So vergingen beinahe zwei Wochen. Das Leben der Bewohner von Marino
verlief sehr einförmig. Arkad machte den Sybariten und Bazaroff
arbeitete. Man hatte sich an seine Verachtung der Formen, an seine
kurze, barsche Redeweise gewöhnt. Fenitschka zumal war mit ihm so
vertraut geworden, daß sie ihn einmal in der Nacht wecken ließ, als
Mitia einen Anfall von Krämpfen bekam. Bazaroff kam, blieb fast zwei
Stunden, bald lachend, bald gähnend, und half dem Kinde. Wer aber
Bazaroff andrerseits von Grund seiner Seele verabscheute, das war
Paul: in seinen Augen war er ein anmaßender, unverschämter, zynischer
Mensch, ein wahrer Plebejer, der ihm, ihm Paul Kirsanoff, wenig Achtung
erwies und sich vielleicht gar erfrechte, ihn zu verachten. Sein
Bruder Nikolaus fürchtete zwar den jungen Nihilisten ein wenig und
bezweifelte sehr, daß er auf Arkad günstig einwirke; allein er hörte
ihm doch mit Vergnügen zu und wohnte gerne seinen physikalischen und
chemischen Versuchen bei. Bazaroff hatte ein Mikroskop mitgebracht und
beschäftigte sich stundenlang mit dem Instrument. Auch die Domestiken
hatten sich an Bazaroff gewöhnt, obwohl er sie von oben herab
behandelte; sie sahen in ihm mehr einen ihresgleichen als einen Herrn.
Duniascha kicherte gerne mit ihm und warf ihm heimlich bedeutungsvolle
Blicke zu, wenn sie trippelnd wie ein Wächtelchen an ihm vorüberkam.
Peter, ein beschränkter, von Eigenliebe ganz erfüllter Mensch mit
immer sorgenvoller Stirn, dessen Verdienst darin bestand, daß er immer
einen höflichen Gesichtsausdruck zeigte, buchstabieren konnte und
seinen Rock fleißig bürstete, entrunzelte sein Gesicht und lächelte
sogar, wenn ihm Bazaroff die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Die
jungen Domestiken endlich folgten dem Doktor wie junge Hunde. Der alte
Prokofitsch war der einzige, der ihn nicht liebte; er bediente ihn
bei Tisch mit sichtlichem Widerwillen, nannte ihn Abdecker, Lump, und
sagte, daß er mit seinem langen Backenbarte einem Schwein im Busch
gleiche. Prokofitsch war in seiner Art nicht weniger Aristokrat als
Paul Petrowitsch selbst.
Es war im Anfang des Monats Juni, des schönsten im Jahr. Das Wetter
war herrlich; die Cholera war zwar im Anzuge, aber die Bewohner des
Gouvernements X... fürchteten sie nicht besonders. Bazaroff stand
morgens sehr früh auf und streifte zwei oder drei Werst vom Hause
umher, nicht um spazierenzugehen (er konnte das Spazierengehen nicht
leiden), sondern um Pflanzen und Insekten zu sammeln. Manchmal
begleitete ihn Arkad. Hie und da kamen die beiden Freunde auf dem
Heimweg ins Streiten, und gewöhnlich war Arkad der Besiegte, obgleich
er viel mehr sprach als sein Gefährte. Eines Tages, als sie lange
ausblieben, ging ihnen Kirsanoff entgegen in den Garten; bei dem
Boskett angekommen, hörte er rasche Schritte und die Stimmen der jungen
Leute. Sie traten von der andern Seite in das Boskett und konnten ihn
nicht sehen.
»Du kennst meinen Vater nicht,« sagte Arkad. Kirsanoff rührte sich
nicht.
»Dein Vater ist ein guter Kerl,« antwortete Bazaroff; »allein er ist
reif für die Rumpelkammer, er hat abgedankt, sein Lied ist zu Ende.«
Kirsanoff lauschte ... Arkad schwieg.
Der »abgedankte« Mann blieb noch einige Augenblicke in seinem Versteck;
dann schlich er vorsichtig weg und ins Haus zurück.
