Bazaroff lehnte sich aus dem Tarantaß; Arkad bemerkte über die
Schultern seines Freundes weg auf der Vortreppe des Herrenhauses einen
großen, magern Mann mit emporstehenden Haaren und kleiner Stülpnase in
einem alten Soldatenpaletot. Er stand mit ausgespreizten Beinen, eine
lange Pfeife in der Hand, da und blinzte mit den Augen, als ob er sich
vor der Sonne schützen wollte. Die Pferde hielten.
»Da wärst du endlich,« rief Bazaroffs Vater und rauchte beharrlich
weiter, obgleich das Pfeifenrohr zwischen seinen Fingern zu tanzen
schien. -- »Komm, steig aus, steig aus, damit wir uns ordentlich
umarmen können!«
Er schloß den Sohn in seine Arme.
»Eniucha! Eniucha!« (Eugenchen) rief eine zitternde Stimme im Innern
des Hauses. Die Vortüre ging auf und ließ eine kleine Matrone in weißer
Haube und kurzer, großgemusterter Jacke erscheinen. Sie stieß einen
Schrei aus, wankte und wäre unfehlbar gefallen, wenn sie Bazaroff nicht
gehalten hätte. Ihre kleinen rundlichen Hände schlangen sich alsbald um
den Hals des letzteren, und sie drückte das Gesicht an seine Brust. Es
trat eine tiefe Stille ein. Man hörte nur noch halberstickte Seufzer
und heftiges Schluchzen ... Bazaroffs Vater blinzte mit den Augen noch
mehr als vorhin.
»Geh, Aricha! hör auf, es ist genug jetzt,« sagte er endlich zu seiner
Frau und warf Arkad, der unbeweglich am Wagen stand, einen Blick zu,
während selbst der Bauer auf dem Bock sich gerührt abwandte. »Das ist
ganz unnötig, ich bitte dich, hör doch auf!«
»Aber Wassili Iwanowitsch!« erwiderte die Alte fortschluchzend, »wenn
ich denke, daß er da ist, unser Eniuchenka, unser Herzblatt!« -- Und
ohne ihn aus den Armen zu lassen, hob sie das tränenfeuchte Gesicht,
sah Bazaroff mit einem komisch-glücklichen Ausdruck an und drückte ihn
noch einmal an sich.
»Nun ja! das ist alles natürlich,« sagte Wassili Iwanitsch, »nur
wärs besser, wir gingen ins Haus hinein. Eugen hat uns einen Besuch
mitgebracht. Entschuldigen Sie uns,« fügte er hinzu und wandte sich mit
leichter Verbeugung gegen Arkad. »Sie verstehen, weibliche Schwäche ...
überdem das Mutterherz ...«
Während er so sprach, war er selbst dermaßen gerührt, daß ihm Lippen,
Augenbrauen und Kinn zitterten. Er bemühte sich jedoch sichtlich, kalt
zu bleiben, ja eine gleichgültige Miene anzunehmen.
Arkad verbeugte sich.
»Komm, Mutter!« sagte Bazaroff, »wir wollen hineingehen.« Und damit
führte er die gute Alte, die in Tränen zerfloß, in das Besuchszimmer.
Er setzte sie in einen bequemen Lehnstuhl, umarmte noch einmal rasch
seinen Vater und stellte ihm Arkad vor.
»Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte Wassili Iwanitsch,
»aber Sie müssen vorliebnehmen; bei uns ist alles einfach, auf
militärischem Fuß. -- Arina Vlassiewna, beruhigen Sie sich doch
in Gottes Namen, tun Sie mir den Gefallen! Welche Schwäche! Unser
verehrter Gast wird eine armselige Meinung von Ihnen bekommen.«
»Väterchen,« sagte die Alte mit weinerlicher Stimme, »ich habe nicht
die Ehre, Ihren Vor- oder Vatersnamen zu kennen.«
»Arkad Nikolaitsch,« erwiderte Wassili Iwanowitsch halblaut mit
gemessener Haltung.
»Verzeihen Sie mir einfältigem Weibe.« -- Die Alte schneuzte sich und
trocknete, den Kopf bald rechts, bald links geneigt, ein Auge nach dem
andern. -- »Entschuldigen Sie. Ich glaubte ja sterben zu müssen, ohne
meinen ... meinen armen Sohn wiedergesehen zu haben!«
»Und nun haben Sie ihn also wiedergesehen, Madame!« fiel Wassili
Iwanowitsch lebhaft ein. -- »Taniucha!« wandte er sich jetzt an
ein Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren, die barfuß, in einem
türkischroten Kattunrock, furchtsam blickend an der Türe stand. --
»Bring deiner Herrin ein Glas Wasser auf einem Teebrett, verstehst du
wohl! Und ihr, meine Herren!« fuhr er mit einer gewissen Ungeniertheit,
die nach der alten Schule schmeckte, fort, »erlaubt mir, daß ich euch
einlade, in das Kabinett des Veteranen zu treten.«
»Laß mich dich nur noch ein letztes Mal umarmen, Eniuchenka,« sagte
Arina Vlassiewna seufzend. Bazaroff neigte sich zu ihr herab. -- »Was
bist du für ein schöner Bursche geworden!«
»Das nun zwar nicht,« versetzte Wassili Iwanowitsch, »aber, wie der
Franzose sagt, ein ›~hommefé~‹ ist er geworden. Übrigens jetzt, Arina
Vlassiewna, nachdem du dein mütterliches Herz gesättigt hast, wirst du
dich hoffentlich mit der Speisung unserer teuren Gäste beschäftigen,
denn du weißt ja, die Nachtigall lebt nicht vom Singen[27].«
Die alte Mutter erhob sich.
»Der Tisch wird gleich gedeckt sein, Wassili Iwanowitsch; ich eile
selber in die Küche und sorge, daß aufgetragen wird. Im Augenblick
wird alles fertig sein, alles. Drei Jahre ists, daß ich ihn nicht
gesehen, daß ich ihm nichts zu essen und zu trinken gegeben habe. Das
will was heißen!«
»Spute dich, du Schaffnerin! schaffe für vier, daß du mit Ehren
bestehst. Und ihr, meine Herren, folgt mir. Da kommt Timofeitsch,
Eugen, und will dich begrüßen. Der wird auch froh sein, der alte Pudel.
Nicht wahr, alter Pudel? Meine Herren, haben Sie die Güte, mir zu
folgen.«
Wassili Iwanowitsch eröffnete den Zug mit wichtiger Miene und schlürfte
mit seinen alten Pantoffeln über den Boden hin.
Sein ganzes Haus bestand aus sechs kleinen Zimmern. Das, wohin
Wassili Iwanowitsch unsere jungen Freunde führte, hieß das Kabinett.
Ein schwerer hölzerner Tisch, mit vom Staub fast schwarz geräuchert
aussehenden Papieren bedeckt, stand am Pfeiler zwischen zwei Fenstern;
an den Wänden hingen Türkenflinten, Kosakenpeitschen, ein Säbel, zwei
große Landkarten, anatomische Zeichnungen, das Bildnis Hufelands,
eine aus Haaren geflochtene Krone in schwarzem Rahmen und ein Diplom,
ebenfalls unter Glas; zwischen zwei riesigen Bücherschränken aus
Birkenwurzel stand ein ganz abgeschabtes, mehrfach zerrissenes
Ledersofa; Bücher, Schächtelchen, ausgestopfte Vögel, Arzneigläser,
Retorten standen durcheinander in den Fächern; in einer Ecke des
Zimmers endlich sah man eine Elektrisiermaschine außer Dienst.
»Ich habe euch vorher gesagt, meine teuren Gäste,« sagte Wassili
Iwanowitsch, »daß wir hier sozusagen wie im Biwak leben ...«
»Hör doch auf mit deinen Entschuldigungen!« antwortete Bazaroff;
»Kirsanoff weiß recht gut, daß wir keine Krösusse sind, und daß unser
Haus kein Palast ist. Wo sollen wir logieren? das ist die Frage.«
»Sei ruhig, Eugen, ich hab im Flügel ein prächtiges Zimmer, dein Freund
wird sich dort sehr behaglich fühlen.«
»Du hast also in meiner Abwesenheit einen Flügel gebaut?«
»Wie denn! Da, wo das Bad ist,« sagte Timofeitsch.
»Das heißt neben dem Bad,« fiel Wassili Iwanowitsch rasch ein;
»überdies, im Sommer ... Ich gehe gleich hin, um das Nötige anzuordnen;
Timofeitsch, es wird gut sein, wenn du indessen das Gepäck der Herren
holen gehst. Dich, Eugen, werde ich selbstverständlich in meinem
Studierzimmer unterbringen: ~suum cuique~.«
»Ein komischer Kerl!« sagte Bazaroff, als sein Vater sich entfernt
hatte. »Er ist so merkwürdig wie der deine, nur in anderer Art. Er
schwatzt ein wenig zuviel.«
»Deine Mutter scheint auch eine vortreffliche Frau zu sein,« antwortete
Arkad.
»Ja, sie ist nicht bösartig. Du sollst sehen, was für Mittagessen sie
uns auftragen wird.«
»Man erwartete Euch heute nicht, Väterchen, wir haben kein Fleisch,«
sagte Timofeitsch, der eben Bazaroffs Koffer brachte.
