Zwei Stunden später klopfte es an Bazaroffs Tür. »Entschuldigen Sie,
wenn ich Sie in Ihren gelehrten Beschäftigungen störe,« sagte Paul
Petrowitsch, nahm auf einem Sessel am Fenster Platz und stützte sich
mit beiden Händen auf einen eleganten Stock mit Elfenbeinknopf (er ging
gewöhnlich ohne Stock); »aber ich sehe mich gezwungen, Sie um fünf
Minuten Ihrer Zeit zu bitten, nicht mehr.«
»Meine Zeit steht ganz zu Ihrer Verfügung,« antwortete Bazaroff, der
ein leichtes Zucken über sein Gesicht gleiten fühlte, sobald Paul über
die Schwelle des Zimmers trat.
»Fünf Minuten werden hinreichen; ich bin gekommen, eine Frage an Sie zu
richten.«
»Eine Frage? und welche?«
»Hören Sie mich an. Im Anfang Ihres hiesigen Aufenthalts, als ich
mir noch nicht das Vergnügen Ihrer Unterhaltung versagte, war es mir
vergönnt, Ihre Meinung über viele Gegenstände kennen zu lernen; aber
soviel ich mich erinnere, haben Sie in meiner Gegenwart nie gesagt, wie
Sie über das Duell denken ... das Duell im allgemeinen. Erlauben Sie
mir, Sie darum zu fragen?«
Bazaroff, der sich erhoben hatte, um Paul entgegenzugehen, setzte sich
auf den Rand des Tisches und schlug die Arme übereinander.
»Meine Meinung«, sagte er, »ist die ... Das Duell ist vom theoretischen
Standpunkt aus eine Abgeschmacktheit; etwas anders aber ist es in der
Praxis.«
»Sie wollen sagen, wenn ich Sie recht verstehe, daß Sie in der Praxis
Ihre theoretische Ansicht über das Duell beiseitesetzen und nicht
gestatten würden, daß man Sie beschimpft, ohne Genugtuung zu verlangen.«
»Sie haben meine Gedanken vollkommen richtig aufgefaßt.«
»Das ist sehr gut. Ich bin entzückt, zu erfahren, daß Sie die Sache so
ansehen. Das macht meiner Unwissenheit ein Ende ...«
»Ihrer Ungewißheit wollen Sie sagen.«
»Das ist gleichgültig, mein Herr; es liegt mir einzig daran, mich
verständlich zu machen; ich bin keine ›Seminarratte‹. Ihre Worte
entheben mich einer gewissen ziemlich traurigen Notwendigkeit. Ich bin
entschlossen, mich mit Ihnen zu schlagen.«
Bazaroff riß die Augen auf.
»Mit mir?«
»Ja, mit Ihnen in Person.«
»Aus welcher Ursache? Ich begreife nichts davon.«
»Ich könnte Ihnen das auseinandersetzen,« erwiderte Paul; »aber ich
ziehe vor, es nicht zu tun. Ich finde Sie hier zuviel; ich kann
Sie nicht leiden, ich verachte Sie, und wenn Ihnen das nicht genug
scheint ...«
Die Augen Pauls funkelten vor Zorn; die Bazaroffs erglänzten ebenfalls
urplötzlich.
»Sehr wohl,« sagte er, »jede weitere Erklärung ist überflüssig. Sie
sind in der Laune, Ihre ritterliche Glut an mir auszulassen. Ich hätte
mich weigern können, Ihnen dies Vergnügen zu verschaffen, aber es mag
sein.«
»Ich bin Ihnen sehr verbunden,« versetzte Paul, »ich darf also hoffen,
Sie nehmen meine Herausforderung an, ohne daß Sie mich nötigen, zu
Zwangsmitteln meine Zuflucht zu nehmen.«
»Was, ohne Metapher gesprochen, heißen soll, zu diesem Stock?«
erwiderte Bazaroff kalt. »Sie haben vollkommen recht. Sie können sichs
ersparen, mich zu beschimpfen, um so mehr, als das nicht unbedingt ohne
Gefahr für Sie wäre. Fahren Sie fort, sich als Gentleman zu betragen,
ich werde meinerseits Ihre Herausforderung als Gentleman annehmen.«
»Gut,« versetzte Paul und stellte seinen Stock in die Ecke. -- »Wir
haben also nur noch die Bedingungen des Kampfes festzustellen; ich
möchte aber vorher wissen, ob es Ihnen notwendig scheint, irgendeinen
Streit zu erfinden, der als Vorwand für die Affäre dienen könnte?«
»Nein; das scheint mir gänzlich unnütz.«
»Das ist auch meine Ansicht, ich denke ebenfalls, daß es unnütz ist,
die wahre Ursache unseres Zwists genau zu untersuchen. Wir können uns
nicht leiden, was braucht es mehr.«
»Ganz richtig, was braucht es mehr,« wiederholte Bazaroff ironisch.
