»Wir haben dieses Land auf den Bildern in unseren Tempeln gesehen,«

lautete die Antwort. »Es ist das Land, in welchem unser Gott Brahma

wohnt. Es ist seine Heimat und deshalb sind wir glücklich. Dort aber,

jene wassergefüllten Ringe sind die Eingänge zur Hölle, in welche die

grasgrünen Teufel alle die hinabziehen, welche nicht an Gott Brahma

glauben.«

»Der Henker hole euch mit euren grasgrünen Teufeln und eurem Brahma,«

murmelte Terror, der sich hier ganz und gar nicht behaglich fühlte. »Ich

wollte, wir schwebten fünfzigtausend Meilen von dieser vertrackten Welt,

anstatt daß wir hier im Sande eines unbekannten Ozeans liegen. Der

Teufel weiß, wann wir hier wieder loskommen. Meinethalben kann mir der

ganze Jupiter gestohlen bleiben.«

5. Kapitel.

Im Bann des Aberglaubens.

Am glücklichsten war der Professor, denn der geriet vor Entzücken außer

sich.

Mors mußte ihn festhalten, sonst wäre der Professor Hals über Kopf in

den Sand hinuntergesprungen und in die fremdartige Landschaft

hineingelaufen.

Das gab der Luftpirat aber nicht zu, denn er wollte sich erst

überzeugen, ob nicht etwa Gefahren in diesem fremden Lande lauerten.

Allerdings hatte es zur irdischen Devonzeit keine Ungeheuer gegeben, die

den Menschen gefährlich werden konnten. Aber auf dem Jupiter konnte sich

das anders verhalten und Mors dachte nicht im mindesten daran, van Halen

einer Gefahr auszusetzen.

Mors hatte den Professor, der mit solcher Begeisterung an ihm und seinen

Werken hing, schon sehr lieb gewonnen und zählte ihn zu den

vertrautesten seiner Gefährten. Auch dachte er daran, daß Anita

verzweifeln würde, wenn der Professor nicht nach der Erde zurückkehrte.

Aber konnte man denn überhaupt zurück? Blieb denn nicht das

Weltenfahrzeug für immer an diesen Planeten gebannt? Jetzt sah es so

aus, als ob die tollkühnen Abenteurer ihr Leben auf dem Jupiter

beschließen müßten.

Mors beobachtete mit dem Glas aufs sorgfältigste die Umgebung. Aber er

sah nirgends ein verdächtig aussehendes Tier. Die Zeit für die Tiere am

Lande war wohl noch nicht gekommen und in der See sah man nur

Panzerfische und Trilobiten; ferner gewahrte man die sonderbarsten

Meergewächse und wunderlich geformte Muscheln. Da war man um Millionen

Jahre in den Zeiten zurückversetzt, denn dieser Planet befand sich erst

im Werdezustande.

Als Mors die Umgebung genug betrachtet, bemerkte er, wie das Meer rasch

zurückwich.

Naturgemäß mußten hier, wo vier riesige Monde existierten, Ebbe und Flut

in ganz ungeahntem Maße auftreten.

Höchstwahrscheinlich war die Flut gewesen, als der »Meteor« strandete,

denn in kurzer Zeit war alles in der Runde trocken. Man sah nur noch in

der Ferne eine weißblaue Linie, die den Rand des Jupiterozeans

andeutete.

Mors faßte einen kurzen Entschluß.

Gerätschaften fanden sich ja in Menge in seinem Fahrzeug und so ließ der

Luftpirat seine Inder und Normannen mit Schaufeln über die Treppe auf

den Sand hinabsteigen.

Sie sollten den feuchten, weißen Sand so viel als möglich bei Seite

schaufeln und das Fahrzeug auf diese Weise befreien.

Mors vermutete nämlich, daß nicht die ungeheure Masse des Planeten es

sei, welche das Weltenfahrzeug herniedergezogen, sondern

elektrisch-magnetische Ströme, die unter der noch dünnen Kruste des

Jupiter ihr Wesen trieben.

Alle legten mit Hand an, selbst Nelly schaufelte unverdrossen und in

vier Stunden war rund um den »Meteor« herum eine Rinne gegraben.

