Wang-lun: »Fressen werden die Haie euch.«

Wang-lun und Tang taumelten sich auf dem Floß mit geschwungenen

Ruderhölzern entgegen. Tangs Holz sank. Der Mann warf sich auf die Knie:

»Ich will ins Wasser springen. Verlangst du?«

Als der Fischer drohend verharrte, der Händler an den Rand des Floßes trat,

schwirrten die Kormorane an und der Knöcherne kehlte dem Händler zu: »Geh

an deinen Platz.« Einige Vögel fraßen die zappelnden Fische im Flug; die

Ruten pfiffen auf ihre Rücken; krächzend rissen die Kormorane die Schnäbel

auf, die Fische schnellten blutend in die Körbe. Die Strömung riß heftiger

an dem Floß; die Ruderer bremsten und rangen mit dem Wasser. Wangs Floß

drehte langsam bei zu der übrigen Flottille, die vor einer eben mit platten

Dächern auftauchenden Ansiedlung lag. Während sie mit den langen Stangen

sich gegen den Flußboden stemmten, schoß der lange Fischer unter seinem

ungeheuren Strohhut wilde Blicke auf die arbeitenden Händler.

Tang, der ihm am nächsten stand, rief er an:

»Wer hat euch auf mein Boot mitgenommen?«

»Du selber.«

Wang raste. Seine Steuerstange glitt seitwärts. Sie schwammen weiter.

»Ihr lügt, ihr seid allesamt Betrüger, Nichtstuer, Lungerer. Gesteht es

doch. Was kommt ihr zu mir Arbeit suchen? Euere Körbe sind halbleer. Seht

doch hin, wie die Kormorane schmausen, ihr Affen. Solche Leute brauche ich

nicht. O, solche Halunken mußten mir in den Weg kommen; es gibt hier so

viele tüchtige Leute.«

Er vergaß in seiner Wut völlig zu steuern, der junge Tang balancierte

heran, bückte sich nach der Steuerstange, wurde von dem Fischer an der

Schulter gepackt und hingeworfen. Triefend, wortlos schleifte Tang an

seinem Korb, fing an zu zittern.

Wang führte sie wieder langsam an die Flottille heran. Ein Gewitter war mit

blauem Wolkenschiefer, baßtief orgelnd, heraufgekommen. Die Wellen duckten

sich eigentümlich flach. Plötzlich keifte der gezüchtigte Tang, der die

Fassung zu verlieren schien:

»Wenn es doch herunterführe, alles zerschlüge! Es müßte alles zerschlagen,

ins Wasser gestopft werden. Das wünschte ich.«

Mit gläsernen Augen beobachtete ihn Wang:

»Du auch? Wir fahren an Land. So rasch geht nichts, Tang. Der Drache läßt

dich los. Das sind so ausgerechnete Geschichten, ich kenne das. Nichts

wünschen, nur nichts wünschen.«

In der Schenke, die sie in der kleinen Ansiedlung aufsuchten, stellte Wang

die vier als seine Landsleute aus Schan-tung vor. Wang, wie die andern an

einer Tasse Fleischbouillon hängend, vertiefte sich im Gespräch in die

Details einer verschimmelten lokalen Streitigkeit. Er spann sich in große

Behaglichkeit ein, erzählte von dem Vater seiner Frau, der ihm den

fettesten Teil seiner Maisfelder billig verkaufen wolle.

Ein alter Mann, Freund Wangs, steuerte das Floß am Spätnachmittag zurück

mit der Muskelkraft der vier Händler. Wang selber fuhr mit einem Nachbarn,

einem wohlhabenden Fischer, der ihn nicht losgelassen hatte.

Den Abend verbrachten die Fremden in dem alten Häuschen Wangs. Er

präsentierte ihnen seine junge Frau, ein kleines, lächelndes Wesen, das die

Fremden verwundert ansah, zweimal besorgt nach ihren Absichten fragte, sich

zurückzog.

