Ernst (tritt ein). Ich ließ Euch warten, Preising! Aber ich mußte
selbst warten!
Preising. Gnädiger Herr!
Ernst. Laßt, laßt! Die Erde kann schon mit gebrochenen Augen
gepflastert werden! Es kam ein Paar hinzu! Habt Ihr gelesen!
Preising. Ich wollte just, da hört' ich das Glöcklein!
Ernst. So lest jetzt! (Er wendet sich.) Es hat mich angegriffen!
Wie schwer stirbt ein Kind! Zwölf Stunden Todeskampf für ein so
kurzes Leben! Mein Gott! Nun, es ist vorbei! (Er macht ein paar
Schritte.) Die große Glocke! Endlich! Mir fehlte noch was! Die
verkündigt's der Stadt! Nun geht's von Ort zu Ort, von Haus zu Haus,
von Mund zu Mund. Ja, betet, betet, betet! Wir können's brauchen!
(Wendet sich wieder zu Preising.) Nun?
Preising (legt das Dokument auf den Tisch). Was soll ich noch sagen!
Ernst. Was Ihr könnt! Prüft Punkt für Punkt, ich steh Euch Rede,
diesmal, wie allemal! Habt Ihr etwas gegen die Männer einzuwenden,
die das Gutachten abgaben und den Spruch fällten?
Preising. Gegen die Männer! Wenn der Schwabenspiegel noch nicht
zusammengestellt wäre, diesen dreien würde ich an Kaisers Statt den
Auftrag geben, es zu tun!
Ernst. Sind sie bestechlich? Trifft einen unter ihnen der Verdacht
der hohlen Hand?
Preising. Gewiß nicht! Wenn aber auch: Herzog Ernst hat keinem
etwas hineingedrückt!
Ernst. Ihr erweist mir nur Gerechtigkeit! Nicht einmal den
Schweißpfenning, der ihnen gebührt hätte, und das ist die einzige
Schuld, die ich nie bezahlen will!
Preising. Ich schwöre für Euch! Aber auch für sie!
Ernst. Nun, solche Männer, so beschaffen, legten vor dritthalb
Jahren nach gewissenhaftester Erwägung des Falls dies Blatt bei mir
nieder, und erst jetzt zieh ich's hervor. Kann man mich der
Übereilung zeihen?
Preising. Nicht Euer Feind!
Ernst. Wenn ich's vollstrecken lasse: kann man behaupten, es sei
nicht der Herzog, der seine Pflicht erfüllen, sondern der Ritter, der
einen Flecken abwaschen, oder der Vater, der sich rächen will?
Preising. Auch das nicht!
Ernst (ergreift die Feder). Wohlan denn!
Preising. Gnädiger Herr, haltet noch ein!
Ernst. Ja? Gut! (legt die Feder nieder) Ich bin kein Tyrann, und
denke keiner zu werden. Aber man soll von mir auch nicht sagen: er
trug das Schwert umsonst! Wer's unnütz zieht, dem wird's aus der
Hand genommen, aber wer's nicht braucht, wenn's Zeit ist, der ruft
alle zehn Plagen Ägyptens auf sein Volk herab, und die treffen dann
Gerechte und Ungerechte zugleich, denn unser Herrgott jätet nicht,
wenn er selbst strafen muß, er mäht nur! Das erwägt und nun sprecht!
(Er setzt sich.)
Preising. Ich kann dies Blatt nicht widerlegen! Es ist wahr: wenn
die Erbfolge gestört wird oder auch nur zweifelhaft bleibt, so bricht
früher oder später der Bürgerkrieg mit allen seinen Schrecken herein,
und niemand weiß, wann er endet!
Ernst. Er bricht herein, wenn sie Kinder bekommen, er bricht herein,
wenn sie keine bekommen! In dem einen Fall wollen die sich behaupten,
in dem andern können Ingolstadt und Landshut sich nicht vereinigen,
weil jedes den Löwenteil verlangt! Ja, es ist die Frage, ob die auch
nur bis zu seinem Tode ruhig bleiben! Denn, wenn sie jetzt mit ihm
liebäugeln, so geschieht's, um mich zu ärgern!
Preising. Aber es ist doch auch entsetzlich, daß sie sterben soll,
bloß weil sie schön und sittsam war!
Ernst. Das ist es auch! Ja! Darum stellt' ich's Gott anheim. Er
hat gesprochen. Ich warf mein eignes Junges aus dem Nest und legte
ein fremdes hinein. Es ist tot!
Preising. Und gäbe es wirklich keinen anderen Ausweg? Gar keinen?
Ernst. Ihr greift mich hart an, Ihr meint, ich könnte noch mehr tun!
Und wahr ist's: in den Adern Ludwigs von Ingolstadt und Heinrichs
von Landshut fließt das Blut des Geschlechts ebenso rein, wie in
meinem eignen!
Preising. Daran hab ich noch nicht gedacht!