»Was die Bedingungen unserer Affäre betrifft, so erlaube ich mir, da
wir keine Zeugen haben ... denn wo sollen wir sie hernehmen? ...«
»Ganz richtig, wo sollen wir sie hernehmen?«
»Ich erlaube mir, Ihnen folgenden Vorschlag zu machen: Wir schießen uns
morgen, etwa um sechs Uhr, hinter dem Gehölze mit Pistolen; auf zehn
Schritt Distanz.«
»Auf zehn Schritt, gut. Wir verabscheuen uns hinlänglich, um uns auf
diese Entfernung zu schlagen.«
»Auf acht Schritte, wenn Sie wollen!«
»Warum nicht? gern.«
»Wir wechseln zwei Schüsse, und zu größerer Sicherheit wird jeder von
uns einen Brief in der Tasche tragen, worin er sich für den Fall des
Todes selber für den Täter erklärt.«
»Diese letzte Klausel scheint mir nicht notwendig,« versetzte Bazaroff
-- »das sähe sehr unwahrscheinlich aus; wir würden etwas in den
französischen Roman verfallen.«
»Vielleicht ja. Aber gleichwohl werden Sie zugeben, daß es unangenehm
ist, für einen Mörder gehalten zu werden.«
»Ohne Zweifel. Aber es gibt ein Mittel, sich gegen diesen peinlichen
Verdacht zu schützen. Wir werden keine Zeugen im eigentlichen Sinne
des Wortes haben, aber nichts hindert, daß nicht jemand unserem Kampfe
beiwohnt.«
»Wen würden Sie dazu wählen? gestatten Sie mir die Frage.«
»Nun, Peter zum Beispiel.«
»Welchen Peter?«
»Den Kammerdiener Ihres Bruders. Das ist ein Mann, der ganz auf der
Höhe der heutigen Zivilisation steht und seine Rolle sicherlich mit dem
in solchen Fällen nötigen ›~comme il faut~‹ spielen wird.«
»Ich glaube, Sie scherzen, mein teurer Herr?«
»Keineswegs, mein Herr; überlegen Sie sich meinen Vorschlag, und Sie
werden finden, daß er ebenso vernünftig als natürlich ist. ›Einen
Pfriem kann man nicht in einem Sack verbergen‹[37]; ich übernehme
es, Peter auf die Umstände vorzubereiten und auf den Kampfplatz
mitzubringen.«
»Sie scherzen immer noch,« sagte Paul im Aufstehen. »Aber nach der
liebenswürdigen Zuvorkommenheit, die Sie soeben gezeigt, habe ich nicht
das Recht, es übelzunehmen. Also ist alles abgemacht ... Haben Sie
Pistolen?«
»Wozu sollte ich welche haben, Paul Petrowitsch? Ich bin kein Krieger.«
»In diesem Falle biete ich Ihnen die meinigen an. Ich habe mich
derselben seit mehr als fünf Jahren nicht bedient, und Sie dürfen mir
aufs Wort glauben.«
»Diese Versicherung ist ganz geeignet, mich zu beruhigen.«
Paul nahm seinen Stock.
»Und nun, mein teurer Herr,« fuhr er fort, »habe ich Ihnen nur noch
meinen Dank zu wiederholen, und überlasse Sie Ihren Studien. Ich habe
die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«
»Auf Wiedersehen,« antwortete Bazaroff, seinen Besuch zur Türe
geleitend.
Paul ging, und Bazaroff, der an der Tür stehengeblieben war, rief aus:
»Hol mich der Teufel, das ist sehr schön, aber sehr dumm! Welche Posse
haben wir da gespielt! Die klugen Hunde, die auf den Hinterfüßen
tanzen, machens nicht besser. Unmöglich konnte ich mich weigern; er
hätte mich geschlagen, und dann ...« Bazaroff erbleichte bei diesem
Gedanken, der seinen ganzen Stolz empörte. »Mir wäre nichts anderes
übriggeblieben, als ihn zu erwürgen wie ein Hühnchen.«
Er kehrte zu seinem Mikroskop zurück, aber er war aufgeregt, und die zu
seinen Beobachtungen unerläßliche Ruhe war verschwunden.
»Er hat uns heute gesehen,« sagte er zu sich selber, »aber ist es
möglich, daß er sich seines Bruders wegen die Sache so zu Herzen
genommen hat? Überdies ein Kuß! das ist was Rechts! es steckt etwas
dahinter. Sollte er selbst verliebt sein? Es muß so sein, ich halte
meine Hand dafür ins Feuer! Welch eine Pfütze all das!«
»Schlimme Geschichte!« sagte er nach einigem Nachdenken. »Schlimme
Geschichte! erst soll man sein Leben wagen und vielleicht die Flucht
ergreifen. Dann ... Arkad ... und dieses Herrgottsvieh von Nikolaus
Petrowitsch! Schlimme, schlimme Geschichte!«
Der Tag verging noch stiller als gewöhnlich. Man hätte glauben sollen,
Fenitschka sei aus der Welt verschwunden; sie hielt sich in ihrem
Zimmer wie eine Maus im Loch. Kirsanoff sah sorgenvoll drein; man
hatte ihm kurz zuvor gesagt, daß der Brand in seinen Weizen gekommen
sei, auf welchen er große Hoffnungen setzte. Pauls eisige Höflichkeit
war drückend für alle, sogar für Prokofitsch. Bazaroff fing einen
Brief an seinen Vater an, zerriß ihn aber und warf ihn unter den
Tisch. »Wenn ich sterbe,« dachte er, »werden sie's schon erfahren;
aber ich werde nicht sterben. Ja, ich werde mich noch lange auf der
Erde hinschleppen.« Er erteilte Peter den Befehl, am anderen Morgen
mit Tagesanbruch wegen eines wichtigen Geschäfts zu ihm zu kommen;
Peter bildete sich ein, daß er ihn mit sich nach Petersburg nehmen
wolle. Bazaroff ging spät zu Bette, und wunderliche Träume quälten ihn
die ganze Nacht ... Frau Odinzoff erschien ihm fortwährend; sie war
zugleich seine Mutter. Ein Kätzchen mit schwarzem Schnurrbart folgte
ihr, und dieses Kätzchen war Fenitschka. Er sah Paul in Gestalt eines
Baumstammes, war aber nichtsdestoweniger gezwungen, sich mit ihm zu
schlagen. Peter weckte ihn um vier Uhr morgens; er kleidete sich an und
verließ sofort mit ihm das Haus.
Der Morgen war prächtig und frischer als an den vorhergehenden Tagen.
Buntscheckige Wölkchen zogen wie Flocken über den blaßblauen Himmel;
die Blätter der Bäume waren leicht betaut, die Spinnweben funkelten
wie Silber auf den Grashalmen; auf dem feuchten dunkeln Boden schien
noch ein Hauch des Frührots zu liegen, und der Gesang der Lerchen tönte
ringsum aus der Höhe.