Als Wang, der sie zärtlich bei den Händen herausgeführt hatte,

wiederkehrte, blieb er am Türpfosten stehen vor ihnen, die nebeneinander

auf der Bodenmatte hockten und Tee schlürften, streckte überkreuz die Arme

vor:

»Also?«

Da sie sich nicht regten, ihn nur anblickten:

»Ihr habt nichts mitgebracht? Schade.«

Die Arme sanken:

»Es wäre einfacher gewesen, mich binden und wegschleppen. Statt langer

Unterhaltung. Ihr seid aber sehr sicher. Es geht auch ohne Stricke.«

Die Matte raschelte, er saß vor ihnen, sie glucksten schweigend.

»Sagt mir nun eure Namen noch einmal, und woher ihr stammt. Erzählt mir

weiter gar nichts. Es ist nicht nötig.«

Sie nannten sich leise.

»Jetzt kenne ich euch. Ihr vier oder fünf kommt euch wohl sehr rühmlich

vor, daß ihr von Tschi-li durch Schan-tung, Kiang-su bis hier an den großen

Damm gedrungen seid? Ich bin auch einmal so nach Schan-tung gefahren.

Besonders du, Tang, machst ein schlaues Gesicht. Es ist eine rechte

Heldentat. Es liegt nicht daran, Tang, daß du den Eimer mit Chus Kopf da

bei deinem kranken Freund stehen gelassen hast. Der Wirt hat den Kopf schon

längst gesehen. Aber du verspekulierst dich, wenn du glaubst, ich bin nun

mit euch verraten und muß weg aus dem Hia-ho. So fängt man mich nicht, ihr

zahmen Kaninchen. Erzähl doch mal, du mit der lahmen Schulter, wie bist du

an die Wahrhaft Schwachen geraten?«

Einer der sprachkundigen Tschi-li-läufer, dem eine Schulter hing, verneigte

sich:

»Es fehlte mir in meiner Heimat nichts. Meine Sippe ist nicht arm. Du bist

ein großer Wundertäter.«

»Ja, ich weiß schon. Es ist richtig so. Als wenn ich Gift um mich gespritzt

hätte. Es geht immer so weiter. Nun redet doch. Wie kommt ihr euch also

vor, wo ihr so dasitzt? Ihr braucht keine Furcht vor mir zu haben. Ich bin

nicht verstockt wie mein toter Bruder Ma-noh war, als ich ihm zuredete. Wie

ich euch am Ufer hab stehen sehen, hab ich alles gewußt. Mein Schicksal,

mein ganzes Schicksal, das Schicksal meiner Frau. Ich hab euch erwartet,

ihr, seit Monaten gefürchtet! Weil mir alles entzwei geht. Gefürchtet, o.«

»Weiß Wang-lun,« fiel nach einer Stille Tang ein, »daß er das Brüllen eines

Löwen ausstößt, eines trägen Löwen, den man aus seinem Käfig jagt?«

»Für euch hab ich zu viel getan, so viel. Nicht einen Käsch gebt ihr mir

zurück. Ihr blitzt mich nur mit solchen Worten an, feilt an mir herum. Ihr

grabt mich aus. Ihr wollt mich nach Tschi-li ziehen, damit ich an der

richtigen Stelle geopfert werde, oder nach Schan-tung. In Tsi-nan-fu muß

ich geopfert werden. Was macht ihr für Wesen um die Dinge. Wie viele hat

der Kaiser Khien-lung von euch wieder morden lassen? Sagt rund tausend,

zehntausend, zwanzigtausend. Ihr werdet gar nächstens noch Menschen zählen,

ein paar mehr, ein paar weniger. Die Weiber auf den Schiffen drücken alle

Tage einem kleinen Wurm den Schädel ein, darum werde ich nicht behelligt,

darum wandert keiner von euch nur von hier bis an den Ofen. Es ist gleich,

es bringt mich in Wut, was der Kaiser macht oder die Weiber machen oder das

Darmfieber macht, es geht mich nichts an. In keinem Buch steht, daß man

mich auch totschlagen soll, wenn zehntausend, hunderttausend in Tschi-li

totgeschlagen sind. Was lauft ihr mir wie Gespenster nach? Ich bin euch

nichts schuldig. Ich kann nichts, ich kann nichts dafür.« Es war ganz

dunkel. Auf dem Fußboden saßen sie mit baumelnden Köpfen, erkannten sich

nicht.

