Wieder eine andere Adresse. „Den Revolver muß ich noch haben; das
andere lassen wir. Ein paar Medikamente bekommt man zur Not auch in der
Kaserne.“
Er war blaß und nervös.
„Sag’ jetzt gar nichts mehr, Maria! Alles Sprechen ist sinnlos! Nein,
so geht’s auch nicht; ich muß noch vieles wissen. Wo wirst du leben,
wenn du nun so ganz einsam bist? Ganz allein in der Wohnung, das geht
nicht; bei Verwandten unterkriechen, liegt dir nicht. Also wo?“
„Ich weiß nicht. Laß! Das ist ja auch gleichgültig!“
„Aber es quält mich! Ich muß doch an dich denken können; ich meine, in
einer bestimmten Umgebung muß ich mir dich denken können.“
Die Gedanken waren wieder bei einem anderen Punkt: „Wenn ich
wiederkomme, Maria, bin ich ein anderer. Dann werfe ich alle meine
Philosophie über Bord, dann bist du einfach meine Frau.“
Sie sagte nichts. Sie sah plötzlich die im Silberglanz des Mondes
sitzende Großmutter vor sich, die die Karten durch ihre Hände gleiten
ließ und ausrief: „Du hältst es doch nicht mit einem, Kind, der dich
nicht heiraten will?“
Schrecklich, so etwas in banalen Worten von einem resoluten und
praktischen Menschen, der nur gerade Wege kennt, aussprechen zu hören.
Tiefes, bitteres Leid war in ihr.
„Ich hab’ dich über alles in der Welt lieb,“ sagte sie, um sich selbst
zu beruhigen.
„Ich weiß, ich weiß!“
„Und ganz ohne Stolz, ganz ohne Klugheit -- so wie man es heute
überhaupt nicht mehr findet.“
„Ach, wenn du doch wie andere Frauen ängstlich und berechnend gewesen
wärest! Die Weltklugen siegen natürlich! Dich aber werden sie
zertrampeln, wenn ich nicht wiederkomme!“
„Laß, laß! Ich bin nicht so schwach, wie du denkst.“
„Doch, entsetzlich schwach -- eben, weil du so namenlos lieben kannst.
Ich weiß es -- weiß es besser als du selbst.“
Der Revolver war nicht fertig, das brachte ihn ganz außer sich.
„Ich weiß nur einen Weg; ich muß zu Büttner gehen. Der zieht erst
nächste Woche hinaus, der gibt mir seine Pistole. Aber die Zeit --
unsere paar armseligen Stunden schmelzen zusammen!“ Er sah auf die
Uhr: „Halb elf schon, eine halbe Stunde geht darauf bis zu Büttner, der
am anderen Ende der Welt wohnt; dann zur Kaserne, damit der Bursche
packen kann, und dabei bin ich schwach vor Hunger.“
Er hielt sie im Arm und sagte nichts mehr.
Um seinen Mund lief ein Zucken, die Augen sahen in die Ferne. „Ich
wollte, es wäre morgen. Ich kann nicht mitansehen, wie du dir selbst
etwas von Stärke und Mut vorlügst.“
Der Kamerad gab seinen Revolver ohne weiteres.
„Nun hinaus zur Kaserne. Schofför, so schnell wie irgend möglich!“
Mitternacht nahe.
„Bist du froh, daß das Jungchen mit will? Ich hätte es ihm nicht
zugetraut. So eine schmale Brust und so ein Muttersöhnchen! Der soll
in ein paar Wochen gegen die Russen gehen! Grüß ihn von mir! Sag’ ihm
meine Hochachtung! Wie hat sich die Welt verändert in diesen paar
Tagen! Man hat es ja immer gewünscht, daß die Luft rein wurde. Man hat
auch geglaubt, in dem Augenblick, da es einmal eintrete, ganz Flamme,
ganz Begeisterung zu sein, und bleibt dann doch an sich selber hängen,
statt im Großen aufzugehen. Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich um
dich gräme!“
„Tue es nicht!“
Aber sie weinte an seiner Brust und sagte in jammervollem Ton: „Ich bin
nicht schwach, ich bin wirklich nicht so schwach, wie du denkst.“
Die Kaserne war erreicht. „Hier mußt du nun eine gute Viertelstunde auf
mich warten.“
Da sah sie alles um sich herum in krasser, entsetzlicher
Trostlosigkeit. Die ganze Welt in furchtbarer Disharmonie; die ganze
Welt voll blutender, zerrissener Herzen, Barbarei, Vernichtung, Greuel
und Entsetzen; wo war das Große, das Erhebende, das der Krieg bringen
sollte?