Bazaroff ging bis zu dem Gehölz, setzte sich im Schatten nieder
und belehrte Peter über den Dienst, den man von ihm verlangte. Der
gebildete Kammerdiener wurde von einem Todesschrecken ergriffen;
Bazaroff beruhigte ihn indes durch die Versicherung, daß er nichts zu
tun habe, als aus der Ferne zuzusehen ohne die geringste Verantwortung.
»Inzwischen«, setzte er hinzu, »überleg dir die wichtige Rolle, die du
ausfüllen wirst.«
Peter rang die Hände, ließ den Kopf hängen und lehnte sich, das Gesicht
ganz grün vor Furcht, an einen Baum.
Die Straße, welche nach Marino führte, lief an einem Wäldchen entlang;
der leichte Staub, der auf ihr lag, war seit dem Tag zuvor weder
von einem Rad noch von einem Fuß berührt worden. Bazaroff blickte
unwillkürlich die Straße entlang, pflückte und kaute einen Grashalm,
und wiederholte sich unaufhörlich: »Welche Dummheit!« In der Kühle des
Morgens schauerte er ein paarmal ... Peter sah ihn traurigen Blickes
an; aber Bazaroff begnügte sich, zu lachen; er hatte nicht die mindeste
Furcht.
Auf der Straße hörte man Pferdegetrappel ... Gleich darauf erschien
ein Bauer; er kam aus dem Dorfe und trieb zwei Pferde vor sich her, die
Fesseln an den Füßen hatten. Als er an Bazaroff vorbeiging, sah er ihn
verwundert an, ohne an die Mütze zu greifen, was Peter eine schlimme
Vorbedeutung zu sein schien und ihn sichtlich beunruhigte. »Dieser
Mensch«, dachte Bazaroff, »ist auch früh aufgestanden, er tut aber
wenigstens etwas Nützliches, während wir ...«
»Ich glaube, der Herr kommt,« sagte Peter plötzlich halblaut.
Bazaroff blickte auf und erkannte Paul, welcher eiligst auf der
Straße daherkam, bekleidet mit einem farbigen Wams und schneeweißen
Beinkleidern; er trug ein grünes Etui unter dem Arm.
»Entschuldigen Sie, ich fürchte, ich habe Sie warten lassen,« sagte er,
zuerst Bazaroff und dann Peter begrüßend, den er in diesem Augenblick
als eine Art Sekundanten betrachtete; »ich wollte meinen Kammerdiener
nicht wecken.«
»Schon gut,« erwiderte Bazaroff, »wir kommen eben erst an.«
»Ah! um so besser!« Paul warf die Augen ringsumher. »Niemand sieht uns,
wir werden ungestört sein. Gehen wir ans Werk!«
»Mit Vergnügen!«
»Ich setze voraus, daß Sie keine weiteren Erklärungen wünschen?«
»Nicht die geringsten.«
»Wollen Sie sich der Mühe des Ladens unterziehen?« sagte Paul, während
er die Pistolen aus dem Kästchen nahm.
»Nein, laden Sie selbst. Ich will die Distanz messen. Ich habe längere
Beine,« fügte Bazaroff mit boshaftem Lächeln hinzu. »Eins ... zwei ...
drei ...«
»Eugen Wassiliewitsch,« stotterte Peter mit Anstrengung -- er zitterte
wie in einem Fieberanfall --, »tun Sie, was Sie wollen, ich werde mich
ein wenig zurückziehen.«
»Vier ... fünf ... Zieh dich zurück, mein Braver, zieh dich zurück,
du darfst dich sogar hinter einen Baum stellen und dir die Ohren
verstopfen, aber die Augen halte offen; wenn einer von uns fällt, lauf,
fliege, eile, ihn aufzuheben. Sechs ... sieben ... acht ...« Bazaroff
hielt an. -- »Genug?« fragte er, gegen Paul gewandt, »oder noch zwei
kleine Schritte?«
»Wie Sie wollen,« antwortete Paul, indem er die zweite Kugel in den
Lauf stieß.
»Also zwei Schritte weiter!« -- Bazaroff zog mit der Stiefelspitze
einen Strich auf dem Boden; -- »das ist die Barriere! Apropos, wir
haben die Entfernung nicht festgestellt, in der wir uns von der
Barriere aufstellen? Das ist auch wichtig. Wir haben diese ernste Frage
gestern nicht debattiert.«
»Zehn Schritte, denk ich,« erwiderte Paul und hielt ihm die beiden
Pistolen hin; »machen Sie mir das Vergnügen, zu wählen.«
»Ich werde Ihnen dies Vergnügen verschaffen, Sie müssen mir aber
zugeben, daß unser Duell bis zur Lächerlichkeit sonderbar ist; sehen
Sie sich einmal die Physiognomie unseres Sekundanten an.«
»Sie scherzen noch immer,« erwiderte Paul; »ich leugne nicht, daß
unsere Begegnung ziemlich wunderlich ist, aber ich glaube Ihnen
bemerken zu müssen, daß ich mich ernstlich zu schlagen gedenke. ~A bon
entendeur salut!~«
»Oh, ich zweifle gar nicht, daß wir entschlossen sind, uns den Garaus
zu machen; aber warum nicht ein wenig lachen und zum ~utile~ das
~dulce~ fügen? Sie sehen, wenn Sie französisch zu mir sprechen, kann
ich Ihnen auf lateinisch antworten.«
»Ich werde mich ernstlich schlagen,« wiederholte Paul und nahm seinen
Platz ein.
Bazaroff zählte ebenfalls zehn Schritte ab und blieb stehen.
»Sind Sie fertig?« fragte Paul.