»Was habe ich schon alles geopfert, was hat man mir weggenommen? Ja, zu mir

kommen sie mit solchen Sachen. Mit erwürgten Freunden. Mit abgedrehten

Köpfen. Als wenn ich eine Jahrmarktbude, ein Schaukabinett wäre und sie

mich füllen müßten. Ich bin froh, daß Vater und Mutter tot sind, sonst

liefen der und der hin und schlügen sie rasch tot, brächten mir ein bequem

transportables Bein, ein eingesalzenes Gesicht, ein sauber verpacktes Stück

Brust von meiner Mutter. Um mich zugänglicher zu machen. Das ist mein Los.

Ich weiß schon. Ich werde euch folgen. Eine Frau hab ich, ein Gut,

Baumwolle, ein Floß, man ehrt mich. Man hat mir einen versalzenen Kopf im

Eimer vorgesetzt und daran muß ich fressen und alles hier lassen.«

Wang tappte im Zimmer herum. Ein Feuerzeug schlug an, die kleine Öllampe

brannte oben auf dem Ofenbett. Wang tappte weiter, sackte neben sie, einen

langen bastumwickelten Gegenstand über den Knien. Als er den Bast

abgehalftert hatte, blitzte das lange blanke Schwert. Sie duckten wieder

rasch die Köpfe. Wang-lun wiegte den Gelben Springer in den Armen.

Am nächsten Morgen fuhren die Karren in der ersten Frühe aus der Herberge,

der Natternfänger hinkte und ließ sich stützen, sie verließen das Dorf nach

Norden. Hinter dem Dorf holte den langsamen Zug der fünf Händler die große

gebückte Gestalt im Strohhut ein.

Wang-lun fauchte, warum sie heimlich aufbrächen, so daß erst der Wirt

jemand schicken müßte, um ihm die Reise seiner Landsleute anzuzeigen. Die

Händler sahen sich bedrückt an, der mit der schlaffen Schulter schniefte

unter der Nase:

»Wir haben uns geschämt. Es tat uns leid, daß wir hergekommen sind. Wir

wollen an dem nicht schuld sein, was du gesagt hast.«

»Wir sind Brüder,« gab Tang von sich, »wir wollen dich nicht zwingen.«

Wang-lun drängte an Tang, überfuhr ihn mit Zorn: »Ihr seid feige, ihr

schämt euch, wollt nicht schuld sein! Warum nicht?«

»Was nützt das Schimpfen?«

»Kaum hab ich euch angeblasen, seid ihr fortgelaufen. Ihr seid Boten. Man

flüchtet nicht, sag ich euch, und man fürchtet sich nicht. Warum denn nicht

zwingen, du Schlaukopf, warum denn nicht schuldig sein? So sehen meine

Wahrhaft Schwachen aus! Wahrhaft, wahrhaft Schwache!«

Wang-lun drängte sie zum Weiterfahren, man könnte sie im Morgengrauen vom

Dorf sehen. Sie erlebten an dem letzten Wegstein zum Dorf Wangs

Abschiedsschmerz; er schied von dem Land, von seiner Frau. Dann fuhren sie

getrennt, Wang-lun mit Tang. Wang war nicht mitteilsam; mit Laufen,

Verstecken, heimlichen Einkäufen und Betteln von Reis, Melonen und Wasser

wurden die Tage zugebracht. Tang konnte den Eindruck nicht verlieren, daß

er einen Gefangenen mit nach Tschi-li brächte. Wang, der öfters nachts

leise mit sich sprach, schien sich herumzuschlagen mit sich und sich

niederzuhalten. Auffiel dem klugen Tschi-li-läufer, daß das einzige, was

sich der unheimliche Mensch immer wieder erzählen ließ, brünstig, gierig

danach schnappend, Bluttaten der Ili-Truppen waren, grausame Mißhandlungen,

Quälereien der Brüder, daß er sie mit Vergnügen einsog. Bruchstücke solcher

Erzählungen hörte Tang ihn sogar nachts sich vorsprechen. Der junge Händler

fühlte sich neben seinem Begleiter seines Lebens nicht sicher. Vorwürfe

ließ Wang gelegentlich gegen ihn los und beteuerte grimmig, daß er sie

schon lange mit Grauen erwartet hätte. Aber sie sollten ihn haben. Sie

sollten ihn haben. Vor sich jammerte der junge Händler, was er angerichtet

hatte, überlegte wegzulaufen, aber es war augenscheinlich, daß Wang-lun ihn

beobachtete. Er wagte nicht, den Fischer zu fragen.

