogen werden können,

eben nicht die Eröffnung des Ohrs treffen, sondern auf andere Stellen

des Haupts fallen, sodaß man glauben muß, die Richtungslinien der

Erschütterung werden in der Vorstellung der Seele äußerlich fortgezogen

und das schallende Objekt in den Punkt ihres Zusammenstoßes versetzt.

Ebendasselbe kann, wie mich dünkt, auch von den übrigen drei Sinnen

gesagt werden, welche sich darin von dem Gesichte und dem Gehör

unterscheiden, daß der Gegenstand der Empfindung mit den Organen in

unmittelbarer Berührung stehet, und die Richtungslinien des sinnlichen

Reizes daher in diesen Organen selbst ihren Punkt der Vereinigung haben.

Um dieses auf die Bilder der Einbildung anzuwenden, so erlaube man mir

dasjenige, was CARTESIUS annahm und die mehresten Philosophen nach ihm

billigten, zum Grunde zu legen: nämlich daß alle Vorstellungen der

Einbildungskraft zugleich mit gewissen Bewegungen in dem Nervengewebe

oder Nervengeiste des Gehirns begleitet sind, welche man _ideas

materiales_ nennt, d. i. vielleicht mit der Erschütterung oder Bebung

des feinen Elements, welches von ihnen abgesondert wird, und die

derjenigen Bewegung ähnlich ist, welche der sinnliche Eindruck machen

könnte, wovon er die Kopie ist. Nun verlange ich aber, mir einzuräumen,

daß der vornehmste Unterscheid der Nervenbewegung in den Phantasien von

der in der Empfindung darin bestehe, daß die Richtungslinien der

Bewegung bei jenem sich innerhalb dem Gehirne, bei diesem aber außerhalb

schneiden; daher, weil der _focus imaginarius_, darin das Objekt

vorgestellt wird, bei den klaren Empfindungen des Wachens außer mir, der

von den Phantasien aber, die ich zu der Zeit etwa habe, in mir gesetzt

wird, ich, solange ich wache, nicht fehlen kann, die Einbildungen als

meine eigene Hirngespinste von dem Eindruck der Sinne zu unterscheiden.

