Er mußte immer in Bewegung bleiben, denn das Wasser sprudelte bald hier

bald dort. Kochende Massen schossen von den Felsen herunter und

zeitweise war alles in Dämpfen eingehüllt, so heiß, so glühend, daß man

kaum zu atmen vermochte.

Mors hörte, wie die beiden Inder, die sich gerettet hatten, laut

schrieen und jammerten.

Sie flehten zu Brahma, aber als von diesem Gott keine Hilfe kam, wurden

die Männer in ihrem Aberglauben schwankend. Sie schrieen jetzt zu Mors,

daß er ihnen helfen solle.

»Das ist besser, als wenn Ihr zu Euren Göttern schreit,« rief der

Luftpirat. »Haltet Euch nur an den Felsen fest und deckt Euch gegen die

Wassermassen. Dann werdet Ihr schon mit dem Leben davonkommen.

Aushalten, der Ausbruch geht schon vorüber.«

Mors irrte sich nicht.

Es dauerte allerdings eine Stunde, ehe die entfesselten unterirdischen

Gewalten zu toben aufhörten.

Dann verstummte das Brausen und Zischen wie mit einem Zauberschlag, der

Geyser schleuderte keine Wassermassen mehr empor und die eben noch

überschwemmte Strecke wurde trocken, das emporsprudelnde Wasser durch

die Felsspalten wieder in das Innere der Erde zurückströmte.

Am Boden aber lagen drei grauenvoll entstellte Körper, die drei Inder,

welche im siedenden Wasser ein schreckliches Ende gefunden hatten.

Nelly war wieder zu sich gekommen und befand sich in den Armen des

Kapitäns.

Anfangs schrie sie laut auf, da sie glaubte, daß sie sich noch in der

Gewalt der Inder befände, die sie der Gottheit opfern wollten.

Dann aber erkannte sie ihren Retter.

»Sie sind plötzlich über mich hergefallen,« stammelte Nelly. »Ich konnte

nur einmal schreien. Dann wurde mir der Mund zugehalten.«

»Finsterer Aberglauben war es,« sprach Mors. »Sie wollten Euch einer

Gottheit opfern, um in ein hier vermutetes Paradies zu gelangen. Drei

dieser Männer sind vom Verderben ereilt worden, und die beiden anderen

werden ihre Strafe für ihre Unbesonnenheit und ihren Aberglauben später

erhalten.«

Nelly bemerkte erst jetzt, daß ihr die Inder die Kleider abgerissen

hatten und wollte vor Scham vergehen. Mors aber blickte gar nicht auf

die reizvolle Gestalt, sondern rief nur den beiden noch immer zitternden

Indern zu, daß sie ihm so schnell als möglich folgen sollten.

Dann zog der Luftpirat seinen blauen Uniformrock aus und deckte ihn als

Kavalier über Nellys entblößte Arme und Schultern. So führte er die noch

immer heftig Zitternde, von den beiden ganz niedergeschlagenen Indern

gefolgt, zurück zur Sanddüne.

Dort war inzwischen das Weltenfahrzeug wieder nieder gegangen und die

Besatzung wunderte sich sehr, als Mors, Nelly und die beiden Inder in

einem solchen Aufzug zurückkehrten.

Nelly eilte rasch schamglühend in das Weltenfahrzeug, um sich mit neuen

Kleidern zu versehen, während Mors hastig das eben erlebte Abenteuer

erzählte.

Die beiden abergläubischen Inder, welche den Tod ihrer Gefährten mit

angesehen hatten, mußten bittere Vorwürfe über sich ergehen lassen.

Terror aber brachte dem Kapitän eine besondere Nachricht.

Es war ihm gewesen, als hätte sich die furchtbare Anziehungskraft des

Jupiter weit weniger geäußert als sonst und da entschloß sich Mors noch

einmal in die Lüfte zu steigen.

Er verschob es aber bis zum Tagesanbruch und als die Sonne erschien,

kamen auch die gewaltigen Wolkenmassen, die tagsüber regelmäßig das

Firmament bedeckten.

Plötzlich machte sich im Osten ein seltsamer roter Schein bemerkbar.

Terror sah ihn zuerst und benachrichtigte Mors und den Professor von der

neuen Erscheinung.

»Das ist die rote Wolke,« rief van Halen. »Das ist jene ungeheure Masse,

die über dem Jupiter schwebt und die in ihrem Innern jedenfalls die

fürchterlichen elektrischen Entladungen birgt. Kapitän, rasch, wir

müssen nach der Düne hinunter.«

Mors gab sofort ein Signal nach dem Lenkraum, um Terror zu bestimmen,

daß er den »Meteor« wieder nach seinem geschützten Ankerplatz brächte.