Bis sich diese Spannung zwischen ihnen jenseits des Hwang-ho langsam löste,

wo Wang anfing, sich für die Bewohner zu interessieren, Wettläufe mit Tang

anstellte und nachdem er sich in den gelben Brokatmantel eines taoistischen

Wanderdoktors geworfen hatte, mit einer eigentümlichen Heiterkeit

stolzierte. Sie genossen den Frühling, den angehenden Sommer. Die freie

Stimmung erstarb bei Wang, eine Unruhe, Ungeduld schmachtete um ihn. Je

näher sie den Bergen Schan-tungs kamen, um so weniger konnte er sich

beherrschen. Er riß sich hinter einem Dorf das Taoistenkleid ab, zog sein

graues, zerrissenes Bettlergewand mit Ausrufen des Glücks an; sein Schwert

hing ihm an einem Seil um den Hals. Er fragte unermüdlich seinen Gefährten

nach den Ereignissen der letzten Jahre aus, forschte in den Dörfern.

Nachdem er schon halbe Tage den heimkehrenden Tang allein gelassen hatte,

verschwand er vor Tsi-nan-fu völlig. Nur den Auftrag hatte er Tang

hinterlassen, er möchte überall bei den Brüdern und Schwestern verbreiten,

daß sie sich nicht verlieren sollten. Es würde ein Umschwung eintreten.

* * * * *

Wang lief wie vor Jahren die harte Kohlenstraße von Schan-tung.

Rauchsäulen, dunstige Pfeiler in der Luft. Welliger Boden; auf der nackten

steinernen Ebene die große Stadt Po-schan. Chen-yao-fen hatte den Besuch

Wang-luns lange erwartet. Den Kaufmann hatte das Unglück in der

Mongolenstadt mit ungeheurer Ehrfurcht vor seinem ehemaligen Gast erfüllt.

Während des Winters und bis zuletzt fanden Beratungen der Häupter der

Weißen Wasserlilie statt; ungeteilt war die Empörung über die Maßnahmen des

Kaisers, der den fremden Lamaismus begünstigte und die volkstümliche

Bewegung mit Waffen niederschlagen ließ.

Als Wang-lun sich durch die Hintertür des Hauses drückte und neben dem

Altar hinter dem Wandschirm hervorkam, schlang Chen-yao-fen seine Arme um

die Schultern des großen lumpenbekleideten Bettlers und preßte ihn an sich.

Wang fragte, ob sie allein wären und ob er nicht die andern holen wollte.

Der Kaufmann gongte. Sie saßen in der Halle unter der gefelderten Decke, an

der eisengetriebene Vögel und Drachen die Lampen und Laternen hielten. Der

Bettler wies den Tee zurück, zeigte dem Kaufmann, seinen Mantel

zurückschlagend, mit stolzer Mimik den Gelben Springer. Chen, das Schwert

anhebend und mit einem Blick auf die eingelegten Schilder, erzählte von

einem Offizier, der angab zu den kaiserlichen Bannertruppen zu gehören,

viermal selbst in Po-schan erschien und bei Chen sich nach Wang-lun

erkundigte. Er nannte sich Hai, wollte Oberst eines Kavallerieregiments

sein, ein äußerst höflicher, hagerer Mann mit hängendem Kinn- und

Knebelbart. Wang fragte erregt weiter. Ja, der Mann nenne sich auch die

Gelbe Glocke, er hätte Chen beschworen, sich Wangs anzunehmen, der

wahrscheinlich verzweifelt über den Tod Ma-nohs herumirre, und ihn in eine

bestimmte Kaserne nach Pe-king zu wenden, wo Hai sein Jamen hätte. Chen

hätte zwar alles versprochen, aber nichts begriffen, da der Mann sich

ausschwieg und vielleicht ein Spitzel war. Von Wang aufgeklärt wanderte

Chen, die Arme verschränkt, auf den Teppichen. Er war verblüfft; das

Gesicht der ganzen Sache veränderte sich. Auch Wang-luns Augen glitzerten.