Die Flut war noch immer nicht zurückgekehrt, aber sie mußte sicherlich

nach einigen Stunden kommen.

Mors hieß jetzt alle seine Leute wieder auf den »Meteor« hinaufsteigen

und sich in das Innere des Fahrzeuges begeben. Dann wurde der Magnet,

der bis dahin nach oben gerichtet war, möglichst gesenkt, sodaß er sich

auf die Sandfläche richtete.

Im nächsten Augenblick erhielt das gewaltige Fahrzeug einen mächtigen

Ruck. Man hörte den Sand knirschen und im nächsten Augenblick schnellte

das Weltenfahrzeug in die Höhe.

Terror war ganz außer sich vor Freude, als er dies bemerkte, dagegen

schienen die Inder eher traurig, als freudig bewegt zu sein.

Das Weltenfahrzeug schwebte einige hundert Meter empor, aber dann

erhielt es wieder einen Ruck und neigte sich langsam nach unten.

»Jetzt weiß ich es, weshalb wir hier so gebannt bleiben,« sprach Mors zu

Terror und dem Professor. »Wir befinden uns wieder über der dünnen

Kruste, welche die magnetischen und elektrischen Strömungen deckt.

Dadurch werden wir hinabgezogen. Jetzt müssen wir vorsichtig

manövrieren, daß wir wieder auf dem Sande landen. Auf den anderen Boden

dürfen wir nicht hinunterkommen, denn dadurch würden wir der ungeheuren

Anziehungskraft ausgesetzt bleiben. Der Sand schützt uns, denn der

leitet keine Elektrizität. Also wollen wir uns wieder am Rande dieses

seltsamen Meeres niederlassen.«

Das geschah denn auch und nach kaum einer halben Stunde lag der »Meteor«

auf einer Sanddüne, die sicherlich nicht von den Wogen bespült wurde.

Die Situation war klar.

Kam man mit dem Weltenfahrzeug über die sonderbaren Felsformationen des

Planeten, so wurde der Riesenmagnet nutzlos. Man mußte also, um fliegen

zu können, immer in der Nähe des Meeres bleiben.

Aber auch das genügte nicht, denn, als man nach einer Weile emporstieg,

gelangte das Weltenfahrzeug höchstens fünfhundert Meter über die

Oberfläche des Jupiter.

Dann schienen die geheimnisvollen Ausstrahlungen wieder zu wirken und

trotz aller Anstrengungen mußte man wieder auf die Sanddüne hinunter.

Terror war über diese Ereignisse ziemlich niedergeschlagen und meinte,

man könne den Planeten nimmer verlassen.

Aber Mors und der Professor waren anderer Meinung.

»Wir dürfen nie den Mut verlieren,« sprach der erstere. »Es ist ja

richtig, daß wir augenblicklich nicht hochsteigen können. Aber

möglicherweise tritt doch ein Ereignis ein, welches uns die Abfahrt

gestattet. Wir sind mit Vorräten versehen, wir können also warten.«

Mors hatte einen geschützten Platz gewählt, wo das Weltenfahrzeug

zwischen zwei kolossalen Sanddünen ruhte.

Er vermutete nämlich, daß hier ungeheure Stürme tobten, Orkane von

fürchterlicher Wut.

Dort, wo man sich befand, war das aber nicht zu befürchten, und so

konnte man geschützt die Umgebung betrachten.

Der Professor und Mors verließen den »Meteor« und erstiegen die nach dem

Lande zugewendete Sanddüne. Von da aus betrachteten sie mit Fernrohren

die Stachelpflanzen und die wunderbaren Erscheinungen am Himmelskörper.

Der kurze Tag, die kurze Nacht, die Phasenbildung der vier Monde und

deren Erscheinen und Verschwinden war so großartig, daß man gar nicht

wußte, was man alles bewundern sollte.

Dazu kamen fürchterliche elektrische Entladungen in den Wolkenmassen,

die von Zeit zu Zeit das ganze Firmament bedeckten. Dann schien es, als

ob sich eine ungeheure graue Masse über Land und Wasser herabsenkte.

Mors und seine Begleiter waren so in Erstaunen versunken, daß sie gar

nicht auf die Mannschaft achteten.

