HORAT.

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[ Anmerkungen zur Transkription:

Der Text stammt aus: Vorkritische Schriften. Band II. Hg. v.

Artur Buchenau. Berlin: Bruno Cassirer 1912 (= Immanuel Kants

Werke II). S. 329-390 u. 481-484 (Lesarten).

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Träume eines Geistersehers,

erläutert

durch

Träume der Metaphysik.

velut aegri somnia, vanae

Finguntur species.

HORAT.

=Königsberg=

bei Johann Jacob Kanter

1766

Ein Vorbericht,

der sehr wenig vor die Ausführung verspricht.

Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten. Hier finden sie ein

unbegrenztes Land, wo sie sich nach Belieben anbauen können.

Hypochondrische Dünste, Ammenmärchen und Klosterwunder lassen es ihnen

an Bauzeug nicht ermangeln. Die Philosophen zeichnen den Grundriß und

ändern ihn wiederum oder verwerfen ihn, wie ihre Gewohnheit ist. Nur das

heilige Rom hat daselbst einträgliche Provinzen; die zwei Kronen des

unsichtbaren Reichs stützen die dritte, als das hinfällige Diadem seiner

irdischen Hoheit, und die Schlüssel, welche die beide Pforten der andern

Welt auftun, öffnen zugleich sympathetisch die Kasten der gegenwärtigen.

Dergleichen Rechtsame des Geisterreichs, insofern es durch die Gründe

der Staatsklugheit bewiesen ist, erheben sich weit über alle ohnmächtige

Einwürfe der Schulweisen, und ihr Gebrauch oder Mißbrauch ist schon zu

ehrwürdig, als daß er sich einer so verworfenen Prüfung auszusetzen

nötig hätte. Allein die gemeine Erzählungen, die so viel Glauben finden

und wenigstens so schlecht bestritten sind, weswegen laufen die so

ungenützt oder ungeahndet umher und schleichen sich selbst in die

Lehrverfassungen ein, ob sie gleich den Beweis vom Vorteil hergenommen

(_argumentum ab utili_) nicht vor sich haben, welcher der überzeugendste

unter allen ist? Welcher Philosoph hat nicht einmal zwischen den

Beteurungen eines vernünftigen und fest überredeten Augenzeugen und der

inneren Gegenwehr eines unüberwindlichen Zweifels die einfältigste Figur

gemacht, die man sich vorstellen kann? Soll er die Richtigkeit aller

solcher Geistererscheinungen gänzlich ableugnen? Was kann er vor Gründe

anführen, sie zu widerlegen?

Soll er auch nur eine einzige dieser Erzählungen als wahrscheinlich

einräumen? Wie wichtig wäre ein solches Geständnis, und in welche

erstaunliche Folgen sieht man hinaus, wenn auch nur =eine= solche

Begebenheit als bewiesen vorausgesetzet werden könnte! Es ist wohl noch

ein dritter Fall übrig, nämlich sich mit dergleichen vorwitzigen oder

=müßigen= Fragen gar nicht zu bemengen und sich an das =Nützliche= zu

halten. Weil dieser Anschlag aber vernünftig ist, so ist er jederzeit

von gründlichen Gelehrten durch die Mehrheit der Stimmen verworfen

worden.

Da es ebensowohl ein dummes Vorurteil ist, von vielem, das mit einigem

Schein der Wahrheit erzählt wird, ohne Grund =nichts= zu glauben, als

von dem, was das gemeine Gerüchte sagt, ohne Prüfung =alles= zu glauben,

so ließ sich der Verfasser dieser Schrift, um dem ersten Vorurteile

auszuweichen, zum Teil von dem letzteren fortschleppen. Er bekennet mit

einer gewissen Demütigung, daß er so treuherzig war, der Wahrheit

einiger Erzählungen von der erwähnten Art nachzuspüren. Er fand -- -- --

wie gemeiniglich, wo man nichts zu suchen hat -- -- -- er fand nichts.

Nun ist dieses wohl an sich selbst schon eine hinlängliche Ursache, ein

Buch zu schreiben; allein es kam noch dasjenige hinzu, was bescheidenen

Verfassern schon mehrmalen Bücher abgedrungen hat, das ungestüme

Anhalten bekannter und unbekannter Freunde. Überdem war ein großes Werk

gekauft und, welches noch schlimmer ist, gelesen worden, und diese Mühe

sollte nicht verloren sein. Daraus entstand nun die gegenwärtige

Abhandlung, welche, wie man sich schmeichelt, den Leser nach der

Beschaffenheit der Sache völlig befriedigen soll, indem er das

Vornehmste nicht verstehen, das andere nicht glauben, das übrige aber

belachen wird.

