Elftes Kapitel

Eine halbe Stunde später trat Kirsanoff in den Garten und lenkte seine

Schritte nach seinem Lieblingsboskett. Traurige Gedanken bedrängten

ihn. Zum ersten Male hatte er die Kluft ermessen, die ihn von seinem

Sohne trennte; ihm ahnte, daß sie sich mit jedem Tage erweitern werde.

Umsonst also hatte er in Petersburg zwei Winter hindurch ganze Nächte

mit der Lektüre der neuen Werke verbracht; umsonst hatte er den

Unterhaltungen der jungen Leute aufmerksam gelauscht; der Eifer, mit

dem er sich in ihre lebhaften Erörterungen gemischt hatte, war unnütz

gewesen. »Mein Bruder behauptet, daß wir recht haben,« dachte er,

und, alle Eigenliebe beiseite, »scheint mirs selber auch, daß sie der

Wahrheit ferner sind als wir. Und doch fühle ich, daß sie etwas haben,

was wir nicht haben, eine gewisse Überlegenheit ... Ist das die Jugend?

Nein, sie ist es nicht allein. Sollte diese Überlegenheit nicht darin

bestehen, daß ihnen weniger als uns die Herrengewohnheiten aufgeprägt

sind?

Aber die Poesie verachten?« sprach er bald nachher zu sich, »nichts für

die Kunst, nichts für die Natur fühlen? ...«

Er blickte ringsumher, als ob er zu begreifen suchte, wie's möglich

sei, die Natur nicht zu lieben ... Der Tag neigte sich rasch zu Ende.

Die Sonne hatte sich hinter einem Espenwäldchen versteckt, das, auf

einer halben Werst vom Garten entfernt, einen endlosen Schatten über

die stillen Felder warf. Ein Bauer trabte auf einem Schimmel den

schmalen Pfad am Waldsaum entlang; obgleich er im Schatten war, zeigte

sich doch seine ganze Gestalt deutlich dem Blick, und man konnte sogar

einen Flicken auf der Achsel seines Rocks unterscheiden; die Füße des

Pferdes bewegten sich mit einer dem Auge wohltuenden Regelmäßigkeit

und Zierlichkeit. Die Sonnenstrahlen drangen durch Busch und Baum und

färbten die Espenstämme mit einem warmen Ton, der ihnen den Anschein

von Tannenstämmen gab, während sich über den bläulichen Blättern der

blasse, von der Abenddämmerung leicht gerötete Himmel wölbte. Die

Schwalben flogen sehr hoch, der Wind hatte sich fast ganz gelegt;

verspätete Bienen summten schwach und halbverschlafen in den Blüten

des Fliedergebüsches, und ein Mückenschwarm tanzte über einem einzeln

in die Luft ragenden Zweige. »Mein Gott, wie schön!« dachte Kirsanoff,

und Verse, die er vor sich hin zu sagen liebte, wollten ihm über die

Lippen treten, als er an Arkad und an »Kraft und Stoff« dachte und --

schwieg. Doch blieb er sitzen und überließ sich dem süßen, traurigen

Genuß einsamen Träumens. Das Landleben hatte ihm Geschmack dafür

beigebracht; es war noch nicht lange her, als er wie heute im Hof jenes

Wirtshauses saß und seinen Sohn erwartete, aber welch eine Veränderung

war seitdem vor sich gegangen! Sein damals noch ungewisses Verhältnis

zu Arkad war jetzt bestimmt ausgesprochen ... und wie? Das Bild seiner

verstorbenen Frau trat ihm vor die Seele, nicht wie er sie in den

letzten Jahren gekannt hatte, nicht als die gute, heitere, freundliche

Hausfrau, sondern als junges, schlankes Mädchen mit schuldlosem,

fragendem Blick, das Haar in dichten Flechten über dem kindlichen

Nacken, mit einem Wort so, wie er sie zum ersten Male sah, zu der Zeit,

da er die Vorlesungen an der Universität besuchte. Als er ihr auf der

Treppe des Hauses, das er damals bewohnte, begegnete, stieß er sie aus

Versehen an und entschuldigte sich in seiner Verlegenheit mit den

Worten: »Verzeihen Sie, mein Herr!« Sie senkte das Köpfchen, lächelte

und fing, wie plötzlich erschreckt, zu laufen an; auf dem Treppenabsatz

aber warf sie ihm einen raschen Blick zu, nahm eine ernsthafte Miene an

und errötete. Darauf die ersten schüchternen Besuche, die halben Worte

und das halbe Lächeln, die Stunden des Zweifels und der Betrübnis, und

wieder das Entzücken der Leidenschaft, und endlich die Trunkenheit des

Glücks ... Was war aus all dem geworden? Wohl war er später in der Ehe

so glücklich gewesen wie möglich ... »Aber doch«, mußte er sich sagen,

»gleicht nichts jenen ersten süßen Augenblicken der Glückseligkeit;

ach, warum können sie nicht ewig dauern und nur mit dem Leben

erlöschen!«

Er versuchte es nicht, diese Gedanken weiter zu verfolgen; aber jene

glückliche Zeit hätte er festhalten mögen durch eine mächtigere Kraft

als das Gedächtnis; er hätte wieder an der Seite seiner geliebten Marie

sein, ihre weiche Wange streicheln, ihren warmen Atem fühlen mögen, und

schon schien es ihm, als ob über seinem Haupte ...