»Dieser Tage beobachtete ich, was er wohl treibt; er las Puschkin,«
fuhr Bazaroff fort. »Mach ihm begreiflich, ich bitte dich, daß das
abgeschmackt ist. Er ist kein Jüngling mehr und sollte all den Plunder
ins Feuer werfen. Wer interessiert sich in unsern Tagen noch für
Romantik und Poesie? Gib ihm irgendein gutes Buch zu lesen.«
»Was könnte man ihm denn geben?« fragte Arkad.
»Man könnte zum Beispiel mit ›Kraft und Stoff‹ von Büchner[17]
beginnen.«
»Daran dachte ich auch schon,« erwiderte Arkad; »das Buch ist
leichtverständlich.«
»So wären wir denn gerichtet,« sagte Kirsanoff an diesem Abend zu
seinem Bruder; »wir sind reif für die Rumpelkammer, unser Lied ist zu
Ende. Bazaroff hat vielleicht nicht so unrecht. Was mir bei alledem nur
leid tut, ist, daß ich eben jetzt hoffte, mich eng und freundschaftlich
an Arkad anzuschließen, und jetzt seh ich, daß ich zurückgeblieben bin,
er hat mich überholt und wir können uns nicht mehr verstehen.«
»Inwiefern hat er dich überholt, und was unterscheidet ihn denn so
sehr von uns andern?« rief Paul ungeduldig; »das ist dieser Herr,
dieser Nihilist, der ihm alles das in den Kopf gesetzt hat. Dieser
Knochenflicker ist mir unerträglich; es ist ein wahrer Scharlatan; ich
bin überzeugt, er versteht trotz seiner Frösche selbst von der Physik
nicht viel.«
»Nein, lieber Bruder, da irrst du dich doch wohl,« antwortete
Kirsanoff, »intelligent und unterrichtet ist er.«
»Und dieses Selbstgefühl! es ist wahrhaft empörend!« fuhr Paul fort.
»An Selbstgefühl fehlts ihm nicht, das gebe ich zu,« erwiderte der
Bruder; »es ist, scheints, unvermeidlich. Aber _eins_ ist mir zu stark.
Ich tue mein möglichstes, um mit dem Jahrhundert Schritt zu halten;
ich habe meinen Bauern eine menschliche Existenz verschafft und eine
Pachtung auf meinen Gütern eingerichtet, womit ich mir im ganzen
Gouvernement den Namen eines ›_Roten_‹ erworben habe; ich lese, ich
studiere und bemühe mich, auf der Höhe dessen zu bleiben, was dem Lande
not tut, und trotzdem soll nun mein Lied zu Ende sein. Aber unmöglich
ists dennoch nicht, daß sie recht haben!«
»Wieso?«
»Höre! Heute sitze ich da und lese im Puschkin; eben fing ich ›Die
Zigeuner‹ an, da nähert sich mir Arkad leise mit einer Art zärtlicher
Teilnahme, nimmt mir wie einem Kinde sanft das Buch aus der Hand und
steckt mir ein andres, ein deutsches Buch zu; dann lächelte er und
ging, mit Puschkin in der Hand, fort.«
»Wahrhaftig? und was für ein Buch hat er dir gegeben?«
»Da ist es.«
Kirsanoff zog aus der Hintertasche seines Rockes die neunte Ausgabe von
Büchners vielbesprochenem Buche. Paul blätterte darin.
»Arkad beschäftigt sich also mit deiner Erziehung,« sagte er; »hast
du's versucht, das Ding da zu lesen?«
»Ja.«
»Nun, und ...?«
»Entweder bin ich ein Dummkopf, oder der Verfasser ist nicht recht bei
Trost. Aber gewiß bin ich ein Dummkopf.«
»Hast du denn dein Deutsch nicht vergessen?« fragte Paul.
»Nein.«
Paul drehte das Buch in den Händen herum und sah seinen Bruder
verstohlen an. Beide schwiegen.