Der erste Teil,

welcher dogmatisch ist.

Erstes Hauptstück. _Ein verwickelter metaphysischer Knoten, den man nach

Belieben auflösen oder abhauen kann._

Wenn alles dasjenige, was von Geistern der Schulknabe herbetet, der

große Haufe erzählt und der Philosoph demonstriert, zusammengenommen

wird, so scheinet es keinen kleinen Teil von unserem Wissen auszumachen.

Nichtsdestoweniger getraue ich mich zu behaupten, daß, wenn es jemand

einfiele, sich bei der Frage etwas zu verweilen, was denn das eigentlich

vor ein Ding sei, wovon man unter dem Namen eines =Geistes= so viel zu

verstehen glaubt, er alle diese Vielwisser in die beschwerlichste

Verlegenheit versetzen würde. Das methodische Geschwätz der hohen

Schulen ist oftmals nur ein Einverständnis, durch veränderliche

Wortbedeutungen einer schwer zu lösenden Frage auszuweichen, weil das

bequeme und mehrenteils vernünftige: =Ich weiß nicht=, auf Akademien

nicht leichtlich gehöret wird. Gewisse neuere Weltweisen, wie sie sich

gerne nennen lassen, kommen sehr leicht über diese Frage hinweg. Ein

Geist, heißt es, ist ein Wesen, welches Vernunft hat. So ist es denn

also keine Wundergabe, Geister zu sehen; denn wer Menschen sieht, der

sieht Wesen, die Vernunft haben. Allein, fährt man fort, dieses Wesen,

was im Menschen Vernunft hat, ist nur ein Teil vom Menschen, und dieser

Teil, der ihn belebt, ist ein Geist. Wohlan denn: ehe ihr also beweiset,

daß nur ein geistiges Wesen Vernunft haben könne, so sorget doch, daß

ich zuvörderst verstehe, was ich mir unter einem geistigen Wesen vor

einen Begriff zu machen habe. Diese Selbsttäuschung, ob sie gleich grob

genug ist, um mit halboffenen Augen bemerkt zu werden, ist doch von sehr

begreiflichem Ursprunge. Denn wovon man frühzeitig als ein Kind sehr

viel weiß, davon ist man sicher, späterhin und im Alter nichts zu

wissen, und der Mann der Gründlichkeit wird zuletzt höchstens der

Sophiste seines Jugendwahnes.

Ich weiß also nicht, ob es Geister gebe, ja, was noch mehr ist, ich weiß

nicht einmal, was das Wort =Geist= bedeute. Da ich es indessen oft

selbst gebraucht oder andere habe brauchen hören, so muß doch etwas

darunter verstanden werden, es mag nun dieses Etwas ein Hirngespinst

oder was Wirkliches sein. Um diese versteckte Bedeutung auszuwickeln, so

halte ich meinen schlecht verstandenen Begriff an allerlei Fälle der

Anwendung und dadurch, daß ich bemerke, auf welchen er trifft und

welchem er zuwider ist, verhoffe ich, dessen verborgenen Sinn zu

entfalten.(1)

(1) Wenn der Begriff eines Geistes von unsern eignen Erfahrungsbegriffen

abgesondert wäre, so würde das Verfahren, ihn deutlich zu

machen leicht sein, indem man nur diejenigen Merkmale anzuzeigen

hätte, welche uns die Sinne an dieser Art Wesen offenbareten,

und wodurch wir sie von materiellen Dingen unterscheiden.

Nun aber wird von Geistern geredet, selbst alsdenn, wenn

man zweifelt, ob es gar dergleichen Wesen gebe. Also kann der

Begriff von der geistigen Natur nicht als ein von der Erfahrung

abstrahierter behandelt werden. Fragt ihr aber: Wie ist man denn zu

diesem Begriff überhaupt gekommen, wenn es nicht durch Abstraktion

geschehen ist? Ich antworte: Viele Begriffe entspringen durch geheime

und dunkele Schlüsse bei Gelegenheit der Erfahrungen und pflanzen sich

nachher auf andere fort ohne Bewußtsein der Erfahrung selbst oder des

Schlusses, welcher den Begriff über dieselbe errichtet hat. Solche

Begriffe kann man =erschlichene= nennen. Dergleichen sind viele, die

zum Teil nichts als ein Wahn der Einbildung, zum Teil auch wahr sind,

indem auch dunkele Schlüsse nicht immer irren. Der Redegebrauch und

die Verbindung eines Ausdrucks mit verschiedenen Erzählungen, in denen

jederzeit einerlei Hauptmerkmal anzutreffen ist, geben ihm eine

bestimmte Bedeutung, welche folglich nur dadurch kann entfaltet

werden, daß man diesen versteckten Sinn durch eine Vergleichung mit

allerlei Fällen der Anwendung, die mit ihm einstimmig sind oder ihm

widerstreiten, aus seiner Dunkelheit hervorzieht.