»Ja.«
»Vorwärts!«
Bazaroff ging langsam vorwärts, Paul desgleichen; er hatte die linke
Hand in der Tasche und hob langsam die Mündung seiner Pistole ... »Er
zielt gerade nach meiner Nase,« sagte sich Bazaroff, »und wie er das
Auge zukneift, um seinen Schuß sicher zu machen, der Bandit! Keine
angenehme ›Sensation‹, wahrhaftig. Ich will seine Uhrkette in das Auge
fassen ...«
Pfeifend flog etwas hart am Ohr Bazaroffs vorüber, und im selben
Augenblick ertönte ein Knall. »Ich habs gehört, also hab ich nichts,«
hatte er Zeit zu denken. Er ging noch einen Schritt vor und drückte
los, ohne zu zielen.
Paul machte eine leichte Bewegung und fuhr mit der Hand an sein Bein.
Ein Blutstrahl färbte sein weißes Beinkleid.
Bazaroff warf die Pistole weg und eilte zu ihm.
»Sie sind verwundet?« fragte Bazaroff.
»Sie hatten das Recht, mich bis an die Barriere vorgehen zu lassen,«
erwiderte Paul; »die Wunde ist unbedeutend. Nach unserer Übereinkunft
hat jeder von uns noch einen Schuß.«
»Sie müssen mir schon erlauben, die Partie auf ein andermal zu
verschieben,« antwortete Bazaroff und legte seinen Arm um Paul, der
bleich zu werden anfing. -- »Ich bin im Augenblick nicht mehr Duellant,
sondern Doktor, und vor allem muß ich Ihre Wunde untersuchen. Peter!
Komm her, Peter, wo steckst du?«
»Es ist absolut nichts ... Ich habe niemandes Hilfe nötig,« antwortete
Paul, dem das Sprechen schwer wurde; »und wir müssen ... noch
einmal ...« Er wollte sich den Schnurrbart streichen, aber sein Arm
sank zurück, seine Augen verdrehten sich, und er sank in Ohnmacht.
»Das ist etwas stark! er hat das Bewußtsein verloren, wegen solcher
Kleinigkeit!« rief Bazaroff unwillkürlich aus und legte Paul auf den
Rasen; »sehen wir einmal nach, was er hat!« Er zog sein Taschentuch
heraus, stillte das Blut und untersuchte die Wundränder. »Der Knochen
ist unversehrt,« murmelte er, »die Kugel ist nicht tief eingedrungen
und hat nur einen einzigen Muskel verletzt, den ~vastus externus~.
In drei Wochen kann er tanzen, wenn er Lust hat. Das ist wohl der
Mühe wert, in Ohnmacht zu fallen. Ah! diese nervösen Leute tuns nicht
anders! Wie zart seine Haut ist!«
»Ist der Herr tot?« fragte Peter hinter seinem Rücken mit zitternder
Stimme.
Bazaroff wandte sich um.
»Geh, hole Wasser, Kamerad, und fürchte nichts, der lebt länger als du
und ich.«
Aber der perfekte Diener schien nicht zu begreifen, was man ihm sagte,
und blieb unbeweglich stehen. Inzwischen öffnete Paul langsam wieder
die Augen.
»Er gibt seinen Geist auf!« versetzte Peter, sich bekreuzend.
»Sie haben recht ... Welche lächerliche Physiognomie!« sagte der
verwundete Edelmann mit erzwungenem Lächeln.
»Hol doch Wasser, Dummkopf!« rief Bazaroff.
»Es ist unnötig ... der Schwindel hat sich ganz verloren ... helfen Sie
mir, daß ich mich setze ... so, so ... wenn man den Ritz mit irgend
etwas verbindet, werde ich zu Fuß nach Hause gehen, man kann mir auch
eine Droschke schicken. -- Wir könnens dabei bewenden lassen, wenn Sie
wollen. Sie haben sich als Mann von Ehre benommen ... heute ... heute,
wohlgemerkt!«
»Es ist unnötig, auf das Vergangene zurückzukommen, und was die Zukunft
betrifft, so beunruhigen Sie sich deshalb nicht, denn ich denke mich so
rasch wie möglich von hier fortzumachen. Jetzt lassen Sie mich Ihr Bein
verbinden, Ihre Wunde ist leicht, aber es ist immer besser, das Blut
zu stillen. Vor allem muß ich in diesem Sterblichen da das Gefühl der
Existenz zurückrufen.«
Bazaroff ergriff Peter beim Kragen, schüttelte ihn heftig und befahl
ihm, eine Droschke zu holen.
»Erschrick meinen Bruder nicht,« sagte Paul, »und laß dir nicht
beikommen, ihm das mindeste mitzuteilen.«
Peter entfernte sich schleunig, und während er nach einer Droschke
lief, blieben die beiden Gegner nebeneinander sitzen, ohne zu sprechen.
Paul vermied es, Bazaroff anzublicken; er hatte keine Lust, sich mit
ihm zu versöhnen, er warf sich sein Ungestüm, seine Ungeschicklichkeit,
sein ganzes Verhalten in dieser Angelegenheit vor, obgleich er sehr
wohl fühlte, daß dieselbe in möglichst günstiger Weise beigelegt worden
sei. »Er wird uns wenigstens von seiner Gegenwart befreien,« sagte er
sich zum Trost, »damit ist immer etwas gewonnen.« Das Stillschweigen,
welches die beiden Gegner beobachteten, fing an peinlich und lästig
zu werden. Jeder hatte die Gewißheit, daß der andere ihn vollständig
verstehe. Diese Gewißheit ist angenehm für Freunde, für Feinde aber
ist sie sehr unangenehm, namentlich wenn sie sich weder erklären noch
trennen können.
»Habe ich Ihren Fuß nicht zu fest verbunden?« fragte endlich Bazaroff.
