Zweiundzwanzigstes Kapitel

Nachdem er Arkad mit ironischem Bedauern und gewissen Worten, welche

zu verstehen gaben, daß er den wahren Zweck seiner Reise wohl errate,

an den Wagen begleitet hatte, fing Bazaroff an, ganz zurückgezogen

zu leben; er schien von einem Arbeitsfieber erfaßt zu sein. Er

stritt nicht mehr mit Paul, da dieser bei solchen Gelegenheiten gar

zu aristokratische Manieren annahm und weniger mit Worten als mit

unartikulierten Lauten antwortete. Ein einziges Mal hatte sich Paul in

einen Streit mit dem Nihilisten eingelassen über die Rechte des Adels

in den baltischen Provinzen, welche damals an der Tagesordnung waren;

er brach jedoch plötzlich ab und sagte mit kalter Höflichkeit:

»Übrigens werden wir uns nie verständigen. Ich wenigstens habe nicht

die Ehre, Sie zu begreifen.«

»Ich zweifle nicht daran,« rief Bazaroff. »Der Mensch kann alles

begreifen: die Schwingungen des Äthers und die Veränderungen, die in

der Sonne vorgehen; aber er wird nie begreifen, daß man sich anders

schneuzen könne, als er es tut.«

»Sie finden das geistreich?« erwiderte Paul und setzte sich ans andere

Ende des Zimmers.

Gleichwohl kam es ihn an, Bazaroff um die Erlaubnis zu bitten,

seinen Versuchen beiwohnen zu dürfen. Paul näherte sogar einmal sein

gewaschenes und mit den seltensten Essenzen parfümiertes Gesicht dem

Mikroskop; es galt, ein durchsichtiges Infusorientier ein grünliches

Atom verschlingen zu sehen, das es mit gewissen in seinem Schlund

befestigten Ansätzen hin und her drehte. Nikolaus Petrowitsch kam viel

öfter auf Bazaroffs Zimmer als sein Bruder; er wäre alle Tage gekommen,

um seinen Unterricht zu nehmen, wie er sagte, wenn ihn die häuslichen

Geschäfte nicht anderswohin gerufen hätten. Er störte den jungen

Naturforscher durchaus nicht; er setzte sich in eine Ecke des Zimmers,

folgte den Versuchen desselben mit Aufmerksamkeit und erlaubte sich

nur selten, eine bescheidene Frage an ihn zu stellen. Beim Mittag- und

Abendessen suchte er die Unterhaltung auf Physik, Geologie oder Chemie

zu leiten, da alle andern Gegenstände, selbst landwirtschaftliche

Fragen, von politischen Angelegenheiten wohlverstanden gar nicht zu

reden, vielleicht Streit oder doch wenigstens unangenehme Erörterungen

herbeiführen konnten. Kirsanoff war überzeugt, daß die Abneigung

seines Bruders gegen Bazaroff nicht abgenommen habe. Ein übrigens

unbedeutender Umstand bestärkte ihn in dieser Ansicht. Die Cholera

fing an, sich in der Umgegend zu zeigen, und hatte sogar zwei Bewohner

Marinos weggerafft. Paul wurde in einer Nacht ziemlich heftig von ihr

befallen; er litt Schmerzen bis zum Morgen, ohne zu der Kunst Bazaroffs

seine Zuflucht zu nehmen. Als ihn dieser am andern Morgen besuchte

und fragte, warum er ihn nicht habe rufen lassen, antwortete er ihm

noch ganz bleich, aber gleichwohl sorgfältig gekämmt und rasiert:

»Ich meine, Sie sagen gehört zu haben, daß Sie nicht an die Medizin

glauben.« Das alles hinderte Bazaroff nicht, seine einsamen Arbeiten

unablässig fortzusetzen; gleichwohl gab es im Hause jemand, dem er

sich allerdings nicht ganz erschloß, dessen Gesellschaft ihm aber sehr

angenehm war: das war Fenitschka. Er begegnete ihr gewöhnlich des

Morgens früh im Garten oder im Hof; er betrat ihr Zimmer niemals, und

sie näherte sich nur ein einziges Mal seiner Türe, um ihn zu fragen, ob

sie wohl tun würde, Mitia zu baden. Und doch hatte sie, weit entfernt,

ihn zu fürchten, das vollste Vertrauen zu ihm und fühlte sich in seiner

Gegenwart sogar freier und ungezwungener als vor Nikolaus Petrowitsch.