»Apropos,« sagte Kirsanoff, der das Gespräch auf etwas anderes lenken
wollte, »ich habe einen Brief von Koliazin erhalten.«
»Von Matthias Ilitsch?«
»Ja. Er ist in X... angekommen, um das Gouvernement zu inspizieren. Das
ist jetzt ein Mann von Bedeutung; er schreibt mir, daß er als unser
Verwandter sehr wünsche, uns bei sich zu sehen, und ladet mich ein, mit
dir und Arkad in die Stadt zu kommen.«
»Wirst du hingehen?« fragte Paul.
»Nein, und du?«
»Ich auch nicht. Ich halte es für keineswegs notwendig, um seiner
schönen Augen willen einen Weg von 50 Werst zu machen. Matthias will
sich uns in seinem ganzen Glanze zeigen. Hol ihn der Teufel! Er könnte
mit dem Beamtenweihrauch zufrieden sein. Da wäre er also Geheimrat;
die große Herrlichkeit! Wenn ich im Dienst geblieben wäre, wenn ich
das Halsband des Elends weitergetragen hätte, so wäre ich jetzt
Generalleutnant; übrigens sind wir ja in der Rumpelkammer.«
»Ja, lieber Bruder. Es ist, wie es scheint, Zeit, daß wir unsere Särge
bestellen und die Arme auf der Brust kreuzen,« sagte Kirsanoff mit
einem Seufzer.
»Was mich anbelangt,« erwiderte Paul, »so werde ich mich nicht so
leicht ergeben; ich werde diesem schönen Doktor noch eine Schlacht
liefern. Du kannst darauf zählen.«
Die Schlacht fand noch an demselben Abend beim Tee statt. Paul war
schon ganz aufgeregt und schlagfertig in den Salon gekommen. Er wartete
nur auf einen Anlaß, um sich auf seinen Feind zu werfen; allein er
mußte lange warten. Bazaroff sprach gewöhnlich nicht viel in Gegenwart
der »beiden Alten«, wie er das Brüderpaar nannte; auch war er diesen
Abend schlecht aufgelegt und schlürfte eine Tasse nach der andern
in vollkommenem Stillschweigen. Paul verging vor Ungeduld; endlich
fand sich doch ein erwünschter Anlaß. Das Gespräch war auf einen
Gutsbesitzer aus der Umgegend gefallen.
»Das ist ein Dummkopf, ein schlechter Aristokrat,« sagte Bazaroff
ruhig, der ihn von Petersburg her kannte.
»Erlauben Sie mir die Frage,« wandte sich Paul mit zitternden Lippen
an ihn, »ob nach Ihrer Ansicht die Worte Dummkopf und Aristokrat
gleichbedeutend sind?«
»Ich habe ›schlechter Aristokrat‹ gesagt,« antwortete Bazaroff,
nachlässig seinen Tee schlürfend.
»Das ist wahr, allein ich vermute, daß bei Ihnen die Aristokraten
und die schlechten Aristokraten gleichbedeutend sind. Ich glaube
Ihnen bemerken zu müssen, daß ich nicht dieser Ansicht bin. Ich
glaube sagen zu dürfen, daß ich allgemein als ein liberaler Mann,
der den Fortschritt liebt, anerkannt bin; aber eben darum achte ich
die Aristokraten, die echten Aristokraten. Denken Sie, mein lieber
Herr (Bazaroff erhob die Augen gegen Paul), denken Sie, mein lieber
Herr,« wiederholte er mit verstärkter Stimme, »nur an die englischen
Aristokraten. Sie lassen kein Jota von ihren Rechten ab und achten
nichtsdestoweniger die der anderen; sie fordern, was man ihnen schuldig
ist, und lassen es nie an dem fehlen, was sie selbst anderen schulden.
Die Aristokratie wars, die England die Freiheit gab, und sie ist deren
festeste Stütze.«
»Das ist ein altes, schon oft gehörtes Lied,« antwortete Bazaroff;
»allein was wollen Sie damit beweisen?«
»Ich will Ihnen damit beweisen, mein lieber Herr, daß ohne das
Bewußtsein der eigenen Würde, ohne Selbstachtung -- Gefühle, die im
Wesen der Aristokratie liegen -- jede solide Grundlage für das ...