»Man wird sich ohne Fleisch behelfen; wo nichts ist, da hat der Kaiser
sein Recht verloren. Armut ist keine Sünde, sagt man.«
»Wieviel Bauern hat dein Vater,« fragte Arkad.
»Das Gut ist nicht sein Eigentum, es gehört meiner Mutter, und ich
glaube, daß es höchstens so an fünfzehn Seelen hat.«
»Zweiundzwanzig, mit Erlaubnis,« sagte Timofeitsch in gekränktem Ton.
Das Klappen der Pantoffeln ließ sich aufs neue vernehmen und Wassili
Iwanowitsch erschien wieder im Kabinett.
»Noch einige Minuten,« rief er triumphierend, »und das Zimmer wird
bereit sein, Sie zu empfangen, Arkad ... Nikolaitsch ...? das ist
doch, wenn ich nicht irre, Ihr werter Name? Und dieser hier wird Sie
bedienen,« fügte er hinzu und wies auf einen Diener, der mit ihm ins
Zimmer getreten war, einen jungen Burschen mit kurzgeschnittenen
Haaren, in einer blauen Bluse mit Löchern in den Ellenbogen und mit
Stiefeln, die nicht ihm gehörten, an den Füßen. -- »Er heißt Fedka.
Haben Sie Nachsicht mit uns, ich muß Sie wiederholt darum bitten,
obgleich mirs mein Sohn verboten hat. Übrigens versteht der Bursche
sehr gut eine Pfeife zu stopfen. Sie rauchen doch?«
»Ich rauche meist Zigarren,« antwortete Arkad.
»Und Sie tun sehr wohl daran. Ich ziehe auch die Zigarre vor, aber es
hält außerordentlich schwer, sich in dieser von der Hauptstadt so weit
entfernten Provinz gute zu verschaffen.«
»Hör doch auf mit den Klageliedern,« sagte Bazaroff, »setz dich lieber
aufs Sofa und laß mich dich betrachten.«
Wassili Iwanowitsch setzte sich lachend aufs Sofa. Er glich seinem
Sohn sehr; nur war seine Stirn niedriger und schmäler, sein Mund etwas
breiter, auch hatte er die Gewohnheit, fortwährend mit den Achseln
zu zucken, als ob der Ärmelausschnitt seines Rockes zu eng wäre; er
blinzelte mit den Augen, hustete und spielte anhaltend mit den Fingern,
während sein Sohn sich durch eine gewisse sorglose Unbeweglichkeit
auszeichnete.
»Klagelieder!« versetzte Wassili Iwanowitsch. »Bilde dir nicht ein,
daß ich das Mitleid unseres Gastes erregen will. Namentlich fällt
mirs nicht ein, ihm zu verstehen geben zu wollen, daß wir hier darauf
beschränkt sind, in einer Wüste zu leben. Ja ich denke im Gegenteil,
daß es für einen denkenden Menschen gar keine Wüste gibt. Auf alle
Fälle tu ich mein möglichstes, kein Moos auf mir wachsen zu lassen, wie
man zu sagen pflegt, nicht hinter dem Jahrhundert zurückzubleiben.«
Wassili Iwanowitsch zog ein nagelneues, gelbseidenes Taschentuch
heraus, das er sich geholt hatte, als er auf Arkads Zimmer ging, und
fuhr, dasselbe in der Luft schwenkend, fort:
»Ich will mich zum Beispiel nicht rühmen, daß ich mir meine Bauern zu
Dank verpflichtet habe, indem ich ihnen die Hälfte meiner Ländereien
abtrat, obgleich mir das bedeutenden Verlust verursacht. Ich hielt es
für eine Pflicht, der einfache Menschenverstand befiehlt es, so zu
handeln; ich wundere mich, daß nicht alle Grundbesitzer das einsehen.
Was ich sagte, bezieht sich auf die Wissenschaften und die Bildung im
allgemeinen.«
»Wahrhaftig, ich sehe, du hast den ›Gesundheitsfreund‹[28] für das Jahr
1855,« sagte Bazaroff.
»Ein alter Freund hat ihn mir zum Andenken geschickt,« antwortete
Wassili Iwanowitsch rasch.
»Wir haben aber auch einige Ideen von der Phrenologie, zum Beispiel --«
fuhr er, übrigens hauptsächlich zu Arkad gewendet, fort und zeigte auf
einen kleinen Gipskopf, der auf dem Schrank stand und oben in eine
Menge Felder eingeteilt war -- »die Namen Schönlein und Rademacher sind
uns nicht unbekannt.«
»Man glaubt im Gouvernement X... noch an Rademacher?« fragte Bazaroff.
Wassili Iwanowitsch hustete.
»Im Gouvernement X...,« wiederholte er. »Ohne Zweifel müßt ihr Herren
mehr davon wissen als wir; wir dürfen nicht daran denken, euch
einzuholen. Ihr seid bestimmt, uns zu ersetzen. Ja zu meiner Zeit,
erinnere ich mich, kamen uns der ›Humeralpatholog‹ Hoffmann oder Browe
mit seinem ›Vitalismus‹ sehr spaßig vor, und doch hatten sie zu ihrer
Zeit Aufsehen erregt. Irgendein neuer Gelehrter wird Rademacher ersetzt
haben, und ihr nehmt ihn an, aber möglicherweise spottet man in zwanzig
Jahren über ihn.«
»Ich kann dir zum Trost sagen,« versetzte Bazaroff, »daß wir jetzt über
die ganze Medizin im allgemeinen lachen und keinen Meister anerkennen.«
»Wie das? Du widmest dich aber doch der Medizin?«
»Ja, aber das eine schließt das andere nicht aus.«
Wassili Iwanowitsch stieß den Finger in die Pfeife, in der noch ein
wenig warme Asche war.
»Mag sein, mag sein,« sagte er, »ich will nicht streiten. Was bin
ich am Ende? Ein pensionierter Regimentsarzt ›~volatou~‹. Jetzt bin
ich Landmann geworden. Ich stand bei der Brigade Ihres Großvaters,«
fügte er, wieder zu Arkad gewendet, hinzu. »Ja ja! Ich hab gar vieles
gesehen in meinem Leben. In welchen Gesellschaften war ich nicht, wem
bin ich nicht alles begegnet! Ich selber, ich, wie ich da vor euch
stehe, habe den Fürsten Wittgenstein und Jublovsky den Puls gefühlt.
Ebenso hab ich in der Südarmee die Männer des Vierzehnten[29] gekannt;
ihr versteht mich!«
Wassili Iwanowitsch begleitete diese Worte mit einem höchst
bedeutungsvollen Einkneifen der Lippen.
»Ich wußte sie alle an den Fingern herzuzählen. Übrigens mische ich
mich nicht in Dinge, die mich nichts angehen; man versteht sich auf
seine Lanzette, und damit Punktum. Ich muß Ihnen sagen, daß Ihr
Großvater ein sehr würdiger Mann, ein echter Soldat war.«
»'s war ein echter Klotz, gestehts nur,« warf Bazaroff hin.
»Aber Eugen! wie kannst du solche Ausdrücke gebrauchen! Das ist
unverzeihlich ... Sicherlich gehörte der General Kirsanoff nicht zu
den ...«
»Geh! Laß ihn in Ruh!« erwiderte Bazaroff. »Im Hereinfahren hab ich mit
Vergnügen bemerkt, daß dein Birkenwäldchen hübsch herangewachsen ist.«
Wassili Iwanowitsch belebte sich plötzlich.
»Das ist noch nichts; du mußt den Garten sehen. Ich hab ihn mit eigener
Hand gepflanzt! Wir haben da Obstbäume, alle möglichen Sträucher und
Arzneipflanzen. Ihr habt gut schwatzen, ihr jungen Leute, aber der alte
Paracelsus hat darum doch eine große Wahrheit verkündigt: ~In herbis,
verbis et lapidibus~ ... Ich meinesteils hab, wie du weißt, die Praxis
aufgegeben; doch kommts noch zwei- oder dreimal die Woche vor, daß ich
mein altes Handwerk wieder aufnehme. Man kommt, mich zu konsultieren;
da kann ich doch die Leute nicht aus dem Hause werfen. Oft melden sich
Arme; zudem ist kein Arzt im Ort. Ich hab einen Nachbar, einen Major,
der mir ins Handwerk pfuscht. Ich frage ihn einmal, ob er Medizin
studiert habe. Da gibt man mir zur Antwort: ›Nein, er hat nicht Medizin
studiert, er tuts aus Menschenliebe ...‹ Ha! ha! ha! aus Menschenliebe!
Ha! ha! wie findst du das? Ha! ha! ha!«
»Fedka! stopf mir eine Pfeife,« rief Bazaroff brüsk.
»Wir haben noch einen andern Doktor,« nahm Wassili Iwanowitsch wieder
das Wort, und seine Stimme verriet eine gewisse Ängstlichkeit.
»Stell dir vor, daß er eines Tages zu einem Kranken kommt, der schon
~ad patres~ gegangen war. Der Bediente will ihn nicht hereinlassen und
sagt: ›Man braucht Sie jetzt nicht mehr.‹ Der Doktor, der auf diese
Antwort nicht gefaßt war, kommt in Verwirrung und fragt den Diener:
›Hat der Kranke den Schlucken gehabt, ehe er starb?‹ -- ›Ja.‹ -- ›Sehr
heftig?‹ -- ›Ja.‹ -- ›Ah! das ist sehr gut!‹ Und damit entfernte er
sich, ha! ha! ha!«
Der Alte lachte allein; Arkad lächelte aus Gefälligkeit, Bazaroff
blies eine Tabakswolke in die Luft. Die Unterhaltung dauerte so fast
eine Stunde; Arkad begab sich dann auf sein Zimmer, das, wie es sich
herausstellte, als Badevorzimmer diente, gleichwohl aber ganz wohnlich
war. Endlich erschien Taniucha und meldete, daß das Essen fertig sei.
