Der Gebieter des Himmels ließ sein Donnerwort ergehen, und wie glänzend
gefiederte Schwäne im Sturm eilten die gehorsamen Heerscharen vor seinen
unvergänglichen Thron. Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach
zu ihm:
Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde
gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich maßlos. Schwer ist es, zu wissen,
ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der
Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust
gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du
scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten den
Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um
den Übeltäter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den
Unscheinbaren, der in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in
seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die Rechte
tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn
erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag
zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewährt sein und Aufschub
des letzten Gerichts.
Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn gewaltige
Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner großen Schönheit die
erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen.
* * * * *
In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere Beamte der Stadt,
Notabilitäten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig
aussehenden Menschen, der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen
schien, waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch seiner
nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen Zwang
aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, dem Anschein nach
ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt
Lieferungsgeschäfte anzutragen.
Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags.
Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst den meisten. Still verhielt
sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er
bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen
Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren
schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war
sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine
festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den
Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet
Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen
war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt
hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt
nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren melden. Auch
die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen konnten, ergingen sich breit
im Nachgenuß martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod;
erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre
gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt hatte.
Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach davon, wie man
Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, überall Raum, Weite, Luft,
Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlössern,
Fahrten ins Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen
Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzählen wollte! Wie es
wohltat, sich der Fülle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und
herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte
ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen
lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglühen.
Siebold sollte laut bestätigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun
imstande war, daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder
sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen?
Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt. Er
liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu beschäftigen. Ihm lag der
gestrige Tag schon fern. Unter den fragenden Blicken der Tischgenossen
stiegen wohl Bilder aus entlegenen Gehirnschächten empor, aber es
gestaltete sich keines. In den Jahren, er zählte die Jahre nicht, waren
sie ihm abhanden gekommen, kaum daß er sie noch als eigenen Besitz
erkannte. Blasse Farben, schattenhafte Figuren, verhallte Worte. Was
berührte einen daran? Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein
einziges an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate draußen gewesen;
kleiner Fähnrich, freudlos wie tausende. Man hatte ihn darnach in ein
Proviantlager geschickt, und als er dort erkrankt, war er auf seinen
Platz im Amt zurückgekehrt, wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger
Ferienausflug gewesen wäre.
Es dünkte ihn aber, daß ihn Offizial Erbegast sticheln wollte. Auch die
übrigen betrachteten ihn mit ironischen Blicken, als trauten sie ihm
besondere Erlebnisse nicht zu und hegten nicht einmal die Erwartung, daß
er sich zu solchen bekenne. Das verdroß ihn. Sein bedrohtes
Selbstbewußtsein richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die
Notwendigkeit, den spöttischen Zweiflern Achtung abzuringen und forschte
in seinem Gedächtnis. Nicht vergeblich; die verkniffene Miene erhellte
sich; ein Vorfall fiel ihm ein, bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er
sich der Einzelheiten nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, ehe
seine Erzählung in verständlichen Fluß kam. Doch die Zuhörer zeigten
Geduld, und so hatte er Muße, der schwerfälligen Erinnerung den Verlauf
abzuzwingen.
Die Geschichte war in keiner Weise ungewöhnlich. In einem galizischen
Dorf waren sieben Menschen unter dem Verdacht der Spionage eingebracht
worden. Die Beschuldigung lautete, sie hätten dem Feind durch das
Dachfenster des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht
gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold hatte das Protokoll
aufgenommen. Nur einem unter ihnen, einem riesenhaft gewachsenen
Burschen, hatte das Verbrechen nachgewiesen werden können; bei den
andern sprachen gewichtige Umstände dafür, daß sie die Opfer böswilliger
Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann alle Sieben nach einem
summarischen Verhör kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein
siebzehnjähriges polnisches Mädchen, einen zwölfjährigen Knaben, einen
sechsundsiebzigjährigen Greis, und den Rädelsführer der Bande, eben
jenen Riesen.
Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete Leben mehr
neben den Millionen. Die Welt hatte wohl kaum eine Kunde davon erhalten.
Auch jetzt, wo es die Merkmale der Verjährung und der erfahrenen
Häufigkeit trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse
erregen als eines, das aus Höflichkeit dem Erzähler gebührt. Mochte auch
der eine oder der andere die Willkür empfinden, die dabei gewaltet und
dem in halben Andeutungen Worte verleihen, so wurden die schüchternen
Einschiebsel leicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Für
zarte Gemüter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral bürgerlichen
Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine Giltigkeit mehr, wo man sich
täglich seiner Haut wehren mußte. Wer auf seinem Posten stand und der
Vorschrift genügte, war entlastet. »Die Gegner haben es genau so
gehalten,« wurde gesagt; »weil wir in der Patsche sitzen, spuckt man uns
ins Gesicht, und sogar im Lande selbst entblödet man sich nicht, Leuten,
die ihre Pflicht erfüllt haben und als Helden gefeiert würden, wenn das
Glück bei uns geblieben wäre, soviel wie möglich am Zeug zu flicken.«
Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, die Menschen seien eben
Schweine und von ihrer schweinischen Natur könne man nichts Besseres
erwarten.
Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden wieder auf. Da er nun zu
sprechen begonnen hatte, wollte er seine Sache auch bis zum Ende führen.