»Nikolaus Petrowitsch,« fragte dicht neben dem Gebüsch Fenitschka, »wo

sind Sie?«

Er erbebte. Nicht als ob er ein Gefühl von Reue oder Scham empfunden

hätte ... Es war ihm nie eingefallen, den mindesten Vergleich zwischen

seiner Frau und Fenitschka anzustellen; aber es schmerzte ihn, daß

diese ihn in diesem Augenblick überraschte. Ihre Stimme rief ihm

augenblicklich seine grauen Haare, sein frühzeitiges Alter, seine

gegenwärtige Lage ins Gedächtnis zurück ... Die feenhafte Welt, in

deren Räume er sich aufgeschwungen, diese Welt, die sich bereits

auf den verschwommenen Nebeln der Vergangenheit abhob, erblaßte und

verschwand.

»Hier bin ich,« antwortete er; »ich komme gleich; geh nur.« --

»Das,« sagte er sich fast im gleichen Moment, »sind wieder die

Herrengewohnheiten, deren ich soeben noch gedachte.«

Fenitschka warf einen Blick in das Gebüsch und entfernte sich still.

Jetzt erst bemerkte er zu seinem großen Erstaunen, daß die Nacht ihn in

seinen Träumereien überrascht hatte. Rings um ihn her wars dunkel und

still, und Fenitschkas Antlitz war ihm in den wenigen Sekunden, da sie

vor der Laube erschien, so bleich und zart vorgekommen. Er stand auf,

um in sein Zimmer zu gehen; aber sein gerührtes Herz hatte sich noch

nicht wieder beruhigt, und er ging langsam im Garten auf und ab, die

Augen bald niedergeschlagen, bald zum Himmel erhoben, der schon voller

Sterne glühte. Lange, fast bis zur Ermüdung, war er so gegangen, und

doch wollten sich Aufregung und Unruhe in seiner Brust nicht legen. Wie

hätte sich Bazaroff über ihn lustig gemacht, wenn er von diesem Zustand

Kenntnis gehabt hätte! Arkad sogar hätte ihn getadelt. Seine Augen

hatten sich mit Tränen gefüllt, mit Tränen, die ohne Grund quollen; für

einen Vierziger, einen Hausherrn und Ökonomen war das noch tausendmal

schlimmer als Violoncellspielen. Kirsanoff setzte seinen Spaziergang

fort und konnte sich nicht entschließen, in sein friedliches Nest zu

gehen, in das Haus, das mit seinen erleuchteten Fenstern so freundlich

einlud; er fühlte den Mut nicht, den Garten und die Dunkelheit zu

verlassen, der frischen Luft, die ihm die Stirne kühlte, dieser Trauer,

dieser Aufregung zu entsagen ...

Da trat ihm Paul bei einer Wendung des Weges entgegen.

»Was hast du denn?« fragte ihn dieser; »du siehst bleich aus wie ein

Gespenst. Bist du krank? Du tätest wohl daran, zu Bett zu gehen.«

Kirsanoff erklärte ihm mit einigen Worten seine Empfindungen und

ging ins Haus. Paul lief bis ans Ende des Gartens; auch er fing an,

nachzudenken und die Augen zum Himmel aufzuschlagen. Aber seine schönen

Augen spiegelten nur den Sternenschein wider. Er war kein Romantiker,

und die Träumerei paßte nicht zu seinem leidenschaftlichen Wesen;

er war ein prosaischer Mensch, wenn auch zärtlichen Gefühlen nicht

unzugänglich, ein Menschenfeind französischer Art.

»Höre!« sagte am gleichen Abend Bazaroff zu seinem Freund, »ich habe

einen prächtigen Einfall. Dein Vater sagte uns heute, daß er von dem

großen Hans, eurem Vetter, eine Einladung erhalten habe. Er will nicht

hingehen; wie wärs, wenn wir eine Tour nach X... machten? Du bist in

die Einladung dieses Herrn mitinbegriffen. Du siehst, was hier für ein

Wind weht; die Reise wird uns gut tun, wir sehen die Stadt. Es kostet

uns höchstens fünf oder sechs Tage.«

»Und du kehrst mit mir hierher zurück?«

»Nein, ich muß zu meinem Vater. Du weißt, daß er höchstens 20 Werst von

X... entfernt wohnt. Ich hab sie lange nicht gesehen, ihn und meine

Mutter; ich muß ihnen die Freude machen. Es sind brave Leute, und mein

Vater ist dabei ein drolliger Kauz. Zudem haben sie nur mich, ich bin

ihr einziges Kind.«

»Bleibst du lange?«

»Ich glaube nicht. Vermutlich werde ich mich dort langweilen.«

»Aber du besuchst uns auf dem Rückwege?«

»Je nachdem; ich weiß es noch nicht. Nun? einverstanden? reisen wir?«

»Sei's,« antwortete Arkad gleichgültig.

Im Grunde war er mit dem Vorschlag seines Freundes sehr zufrieden; er

hielt es aber für nötig, sichs nicht merken zu lassen; so schickte

sichs für einen echten Nihilisten.

Am nächsten Morgen reiste er mit Bazaroff nach X... Die Jugend von

Marino bedauerte ihre Abreise; Duniascha vergoß sogar einige Tränen ...

Paul aber und sein Bruder, »die Alten«, wie Bazaroff sagte, atmeten

wieder freier.

Väter und Söhne · 第 18 / 38 题