Wassili Iwanowitsch erhob sich zuerst.
»Kommt, ihr Herren, und entschuldigt gütigst, wenn ich euch gelangweilt
habe. Ich hoffe, meine Hausfrau wird euch besser zufriedenstellen als
ich.«
Das Essen, obgleich in der Eile zubereitet, war sehr gut, sogar
reichlich; nur der Wein ließ zu wünschen übrig; der Xeres von fast
schwarzer Farbe, den Timofeitsch bei einem Weinhändler in der Stadt,
einem seiner Bekannten, gekauft hatte, hatte einen Nachgeschmack von
Kolophonium und Kupfer. Auch die Mücken waren sehr lästig; gewöhnlich
wehrte sie ein kleiner Diener mit einem Baumzweig ab; aber Wassili
Iwanowitsch hatte ihn von diesem Amte dispensiert, um sich der Kritik
der jungen Fortschrittsmänner nicht auszusetzen. Arina Vlassiewna hatte
Zeit gefunden, Toilette zu machen; sie trug eine große Bänderhaube und
einen blauen geblümten Schal. Sie fing aufs neue zu weinen an, sobald
sie ihren Eniucha erblickte, aber es war nicht nötig, daß ihr Gatte
behilflich war, sie zu beruhigen; sie selber trocknete eiligst die
Tränen, da sie fürchtete, ihren Schal zu verderben.
Die jungen Leute taten dem Essen alle Ehre an; die Wirte, die schon
zu Mittag gespeist hatten, aßen nicht mit. Die Aufwartung besorgten
Fedka, den seine Stiefeln sehr inkommodierten, und ein einäugiges Weib
mit männlichen Zügen, namens Anfisuschka, welche die Verrichtungen des
Kellermeisters, der Wäscherin und des Hühnermädchens in ihrer Person
vereinigte.
Während des ganzen Essens ging Wassili Iwanowitsch mit einem
glücklichen, wahrhaft verzückten Gesicht im Zimmer auf und ab, wobei
er die grausamen Befürchtungen auseinandersetzte, welche ihm die
Politik des Kaisers Napoleon und die Dunkelheit der italienischen
Frage verursachten. Arina Vlassiewna schien Arkad gar nicht zu sehen:
das Kinn auf die Hand gestützt, zeigte sie ihr ganzes rundes Gesicht,
dem kleine, aufgequollene kirschrote Lippen und Schönheitsmale auf den
Wangen und über den Augenbrauen einen ganz eigentümlichen Ausdruck
von naiver Güte gaben. Die Augen auf ihren Sohn geheftet, seufzte sie
fortwährend; sie hätte für ihr Leben gern gewußt, auf wie lange er
gekommen sei, wagte es aber nicht, ihn drum zu fragen. »Wenn er mir
antwortete: nur auf zwei Tage?« sagte sie sich, und ihr Herz schlug
vor Furcht. Nach dem Braten verschwand Wassili Iwanowitsch auf einen
Augenblick, kam aber bald wieder mit einer halben Flasche Champagner,
die er geöffnet hatte.
»Obgleich wir in einer wilden Gegend leben,« sagte er, »so fehlt es uns
doch nicht an Stoff zur Erheiterung bei den großen Gelegenheiten.«
Er füllte drei große und ein kleines Glas, erklärte, daß er aufs
Wohl der »teuern Besucher« trinke, leerte sein Glas nach Soldatenart
auf einen Zug und zwang Arina Vlassiewna, das kleine Glas bis auf
den letzten Tropfen auszutrinken. Als man ans Eingemachte kam, hielt
es Arkad, der die süßen Speisen nicht vertragen konnte, doch für
schicklich, dreierlei frischbereitete Arten zu kosten, um so mehr, als
es Bazaroff rundweg abschlug und seine Zigarre anzündete. Nach dem
Dessert kam Tee mit Rahm, Brezeln und Butter; alsdann führte Wassili
Iwanowitsch seine Gesellschaft in den Garten, um den Abend zu genießen,
der prachtvoll war. An einer Bank vorbeigehend, flüsterte er Arkad ins
Ohr:
»An diesem Platze hier lieb ichs, zu philosophieren im Anblick des
Sonnenuntergangs, das schickt sich für den Einsiedler. Ein wenig weiter
vorn hab ich Horazens Lieblingsbäume gepflanzt.«
»Was für Bäume?« fragte Bazaroff brüsk.
»Aber ... Akazien, ich denke ...«
Bazaroff gähnte.
»Ich glaube, daß unsere Reisenden gut daran täten, in Morpheus' Arme zu
sinken,« sagte Wassili Iwanowitsch.
»Das heißt, daß es Zeit ist, ins Bett zu gehen,« nahm Bazaroff das
Wort. »Ich billige den Vorschlag. Kommt!«
Und damit sagte er seiner Mutter »Gute Nacht!« und küßte sie auf die
Stirn; sie aber machte, während sie ihn umarmte, dreimal das Zeichen
des Kreuzes hinter seinem Rücken. Wassili Iwanowitsch geleitete Arkad
auf sein Zimmer und verließ ihn, nachdem er ihm »die süße Ruhe, deren
er selbst in diesem glücklichen Alter genossen«, gewünscht hatte. In
der Tat schlief Arkad sehr gut in seinem kleinen Stübchen; es roch
nach frischen Hobelspänen, und zwei hinter dem Ofen versteckte Grillen
machten eine einschläfernde Musik. Wassili Iwanowitsch ging von
Arkads Zimmer in sein eigenes Kabinett, setzte sich unten aufs Bett
seines Sohnes, d. h. auf das Sofa, und schickte sich an, ein wenig zu
plaudern; aber Bazaroff hieß ihn sofort wieder gehen, weil er schläfrig
sei; gleichwohl schloß er die ganze Nacht kein Auge. Er ließ seinen
mürrischen Blick durch die Finsternis schweifen; die Jugenderinnerungen
hatten keine Macht über ihn, und die traurigen Eindrücke vom Tag zuvor
erregten noch immer seinen Geist. Arina Vlassiewna betete andächtig
vor ihren Heiligenbildern; dann blieb sie noch lange bei Anfisuschka,
welche gleich einer Bildsäule vor ihrer Herrin stand und sie mit ihrem
einen Auge anstarrte, während sie ihr geheimnisvoll und leise eine
Menge Bemerkungen und Vermutungen über Eugen Wassiliewitsch mitteilte.
Freude, Wein und Tabaksrauch hatten das Hirn Arinas so erschüttert, daß
ihr der Kopf schwindelte; ihr Gatte wollte noch mit ihr plaudern, bald
aber verzichtete er darauf und ging mit einer resignierten Handbewegung
ab.
Arina Vlassiewna war ein wahrer Typus des kleinen russischen Adels
der alten Zeit; sie hätte zwei Jahrhunderte früher, zur Zeit der
Großfürsten von Moskau, auf die Welt kommen sollen. Leicht erregbar
und von großer Frömmigkeit, glaubte sie an alle Vorbedeutungen,
Ahnungen, Zaubereien und Träume; sie glaubte an die »Jurodivi«[30], an
Haus- und Waldgeister, an Unglück bringende Begegnungen, an das böse
Auge, an Hausmittel, an die Kraft des am Gründonnerstag auf den Altar
gelegten Salzes und an den baldigen Untergang der Welt; sie glaubte,
daß es eine gute Buchweizenernte bedeute, wenn die Kerzen in der
Ostermitternachtsmesse nicht erlöschen, daß die Champignons nicht mehr
wachsen, sobald sie vom Blick des Menschen getroffen werden, daß der
Teufel sich gern an wasserreichen Orten aufhalte und daß alle Juden
einen Blutflecken auf der Brust haben; sie fürchtete die Mäuse, die
Nattern, die Frösche, die Sperlinge, die Blutegel, den Donner, das
kalte Wasser, die Zugluft, die Pferde, die Böcke, die rothaarigen
Menschen und die schwarzen Katzen, und hielt die Grillen und Hunde
für unreine Geschöpfe; sie aß weder Kalbfleisch, noch Tauben, noch
Krebse, noch Käse, noch Spargel, noch Topinambur, noch Hasen, noch
Wassermelonen (weil eine angeschnittene Melone an das abgeschlagene
Haupt Johannes des Täufers erinnert), und der bloße Gedanke an Austern,
die sie nicht einmal vom Sehen kannte, machte sie schaudern; sie aß
gern viel und gut und fastete streng; sie schlief zehn Stunden täglich
und legte sich gar nicht zu Bett, wenn Wassili Iwanowitsch über Kopfweh
klagte. Das einzige Buch, das sie gelesen hatte, führte den Titel:
»Alexis oder die Hütte im Walde«; sie schrieb einen, allerhöchstens
zwei Briefe des Jahres, und verstand sich vortrefflich auf eingemachte
Früchte und Gemüse, obgleich sie nirgends selbst Hand anlegte und sich
überhaupt nicht gern von der Stelle rührte.