Das Wort hatte ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er
wunderte sich selbst über die wiederbauende Fähigkeit der Erinnerung und
gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters über Schicksale. Er
verweilte. Er ging in der Schilderung zum Kleinen und Intimen; mit
behaglicher Ausführlichkeit beschrieb er die traurige Gegend, das
verwahrloste Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter,
das geherrscht hatte. Dann erzählte er von der jungen Polin; wie trotzig
sie alle angeschaut mit ihren schwarzen Augen; er hatte den Namen
gewußt; er hatte ihn vergessen. Er besann sich und fand ihn. Katinka war
der Name gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde
gegenwärtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, auch als
man ihr den Revolver vor die Stirn gehalten; auch als man ihr
versprochen, den Knaben, ihren Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte
er die teuflische Halsstarrigkeit des Mädchens, schließlich mit
Einschaltung eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde.
»Glauben Sie, meine Herren, sie hätte die Zähne voneinandergetan? Um
keinen Preis. Eher noch die Beine, scheint mir.«
Als der Spruch gefällt war, hatten sich alle, mit Ausnahme der Katinka
und des Riesen auf die Knie geworfen. Die Juden vor dem Hauptmann, das
Bürschchen vor ihm. Das Bürschchen hatte seine Beine umschlungen und
jämmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen und weggerissen.
Der alte Mann hatte ihm fortwährend die Hände geküßt und unverständliche
Worte gelallt. In die größte Verzweiflung waren aber die drei Juden
geraten. Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld
beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. Einer, mit
fuchsrotem Bart und käseweißem Gesicht, hatte sich äußerst demütig
betragen; als aber der Hauptmann, dem das Unwesen zu lärmend wurde, den
Befehl erteilte, die Gesellschaft abzuführen, war es gerade dieser, der
die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gräuliche
Verfluchung ausstieß.
Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, beschloß die
Darstellung: nächtlicher Regensturm; Siebold auf Runde; an den Ästen von
sieben Pappeln neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind,
unheimliche Kleiderbündel, unheimliche Gerippe, schief, schlapp,
verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der schwarzen Ebene ein
klagend-verklingender Ruf.
Da dem Offizial die Düsterkeit des Gemäldes nichts anzuhaben vermochte,
weniger aus Herzenshärte, als weil seine Einbildungskraft, wie übrigens
bei alle diesen, das Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte
er vor der zynischen Erkundigung nicht zurück, ob denn die wilde Katinka
ihre vermeldeten Beine nicht hätte nützlich gebrauchen wollen oder
können. Im selben Augenblick erhob sich der schlafende Kleinbürger oder
Agent Jost mit störendem Geräusch. Er trat an den Tisch der Herren,
schüttelte sich raschelnd, feixte verlegen, und während er irgendwelche
Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den andern; zuletzt
blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige Messingscheibchen wie bei
Katzen, auf Siebolds Gesicht haften, mit einem so neugierigen und
boshaften Ausdruck, daß es dieser als Belästigung empfand und ihn
stirnrunzelnd musterte. Ein Unbehagen blieb.
Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung geläutert, als er
durch die abendlich finstern Gassen seinem Heim zuwanderte. Ein
zurückgedrängtes Stück seiner inneren Person war an dem Abend zu neuem
Wertbewußtsein erwacht. Er folgerte daraus, daß dem geistig und sozial
entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und Gespräch mit
Gleichgearteten zu einer Vermehrung des Kräftevorrats verhelfe. Man
müsse sich zu erkennen geben, war die Lehre, die er daraus zog; man
dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Zufällig hatte er
eine abgebrochene Brücke wieder geschlagen, vernachlässigtes Lebensgut
in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich wohl dabei. Die
Färbung der Existenz war intensiver, der Schritt gewichtiger, der Blick
bedeutender. Er blieb stehen, sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre
aus dem Behältnis und zündete sie an.
Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner Gehobenheit.
Sechzehn Quadratmeter Raum und vier Betten: das eheliche Schlafgemach.
Im Vorgefühl umfing ihn schon die trübe Enge. Die beiden Kinder, die
sich von Zeit zu Zeit auf dem Lager wälzten und im Traum redeten.
Kleider und Wäsche auf den Stühlen; Schuhe auf dem Boden; die Vorhänge
über den Fenstern morsch; oval gerahmte Familienphotographien an den
Wänden, deren Tünche zu bröckeln begann; die Decke vom Schlafdunst
vieler Nächte geräuchert. Als sicher war anzunehmen, daß die Frau
erwachen würde; mit den steifgeflochtenen Zöpfen würde sie sich
aufrichten, blaß, vergrämt, verdrossen; würde fragen, wo er gewesen,
warum er so spät kam; würde ihn mit ihren häuslichen Miseren quälen:
etwa daß sie beim Händler kein Gemüse, beim Kaufmann keinen Zucker
bekommen; daß weder Kohle, noch Holz, weder Brot noch Mehl im Hause sei;
daß das ältere Töchterchen über Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich
Fieber habe. Es wollte ihn bedünken, als gehe dies alles wider die
Würde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. Es war ein Zwiespalt
zwischen seiner Stellung im öffentlichen und im privaten Leben;
unversöhnlicher Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung
genoß Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mißachten. Menschen
zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe war in seine Hand gegeben. Der
Gatte, der Vater war zur Geringfügigkeit verdammt, niedergezwungen auf
die Straße der Vielen.