Nehmet etwa einen Raum von einem Kubikfuß und setzet, es sei etwas, das

diesen Raum erfüllt, d. i. dem Eindringen jedes andern Dinges

widerstehet, so wird niemand das Wesen, was auf solche Weise im Raum

ist, =geistig= nennen. Es würde offenbar =materiell= heißen, weil es

ausgedehnt, undurchdringlich und wie alles Körperliche der Teilbarkeit

und den Gesetzen des Stoßes unterworfen ist. Bis dahin sind wir noch auf

dem gebähnten Gleise anderer Philosophen. Allein denket euch ein

einfaches Wesen und gebet ihm zugleich Vernunft; wird dies alsdenn die

Bedeutung des Wortes =Geist= gerade ausfüllen? Damit ich dieses

entdecke, so will ich die Vernunft dem besagten einfachen Wesen als eine

=innere= Eigenschaft lassen, vor jetzo es aber nur in =äußeren=

Verhältnissen betrachten. Und nunmehro frage ich: wenn ich diese

einfache Substanz in jenen Raum vom Kubikfuß, der voll Materie ist,

setzen will, wird alsdenn ein einfaches Element derselben den Platz

räumen müssen, damit ihn dieser Geist erfülle? Meinet ihr, ja? Wohlan,

so wird der gedachte Raum, um einen zweiten Geist einzunehmen, ein

zweites Elementarteilchen verlieren müssen, und so wird endlich, wenn

man fortfährt, ein Kubikfuß Raum von Geistern erfüllet sein, deren

Klumpe ebensowohl durch Undurchdringlichkeit widerstehet, als wenn er

voll Materie wäre, und ebenso wie diese der Gesetze des Stoßes fähig

sein muß. Nun würden aber dergleichen Substanzen, ob sie gleich in sich

Vernunftkraft haben mögen, doch äußerlich von den Elementen der Materie

gar nicht unterschieden sein, bei denen man auch nur die Kräfte ihrer

äußeren Gegenwart kennet und, was zu ihren inneren Eigenschaften gehören

mag, gar nicht weiß. Es ist also außer Zweifel, daß eine solche Art

einfacher Substanzen nicht geistige Wesen heißen würden, davon Klumpen

zusammengeballet werden könnten. Ihr werdet also den Begriff eines

Geistes nur beibehalten können, wenn ihr euch Wesen gedenkt, die sogar

in einem von Materie erfüllten Raume gegenwärtig sein können;(2) Wesen

also, welche die Eigenschaft der Undurchdringlichkeit nicht an sich

haben, und deren so viele, als man auch will, vereinigt niemals ein

solides Ganze ausmachen. Einfache Wesen von dieser Art werden

immaterielle Wesen und, wenn sie Vernunft haben, Geister genannt werden.

Einfache Substanzen aber, deren Zusammensetzung ein undurchdringliches

und ausgedehntes Ganze gibt, werden materielle Einheiten, ihr Ganzes

aber Materie heißen. Entweder der Name eines Geistes ist ein Wort ohne

allen Sinn, oder seine Bedeutung ist die angezeigte.

(2) Man wird hier leichtlich gewahr, daß ich nur von Geistern, die als

Teile zum Weltganzen gehören und nicht von dem unendlichen Geiste

rede, der der Urheber und Erhalter desselben ist. Denn der Begriff von

der geistigen Natur des letzteren ist leicht, weil er lediglich

negativ ist und darin besteht, daß man die Eigenschaften der Materie

an ihm verneinet, die einer unendlichen und schlechterdings

notwendigen Substanz widerstreiten. Dagegen bei einer geistigen

Substanz, die mit der Materie in Vereinigung sein soll, wie z. E. der

menschlichen Seele, äußert sich die Schwierigkeit, daß ich eine

wechselseitige Verknüpfung derselben mit körperlichen Wesen zu einem

Ganzen denken und dennoch die einzige bekannte Art der Verbindung,

welche unter materiellen Wesen stattfindet, aufheben soll.