Wenn man dieses einräumt, so dünkt mich, daß ich über diejenige Art von

Störung des Gemüts, die man den Wahnsinn und im höhern Grade die

Verrückung nennt, etwas Begreifliches zur Ursache anführen könne. Das

Eigentümliche dieser Krankheit bestehet darin, daß der verworrene Mensch

bloße Gegenstände seiner Einbildung außer sich versetzt und als wirklich

vor ihm gegenwärtige Dinge ansieht. Nun habe ich gesagt, daß nach der

gewöhnlichen Ordnung die Direktionslinien der Bewegung, die in dem

Gehirne als materielle Hülfsmittel die Phantasie begleiten, sich

innerhalb demselben durchschneiden müssen, und mithin der Ort, darin er

sich seines Bildes bewußt ist, zur Zeit des Wachens in ihm selbst

gedacht werde. Wenn ich also setze, daß durch irgendeinen Zufall oder

Krankheit gewisse Organen des Gehirnes so verzogen und aus ihrem

gehörigen Gleichgewicht gebracht seien, daß die Bewegung der Nerven, die

mit einigen Phantasien harmonisch beben, nach solchen Richtungslinien

geschieht, welche fortgezogen sich außerhalb dem Gehirne durchkreuzen

würden, so ist der _focus imaginarius_ außerhalb dem denkenden Subjekt

gesetzt,(11) und das Bild, welches ein Werk der bloßen Einbildung ist,

wird als ein Gegenstand vorgestellt, der den äußeren Sinnen gegenwärtig

wäre. Die Bestürzung über die vermeinte Erscheinung einer Sache, die

nach der natürlichen Ordnung nicht zugegen sein sollte, wird, obschon

auch anfangs ein solches Schattenbild der Phantasie nur schwach wäre,

bald die Aufmerksamkeit rege machen und der Scheinempfindung eine so

große Lebhaftigkeit geben, die den betrogenen Menschen an der

Wahrhaftigkeit nicht zweifeln läßt. Dieser Betrug kann einen jeden

äußeren Sinn betreffen; denn von jeglichen haben wir kopierte Bilder in

der Einbildung, und die Verrückung des Nervengewebes kann die Ursache

werden, den _focum imaginarium_ dahin zu versetzen, von wo der sinnliche

Eindruck eines wirklich vorhandenen körperlichen Gegenstandes kommen

würde. Es ist alsdenn kein Wunder, wenn der Phantast manches sehr

deutlich zu sehen oder zu hören glaubt, was niemand außer ihm wahrnimmt,

imgleichen wenn diese Hirngespenster ihm erscheinen und plötzlich

verschwinden, oder indem sie etwa einem Sinne, z. E. dem Gesichte,

vorgaukeln, durch keinen andern, wie z. E. das Gefühl, können empfunden

werden und daher durchdringlich scheinen. Die gemeine Geistererzählungen

laufen so sehr auf dergleichen Bestimmungen hinaus, daß sie den Verdacht

ungemein rechtfertigen, sie könnten wohl aus einer solchen Quelle

entsprungen sein. Und so ist auch der gangbare Begriff von =geistigen

Wesen=, den wir oben aus dem gemeinen Redegebrauche herauswickelten,

dieser Täuschung sehr gemäß und verleugnet seinen Ursprung nicht, weil

die Eigenschaft einer durchdringlichen Gegenwart im Raume das

wesentliche Merkmal dieses Begriffes ausmachen soll.

(11) Man könnte als eine entfernte Ähnlichkeit mit dem angeführten

Zufalle die Beschaffenheit der Trunkenen anführen, die in diesem

Zustande mit beiden Augen doppelt sehen, darum weil durch die

Anschwellung der Blutgefäße eine Hindernis entspringt, die Augenachsen

so zu richten, daß ihre verlängerte Linien sich im Punkte, worin das

Objekt ist, schneiden. Ebenso mag die Verziehung der Hirngefäße, die

vielleicht nur vorübergehend ist und, solange sie dauert, nur einige

Nerven betrifft, dazu dienen, daß gewisse Bilder der Phantasie selbst

im Wachen als außer uns erscheinen. Eine sehr gemeine Erfahrung kann

mit dieser Täuschung verglichen werden. Wenn man nach vollbrachten

Schlafe mit einer Gemächlichkeit, die einem Schlummer nahekommt und

gleichsam mit gebrochnen Augen die mancherlei Fäden der Bettvorhänge

oder des Bezuges oder die kleinen Flecken einer nahen Wand ansieht, so

macht man sich daraus leichtlich Figuren von Menschengesichtern und

dergleichen. Das Blendwerk hört auf, sobald man will und die

Aufmerksamkeit anstrengt. Hier ist die Versetzung des _foci

imaginarii_ der Phantasien der Willkür einigermaßen unterworfen, da

sie bei der Verrückung durch keine Willkür kann gehindert werden.

Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß die Erziehungsbegriffe von

Geistergestalten dem kranken Kopfe die Materialien zu den täuschenden

Einbildungen geben, und daß ein von allen solchen Vorurteilen leeres

Gehirn, wenn ihm gleich eine Verkehrtheit anwandelte, wohl nicht so

leicht Bilder von solcher Art aushecken würde. Ferner siehet man daraus

auch, daß, da die Krankheit des Phantasten nicht eigentlich den

Verstand, sondern die Täuschung der Sinne betrifft, der Unglückliche

seine Blendwerke durch kein Vernünfteln heben könne, weil die wahre oder

scheinbare Empfindung der Sinne selbst vor allem Urteil des Verstandes

vorhergeht und eine unmittelbare Evidenz hat, die alle andre Überredung

weit übertrifft.