Es wäre ziemlich schwer, den Grund hiervon anzugeben; vielleicht

war es, weil sie instinktiv begriff, daß Bazaroff durchaus nichts

vom gnädigen Herrn, vom »Baron«, an sich habe, nichts von jener Art

Überlegenheit, die zugleich anzieht und einschüchtert. Er war in ihren

Augen ein vortrefflicher Doktor und ein braver Mann. Seine Gegenwart

hinderte sie nicht, sich mit ihrem Kinde abzugeben, und einmal, als

sie sich plötzlich von Schwindel und Kopfweh befallen fühlte, nahm

sie von seiner Hand einen Löffel Arznei. In Nikolaus Petrowitsch'

Anwesenheit zeigte sie sich weniger vertraut mit Bazaroff, keineswegs

aus Berechnung, sondern aus einer Art von Schicklichkeitsgefühl. Paul

flößte ihr mehr als jemals Furcht ein; er schien seit einiger Zeit ihr

Benehmen auszukundschaften und kam, als ob er aus der Erde gestiegen

wäre, in seinem englischen Anzug, mit seinem unbeweglichen Gesicht,

seinem durchbohrenden Blick und die Hände in den Taschen, plötzlich

hinter Fenitschkas Rücken zum Vorschein. »Man bekommt einen förmlichen

Schauder vor ihm,« sagte Fenitschka zu Duniascha, und diese antwortete

mit einem Seufzer, den ihr die Erinnerung an einen andern Gefühllosen

erpreßte. Das war Bazaroff, der, ohne es zu wissen, der grausame Tyrann

ihres Herzens geworden war.

Wenn Bazaroff Fenitschka gefiel, so wurde dieses Gefühl erwidert. Wenn

er mit dem jungen Mädchen sprach, bekam sein Gesicht einen anderen

Ausdruck, es wurde heiterer, beinahe sanft, und zugleich mischte sich

eine Art spöttischer Artigkeit mit seinem gewöhnlichen nachlässigen

Wesen. Fenitschka wurde von Tag zu Tag schöner. Es kommt eine Zeit

für die jungen Frauen, wo sie plötzlich anfangen, sich zu entfalten

und aufzublühen wie die Sommerrosen: diese Zeit war für Fenitschka

gekommen. Alles trug dazu bei, selbst die Hitze des Juli, der eben

begonnen hatte. In ihrem leichten weißen Kleide erschien sie selber

noch weißer und leichter; die Sonne verbrannte sie nicht, und die

Hitze, vor der man sich unmöglich bergen konnte, färbte ihre Wangen

und Ohren mit zartem Rot, verbreitete über ihr ganzes Wesen eine süße

Mattigkeit und verlieh, indem sie ihren schönen Augen das Schmachten

des Halbschlummers gab, ihren Blicken eine unwillkürliche Zärtlichkeit.

Sie konnte beinahe nichts arbeiten, die Hände glitten ihr sozusagen von

ihren Knien. Kaum fühlte sie sich imstande, zu gehen, und hörte nicht

auf, mit einer komischen Entkräftung zu klagen.

»Du solltest öfter baden,« sagte Kirsanoff zu ihr. Er hatte zu diesem

Behuf ein großes Zelt über einem seiner Teiche errichten lassen, der

noch nicht ganz ausgetrocknet war.

»Oh! Nikolaus Petrowitsch! aber ehe ich an den Teich komme, bin ich

tot, oder ich sterbe auf dem Rückwege. Sie wissen ja, daß es in dem

Garten gar keinen Schatten gibt.«

»Das ist wahr,« erwiderte Kirsanoff und rieb sich die Stirne.

Eines Morgens gegen sieben Uhr traf Bazaroff bei seiner Rückkunft

vom Spaziergang Fenitschka in der Fliederlaube, die zwar schon lange

abgeblüht, aber noch frisch und grün war. Fenitschka saß auf der Bank,

das Haupt mit einem weißen Taschentuch bedeckt; neben ihr ein Haufen

roter und weißer Rosen, auf denen noch der Tau lag. Er bot ihr guten

Morgen.

»Ah! Eugen Wassilitsch,« sagte sie, indem sie einen Zipfel des

Taschentuches aufhob, um ihn anzusehn, wobei sich ihr Arm bis zum

Ellbogen entblößte.