~bien public~ ..., für das Staatsgebäude fehlen würde. Das Individuum,
die Persönlichkeit, mein teurer Herr, das ist die Hauptsache. Die
menschliche Persönlichkeit muß feststehn wie ein Fels, denn alles
beruht auf dieser Basis. Ich weiß sehr wohl, daß Sie meine Manieren,
meine Kleidung, alles bis auf meine Reinlichkeitsgewohnheiten hinaus
lächerlich finden; das alles aber fließt aus der Selbstachtung, aus dem
Pflichtgefühl, ja ja, mein Herr, aus dem Pflichtgefühl. Ich wohne hier
hinten in der Provinz, aber ich vernachlässige mich darum nicht, ich
achte den Menschen in meiner Person.«
»Erlauben Sie, Paul Petrowitsch,« antwortete ihm Bazaroff; »Sie
sagen, daß Sie sich selbst achten, und doch sitzen Sie mit
übereinandergeschlagenen Armen da. Welchen Nutzen soll das dem ~bien
public~ bringen? Auch wenn Sie sich nicht selbst achteten, würden Sie's
nicht anders machen.«
Paul Petrowitsch erblaßte.
»Das ist eine ganz andere Frage,« erwiderte er; »ich fühle mich
keineswegs aufgelegt, Ihnen jetzt auseinanderzusetzen, warum ich mit
übereinandergeschlagenen Armen dasitze, wie Sie zu sagen belieben. Ich
wollte mich darauf beschränken, Ihnen ins Gedächtnis zu rufen, daß die
Aristokratie auf einem Prinzip beruht, und daß nur unmoralische oder
Menschen ohne allen Wert in unseren Tagen ohne Prinzipien leben können.
Ich sagte dies Arkad schon am Tage nach seiner Ankunft, und Ihnen kann
ich es heut nur wiederholen. Hab ich nicht recht, Nikolaus Petrowitsch?«
Kirsanoff machte mit dem Kopfe ein Zeichen der Zustimmung.
»Aristokratie, Liberalismus, Prinzipien, Fortschritt,« wiederholte
Bazaroff. »Wie viele unserer Sprache fremde Wörter und ganz unnötig!
Ein echter Russe nähm sie nicht umsonst.«
»Was braucht er denn, Ihrer Ansicht nach? Hört man Sie, so stehen wir
außerhalb der Humanität, außerhalb ihrer Gesetze. Das ist etwas stark.
Die Logik der Geschichte fordert ...«
»Was brauchen wir diese Logik? Wir können sie ganz gut entbehren.«
»Wie?«
»Ei nun! ich denke, Sie brauchen auch keine Logik, um einen Bissen
Brot zum Munde zu führen, wenn Sie Hunger haben. Was sollen alle diese
Abstraktionen?«
Paul erhob die Hände.
»Wir verstehen das alles nicht mehr,« sagte er. »Sie beschimpfen
das russische Volk. Ich begreife nicht, wie es möglich ist, keine
Prinzipien, keine Regeln anzuerkennen. Wodurch lassen denn Sie sich im
Leben leiten?«
»Ich habe Ihnen schon gesagt, lieber Onkel,« fiel Arkad ein, »daß wir
keine Autorität anerkennen.«
»Für unser Handeln bestimmt nur die Rücksicht auf das Nützliche, was
wir für nützlich erkennen,« fügte Bazaroff hinzu; »heutzutage scheint
es uns nützlich, zu verneinen, und wir verneinen.«
»Alles?«
»Durchaus alles.«
»Wie? Nicht nur die Kunst, die Poesie, sondern auch -- ich nehme
Anstand, es zu sagen ...«
»Alles,« wiederholte Bazaroff mit unaussprechlicher Ruhe.
Paul sah ihm fest ins Auge; diese Antwort hatte er nicht erwartet.
Arkad wurde rot vor Freude.
