Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit,

mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre

ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er,

er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den

Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert

habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht

zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel

eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine

angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen

müsse.

Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die

Georg Ulrich Castellanis.

Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den

beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten

sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin

beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue

Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den

Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht

dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier

Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern

und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen

aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur

Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten

Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen

Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob

es ein Zerwürfnis gegeben hätte?

Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier wunderbaren

Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße

Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er

Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine

schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den

Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst

und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis

zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet

gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die

auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer

jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der

Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden

und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter

ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war,

ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der

Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene.

»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine

Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise

hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir

benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.«

Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht.

Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man

muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Das #après

nous le deluge# ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen

lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken,

Sie haben recht.«

»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfähig macht,

einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton.

»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und

stand hingebungsvoll dienend vor ihr.

Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube,

Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er

nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter

als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den

dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre

Augen blitzten vermessen.

Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee

entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu

tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und

blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und

zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre

sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den

Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht

auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach,

warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er

einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit

höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke

verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn

Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen,

dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war

gemeinsam.

Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das

Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war

strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der

Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie

ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im

Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe

Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway,

nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös.

Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline

mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die

Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor

einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und

Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach,

trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel

sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des

Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor.

Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die

Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus

drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der

Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege

mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort

befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit

gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft

stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem

Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß

verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu

fürchten.

Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, mußten die Fenster

geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit

schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht,

welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese

gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er

wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der

lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls,

jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber

die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich

zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen

Arm, und man ging zu Tisch.

* * * * *

Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten

Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich

Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin

sagte.

Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um

den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner

Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des

Fünften.

Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle

Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es

klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten

Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll

und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist

so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der

Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums.

Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es

bedeutet #pur et simple# einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der

Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war

genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas

begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch

kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und

die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften

Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In

Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann.

Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein,

anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die

Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der

menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In

seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr

wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren,

Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde

Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind

Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt

vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm

selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort

mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er

konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da

gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube,

der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund

die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit

war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem

brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir

lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich

ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die

größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er

suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott

gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich

mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die

Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit

waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen

dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch

sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine

kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf

dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein

Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige

Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit

sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle

des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische

Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung,

d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja,

die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der

Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom

heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst

aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt,

Jahrhunderte lang.«

»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,«

ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig

unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden

Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet

gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig

auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen

Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den

Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn

nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl

fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis

von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden

unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und

um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und

Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen

des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl,

die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia

hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber

der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er

weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig

verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis

sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre

Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen

Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in

bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach

er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich.

Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch

nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil,

sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen,

deren sich die großen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke

durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen

Brunnenvergiftung.«

Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der

frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter

zeigten.

»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,«

antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter

Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich

triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten

kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die

meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine

gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen,

es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen

diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage

liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind

etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch

die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die

Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem

Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich?

Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es

geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von

großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein

ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die

Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält

die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl

und die Modalität des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet

ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin

finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude,

vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.«

»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken.

»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein

konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,«

fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste

Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der

zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf

ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren

illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe

nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte

fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig

vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon.

Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so

verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am

Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich,

wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser

Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet

sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft

melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm

mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere

Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt

der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in

den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze

darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken

angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich

verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der

Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in

der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet,

fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein

Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch

mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein

Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf,

bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde,

eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich

etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der

Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann

ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen

auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von

seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die

ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie,

die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.«

Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit

Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis

erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und

verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und

den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden,

weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle

Rassetiere im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um

zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins

Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu

befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der

Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge –«

Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch

ab,« sagte er scharf.

»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,«

wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn.

»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin

verbindlich.

Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die

nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer

Verbeugung.

Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er

sich bis jetzt genug geleistet.«

Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte

endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er

Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?«

Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus

stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich.

Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage:

»Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion

ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins

Haus führen müssen?«

Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin

gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar Worte ins Ohr geflüstert. Die

Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter

sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist

angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß

brennt.«

»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet.

Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus.

Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin

stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr

nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging

auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: #»nom de Dieu; nom de Dieu,«#

Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife

hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder

zu binden.

* * * * *

Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande

von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel

verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und

zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff,

weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit

gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem

Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit

rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt

waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen

gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu

sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich,

davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein

sechzehnjähriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta

Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut

durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie

Schiffbrüchige.

Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war

keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet

erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus

zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von

fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt.

Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte,

erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und

Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt,

Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und

fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier

Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte

er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon –« Frau von Gravenreuth

antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern

telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah

Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter.

Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner

Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine

beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn

mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese

Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine

wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand,

führte sie an die Lippen und sagte: »Ich empfinde tief mit Ihnen, bis

ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der

Katastrophe.«

Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor

könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich

darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr

schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige

Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos;

der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn

ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend

jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in

der Nacht herüberkommt.«

Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch

stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen –«

Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf,

meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner

verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen

ersetzen zu können.«

Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von

Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre

ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu

Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben

wollen –«

Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck

zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden

Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit

drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und

Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das mußt du verhindern. Um jeden

Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da

du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so

erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in

Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß

er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin,

sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als

Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag

ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst

du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte

gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht

erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag

sie sterben.«

Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte

begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr.

»Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer

zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit

Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf

ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs.

Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde

nachkommen.

Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm

Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und

erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge

den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein

fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße

stockfinster und grundlos, außerdem –« Erasmus schüttelte ungeduldig

den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab,

»wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß

ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein

Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.«

Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof

und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut

war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger

Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war

willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken

Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis

hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer

Brandröte.

Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen,

die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen,

Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe

der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre

nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den

Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel,

durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung

zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der

schlaftrunken döste.

Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den

Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen

lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das

Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht;

Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst

unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in

die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden

Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend

vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann

zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ...

Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf.

Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta

phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres

unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er

sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt.

Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die

Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so

gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei;

es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu

verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da

sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine

#bête noire# entdeckt, das wird es wohl sein.«

Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht

und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus

heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren

sei, um den Arzt zu holen.

Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de

Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und

Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen

hatte. Eines Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der

Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des

Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour.

Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später

erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr

verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf;

denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des

Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat

Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre

Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.«

Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt.

* * * * *

Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für

den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu

schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die

Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die

wasserhelle Bläue der Luft.

Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber

die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von

Gravenreuth sei bei ihr.

Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der

Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß

klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen

schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt,

heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um

sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren

habe, der Eisenbahnverkehr sei für die Dauer von drei Tagen

eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus

gerichtet.

»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus.

»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird

Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.«

»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus.

Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen

offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen

sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu

Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem

Mund.

Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu

geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er.

»Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das

er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht

auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse

zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die

Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt

und den Purpur mit Füßen tritt –?«

»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie

übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.«

»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag,

mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint.

Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es

steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen

Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie

Schlachttiere unsern Hals hinhalten müssen. Er ist nicht bloß ein

Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in

unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals.

Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn

an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert

das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen

Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch

immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.«

»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin,

milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation

ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die

jungen Mädchen, – unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem

Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.«

Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht

mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er;

»vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig

bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.«

Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie

keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht;

fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer

Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem

Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen.

An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den

Park mit Aglaia.

Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen,

trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und

schal. Die Freundlichkeit, mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie

hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das

Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der

Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war

unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So

habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie

stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen

Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist

Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie

über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide

ich sie.«

»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie

Marietta?«

»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht

sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis

zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht

sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.«

»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe

sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte,

während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die

samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht

über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen

Ausflucht verließ er sie.

Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins

Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie.

Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen

zurück und verzögerte den Schritt, als ob er Wichtiges verabsäume, wenn

er sich zu weit entfernte.

»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer

wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind

Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man

hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt.

Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns

schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?«

»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus.

»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete Aglaia;

»das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich

Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich

engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. Daß

das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau würde, kann man ihr

vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich

nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu

lesen und will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie

überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott

bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken

sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann

schleichen Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. Und

wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. Was da geschieht; #je

vois ça d’ici.# Wenn sie meine Freundin wäre, würde ich sie auf den

Knien beschwören, sichs dreimal zu überlegen, und noch dreimal, und dann

erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,«

sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und

fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur

nicht der Felsen, auf den ich bauen möchte.«

»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus befangen, »daß Sie sich

so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... kühn. Wo haben Sie das her?

Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?«

Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die Jahre, Erasmus.

Solange es grauhaarige Dummköpfe gibt, darf es auch siebzehnjährige

Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind

zu allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie jedes Herz

lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie

können nicht anders.«

Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so schwer wäre,

Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; »man weiß nie das

Richtige. Kommt es einem mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen

entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre.

Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang es dauert? Und die

Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Weiß man denn, was es mit

der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es

nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel

wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. Über einem ist

ein Gesetz; das Gesetz muß man erfüllen; wenn aber der Augenblick da

ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil

man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt bestimmte Zeichen,

aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht

rückgängig machen. Ich darf mich nicht betrügen lassen von meinen

Sinnen. Ich darf mir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte

heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel

übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, muß ich das Bewußtsein

haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heißt das so viel

wie Gott will es noch nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht

vorwitzig sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sah

kränklich aus.

Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger Verzweiflung gen

Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, »Sie zerreißen mir das Herz. Und da

gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen

auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist

schlimmer als die zehn ägyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen,

niemals! Passen Sie auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin

kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. Ich glaube,

ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich könnte

sogar Tollheiten für Sie begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte

nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort

sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und

Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe,

bei Spiel und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß

schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder eine Heilige

könnte es aushalten.«

Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein

spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal,

dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das

Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene da

gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht

ganz, wollte ihm scheinen.

Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt.

Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre

beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er

Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand

entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes

streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie

ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.

Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl

nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der

halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf

den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße,

sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein

Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens,

hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an

wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen

der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die

Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu

antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er

nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich

selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen

hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen

nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten.

Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte

er sich alt. Er erschien sich wie ein Baum, belastet mit Jahren,

beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und

Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt

nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling,

zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer

unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten

Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war

eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte

er. Der Knabe bejahte erfreut.

»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe.

Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der

dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen

moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen

und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist

eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am

Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs

von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter

vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal

Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er

reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du,

ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und

krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat

an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde

mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde;

eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er

solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er

Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen

und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die

Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete

eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der

Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz

anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die

Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit

eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber

erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa

gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß

ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus

eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser

Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit

Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und

als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber

sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt,

als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt

hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte

ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das

vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe

ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama

gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« – »Das ist

alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« – »Ja,« antwortet

er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig

schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon

vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, älter

nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das

schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht

einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener

Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen

eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz

trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln

genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge

aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei

er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und

weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als

Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der

Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde

ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das

ist meine Geschichte.«

»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem

Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten

Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern

gefallen.

* * * * *

Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta

wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse,

daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch

geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.

Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den

Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn

Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und

Tücher. Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben.

In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die

Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut,

unvergangene Schönheit.

Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der

Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem

Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen

sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper

geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur,

arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes,

nicht Teil seines Lebens mehr.

Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand.

Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er

setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus.

Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen

Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren

mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein

Kind. Wolf ist dein Sohn.«

Regungslos starrte er Marietta an.

Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die

nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie

du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir

geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es

ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir

immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir

vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte

sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für

dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du

bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der

Hand halten und auf deine Auferstehung warten.«

Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an.

Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind

empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung

bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die

beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von

Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf

ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie

an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer

Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit

nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie

stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten

finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß.

»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in

seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir.

Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir

selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach,

Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.«

Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst,

Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der

Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich

er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus

wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer

hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte

die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein

wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er

fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem

Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen

konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem

mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit,

die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der

seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach

Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände

und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und

unwiderruflich, unwidersprechlich ist.

Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er

wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab.

Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den

Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war

künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam

Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand

und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus,

während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts

essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm

versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.«

Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht war ein

Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu

Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick.

Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich

nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort,

das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum:

alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war

ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es

nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und

verkrampfte sich ins Arge.

Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd

hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft,

ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand,

das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und

Nachfolge.

Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf

Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in

spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen

des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner

Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf

einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war

heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die

Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin;

die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren

Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum

Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand.

Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit

tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte,

war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch

blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte

und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun

auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen

Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt

zurückkehrte.

Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen

Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen

Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer

mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend.

Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der

Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb

im Traum.

Es war wie Traum, als Sparre eintrat.

* * * * *

Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert,

obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die

Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen

Verhalten nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so

weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung des

Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken

hinzuweisen. Was für Dickhäuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre;

als ob dadurch der Schimpf harmloser würde.

Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck,

der nicht wußte, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der

alten Anhänglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht

schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen

Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche

Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich

Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer

verteufelten Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er

gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wünsche sie zu

erhalten, wie es sich für gesittete Menschen zieme. Er fühle sich so

wenig beleidigt, wie wenn er im Wald über eine Baumwurzel gestolpert

wäre; »man war achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen.

Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn Ferry Sponeck

kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten Mann erklärte.

Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht.

Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine

eigene aufwühlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht

aus Schrecken über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer

wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte,

die ihm eine vorübergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fühlte er

stärker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was

ihn umgab.

Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod war über sie

hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner

Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte

Ehrwürdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der

Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, ihr Lachen

klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und

vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter

der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft

hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, aber jeder

schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie glichen den Schwerkranken,

denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mühe, weil ihre Seele

getrübt ist; die in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von

Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung wollen, sonst

nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden und alten Dinge, es

war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft,

ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie

ängstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen für Unbill; sie

wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen

Zügel in ihren Händen, lächelnd, indes der Wagen still stand und die

Pferde entführt waren.

Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen

Phosphoreszenz sie über seine verschlingende Gewalt betrog. In einer

Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber

sie ahnten vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der

Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden Idiom aus verwehten

Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes

Berühren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische

Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie

noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrüllte;

sich als Letzte spürend, aber nicht als Vergangene, als Entrückte, aber

nicht als Verlorene.

Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die

Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der

Betrachtung geübt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war

sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn

hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß er die Kraft, Leiden zu

überwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger

Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von

Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu

eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden.

Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf

halbem oder Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt

waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er mit kühlem

Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewählt, die ihn gewählt,

unerschütterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind,

deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er

hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen Wandlung

gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwägung,

und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben,

Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste,

dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung eine

höhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes,

Gerafftes, Gefügtes, Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime,

Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus

Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen

Ganzen.

Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad

seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des

gespannten, leidenden, hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als

Erscheinung berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich

selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, das völlige

Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte

Schmerz verspürt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt;

umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster

gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die

Fülle; müde wie einer, der Schätze getragen hat; ungegenwärtig,

verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen

begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der

adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine

Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht

wollte, daß sein Reich aufgehört hatte zu sein und der von der Zeit

nichts zurückbehalten hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch

leer und sinnlos.

Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, daß sie

auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert

wurde und gab ihm so viel zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß.

Die persönlichen Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen

gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den

Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur

Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre

wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter noch tiefer

erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging,

vervollständigte die Kombination. Diese Geschicke ließen sich

wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal

der Geduld. So zuckte für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als

er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden.

Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb in Blick und Gedächtnis der

mädchenhaft zarte Knabe neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das

Gebeugte und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen des

Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung beider,

etwas Unsagbares von Verkettung.

Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf;

Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre,

man möge ihm die Stücke überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne,

getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen

schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen waren in der Tat

nur geringfügig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren

abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn

verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: »Ja, darauf

versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er

ist überhaupt ein Tausendkünstler.« Die beflissene Fürsprache erweckte

Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer

Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den

Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer.

Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es

war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung

von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit

Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter mit

geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er nach zweistündiger

Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen

schräg gegenüber, wie er wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er

die Vase vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, überzeugte

sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verließ das

Zimmer.

* * * * *

Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, »was bedeutet das?« Er

starrte auf das tönerne Gefäß.

Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man morgen die Bruchlinien

abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein,« sagte er.

»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben,

stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend.

»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,«

sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fühlte,

ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir

geschehene Widerwärtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist störend,

wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen kann. Wo der Hieb

nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt für einen Menschen

verpönt haben, habe ich mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das

Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.«

Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend.

»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen sich über mich

mokieren, scheint mir ...«

Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht verstehen,« sagte

er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, daß

ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu müssen, der

Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre

einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser selbe Mensch etwas

Zerbrochenes für Sie wieder ganz gemacht hat?«

Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. »Für mich ganz

gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebührlichen Spaß, Herr

Doktor Sparre ...«

Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte gern in anderm Ton mit

Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« sagte er verhalten. »Sie gehen im

Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not.

Als der Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes

liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er

fühlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faßten, hatte ich den

Eindruck, als ob Sie sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten.

Aber Sie haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt an

diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufräumweib vor

mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es

entspricht auch nicht meiner Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder

kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung

zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich dachte, ich

könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?«

In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte

Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stülpte

sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des Stuhls.

»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt fort, denn er

hatte flüssigere Verständigung erwartet; »ich habe etwas über mich

vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist.

Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können,

das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng und unbedingt

jenseitig für mich ist, mich zu nähern. Ist es hoffnungslos? Diese

Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen

können, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der

nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt

antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht

ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der

Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Prozeß in Ihnen

beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang

der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen keine

Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mühsam geleimten

Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub für mein #qui vive;# Sie

wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht

Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns dienen kann. Es

gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und

verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und

verschiedenerlei Güte. Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie

und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen

gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und geraffter Muskel und

geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die

Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des

Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und

dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt

haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf

Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht

zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie

die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das

Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft

gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form muß sterben. Und Gesetze

sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das

Leben.«

Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus hinweg, der sich nicht

rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser Verbeugung den Raum.

Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte

er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die

Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien

ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte

er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus der Mauer. Wenn

man die Schwere der Niederlage mildern könnte, ging es ihm, scheinbar

zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie

sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. »Erlöse uns von

dem Übel,« murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen

pressend, »und führe uns nicht in Versuchung.«

Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren

weitentferntes, gräßliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorüber. Er

öffnete die Tür; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich

her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an und ging,

die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur entlang. Auf einmal

prallte er zurück. Auf der Schwelle einer Tür stand eine Frau. Sie

hatte die Hände vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer

gewandt, in dem eine umhüllte Lampe brannte.

Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ matt die Arme

fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie.

Er schwieg.

»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; die Pflegerin hat

mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. Aber leise, bitte, das Kind

schläft spinnwebdünn heute.«

Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlöscht

und weggestellt hatte. Er flüsterte: »Es ist alles so sonderbar,

Baronin, so sehr sonderbar.« Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete

er nieder und betete.

Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht vorbereitet,« sagte

sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, »bin es noch immer

nicht. Was wird werden, Graf?«

Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sie

wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte er.

Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um eine der

Komtessen werben, Sie wollten heiraten.«

Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich

heimbringen, sondern einen Sohn.«

»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn?« fragte Frau

von Gravenreuth mit bleichen Lippen.

Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: »Es muß in Liebe

werden und im Gesetz, denk ich.«

Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich

aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herüber, mit

denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die

Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett.

»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme des Knaben.

Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen · 第 10 / 24 题