»Was machen Sie da?« fragte Bazaroff, indem er sich neben sie setzte;

»Sträuße?«

»Ja, um sie beim Frühstück auf die Tafel zu stellen. Nikolaus

Petrowitsch liebt das sehr.«

»Aber man frühstückt ja noch nicht so bald. Welche Masse Blumen!«

»Ich pflückte sie eben, ehe die Hitze mich am Ausgehen hindert. Man

kann ja nur um diese Zeit atmen. Ich kann nicht mehr vor Hitze; ich

fürchte, ich werde krank.«

»Wo denken Sie hin! Kommen Sie, ich will Ihnen einmal den Puls fühlen.«

Bazaroff nahm ihre Hand, legte den Daumen auf die feine, unter einer

zarten, feuchten Haut wohlverborgene Pulsader und gab sich nicht einmal

die Mühe, die ruhigen Schläge zu zählen.

»Sie werden hundert Jahre alt,« sagte er, ihre Hand lassend.

»Ach, Gott bewahre mich davor!« rief sie.

»Warum? liegt Ihnen denn nichts daran, lange zu leben?«

»Hundert Jahre? meine Großmutter ist achtzig alt geworden, und sie war

ein wahres Marterbild! ganz schwarz, taub, entstellt, immer hustend,

wahrhaft sich selber zur Last. Heißt das leben?«

»Es ist also besser, jung zu sein?«

»Ich denke wohl!«

»Und warum? sagen Sie mir das.«

»Wie? aber nehmen Sie mich zum Beispiel; ich bin noch jung und kann

alles tun; ich gehe, ich komme, ich bediene mich selbst und habe

niemand nötig, was brauchts mehr?«

»Was mich betrifft, mir liegt nichts daran, ob ich jung oder alt bin;

das ist mir gleichgültig.«

»Wie können Sie sagen, daß Ihnen das gleichgültig ist? Es ist

unmöglich, daß Sie so denken.«

»Urteilen Sie selbst, Fedosia Nikolajewna: was hab ich von der Jugend?

ich lebe allein, eine wahre Waise ...«

»Das hängt nur von Ihnen ab!«

»Da täuschen Sie sich. Niemand will sich meiner erbarmen.«

Fenitschka sah ihn verstohlen an, antwortete aber nichts.

»Was haben Sie da für ein Buch?« fragte sie ihn einige Augenblicke

darauf.

»Das ist ein gelehrtes Werk und schwer zu verstehen.«

»Sie studieren immer! langweilt Sie denn das nicht? Sie sollten doch

schon alles wissen, mein ich.«

»Mir scheints nicht. Versuchen Sie's einmal, ein wenig in diesem Buche

zu lesen.«

»Aber ich werde nichts davon verstehen. Ist es russisch?« fragte

Fenitschka, indem sie den dicken Band, welchen Bazaroff hielt, mit

beiden Händen faßte: -- »Wie dick er ist.«

»Gewiß ist es russisch.«

»Das ist einerlei, ich versteh es doch nicht.«

»Ich weiß es wohl, aber ich möchte Sie lesen sehen. Wenn Sie lesen,

bewegt sich Ihre Nasenspitze so allerliebst.«

Fenitschka, die halblaut eine Abhandlung »Über das Kreosot« zu

entziffern suchte, fing an zu lachen und stieß das Buch zurück, das auf

den Boden fiel.

»Ich liebe auch Ihr Lachen,« versetzte Bazaroff.

»Gehen Sie doch!«

»Ich liebe auch, Sie sprechen zu hören; es klingt wie eines Bächleins

Murmeln.«

Fenitschka wandte sich ab.

»Wie drollig sind Sie doch!« sagte sie und fuhr mit der Hand über die

Blumen. »Wie sollten Sie auf mich hören, da Sie sich sicher schon mit

vielen gelehrten Damen unterhalten haben!«

»Ach, Fedosia Nikolajewna! glauben Sie mir, alle gelehrten Damen der

Welt sind nicht einmal soviel wert wie Ihre Ellbogen.«

»Was Ihnen nicht alles einfällt!« sagte Fenitschka halblaut und die

Arme an den Körper drückend.

Bazaroff hob das Buch auf.

»Das ist ein medizinisches Buch,« sagte er, »warum haben Sie's auf die

Erde geworfen?«

»Ein medizinisches Buch?« wiederholte Fenitschka und wandte sich nach

ihm um. »Erinnern Sie sich, daß Sie mir Tropfen gegeben haben? Nun,

seit der Zeit schläft Mitia wie verzaubert. Wie dank ichs Ihnen! Sie

sind so gut! wahrhaftig!«

»Streng genommen müßte jede Arznei bezahlt werden,« erwiderte Bazaroff

lächelnd, »die Ärzte sind, wie Sie wissen, habsüchtige Leute.«

Fenitschka sah Bazaroff an; der weißliche Schein, der den oberen Teil

ihres Gesichts erhellte, gab ihren Augen eine noch tiefere Färbung. Sie

wußte nicht, ob er im Ernst oder im Scherz sprach.