Die Folge, die sich aus diesen Betrachtungen ergibt, hat dieses

Ungelegene an sich, daß sie die tiefe Vermutungen des vorigen

Hauptstücks entbehrlich macht, und daß der Leser, so bereitwillig er

auch sein mochte, denen idealischen Entwürfen desselben einigen Beifall

einzuräumen, dennoch den Begriff vorziehen wird, welcher mehr

Gemächlichkeit und Kürze im Entscheiden bei sich führet und sich einen

allgemeineren Beifall versprechen kann. Denn außer dem, daß es einer

vernünftigen Denkungsart gemäßer zu sein scheint, die Gründe der

Erklärung aus dem Stoffe herzunehmen, den die Erfahrung uns darbietet,

als sich in schwindlichten Begriffen einer halb dichtenden, halb

schließenden Vernunft zu verlieren, so äußert sich noch dazu auf dieser

Seite einiger Anlaß zum Gespötte, welches, es mag nun gegründet sein

oder nicht, ein kräftigeres Mittel ist als irgend ein anderes, eitele

Nachforschungen zurückzuhalten. Denn auf eine ernsthafte Art über die

Hirngespenster der Phantasten Auslegungen machen zu wollen, gibt schon

eine schlimme Vermutung, und die Philosophie setzt sich in Verdacht,

welche sich in so schlechter Gesellschaft betreffen läßt. Zwar habe ich

oben den Wahnsinn in dergleichen Erscheinung nicht bestritten, vielmehr

ihn, zwar nicht als die Ursache einer eingebildeten Geistergemeinschaft,

doch als eine natürliche Folge derselben damit verknüpfet; allein was

vor eine Torheit gibt es doch, die nicht mit einer bodenlosen

Weltweisheit könnte in Einstimmung gebracht werden? Daher verdenke ich

es dem Leser keinesweges, wenn er, anstatt die Geisterseher vor

Halbbürger der andern Welt anzusehen, sie kurz und gut als Kandidaten

des Hospitals abfertigt und sich dadurch alles weiteren Nachforschens

überhebt. Wenn nun aber alles auf solchen Fuß genommen wird, so muß auch

die Art, dergleichen Adepten des Geisterreichs zu behandeln, von

derjenigen nach den obigen Begriffen sehr verschieden sein, und da man

es sonst nötig fand, bisweilen einige derselben zu =brennen=, so wird es

jetzt gnug sein, sie nur zu =purgieren=. Auch wäre es bei dieser Lage

der Sachen eben nicht nötig gewesen, so weit auszuholen und in dem

fieberhaften Gehirne betrogener Schwärmer durch Hülfe der Metaphysik

Geheimnisse aufzusuchen. Der scharfsichtige HUDIBRAS hätte uns allein

das Rätsel auflösen können; denn nach seiner Meinung: =wenn ein

hypochondrischer Wind in den Eingeweiden tobet, so kommt es darauf an,

welche Richtung er nimmt, geht er abwärts, so wird daraus ein F--,

steigt er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder eine heilige

Eingebung=.

Viertes Hauptstück. _Theoretischer Schluß aus den gesamten Betrachtungen

des ersten Teils._

Die Trüglichkeit einer Wage, die nach bürgerlichen Gesetzen ein Maß der

Handlung sein soll, wird entdeckt, wenn man Ware und Gewichte ihre

Schalen vertauschen läßt, und die Parteilichkeit der Verstandeswage

offenbaret sich durch ebendenselben Kunstgriff, ohne welchen man auch in

philosophischen Urteilen nimmermehr ein einstimmiges Fazit aus den

verglichenen Abwiegungen herausbekommen kann. Ich habe meine Seele von

Vorurteilen gereinigt, ich habe eine jede blinde Ergebenheit vertilgt,

welche sich jemals einschlich, um manchem eingebildeten Wissen in mir

Eingang zu verschaffen. Jetzo ist mir nichts angelegen, nichts

ehrwürdig, als was durch den Weg der Aufrichtigkeit in einem ruhigen und

vor alle Gründe zugänglichem Gemüte Platz nimmt; es mag mein voriges

Urteil bestätigen oder aufheben, mich bestimmen oder unentschieden

lassen. Wo ich etwas antreffe, das mich belehrt, da eigne ich es mir zu.