Arina Vlassiewna war übrigens sehr gut und gar nicht ohne einen
gewissen gesunden Menschenverstand. Sie wußte, daß es in der Welt
Herren gebe zum Befehlen und Volk zum Gehorchen; deshalb hatte sie
auch nichts gegen die Unterwürfigkeit der Untergebenen und ihre
Verneigungen bis zur Erde einzuwenden; aber sie behandelte sie mit
großer Milde, ließ keinen Bettler ohne Almosen gehen und kritisierte
niemand, ohne darum dem Klatsch abhold zu sein. Sie hatte in ihrer
Jugend ein angenehmes Gesicht gehabt, spielte Klavier und sprach etwas
Französisch. Aber während der langen Reisen ihres Mannes, den sie
wider Willen geheiratet hatte, war sie dick geworden und hatte Musik
und Französisch verlernt. Ihren Sohn betete sie an, fürchtete ihn aber
gewaltig; ihr Gut verwaltete Wassili Iwanowitsch, und sie ließ ihm
in dieser Beziehung vollkommene Freiheit; sie seufzte, fächelte sich
mit ihrem Taschentuch Luft zu und zog die Augenbrauen in die Höhe vor
lauter Angst, wenn ihr alter Mann von den in der Ausführung begriffenen
Reformen und von seinen eigenen Plänen zu sprechen anfing. Sie war
mißtrauisch, erwartete beständig irgendein großes Unglück und fing
gleich zu weinen an, sobald sie sich an etwas Trauriges erinnerte ...
Frauen dieser Art fangen an, selten zu werden; Gott weiß, ob man sich
darüber freuen soll.
Sobald Arkad aufgestanden war, öffnete er das Fenster, und sein
erster Blick fiel auf Wassili Iwanowitsch, der, in einem tatarischen
Schlafrock und mit einem Taschentuch umgürtet, im Küchengarten
arbeitete. Als er seinen jungen Gast erblickte, stützte er sich auf
seinen Spaten und rief ihm zu:
»Guten Morgen! wie haben Sie geschlafen?«
»Sehr gut,« antwortete Arkad.
»Sie sehen eine Art Cincinnatus vor sich,« fuhr der Alte fort; »ich
richte ein Beet für Herbstrüben her. Wir leben in einer Zeit (und ich
bin weit entfernt, mich darüber zu beklagen), wo sich jeder durch
seiner Hände Arbeit erhalten muß; man darf sich nicht auf andere
verlassen; man muß selber angreifen. Mag man immerhin das Gegenteil
behaupten, Jean Jacques Rousseau hatte recht. Vor einer halben Stunde,
mein lieber Herr, hätten Sie mich bei einer ganz anderen Beschäftigung
getroffen, als bei der Sie mich jetzt sehen. Eine Bäuerin war da,
um mich wegen eines Ruhranfalls zu konsultieren; ich habe ihr ...
wie soll ich sagen? ... ich habe ihr eine Dosis Opium ›eingeführt‹;
einer anderen hab ich einen Zahn ausgezogen. Ich hatte der letzteren
vorgeschlagen, sich chloroformieren zu lassen, aber sie wollte nicht.
Selbstverständlich tue ich das alles umsonst -- ›~an amater~‹. Übrigens
brauch ich mich dessen nicht zu schämen; ich bin ein Plebejer, ~homo
novus~; ich habe kein Wappenschild wie meine vielgeliebte Gattin ...
Aber wärs Ihnen nicht gefällig, hier im Schatten vor dem Frühstück die
Frische des Morgens zu atmen?«
Arkad ging zu ihm hinaus.
»Seien Sie mir willkommen,« fuhr Wassili Iwanowitsch fort, indem er
militärisch grüßend die Hand an das fettige Käppchen legte, das seinen
Kopf bedeckte; -- »ich weiß, Sie sind an jeden ausgesuchtesten Luxus
gewöhnt, aber selbst die Großen dieser Erde verschmähen es nicht,
einige Zeit unter dem Dache einer Hütte zu leben.«
»Wie können Sie mich einen Großen dieser Erde nennen!« rief Arkad aus;
»und dann bitte ich Sie zu glauben, daß ich durchaus nicht an Luxus
gewöhnt bin.«
»Erlauben Sie, erlauben Sie,« erwiderte Wassili Iwanowitsch mit
lächelnder Miene, »obgleich ich jetzt zum alten Eisen gehöre, hab
ich mich doch einst in der Welt umgetan, und ich kenne den Vogel am
Fluge. Auch bin ich ein wenig Psycholog und Physiognomiker. Ohne diese
Gabe, wie ichs nennen möchte, wäre ich längst verloren; man hätte mich
zertreten, mich armes Erdenwürmchen, das ich bin. Ich sags Ihnen ohne
Kompliment: Die Freundschaft, die, soviel ich sehe, zwischen Ihnen
und meinem Sohn besteht, erfreut mich außerordentlich. Ich komme eben
erst von ihm her; er ist nach seiner Gewohnheit, die Sie kennen, sehr
früh aufgestanden und durchstreift die Umgegend. Erlauben Sie mir eine
Frage: Ist es lange her, daß Sie meinem Sohne nahestehn?«
»Wir lernten uns vergangenen Winter kennen.«
»Wahrhaftig? Erlauben Sie mir noch eine Frage ... Aber wir könnten uns
setzen? Erlauben Sie mir, Sie mit der Offenherzigkeit eines Vaters zu
fragen, was Sie von meinem Eugen halten?«
»Ihr Sohn ist einer der hervorragendsten Männer, die mir je vorgekommen
sind,« antwortete Arkad lebhaft.
Die Augen Wassili Iwanowitschs öffneten sich plötzlich weit, und eine
leichte Röte färbte seine Wangen. Er ließ den Spaten fallen, den er in
der Hand hatte.
»Also Sie glauben ...« nahm er wieder das Wort.
»Ich bin gewiß,« fuhr Arkad fort, »daß Ihr Sohn eine große Zukunft vor
sich hat; er wird Ihren Namen berühmt machen. Davon war ich gleich bei
unserer ersten Begegnung überzeugt.«
»Wie ... Wie das? ...« brachte Wassili Iwanowitsch mühsam heraus. Ein
verzücktes Lächeln legte sich auf seine breiten Lippen und verließ sie
nicht mehr.
»Sie wollen wissen, wie wir Bekanntschaft gemacht haben?«
»Ja ... und überhaupt ...«
Arkad fing an, noch begeisterter von Bazaroff zu sprechen, als an dem
Abend, wo er mit Frau Odinzoff eine Mazurka tanzte.
Wassili Iwanowitsch hörte ihm zu, schneuzte sich, ballte sein
Taschentuch mit beiden Händen zusammen, hustete, fuhr sich durchs Haar,
endlich aber konnte er sich nicht länger halten, neigte sich gegen
Arkad und küßte ihn auf die Schulter.
»Sie haben mich zum Glücklichsten der Menschen gemacht,« sagte er,
immerfort lächelnd; »ich muß Ihnen gestehen, daß ich ... daß ich
meinen Sohn vergöttere. Ich spreche nicht von meiner armen Frau, sie
ist Mutter und fühlt als solche. Aber ich, ich wags nicht, meinem Sohn
auszudrücken, wie sehr ich ihn liebe, das würde ihm unangenehm sein.
Er kann derartige Herzensergießungen nicht leiden; viele tadeln ihn
sogar wegen dieser Charakterfestigkeit und schreiben sie dem Stolz und
der Gefühllosigkeit zu; aber Männer wie er dürfen nicht mit derselben
Elle gemessen werden wie gemeine Sterbliche, nicht wahr? Ein anderer z.
B. hätte an seiner Stelle des Vaters Geldbeutel fortwährend zur Ader
gelassen. Er aber hat nie eine Kopeke zuviel von uns verlangt, das kann
ich Sie versichern.«
»Er ist ein uneigennütziger, makelloser Mensch,« sagte Arkad.
»Wie Sie sagen, ein Muster von Uneigennützigkeit. Was mich betrifft,
Arkad Nikolaitsch, ich bet ihn nicht bloß an, ich bin stolz auf ihn,
und was meinem Stolz am meisten schmeichelt, ist der Gedanke, daß man
einst in seiner Lebensbeschreibung folgende Zeilen lesen wird: ›Sohn
eines einfachen Regimentsarztes, der jedoch frühzeitig sein Talent
erkannte und für seine Ausbildung alles tat ...‹« die Stimme des
Greises erlosch.
Arkad drückte ihm die Hand.
»Was meinen Sie?« fragte Wassili Iwanowitsch nach kurzem Schweigen; »in
der medizinischen Karriere wird er sich wohl nicht den Ruhm holen, den
Sie ihm prophezeien?«
»Ohne Zweifel nicht, obgleich er auch in diesem Fach bestimmt ist, zu
den Gelehrtesten zu gehören.«
»Welches ist dann die Karriere, in der ...«
»Das kann ich Ihnen jetzt gleich nicht sagen, aber er wird ein
berühmter Mann sein.«
»Ein berühmter Mann!« wiederholte der Greis und versank in tiefe
Träumerei.
»Arina Vlassiewna läßt Sie bitten, zum Tee zu kommen,« sagte
Anfisuschka, die mit einer ungeheuren Platte Himbeeren vorüberging.
Wassili Iwanowitsch fuhr zusammen, richtete sich aber wieder auf.