»Nein, durchaus nicht! Alles ist ganz gut,« erwiderte Paul, und wenige
Augenblicke darauf setzte er hinzu: »Es wird nicht möglich sein,
meinen Bruder zu täuschen; ich werde ihm erzählen, daß wir über eine
politische Frage Streit bekommen haben.«
»Ganz recht!« antwortete Bazaroff. »Sie können sagen, daß ich in Ihrer
Gegenwart alle Anglomanen angegriffen habe.«
»Richtig! Apropos, was glauben Sie, daß dieser Mann von uns denkt?«
fuhr Paul fort, indem er mit der Hand auf denselben Bauer deutete,
welcher kurz vor dem Duell, seine Pferde treibend, an Bazaroff
vorübergegangen war, und der diesmal, als er die Herren bemerkte, das
Haupt entblößte und von der Straße bog.
»Wer weiß es,« antwortete Bazaroff, »wahrscheinlich nichts. Der
russische Bauer gleicht ganz dem geheimnisvollen Unbekannten, von dem
so viel in den Romanen der Anna Ratcliffe die Rede ist. Wer kennt ihn?
er kennt sich selber nicht.«
»Ah, Sie glauben?« erwiderte Paul; plötzlich aber rief er aus: »Sehen
Sie die Dummheit Ihres Peter! Da kommt mein Bruder selbst mit.«
Bazaroff wandte sich um und gewahrte das bleiche Gesicht Kirsanoffs,
der in der Droschke saß. Er sprang heraus, ehe der Kutscher hielt, und
lief auf seinen Bruder zu.
»Was bedeutet das?« fragte er mit bewegter Stimme; »Eugen
Wassiliewitsch, wie ist es möglich?«
»Es ist gar nichts,« antwortete Paul, »es war unrecht, dich zu stören.
Wir haben einer augenblicklichen Aufwallung nachgegeben, Herr Bazaroff
und ich; ich wurde ein wenig dafür gestraft, das ist das Ganze.«
»Aber aus welcher Veranlassung, großer Gott?«
»Wie soll ich dirs erklären? Herr Bazaroff hat sich in meiner Gegenwart
in unziemlicher Weise über Sir Robert Peel ausgedrückt. Ich muß jedoch
gleich hinzufügen, daß ich allein an allem schuld bin, und daß sich
Herr Bazaroff höchst ehrenhaft betragen hat. Ich habe ihn provoziert.«
»Ich sehe Blut?«
»Dachtest du denn, ich hätte Wasser in den Adern? Ich versichere dich,
daß mir dieser kleine Aderlaß sehr gut tun wird. Nicht wahr, Doktor?
Hilf mir in die Droschke steigen, und überlaß dich keinen trüben
Gedanken. Morgen bin ich wieder ganz wohl. So, es könnte mir gar nicht
besser zumut sein. Fort, Kutscher!«
Kirsanoff folgte der Droschke zu Fuß, Bazaroff war zurückgeblieben.
»Ich muß Sie bitten, meinen Bruder in Behandlung zu nehmen,« sagte
Kirsanoff zu ihm, »bis man einen Arzt aus der Stadt geholt hat.«
Bazaroff verneigte sich schweigend.
Eine Stunde darauf lag Paul in seinem Bett, und ein kunstgerechter
Verband umhüllte sein Bein. Das ganze Haus war in Aufregung; Fenitschka
war unwohl geworden. Kirsanoff rang in der Stille die Hände, und Paul
lachte und scherzte, besonders mit Bazaroff. Er hatte ein Batisthemd
und eine elegante Morgenjacke angelegt und ein Fes aufgesetzt; er
verlangte, daß man die Vorhänge nicht herunterlasse, und beschwerte
sich scherzend über die Diät, zu der er sich verdammt sähe.
Gegen Abend stellte sich jedoch ein leichtes Fieber ein, und er bekam
Kopfschmerzen. Ein Arzt aus der Stadt erschien. Kirsanoff hatte den
Wunsch seines Bruders nicht beachtet, und Bazaroff selbst hatte
verlangt, daß man einen Kollegen rufe. Bis zu dessen Ankunft hatte
er sich fast beständig in seinem Zimmer gehalten; er sah gereizt und
gelb aus und beschränkte sich darauf, dem Verwundeten kurze Besuche
abzustatten. Zwei- oder dreimal begegnete er Fenitschka, die ihm
mit einem gewissen Schrecken auswich. Der neue Doktor verordnete
kühle Getränke und bestätigte die Ansicht Bazaroffs, daß die Wunde
wenig zu bedeuten habe. Kirsanoff sagte ihm, daß sein Bruder sich
aus Unvorsichtigkeit selbst verwundet habe, worauf der Doktor mit
einem »Hm« antwortete, da er aber im gleichen Augenblick einen
Fünfundzwanzigrubelschein in seine Hand gleiten fühlte, fügte er hinzu:
»In der Tat! Das ist ein Fall, der sehr häufig vorkommt.« Im ganzen
Haus war niemand, der sich zu Bett legte oder die Augen schloß.
Kirsanoff schlich jeden Augenblick auf den Zehen in das Zimmer seines
Bruders und verließ es ebenso wieder. Der Verwundete schlummerte auf
Augenblicke ein, stieß leise Seufzer aus, sagte seinem Bruder: »Geh
doch zu Bett«, und verlangte zu trinken. Kirsanoff hieß Fenitschka
einmal ihm ein Glas Limonade reichen; Paul sah sie fest an und
trank das Glas bis zum letzten Tropfen aus. Das Fieber nahm gegen
Morgen zu, und der Verwundete delirierte ein wenig. Er sprach in
unzusammenhängenden Worten, dann öffnete er plötzlich die Augen, und
als er seinen Bruder erblickte, der sich am Bett stehend über ihn
beugte und ihn sorgenvoll betrachtete, sagte er zu ihm:
»Nicht wahr, Nikolaus, Fenitschka hat etwas von Nelly?«
»Welche Nelly meinst du, Paul?«
»Wie kannst du fragen! Die Fürstin R...! Namentlich im oberen Teil des
Gesichts. ~C'est de la même famille.~«
Kirsanoff antwortete nichts und verwunderte sich über die Zähigkeit der
Gefühle des menschlichen Herzens. »Wie so was doch immer wieder an die
Oberfläche dringt,« dachte er.