Ach nein, nur die Nacht, nur der Abschied machten schwach und klein;
sobald der bittere persönlichste Schmerz überwunden war, mußte eine
jede sich zu der Größe aufraffen können, die diese blutige Zeit
erfordert. Jetzt aber barg sie das Gesicht in den Händen, jetzt wollte
der heiße Schmerz sie ersticken. Der Mann und der Junge! Die beiden
Pole ihres Lebens!
Dann war er wieder bei ihr und zog sie in seine Arme. „Zwei Stunden
noch für uns! -- -- Komm, sei gut, sei gut! Sag’ mir noch einmal,
daß du mich geliebt hast! Denk’, wir ständen beide vor der letzten
Stunde unseres Lebens und wollten in diese Stunde noch einmal alles
hineinpressen, was wir uns zu geben haben. -- --“
Als das erste zaghafte Morgenlicht mit der Dämmerung kämpfte, stand sie
im grauen, endlosen Kasernenhof neben ihm. Steil ragten die Mauern in
die Höhe -- beklemmend, düster, dräuend. Aus Türen und Toren quollen
Menschen. Unermeßliche Scharen von Menschen.
Schauernd stand sie an seiner Seite. Die grauen Massen ordneten
sich zu Zügen. Kommandorufe erschallten! Abzählen -- aus der Ferne
Pferdegetrappel. Von hinten her wurden gewaltige Munitionswagen
sichtbar.
Eine halbe Stunde verging, Namen wurden verlesen, Befehle ausgerufen;
dann eine Ansprache -- kurz, wuchtig! Und Bewegung kam in die Reihen.
„Leb’ wohl!“
Der ihr zur Seite gestanden hatte, preßte sie noch einmal in die Arme.
Drüben wartete der Bursche und hielt ihm das Pferd.
„Leb’ wohl!“ Er saß auf, winkte noch einmal und ritt denen, zu welchen
er gehörte, zur Seite, zum großen Tor hinaus.
Sie lehnte an einer Wand; sie sah die letzten Züge vorbeimarschieren --
die Furage- und Munitionswagen folgten -- ihnen schlich sie nach.
Irgendwie fand sie zu der Wohnung, die sie mit ihrem Jungchen all die
Jahre innegehabt hatte. Ging durch die leeren Zimmer und sah auf dem
Schreibtisch eine Karte liegen, die die Portiersfrau hingelegt haben
mochte.
„Liebe Mutter! Wenn du mich hier besuchen willst, so komm, bitte. Ich
habe ein wenig Heimweh nach dir.“
Da -- mit einem Schlag alles verblaßt, alles vorbei, was sie so tief
erregt, was soeben noch heißer, brennender Schmerz gewesen war.
Wie wenn eine leise, müde Musik von einem brausenden Orchester übertönt
würde.
Der Junge rief, der Junge brauchte sie! Ihr armer, kleiner, zarter
Junge hatte Heimweh nach der Mutter.
* * * * *
Sie hatten ihn oft den Philosophen oder den Professor genannt; ob mit
Recht oder mit Unrecht, das lag nicht klar.
So ein Bub von sechzehn, siebzehn und achtzehn Jahren, der von Natur
still und im Äußern noch wenig ansehnlich ist, vergräbt sich oft in
sich selbst, nur weil er den rechten Ton zur Außenwelt nicht findet,
weil er schüchtern ist und den Bann, der ihn umfangen hält, nicht zu
brechen versteht.
