Eine halbe Stunde später trat Kirsanoff in den Garten und lenkte seine
Schritte nach seinem Lieblingsboskett. Traurige Gedanken bedrängten
ihn. Zum ersten Male hatte er die Kluft ermessen, die ihn von seinem
Sohne trennte; ihm ahnte, daß sie sich mit jedem Tage erweitern werde.
Umsonst also hatte er in Petersburg zwei Winter hindurch ganze Nächte
mit der Lektüre der neuen Werke verbracht; umsonst hatte er den
Unterhaltungen der jungen Leute aufmerksam gelauscht; der Eifer, mit
dem er sich in ihre lebhaften Erörterungen gemischt hatte, war unnütz
gewesen. »Mein Bruder behauptet, daß wir recht haben,« dachte er,
und, alle Eigenliebe beiseite, »scheint mirs selber auch, daß sie der
Wahrheit ferner sind als wir. Und doch fühle ich, daß sie etwas haben,
was wir nicht haben, eine gewisse Überlegenheit ... Ist das die Jugend?
Nein, sie ist es nicht allein. Sollte diese Überlegenheit nicht darin
bestehen, daß ihnen weniger als uns die Herrengewohnheiten aufgeprägt
sind?
Aber die Poesie verachten?« sprach er bald nachher zu sich, »nichts für
die Kunst, nichts für die Natur fühlen? ...«
Er blickte ringsumher, als ob er zu begreifen suchte, wie's möglich
sei, die Natur nicht zu lieben ... Der Tag neigte sich rasch zu Ende.
Die Sonne hatte sich hinter einem Espenwäldchen versteckt, das, auf
einer halben Werst vom Garten entfernt, einen endlosen Schatten über
die stillen Felder warf. Ein Bauer trabte auf einem Schimmel den
schmalen Pfad am Waldsaum entlang; obgleich er im Schatten war, zeigte
sich doch seine ganze Gestalt deutlich dem Blick, und man konnte sogar
einen Flicken auf der Achsel seines Rocks unterscheiden; die Füße des
Pferdes bewegten sich mit einer dem Auge wohltuenden Regelmäßigkeit
und Zierlichkeit. Die Sonnenstrahlen drangen durch Busch und Baum und
färbten die Espenstämme mit einem warmen Ton, der ihnen den Anschein
von Tannenstämmen gab, während sich über den bläulichen Blättern der
blasse, von der Abenddämmerung leicht gerötete Himmel wölbte. Die
Schwalben flogen sehr hoch, der Wind hatte sich fast ganz gelegt;
verspätete Bienen summten schwach und halbverschlafen in den Blüten
des Fliedergebüsches, und ein Mückenschwarm tanzte über einem einzeln
in die Luft ragenden Zweige. »Mein Gott, wie schön!« dachte Kirsanoff,
und Verse, die er vor sich hin zu sagen liebte, wollten ihm über die
Lippen treten, als er an Arkad und an »Kraft und Stoff« dachte und --
schwieg. Doch blieb er sitzen und überließ sich dem süßen, traurigen
Genuß einsamen Träumens. Das Landleben hatte ihm Geschmack dafür
beigebracht; es war noch nicht lange her, als er wie heute im Hof jenes
Wirtshauses saß und seinen Sohn erwartete, aber welch eine Veränderung
war seitdem vor sich gegangen! Sein damals noch ungewisses Verhältnis
zu Arkad war jetzt bestimmt ausgesprochen ... und wie? Das Bild seiner
verstorbenen Frau trat ihm vor die Seele, nicht wie er sie in den
letzten Jahren gekannt hatte, nicht als die gute, heitere, freundliche
Hausfrau, sondern als junges, schlankes Mädchen mit schuldlosem,
fragendem Blick, das Haar in dichten Flechten über dem kindlichen
Nacken, mit einem Wort so, wie er sie zum ersten Male sah, zu der Zeit,
da er die Vorlesungen an der Universität besuchte. Als er ihr auf der
Treppe des Hauses, das er damals bewohnte, begegnete, stieß er sie aus
Versehen an und entschuldigte sich in seiner Verlegenheit mit den
Worten: »Verzeihen Sie, mein Herr!« Sie senkte das Köpfchen, lächelte
und fing, wie plötzlich erschreckt, zu laufen an; auf dem Treppenabsatz
aber warf sie ihm einen raschen Blick zu, nahm eine ernsthafte Miene an
und errötete. Darauf die ersten schüchternen Besuche, die halben Worte
und das halbe Lächeln, die Stunden des Zweifels und der Betrübnis, und
wieder das Entzücken der Leidenschaft, und endlich die Trunkenheit des
Glücks ... Was war aus all dem geworden? Wohl war er später in der Ehe
so glücklich gewesen wie möglich ... »Aber doch«, mußte er sich sagen,
»gleicht nichts jenen ersten süßen Augenblicken der Glückseligkeit;
ach, warum können sie nicht ewig dauern und nur mit dem Leben
erlöschen!«
Er versuchte es nicht, diese Gedanken weiter zu verfolgen; aber jene
glückliche Zeit hätte er festhalten mögen durch eine mächtigere Kraft
als das Gedächtnis; er hätte wieder an der Seite seiner geliebten Marie
sein, ihre weiche Wange streicheln, ihren warmen Atem fühlen mögen, und
schon schien es ihm, als ob über seinem Haupte ...