»Erlaubt, erlaubt,« sagte Kirsanoff, »ihr verneint alles, oder, um mich
genauer auszudrücken, ihr reißt alles ein; aber man muß auch wieder
aufbauen.«
»Das geht uns nichts an ... vor allen Dingen muß der Platz abgeräumt
werden.«
»Die gegenwärtige Lage des Volks erfordert dies,« fügte Arkad ernsthaft
hinzu, »wir müssen diese Pflicht erfüllen. Wir haben nicht das Recht,
uns den Befriedigungen des persönlichen Egoismus hinzugeben.«
Diese letzte Phrase mißfiel Bazaroff; sie schmeckte nach Philosophie,
d. h. nach Romantik, denn er bezeichnete mit dem Wort auch die
Philosophie; allein er hielt es nicht für passend, seinem jungen
Zögling zu widersprechen.
»Nein, nein,« rief Paul in plötzlicher Erregung, »ich mag nicht
glauben, daß ihr Herren die rechte Meinung vom russischen Volk habt,
daß ihre seine Forderungen, seine geheimen Wünsche versteht. Nein! das
russische Volk ist anders, als ihr es darstellt. Es hat eine heilige
Scheu vor der Tradition, es ist patriarchalisch gesinnt, es kann nicht
leben ohne Glauben ...«
»Ich versuche nicht, Ihnen zu widersprechen,« erwiderte Bazaroff, »ich
will sogar anerkennen, daß Sie diesmal recht haben.«
»Aber wenn ich recht habe ...«
»So ist damit durchaus nichts bewiesen.«
»Durchaus nichts,« wiederholte Arkad mit der Sicherheit eines
erfahrenen Schachspielers, der einen gefährlichen Zug seines Gegners
voraussieht und keineswegs durch denselben außer Fassung zu geraten
scheint.
»Warum soll das nichts beweisen?« fragte Paul mit Erstaunen. »Also
trennt ihr euch von eurem Volk?«
»Und wenn dem so wäre? Das Volk glaubt, wenn es donnert, der Prophet
Elias fahre im Himmel spazieren. Muß ich darum diese Meinung teilen?
Sie glauben, mich aus der Fassung zu bringen, wenn Sie mir sagen, das
Volk sei russisch? Bin ichs denn nicht auch?«
»Nein, nach allem, was Sie soeben sagten, sind Sie kein Russe. Ich kann
Sie als solchen nicht mehr anerkennen.«
»Mein Großvater führte den Pflug,« antwortete Bazaroff mit
hochfahrendem Stolz, »fragen Sie den nächsten besten Ihrer Bauern, wen
er lieber als Landsmann anerkennt, Sie oder mich? Sie verstehen ja
nicht einmal mit ihm zu reden.«
»Und Sie, der Sie mit ihm zu reden wissen, Sie verachten ihn.«
»Warum nicht, wenn ers verdient. Sie tadeln die Richtung meiner
Gedanken, aber wer sagt Ihnen, daß sie eine zufällige, daß sie nicht
vielmehr durch den Gesamtgeist dieses Volkes bestimmt ist, welches Sie
so gut verteidigen?«
»Gehn Sie doch! Die Nihilisten sind wohl gar notwendig?«
»Seien sie es oder nicht; uns kommt es nicht zu, darüber zu
entscheiden. Setzen Sie nicht auch voraus, daß Sie zu irgend etwas gut
sind?«
»Meine Herren, meine Herren, keine Persönlichkeiten!« rief Kirsanoff
und stand auf.
Paul lächelte, legte seinem Bruder die Hand auf die Schulter und
drückte ihn leicht auf den Stuhl zurück.
»Sei ruhig,« sagte er zu ihm, »ich werde mich nicht vergessen, und
zwar gerade auf Grund jenes Gefühls von Würde, das dieser Herr so laut
verhöhnt. Herr Doktor, erlauben Sie,« fuhr er, aufs neue gegen Bazaroff
gewendet, fort, »Sie glauben vielleicht, daß Ihr Standpunkt neu ist.