»Gibt es Rahm zu den Himbeeren?« fragte er.
»Ja, das gibts.«
»Daß er nur ja recht kalt ist, hörst du! Machen Sie keine Umstände,
Arkad Nikolaitsch, nehmen Sie mehr. Wo bleibt Eugen so lange?«
»Ich bin hier,« antwortete Bazaroff aus Arkads Zimmer.
Wassili Iwanowitsch wandte sich rasch um.
»Ah! Du wolltest unsern Gast überraschen; aber du kommst zu spät,
~amice~, denn wir plaudern schon seit einer Stunde zusammen. Nun komm
zum Tee, deine Mutter erwartet uns. Apropos! ich muß dich etwas fragen.«
»Was?«
»Es ist hier ein Bauer, der an einem ~icterus~ leidet.«
»Das heißt, er hat die Gelbsucht.«
»Ja, er hat einen Anfall von chronischem und hartnäckigem ~icterus~.
Ich habe ihm Tausendgüldenkraut und Quecken verschrieben; auch hieß
ich ihn gelbe Rüben essen und Sodawasser trinken. Aber das sind lauter
›Polliative‹; man sollte ihm etwas Kräftigeres verabreichen. Obgleich
du dich über die Medizin lustig machst, kannst du mir doch gewiß einen
guten Rat geben.«
»Wir wollen später darüber reden. Kommt zum Tee.«
Wassili Iwanowitsch sprang leicht von der Bank auf und stimmte das Lied
aus »Robert der Teufel« an:
Der Wein, der Wein, das Spiel, die Schönen,
Sie lieb, sie lieb, sie lieb ich nur allein.
»Welche Lebenskraft!« sagte Bazaroff, während er vom Fenster trat.
Es war um die Mittagszeit. Trotz des feinen Vorhangs weißlicher
Wolken, die den Himmel bedeckten, war es erstickend heiß. Ringsum
herrschte Stille, nur die Hähne im Dorfe krähten, und die langgezogenen
Töne verursachten allen, die sie hörten, ein sonderbares Gefühl
von Faulheit und Langerweile. Von Zeit zu Zeit erhob sich aus dem
Gipfel eines Baumes wie ein Klageruf der durchdringende Schrei eines
jungen Sperbers. Arkad und Bazaroff lagen im Schatten eines kleinen
Heuschobers auf einem Haufen Gras, welches bei der geringsten Bewegung
raschelte, obgleich es noch grün und duftig war.
»Diese Espe da«, sagte Bazaroff, »ruft mir meine Kindheit zurück; sie
steht am Rand eines Grabens, der sich auf dem Platz einer ehemaligen
Ziegelei gebildet hat. Ich war damals überzeugt, daß dieser Baum und
dieser Graben die Kraft eines Talismans haben: ich langweilte mich nie
in ihrer Nähe. Ich begriff damals noch nicht, daß ich mich nur darum
nicht langweilte, weil ich ein Kind war. Jetzt, da ich groß geworden
bin, hat der Talisman seine Kraft verloren.«
»Wie viele Jahre hast du im ganzen hier verbracht?« fragte Arkad.
»Zwei Jahre hintereinander; später kamen wir von Zeit zu Zeit hierher.
Wir führten ein Nomadenleben und zogen fast immer von einer Stadt zur
andern.«
»Ist das Haus schon lange gebaut?«
»Ja ... Mein Großvater hat es gebaut, der Vater meiner Mutter.«
»Was war er, dein Großvater?«
»Der Teufel soll mich holen, wenn ichs weiß! Ich glaube Major zweiter
Klasse. Er hat unter Suworow gedient und erzählte beständig von ihrem
Übergang über die Alpen, wahrscheinlich schnitt er gehörig auf.«
»Deshalb hängt in eurem Wohnzimmer das Bildnis Suworows? Ich liebe
solche alte warme Häuschen wie das eure sehr; sie haben auch einen ganz
eigentümlichen Geruch.«
»Ja, nach Öl[31] und Wäsche,« erwiderte Bazaroff. »Und die Menge Mücken
in diesen niedlichen Wohnungen! Pah!«
»In deiner Kindheit«, fuhr Arkad nach kurzem Schweigen fort, »hat man
dich nicht streng gehalten?«
»Du kennst meine Eltern, sie sind keine Menschenfresser.«
»Du liebst sie sehr, Eugen?«
»O ja, Arkad!«
»Sie hängen sehr an dir!«
Bazaroff antwortete nichts.
»Weißt du, an was ich denke?« sagte er endlich, indem er die Hand unter
den Kopf schob.
»Nein, sprich!«
»Ich denke, daß das Leben für meine Eltern sehr süß ist! Mein Vater
interessiert sich für alles, obgleich er seine sechzig Jahre hinter
sich hat; er spricht von ›Polliativ‹mitteln, behandelt Kranke, spielt
den Großmütigen bei den Bauern und ist dabei seelenvergnügt. Meine
Mutter kann sich auch nicht beklagen; ihr Tag ist von so vielerlei
Geschäften, ›Ohs!‹ und ›Ahs!‹ ausgefüllt, daß sie gar keine Zeit hat,
zu sich selber zu kommen; und ich ...«
»Und du?«
»Und ich, ich sage mir: Da lieg ich neben diesem Schober ... Der Platz,
den ich einnehme, ist so unendlich klein im Vergleich zu dem übrigen
Raum, wo ich nicht bin und wo man sich aus mir nichts macht, und die
Zeit, die mir zu leben vergönnt sein wird, ist so kurz neben der
Ewigkeit, in der ich nicht war und in der ich nie sein werde ... und
doch in diesem Atom, in diesem mathematischen Punkt kreist das Blut,
arbeitet das Gehirn und will auch etwas ... Welcher Unsinn! Welche
Albernheit!«
»Erlaub mir, dir eine Bemerkung zu machen: was du da sagst, paßt im
ganzen für alle Menschen ...«
»Das ist richtig,« erwiderte Bazaroff, »ich wollte sagen, daß diese
braven Leute, ich meine nämlich meine Eltern, sich beschäftigen und
nicht an ihr Nichts denken; es ekelt und stinkt sie nicht an, während
ich nur Langeweile und Haß zu empfinden vermag.«
»Haß? warum das?«
»Warum? welche Frage! Hast du denn vergessen?«
»Ich erinnere mich an alles, aber ich glaube nicht, daß es dir ein
Recht gibt, zu hassen ... Du bist unglücklich, ich gebe es zu, aber ...«
»Ei! ei! Arkad Nikolaitsch, ich sehe, du verstehst die Liebe, wie alle
jungen Leute von heut; du lockst die Henne put, put, put! und sobald
die Henne kommt, nimmt man Reißaus! Das ist die Art nicht, wie ich es
mache. Doch lassen wir das. Wenn einer Sache nicht zu helfen ist, so
ist es eine Schande, sich mit ihr abzugeben.« -- Er legte sich auf
die Seite und fuhr fort: »Ah, da ist eine Ameise, welche lustig eine
halbtote Mücke schleift. Immerzu, Alte, immerzu! Mach dir nichts aus
ihrem Sträuben. Du kannst in deiner Eigenschaft als Tier jedes Gefühl
von Erbarmen verschmähen. Das ist nicht wie unsereiner, die wir uns
freiwillig vernichtet und zerbrochen haben.«
»Du solltest nicht so sprechen, Eugen! wann hast du dich zerbrochen,
wie du sagst?«
Bazaroff richtete den Kopf auf.
»Ich glaube das Recht zu haben, stolz darauf zu sein. Ich habe mich
nicht selbst zerbrochen, und einem Weib wird das sicher nie gelingen.
Amen! es ist aus! Du wirst kein einziges Wort mehr über diesen
Gegenstand von mir hören.«
Die beiden Freunde lagen einige Augenblicke da, ohne zu sprechen.
»Ja,« nahm Bazaroff wieder das Wort, »der Mensch ist ein sonderbares
Wesen. Wenn man so von der Seite und von weitem das dunkle Leben
betrachtet, welches hier die ›Väter‹ führen, so scheint es, als ob
alles vollkommen sei. Iß, trinke und lebe deiner Meinung nach so weise
und regelmäßig als möglich. Es ist doch nichts; die Langeweile packt
dich bald. Man empfindet das Verlangen, unter andere Menschen zu gehen,
wärs auch nur, um mit ihnen zu streiten -- gleichviel, man muß eben
unter sie gehen.«
»Man müßte das Leben so einrichten, daß jeder Augenblick eine Bedeutung
hätte,« sagte Arkad nachdenklich.
»Gewiß! es ist immer angenehm, etwas zu bedeuten, selbst wenn es mit
Unrecht geschähe. Man würde sich zur Not sogar die unbedeutenden Dinge
gefallen lassen ... Aber die Kleinigkeiten, die Erbärmlichkeiten ...
das ist das Übel!«
»Es gibt keine Kleinigkeiten für den, der keine anerkennen will.«
»Hm! Du hast da einen umgekehrten Gemeinplatz ausgesprochen.«
»Wie? Was meinst du damit?«
»Die Versicherung zum Beispiel, daß die Zivilisation nützlich sei, ist
ein Gemeinplatz, die Behauptung aber, daß die Zivilisation schädlich
sei, ist ein umgekehrter Gemeinplatz. Das lautet ein wenig vornehmer,
aber im Grund ist es absolut ein Ding.«
»Aber die Wahrheit, wo muß man sie denn suchen?«
»Wo? Ich antworte dir wie das Echo; wo?«
»Du bist heute zur Schwermut aufgelegt, Eugen!«
»Wahrhaftig? es scheint, die Sonne hat mir auf den Kopf gebrannt, und
dann, wir haben zuviel Himbeeren gegessen.«
»Da wärs gut, einen Schlaf zu tun,« sagte Arkad.