»Mit Vergnügen,« antwortete sie, »nur muß ich mit Nikolaus Petrowitsch

darüber sprechen ...«

»Sie glauben also, daß ich Geld will,« nahm Bazaroff das Wort. »Nein,

Geld ists nicht, was ich von Ihnen will.«

»Was denn?«

»Was?« wiederholte Bazaroff, »raten Sie!«

»Weiß ichs!«

»So will ichs Ihnen sagen; ich möchte eine von diesen Rosen haben.«

Fenitschka fing aufs neue an zu lachen und klatschte sogar in die

Hände, so sonderbar kam ihr die Bitte Bazaroffs vor. Sie fühlte sich

zugleich sehr geschmeichelt. Bazaroff sah sie fest an.

»Gerne! Gerne!« sagte sie und beugte sich über die Bank, um eine Rose

zu suchen. »Wollen Sie eine rote oder eine weiße?«

»Eine rote, und nicht zu groß.«

Fenitschka richtete sich wieder auf.

»Da!« sagte sie, zog aber im selben Augenblick die Hand, die sie schon

ausgestreckt hatte, zurück, biß die Lippen zusammen, sah nach dem

Eingang der Laube und lauschte.

»Was haben Sie?« fragte Bazaroff, »ists Nikolaus Petrowitsch?«

»Nein, er ist im Feld ... und zudem fürchte ich ihn nicht. Aber Paul

Petrowitsch ...; ich glaubte ...«

»Wie, warum fürchten Sie Paul Petrowitsch?«

»Er macht mir bange. Nicht, daß er mit mir spricht, nein; aber er sieht

mich mit einem so sonderbaren Ausdruck an! Übrigens lieben Sie ihn

ja auch nicht. Ich erinnere mich, daß Sie sich seinerzeit immer mit

ihm herumstritten. Ich wußte nicht, worum es sich handelte, aber ich

begriff, daß sie ihn hübsch heimschickten ... so ... so ...«

Fenitschka machte mit den Händen nach, wie sie meinte, daß Bazaroff

Paul Petrowitsch »heimgeschickt« hatte.

Bazaroff lächelte.

»Und wenns den Anschein gehabt hätte, daß er den Sieg über mich

davontrage, hätten Sie mir geholfen?«

»Könnt ich Ihnen helfen? aber man wird mit Ihnen nicht so leicht

fertig.«

»Glauben Sie? nun ich kenne eine Hand, die mich mit einem Finger

umwerfen könnte.«

»Was für eine Hand ist das?«

»Als ob Sie's nicht wüßten! Da, riechen Sie an der Rose, die Sie mir

gegeben haben; sie riecht so gut!«

Fenitschka beugte sich vor und näherte ihr Gesicht der Blume ... das

Taschentuch fiel ihr vom Kopf auf die Schulter und ließ ihr volles,

glänzend schwarzes, etwas in Unordnung geratenes Haar sehen.

»Halt, ich will mit Ihnen dran riechen,« sagte Bazaroff, bückte sich

und preßte einen kräftigen Kuß auf die halbgeöffneten Lippen des jungen

Mädchens.

Sie zitterte und stemmte beide Hände gegen Bazaroffs Brust, aber nur

schwach, und er konnte ihr einen zweiten Kuß geben. Ein trockener

Husten ließ sich hinter dem Gebüsch vernehmen. Fenitschka warf sich

rasch an das andere Ende der Bank. Paul trat vor, grüßte leicht, sagte

langsam, aber mit dem Ausdrucke bitterer Traurigkeit: »Sie sind hier?«

und ging weiter.

Fenitschka raffte schnell ihre Rosen zusammen und verließ die Laube.

»Das ist sehr schlimm für Sie, Eugen Wassilitsch,« murmelte sie

halblaut und eilte fort.

Bazaroff rief sich eine ähnliche noch neue Szene ins Gedächtnis

zurück; diese Erinnerung erweckte in seinem Herzen ein gewisses Gefühl

von Scham und fast von Selbstverachtung. Aber alsbald schüttelte er

den Kopf, beglückwünschte sich ironisch, »auf den Wegen Seladons zu

wandeln«, und ging auf sein Zimmer.

Paul seinerseits verließ den Garten und ging langsam dem Gehölz zu.

Er blieb lange aus, und als er zum Frühstück wiederkam, fragte ihn

Kirsanoff besorgt, ob er sich unwohl befinde, so sehr war sein Gesicht

verdüstert.

»Du weißt, daß ich an Gallenergießungen leide,« antwortete ihm Paul

ruhig.

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