Siebente Szene

Albrecht und Agnes treten auf. Albrecht ist ebenfalls gerüstet.

Agnes. Also, die Ampel, die noch fehlt, bringst du mir mit, nicht

wahr? Eine eherne, mit einer langen Kette, daß sie hoch vom Gewölb

niederschweben kann.

Albrecht. Lieber etwas andres, ich gesteh's dir offen. Doch ich

hab's versprochen, und ich tu's!

Agnes. Zürnst du mir?

Albrecht. Wie könnt' ich! Aber es ängstigt mich, daß dir dies so am

Herzen liegt! Hast du eine böse Ahnung? Ich wüßte zwar nicht, woher

die dir jetzt noch kommen sollte, und dennoch muß es so sein!

Agnes. Gewiß nicht! Ei, da würd' ich von meinem Sarg reden, von den

Fackeln, dem Glockengeläut und allem, was ich mir sonst noch wünschte!

Und wenn ich fürchtete, dir weh zu tun, würd' ich sagen: Denke dir,

mir hat geträumt, ich würde begraben, und darüber mußt du dich freuen,

denn es bedeutet langes Leben, aber das Leichenbegängnis war so

schön, daß ich's dereinst geradeso und nicht anders haben möchte.

Und dann würde ich's dir beschreiben!

Albrecht. So will ich dir die Ampel nach dreißig Jahren schenken!

Agnes. Wenn du nicht anders willst! Angezündet soll sie ja noch

nicht werden! Aber, mein Albrecht, du kennst uns nicht, du weißt

nicht, wie wir sind! Ein bürgerliches Mädchen macht sich das

Totenhemd gleich nach dem Hochzeitkleid, und sie tut wohl daran, denn

sie kann nicht wissen, wie sie's sonst in ihrem Alter bekommt! Nun,

das liegt mir in der Art, und so lange bin ich noch nicht die

Gemahlin eines Herzogs, daß sich schon alles an mir verändert hätte!

Aber, du siehst, die Demut ist schon entwichen, denn ich habe nicht,

wie meine Gespielinnen, die eigenen Finger geplagt und mir das

Sterbegewand genäht, ich habe den Maurer und den Zimmermann gequält

und mir eine Totenkapelle erbaut! Nun steht sie, und es ist mir eine

Freude, daß ich die Stätte, wo ich meinen längsten Schlaf halten soll,

jetzt schon kenne, ja daß ich sie betreten und dort im voraus für

mich beten kann! Darum möcht' ich auch die Ampel gleich aufhängen,

sonst wär' mir da in der letzten Stunde ja doch noch etwas fremd!

Albrecht. Wenn es nur das ist!

Agnes. Was sonst? Ich seh schon bei Tage einmal nach meinem Bett,

weiter nichts! Ei, merkst du denn noch etwas von jener Angst und

Beklommenheit an mir, die mich ergriff, als du so ungestüm von

Regensburg zurückkehrtest und mich hierher führtest? Damals zitterte

ich für mich und dich! Noch hatte ich mich an Vohburg nicht gewöhnt,

noch lief ich, wie ein Kind, von Gemach zu Gemach und konnte keins

finden, das mir eng genug war, und schon mußt' ich das kleine Schloß

mit diesem großen vertauschen, neben dem es sich ausnahm, wie mein

armes Vaterhaus sich neben ihm ausgenommen hatte! Ach, die Musik

unterwegs, das wilde Lebehoch der Bauern, die sich mit ihren Sensen

und Pflugeisen um uns zusammenrotteten, die Blumen, die man uns

streute, alles entsetzte mich. Du selbst kamst mir ganz fremd vor,

weil du's littest und dich darüber freutest; ich erschrak zu Tode,

als du hier sogar die Glocken läuten lassen wolltest! Aber das ist

vorbei, längst vorbei! Du hörst ja, ich selbst nenne Vohburg jetzt

klein, ich wundere mich gar nicht mehr, wenn sich die Armen und

Bittenden des Morgens um mich drängen, ich kann fragen, wie eine

geborne Herzogin, ich kann den Kopf schütteln und fast abschlagen,

ich sollte mich schämen!

Albrecht. So will ich dich!

Agnes. Nur in meinen Träumen geht's anders her, sonst würd' ich

gewiß zu stolz! Da kehrt die alte Zeit wieder, wo ich die Brotkrumen

sorgfältig auflesen mußte, die zu Boden fielen, und wo mein

Geburtstagsgeschenk meistens darin bestand, daß ich nicht gescholten

wurde, wenn ich etwas tat, was nicht ganz recht war. Noch in der

letzten Nacht, du mit deiner immer offnen Hand wirst lachen, bat ich

meinen Vater glühend und stotternd um irgendeine Kleinigkeit, und er

sagte, was er gewöhnlich zu sagen pflegte, wenn er eine Bitte nicht

zweimal hören wollte: gut, es sei, aber dann kann ich ein halbes Jahr

lang keinen Tropfen Wein mehr trinken! Ich war noch recht unwillig

auf ihn, als ich erwachte, aber nun--Ich hab ihn doch wenigstens

einmal wiedergesehen!

Albrecht. Du wirst ihn--(Er unterbricht sich.) Da hab ich dich um

die überraschung gebracht!

Agnes. Nein, mein Albrecht! Ich hab's recht gut gemerkt, aber wenn

er kommen wollte, wär' er längst dagewesen! Ich kann mir auch denken,

was ihn abhält, und du mußt ihn darum ehren!

Albrecht. Ich glaube doch, er wird diesmal nachgeben! Sonst gehen

wir im Winter nach Augsburg zum Mummenschanz.

Agnes Bernauer · 第 89 / 108 题