Vierte Szene

Ernst (tritt ein). Ich ließ Euch warten, Preising! Aber ich mußte

selbst warten!

Preising. Gnädiger Herr!

Ernst. Laßt, laßt! Die Erde kann schon mit gebrochenen Augen

gepflastert werden! Es kam ein Paar hinzu! Habt Ihr gelesen!

Preising. Ich wollte just, da hört' ich das Glöcklein!

Ernst. So lest jetzt! (Er wendet sich.) Es hat mich angegriffen!

Wie schwer stirbt ein Kind! Zwölf Stunden Todeskampf für ein so

kurzes Leben! Mein Gott! Nun, es ist vorbei! (Er macht ein paar

Schritte.) Die große Glocke! Endlich! Mir fehlte noch was! Die

verkündigt's der Stadt! Nun geht's von Ort zu Ort, von Haus zu Haus,

von Mund zu Mund. Ja, betet, betet, betet! Wir können's brauchen!

(Wendet sich wieder zu Preising.) Nun?

Preising (legt das Dokument auf den Tisch). Was soll ich noch sagen!

Ernst. Was Ihr könnt! Prüft Punkt für Punkt, ich steh Euch Rede,

diesmal, wie allemal! Habt Ihr etwas gegen die Männer einzuwenden,

die das Gutachten abgaben und den Spruch fällten?

Preising. Gegen die Männer! Wenn der Schwabenspiegel noch nicht

zusammengestellt wäre, diesen dreien würde ich an Kaisers Statt den

Auftrag geben, es zu tun!

Ernst. Sind sie bestechlich? Trifft einen unter ihnen der Verdacht

der hohlen Hand?

Preising. Gewiß nicht! Wenn aber auch: Herzog Ernst hat keinem

etwas hineingedrückt!

Ernst. Ihr erweist mir nur Gerechtigkeit! Nicht einmal den

Schweißpfenning, der ihnen gebührt hätte, und das ist die einzige

Schuld, die ich nie bezahlen will!

Preising. Ich schwöre für Euch! Aber auch für sie!

Ernst. Nun, solche Männer, so beschaffen, legten vor dritthalb

Jahren nach gewissenhaftester Erwägung des Falls dies Blatt bei mir

nieder, und erst jetzt zieh ich's hervor. Kann man mich der

Übereilung zeihen?

Preising. Nicht Euer Feind!

Ernst. Wenn ich's vollstrecken lasse: kann man behaupten, es sei

nicht der Herzog, der seine Pflicht erfüllen, sondern der Ritter, der

einen Flecken abwaschen, oder der Vater, der sich rächen will?

Preising. Auch das nicht!

Ernst (ergreift die Feder). Wohlan denn!

Preising. Gnädiger Herr, haltet noch ein!

Ernst. Ja? Gut! (legt die Feder nieder) Ich bin kein Tyrann, und

denke keiner zu werden. Aber man soll von mir auch nicht sagen: er

trug das Schwert umsonst! Wer's unnütz zieht, dem wird's aus der

Hand genommen, aber wer's nicht braucht, wenn's Zeit ist, der ruft

alle zehn Plagen Ägyptens auf sein Volk herab, und die treffen dann

Gerechte und Ungerechte zugleich, denn unser Herrgott jätet nicht,

wenn er selbst strafen muß, er mäht nur! Das erwägt und nun sprecht!

(Er setzt sich.)

Preising. Ich kann dies Blatt nicht widerlegen! Es ist wahr: wenn

die Erbfolge gestört wird oder auch nur zweifelhaft bleibt, so bricht

früher oder später der Bürgerkrieg mit allen seinen Schrecken herein,

und niemand weiß, wann er endet!

Ernst. Er bricht herein, wenn sie Kinder bekommen, er bricht herein,

wenn sie keine bekommen! In dem einen Fall wollen die sich behaupten,

in dem andern können Ingolstadt und Landshut sich nicht vereinigen,

weil jedes den Löwenteil verlangt! Ja, es ist die Frage, ob die auch

nur bis zu seinem Tode ruhig bleiben! Denn, wenn sie jetzt mit ihm

liebäugeln, so geschieht's, um mich zu ärgern!

Preising. Aber es ist doch auch entsetzlich, daß sie sterben soll,

bloß weil sie schön und sittsam war!

Ernst. Das ist es auch! Ja! Darum stellt' ich's Gott anheim. Er

hat gesprochen. Ich warf mein eignes Junges aus dem Nest und legte

ein fremdes hinein. Es ist tot!

Preising. Und gäbe es wirklich keinen anderen Ausweg? Gar keinen?

Ernst. Ihr greift mich hart an, Ihr meint, ich könnte noch mehr tun!

Und wahr ist's: in den Adern Ludwigs von Ingolstadt und Heinrichs

von Landshut fließt das Blut des Geschlechts ebenso rein, wie in

meinem eignen!

Preising. Daran hab ich noch nicht gedacht!