Er schob es fort. Es gelüstete ihn nach Aufmunterungen. Neulich hatte er
auf demselben Weg ein Mädchen getroffen und war mit ihr gegangen.
Ungeachtet ihres niedrigen Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von
makellosem Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte sie ihm
gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensführung, durch die man nur
etwas aufs Spiel setzt, wenn sie aufhören, Heimlichkeiten zu sein, also
wenn man unvorsichtig ist, wenn man Spuren hinterläßt, wenn man die
Grenze nicht respektiert. Sabine Jäger war ihr Name. Ihre Haare waren
gelb wie frisches Holz, eine anziehende Besonderheit; sie hatte
Temperament und war verhältnismäßig noch unverdorben. Als sie davon
gesprochen hatte, ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend
verhalten. In selbstbetrügerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt
nach der Richtung, wo sie wohnte.
Da drang ein Gruß an sein Ohr. Betroffen drehte er sich um und erkannte
den Agenten Jost, der ihm gefolgt war.
* * * * *
Er trug ein gelbes Mäntelchen, das kaum bis zu den Hüften reichte. In
die schlottrigen Ärmel hatte er die Hände wie in einen Muff gesteckt. So
trippelte er vorüber. Aber plötzlich zögerte er, wartete, bis Siebold
herankam und sagte mit einer dünnen, hohen, quietschenden Stimme, es
freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu haben; er habe nicht
gewußt, daß der Herr Rechnungsrat in dieser Gegend zu Hause sei.
Zwischen Herablassung und Mißlaune brummte Siebold ein paar leere
Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. Wieder trippelte er,
wieder hielt er inne. »Weit ists,« seufzte er, zog die Hände aus dem
Ärmelmuff und griff nach dem lächerlich flachen Melonenhut mit
ausgefransten Rändern, den ein Windstoß zu entführen drohte; »man läuft
sich die Füße wund, Tag für Tag. Ist mir nicht an der Wiege gesungen
worden, daß es mir so ergehen soll. Darf ich mich Ihnen anschließen,
Herr Rechnungsrat? Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse;
hinter der Atlantik-Bar. Schönes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? Schöne
Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal lustig sein könnte; ei ja!«
Siebold wußte nicht recht, wie er sich zu benehmen habe. Von dem
hergelaufenen, verlotterten Menschen angesprochen zu werden, verletzte
sein Standesgefühl. Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten
derart, daß man sich hochmütiger Regungen versehen mußte. Er verbarg
seinen Ärger, als Jost mit unterwürfiger Zutraulichkeit an seiner Seite
weiterging und hatte eine steif zurückhaltende Miene.
Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen atemlos fuhr Jost
fort: »Da kenn ich einen, der ist dort angestellt als Wagenrufer. Ein
alter Mann. Vor zwei Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschäft und
eine Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten Rosen
gezüchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht für solche, die
früher Kratzfüße vor ihm gemacht haben.« Ein asthmatischer Husten
unterbrach ihn. »Angst und bang wird einem, Herr Rechnungsrat,«
quietschte er dann, »angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf.
Tückisch schleicht es her und fällt einen an. Hab drei Kinder zu
versorgen; acht Jahre das älteste. Ein Mädchen; ein gutes Kind; eine
Seele wie Gold. Eveline heißt sie. Poetischer Name, wie? Nun, das ist
der einzige Luxus, den sich die Armen leisten können. Ruft man sie, ruft
man Eveline, so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbänder
auf den Straßen, Schuhbänder aus Papierstoff; billig und schlecht.
Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, hängt mir das Fünfjährige am
Stiegengeländer, außen am Geländer, unter sich den Abgrund, hängt und
zappelt und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen haben
keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, die armen Würmer sind
sich selber überlassen. Die Mutter ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt
sie das Töchterchen vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr
lang zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein bereits
schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder im Zuchthaus, nicht das
Stück Brot zum Fressen, kaum ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt
sie das Fleisch. Und wenn man über die Stiegen geht, stolpert man über
knochenkranke Kinder, und an den Türen steht ausgemergeltes Volk, und
oben ist Elend, und unten ist Elend, und in der Mitte ist Elend. Hab ich
da nicht recht, kann einem nicht angst und bang werden?«
Siebold räusperte sich. »Es lebt sich schwer heutzutage,« gab er
widerwillig zur Antwort. Die Geschwätzigkeit des einfältigen Menschen,
die unliebsame Begleitung vor allem, erregten seine Ungeduld, und er
suchte nach einem Vorwand, sich loszumachen.
»Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,« fing das Männchen mit seiner
weinerlichen Stimme wieder an; »wenn ich mir so die Leute betrachte, mit
denen ich zu tun habe, da wird mir, ich weiß nicht wie. Reden, reden,
reden. Geschäfte; und was für Geschäfte! Wenn zwei beisammen stehn und
wispern, so heißt das gewöhnlich, daß einem dritten die Gurgel
zugedrückt wird. Ich komme zu ihnen in ihre Häuser; ob fein, ob nicht
fein, ganz gleich, es liegt wie Unrat und Spülicht überall. Auf Tischen
und Stühlen, in Schränken und Betten, überall Unrat und Spülicht. Ich
glaube, irgendein Stern da droben, ein von Gott verfluchter, hat in
irgendeiner Nacht all seinen Unrat und Spülicht auf uns
heruntergeschüttet. Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht
mit Feuer; Unrat und Spülicht, das klebt in alle Ewigkeit. Nun, wirds
bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt ihr? was macht ihr für
Grimassen? was grinst und lacht ihr und laßt euch von einem Alten, der
Rosen gezüchtet hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein
finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern Jammer auf einen
Haufen, daß man hineinstürzt und drin erstickt? Und ist der Zorn
verraucht, so möcht ich mich am liebsten hinschmeißen und heulen, vom
Morgen bis zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, eine
vierzehnjährige Schwangere. Zu denken! Herrgott! Das halt ich nicht aus.