Der Materialismus, dem Sie huldigen, stand schon mehr als einmal in
Ehren und hat sich stets als ungenügend erwiesen ...«
»Schon wieder ein fremdes Wort,« erwiderte Bazaroff. Er fing an,
ärgerlich zu werden, und sein Gesicht hatte eine unangenehme
Kupferfarbe angenommen. »Vor allen Dingen sage ich Ihnen, wir predigen
nicht; das liegt nicht in unserer Art.«
»Was tut ihr denn?«
»Das will ich Ihnen sagen. Wir haben damit angefangen, die
Aufmerksamkeit auf diese Leuteschinder von Beamten, auf den Mangel an
Straßen, auf die geringe Entwicklung von Handel und Wandel, auf die Art
und Weise zu lenken, wie bei uns Justiz geübt wird.«
»Ja ja, ihr seid Denunzianten, Divulgatoren[18]; das ist, wenn ich
nicht irre, der Name, den man euch gibt. Ich bin mit eurer Kritik
großenteils einverstanden, aber ...«
»Ferner haben wir bald eingesehen, daß es nicht hinreicht, über
unsere fressenden Wunden zu schwatzen, was schließlich doch nur auf
platten Doktrinarismus hinausliefe, wir haben uns überzeugt, daß
unsere vorgeschrittenen Männer, unsere ›Divulgatoren‹, durchaus nichts
leisteten, daß man sich damals mit Dummheiten beschäftigte, wie z. B.
mit der Kunst um der Kunst willen, mit der ihrer selbst unbewußten
schöpferischen Kraft, dem Parlamentarismus, der Notwendigkeit der
Advokaten und mit tausend andern solchen Alfanzereien, während wir
an unser tägliches Brot denken sollten, während uns der krasseste
Aberglaube erstickt, während alle unsere Aktiengesellschaften aus
Mangel an ehrlichen Leuten Bankerott machen, während sogar die
Aufhebung der Leibeigenschaft, womit sich die Regierung so viel zu
schaffen macht, am Ende nicht einmal Gutes stiftet, weil unser Bauer
imstande ist, sich selbst zu bestehlen, um in die Kneipen zu laufen und
vergiftete Getränke zu saufen.«
»Gut,« erwiderte Paul, »ganz gut. Ihr habt das alles herausgefunden und
seid dennoch nicht entschlossen, etwas Ernsthaftes zu unternehmen.«
»Doch, wir sind dazu entschlossen,« erwiderte Bazaroff rauh, brach aber
plötzlich ab und machte sich Vorwürfe, vor diesem Edelmann so weit mit
der Sprache herausgegangen zu sein.
»Und ihr beschränkt euch darauf, zu schimpfen?«
»Wir schmähen, wo es nötig ist.«
»Und das heißt man also Nihilismus?«
»Jawohl, das heißt man Nihilismus!« wiederholte Bazaroff, diesmal
jedoch in besonders herausforderndem Ton.
Paul blinzte ein wenig mit den Augen.
»Recht so!« sagte er mit sichtlich erzwungener Ruhe. »Der Nihilismus
soll also alles heilen, und ihr seid unsere Erretter, unsere Helden.
Vortrefflich! Aber warum schmäht ihr denn so auf die andern, auf die,
welche ihr Schwätzer nennt? Schwatzt ihr denn nicht wie sie?«
»Pah! Wenn wir uns einen Vorwurf zu machen haben, so ist es gewiß nicht
der,« murmelte Bazaroff zwischen den Zähnen.
»Wie? Bildet ihr euch wirklich ein, zu handeln oder auch nur die Aktion
vorzubereiten?«
Bazaroff schwieg; Paul erbebte, fand aber rasch die Fassung wieder.
»Hm! ... handeln, umstürzen,« fuhr er fort; »aber wie kann man
umstürzen, ohne auch nur zu wissen, warum man umstürzt?«
»Wir stürzen um, weil wir eine Kraft sind,« sagte Arkad pathetisch.
Paul sah seinen Neffen an und lächelte.
»Jawohl, die Kraft hat keine Rechenschaft zu geben,« setzte Arkad hinzu
und richtete sich hoch auf.