Ernst. Aber ich! Zwar wär's so arg, daß wohl auch ein Heiliger

fragen würde: Herr, warum das mir? Doch, wenn's nun wär'? Der

letzte Hohenstaufe starb durch Henkers Hand, mit Gottes dunklem

Ratschluß kann viel bestehen, was der Mensch nicht faßt. Aber dies

kann Gottes Ratschluß nicht sein, denn es hälfe nichts, und das ist

mein Trost! Spräche ich zu Heinrich: Komm, Fuchs, du hast mir mein

ganzes Leben lang Fallstricke gelegt und Gruben gegraben, nimm mein

Herzogtum zum Lohn! so führe Ludwig dazwischen. Spräche ich zu

Ludwig: Ich bin dir noch den Dank für so manchen Schlag schuldig, der

von hinten kam, hier ist er! so griffe Heinrich mit zu, und einer

könnt's doch nur sein! Oder ist's nicht so?

Preising. Gewiß!

Ernst. Es bliebe also immer dasselbe, alles ginge drunter und drüber,

und die Tausende, die im Vertrauen auf mich ins Land kamen und meine

Märkte zu Städten erhoben, meine Städte so weit emporbrachten, daß

selbst die stolze Hansa ihnen nicht mehr ungestraft den Rücken kehren

darf, würden mich und mein Andenken verfluchen!

Preising. Ich meinte nicht das! Laßt sie entführen und dann

verschwinden! Das geht jetzt leichter, wie sonst, er läßt sie nicht

mehr so ängstlich bewachen.

Ernst. Was wär' damit gewonnen? Er würde sie suchen bis an seinen

Tod! Ihr wart ein schlechter Prophet in Regensburg!

Preising. Man breitet aus, daß sie gestorben ist. Er fand den

Priester, der ihn mit ihr verband: kann Euch der Priester fehlen, der

einen Totenschein ausstellt?

Ernst. Und ich sollte ihm das zweite Weib geben, solange das erste

noch lebte? Nein, Preising, das Sakrament ist mir heilig, er soll

nicht am Tage des Zorns wider mich zeugen und sagen: Herr, wenn ich

mich mit Greueln befleckte, so wußte ich nichts davon. Hier hilft

kein Kloster, nur der Tod!

Preising. Doch auch wohl der Papst, und wenn der sich weigert, der

Kaiser! Friedrich Barbarossa schied sich selbst, Ludwig der Bayer

schied seinen Sohn!

Ernst. Wie soll man scheiden, wenn keins von beiden will? Preising,

ich hatte dritthalb Jahre Zeit, und das Kind, für das jetzt die

Glocken gehen, war oft genug krank! (Er greift wieder zur Feder.)

Nein, Gott will es so und nicht anders! Und gerade jetzt geht es

leicht. Er reitet heut oder morgen nach Ingolstadt zum Turnier hinab.

Dort soll er, ich möchte sagen, wieder ehrlich gesprochen werden,

und dies wird glücken, denn Ludwig hat alles zusammengerufen, was mir

feind ist, er denkt: je weiter der Riß zwischen uns beiden, je besser

für ihn! Nun, während sie die Fahne über ihn schwenken, will ich

dafür sorgen, daß sie sich hintendrein nicht zu schämen brauchen.

Nichts hat mich so verdrossen, als das Gepränge, mit dem er sie

gleich nach dem Regensburger Tag, einer Herzogin gleich, von Vohburg

nach Straubing führte. Jetzt ist das gut! Emeran Nusperger zu

Kalmperg ist Richter in Straubing, und Pappenheim kann mit hundert

Reitern in vierundzwanzig Stunden dort sein!

Preising. Und nachher? Gnädiger Herr, Ihr habt recht, ich war in

Regensburg ein schlechter Prophet! Wird er's tragen? Wird er nicht

rasen und Hand an sich legen oder sich offen wider Euch empören?

Ernst. Das eine vielleicht, das andre gewiß, ich tu, was ich muß,

der Ausgang ist Gottes. Ich setz ihn daran, wie Abraham den Isaak,

geht er in der ersten Verzweiflung unter, und es ist sehr möglich,

daß er's tut, so lasse ich ihn begraben, wie sie, tritt er mir im

Felde entgegen, so werf ich ihn oder halte ihn auf, bis der Kaiser

kommt. Dem meld ich's, noch eh' es geschieht, und er wird nicht

säumen, denn wie ich Ordnung im Hause will, so will er Ordnung im

Reich. Es ist ein Unglück für sie und kein Glück für mich, aber im

Namen der Witwen und Waisen, die der Krieg machen würde, im Namen der

Städte, die er in Asche legte, der Dörfer, die er zerstörte: Agnes

Bernauer, fahr hin! (Er unterschreibt und geht, dann wendet er sich

und winkt.) Kanzler!

(Ab, Preising folgt mit dem Blatt.)

Straubing.

Agnes Bernauer · 第 86 / 108 题