»Sei's, nur schau mich nicht an ... man sieht immer dumm aus, wenn man
schläft.«
»Es ist dir also nicht gleichgültig, was man von dir denkt?«
»Ich weiß nicht recht, was man darauf antworten soll. Ein Mann, der
dieses Namens wahrhaftig würdig ist, dürfte sich um das, was man von
ihm denkt, nicht kümmern; der wahre Mann ist der, der andern nichts
zu denken gibt, sondern sie zwingt, ihm zu gehorchen oder ihn zu
verabscheuen.«
»Das ist sonderbar! ich verabscheue niemand,« sagte Arkad nach kurzem
Besinnen.
»Und ich verabscheue viele Leute! Du hast eine milde Seele, ein wahres
Pflaumenkompott, wie könntest du verabscheuen? ... Du bist furchtsam,
hast kein Selbstvertrauen ...«
»Und du,« erwiderte Arkad, »du hast noch viel Selbstvertrauen? Du
schätzst dich sehr hoch?«
Bazaroff antwortete ihm nicht sogleich.
»Wenn ich einmal einem Menschen begegne, der in meiner Gegenwart nicht
die Ohren hängen läßt,« versetzte Bazaroff langsam, »dann werde ich
meine Meinung über mich selber ändern. -- Verabscheuen?« fuhr er fort
... »aber halt einmal, du hast vor kurzem gesagt, als wir an der großen
und saubern Isba eures Starosten Philipp vorübergingen: Rußland werde
so lange nicht auf seiner Höhe angekommen sein, bis der letzte Bauer
eine solche Wohnung habe, und jeder von uns müsse dazu beitragen ...
Nun wohlan, ich habe sofort diesen Bauer verabscheut, heiß er Philipp
oder Jakob, für dessen Wohl ich schanzen soll, ohne daß er mirs im
mindesten Dank wüßte. Und doch, was sollt ich mit seiner Dankbarkeit
tun? Wenn er in seiner guten Isba wohnt, dann werde ich die Nesseln auf
dem Kirchhof düngen. Und was dann?«
»Schweig, Eugen, wenn man dich heute hört, ist man fast versucht, denen
recht zu geben, die uns vorwerfen, daß wir keine Grundsätze haben.«
»Du sprichst wie dein würdiger Onkel. Es gibt keine Grundsätze. Hast du
das bisher noch nicht gewußt? Es gibt nur Sensationen. Alles hängt von
Sensationen ab.«
»Wieso?«
»Jawohl. Nimm mich zum Beispiel: Wenn ich vom Geist der Verneinung und
des Widerspruchs beherrscht bin, so hängt das von meinen Sensationen
ab. Es ist mir angenehm, zu verneinen, mein Hirn ist so gebaut und
damit Punktum! Warum habe ich Gefallen an der Chemie? Warum ißt du
gerne Äpfel? Alles kraft der Sensationen. Da liegt die Wahrheit, und
nie werden die Menschen tiefer dringen. Man gesteht sichs nicht gerne,
und selbst ich werde dirs nicht mehr wiederholen.«
»Aber von diesem Standpunkte aus wäre die Tugend selber nichts als eine
Sensation?«
»Ohne allen Zweifel!«
»Eugen!« erwiderte Arkad in betrübtem Ton.
»Ah! Wahrhaftig? Der Bissen ist nicht nach deinem Geschmack,« sagte
Bazaroff. »Nein, mein Lieber, wenn man entschlossen ist, alles
abzumähen, muß man seine eigenen Beine nicht schonen. Aber wir haben
nun in dieser Weise genug philosophiert. Die Natur ladet uns zur Ruh
des Schlummers ein, sagt Puschkin.«
»Er hat nie etwas Ähnliches gesagt,« erwiderte Arkad.
»Wenn ers nicht gesagt hat, hätte ers in seiner Eigenschaft als Dichter
sagen können oder sollen. Apropos, er war doch Soldat?«
»Puschkin war nie Soldat.«
»Geh doch! auf jeder Seite ruft er aus: ›Zu den Waffen! zu den Waffen!
für die Ehre Rußlands!‹«
»Woher nimmst du alle diese Erfindungen? ich nenne das verleumden.«
»Verleumden? wie hübsch! Glaubst du mich mit diesem Worte zu
erschrecken? Welche Verleumdungen man immer über einen Menschen
verbreitet, er verdient noch zwanzigmal mehr.«
»Suchen wir lieber zu schlafen,« sagte Arkad verletzt.
»Mit dem größten Vergnügen,« antwortete Bazaroff.
Aber sie konnten beide nicht einschlafen, ein Gefühl von Feindseligkeit
hatte sich in ihr Herz geschlichen. Nach wenigen Minuten öffneten sie
die Augen und blickten sich schweigend an.
»Sieh,« sagte plötzlich Arkad, »sieh dies verdorrte Blatt, welches
sich eben von einer Platane löste und zur Erde fällt, es flattert
in der Luft, ganz wie ein Schmetterling. Ist das nicht sonderbar?
Das Traurigste und Toteste was es gibt, gleicht dem Heitersten und
Lebendigsten!«
»Mein teurer Arkad Nikolajewitsch,« rief Bazaroff aus, »ich bitte dich
um Gottes willen, sprich nicht poetisch.«
»Ich spreche, wie ichs verstehe ... Aber wahrhaftig, das streift
an Tyrannei. Wenn mir ein Gedanke kommt, warum soll ich ihn nicht
ausdrücken?«
»Das ist richtig; aber warum soll ich nicht gleichfalls sagen, was ich
denke? Ich finde es unanständig, poetisch zu sprechen.«
»Es ist deiner Meinung nach ohne Zweifel anständiger, Grobheiten zu
sagen?«
»Heh! heh! ich seh, du bist entschlossen, in die Fußstapfen deines
Onkels zu treten. Wie glücklich wär dieser Idiot, wenn er dich hören
könnte!«
»Wie hast du Paul Petrowitsch genannt?«
»Wie er es verdient: einen Idioten.«
»Das wird unerträglich!« rief Arkad aus.
»Ah! der Familiensinn ist erwacht,« sagte Bazaroff ruhig. »Ich habe
bemerkt, daß er bei allen Menschen tief eingewurzelt ist. Sie sind
fähig, auf alles zu verzichten, alle Vorurteile abzulegen; aber
anzuerkennen zum Beispiel: daß ein Bruder, der Taschentücher gestohlen
hat, ein Dieb ist, das geht über ihre Kräfte. In der Tat, eine Person,
die mir so nahe steht, ›mein‹ Bruder, könnte er nicht ein Genie sein?«
»Ich habe einzig dem Sinn für Gerechtigkeit und keineswegs dem für die
Familie gehorcht,« antwortete Arkad lebhaft. »Aber da du für diesen
Sinn kein Verständnis hast, da diese ›Sensation‹ dir fehlt, solltest du
gar nicht davon sprechen.«
»Das kommt darauf hinaus: Arkad Kirsanoff ist mir zu hoch, als daß
ich ihn verstehen könnte; ich beuge mich und verurteile mich zum
Stillschweigen.«
»Hör doch auf, Eugen! ich bitte dich; wir bekommen schließlich noch
Händel.«
»Ach, ich beschwöre dich, Arkad, wir wollen Händel anfangen, wir wollen
uns tüchtig prügeln, bis zur Vertilgung der tierischen Wärme.«
»Das führt am Ende in Wirklichkeit zu ...«
»Zu Faustschlägen?« fiel Bazaroff ein, »warum nicht? hier auf diesem
Heuhaufen, in dieser ganzen idyllischen Umgebung, entfernt von der Welt
und den Blicken der Menschen, es könnte gar nicht schöner sein. Aber
du bist nicht imstande, dich mit mir zu messen. Ich werde dich bei der
Kehle packen ...«
Bazaroff streckte seine knochigen Finger aus ... Arkad wandte sich
lachend um und schickte sich zur Verteidigung an ... Aber das Gesicht
seines Freundes, das Grinsen, welches seine Lippen verzog, und das
düstere Feuer, das in seinen Augen glühte, schien ihm eine solch ernste
Drohung auszudrücken, daß ihn unwillkürlich ein Gefühl von Furcht
überkam ...
»Ah! find ich euch endlich!« rief in diesem Augenblick Wassili
Iwanowitsch, welcher in einem Wams von zu Hause gewebter Leinwand und
mit einem Strohhut aus derselben Fabrik auf dem Kopf vor den jungen
Leuten erschien. »Ich habe euch gesucht und gesucht ... Aber ihr
habt einen prächtigen Platz gewählt und überlaßt euch einem süßen
Zeitvertreib. ›Auf der Erde liegend den Himmel betrachten‹ ... wißt
ihr, daß diese Lage eine ganz eigentümliche Bedeutung hat?«
»Ich betrachte den Himmel nur, wenn ich niesen will,« sagte Bazaroff
mürrisch, und zu Arkad tretend, fügte er leise hinzu: »Es tut mir leid,
daß er uns verhindert hat.«
»Geh! es ist genug!« sagte Arkad und drückte ihm verstohlen die Hand.