»Nikolaus Petrowitsch,« fragte dicht neben dem Gebüsch Fenitschka, »wo
sind Sie?«
Er erbebte. Nicht als ob er ein Gefühl von Reue oder Scham empfunden
hätte ... Es war ihm nie eingefallen, den mindesten Vergleich zwischen
seiner Frau und Fenitschka anzustellen; aber es schmerzte ihn, daß
diese ihn in diesem Augenblick überraschte. Ihre Stimme rief ihm
augenblicklich seine grauen Haare, sein frühzeitiges Alter, seine
gegenwärtige Lage ins Gedächtnis zurück ... Die feenhafte Welt, in
deren Räume er sich aufgeschwungen, diese Welt, die sich bereits
auf den verschwommenen Nebeln der Vergangenheit abhob, erblaßte und
verschwand.
»Hier bin ich,« antwortete er; »ich komme gleich; geh nur.« --
»Das,« sagte er sich fast im gleichen Moment, »sind wieder die
Herrengewohnheiten, deren ich soeben noch gedachte.«
Fenitschka warf einen Blick in das Gebüsch und entfernte sich still.
Jetzt erst bemerkte er zu seinem großen Erstaunen, daß die Nacht ihn in
seinen Träumereien überrascht hatte. Rings um ihn her wars dunkel und
still, und Fenitschkas Antlitz war ihm in den wenigen Sekunden, da sie
vor der Laube erschien, so bleich und zart vorgekommen. Er stand auf,
um in sein Zimmer zu gehen; aber sein gerührtes Herz hatte sich noch
nicht wieder beruhigt, und er ging langsam im Garten auf und ab, die
Augen bald niedergeschlagen, bald zum Himmel erhoben, der schon voller
Sterne glühte. Lange, fast bis zur Ermüdung, war er so gegangen, und
doch wollten sich Aufregung und Unruhe in seiner Brust nicht legen. Wie
hätte sich Bazaroff über ihn lustig gemacht, wenn er von diesem Zustand
Kenntnis gehabt hätte! Arkad sogar hätte ihn getadelt. Seine Augen
hatten sich mit Tränen gefüllt, mit Tränen, die ohne Grund quollen; für
einen Vierziger, einen Hausherrn und Ökonomen war das noch tausendmal
schlimmer als Violoncellspielen. Kirsanoff setzte seinen Spaziergang
fort und konnte sich nicht entschließen, in sein friedliches Nest zu
gehen, in das Haus, das mit seinen erleuchteten Fenstern so freundlich
einlud; er fühlte den Mut nicht, den Garten und die Dunkelheit zu
verlassen, der frischen Luft, die ihm die Stirne kühlte, dieser Trauer,
dieser Aufregung zu entsagen ...
Da trat ihm Paul bei einer Wendung des Weges entgegen.
»Was hast du denn?« fragte ihn dieser; »du siehst bleich aus wie ein
Gespenst. Bist du krank? Du tätest wohl daran, zu Bett zu gehen.«
Kirsanoff erklärte ihm mit einigen Worten seine Empfindungen und
ging ins Haus. Paul lief bis ans Ende des Gartens; auch er fing an,
nachzudenken und die Augen zum Himmel aufzuschlagen. Aber seine schönen
Augen spiegelten nur den Sternenschein wider. Er war kein Romantiker,
und die Träumerei paßte nicht zu seinem leidenschaftlichen Wesen;
er war ein prosaischer Mensch, wenn auch zärtlichen Gefühlen nicht
unzugänglich, ein Menschenfeind französischer Art.
»Höre!« sagte am gleichen Abend Bazaroff zu seinem Freund, »ich habe
einen prächtigen Einfall. Dein Vater sagte uns heute, daß er von dem
großen Hans, eurem Vetter, eine Einladung erhalten habe. Er will nicht
hingehen; wie wärs, wenn wir eine Tour nach X... machten? Du bist in
die Einladung dieses Herrn mitinbegriffen. Du siehst, was hier für ein
Wind weht; die Reise wird uns gut tun, wir sehen die Stadt. Es kostet
uns höchstens fünf oder sechs Tage.«
»Und du kehrst mit mir hierher zurück?«
»Nein, ich muß zu meinem Vater. Du weißt, daß er höchstens 20 Werst von
X... entfernt wohnt. Ich hab sie lange nicht gesehen, ihn und meine
Mutter; ich muß ihnen die Freude machen. Es sind brave Leute, und mein
Vater ist dabei ein drolliger Kauz. Zudem haben sie nur mich, ich bin
ihr einziges Kind.«
»Bleibst du lange?«
»Ich glaube nicht. Vermutlich werde ich mich dort langweilen.«
»Aber du besuchst uns auf dem Rückwege?«
»Je nachdem; ich weiß es noch nicht. Nun? einverstanden? reisen wir?«
»Sei's,« antwortete Arkad gleichgültig.
Im Grunde war er mit dem Vorschlag seines Freundes sehr zufrieden; er
hielt es aber für nötig, sichs nicht merken zu lassen; so schickte
sichs für einen echten Nihilisten.
Am nächsten Morgen reiste er mit Bazaroff nach X... Die Jugend von
Marino bedauerte ihre Abreise; Duniascha vergoß sogar einige Tränen ...
Paul aber und sein Bruder, »die Alten«, wie Bazaroff sagte, atmeten
wieder freier.