Von der Erklärung, was der Begriff eines Geistes enthalte, ist der

Schritt noch ungemein weit zu dem Satze, daß solche Naturen wirklich, ja

auch nur möglich seien. Man findet in den Schriften der Philosophen

recht gute Beweise, darauf man sich verlassen kann, daß alles, was da

denkt, einfach sein müsse, daß eine jede vernünftigdenkende Substanz

eine Einheit der Natur sei, und das unteilbare Ich nicht könne in einem

Ganzen von viel verbundenen Dingen verteilt sein. Meine Seele wird also

eine einfache Substanz sein. Aber es bleibt durch diesen Beweis noch

immer unausgemacht, ob sie von der Art derjenigen sei, die in dem Raume

vereinigt ein ausgedehntes und undurchdringliches Ganze geben und also

materiell oder ob sie immateriell und folglich ein Geist sei, ja sogar,

ob eine solche Art Wesen als diejenige, so man =geistige= nennet, nur

möglich sei.

Und hiebei kann ich nicht umhin, vor übereilte Entscheidungen zu warnen,

welche in den tiefsten und dunkelsten Fragen sich am leichtesten

eindringen. Was nämlich zu den gemeinen Erfahrungsbegriffen gehört, das

pflegt man gemeiniglich so anzusehen, als ob man auch seine Möglichkeit

einsehe. Dagegen was von ihnen abweicht und durch keine Erfahrung, auch

nicht einmal der Analogie nach, verständlich gemacht werden kann, davon

kann man sich freilich keinen Begriff machen, und darum pflegt man es

gerne als unmöglich sofort zu verwerfen. Alle Materie widerstehet in dem

Raume ihrer Gegenwart und heißt darum undurchdringlich. Daß dieses

geschehe, lehrt die Erfahrung, und die Abstraktion von dieser Erfahrung

bringt in uns auch den allgemeinen Begriff der Materie hervor. Dieser

Widerstand aber, den Etwas in dem Raume seiner Gegenwart leistet, ist

auf solche Weise wohl =erkannt=, allein darum nicht =begriffen=. Denn es

ist derselbe, sowie alles, was einer Tätigkeit entgegenwirkt, eine wahre

Kraft, und da ihre Richtung derjenigen entgegensteht, wornach die

fortgezogne Linien der =Annäherung= zielen, so ist sie eine Kraft der

=Zurückstoßung=, welche der Materie und folglich auch ihren Elementen

muß beigeleget werden. Nun wird sich ein jeder Vernünftiger bald

bescheiden, daß hier die menschliche Einsicht zu Ende sei. Denn nur

durch die Erfahrung kann man innewerden, daß Dinge der Welt, welche wir

=materiell= nennen, eine solche Kraft haben, niemals aber die

Möglichkeit derselben begreifen. Wenn ich nun Substanzen anderer Art

setze, die mit andern Kräften im Raume gegenwärtig sind, als mit jener

=treibenden= Kraft, deren Folge die Undurchdringlichkeit ist, so kann

ich freilich eine Tätigkeit derselben, welche keine Analogie mit meinen

Erfahrungsvorstellungen hat, gar nicht _in concreto_ denken, und indem

ich ihnen die Eigenschaft nehme, den Raum, in dem sie wirken, zu

=erfüllen=, so stehet mir ein Begriff ab, wodurch mir sonsten die Dinge

denklich sind, welche in meine Sinne fallen, und es muß daraus notwendig

eine Art von Undenklichkeit entspringen. Allein diese kann darum nicht

als eine erkannte Unmöglichkeit angesehen werden, eben darum weil das

Gegenteil seiner Möglichkeit nach gleichfalls uneingesehen bleiben wird,

obzwar dessen Wirklichkeit in die Sinne fällt.

Man kann demnach die Möglichkeit immaterieller Wesen annehmen ohne

Besorgnis widerlegt zu werden, wiewohl auch ohne Hoffnung, diese

Möglichkeit durch Vernunftgründe beweisen zu können. Solche geistige

Naturen würden im Raume gegenwärtig sein, sodaß derselbe demungeachtet

vor körperliche Wesen immer durchdringlich bliebe, weil ihre Gegenwart

wohl eine =Wirksamkeit= im Raume, aber nicht dessen =Erfüllung=, d. i.