»Ich schau euch an, meine jungen Freunde,« fuhr Wassili Iwanowitsch
kopfschüttelnd fort, wobei er seine gefalteten Hände auf einen Stock
stützte, den er selbst kunstvoll spiralförmig gewunden und oben mit
einem Türkenkopf verziert hatte, »ich schau euch an und kann es nicht
satt bekommen. Wieviel Kraft, Jugend, Fähigkeit, Talent steckt in euch
... Kastor und Pollux!«
»Gut!« rief Bazaroff aus, »jetzt stürzt er sich in die Mythologie! Man
sieht sofort, daß er seinerzeit im Latein stark war. Hast du nicht eine
silberne Medaille für deine Schularbeiten erhalten?«
»Dioskuren! Dioskuren!« wiederholte Wassili Iwanowitsch.
»Geh, Vater! sei vernünftig, etwas weniger Zärtlichkeit.«
»Einmal von Zeit zu Zeit macht noch keine Gewohnheit,« stotterte
der Greis. Ȇbrigens bin ich nicht gekommen, meine Herren, um euch
Komplimente zu machen, sondern erstens, um euch anzukündigen, daß wir
bald essen werden, und zweitens, um dich zu benachrichtigen, Eugen ...
Du bist ein Bursche von Geist, du kennst die Männer und die Frauen,
wirst also verzeihen ... deiner Mutter lag sehr daran, Dankgebete
für deine Ankunft lesen zu lassen. Bilde dir nicht ein, daß ich dich
auffordern will, denselben anzuwohnen, die Zeremonie ist schon vorüber.
Aber der Pater Alexis ...«
»Der Pope?«
»Ja! der Priester ist drinnen ... und wird zum Essen bleiben ... Ich
hab es selber nicht vermutet und riet ihm sogar ab ... aber ich weiß
nicht, wie es kam ... er hat mich nicht verstanden ... zudem, Arina
Vlassiewna ... immerhin aber ist er ein sehr gescheiter und in jeder
Hinsicht angenehmer Mann.«
»Ich hoffe, er wird mir meine Portion bei Tische nicht wegessen?«
fragte Bazaroff.
Wassili Iwanowitsch lachte.
»Nein! gewiß nicht!« erwiderte er.
»Mehr verlange ich nicht, meinethalben kannst du zu uns an den Tisch
setzen, wen du willst.«
»Ich wußte ja wohl, daß du über alle Vorurteile erhaben bist. Es wär
auch etwas stark. Hab doch ich, der ich bereits mein dreiundsechzigstes
angetreten, gleichfalls keine. (Wassili Iwanowitsch wagte nicht zu
gestehen, daß es ihm um die Gebete nicht minder zu tun war als seiner
Frau, denn er war so religiös wie sie.) Aber der Pater Alexis wünschte
sehr, deine Bekanntschaft zu machen. Ich bin überzeugt, daß er dir
gefallen wird. Er macht sehr gern ein Spielchen und ... doch das bleibt
unter uns ... raucht sogar seine Pfeife wie ein anderer.«
»Nun, wir werden nach Tisch eine Partie Jeralasch[32] machen, und ich
werd euch das Geld abnehmen.«
»He! he! he! Das wollen wir sehen.«
»Wie! willst du von gewissen Talenten Gebrauch machen?« fragte Bazaroff
mit ganz besonderer Betonung.
Eine leichte Röte überzog die bronzefarbenen Wangen Wassili
Iwanowitschs.
»Schämst du dich nicht, Eugen ... was vorbei ist, ist vorbei. Nun ja,
ich wills vor unserem jungen Freund bekennen, daß ich in meiner Jugend
diese Leidenschaft hatte, aber ich habs teuer bezahlt! Wie heiß es
heute ist! Erlaubt mir, neben euch Platz zu nehmen, wenn ich euch nicht
störe?«
»Keineswegs!« antwortete Arkad.
Wassili Iwanowitsch setzte sich auf das Heu und hob mit weinerlicher
Stimme an:
»Dies Lager da, meine teuern Herren, erinnert mich an mein
Soldatenleben, an Biwak und Ambulanzen; das spielte auch so neben einem
Schober, wenn noch einer da war!« -- er tat einen Seufzer -- »ach, ich
hab gräßliche Szenen gesehen in meinem Leben! ich will euch, wenn ihrs
erlaubt, eine Episode von der Pest erzählen, die uns in Bessarabien
dezimiert hat.«
»Und die dir den St. Wladimirorden eingetragen hat,« sagte Bazaroff,
»ich kenns! ich kenns! ... Apropos, warum trägst du ihn nicht?«
»Ich sagte dir ja eben, daß ich keine Vorurteile habe,« antwortete
Wassili Iwanowitsch verlegen (er hatte das rote Band erst tags zuvor
aus dem Knopfloch trennen lassen). Und er fing an, die fragliche
Episode zu erzählen.
»Sehen Sie den! er ist eingeschlafen,« flüsterte er plötzlich Arkad ins
Ohr, indem er auf Bazaroff zeigte und vertraulich mit den Augen blinzte.
»Eugen, auf!« setzte er laut hinzu, »wir wollen zum Essen gehen!«
Pater Alexis, ein kräftiger, hochgewachsener Mann mit dichtem,
sorgfältig gekämmtem Haar und breitem gesticktem Gürtel über dem
lilaseidenen Rock, benahm sich mit viel Verstand und Takt. Er
schüttelte den jungen Leuten zuerst die Hand, als ob er zum voraus
gewußt hätte, daß ihnen keineswegs etwas daran gelegen sei, seinen
Segen zu empfangen, und ohne seinem Stand etwas zu vergeben, verstand
er es sehr gut, niemanden zu verletzen. Er scheute sich nicht,
gelegentlich über das Latein, das man in den Seminarien lehrt,
einige Scherze zu machen, und nahm sich gleich darauf wieder seines
Erzbischofs an; nachdem er zwei Glas Wein getrunken hatte, schlug er
das dritte aus; er nahm die Zigarre an, die ihm Arkad gab, rauchte sie
aber nicht, sondern sagte, daß er sie mitnehmen wolle. Doch hatte er
die weniger angenehme Gewohnheit, jeden Augenblick die Hand langsam
und vorsichtig dem Gesicht zu nähern, um die Mücken zu fangen, die
sich daraufgesetzt hatten, wobei es ihm manchmal widerfuhr, daß er
sie zerquetschte. Er setzte sich an den Spieltisch, ohne besonderes
Vergnügen dabei zu verraten, und gewann Bazaroff schließlich zwei
Rubel fünfzig Kopeken Papier ab (von »Rubel Silber« hatte man in dem
Hause der Arina Vlassiewna keine Vorstellung). Arina, die nie spielte,
saß neben ihrem Sohn, das Kinn nach ihrer Gewohnheit auf die Hand
gestützt, und stand nur auf, um weitere Erfrischungen zu bestellen.
Sie fürchtete, zuviel Aufmerksamkeit für Bazaroff zu haben, und er
ermunterte sie keineswegs dazu; überdies hatte ihr Wassili Iwanowitsch
eingeschärft, ihn nicht zu quälen. »Die jungen Leute lieben das nicht,«
sagte er ihr wiederholt. (Wir dürfen nicht vergessen, zu bemerken,
daß für das Mittagessen nichts gespart war. Timofeitsch hatte sich
mit Tagesanbruch in Person nach der Stadt begeben, um dort Fleisch
erster Qualität zu kaufen; der Starost verfügte sich anderswohin,
um Nalimes[33], Barsche und Krebse aufzutreiben; den Bauernweibern
bezahlte man bis vierzig Kopeken für die Champignons.) Die Augen
Arinas, beständig auf Bazaroff geheftet, drückten jedoch nicht bloß
Hingebung und Zärtlichkeit aus; man las darin auch eine mit Neugier und
Furcht und selbst mit einer Art stillen Vorwurfs gemischte Traurigkeit.
Übrigens bekümmerte sich Bazaroff sehr wenig um das, was die Augen
seiner Mutter ausdrücken mochten, er sprach fast nichts mit ihr und
beschränkte sich darauf, ganz kurze Fragen an sie zu richten, doch bat
er sie um ihre Hand, in der Hoffnung, daß ihm das Glück bringen werde.
Arina Vlassiewna legte ihr zartes, weiches Händchen in die breite,
rauhe Hand des Sohnes.
»Nun,« fragte sie ihn einen Augenblick darauf, »hilft es?«
»Es geht noch schlechter,« antwortete er mit sorglosem Lächeln.
»Der Herr spielt viel zu verwegen,« sagte Pater Alexis in bedauerndem
Ton und streichelte seinen schönen Bart.
»So machte es Napoleon,« versetzte Wassili Iwanowitsch und spielte ein
As aus.
»Und so muß Napoleon auf der Insel St. Helena gestorben sein,«
erwiderte der Pater Alexis und stach das As mit einem Trumpf.
»Eniuchenka! willst du ein Glas Johannisbeerwein?« fragte Arina
Vlassiewna ihren Sohn.
Bazaroff zuckte bloß die Achseln.