Und solch eine Jungenseele ist oft so feingestimmt wie das zarteste
Saiteninstrument. Alles bewegt ihn -- beängstigt ihn -- bringt ihn
aus der Fassung. Überall wittert er Mißachtung, Hochmut, Spott. Es
braucht nur ein Erwachsener, ohne irgend etwas dabei zu denken, solch
blutjungen, kindlich aussehenden Menschen bei der Unterhaltung zu
übersehen -- irgend jemand kann vergessen, ihm beim Abschied die Hand
zu reichen -- gleich ist der Aufruhr da, gleich sagt sich so ein
aufbrausender Kopf: ‚Ich bin überflüssig -- ich bin ausgestoßen; es hat
gar keinen Zweck, daß ich lebe. Ich werde ewig mir und anderen zur Last
sein!‘
Und die Augen werden überernst, um den Mund kommt ein Zug, der etwas
Überlegenes hat und doch nur ein kindlicher Schmerz und Trotz ist. So
ein Bub mit schlechter Haltung, blassen Farben, tiefernsten Augen und
leicht ironischem Lächeln wird dann von irgend jemand eintaxiert! Man
will vielleicht der Mutter, weil man mit dem besten Willen von so einem
armen, halbflüggen Kerl nicht sagen kann: ‚Welch reizender Junge,‘
einen Trost geben und sagt: ‚Ihr Junge hat was Bedeutendes -- ein
Philosoph -- ein Professor! Sie werden sehen, es wird einmal etwas ganz
Außergewöhnliches aus ihm werden!‘
Und die Mutter, die ein wenig verzweifelt über den unansehnlichen, in
sich gekehrten, seinen Stimmungen unterworfenen Jungen ist, nimmt so
eine Prophezeiung gierig und mit tausend Freuden in ihrem Herzen auf
und redet sich ein: ‚Natürlich wird er etwas Außergewöhnliches werden!‘
und denkt an den Werdegang vieler großer, bedeutender Männer, die in
ihrer Jugend bleicher, einförmiger und stiller gewesen sind, als ihre
Kameraden.
Wie dem auch sei, das Jungchen -- Ernst ward er genannt -- war wirklich
etwas schwer und ernst und für seine Jahre zu trocken gewesen. Die
Schule, der Zwang, sich zu einem Beruf zu entschließen, obwohl es von
jedem einzelnen Beruf hieß, er sei überfüllt, und irgendein dunkles,
unbewußtes Drängen und Sehnen in ihm mochten ihn niedergedrückt haben.
Und das Schlußexamen, das Abiturium, das von Jahr zu Jahr schwerer
gestaltet werden sollte, um nur die ganz Befähigten noch zum Studium
durchzulassen, mochte ihn auch quälen.
‚Die Blödesten, die überhaupt nicht denken, die aber frech und gerissen
sind, kommen natürlich immer durch,‘ hatte er einmal der Mutter gesagt
und damit seine Angst verraten und sie selbst unsicher gemacht.
Ja, wenn der Bub Pech haben sollte und sein Abitur nicht bestand, dann
war wirklich alles verloren -- dann würde sie selbst nicht wissen, was
sie aus ihm machen sollte.
Sie lief zu seinem Lehrer, und der lachte sie aus. „Wenn ihr Junge
nicht besteht, dann müßte die ganze Gesellschaft durchs Examen sausen!“
Das sagte sie ihm und sah ein freudiges Lächeln in seinem Gesicht, das
ihn verschönte. Aber die Unsicherheit kehrte doch zu ihm zurück.
„Und wenn ich’s wirklich glänzend bestehe, Mutter, so oft ich darüber
nachdenke, wie alles in der Welt überfüllt ist, wie für jeden Beruf
Tausende da sind, die einfach entbehrt werden könnten, dann will mir
doch alles zwecklos erscheinen!“
Das verstand sie! Der arme Kerl litt darunter, das nicht irgendwo ein
Platz war, von dem es hieß: hier gehörst du hin! hier braucht man dich!
hier würde eine Lücke sein, wenn du sie nicht ausfülltest!
Darunter litt die ganze heutige Jugend, sofern sie nicht keck und
selbstbewußt oder mit reichen äußeren Mitteln ausgestattet war.
Und wenn sie in bangen Stunden an seine Zukunft dachte, so war es ihr,
als mache er den Versuch, auf winzigem Kahn zwischen großen, starken
Schiffen hindurch ins weite Weltmeer hinauszusegeln, bis dann wieder
die glücklichen Zeiten kamen, in denen sie überzeugt war, daß er ein
Überflieger, ein Auserwählter war, der seinen ganz besonderen Weg
machen würde.
Der kleine, ernste, schmächtige Ernst von Hiller hatte sich wirklich
mit etwas zu geringem Selbstvertrauen dem geheimnisvollen, großen
Leben, in das er nun bald eintreten sollte, genähert. Bis dann
plötzlich die Tore für ihn und alle, die seinesgleichen waren,
sperrangelweit aufsprangen, bis mit einem Schlage die große, weite Welt
in ganz anderer Beleuchtung vor ihm lag.