Die Normannen nahmen alles mit Gleichmut hin und meinten, der Luftpirat,

der so viel geleistet, würde das Fahrzeug schon wieder aus dieser

fremden Welt hinwegführen. Auch einige Inder zeigten sich gleichmütig,

aber die anderen standen immer zusammen, zischelten und flüsterten. Sie

schwiegen aber, wenn jemand in ihrer Nähe vorüberging.

Von Zeit zu Zeit stiegen sie auch auf die Plattform und von dort auf die

Düne, denn Mors hatte jedem seiner Leute freigestellt, die Umgebung des

Weltenfahrzeugs in Augenschein zu nehmen.

Plötzlich bemerkte man dort, wo die merkwürdigen Felsen aufstiegen,

etwas Sonderbares.

Aus einem der Kegel, die kleinen Kratern ähnlich sahen, stieg plötzlich

eine mächtige Wassersäule wie ein riesiger Springbrunnen empor.

Gleichzeitig begannen die Gewässer in den nahe befindlichen großen

Felsenringen zu schäumen und zu sprudeln.

Mors und dem Professor waren diese Erscheinungen nicht fremd.

Solche gab es auch auf der Erde, auf der Insel Island und in den

Felsengebirgen Nordamerikas, man pflegte solche Wasservulkane mit dem

Namen Geyser zu bezeichnen.

Hier schienen sie in wahrer Unzahl vorhanden zu sein und das ganze Land,

so weit das Auge reichte, zu bedecken.

Diese Wasservulkane waren es wohl auch, welche im Ruhezustande den

elektrischen und magnetischen Strömen einen Ausgang gewährten, so daß

sie ihre verderbliche Anziehungskraft auf alles Metallene ausüben

konnten.

Die Inder dagegen, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Wasservulkan

gesehen hatten, betrachteten diese Erscheinung mit ehrerbietigem

Staunen.

Das hatte seine Gründe.

Auf indischen Bildern werden nämlich die Gottheiten sehr häufig auf den

heiligen Bergen dargestellt und zwar auf einem Thronsessel, um den rings

umher Wolken aus der Erde emporsteigen.

Diese Malereien aber erinnerten merkwürdigerweise an solche Geyser, weil

der Dampf auf den indischen Bildern scheinbar stoßweise aus der Erde

kam.

Da glaubten die Inder, abergläubisch wie sie nun einmal waren, daß sie

sich jetzt in dem Lande befänden, von welchem ihnen ihre Priester so oft

erzählten, nämlich im himmlischen Paradiese.

Hier wohnte Brahma, kein Zweifel, der Göttergeist lebte hier zwischen

diesen wasserspeienden Kratern und dort, wo Wolken die Aussicht

versperrten, mußte sich aller Wahrscheinlichkeit nach das Paradies

befinden.

Alle Furcht war bei den Indern verschwunden, sie dachten jetzt gar nicht

mehr daran, auf die Erde zurückzukehren.

Hat doch nach dem indischen Glauben der Gestorbene eine ungemein lange

und mühselige, gefahrreiche Reise durchzumachen, ehe er in das Paradies

gelangt. Wenn er irgendwie gesündigt hat, wird er nach dem Volksglauben

der Inder verwandelt, als Katze, als Hund, als Schlange, dann muß er

immer und immer wieder die mühselige Erdenwanderung von neuem beginnen.

Vielleicht fühlten sich diese Männer nicht ganz von Sünden frei, genug,

sie dachten gar nicht daran, dies seltsame Land zu verlassen, sie

wollten gleich hier bleiben und zu ihrem mächtigen Gott Brahma ins

Paradies eingehen.

Nun gehörte einer von ihnen, der auch bis jetzt den Sprecher gemacht,

und der, wie er oft betonte, von fürstlichem Blute abstammte, zur

Priesterkaste der Brahmanen. Dieser Mann war es, der seine Gefährten in

diesem Aberglauben bestärkte.

Er zweifelte gar nicht daran, daß man sich im Paradies befand und gab

zuerst seine Absicht kund, hierzubleiben und die Seligkeit des Jenseits

zu genießen.