einen Widerstand als den Grund der Solidität enthielte. Nimmt man nun

eine solche =einfache= geistige Substanz an, so würde man unbeschadet

ihrer Unteilbarkeit sagen können, daß der Ort ihrer unmittelbaren

Gegenwart nicht ein Punkt, sondern selbst ein Raum sei. Denn um die

Analogie zu Hülfe zu rufen, so müssen notwendig selbst die einfachen

Elemente der Körper ein jegliches ein Räumchen in dem Körper erfüllen,

der ein proportionierter Teil seiner ganzen Ausdehnung ist, weil Punkte

gar nicht Teile, sondern Grenzen des Raumes sind. Da diese Erfüllung des

Raumes vermittelst einer wirksamen Kraft (der Zurückstoßung) geschieht

und also nur einen Umfang der größeren Tätigkeit, nicht aber eine

Vielheit der Bestandteile des wirksamen Subjekts anzeigt, so

widerstreitet sie gar nicht der einfachen Natur desselben, obgleich

freilich die Möglichkeit hievon nicht weiter kann deutlich gemacht

werden, welches niemals bei den ersten Verhältnissen der Ursachen und

Wirkungen angeht. Ebenso wird mir zum wenigsten keine erweisliche

Unmöglichkeit entgegenstehen, obschon die Sache selbst unbegreiflich

bleibt, wenn ich behaupte, daß eine geistige Substanz, ob sie gleich

einfach ist, dennoch einen Raum =einnehme=, (d. i. in ihm unmittelbar

tätig sein könne), ohne ihn zu =erfüllen=, (d. i. materiellen Substanzen

darin Widerstand zu leisten). Auch würde eine solche immaterielle

Substanz nicht ausgedehnt genannt werden müssen, so wenig wie es die

Einheiten der Materie sind; denn nur dasjenige, was abgesondert von

allem und =vor sich= allein existierend einen Raum einnimmt, ist

=ausgedehnt=; die Substanzen aber, welche Elemente der Materie sind,

nehmen einen Raum nur durch die =äußere= Wirkung in andere ein, vor sich

besonders aber, wo keine andre Dinge in Verknüpfung mit ihnen gedacht

werden, und da in ihnen selbst auch nichts außereinander Befindliches

anzutreffen ist, enthalten sie keinen Raum. Dieses gilt von

Körperelementen. Dieses würde auch von geistigen Naturen gelten. Die

Grenzen der Ausdehnung bestimmen die Figur. An ihnen würde also keine

Figur gedacht werden können. Dieses sind schwer einzusehende Gründe der

vermuteten Möglichkeit immaterieller Wesen in dem Weltganzen. Wer im

Besitze leichterer Mittel ist, die zu dieser Einsicht führen können, der

versage seinen Unterricht einem Lehrbegierigen nicht, vor dessen Augen

im Fortschritt der Untersuchung sich öfters Alpen erheben, wo andere

einen ebenen und gemächlichen Fußsteig vor sich sehen, den sie

fortwandern oder zu wandern glauben.

Gesetzt nun, man hätte bewiesen, die Seele des Menschen sei ein Geist,

(wiewohl aus dem vorigen zu sehen ist, daß ein solcher Beweis noch

niemals geführet worden), so würde die nächste Frage, die man tun

könnte, etwa diese sein: Wo ist der Ort dieser menschlichen Seele in der

Körperwelt? Ich würde antworten: Derjenige Körper, dessen Veränderungen

=meine= Veränderungen sind, dieser Körper ist =mein= Körper, und der Ort

desselben ist zugleich =mein Ort=. Setzet man die Frage weiter fort: Wo

ist denn =dein= Ort (der Seele) in diesem Körper, so würde ich etwas

Verfängliches in dieser Frage vermuten. Denn man bemerkt leicht, daß

darin etwas schon vorausgesetzet werde, was nicht durch Erfahrung

bekannt ist, sondern vielleicht auf eingebildeten Schlüssen beruhet,

nämlich daß mein denkendes Ich in einem Orte sei, der von den Örtern

anderer Teile desjenigen Körpers, der zu meinem Selbst gehöret,

unterschieden wäre. Niemand aber ist sich eines besondern Orts in seinem

Körper unmittelbar bewußt, sondern desjenigen, den er als Mensch in

Ansehung der Welt umher einnimmt. Ich würde mich also an der gemeinen

Erfahrung halten und vorläufig sagen: Wo ich empfinde, da =bin= ich. Ich

bin ebenso unmittelbar in der Fingerspitze wie in dem Kopfe. Ich bin es

selbst, der in der Ferse leidet und welchem das Herz im Affekte klopft.