Das Urteil desjenigen, der meine Gründe widerlegt, ist mein Urteil,

nachdem ich es vorerst =gegen= die Schale der Selbstliebe und nachher in

derselben gegen meine vermeintliche Gründe abgewogen und in ihm einen

größeren Gehalt gefunden habe. Sonst betrachtete ich den allgemeinen

menschlichen Verstand bloß aus dem Standpunkte des meinigen: jetzt setze

ich mich in die Stelle einer fremden und äußeren Vernunft und beobachte

meine Urteile samt ihren geheimsten Anlässen aus dem Gesichtspunkte

anderer. Die Vergleichung beider Beobachtungen gibt zwar starke

Parallaxen, aber sie ist auch das einzige Mittel, den optischen Betrug

zu verhüten und die Begriffe an die wahre Stellen zu setzen, darin sie

in Ansehung der Erkenntnisvermögen der menschlichen Natur stehen. Man

wird sagen, daß dieses eine sehr ernsthafte Sprache sei vor eine so

gleichgültige Aufgabe, als wir abhandeln, die mehr ein Spielwerk als

eine ernstliche Beschäftigung genannt zu werden verdient, und man hat

nicht unrecht, so zu urteilen. Allein ob man zwar über eine Kleinigkeit

keine große Zurüstung machen darf, so kann man sie doch gar wohl bei

Gelegenheit derselben machen, und die entbehrliche Behutsamkeit beim

Entscheiden in Kleinigkeiten kann zum Beispiele in wichtigen Fällen

dienen. Ich finde nicht, daß irgendeine Anhänglichkeit, oder sonst eine

vor der Prüfung eingeschlichene Neigung meinem Gemüte die Lenksamkeit

nach allerlei Gründen vor oder dawider benehme, eine einzige

ausgenommen. Die Verstandeswage ist doch nicht ganz unparteiisch, und

der eine Arm derselben, der die Aufschrift führet: =Hoffnung der

Zukunft=, hat einen mechanischen Vorteil, welcher macht, daß auch

leichte Gründe, welche in die ihm angehörige Schale fallen, die

Spekulationen von an sich größeren Gewichte auf der andern Seite in die

Höhe ziehen. Dieses ist die einzige Unrichtigkeit, die ich nicht wohl

heben kann, und die ich in der Tat auch niemals heben will. Nun gestehe

ich, daß alle Erzählungen vom Erscheinen abgeschiedener Seelen oder von

Geistereinflüssen und alle Theorien von der mutmaßlichen Natur geistiger

Wesen und ihrer Verknüpfung mit uns nur in der Schale der Hoffnung

merklich wiegen; dagegen in der der Spekulation aus lauter Luft zu

bestehen scheinen. Wenn die Ausmittelung der aufgegebenen Frage nicht

mit einer vorher schon entschiedenen Neigung in Sympathie stände,

welcher Vernünftige würde wohl unschlüssig sein, ob er mehr Möglichkeit

darin finden sollte, eine Art Wesen anzunehmen, die mit allem, was ihm

die Sinne lehren, gar nichts Ähnliches haben, als einige angebliche

Erfahrungen dem Selbstbetruge und der Erdichtung beizumessen, die in

mehreren Fällen nicht ungewöhnlich sind.

Ja, dieses scheint auch überhaupt von der Beglaubigung der

Geistererzählungen, welche so allgemeinen Eingang finden, die vornehmste

Ursache zu sein, und selbst die erste Täuschungen von vermeinten

Erscheinungen abgeschiedener Menschen sind vermutlich aus der

schmeichelhaften Hoffnung entsprungen, daß man noch auf irgendeine Art

nach dem Tode übrig sei, da denn bei nächtlichen Schatten oftmals der

Wahn die Sinne betrog und aus zweideutigen Gestalten Blendwerke schuf,

die der vorhergehenden Meinung gemäß waren, woraus denn endlich die

Philosophen Anlaß nahmen, die Vernunftidee von Geistern auszudenken und

sie in Lehrverfassung zu bringen. Man sieht es auch wohl meinem

anmaßlichen Lehrbegriff von der Geistergemeinschaft an, daß er

ebendieselbe Richtung nehme, in den die gemeine Neigung einschlägt. Denn

die Sätze vereinbaren sich sehr merklich nur dahin, um einen Begriff zu

geben, wie der Geist des Menschen aus dieser Welt =herausgehe=,(12)

d. i. vom Zustande nach dem Tode; wie er aber =hineinkomme=, d. i. von

der Zeugung und Fortpflanzung, davon erwähne ich nichts; ja sogar nicht

einmal, wie er in dieser Welt =gegenwärtig= sei, d. i. wie eine

immaterielle Natur in einem Körper und durch denselben wirksam sein

könne; alles um einer sehr gültigen Ursache willen, welche diese ist,

daß ich hievon insgesamt nichts verstehe und folglich mich wohl hätte

bescheiden können, ebenso unwissend in Ansehung des künftigen Zustandes

zu sein, wofern nicht die Parteilichkeit einer Lieblingsmeinung denen

Gründen, die sich darboten, so schwach sie auch sein mochten, zur

Empfehlung gedienet hätte.

(12) Das Sinnbild der alten Ägypter vor die Seele war ein Papillon,

und die griechische Benennung bedeutete ebendasselbe. Man siehet

leicht, daß die Hoffnung, welche aus dem Tode nur eine Verwandlung

macht, eine solche Idee samt ihren Zeichen veranlaßt habe. Indessen

hebt dieses keinesweges das Zutrauen zu der Richtigkeit der hieraus

entsprungenen Begriffe. Unsere innere Empfindung und die darauf

gegründete Urteile des =Vernunftähnlichen= führen, solange sie

unverderbt sind, ebendahin, wo die Vernunft hinleiten würde, wenn sie

erleuchteter und ausgebreiteter wäre.