»Unglücklicher!« rief Paul, außerstande, sich länger zu halten. »Wenn
du dir nur wenigstens darüber Rechenschaft geben wolltest, was du
in Rußland mit deiner lächerlichen Phrase behauptest! Das ist doch
wahrlich zu stark; es gehört die Geduld eines Engels dazu, all das
zu ertragen! Die Kraft! Daran fehlt es auch dem wilden Kalmücken und
dem Mongolen nicht; aber wozu kann sie uns dienen? Was uns teuer
sein muß, das ist die Zivilisation; ja ja, meine lieben Herren, die
Früchte der Zivilisation. Und sagt mir nicht, daß diese Früchte
wertlos seien; der schlechteste Schmierer von einem Schildermaler, der
elendeste Fiedler, der um fünf Kopeken den ganzen Abend Polkas und
Walzer spielt, sind nützlicher als ihr; sie sind doch Repräsentanten
der Zivilisation und nicht der plumpen Kraft der Mongolen! Ihr haltet
euch für vorgeschrittene Leute, und euer eigentlicher Platz wäre in
einer kalmückischen Kibitke. Die Kraft! Bedenkt doch, ihr Herren von
der Kraft, daß ihr im ganzen ein Dutzend seid, und daß die andern nach
Myriaden, nach Millionen zählen, und daß diese euch nicht erlauben
werden, ihren heiligsten Glauben mit Füßen zu treten; sie werden euch
zermalmen!«
»Wenn sie uns zermalmen, so müssen wirs uns gefallen lassen,« erwiderte
Bazaroff, »allein Sie rechnen falsch. Wir sind viel zahlreicher, als
Sie glauben.«
»Wie? Ihr glaubt im Ernst, das ganze Volk zur Vernunft bringen zu
können?«
»Sie sollten wissen, daß ein Kreuzerlicht genügte, um die ganze Stadt
Moskau in Brand zu stecken[19],« erwiderte Bazaroff.
»Da haben wirs. Zuerst ein fast fanatischer Hochmut und dann eine
geschmacklose Ironie. Damit reißt man die Jugend fort; damit verführt
man die unerfahrenen Herzen solcher Jungen. Da ist so einer, der fast
in Verzückung vor Ihnen steht! (Arkad wandte sich finster zur Seite.)
Und diese Ansteckung hat sich schon weit verbreitet. Man versichert
mich, daß unsre Maler in Rom keinen Fuß mehr in den Vatikan setzen;
sie heißen Raffael einen Stümper, bloß weil er, wie sie sagen, als
Autorität gilt, und doch sind die, die ihn so nennen, das Unvermögen
selbst; ihre Phantasie geht nicht über das bekannte ›Junge Mädchen
am Brunnen‹ hinaus, sie mögen tun, was sie wollen, sie kommen nicht
darüber, und selbst _diese_ Malerei ist abscheulich. Und solche Bursche
stehen bei euch in hoher Achtung, nicht wahr?«
»Ich meinesteils«, erwiderte Bazaroff, »gebe nicht einen Groschen für
Raffael, und ich denke, die andern sind nicht mehr wert als er.«
»Bravo, bravo, hörst du's, Arkad! So müssen sich die jungen Leute
jetzt ausdrücken. Oh, ich verstehe vollkommen, warum sie sich an euch
drängen. Sonst fühlten sie die Notwendigkeit, sich zu unterrichten;
da es ihnen nicht darum zu tun war, für Ignoranten zu gelten, waren
sie gezwungen, zu arbeiten. Jetzt können sie einfach sagen: 's ist ja
doch alles einfältiger Plunder auf dieser Welt! Und das Kunststück ist
gelungen. Sie haben allen Grund, sich zu freuen. Vormals waren sie bloß
Laffen, und nun sind sie im Sturm in Nihilisten verwandelt.«
»Mir scheint, daß Sie das Gefühl persönlicher Würde, wovon Sie so viel
Aufhebens machen, vergessen,« erwiderte phlegmatisch Bazaroff, während
Entrüstung die Stirne seines Freundes rötete und seine Augen belebte.