Aber seine Finger berührten noch den Druckknopf, als das Weltenfahrzeug

plötzlich wie von einer furchtbaren Kraft hin- und hergeschüttelt wurde.

»Zu spät, zu spät!« schrie der Professor, als er durch das Guckloch sah,

daß alles rings herum blutrot leuchtete. »Kapitän, wir sind in die rote

Wolke des Jupiter geraten!«

Von dem, was jetzt vorging, hatten die Insassen des Weltenfahrzeuges

später nur noch eine unbestimmte Vorstellung.

Es war ihnen aber zu Mute, als würde mit ihnen buchstäblich Fangeball

gespielt. Der »Meteor« schien sich in der Gewalt ungeheuer boshafter

Kobolde zu befinden.

Bald wurde er hierhin, bald dorthin geworfen. Bald richtete er sich mit

dem Vorteil, dann wieder mit dem Hinterteil in die Höhe. Einige Male

schien es, als sollte das Fahrzeug Kopf stehen.

Dazu vernahm man außerhalb geradezu entsetzliche Töne.

Vermutlich waren es elektrische Entladungen, welche in der roten Wolke

tobten. Aber man konnte diese fürchterlichen Entladungen nicht mehr als

Donnerschläge bezeichnen. Nein, das war etwas anderes. Das waren

gräßliche, gigantisch schmetternde Töne, sie waren so fürchterlich, daß

man glaubte, es müsse alles in Trümmer gehen.

Selbst Mors gab alles verloren und erwartete den Augenblick, wo der

»Meteor« in Atome zertrümmert werden mußte.

Aber das wunderbare Fahrzeug hielt, es trotzte den entfesselten

Elementen, kein Bolzen gab nach, alles blieb in bester Ordnung.

Van Halen, Nelly, die Inder und Normannen bewahrten ihre Fassung.

Kapitän Mors gab ihnen ja ein heldenhaftes Beispiel.

Der Luftpirat bekam es sogar fertig, nach dem Lenkraum zu gehen oder

vielmehr zu kriechen. Dort traf er Terror, der sich zwischen seinen

Maschinen festgebunden hatte.

»Hält der Magnet noch?« war Mors' erste Frage.

»Ja, Kapitän,« lautete die Antwort. »Der Magnet ist noch in Ordnung,

aber ich denke, es geht jetzt alles in Trümmer!«

»Ich meine, wir haben das Schlimmste schon überstanden,« erwiderte Mors.

»Wie meint Ihr das, Kapitän?« stotterte Terror.

»Das will ich dir sofort sagen,« erwiderte der Luftpirat. »Die rote

Wolke, diese sonderbare Erscheinung, kann möglicherweise zu unserer

Rettung dienen. Die schrecklichen, entfesselten elektrischen Kräfte

können uns möglicherweise in den Weltenraum hinausschleudern.«

In diesem Moment vernahm man ein lautes Surren und Summen.

»Kapitän,« schrie Terror freudig auf. »Ihr habt recht. Der Magnet

arbeitet. Das Weltenfahrzeug befindet sich in voller Fahrt!«

Die furchtbaren schlingernden Bewegungen hatten aufgehört. Mors stürzte

zu dem Schieber, der die starke Glasscheibe verdeckte.

Er sah hinaus in den Weltenraum.

Noch gewahrte man den Jupiter als ungeheure, leuchtende Scheibe. Man sah

die Wolkenmassen und in diesen den unheimlichen roten Fleck, dieses

geheimnisvolle Rätsel des Riesenplaneten.

Aber die fürchterliche Naturkraft hatte die Weltenfahrer gerettet.

Wie es kam, daß sie so weit in den Weltenraum hinausgeschleudert wurden,

konnte niemand sagen. Aber der Magnet wirkte. Mit rasender Schnelligkeit

schoß der »Meteor« vom Jupiter hinweg und seine Spitze richtete sich auf

die ferne Erde.

Terror stieß einen Jubelruf aus und rannte, nachdem er sich losgebunden,

in den Beobachtungsraum, um das fast Unglaubliche zu verkünden.

Mors aber blieb im Lenkraum und ruhig, als wäre nichts geschehen, lenkte

er sein wunderbares Fahrzeug zurück zur Mutter Erde.

Anmerkungen zur Transkription

Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz

J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter

von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 161-196. Moderne Zusätze und Anmerkungen

wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige

Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten.

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch

Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert.

Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 56: Die Weltenfahrer auf dem Riesen-Planeten · 第 3 / 3 段