»Brahma wird uns mit offenen Armen aufnehmen,« sprach er zu den Indern,

die ihm willig zuhörten. »Die Gottheit wohnt hinter diesen Felsen, denn

es sind die heiligen Tempel, die den Göttersitz umgeben. Wir wollen

ihnen nahen und dann sind uns die ewigen Freuden beschieden. Das

Geschick hat uns hierhergeführt, wo Brahma auf uns wartet.«

Es waren freilich nur wenige der Männer, die so fanatisch veranlagt

waren, daß sie alles, was der ehemalige Priester sagte, für volle

Wahrheit nahmen. Die anderen mochten freilich noch einige Zweifel hegen.

Darum kümmerten sich aber diejenigen, welche an das Paradies glaubten,

nicht im mindesten und waren fest entschlossen, die ewigen Freuden zu

erringen.

Aber dazu gehörte noch eins. Man mußte dem mächtigen Gott Brahma ein

Opfer bringen.

Der ehemalige Brahmanenpriester wußte auch hier Rat. Er kannte die

ganzen alten Bücher und heiligen Schriften, nämlich die sogenannten

Veden.

Da erzählte er den Männern, die seinen Worten wie einem Evangelium

lauschten, folgendes:

»Es war einst ein Brahmane, der wurde durch einen Zufall mit einem

Schiff auf das Meer geführt. Dort entstand eine ungeheure Windhose, die

das Schiff in die Höhe riß und es nach langer, langer Fahrt nach dem

Lande der Glückseligkeit brachte. Das ist dieses Land hier gewesen.«

Die Worte des Mannes verrieten freilich, daß er wenig von der

Beschaffenheit eines Weltenfahrzeuges wußte, denn man hätte fragen

können, wie diese Kunde von dem Ereignis auf die Erde gekommen war.

Aber danach fragten die Inder nicht, denn ihre alten Ueberlieferungen

galten ihnen als etwas, an dem nicht gezweifelt werden durfte.

»Ja, sie gelangten nach jenem Lande,« fuhr der Brahmane fort, »und als

sie da ankamen, erkannten sie, daß sie sich im Reiche der Gottheit

befinden mußten. Sie wollten Brahmas Paradies nahen, aber die

Dampfwolken versperrten ihnen den Weg. Da gedachten sie einer alten

Vorschrift unserer heiligen Bücher und sie opferten ein Weib, welches

sich bei ihnen befand. Und so wie das Blut dieses Weibes den heiligen

Boden tränkte, wichen die Dämpfe und die Männer gingen in das irdische

Paradies, wo sie mit Jauchzen und Frohlocken empfangen wurden.«

Es waren noch vier Männer, die sich um den Brahmanen drängten und seinen

Worten lauschten, Leute, die nach dem Paradies förmlich lechzten.

»Und das Opfer?« fragten sie, als der Mann schwieg.

Der Brahmane deutete auf Nelly, die gerade ahnungslos nach der Plattform

schritt.

»Ist es nicht wie damals?« flüsterte er. »Sind wir nicht auch

hierhergelangt und befindet sich nicht auch ein Weib unter uns? Laßt uns

dies Mädchen opfern, denn Weiber sind nicht würdig, in Brahmas Paradies

zu gelangen. Auch ist sie eine Ungläubige.«

»Was aber wird der Mann mit der Maske dazu sagen?« fragte ein zweiter.

Der Brahmane schien schon ganz verzückt zu sein, seine Augen glänzten in

unnatürlichem Feuer.

»Mag er sagen was er will,« erwiderte er. »Wenn wir uns im Paradies

befinden, denken wir nur an die ewige Glückseligkeit. Brahma aber wird

alle diejenigen, die nicht seine Diener sind, aus seinem Reich

ausschließen. Wir werden allein zum Antlitz der Gottheit gelangen.«

So kam es, daß sich die fünf Männer mit einander verbanden.

Ihren anderen Genossen trauten sie nicht recht, auch gehörten diese

einer niederen Kaste an, während die Verschwörer alle aus der

Priesterkaste oder doch aus der Kriegerkaste stammten.

Sie sprachen einen seltsamen Eid und zwar eine unheimlich klingende

Formel. Wurde ein solcher Eid gebrochen, so verlor derjenige, welcher

ihn brach, jedes Anrecht auf die himmlische Glückseligkeit.