Die Sänften hielten vor dem Haus; die Vorhänge rauschten. Verwunderung der

reichen Kaufleute beim Anblick des zerlumpten Mannes, den sie nicht

erkannten, dann freudiges Händeschwenken und Geflüster.

»Luft!« schrie Wang, »Luft, Luft!« und umarmte Chen, der mühsam an sich

hielt. Mit großer Kälte sprach Wang vor den zwanzig eleganten Herren, die

ihn in einem Gemisch von Grauen und Ehrfurcht anschauten; sie traten vor

ihm zurück. Naive Wendungen gebrauchte er; er äußerte seine Absicht, es

nicht beim alten bleiben zu lassen, er brauche Geld, um Männer zu bewaffnen

und zu bezahlen. Das sei schmählich, aber es werde aufgenötigt. Seine

Brüder und Schwestern hätten vielleicht nicht Gewöhnliches, Überliefertes

getan, aber ihre Ausrottung wolle er nicht ansehen. Das dürfte die Weiße

Wasserlilie auch nicht. Sie hätten Schutz versprochen; jetzt komme er, um

ihn zu holen.

Die Herren fragten. Man schwankte, ob man alle Saiten spielen lassen sollte

und den glimmenden allgemeinen Volksaufstand anfachen. Der Anlaß war zu

klein, die ganze Angelegenheit betraf nur zwei nördliche Provinzen; der

ungeheure Süden wußte nichts. Man wollte wagen, was sich wagen ließe. Der

Kaiser Khien-lung hatte Bewunderung, nie Sympathien gehabt; mit der

Begünstigung des Lamaismus, den furchtbaren Verfolgungen hatte er Haß

gesät. Die Feigheit, Besorgtheit der Kaufleute war längst zurückgetreten.

Chen, von Wang mehrfach unterbrochen, gab die Besuche der Gelben Glocke und

ihre Bedeutung preis. Man faßte sich bei den Schultern, Zöpfen, umdrängte

Chen.

»Die Mandschus vertreiben«, wurde geflüstert. Das Geschlecht gezeichnet,

der Kaiser halb irr, die Söhne verbrecherisch, ohne Ehrfurcht.

»Die Bannertruppen fallen ab«, rief man sich lachend zu. Was für ein Hohn

für die Provinz, die bluttriefenden Totschläger vom Ili vor die Stadttore

zu stellen. Der Kaiser liebt das Volk nicht.

Eisig fuhr es den Herren in die Glieder, als Wang in schwerer Bewegung

erklärte, daß die Wahrhaft Schwachen selbst sich beim Beginn der Kämpfe

bewaffnen würden; es sei für die Anhänger des Wu-wei Notwendigkeit da, sich

des Schwertes zu bedienen. Sie müßten alle ihre Reinheit und Hoffnungen wie

schöne Kleider und Weihrauch auf einen Altar von sich entfernen und vor ihm

opfern. Kaiserliche Truppen müßten sie opfern, die letzte Dynastie, sich

selbst; es bliebe nichts übrig. Als Wang dies hervorbrachte, sahen die

Herren von ihm weg, beherrschten sich mühsam.

Chen gestikulierte im Gespräch. Ringgeschmückte Hände, warme Luftwirbel,

Tuscheln. Wang atmete heftig, seine stark gefältete Stirn zuckte. Die

Herren sollten beraten, ob sie ihm Geld geben wollten für Waffen und

Soldaten. Ihre Anhänger an seine Seite neben die Wahrhaft Schwachen

schicken. Man könne nicht wissen, wie es ausginge. Sie selbst sollten nicht

zu viel dran setzen, damit nicht alles für später verloren sei, wenn es

nicht gut verlaufe. Mit heftiger Stimme, die tief hinter der Brustwand

hervorschwoll, endete er: nur zusehen könne er nicht mehr, seine eigene

Aufgabe sei ein für allemal festgelegt; rasch, in ein paar Tagen müßten sie

sich entscheiden, damit die Sache noch vor Beginn des Winters zum Austrag

gebracht würde. Wieder wurde das Gespräch auf die Gelbe Glocke gelenkt.