»Nein!« sagte Bazaroff am andern Morgen zu Arkad, »ich muß wieder fort
von hier. Ich langweile mich hier, ich möchte arbeiten, und doch ist
mirs unmöglich, etwas zu tun. Ich will zu euch zurückkehren, wo ich all
mein Material gelassen habe. In eurem Hause kann man doch wenigstens
allein sein, wenn man will. Aber hier wiederholt mir mein Vater
beständig: Du kannst über mein Studierzimmer verfügen; da stört dich
kein Mensch; und er selbst verläßt mich nicht mit einem Schritt. Auch
würde ich mir doch einigermaßen ein Gewissen daraus machen, ihm meine
Tür zu verschließen. Meine Mutter stört mich kaum weniger; ich höre sie
beständig in ihrem Zimmer seufzen, und wenn ich zu ihr hineingehe, weiß
ich ihr nichts zu sagen.«
»Deine Abreise wird sie sehr betrüben, und deinen Vater auch,«
antwortete Arkad.
»Ich komme wieder.«
»Wann?«
»Auf der Rückreise nach Petersburg.«
»Deine Mutter besonders dauert mich.«
»Warum das? Etwa weil sie dir so gute Früchte zu essen gegeben hat?«
Arkad schlug die Augen nieder.
»Du kennst deine Mutter nicht,« sagte er zu Bazaroff, »sie hat nicht
nur ein vortreffliches Herz, sie ist auch sehr gescheit. Wir haben
diesen Morgen mehr als eine halbe Stunde zusammen geplaudert, und ihre
Unterhaltung ist höchst verständig und interessant.«
»Ohne Zweifel war ich der Gegenstand derselben?«
»Wir haben auch von anderen Dingen gesprochen.«
»Es ist möglich, daß du recht hast, man sieht so etwas als Zuschauer
oft besser; wie beim Billard. Wenn eine Frau imstande ist, eine halbe
Stunde die Kosten der Unterhaltung zu tragen, so ist das schon ein
gutes Zeichen. All das kann mich aber nicht abhalten, abzureisen.«
»Ich weiß nicht, wie du's angreifen willst, ihnen diese Nachricht
beizubringen? Sie scheinen zu glauben, daß wir wenigstens noch vierzehn
Tage hierbleiben.«
»Das kommt mir sehr ungelegen. Zudem hatte ich heute den dummen
Einfall, meinen Vater zu necken, weil er neulich einen Bauern hat
peitschen lassen, und zwar mit Recht. Ja ja, mit Recht, sieh mich nicht
mit so großen Augen an; er hat sehr wohl daran getan, ihn zu strafen,
weils ein unverbesserlicher Dieb und Trunkenbold ist; nur glaubte mein
Vater nicht, daß ich in dieser Sache so gut unterrichtet sei, wie man
zu sagen pflegt. Er ist darüber ganz betroffen gewesen; und gerade
jetzt muß ich ihm den Kummer verursachen ... Doch was liegt daran! Das
heilt bis zur Hochzeit[34].«
Obgleich Bazaroff diese letzteren Worte in ziemlich entschiedenem Tone
gesprochen hatte, konnte er sich doch nicht entschließen, die Abreise
seinem Vater früher anzukündigen, als im Augenblick, wo er ihm in
seinem Studierzimmer gute Nacht wünschte. Mit gezwungenem Gähnen sagte
er:
»Noch eins ... Fast hätte ich vergessen, dirs mitzuteilen ... Man wird
morgen unsere Pferde zu Fedote vorausschicken müssen.«
Wassili Iwanowitsch blieb wie betäubt.
»Will uns Herr Kirsanoff verlassen?« fragte er endlich.
»Ja, und ich reise mit ihm.«
Wassili Iwanowitsch fuhr betroffen zurück.
»Du willst uns verlassen?«
»Ja ... ich habe zu arbeiten. Habe die Güte, die Pferde
vorauszuschicken.«
»'s ist gut,« stammelte der Greis, »zum Relais ... ganz gut, recht ...
nur ... nur ... ists möglich?«
»Ich muß auf einige Tage zu Kirsanoff. Ich komme dann wieder.«
»So? auf einige Tage ... es ist gut.«
Wassili Iwanowitsch nahm sein Taschentuch und schneuzte sich, indem er
sich fast bis auf den Boden bückte.
»Gut! nun ja ... es soll besorgt werden. Aber ich dachte, daß du ...
länger ... drei Tage ... nach drei Jahren Abwesenheit, das ist nicht
... das ist nicht viel, Eugen!«
»Ich sagte dir ja eben, daß ich bald wiederkomme, es ist unumgänglich
notwendig ...«
»Unumgänglich ... Nun ja! Seine Pflicht muß man vor allem erfüllen
... Du willst, daß ich die Pferde vorausschicke? Es ist gut, aber wir
waren nicht darauf gefaßt, Arina und ich! sie hat jetzt eben bei einer
Nachbarin Blumen geholt, um dein Zimmer damit zu schmücken.«
Wassili Iwanowitsch sagte nicht, daß er jeden Morgen mit Tagesanbruch
barfuß und in Pantoffeln Timofeitsch aufsuchte und ihm eine ganz
zerrissene Banknote einhändigte, die er mit zitternden Händen aus
dem untersten Säckel hervorholte; diese Banknote war zum Einkauf
verschiedener Vorräte bestimmt, hauptsächlich von Eßwaren und rotem
Wein, dem die jungen Leute stark zusprachen.
»Es gibt nichts Köstlicheres als die Freiheit; das ist mein Grundsatz
... man muß den Leuten keinen Zwang antun ... man muß ...«
Wassili Iwanowitsch verstummte plötzlich und ging nach der Türe.
»Wir sehen uns bald wieder, Vater, ich verspreche dirs.«
Aber Wassili Iwanowitsch wandte sich nicht um, er verließ das Zimmer
mit einer Handbewegung. Beim Eintritt ins Schlafzimmer fand er seine
Frau schon eingeschlafen; er betete leise, um sie nicht zu stören,
dennoch wachte sie auf.
»Bist du's, Wassili Iwanowitsch?« fragte sie.
»Ja, Mutter!«
»Du kommst gerade von Eniucha? Ich fürchte, daß er auf seinem Sofa
nicht gut liegt. Ich habe übrigens Anfisuschka gesagt, daß sie ihm
deine Feldmatratze und die neuen Kissen gibt; ich hätt ihm gern unser
Federbett abgetreten, aber ich glaube mich zu erinnern, daß er nicht
gern weich liegt.«
»Das tut nichts, Mutter, beruhige dich. Er hat über nichts zu klagen.
›Herr, vergib uns unsere Sünden!‹« fuhr er in seinem Gebet fort. Mehr
sagte Wassili Iwanowitsch nicht; er wollte seiner armen Frau die
Nachricht nicht mitteilen, welche ihre Ruhe gestört hätte.
Am anderen Morgen reisten die beiden jungen Leute ab. Alles im Hause
hatte von früh an ein trauriges Ansehen gewonnen; Anfisuschka ließ die
Platten fallen, die sie trug; Fedka sogar kam aus der Fassung und fuhr
schließlich aus seinen Stiefeln. Wassili Iwanowitsch machte sich noch
mehr zu schaffen als sonst; er zwang sich, seinen Kummer zu verbergen,
sprach sehr laut und trat mit Geräusch auf; aber sein Gesicht war
eingefallen, und seine Augen suchten dem Sohn immer auszuweichen.
Arina Vlassiewna weinte still; sie hätte den Kopf ganz verloren,
wenn ihr der Mann nicht in aller Frühe eine lange Vorlesung gehalten
hätte. Als Bazaroff sich endlich mit der wiederholten Versicherung,
daß er vor Ablauf eines Monats wiederkommen werde, den Armen, die ihn
zurückhielten, entwunden hatte und in dem Tarantaß saß, als die Pferde
anzogen und der Ton der Glocke sich mit dem Rollen der Räder mischte,
als es vergeblich war, dem Wagen länger nachzublicken, als der Staub
sich gänzlich gelegt hatte und Timofeitsch wankend und ganz gebrochen
sein Lager wieder suchte, als endlich die beiden Alten sich wieder
allein in ihrem Hause befanden, das ihnen noch enger und älter vorkam
... warf sich Wassili Iwanowitsch, der wenige Minuten zuvor von der
Treppe herab so stolz mit dem Tuch gewinkt hatte, in einen Sessel und
ließ das Haupt auf die Brust sinken. »Er hat uns verlassen!« sagte
er mit zitternder Stimme. »Verlassen! er langweilte sich bei uns. Da
bin ich nun wieder allein, allein!« sagte er wiederholt und streckte
jedesmal den Zeigefinger der rechten Hand aus[35]. Arina Vlassiewna
trat zu ihm, legte ihr weißes Haupt auf das weiße Haupt des Greises
und sagte: »Was ist da zu machen, Wassili! Ein Sohn ist wie ein Lappen,
der sich losreißt; er gleicht dem jungen Falken; es beliebt ihm zu
kommen, und er kommt; es beliebt ihm zu gehen, und er fliegt davon;
wir zwei aber, du und ich, wir sind wie zwei kleine Schwämme in einem
hohlen Baume; eins neben dem andern, bleiben wir da für alle Zeit. Ich
allein, ich werde nicht von dir lassen, wie du von deiner alten Frau
nicht lassen wirst!«
Wassili Iwanowitsch erhob das Gesicht, welches er mit beiden Händen
bedeckt hatte, und drückte seine Frau, seine Lebensgefährtin, inniger
an sich, als ers je, selbst in seiner Jugend, getan; sie hatte ihm
Trost gegeben in seinem Leid.