»Ach, wie lieb ich dieses Geschöpf ... dies unbedeutende!« rief
Paul mit schmerzlichem Ton aus und legte den Arm unter den Kopf. --
»Ich werde nie dulden, daß ein Unverschämter sie zu berühren sich
erlaube ...« murmelte er kurz darauf.
Kirsanoff seufzte; er hatte keine Ahnung, auf wen sich diese Worte
bezogen.
Am andern Morgen erschien Bazaroff gegen acht Uhr bei ihm, er hatte
inzwischen seine Effekten gepackt und alle seine Frösche, Vögel und
Insekten in Freiheit gesetzt.
»Sie kommen, mir Lebewohl zu sagen,« sagte Kirsanoff aufstehend.
»Mein Gott, ja!«
»Ich verstehe Sie und gebe Ihnen vollkommen recht. Mein armer Bruder
hat ohne Zweifel unrecht gehabt, auch ist er dafür gestraft. Ich weiß
es von ihm selber, daß er Sie in die Unmöglichkeit versetzt hatte,
anders zu handeln, als Sie taten. Ich glaube, daß es Ihnen sehr schwer
geworden wäre, dies Duell zu vermeiden, welches ... welches sich bis zu
einem gewissen Grad aus dem beständigen Widerstreit Ihrer gegenseitigen
Ansichten erklärt. (Nikolaus Petrowitsch verwirrte sich in seinen
Worten und atmete schwer.) Mein Bruder ist reizbarer Natur, eigensinnig
den alten Ideen zugetan ... Ich danke Gott, daß alles so ohne weitere
Folgen abgelaufen ist; übrigens habe ich alle Vorkehrungen getroffen,
daß die Sache nicht ruchbar wird ...«
»Ich werde Ihnen meine Adresse hinterlassen, und falls man aus alledem
eine Geschichte machen wollte, können Sie mich immer wiederfinden,«
warf Bazaroff hin.
»Hoffentlich ist diese Vorsicht unnötig, Eugen Wassilitsch ... Ich
bedaure sehr, daß Ihr Aufenthalt in unserem Hause ein ... derartiges
Ende genommen hat. Das bekümmert mich um so mehr, als Arkad ...«
»Vermutlich werde ich ihn wiedersehen,« erwiderte Bazaroff, den jede
Art von »Auseinandersetzung« oder »Erklärung« ungeduldig machte. --
»Andernfalls bitte ich Sie, ihn von mir zu grüßen und ihm mein ganzes
Bedauern auszudrücken.«
»Auch ich bitte Sie ...« antwortete Kirsanoff, sich verbeugend.
Bazaroff wartete jedoch das Ende der Phrase nicht ab und ging.
Als Paul erfuhr, daß Bazaroff im Begriff sei, abzureisen, äußerte
er den Wunsch, ihn zu sehen, und drückte ihm die Hand, Bazaroff aber
zeigte sich nach seiner gewöhnlichen Art kalt wie Eis; er merkte sehr
wohl, daß Paul den Großmütigen spielen wollte. Von Fenitschka konnte
er nicht Abschied nehmen; er begnügte sich damit, ihr einen Blick zum
Fenster hinauf zuzuwerfen. Sie kam ihm traurig vor. »Sie weiß sich
vielleicht nicht zu helfen?« dachte er ... »Übrigens warum nicht?«
Peter war derart gerührt, daß er, an die Schulter Bazaroffs gelehnt,
so lange fort weinte, bis dieser ihn mit der Frage zur Ruhe brachte,
»ob seine Augen vielleicht in feuchtem Boden stünden?« Duniascha mußte
in das Gehölz laufen, um ihre Bewegung zu verbergen. Der Urheber all
dieser Schmerzen bestieg eine Telege, steckte sich eine Zigarre an, und
als er vier Werst weiter bei einer Wendung des Weges zum letztenmal
das Haus Kirsanoffs mit seiner ganzen Umgebung erblickte, spie er aus,
murmelte zwischen den Zähnen: »Verfluchte Krautjunker,« und hüllte sich
in seinen Mantel.
Das Befinden Pauls besserte sich rasch; doch hütete er beinahe noch
eine Woche lang das Bett. Er ertrug seine Gefangenschaft, wie ers
hieß, ziemlich geduldig, verwandte aber einen großen Teil seiner Zeit
auf seine Toilette und ließ beständig mit Kölnischem Wasser räuchern.
Kirsanoff las ihm die Zeitung vor, und Fenitschka bediente ihn wie
gewöhnlich, sie brachte ihm Fleischbrühe, Limonade, weiche Eier, Tee.
Aber ein geheimer Schreck bemächtigte sich ihrer jedesmal, wenn sie in
sein Zimmer trat.
Paul Petrowitschs jugendlicher Streich hatte alle Bewohner des Hauses,
und namentlich Fenitschka, erschreckt; Prokofitsch war der einzige,
der mit der größten Seelenruhe davon sprach; zu seiner Zeit, sagte er,
hätten sich die Herren oft so geschlagen, »aber streng unter sich und
nie mit solchen Lumpen, wie der da. Man ließ solche Leute im Stall
aushauen, wenn sie unverschämt wurden«.
Das Gewissen machte Fenitschka keinen Vorwurf, sie fühlte sich aber
doch sehr beunruhigt, sooft eine Ahnung von der wahren Ursache des
Streites über sie kam; zudem sah sie Paul so sonderbar an ... daß sie,
selbst wenn sie ihm den Rücken wandte, die Wirkung seines Blickes zu
spüren glaubte. Infolge dieser beständigen Aufregung wurde sie mager,
und dadurch, wie dies bei Frauen dieses Alters immer der Fall ist, nur
noch hübscher.
