Albrecht und Agnes treten auf. Albrecht ist ebenfalls gerüstet.
Agnes. Also, die Ampel, die noch fehlt, bringst du mir mit, nicht
wahr? Eine eherne, mit einer langen Kette, daß sie hoch vom Gewölb
niederschweben kann.
Albrecht. Lieber etwas andres, ich gesteh's dir offen. Doch ich
hab's versprochen, und ich tu's!
Agnes. Zürnst du mir?
Albrecht. Wie könnt' ich! Aber es ängstigt mich, daß dir dies so am
Herzen liegt! Hast du eine böse Ahnung? Ich wüßte zwar nicht, woher
die dir jetzt noch kommen sollte, und dennoch muß es so sein!
Agnes. Gewiß nicht! Ei, da würd' ich von meinem Sarg reden, von den
Fackeln, dem Glockengeläut und allem, was ich mir sonst noch wünschte!
Und wenn ich fürchtete, dir weh zu tun, würd' ich sagen: Denke dir,
mir hat geträumt, ich würde begraben, und darüber mußt du dich freuen,
denn es bedeutet langes Leben, aber das Leichenbegängnis war so
schön, daß ich's dereinst geradeso und nicht anders haben möchte.
Und dann würde ich's dir beschreiben!
Albrecht. So will ich dir die Ampel nach dreißig Jahren schenken!
Agnes. Wenn du nicht anders willst! Angezündet soll sie ja noch
nicht werden! Aber, mein Albrecht, du kennst uns nicht, du weißt
nicht, wie wir sind! Ein bürgerliches Mädchen macht sich das
Totenhemd gleich nach dem Hochzeitkleid, und sie tut wohl daran, denn
sie kann nicht wissen, wie sie's sonst in ihrem Alter bekommt! Nun,
das liegt mir in der Art, und so lange bin ich noch nicht die
Gemahlin eines Herzogs, daß sich schon alles an mir verändert hätte!
Aber, du siehst, die Demut ist schon entwichen, denn ich habe nicht,
wie meine Gespielinnen, die eigenen Finger geplagt und mir das
Sterbegewand genäht, ich habe den Maurer und den Zimmermann gequält
und mir eine Totenkapelle erbaut! Nun steht sie, und es ist mir eine
Freude, daß ich die Stätte, wo ich meinen längsten Schlaf halten soll,
jetzt schon kenne, ja daß ich sie betreten und dort im voraus für
mich beten kann! Darum möcht' ich auch die Ampel gleich aufhängen,
sonst wär' mir da in der letzten Stunde ja doch noch etwas fremd!
Albrecht. Wenn es nur das ist!
Agnes. Was sonst? Ich seh schon bei Tage einmal nach meinem Bett,
weiter nichts! Ei, merkst du denn noch etwas von jener Angst und
Beklommenheit an mir, die mich ergriff, als du so ungestüm von
Regensburg zurückkehrtest und mich hierher führtest? Damals zitterte
ich für mich und dich! Noch hatte ich mich an Vohburg nicht gewöhnt,
noch lief ich, wie ein Kind, von Gemach zu Gemach und konnte keins
finden, das mir eng genug war, und schon mußt' ich das kleine Schloß
mit diesem großen vertauschen, neben dem es sich ausnahm, wie mein
armes Vaterhaus sich neben ihm ausgenommen hatte! Ach, die Musik
unterwegs, das wilde Lebehoch der Bauern, die sich mit ihren Sensen
und Pflugeisen um uns zusammenrotteten, die Blumen, die man uns
streute, alles entsetzte mich. Du selbst kamst mir ganz fremd vor,
weil du's littest und dich darüber freutest; ich erschrak zu Tode,
als du hier sogar die Glocken läuten lassen wolltest! Aber das ist
vorbei, längst vorbei! Du hörst ja, ich selbst nenne Vohburg jetzt
klein, ich wundere mich gar nicht mehr, wenn sich die Armen und
Bittenden des Morgens um mich drängen, ich kann fragen, wie eine
geborne Herzogin, ich kann den Kopf schütteln und fast abschlagen,
ich sollte mich schämen!
Albrecht. So will ich dich!
Agnes. Nur in meinen Träumen geht's anders her, sonst würd' ich
gewiß zu stolz! Da kehrt die alte Zeit wieder, wo ich die Brotkrumen
sorgfältig auflesen mußte, die zu Boden fielen, und wo mein
Geburtstagsgeschenk meistens darin bestand, daß ich nicht gescholten
wurde, wenn ich etwas tat, was nicht ganz recht war. Noch in der
letzten Nacht, du mit deiner immer offnen Hand wirst lachen, bat ich
meinen Vater glühend und stotternd um irgendeine Kleinigkeit, und er
sagte, was er gewöhnlich zu sagen pflegte, wenn er eine Bitte nicht
zweimal hören wollte: gut, es sei, aber dann kann ich ein halbes Jahr
lang keinen Tropfen Wein mehr trinken! Ich war noch recht unwillig
auf ihn, als ich erwachte, aber nun--Ich hab ihn doch wenigstens
einmal wiedergesehen!
Albrecht. Du wirst ihn--(Er unterbricht sich.) Da hab ich dich um
die überraschung gebracht!
Agnes. Nein, mein Albrecht! Ich hab's recht gut gemerkt, aber wenn
er kommen wollte, wär' er längst dagewesen! Ich kann mir auch denken,
was ihn abhält, und du mußt ihn darum ehren!
Albrecht. Ich glaube doch, er wird diesmal nachgeben! Sonst gehen
wir im Winter nach Augsburg zum Mummenschanz.