Die fünf Männer flüsterten zusammen, aber ihr Plan war bereits gefaßt.

Die Abergläubischen waren fest davon überzeugt, daß dort hinter den

sonderbar gestalteten Felsen und Hügeln das indische Paradies lag.

Sie warteten nur auf den Augenblick, wo sie ihr Unternehmen ins Werk

setzen konnten. Sie wollten an jenen glücklichen Ort gelangen und hatten

insgeheim den Tod der ahnungslosen Nelly beschlossen.

6. Kapitel.

Der Geyser-Ausbruch.

Tag auf Tag ging vorüber, ohne daß sich etwas Besonderes ereignete.

Am Horizont zeigten sich zuweilen die Wogen des rätselhaften Ozeans,

dessen blaue Linie aber niemals bis zu den Sanddünen vorrückte.

Freilich war die erste Landungsstelle, wo das Weltenfahrzeug strandete,

ziemlich weit entfernt und die mochte von Zeit zu Zeit vom Ozean

überflutet werden.

Alles deutete darauf hin, daß die neue Welt hier erst in der Entwicklung

begriffen war.

Es gab grauenvolle Stürme, die mit entsetzlicher Wut tobten. Stürme, die

es begreiflich machten, daß hier kein höherer Pflanzenwuchs vorhanden

war. Jeder Baum wäre durch diese fürchterlichen Orkane entwurzelt

worden, aber die zähen, stachligen Graspflanzen beugten sich nur und

schienen durch den Ansturm desto festeren Halt zu bekommen.

Die Fische und sonstigen Lebewesen im Meere wurden durch die Wut der

Stürme gar nicht berührt, sondern tummelten sich lustig in der klaren

Tiefe.

Die ungeheuren Sanddünen schützten das Weltenfahrzeug und wenn das

Wetter ruhig war, konnte man zuweilen in einiger Entfernung die

Ausbrüche der Geyser beobachten.

Am großartigsten sah es aus, wenn von den Felsen kochende Gewässer

herabrieselten und wunderbar gefärbte Dämpfe in die Höhe stiegen. Dann

glich die Landschaft in der Tat einem übernatürlichen Ort, auf dem

zahllose Wunderfontänen emporsprudelten.

Die fünf Inder aber, welche sich mit einander verschworen hatten, waren

mehr als je überzeugt, daß sie sich hier an der Schwelle des himmlischen

Paradieses befanden, in dem sie sich durch das geplante Opfer Eintritt

verschaffen konnten.

Sie warteten nur auf den Augenblick, wo sich Nelly allein aus der

Umgebung des Weltenfahrzeugs entfernte. Dann wollten sie den Eingang in

das vermeintliche Paradies erzwingen.

Man gewöhnte sich allgemach an die sonderbare Welt und es kam oft vor,

daß die Insassen des Weltenfahrzeuges eine Strecke landeinwärts

wanderten.

Mors warnte seine Leute, daß sie sich nur nicht in die Nähe der Geyser

begaben, damit nicht etwa ein größerer Ausbruch Unheil anrichte.

Wenn es dunkel wurde, verschwanden die Wolken, dann leuchteten die Monde

und die Sterne in schier überirdischem Glanze.

Der Professor meinte sogar, der Anblick der Geyser sei bei

Mondbeleuchtung viel großartiger als bei Tage, da dann immer

Wolkenmassen das Firmament verhüllen, und Nelly teilte seine Meinung.

Mors setzte jetzt unablässig seine Beobachtungen fort. Er trachtete

danach, eine Stelle zu finden, wo sich größere Sandmassen befanden.

Am liebsten hätte er eine Wüste auf dem Planeten gefunden, denn der die

Elektrizität hemmende Sand hätte ihm dann die Rückkehr in den Weltenraum

gestattet.

Aber derartiges war nicht zu finden, und so mußte Mors schon seinem

guten Glück vertrauen. Wohl aber hatte er Terror angewiesen, bei

Gelegenheit kleine Aufstiege zu machen und zu sehen, ob irgend wo die

Anziehungskraft des Planeten minder heftig wirkte.