»Unsere Erörterung hat uns viel zu weit geführt, und ich glaube, wir
tun wohl daran, hier abzubrechen. Ich wäre einverstanden mit Ihnen,«
fügte er im Aufstehen hinzu, »wenn Sie mir in unserer Gesellschaft
eine einzige, auch nur eine Einrichtung bezeichnen können, die nicht
verdiente, ganz und erbarmungslos abgeschafft zu werden.«
»Eine Million könnte ich Ihnen nennen, eine Million,« rief Paul. »Da
ist z. B. die Gemeinde[20].«
Ein kaltes Lächeln verzog Bazaroffs Lippen.
»Was die Gemeinde anbelangt,« erwiderte er, »so würden Sie besser
tun, darüber mit Ihrem Bruder zu reden. Er muß, denk ich, wissen,
was man heutzutage von der Gemeinde, von der Solidarität der Bauern
untereinander, von ihrem Mäßigkeitssinne[21] und von vielen andern
Scherzen der Art zu halten hat.«
»Und die Familie, die Familie, wie wir sie noch bei unserem Landvolk
finden!« rief Paul Petrowitsch.
»Das ist abermals ein Kapitel, worauf Sie nach meiner Meinung besser
nicht weiter eingingen. Folgen Sie meinem Rat, Paul Petrowitsch, und
lassen Sie sich zwei oder drei Tage Zeit, darüber nachzudenken. Für den
Augenblick wird Ihnen nichts einfallen. Nehmen Sie unsere Stände der
Reihe nach durch und prüfen Sie genau; indessen werden wir, Arkad und
ich ...«
»Alles ins Lächerliche ziehen,« fiel Paul Petrowitsch ein.
»Nein, wir werden uns damit beschäftigen, Frösche zu sezieren. Komm,
Arkad! Auf Wiedersehen, meine Herren!«
Die beiden Freunde entfernten sich. Paul und sein Bruder blieben allein
und schauten sich im ersten Augenblick nur schweigend an.
Dann hob Paul an. »Dahin also ist es mit unserer Jugend gekommen! Das
sind unsere Nachfolger!«
»Unsere Nachfolger!« wiederholte Kirsanoff mit einem tiefen Seufzer. Er
hatte während des ganzen Streits wie auf Kohlen gesessen und sich damit
begnügt, von Zeit zu Zeit einen traurigen Blick auf Arkad zu werfen. --
»Weißt du wohl, lieber Bruder, welche Erinnerung das in mir wachruft?
Eines Abends stritt ich mich lebhaft mit meiner verstorbenen Mutter;
sie schrie und wollte mich nicht hören. Endlich sagte ich zu ihr: ›Sie
können mich allerdings nicht verstehen; wir gehören zwei verschiedenen
Generationen an.‹ Diese Worte verletzten sie sehr; aber ich sagte
mir: ›Was ist da zu machen? Die Pille ist bitter, und doch muß sie
verschluckt werden.‹ So kommen auch jetzt unsere Nachfolger zu uns und
sagen: Ihr seid nicht von unserer Generation, verschluckt die Pille!«
»Du bist gar zu bescheiden und gutmütig,« antwortete Paul; »ich bin im
Gegenteil überzeugt, daß wir viel mehr im Rechte sind als alle diese
jungen Herren, wenn auch unsere Sprache vielleicht ein wenig veraltet
ist, und wenn wir auch ihre Selbstüberschätzung nicht besitzen ...
Dabei sind sie so affektiert. Fragt man sie bei Tische: ›Wollen Sie
roten oder weißen Wein?‹ so geben sie zur Antwort: ›Es ist Grundsatz
bei mir, Rot vorzuziehen,‹ und das mit einer Baßstimme und einer so
lächerlich wichtigen Miene, als ob die ganze Welt auf sie blicke ...«
»Wünschen Sie keinen Tee mehr?« fragte Fenitschka durch die
halbgeöffnete Türe; sie hatte Anstand genommen, während des Streits den
Salon zu betreten.
»Nein, du kannst den Samowar wegnehmen,« erwiderte Kirsanoff, stand auf
und ging vor ihr hinaus. Paul sagte ihr kurz guten Abend und suchte
sein Zimmer auf.