Einmal (es war eines Morgens) hatte Paul, der sich viel besser fühlte,
sein Bett verlassen und sich auf das Sofa gelegt; Kirsanoff kam, um zu
fragen, wie er sich befinde, und ging dann, um nach den Dreschern zu
sehen.
Fenitschka brachte eine Tasse Tee, stellte sie auf den Tisch und war im
Begriff, sich wieder zu entfernen, als Paul sie zurückhielt.
»Warum wollen Sie mich so rasch verlassen, Fedosia Nikolajewna?« sagte
er zu ihr, »haben Sie etwas zu tun?«
»Nein ... Ja ... Ich muß drunten den Tee einschenken.«
»Duniascha wird das in Ihrer Abwesenheit besorgen; bleiben Sie ein
wenig bei einem armen Kranken. Zudem habe ich mit Ihnen zu reden.«
Fenitschka setzte sich schweigend auf den Rand eines Lehnsessels.
»Hören Sie,« fuhr Paul, seinen Schnurrbart zupfend, fort, »ich wollte
Sie schon lange fragen, warum Sie, wie es scheint, Angst vor mir haben?«
»Wer? ich?«
»Ja, Sie ... Sie sehen mir nie gerade ins Gesicht; es scheint, daß Ihr
Gewissen nicht ganz rein ist.«
Fenitschka errötete, sah Paul Petrowitsch aber an. Der Ausdruck seines
Gesichtes schien ihr so unheimlich, daß sie im Grunde ihres Herzens
erbebte.
»Ist Ihr Gewissen rein?« fragte er sie.
»Warum sollt es nicht?« sagte sie mit leiser Stimme.
»Was weiß ich? Übrigens, gegen wen könnten Sie sich etwas haben
zuschulden kommen lassen? gegen mich unmöglich. Gegen irgend jemand
anders im Hause? das scheint mir gleichfalls nicht annehmbar. Gegen
meinen Bruder ... Nein, denn Sie lieben ihn.«
»Ja gewiß, ich liebe ihn!«
»Von ganzem Herzen? aus voller Seele?«
»Ich liebe Nikolaus Petrowitsch von ganzem Herzen!«
»Wahrhaftig? Sehen Sie mich ein wenig an, Fenitschka! (Es war zum
erstenmal, daß er ihr diesen Namen gab.) Sie wissen ..., daß Lügen eine
große Sünde ist.«
»Ich lüge nicht, Paul Petrowitsch. Wenn ich Nikolaus Petrowitsch nicht
liebte, verdiente ich nicht zu leben.«
»Und Sie würden ihn für niemand hingeben?«
»Für wen sollte ich ihn denn hingeben?«
»Für wen? wer weiß! Da ist zum Beispiel der Herr, der uns vor kurzem
verlassen hat.«
Fenitschka stand auf.
»Um des Himmels willen! Paul Petrowitsch, warum quälen Sie mich so? was
hab ich Ihnen getan? wie kann man so etwas sagen?«
»Fenitschka,« erwiderte Paul Petrowitsch traurig, »ich habe alles
gesehen ...«
»Was haben Sie gesehen?«
»Da unten ... in der Laube ...«
Fenitschka wurde plötzlich über und über rot.
»Ist das meine Schuld?« stotterte sie.
Paul richtete sich auf.
»Sie sind nicht schuldig? Nicht? In keiner Weise?«
»Es ist nur ein Mann auf Erden, den ich liebe und lieben werde,
Nikolaus Petrowitsch,« erwiderte Fenitschka mit plötzlicher Energie,
obgleich ihr die erstickten Seufzer fast die Kehle zuschnürten -- »und
über das, was Sie gesehen haben, hab ich mir, das kann ich am Jüngsten
Tag beschwören, keine Vorwürfe zu machen; lieber auf der Stelle
sterben, wenns sein muß, als in dem abscheulichen Verdacht stehen, daß
ich mich gegen meinen Wohltäter Nikolaus Petrowitsch vergangen habe ...«
Ihre Stimme erlosch, und sie fühlte im selben Augenblick, daß Paul ihre
Hand ergriff und mit Kraft drückte ... Sie sah ihn an und stand wie
versteinert. Er war noch bleicher als zuvor, seine Augen funkelten, und
was noch überraschender war, eine einzige schwere Träne rollte langsam
über seine Wange.
»Fenitschka,« sagte er mit dumpfer und erstickter Stimme, »lieben
Sie, lieben Sie meinen Bruder! Er ist so gut, und so wert, geliebt zu
werden! Geben Sie ihn für niemand in der Welt hin, und hören Sie auf
niemandes Einflüsterungen. Nichts ist schrecklicher, glauben Sie mir,
als unerwiderte Liebe! Bleiben Sie meinem armen Nikolaus treu!«
Fenitschka hörte auf zu weinen; sie war so verwundert, daß sich ihre
Angst verlor. Wie wurde ihr aber erst zumute, als Paul ihre Hand
ergriff und sie an seine Augen drückte, sie wieder ergriff und, ohne
sie zu küssen, unter krampfhaftem Schluchzen zum Munde führte ...
»Großer Gott!« dachte sie, »er bekommt am Ende einen Anfall!«
Sie ahnte nicht, daß in diesem Augenblick die ganze Vergangenheit in
Paul Petrowitschs Herzen schmerzlich wieder auflebte. Die Stufen der
Treppe knarrten unter raschen Schritten ... Er stieß Fenitschka weit
von sich und legte den Kopf aufs Sofakissen. Die Tür ging auf, und
Kirsanoff trat ein, freudestrahlend, mit frischem und belebtem Antlitz.
Mitia, ebenso frisch und blühend rot wie er, hüpfte im Hemdchen auf
seinem Arm und stemmte die nackten Füßchen gegen die großen Rockknöpfe
seines Vaters.