Terror tat dies gern, denn er sehnte sich sobald als möglich von dem

unheimlichen Weltkörper fort, er hatte nicht die geringste Lust, hier

sein Leben zu beschließen.

Das war nicht etwa Furcht, denn die kannte Terror nicht, aber er meinte,

man könnte anderes verrichten, als hier in dieser fremdartigen Welt das

Dasein zu vertrauern. Abenteuer wollte er haben, hier erschien ihm alles

zu eintönig.

Der Abend nahte, als Nelly wieder nach dem Reich der Geyser

hinüberwandelte. Sie hatte das schon öfters getan und konnte sich gar

nicht daran satt sehen, besonders gefiel es ihr, wenn im Mondschein die

natürlichen Fontänen emporsprudelten.

In gemessener Entfernung von diesen Geysern hielt sie an und setzte sich

auf einen Stein, um in Muße das grandiose Naturschauspiel betrachten zu

können.

Plötzlich vernahm Nelly Schritte und sah fünf Leute von der Besatzung

herankommen.

Sie ahnte nichts Schlimmes, wußte sie doch nicht, daß es die fünf

Verschworenen waren, die nach Brahmas Paradies trachteten.

Schon war die Sonne verschwunden und mit ihr wie gewöhnlich die

Wolkenmassen. Die Monde des Jupiter begannen wieder zu glänzen.

Beim Umblicken hatte Nelly auch gewahrt, daß das Weltenfahrzeug wieder

einmal in die Höhe stieg. Jedenfalls machte Terror wieder

Schwebeversuche.

Sie sah noch hin und hatte den Indern den Rücken zugekehrt, als sie

plötzlich fühlte, wie sie von kräftigen Armen umschlungen wurde.

Erschrocken wendete Nelly den Kopf und da sah sie in fanatische

Gesichter, in schier überirdisch blickende Augen.

Sofort überkam sie die Ahnung, daß ihr Gefahr drohte, sie schrie laut

auf.

Sie konnte nur einen einzigen Schrei tun, da sich gleich darauf eine

Hand auf ihre Lippen preßte. Dann wurde sie emporgehoben und die fünf

Männer schleppten sie nach den wasserspeienden Kratern hinüber.

Nur ein einziger Mann hatte den Schrei vernommen und auch nur gedämpft,

aber er ahnte, daß hier jemand in Angst aufschrie.

Es war Kapitän Mors, der sich nicht auf dem Weltenfahrzeug befand.

Er stand in der Nähe der Sanddünen und beobachtete die Bewegungen, die

das Fahrzeug machte.

Mors hatte nämlich bemerkt, daß der »Meteor«, wenn er hoch stieg, immer

erst die Spitze nach oben wendete, dann aber wieder von der unheimlichen

Macht hinuntergezogen wurde. Diese Bewegung wollte er genau beobachten,

um sie vielleicht bei Befreiungsversuchen verwenden zu können. Jetzt

aber wurde er durch den fernen Hilfeschrei unterbrochen.

Im nächsten Moment rannte der Luftpirat mit gewaltigen Sprüngen nach den

Geysern hinüber.

Hier waren überall Felsen, die seine Gestalt verbargen. Er strengte alle

Kräfte an, um rasch vorwärts zu kommen und erreichte bald den Platz, wo

seine Leute sonst die Naturerscheinung zu beobachten pflegten. Aber

dieser Platz war heute leer.

Mors sah nach den Geysern hinüber und da glaubte er in den Strahlen des

Mondes etwas Bewegliches zu sehen. Wieder rannte er vorwärts.

Plötzlich blieb er betroffen stehen.

Er sah Seltsames.

Zur Linken und zur Rechten gewahrte er die Wasserkrater und zwischen

denselben sah er eine Menschengruppe.

Zwei der Inder hielten eine Gestalt fest, die eine dünne weiße Hülle

trug.

Es war Nelly.

Die Inder hatten das Mädchen auf einen Felsblock gelegt und zwar so, daß

die Arme und Füße herabhingen. Ein Mann hielt die beiden entblößten Arme

Nellys fest, ein zweiter die Füße.

So war die halbenthüllte Brust frei und emporgereckt, und neben ihr

stand der dritte der Männer, der ehemalige Brahmane.