Ich fühle den schmerzhaften Eindruck nicht an einer Gehirnnerve, wenn

mich mein Leichdorn peinigt, sondern am Ende meiner Zehen. Keine

Erfahrung lehrt mich einige Teile meiner Empfindung von mir vor entfernt

zu halten, mein unteilbares Ich in ein mikroskopisch kleines Plätzchen

des Gehirnes zu versperren, um von da aus den Hebezeug meiner

Körpermaschine in Bewegung zu setzen oder dadurch selbst getroffen zu

werden. Daher würde ich einen strengen Beweis verlangen, um dasjenige

ungereimt zu finden, was die Schullehrer sagten: =Meine Seele ist ganz

im ganzen Körper und ganz in jedem seiner Teile.= Der gesunde Verstand

bemerkt oft die Wahrheit eher, als er die Gründe einsiehet, dadurch er

sie beweisen oder erläutern kann. Der Einwurf würde mich auch nicht

gänzlich irre machen, wenn man sagte, daß ich auf solche Art die Seele

ausgedehnt und durch den ganzen Körper verbreitet gedächte, so ohngefähr

wie sie den Kindern in der =gemalten Welt= abgebildet wird. Denn ich

würde diese Hindernis dadurch wegräumen, daß ich bemerkte, die

unmittelbare Gegenwart in einem ganzen Raume beweise nur eine Sphäre der

äußeren Wirksamkeit, aber nicht eine Vielheit innerer Teile, mithin auch

keine Ausdehnung oder Figur, als welche nur stattfinden, wenn in einem

Wesen =vor sich allein gesetzt= ein Raum ist, d. i. Teile anzutreffen

sind, die sich außerhalb einander befinden. Endlich würde ich entweder

dieses wenige von der geistigen Eigenschaft meiner Seele wissen oder,

wenn man es nicht einwilligte, auch zufrieden sein, davon gar nichts zu

wissen.

Wollte man diesen Gedanken die Unbegreiflichkeit oder, welches bei den

meisten vor einerlei gilt, ihre Unmöglichkeit vorrücken, so könnte ich

es auch geschehen lassen. Alsdenn würde ich mich zu den Füßen dieser

Weisen niederlassen, um sie also reden zu hören: Die Seele des Menschen

hat ihren Sitz im Gehirne, und ein unbeschreiblich kleiner Platz in

demselben ist ihr Aufenthalt.(3) Daselbst empfindet sie wie die Spinne

im Mittelpunkte ihres Gewebes. Die Nerven des Gehirnes stoßen oder

erschüttern sie, dadurch verursachen sie aber, daß nicht dieser

unmittelbare Eindruck, sondern der, so auf ganz entlegene Teile des

Körpers geschieht, jedoch als ein außerhalb dem Gehirne gegenwärtiges

Objekt vorgestellet wird. Aus diesem Sitze bewegt sie auch die Seile und

Hebel der ganzen Maschine und verursacht willkürliche Bewegungen nach

ihrem Belieben. Dergleichen Sätze lassen sich nur sehr seichte oder gar

nicht beweisen und, weil die Natur der Seele im Grunde nicht bekannt

gnug ist, auch nur ebenso schwach widerlegen. Ich würde also mich in

keine Schulgezänke einlassen, wo gemeiniglich beide Teile alsdenn am

meisten zu sagen haben, wenn sie von ihrem Gegenstande gar nichts

verstehen; sondern ich würde lediglich den Folgerungen nachgehen, auf

die mich eine Lehre von dieser Art leiten kann. Weil also nach denen mir

angepriesenen Sätzen meine Seele, in der Art wie sie im Raume

gegenwärtig ist, von jedem Element der Materie nicht unterschieden wäre,

und die Verstandeskraft eine innere Eigenschaft ist, welche ich in

diesen Elementen doch nicht wahrnehmen könnte, wenngleich selbige in

ihnen allen angetroffen würde, so könnte kein tauglicher Grund

angeführet werden, weswegen nicht meine Seele eine von den Substanzen

sei, welche die Materie ausmachen, und warum nicht ihre besondere

Erscheinungen lediglich von dem Orte herrühren sollten, den sie in einer

künstlichen Maschine, wie der tierische Körper ist, einnimmt, wo die

Nervenvereinigung der inneren Fähigkeit des Denkens und der Willkür

zustatten kommt. Alsdenn aber würde man kein eigentümliches Merkmal der

Seele mehr mit Sicherheit erkennen, welches sie von dem rohen

Grundstoffe der körperlichen Naturen unterschiede, und LEIBNIZENS

scherzhafter Einfall, nach welchem wir vielleicht im Kaffee Atomen

verschluckten, woraus Menschenseelen werden sollen, wäre nicht mehr ein

Gedanke zum Lachen. Würde aber auf solchen Fall dieses denkende Ich

nicht dem gemeinen Schicksale materieller Naturen unterworfen sein und,

wie es durch den Zufall aus dem Chaos aller Elemente gezogen worden, um

eine tierische Maschine zu beleben, warum sollte es, nachdem diese

zufällige Vereinigung aufgehört hat, nicht auch künftig dahin wiederum

zurückkehren? Es ist bisweilen nötig, den Denker, der auf unrechtem Wege

ist, durch die Folgen zu erschrecken, damit er aufmerksamer auf die

Grundsätze werde, durch welche er sich gleichsam träumend hat fortführen

lassen.