Auf einmal hieß es in Deutschland: Wir brauchen euch alle! Wer nicht
ganz schwach, nicht ganz unfähig ist, der komme und halte sich bereit,
für Deutschlands Ehre zu kämpfen. Alle, die ihr gestern noch Kinder und
Knaben war’t, heute müßt ihr Männer sein!
Und so, wie es verlangt wurde, so war es. Wie ein zu eng gewordenes
Kleid warfen sie die Kindheit ab, waren befreit aus dumpfem, haltlosem
Irren, aus tausend Ängsten und Grübeleien.
Man braucht uns, man braucht uns!
Ein einziger Jubel im ganzen jungen deutschen Volke! Eine
bebende Seligkeit, das jauchzende Bewußtsein, plötzlich aus der
Überflüssigkeit zu etwas Notwendigem geworden zu sein.
Und dann Schlag auf Schlag -- alles so brausend schnell, wie es die
Jugend liebt. -- Heute von der Reise zurück -- morgen das Examen mit
Rührung und Hochachtung von Seiten der bisher gefürchteten Vorgesetzten.
Alles fiel einem in den Schoß. Segenswünsche -- überschwengliches Lob
-- Bewunderung! Die Alten stellten die jüngste Jugend plötzlich auf ein
hohes Podest und sahen zu ihr auf.
„Ihr zieht aus! Ihr kämpft für uns! Gesegnete Jünglinge! Gottbegnadete
Menschen, die ihr eure erste Jugend so glorreich betätigen dürft!“
Wie das weckte! Wie das emporriß! Wie so ein blasses, schüchternes
Jungengesicht da Farbe und Feuer erhielt.
Alles vergessen, was noch vor Tagen der Inhalt des Lebens gewesen
war -- draußen, jenseits der Grenze wurden schon blutige Schlachten
geschlagen -- und man war noch nicht dabei, man lief noch in seinen
Zivilkleidern herum und suchte, suchte, suchte!
Ernst Hiller lief mit zwei Freunden durch Berlin. Das
Abiturientenzeugnis und die schriftliche Erlaubnis der Mutter, mittun
zu dürfen, trug er in der Tasche.
Von Kaserne zu Kaserne liefen sie. Ganz gleichgültig, bei welchem
Regiment, gleichgültig, ob zu Fuß, ob zu Pferd. Nur schnell sollte es
gehen -- schnell, schnell, schnell!
Aber zu Tausenden standen sie auf den Kasernenhöfen umher -- Stunden
und Stunden standen sie, um dann plötzlich zu hören, daß hier der
Bedarf gedeckt sei.
Weiter -- weiter! Und standen wieder unter Tausenden -- standen in
sengender Sonnenhitze, standen mit leerem Magen und spürten den Hunger
nicht. Nur genommen werden -- nur erst Sicherheit haben -- nur nicht
nach Hause müssen und sagen: „Ich habe nichts erreicht!“ -- Sie dachten
auch gar nicht daran, daß das gar nicht ging, daß das einfach ein Ding
der Unmöglichkeit war, unter Tausenden und aber Tausenden gleich an
erster Stelle herausgefischt zu werden.
Gedrückt, müd’, enttäuscht kehrte Ernst am ersten Tag zur Mutter
zurück. „Morgen wollen wir um fünf Uhr früh anfangen!“ sagte er. „Nur
wer gleich zu Beginn da ist, hat Aussicht, daranzukommen!“
Er aß mit abwesenden Gedanken -- eine große bange Frage lag in seinen
Augen.
„Laß mich noch ausgehen, Mutter! Ich halt’s nicht aus!“ Und war fort,
ehe sie ihn halten konnte, ehe sie fragen konnte, wohin.
Am späten Abend rief er sie in sein Zimmer. Jacke und Weste ausgezogen,
das Hemd von der Brust heruntergestreift. „Ob sie mich nehmen, Mutter?
Sie suchen erst die Kräftigsten heraus. Hol’ ein Zentimetermaß, bitte,
und miß, wieviel Brustweite ich habe!“ So ein schmales, zartes Kerlchen
stand vor ihr. Zitternd legte er sich das Maß um den Rücken und zog es
eng über der Brust zusammen.