Fenitschka stürzte sich Kirsanoff entgegen, und ihn und ihren Sohn
heftig in ihre Arme schließend, lehnte sie das Haupt an seine Schulter.
Kirsanoff schien überrascht; Fenitschka, scheu und zurückhaltend, wie
sie war, erlaubte sich sonst in Gegenwart eines Dritten nicht die
mindeste Liebkosung.
»Was hast du?« fragte er sie und übergab, nachdem er seinen Bruder
angesehen, das Kind seiner Mutter. -- »Du fühlst dich doch nicht
schlechter?« setzte er hinzu, näher zu Paul tretend.
Dieser verbarg das Gesicht in seinem Batisttuch.
»Nein, gar nicht ... im Gegenteil ... ich befinde mich viel besser.«
»Du hättest dein Bett nicht verlassen sollen,« sagte Kirsanoff. »Wo
gehst du hin?« fuhr er, gegen Fenitschka gewendet, fort; diese aber
hatte die Tür bereits hinter sich zugezogen.
»Ich kam, um dir meinen kleinen Schlingel zu zeigen, er war es müde,
seinen Onkel nicht zu sehen. Warum hat sie ihn fortgenommen? Aber was
hast du denn? Ist etwas zwischen euch vorgefallen?«
»Bruder!« sagte Paul Petrowitsch in feierlichem Ton.
Kirsanoff zitterte. Er empfand ein Gefühl von Furcht, worüber er sich
nicht Rechenschaft zu geben vermochte.
»Bruder!« wiederholte Paul, »versprich mir, die Bitte zu erfüllen, die
ich an dich richten werde!«
»Was willst du, Paul?«
»Etwas sehr Wichtiges; dein ganzes Lebensglück hängt davon ab. Ich
habe seit einiger Zeit oft über das nachgedacht, was ich dir zu sagen
im Begriff bin ... Bruder, erfülle deine Pflicht, die Pflicht des
Ehrenmannes, mach dem unordentlichen, anstößigen Verhältnis, in dem du
lebst, ein Ende, du, der beste der Männer!«
»Was soll das heißen, Paul?«
»Heirate Fenitschka ... Sie liebt dich, sie ist die Mutter deines
Sohnes.« Kirsanoff fuhr einen Schritt zurück und schlug die Hände
zusammen.
»Du gibst mir diesen Rat, Paul! Du, den ich für den unversöhnlichsten
Feind solcher Heiraten ansah! Du gibst mir diesen Rat! Aber wenn ich
bis jetzt nicht erfüllt habe, was du mit Recht die heiligste der
Pflichten nennst, so geschah es einzig mit Rücksicht auf dich!«
»Ich bedaure, daß du die Rücksicht auf mich so weit getrieben hast,«
antwortete Paul mit traurigem Lächeln. -- »Ich fange an zu glauben,
daß Bazaroff recht hatte, mich einen Aristokraten zu heißen. Ja, mein
lieber Bruder, es ist Zeit, daß wir aufhören, immer nur im Hinblick
auf die Welt zu handeln; wir sind schon alt, und das Leben hat uns
bescheiden gemacht; laß uns all den eiteln Firlefanz beiseitewerfen.
Laß uns, wie du ganz richtig gesagt, unsere Pflicht erfüllen, und es
ist höchst wahrscheinlich, daß wir das Glück noch obendrein in den Kauf
bekommen.«
Kirsanoff umarmte seinen Bruder stürmisch.
»Du hast mir die Augen vollends geöffnet!« rief er aus. »Ich habe dich
immer für den besten und einsichtigsten der Männer gehalten; ich sehe
jetzt, daß du zudem ebenso weise als großherzig bist.«
»Sachte! sachte!« erwiderte Paul Petrowitsch. »Schone das Bein deines
großherzigen Bruders, der sich mit seinen fünfundvierzig Jahren eben
noch duelliert hat wie ein Unterleutnant. Also abgemacht, Fenitschka
wird ~ma belle-sœur~.«
»Mein lieber Paul! ... aber was wird Arkad sagen?«
»Arkad? er wird hoch erfreut sein, verlaß dich darauf! Die Ehe ist zwar
gegen seine Grundsätze, aber es wird seiner Liebe für die Gleichheit
schmeicheln. In der Tat, was bedeuten alle diese Unterschiede, diese
Kasten im neunzehnten Jahrhundert!«
»Ach Paul, Paul, laß dich noch einmal umarmen, fürchte nichts, ich
werde deinem Bein nicht wehe tun.«
Die beiden Brüder umarmten sich.
»Was meinst du, sollte man ihr deinen Entschluß nicht sofort anzeigen?«
fragte Paul Petrowitsch.
»Warum so eilen?« antwortete Kirsanoff; »habt ihr davon gesprochen?«
»Davon gesprochen? wir? ~Quelle idée!~«
»Um so besser! werde nur erst gesund; die Geschichte läuft uns nicht
davon, man muß reiflich erwägen ...«
»Du bist aber doch fest entschlossen?«
»Gewiß, und ich danke dir aufrichtig, daß du mich dazu gebracht hast;
ich laß dich jetzt allein, du mußt dich wieder legen, Aufregungen sind
dir nicht zuträglich, wir kommen noch darauf zurück. Versuch ein wenig
zu schlafen, und Gott schenk dir baldigst die Gesundheit wieder.«
»Warum dieser überschwengliche Dank?« fragte sich Paul, als er allein
war, »als ob die Sache nicht von ihm abhinge! Und ich, sobald er
verheiratet ist, werde mich irgendwo weit von hier, in Dresden oder
Florenz, niederlassen und dort leben, bis ich krepiere.«
Paul befeuchtete seine Stirn mit Kölnischem Wasser und schloß die
Augen. Im Licht des Tages, das voll ins Zimmer fiel, glich sein
schöner, abgemagerter Kopf auf dem weißen Kissen einem Totenantlitz ...
Es war in der Tat ein Toter.