(3) Man hat Beispiele von Verletzungen, dadurch ein guter Teil des

Gehirns verloren worden, ohne daß es dem Menschen das Leben oder die

Gedanken gekostet hat. Nach der gemeinen Vorstellung, die ich hier

anführe, würde ein Atomus desselben haben dürfen entführt oder aus der

Stelle gerückt werden, um in einem Augenblick den Menschen zu

entseelen. Die herrschende Meinung, der Seele einen Platz im Gehirne

anzuweisen, scheinet hauptsächlich ihren Ursprung darin zu haben, daß

man bei starkem Nachsinnen deutlich fühlt, daß die Gehirnnerven

angestrengt werden. Allein wenn dieser Schluß richtig wäre, so würde

er auch noch andere Örter der Seele beweisen. In der Bangigkeit oder

der Freude scheint die Empfindung ihren Sitz im Herzen zu haben. Viele

Affekten, ja die mehresten, äußern ihre Hauptstärke im Zwerchfell. Das

Mitleiden bewegt die Eingeweide, und andre Instinkte äußern ihren

Ursprung und Empfindsamkeit in andern Organen. Die Ursache, die da

macht, daß man die =nachdenkende= Seele vornehmlich im Gehirne zu

empfinden glaubt, ist vielleicht diese. Alles Nachsinnen erfordert die

Vermittelung der =Zeichen= vor die zu erweckende Ideen, um in deren

Begleitung und Unterstützung diesen den erforderlichen Grad Klarheit

zu geben. Die Zeichen unserer Vorstellungen aber sind vornehmlich

solche, die entweder durchs Gehör oder das Gesicht empfangen sind,

welche beide Sinne durch die Eindrücke im Gehirne bewegt werden, indem

ihre Organen auch diesem Teile am nächsten liegen. Wenn nun die

Erweckung dieser Zeichen, welche =Cartesius= _ideas materiales_ nennt,

eigentlich eine Reizung der Nerven zu einer ähnlichen Bewegung mit

derjenigen ist, welche die Empfindung ehedem hervorbrachte, so wird

das Gewebe des Gehirns im Nachdenken vornehmlich genötiget werden, mit

vormaligen Eindrücken harmonisch zu beben und dadurch ermüdet werden.

Denn wenn das Denken zugleich affektvoll ist, so empfindet man nicht

allein Anstrengungen des Gehirnes, sondern zugleich Angriffe der

reizbaren Teile, welche sonst mit den Vorstellungen der in

Leidenschaft versetzten Seele in Sympathie stehen.

Ich gestehe, daß ich sehr geneigt sei, das Dasein immaterieller Naturen

in der Welt zu behaupten und meine Seele selbst in die Klasse dieser

Wesen zu versetzen.(4) Alsdenn aber, wie geheimnisvoll wird nicht die

Gemeinschaft zwischen einem Geiste und einem Körper? Aber wie natürlich

ist nicht zugleich diese Unbegreiflichkeit, da unsere Begriffe äußerer

Handlungen von denen der Materie abgezogen worden und jederzeit mit den

Bedingungen des Druckes oder Stoßes verbunden sind, die hier nicht

stattfinden? Denn wie sollte wohl eine immaterielle Substanz der Materie

im Wege liegen, damit diese in ihrer Bewegung auf einen Geist stoße, und

wie können körperliche Dinge Wirkungen auf ein fremdes Wesen ausüben,

das ihnen nicht Undurchdringlichkeit entgegenstellet, oder welches sie

auf keine Weise hindert, sich in demselben Raume, darin es gegenwärtig

ist, zugleich zu befinden? Es scheinet, ein geistiges Wesen sei der

Materie innigst gegenwärtig, mit der es verbunden ist und wirke nicht

auf diejenige Kräfte der Elemente, womit diese untereinander in

Verhältnissen sind, sondern auf das innere Principium ihres Zustandes.