Das raubt mir den Schlaf in der Nacht; ich liege und liege, und auf
einmal seh ich dann den Weg nach Golgatha. Den großen, fürchterlichen,
schmerzensreichen Weg nach Golgatha.«
Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel fort und fragte
streng: »Zu welchem Zweck erzählen Sie mir eigentlich das alles? Das ist
doch der reine Blödsinn, mein Bester.«
Die schroffe Zurechtweisung beschämte den Kleinen sichtlich. »Es ist
wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter Blödsinn,« erwiderte er
schüchtern. »Ich bin eben ein blödsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich
habe selbst am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu fixen
Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum für möglich halten, zum Beispiel
hab ich heut abend die Wörter gezählt, die in Ihrer Geschichte
vorgekommen sind. Sollte man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig
Wörter, alles in allem, genau gezählt. Hab mich schlafend gestellt und
dabei gezählt. Ich höre, versteh auch den Sinn, zugleich arbeitet das
Hirn wie eine Additionsmaschine, klapp, klapp. Kann mir nicht helfen,
muß zählen. Achthundertneunundachtzig Wörter, ein ganzer
Zeitungsartikel. War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat;
wirklich, mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in der Nacht,
wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann marschieren die
sämtlichen Wörter an meine Bettstatt, stellen sich der Reihe nach auf
wie die Zinnsoldaten, und da begreif ich erst die Meinung, da wird mir
alles erst klar, und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt.
Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spaß, wenn man jede Nacht und jede
Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt wird. Ich muß einmal zum
Doktor. Ich muß mich einmal untersuchen lassen.«
Siebold überlief es kalt. Die Reden und das Gebaren des lumpenhaften
Menschen beunruhigten ihn allgemach. Daß er es mit einem Verrückten zu
tun hatte, stand fest. Entschlossen, sich von der unangenehmen
Gesellschaft zu befreien, murmelte er bei der nächsten Straßenabzweigung
einen mürrischen Gruß und entfernte sich rasch.
* * * * *
Glückliche Organisation befähigte ihn, leicht zu vergessen. Ist ein Mann
aus Neigung wie aus Eignung Beamter, so bilden die täglichen
Obliegenheiten seine Schutzwache. Berufsgewalt erhöht ihn.
Menschen mußten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen und anzuhören.
Auch wenn es ihm beliebte, nichts weiter zu sein als launenhaft,
lustlos, ungewillt ihre Gesichter zu sehen, sie mußten trotzdem warten.
Das machte die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden
Beamten aus: daß sie warten mußten.
Sie froren im Korridor, und in seinem Büro barst der Ofen vor Hitze.
Akten häuften sich mit Inhalt von unbestrittener Tragweite. Sie
verrieten dem kundigen Auge wirtschaftliche Schwäche, törichte Bemühung,
gesetzesfeindliche Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie
eröffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen; sie boten die
Handhabe, Säumige zu zitieren, daß sie kommen mußten und dastehen wie
ertappte Diebe. Aufsässigkeit war vergeblich. Der Akt machte sie
zuschanden. Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie.
Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen eine quietschende
Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverständlich nur in der Einbildung,
das gelbe Mäntelchen mit den in muffartigen Ärmeln geborgenen Händen. Er
schüttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal während des Tages
auftauchten, den Kopf, denn er war es nicht gewöhnt, Dinge zu sehen, die
nicht gegenwärtig waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne daß ein
Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzuträglichkeit, doch nicht
groß zu achten. Immerhin mied er das Stammlokal. Einer neuen Begegnung
mit dem aufdringlichen Schwätzer auszuweichen, dünkte ihm ratsam. Es gab
andere Zufluchtsstätten. Vor allem war er in diesen Tagen in intimere
Beziehung zu Sabine Jäger getreten, und die Abende waren von dem
Zusammensein mit ihr beansprucht.
Da geschah es, daß er einen Brief mit der Post erhielt; auf dem
eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als der Satz: Der Weg nach
Golgatha ist lang. Er starrte eine Weile darauf nieder, schien sich zu
besinnen, dann zerriß er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene
Anrempelung; so ein Bursche müßte festgenommen und bestraft werden.
Zwei Tage später reichte ihm seine Frau eine offene Karte, die der
Postbote soeben gebracht hatte, und fragte erstaunt, was es damit für
eine Bewandtnis habe. Er las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur
Parade auf.
Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer Frage, da sie ein
Geheimnis vermutete, eine chiffrierte Mitteilung. Zornröte stieg in sein
Gesicht. Er antwortete, er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger,
aber von der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm
erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen.
Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg vom Amt Jost in seinem
gelben Mäntelchen vor einer Branntweinbudike. Er zog sogleich den
Melonenhut und grüßte devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gruß zu
erwidern. Doch bemerkte er, daß ihm Jost folgte. Unwillkürlich
beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln näherte sich
trotzdem. Erregung packte ihn, deren er sich schämte. Jäh blieb er
stehen.
»Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat,« sagte Jost kleinlaut; »wenn es
schon im November so ist, wie soll man da durch den Winter kommen? Hab
bereits alles, was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.«
»Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst laß’ ich Sie auf der Stelle
verhaften,« knirschte Siebold erbittert; »verschonen Sie mich, in des
Teufels Namen, mit Ihren unverschämten Vertraulichkeiten.«
Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erblaßte er. Jost hatte die
Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingplättchen hinter zuckenden
Lidern, und in diesen Augen war etwas, was er noch an keinem Menschen
wahrgenommen: eine unfaßbare, geradezu unsinnige Qual verbunden mit
einer ebenso unfaßbaren, ebenso unsinnigen Bosheit. Vielleicht kam es
ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken
in die Glieder. Schwerfällig ging er weiter, verwundert, in hemmendem
Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine nachschleifende
Kette klirrte.
* * * * *
Es wurde so, daß er von dem Tage an keinen Gang durch die Straßen tun
konnte, ohne daß er den Gelbmantel nicht mindestens einmal erblickte.
Zwar redete ihn Jost nicht mehr an; aber daß er in der großen Stadt,
unter Tausenden von Menschen jederzeit darauf gefaßt sein mußte, gerade
diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach und nach aus
dem Gleichgewicht.
In schäbigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die Hände in den
Mantelärmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in bekümmerter Eile oder auch
in gleich bekümmerter Gedankenversponnenheit tauchte er unerwartet an
einer Ecke auf; unter den Bäumen einer Allee; in der Mitte einer Straße.
Bald stand er vor einer Ladenauslage und betrachtete mit blöden Mienen
die Waren, den Melonenhut in die Augen gedrückt; bald kauerte er auf dem
Prellstein vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem
gegenüberliegenden Gehsteig in der nämlichen Richtung, überschritt die
Straße und verschwand plötzlich; manchmal schoß er unmittelbar auf
Siebold zu und wich erst in der letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte
er den Kopf gesenkt und die Augen niedergeschlagen: bescheiden,
verängstigt, gehetzt; und eingehüllt in jene unfaßbare und unsinnige
Qual und Bosheit.
Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verließ, die in einem
Hintertrakt gelegen war, und durch den mit einem Gärtchen verzierten Hof
schritt, gewahrte er ihn am Flurfenster im zweiten Stock des vorderen
Hauses. Er hatte beide Ellbogen auf das Sims gestützt, das Fenster war
offen, den Kopf hielt er zwischen den Händen, der Melonenhut saß diesmal
ganz im Nacken, so daß das sorgfältig gescheitelte und ölig verklebte
Grauhaar sichtbar wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in
die Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf; er rief den
Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er mit dem Schirm in die
Höhe, brachte endlich die Frage hervor, was das Individuum da oben zu
suchen habe, und während der Hausmeister hinaufging, wartete er
wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm vorbei, vom
schimpfenden Hauswart verfolgt, gedrückt, still und hastig. Siebold
eilte ihm nach, wurde eines Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu,
nannte seinen Namen und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den
sich entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er möge ein Auge
auf den Strolch haben, es sei vermutlich ein Einschleicher, er selbst
beobachte ihn schon lange und habe Grund, ihn für ein gemeingefährliches
Subjekt zu halten. Der Schutzmann, über seine schäumende Gereiztheit
erstaunt, versprach, den Verdächtigen zu stellen, falls er sich wieder
in der Gegend zeige.
Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar blieb eine
ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern bestehen, eine gewisse
Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren er nicht Herr zu werden vermochte,
aber da sich der Mensch in den nächsten Tagen nicht blicken ließ, atmete
er auf. Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer kam
und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein großer Bogen Papier; an
jeder Ecke war mit Rotstift ein Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden
sich drei Kreuze, und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift
geschrieben:
Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
Und der sie aufgericht und hingestellt,
Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.
Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hieß denn das? Er
dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute
hinter sich, blätterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur
Hand, studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie
Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den
Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet
außer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer
Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen,
drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, und als einige
Beamte aus den benachbarten Räumen, über den Auftritt bestürzt,
herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß
Unfug gegen ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal
schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab sich auf
seinen Platz zurück und versank in sonderbares Brüten. Die Herren
zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu.
Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten Gemütsverfassung. Die
geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den
folgenden Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln
wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden
in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaßliche Fehlangaben stießen
auf ätzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor füllte
Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. Saß und verschanzte
sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das
Gesicht, das eine Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen
Verses zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während er das
schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur
Pfändung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war
zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich
erschöpft.
Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa
gelegt und war eingeschlafen. Die Frau saß am Fenster und nähte, die
zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem
halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen Schrei
unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weißer
Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau stürzte hin,
packte ihn; »Mann, Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil
für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; die Kinder
standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend großen Blicken
betrachtend.
Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm
hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen,
sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in
einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm
vereinigt, daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, äußerte auch
dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt,
es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab,
nachdem er sich gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den
guten Rock an, ging fort.
Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus
auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er
möglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich
nicht der Feigheit bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine
Entscheidung dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den Hallunken
dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete
ihnen, was für Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen
bestimmten scheltenden und entrüsteten Ton vor, in welchem er die
Anmaßung und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als
es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde saß, brachte er keine
Silbe aus der Kehle, ja, wenn er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu
klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den
Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. Es wurde ihm
gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trübe Augen habe;
er gab zu, sich krank zu fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu
verabschieden. Der Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und
meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben.
Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen glichen
Schlünden, geschlossene Tore und Fenster waren wie für die Ewigkeit
verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene
Bürger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, täuschte
ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jäger
bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen,
vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe zwei
Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig
umhüllte Lampe überschminkten die Dürftigkeit.
Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und zeigte über sein Kommen
Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft;
der Regen plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in
Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun,
er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht
sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge
an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein
Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze
Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und
darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mönchsschriften kunstvoll
ausgeführten Lettern zu lesen:
Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
Und der sie aufgericht und hingestellt,
Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;
Und immer neue baut er Tag und Nacht
Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.
»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser
Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken über sein Aussehen,
unbefangen wegen der Frage: »Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte
ihren Arm, daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? wer?«
Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut,
aber mit durchdringend hoher Stimme. »O, Golgatha!« riefs, und wieder,
langgedehnt: »o, Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf,
tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl und murmelte
ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: »Er hat mich dahier ausfindig
gemacht; das gibt Unheil; ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.«
In verstörter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn
bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« tönte, obzwar
ferner und schwächer, noch immer herein. Während er den Kragen
befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem
Mund: »Weiß nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät
hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich
nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir
her. Das darf nicht geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins
Irrenhaus gehört so einer.«
Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war froh, daß er sie
verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig war, und bekreuzte sich,
als er grußlos hinausstürzte.
Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er suchte. Es war
niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten
durch die nasse Dunkelheit.
Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten
sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und
eine Alte kam, das Tor zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er;
»ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« Nichts
gesehen, keinen gesehen, war die Antwort.
Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte er nach einer
Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der
Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah
denn? »Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« murmelte
er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind rein, niemand kann mir
etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen
Menschen unterdrückt; war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern,
anständig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha
und seinen blödsinnigen Verschen?«
Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge
andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich selbst in einer monoton
und schülerhaft deklamierenden Weise sprechen:
»Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
Und der sie aufgericht und hingestellt,
Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.«
Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch ein Verstand drinnen
sein. Und dann das noch:
»Und immer neue baut er Tag und Nacht
Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.«
Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem schwindsüchtigen Weib am
Ende? Es war seltsam, daß ihm dies einfiel; er wußte nicht, was er
daraus machen sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm
aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach außen gekehrt, doch
horchend, unablässig horchend. Auf das Rätsel horchend. Was sich mit ihm
ereignete, war Rätsel. Wie er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so
suchte er jetzt die Lösung des Rätsels, oder bloß die Natur davon. Er
schleppte etwas, und wußte nicht, warum es so schwer war, noch warum es
ihm aufgebürdet war, noch was für ein Ding es überhaupt war. »Man hat
Frau und Kinder, man muß sich zusammennehmen,« sagte er auf einmal laut
und fühlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter dem Einfluß
grellen Lichts, das ihn traf. Es war die Bogenlampe vor der
Atlantik-Bar. Musik und Gelächter schallten heraus, Automobile und Wagen
standen in langer Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher,
und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine ziemlich große
Menschenansammlung. Laut redende und heftig gestikulierende Gruppen
hatten einen eleganten Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock
gerissen, denn die Pferde, denen anzusehen war, daß sie im raschesten
Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den Stimmen hob sich
die rohbrüllende des Kutschers am vernehmlichsten hervor. Dem Gespräch
zweier Burschen entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte.
Es befand sich in diesem Teil der Straße eine kommunale
Kartoffelverkaufsstelle, die natürlich während der Nacht geschlossen
war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens zahlreiche Leute aus dem
Volk postiert waren, Weiber, alte Männer, halbwüchsige Kinder. Einige
kauerten auf der Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock
zum Schutz gegen Regen und Nachtkälte über den Kopf gezogen und
schliefen. Plötzlich war jener Fiaker herangerast, ein offenes Gefährt,
und darin lehnte blasiert ein Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht
zwanzig Jahre alt, die Spuren der Ausschweifung in den Zügen, die Finger
voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, gebügelter
Hose, Spazierstöckchen, Glacéhandschuhen, die ganze Welt in der Tasche,
doch sie verachtend. Die bis auf den Fahrdamm hockende und stehende
Menge in der Dunkelheit zu spät gewahrend, hatte der Kutscher geschrien;
Angstlaute antworteten, Weiber flüchteten überstürzt; aber der Wagen
fuhr zu nah am Rinnstein; ein Kind war vom Hinterrad erfaßt worden und
lag bewußtlos da.
Für Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, für eine Weile, was
ihn peinigte; daß er ihm zulief, ahnte er nicht. Er drängte sich durch
die Menschen und gelangte in den freien Raum, der sich um den Kutscher,
den Fahrgast und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglücks
gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bläulich-fahlem Gesicht
hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum vor den Lippen, die offenen,
blonden Haare von Kot besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war
nötig, um zu erkennen, daß er der Vater des Kindes war. Er redete, doch
im wüsten Gezänk verhallten seine Worte. Mit dem Taschentuch wischte er
bisweilen das Blut vom Munde des Mädchens, strich mit der Hand über
Stirn und Wange der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und
Ratschläge der Umstehenden, war eingewühlt und hingegeben in den
Schmerz.
Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderer sagte, alle
Spitäler seien überfüllt. Ein Weib meldete, die Rettungsgesellschaft
habe wissen lassen, daß augenblicklich kein Wagen zur Verfügung stehe,
in einer Stunde erst, worauf unwilliges Murren hörbar wurde. Ein Mann
trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich nieder, legte
das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit Jost. In den lärmenden
Streit zwischen dem Kutscher und der erregten Menge hatte ein Polizist
vermittelnd eingegriffen, es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das
Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, stand blaß und
lässig da, verbarg die Angst vor der Wut und dem Hohn der Leute unter
einer hochmütig-teilnahmslosen Miene, zupfte am Schnurrbärtchen, ahmte
in seiner Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die freche
Neuheit seiner Umstände erst recht zum Vorschein brachte.
»Gott kann das nicht zulassen,« hörte man nun den Gelbmantel sagen, oder
vielmehr Siebold hörte es, da er sich unter unbesiegbarem Zwang dicht
herangedrängt hatte; »immerfort rinnt Blut aus der Seele,« sprach er wie
ein Betäubter; »Gott kann mir das nicht antun. Man muß die Tropfen von
dem Blut zählen, damit sie alle wieder zurückgegeben werden. Ich will
sie alle wieder haben. Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Körbchen?
Meine Eveline hat ein Körbchen gehabt. Wo ist das Körbchen?«
Neugierig und mitleidig starrten die Männer und Weiber auf ihn nieder.
Ihre übernächtigten, von vielfacher Bedrängnis gemeißelten Gesichter
gaben Andacht kund; finstere Gedrungenheit der Erfahrung des Übels war
in ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer hatte das
Körbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflecht mit beschmutztem blauen
Band. Indessen regte sich das Kind, und Jost sagte, er wolle es nach
Hause tragen, er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es
auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben unbesieglichen
Zwang, als müsse er Hilfe anbieten; es trieb ihn hierzu unter trotzigen
und bösen Vorbehalten. Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu können; er
wollte sagen können: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, daß du mir
unrecht getan hast und mich künftig in Frieden lassen sollst; ein
Mißverständnis, du siehst nun selbst, ein Irrtum.
So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu befühlen. Sie war
überraschend kalt und vermittelte eine Empfindung von der Grenzwelt.
Jost schaute in sein Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fände er es
selbstverständlich, ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten Furchen, die
Messerschnitten glichen; die Lider waren wie verklebt, die Hände mit
Straßenkot bedeckt, Mantel, Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut,
in den Nacken geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot überzogen.
Er hob das Kind empor. Man hätte ihm die Kraft nicht zugetraut. Es
schlang die Arme um seinen Hals. Siebold, wie mit Stricken angebunden,
blieb ihm zur Seite, er, dem die Nähe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub
eilte nach und ließ Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, hatte
sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. Jost schüttelte den
Kopf. Er begleite ihn und werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte
Siebold, nahm dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche.
»Das Körbchen!« rief Jost bänglich, und ein Weib holte es herbei.
Siebold nahm auch das Körbchen. Der Schutzmann hielt sie noch einmal auf
und verlangte Josts Adresse.
Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib oder
Vorliebe für traurige Zwischenfälle mitgegangen waren, und Siebold war
mit Jost und der Leidenslast, die dieser trug, allein. Es herrschte in
seinem Geist welkes Erstaunen über sein Tun. Es war als trete ein
Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der zweite blieb dahinten.
Jeder Schritt erniedrigte ihn um eine neue Stufe. In seiner kränklichen
Stummheit redete er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit
bin; du siehst, wie ich mich herablasse. Dann spürte er, daß ihn stärker
als alles andere die Begierde nach der Lösung des Rätsels unterjocht
hatte; schwarze, giftige, fressende, brennende Ungeduld, den Grund
unerhörter Vergewaltigung und Beleidigung zu erfahren, der Kühnheit, mit
der in die Schranke der Persönlichkeit eingebrochen, gewährleistete
Würde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstört worden war eines Trägers
von Verantwortungen, eines Funktionärs mit Befugnissen, die über das
Gemeine erhoben und gegen das Ordnungslose feiten. Aber der
hartnäckigere Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die
Bindung zerfiel.
Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und hielt ihn im Gehen
über Jost und das Kind. Dem schwachen Menschen wurde die Bürde zu
schwer; sein Schwanken verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich
um, als erwarte er Beistand von wo; daß er selbst ihn leisten konnte und
schließlich mußte, dawider bäumte er sich auf, bis eine Bewegung Josts
ihn dringend anrief. Er umfaßte das Kind; die feuchten, besudelten Haare
streiften sein Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich über seine
Schulter; die Ärmchen hingen steif und mager herunter. Robust wie er
war, fand er die Last federleicht. Er reichte Jost Schirm und Körbchen,
dann setzten sie den Weg fort. Plötzlich gellte Jost in die Nacht
hinaus: »Das darf Gott nicht zulassen,« mit einem gemarterten,
rebellischen Ton.