Ernst. Aber ich! Zwar wär's so arg, daß wohl auch ein Heiliger
fragen würde: Herr, warum das mir? Doch, wenn's nun wär'? Der
letzte Hohenstaufe starb durch Henkers Hand, mit Gottes dunklem
Ratschluß kann viel bestehen, was der Mensch nicht faßt. Aber dies
kann Gottes Ratschluß nicht sein, denn es hälfe nichts, und das ist
mein Trost! Spräche ich zu Heinrich: Komm, Fuchs, du hast mir mein
ganzes Leben lang Fallstricke gelegt und Gruben gegraben, nimm mein
Herzogtum zum Lohn! so führe Ludwig dazwischen. Spräche ich zu
Ludwig: Ich bin dir noch den Dank für so manchen Schlag schuldig, der
von hinten kam, hier ist er! so griffe Heinrich mit zu, und einer
könnt's doch nur sein! Oder ist's nicht so?
Preising. Gewiß!
Ernst. Es bliebe also immer dasselbe, alles ginge drunter und drüber,
und die Tausende, die im Vertrauen auf mich ins Land kamen und meine
Märkte zu Städten erhoben, meine Städte so weit emporbrachten, daß
selbst die stolze Hansa ihnen nicht mehr ungestraft den Rücken kehren
darf, würden mich und mein Andenken verfluchen!
Preising. Ich meinte nicht das! Laßt sie entführen und dann
verschwinden! Das geht jetzt leichter, wie sonst, er läßt sie nicht
mehr so ängstlich bewachen.
Ernst. Was wär' damit gewonnen? Er würde sie suchen bis an seinen
Tod! Ihr wart ein schlechter Prophet in Regensburg!
Preising. Man breitet aus, daß sie gestorben ist. Er fand den
Priester, der ihn mit ihr verband: kann Euch der Priester fehlen, der
einen Totenschein ausstellt?
Ernst. Und ich sollte ihm das zweite Weib geben, solange das erste
noch lebte? Nein, Preising, das Sakrament ist mir heilig, er soll
nicht am Tage des Zorns wider mich zeugen und sagen: Herr, wenn ich
mich mit Greueln befleckte, so wußte ich nichts davon. Hier hilft
kein Kloster, nur der Tod!
Preising. Doch auch wohl der Papst, und wenn der sich weigert, der
Kaiser! Friedrich Barbarossa schied sich selbst, Ludwig der Bayer
schied seinen Sohn!
Ernst. Wie soll man scheiden, wenn keins von beiden will? Preising,
ich hatte dritthalb Jahre Zeit, und das Kind, für das jetzt die
Glocken gehen, war oft genug krank! (Er greift wieder zur Feder.)
Nein, Gott will es so und nicht anders! Und gerade jetzt geht es
leicht. Er reitet heut oder morgen nach Ingolstadt zum Turnier hinab.
Dort soll er, ich möchte sagen, wieder ehrlich gesprochen werden,
und dies wird glücken, denn Ludwig hat alles zusammengerufen, was mir
feind ist, er denkt: je weiter der Riß zwischen uns beiden, je besser
für ihn! Nun, während sie die Fahne über ihn schwenken, will ich
dafür sorgen, daß sie sich hintendrein nicht zu schämen brauchen.
Nichts hat mich so verdrossen, als das Gepränge, mit dem er sie
gleich nach dem Regensburger Tag, einer Herzogin gleich, von Vohburg
nach Straubing führte. Jetzt ist das gut! Emeran Nusperger zu
Kalmperg ist Richter in Straubing, und Pappenheim kann mit hundert
Reitern in vierundzwanzig Stunden dort sein!
Preising. Und nachher? Gnädiger Herr, Ihr habt recht, ich war in
Regensburg ein schlechter Prophet! Wird er's tragen? Wird er nicht
rasen und Hand an sich legen oder sich offen wider Euch empören?
Ernst. Das eine vielleicht, das andre gewiß, ich tu, was ich muß,
der Ausgang ist Gottes. Ich setz ihn daran, wie Abraham den Isaak,
geht er in der ersten Verzweiflung unter, und es ist sehr möglich,
daß er's tut, so lasse ich ihn begraben, wie sie, tritt er mir im
Felde entgegen, so werf ich ihn oder halte ihn auf, bis der Kaiser
kommt. Dem meld ich's, noch eh' es geschieht, und er wird nicht
säumen, denn wie ich Ordnung im Hause will, so will er Ordnung im
Reich. Es ist ein Unglück für sie und kein Glück für mich, aber im
Namen der Witwen und Waisen, die der Krieg machen würde, im Namen der
Städte, die er in Asche legte, der Dörfer, die er zerstörte: Agnes
Bernauer, fahr hin! (Er unterschreibt und geht, dann wendet er sich
und winkt.) Kanzler!
(Ab, Preising folgt mit dem Blatt.)
Straubing.