Denn eine jede Substanz, selbst ein einfaches Element der Materie muß

doch irgend eine innere Tätigkeit als den Grund der äußerlichen

Wirksamkeit haben, wenn ich gleich nicht anzugeben weiß, worin solche

bestehe.(5) Andererseits würde bei solchen Grundsätzen die Seele auch in

diesen innern Bestimmungen als Wirkungen den Zustand des Universum

anschauend erkennen, der die Ursache derselben ist. Welche Notwendigkeit

aber verursache, daß ein Geist und ein Körper zusammen Eines ausmache,

und welche Gründe bei gewissen Zerstörungen diese Einheit wiederum

aufheben, diese Fragen übersteigen nebst verschiedenen andern sehr weit

meine Einsicht, und wie wenig ich auch sonst dreiste bin, meine

Verstandesfähigkeit an den Geheimnissen der Natur zu messen, so bin ich

gleichwohl zuversichtlich gnug, keinen noch so fürchterlich

ausgerüsteten Gegner zu scheuen, (wenn ich sonsten einige Neigung zum

Streiten hätte), um in diesem Falle mit ihm den Versuch der Gegengründe

im =Widerlegen= zu machen, der bei den Gelehrten eigentlich die

Geschicklichkeit ist, einander das Nichtwissen zu demonstrieren.

(4) Der Grund hievon, der mir selbst sehr dunkel ist und

wahrscheinlicherweise auch wohl so bleiben wird, trifft zugleich auf

das empfindende Wesen in den Tieren. Was in der Welt ein Principium

des =Lebens= enthält, scheint immaterieller Natur zu sein. Denn alles

=Leben= beruhet auf dem inneren Vermögen, sich selbst nach =Willkür=

zu bestimmen. Da hingegen das wesentliche Merkmal der Materie in der

Erfüllung des Raumes durch eine notwendige Kraft bestehet, die durch

äußere Gegenwirkung beschränkt ist; daher der Zustand alles dessen,

was materiell ist, äußerlich =abhangend= und =gezwungen= ist,

diejenige Naturen aber, die =selbst tätig= und aus ihrer innern Kraft

wirksam den Grund des Lebens enthalten sollen, kurz diejenige, deren

eigene Willkür sich von selber zu bestimmen und zu verändern vermögend

ist, schwerlich materieller Natur sein können. Man kann

vernünftigerweise nicht verlangen, daß eine so unbekannte Art Wesen,

die man mehrenteils nur hypothetisch erkennt, in den Abteilungen ihrer

verschiedenen Gattungen sollte begriffen werden; zum wenigsten sind

diejenige immaterielle Wesen, die den Grund des tierischen Lebens

enthalten, von denenjenigen unterschieden, die in ihrer

Selbsttätigkeit Vernunft begreifen und Geister genannt werden.

(5) =Leibniz= sagte, dieser innere Grund aller seiner äußeren

Verhältnisse und ihrer Veränderungen sei eine =Vorstellungskraft=, und

spätere Philosophen empfingen diesen unausgeführten Gedanken mit

Gelächter. Sie hätten aber nicht übel getan, wenn sie vorhero bei sich

überlegt hätten, ob denn eine Substanz, wie ein einfacher Teil der

Materie ist, ohne allem inneren Zustande möglich sei, und wenn sie

denn diesen etwa nicht ausschließen wollten, so würde ihnen obgelegen

haben, irgend einen andern möglichen innern Zustand zu ersinnen als

den der Vorstellungen und der Tätigkeiten, die von ihnen abhängend

sind. Jedermann sieht von selber, daß, wenn man auch den einfachen

Elementarteilen der Materie ein Vermögen dunkler Vorstellungen

zugesteht, daraus noch keine Vorstellungskraft der Materie selbst

erfolge, weil viel Substanzen von solcher Art, in einem Ganzen

verbunden, doch niemals eine denkende Einheit ausmachen können.

Zweites Hauptstück. _Ein Fragment der geheimen Philosophie, die

Gemeinschaft mit der Geisterwelt zu eröffnen._

Der Initiat hat schon den groben und an den äußerlichen Sinnen klebenden

Verstand zu höhern und abgezogenen Begriffen gewöhnt, und nun kann er

geistige und von körperlichen Zeuge enthüllete Gestalten in derjenigen

Dämmerung sehen, womit das schwache Licht der Metaphysik das Reich der

Schatten sichtbar macht. Wir wollen daher nach der beschwerlichen

Vorbereitung, welche überstanden ist, uns auf den gefährlichen Weg

wagen.

Ibant obscuri sola sub nocte per umbras,

Perque domos Ditis vacuas et inania regna.

Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik · 第 1 / 9 题