Er fängt schon wieder mit seinem Geschwätz an, dachte Siebold. Das Kind
in seinen Armen regte sich; er fühlte die Glieder, die kleine Brust, die
engen Lenden, geschmiegt an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern
neu. Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit nicht,
in Zärtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, so hingeschwunden an
ihm geruht. In seiner Kehle war es wund; er war so außer seinem Kreis,
daß er wie in Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und
blind hinter Jost über Treppen und abermals Treppen, höher, immer höher,
an Türen vorbei, höher und immer höher, als sei es ein Turm, und endlich
beklommen um sich blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen
waren und Jost einen Kerzenstumpf anzündete.
Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett
ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren
unverhängt. Man sah Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit
Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wänden hingen
gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlösser, Feldherren,
Fürsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch
ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel mit
Lottonummern.
Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost
hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit
Rücksicht auf die Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat
versprochen, morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse zu
schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschläge
machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß,
soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen,
den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.«
Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt vom Irrsinn der
Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strümpfe,
Unterröckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, riß einen vom Gebrauch
schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd,
der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos
stehen blieb. Die Kammer mußte auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß
gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war
ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem Siebold
furchtsam und erregt lauschte, während Jost den Körper des Kindes mit
allerbedächtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte
Tuch über die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der
Bettstatt niederkniete.
Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es Siebold durch den Sinn
gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde
Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weißen, zuckenden
Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem
heimischen Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern eines
Lichtes in einer Grube.
Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich aus raschen
Zuflüssen der Qual verstärkte.
Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine
Seele in der großen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und
Wasser und Speise weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein
Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Füßchen? Sie
können dich in die Ecken stoßen, das ist ihnen erlaubt. Sie können
sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt.
Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen;
dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen
nichts. Du willst bloß da sein, ganz bescheiden da sein.«
Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn
unschlüssig. Da war etwas, daß man aufmerken mußte. Auch das
schreckliche Ächzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich
auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr
wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und
bisher unbekannten Stück seines Wesens Teil hatte.
»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost fort, »und das, was
man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt
und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat
entstehen können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen um
Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben geschaffen und
gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von
Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat
werden können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher
gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem
Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen und Spießgesellen will, und die
Brust soll zerdrückt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen
ausgelöscht? Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? Kann man
das aushalten?«
Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. »So ist es,«
sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drüben will eins zum
Leben, hüben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das
eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die
Achtjährige will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter.
Hören Sie? hören Sie?«
Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide
lauschten. Das tierhafte Röcheln des in Wehen sich windenden Weibes war
nicht mehr zu mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei auf
einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu
ihnen und beschwichtigte sie.
Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. Lief hin und
her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände an, aber bei einem
neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Mann?
Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der
Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der
Mensch? Was die Dämonen uns leiden machen und die Träume? Was das
Fleisch uns leiden macht und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen,
wird gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Während
wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten.
Überall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der
Finsternis und im Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir
treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?«
Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es phosphoreszierte, mit
hackenden Zähnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die
Fäuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn
es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum
kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge
das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die
Steine, hinüberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich,
ich, ich –? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drüben muß in
seinem frühen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es
geschwängert hat, warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde
vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das
Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er
nicht und ruft: ich, ich, ich –? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir
haben nicht gewußt, was wir tun –? Was ist das für eine Ordnung in der
Welt, daß sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie
von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie
tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und
abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drück deine
Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau.
Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die
Verantwortung abwälzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften
ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du
Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und
niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die Enden der Welt
schallt: ich, ich, ich!«
Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trüb, so daß bloß
der nächste Umkreis auf dem Tisch matte Helligkeit erhielt. Die Schlöte
vor den Fenstern türmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es
entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine
hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn.
Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit
Namen so und so. Es saß hier einer, der keinen Namen mehr hatte und
dessen stählerne Hüllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das
Mansardenloch eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit der
qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es floß nicht mehr
Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin.
Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah,
rührten ihn von unten her Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von
Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines Knaben;
Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; Hände von Männern. Die einen
waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die
andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen.
Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm begehrten; doch wie
der Umriß nahm auch ihre stumme Sprache an Verständlichkeit zu, und wie
sie von schattenhafter Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten,
wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so
unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen,
die sie hatten verlassen müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die
unberichtigt geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, die sie
verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk?
Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem
Freund? Schrieben sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles
dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln jegliches Sein.
Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die
gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage,
die zu ihm gesprochen, ohne daß er es vernommen, die geplagten, die
beladenen. Wirrsal und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und
vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit
dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und
müde die, voll Nerv und Entschluß die andern. Schwielige, blasse,
rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und große, näher,
immer näher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört
hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er selbst
nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade bitten, um eine
Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den Rand der Stunde und des
wachen Wissens gerückt, ward er inne, daß nach solcher Vision der
Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war.
Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht
zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der
Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke
und trat nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen hing ein
Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. Was sie erglühen machte,
war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen
funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur
auf einem gemalten Kirchenfenster.
Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er rückwärts, als suche
er alle die vielen Hände dort zum Schutz. »O Kind!« rief er
schluchzend, »o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner
Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote
heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif
wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heißt: ein einziges
Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du
Gotteswesen! sprich, süßer Geist!«
Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging.
* * * * *
Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat Michael, der Erzengel, in
den Morgen der rauschenden Sphären und sprach:
»Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, Herr.«
_Schluß_