Ebendieselbe Unwissenheit macht auch, daß ich mich nicht unterstehe, so

gänzlich alle Wahrheit an den mancherlei Geistererzählungen abzuleugnen,

doch mit dem gewöhnlichen, obgleich wunderlichen Vorbehalt, eine jede

einzelne derselben in Zweifel zu ziehen, allen zusammengenommen aber

einigen Glauben beizumessen. Dem Leser bleibt das Urteil frei; was mich

aber anlangt, so ist zum wenigsten der Ausschlag auf die Seite der

Gründe des zweiten Hauptstücks bei mir groß gnug, mich bei Anhörung der

mancherlei befremdlichen Erzählungen dieser Art ernsthaft und

unentschieden zu erhalten. Indessen da es niemals an Gründen der

Rechtfertigung fehlt, wenn das Gemüt vorher eingenommen ist, so will ich

dem Leser mit keiner weiteren Verteidigung dieser Denkungsart

beschwerlich fallen.

Da ich mich jetzt beim Schlusse der Theorie von Geistern befinde, so

unterstehe ich mir noch zu sagen, daß diese Betrachtung, wenn sie von

dem Leser gehörig genutzt wird, alle philosophische Einsicht von

dergleichen Wesen vollende, und daß man davon vielleicht künftighin noch

allerlei =meinen=, niemals aber mehr =wissen= könne. Dieses Vorgeben

klingt ziemlich ruhmredig. Denn es ist gewiß kein den Sinnen bekannter

Gegenstand der Natur, von dem man sagen könnte, man habe ihn durch

Beobachtung oder Vernunft jemals =erschöpft=, wenn es auch ein

Wassertropfen, ein Sandkorn oder etwas noch Einfacheres wäre; so

unermeßlich ist die Mannigfaltigkeit desjenigen, was die Natur in ihren

geringsten Teilen einem so eingeschränkten Verstande wie der menschliche

ist zur Auflösung darbietet. Allein mit dem philosophischen Lehrbegriff

von geistigen Wesen ist es ganz anders bewandt. Er kann vollendet sein,

aber im =negativen= Verstande, indem er nämlich die Grenzen unserer

Einsicht mit Sicherheit festsetzt und uns überzeugt, daß die

verschiedene Erscheinungen des =Lebens= in der Natur und deren Gesetze

alles seien, was uns zu erkennen vergönnet ist, das Principium dieses

Lebens aber, d. i. die geistige Natur, welche man nicht kennet, sondern

vermutet, niemals positiv könne gedacht werden, weil keine Data hiezu in

unseren gesamten Empfindungen anzutreffen seien, und daß man sich mit

Verneinungen behelfen müsse, um etwas von allem Sinnlichen so sehr

Unterschiedenes zu denken, daß aber selbst die Möglichkeit solcher

Verneinungen weder auf Erfahrung, noch auf Schlüssen, sondern auf einer

Erdichtung beruhe, zu der eine von allen Hülfsmitteln entblößte Vernunft

ihre Zuflucht nimmt. Auf diesen Fuß kann die Pneumatologie der Menschen

ein Lehrbegriff ihrer notwendigen Unwissenheit in Absicht auf eine

vermutete Art Wesen genannt werden und als ein solcher der Aufgabe

leichtlich adaequat sein.

Nunmehro lege ich die ganze Materie von Geistern, ein weitläuftig Stück

der Metaphysik, als abgemacht und vollendet beiseite. Sie geht mich

künftig nichts mehr an. Indem ich den Plan meiner Nachforschung auf

diese Art besser zusammenziehe und mich einiger gänzlich vergeblichen

Untersuchungen entschlage, so hoffe ich meine geringe Verstandesfähigkeit

auf die übrige Gegenstände vorteilhafter anlegen zu können.

Es ist mehrenteils umsonst, das kleine Maß seiner Kraft auf alle

windichte Entwürfe ausdehnen zu wollen. Daher gebeut die Klugheit sowohl

in diesem als in andern Fällen, den Zuschnitt der Entwürfe den Kräften

angemessen zu machen und, wenn man das Große nicht füglich erreichen

kann, sich auf das Mittelmäßige einzuschränken.

Der zweite Teil,

welcher historisch ist.

Erstes Hauptstück. _Eine Erzählung, deren Wahrheit der beliebigen

Erkundigung des Lesers empfohlen wird._

Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik · 第 2 / 9 题