Die Linke preßte er auf den Mund Nellys, damit sie nicht schreien

konnte. In der Rechten aber hielt er eine jener dolchartigen Klingen,

wie sie die Inder immer mit sich führten.

Seitwärts aber knieten die beiden letzten Inder auf dem Boden und

streckten die Arme flehend nach der Stelle aus, wo leichte Dämpfe auf

einem Wasserkrater emporstiegen.

»Brahma, Brahma,« riefen sie mit halblauter Stimme. »Höre das Flehen

deiner treuen Diener. Sieh, wir bringen Dir ein Opfer dar, ein junges

Mädchen. Das Blut des Opfers soll fließen und uns das Paradies öffnen.

Brahma, öffne uns Deine Arme, Deine treuen Diener sehnen sich nach

Deinem Anblick.«

Mors wußte in wenigen Augenblicken, was hier geschehen sollte.

Diese Inder befanden sich im Banne des finsteren Aberglaubens, sie

wollten Nelly töten, um sich Einlaß in ein hier vermutetes Paradies zu

verschaffen.

Der unheimliche Brahmane wartete nur, bis das Gebet seiner Gefährten zu

Ende war. Nun hob er das Messer und wollte die Klinge in Nellys Brust

stoßen.

Wenn Mors jetzt noch einen Augenblick zögerte, war das junge Mädchen

verloren.

Mit furchtbarem Satz schwang sich der Luftpirat über den nächsten

Steinblock.

Der Brahmane wollte den tötlichen Stoß führen, als ihn die eiserne Faust

des Maskierten im Genick packte.

»Was tust Du!« schrie der Luftpirat mit mächtiger Stimme, indem er den

Aufheulenden weit hinwegschleuderte.

Die beiden anderen Inder ließen Nelly los und prallten zurück. Sie

kannten den Kapitän, seine Kraft und Entschlossenheit. Sie kannten auch

seine fürchterlichen Waffen.

Auch die Betenden sprangen empor und schauten verdutzt auf Mors, der so

unerwartet unter ihnen erschienen war.

Der Luftpirat aber kam nicht dazu, Aufklärung zu fordern.

Denn in diesem Augenblick begann es zu sausen und zu brausen, man hörte

ein Zischen und Schäumen.

Von den Felsen sprudelte Wasser herunter und aus den Rissen am Boden

quoll es empor. Gleichzeitig begann es im Innern des nahen Geysers

seltsam zu poltern und zu grollen.

Das Wasser stieg so schnell empor, daß die fünf Inder im Nu bis an den

Gürteln im Wasser standen.

Mors aber hatte Nelly, die ohnmächtig geworden war, emporgehoben und

hielt das schöne Mädchen in seinen Armen. Hinter ihm zischte und brauste

es, aus dem Geyser aber stieg eine Wassersäule.

»Fort, fort, ehe das Wasser der Geyser zu kochen beginnt,« schrie Mors

mit furchtbarer Stimme.

Der Zuruf galt den Indern, denn trotz ihres unheimlichen Aberglaubens

wollte Mors diese Leute erhalten.

Er selbst aber sprang schnell entschlossen auf den Rand eines

Felsenringes, in dessen Innern das Wasser langsam emporstieg. Er wußte

ja, was kommen würde. Das Wasser, welches bis jetzt emporgedrungen und

nur eine mäßig warme Temperatur besessen, begann jetzt zu kochen.

Aber die Inder hörten nicht auf die Stimme des Kapitäns, wenigstens

nicht die drei, welche das Opfer vollziehen wollten.

Nur die beiden, welche gebetet hatten, erreichten noch im letzten

Augenblick einen Felsblock, an dem sie hinaufkletterten und sich

anklammerten. Der Brahmane und seine beiden fanatischen Genossen wälzten

sich schreiend in den heißer und heißer werdenden Fluten.

Mors hatte jetzt mit sich selbst zu tun, denn es galt ja, den kochenden

Wassermassen auszuweichen.

Seine eiserne Kaltblütigkeit kam ihm da sehr zu statten.

Mors lief, Nelly tragend, immer auf dem Rand des ausgedehnten

Felsenringes herum.

Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 56: Die Weltenfahrer auf dem Riesen-Planeten · 第 2 / 3 段