Sechste Szene

Der Kanzler Preising (tritt ein).

Ernst. Schon da, Preising? Gut! Wißt Ihr was? Wir wollen von heut

an immer eine Stunde früher anfangen! Niemand weiß, ob er nicht

Feierabend machen muß, ehe er müde ist! Wieviel hatte die Herzogin

noch vor, nun liegt sie da! Was bringt Ihr?

Preising. Zuvörderst! Die Klagen über den Wucher der Juden mehren

sich!

Ernst. Man soll sich so einrichten, daß man die Juden nicht braucht!

Wer nicht von ihnen borgt, wird nicht arm durch sie, und ob sie

funfzig vom Hundert nehmen!

Preising. Es ist der Juden selbst wegen, daß ich darauf zurückkomme.

In Nürnberg schlägt man sie schon tot, wie die Hunde, und böse

Beispiele stecken eher an, als gute!

Ernst. Meine Juden sollen's so treiben, daß sie das Totschlagen

nicht verdienen, dann wird's wohl unterbleiben. Ich mische mich in

diese Händel nicht hinein. Fragt bei meinem Bruder an, ob er will!

Preising. Das wär' wohl das erste Mal, daß Herzog Wilhelm etwas

wollte, was Ew. Gnaden nicht wollen!

Ernst. Ebendarum soll man ihn nie vorbeigehen! Weiter!

Preising. In Sachen des strittigen Kurhuts hat der böhmische Hof

endlich-

Ernst. Nichts davon! Das hat Kaiser Rudolph durch seinen doppelten

Spruch so verwickelt, daß nur das Schwert noch helfen kann, und das

Schwert können wir erst dann ziehen, wenn München, Ingolstadt und

Landshut einmal wieder zusammengehen. Dazu ist bis jetzt wenig

Hoffnung, denn meine teuren Vettern Ludwig und Heinrich möchten mich

freilich gern umarmen, wenn sie mir nur zugleich auch den Rücken

kehren könnten. Also weiter! Doch halt, halt, erst dies! Wir sind

ja unverhofft zu Geld gekommen, der Württemberger muß das wieder

herausgeben, was er bei Erziehung seiner Tochter an Birkenreisern

erspart hat, und obendrein schwere Zinsen zahlen. Mit seinen

fünfundzwanzig Tausend Gulden können wir allerlei machen!

Preising. Wenn wir sie erst haben, ja!

Ernst. Haltet Ihr den Grafen für keinen ehrlichen Mann?

Preising. Für den ehrlichsten Mann von der Welt!

Ernst. Nun denn! Ein Bettler ist er doch gewiß auch nicht! Wir

könnten eine unsrer verpfändeten Städte dafür auslösen, und ich weiß

schon, wo man sich am billigsten finden lassen wird, weil man unser

Geld am nötigsten braucht.

Preising. Das wäre freilich ein Gewinn!

Ernst. Ja, da gäb's doch einen Fleck weniger im Lande, wo wir unsern

Herzogsstab nicht wieder aufheben dürften, wenn er uns einmal aus der

Hand glitte. Wir könnten dem Lech aber auch für ewige Zeiten einen

Freipaß damit erkaufen, daß er uns von den Augsburgern nicht wieder

auf einen Wink des Kaisers versperrt werden kann, wie Anno neunzehn

bei den Bischofhändeln!

Preising. Dazu werden die Kaufherren raten!

Ernst. Und Ihr?

Preising. Gnädiger Herr, der Württemberger wird nicht aufknöpfen,

ich sag's Euch!

Ernst. Nicht aufknöpfen? Ei! Ei! Hab ich nicht mein Pfand? Sind

mir nicht Geiseln gestellt? Was kann er denn einwenden?

Preising. Er legt's übel aus, daß Herzog Albrecht sich gar keine

Mühe gab, seine Braut wiederzubekommen, daß er in Augsburg aufs

Tanzhaus ging, statt den Entführer verfolgen zu helfen!

Ernst. Was war denn an der noch wiederzubekommen? Sie war ja schon

das Weib eines andern, eh' wir hier noch die Flucht erfuhren! Der

Württemberger soll sich in acht nehmen! Ich besetz ihm Göppingen,

eh' er's denkt, es kommt mir auf einen Ritt noch nicht an!

Preising. Ich sage Euch, und bitt Euch, nicht unwirsch zu werden,

über den Sieger von Alling ist nie so viel geredet worden, wie über

den Tänzer von Augsburg!

Ernst. Ich weiß, ich weiß, und es verdrießt mich genug! Preising,

es ist die Strafe unsrer eignen Jugendsünden, daß wir gegen die

unserer Kinder nachsichtig sein müssen. Ihr wißt, was ich auf

Andechs verwende, glaubt's mir, man baut niemals Kapellen ohne Grund!

Aber es ist schon dafür gesorgt, daß ein Ende wird. Erich von

Braunschweig sagte schon vor zwei Jahren zu mir: es ist schade, Ernst,

daß du nur den einen Sohn hast und daß der versprochen ist! Dies

Wort blieb mir im Kopf hängen, und noch denselben Tag, wo ich die

Flucht der Wüttembergerin erfuhr, ließ ich um die Braunschweigerin

anhalten! Nun, gestern zur Nacht lief das Jawort ein!

Preising. Und Albrecht? Wird er einverstanden sein?

Ernst. Einverstanden? Wie kommt Ihr mir vor? Darnach hab ich

wahrhaftig noch nicht gefragt, das, denk ich, versteht sich von

selbst!

Preising. Ihr habt ihm einen Boten geschickt!

Ernst. Einen? Drei, vier hab ich ihm geschickt, mit Ermahnungen und

Warnungen, dem letzten hab ich sogar einen Brief mitgegeben!

Preising. Nun, der ist wieder da, er steigt eben vom Pferd!

Ernst. Er hat lange genug gemacht!

Preising. Und ist doch nicht langsam geritten, denn er kommt nicht

von Augsburg, sondern von Vohburg, der Herzog hatte die Reichsstadt

verlassen, bevor er eintraf!

Ernst. So ist der Handel mit der Dirne vorbei, und ich hätte mir den

dummen Brief sparen können!

Preising. Nichtsweniger, als das, er hat die Dirne mitgenommen!

Ernst. Das ist viel! Das würde ich bei Lebzeiten meines Vaters nie

gewagt haben! Bringt das der Bote?

Agnes Bernauer · 第 71 / 108 题