Chen zog Wang beiseite an den großen Wandschirm. Flüsternd saß man um die

Tischchen, kauerte in den Ecken.

Der Ausgang der durch zwei Tage geführten Unterhaltung war:

Vertrauenspersonen, deren Namen Wang-lun genannt werden, erhalten

Anweisungen, ihm jede geforderte Summe aufs rascheste bereit zu stellen;

der Einfluß der Weißen Wasserlilie in den nördlichen Provinzen wird

mobilisiert, die Gilden zu aktiver Beteiligung bei ausbrechendem Kampfe

angewiesen; Aufruhrpläne für die einzelnen Städte sind rasch zu entwerfen;

wo Beteiligung nicht tunlich oder sinnlos ist, muß von Fall zu Fall

entschieden werden. Man riet, jeweils die Situation zu benutzen, um

mißliebige, ungerechte, bestecherische Mandarine zu beseitigen.

In der Hitze staubte Wang-lun die Kohlenstraße zurück, das Gebirge, das ihn

schon oft verborgen hatte, nahm ihn auf; als die Ebene von Tsi-nan-fu

aufschimmerte, hatte er keinen Blick für sie, lief achtlos nach Nordwesten;

Schafherden, Kao-liangfelder, Reismühlen, ausgetrocknete Kanäle,

Truppenpatrouillen. Kein Bettler auf den Landstraßen; gefangen, erdrosselt,

in Städte verdrängt. Keine Brüder, keine Wahrhaft Schwachen! Das Bündnis

mit den Geistern des Wassers, des Bodens, der Bäume aufgehoben, alle ohne

Gnade zum Verwelken zwischen die Lehmmauern getrieben!

Wang reiste noch als taoistischer Doktor mit dem unruhigen Tang durch

Kiang-su, als die Gelbe Glocke, auf der Suche nach Wang-lun an Ngoh

gewiesen, mit seinen beiden Dienern in Ho-kien einritt und im Sippenhaus

einer befreundeten Familie Wohnung nahm. Die beiden gewandten Diener, ihrem

großmütigen Herrn unbedingt ergeben, in der Frühlingsluft auf den Plätzen,

an der Mauer herumtreibend, stöberten den ehemaligen Hauptmann auf, der

Turn- und Schießlehrer einer Gesellschaft städtischer Beamter geworden war,

im Hause eines höheren Revisors unbemerkt lebte. Ngoh, verschlossen, schon

halb von der Wu-weisache abgefallen, saß mit der Gelben Glocke an vielen

Abenden in einem Pavillon des Revisorgrundstückes. Die Gelbe Glocke

erklärte, für den Fall, daß Wang-lun nicht bald auftauchte, zusammen mit

Ngoh den Widerstand gegen die Regierung organisieren zu wollen. Er könne

für seine Regimenter, denn es hätten sich schon andere Offiziere

angeschlossen, bürgen; die Organisierung der Volksmassen müsse einem andern

überlassen bleiben.

Ngoh, lange lau, unter der Erinnerung an Wangs Abschied leidend, gesundete

unter der ruhigen Entschiedenheit der Gelben Glocke. Als die Gelbe Glocke

auf seinem Schimmel durch das Stadttor hinausritt, von seinen Dienern

gefolgt, Ngoh neben dem Schimmel schreitend im schwarzen Bürgerkittel,

schlossen sich ihnen Bettler, Brüder an, die den vermißten Ngoh stürmisch

begrüßten und klagten. Die Gelbe Glocke, in Erinnerung an Ma-noh und die

schöne Tote Liang-li, wandte tränend den Kopf ab, dann rief er die Bettler

leise an als Brüder. An dem Hügel, den der tobende Wang-lun in seinem

Schmerz um Ma-noh heruntergewälzt war im Schnee, vermochte Ngoh nicht

vorüber zu gehen; er verabschiedete sich von der Gelben Glocke, der sich in

den Bügeln aufrichtete, mit seinem langen Säbel grüßte, davon trabte unter

weiß blühenden Bäumen.

In Ho-kien verbargen sich Massen der Wahrhaft Schwachen; die Weiße

Wasserlilie herrschte. Ngoh sprang hetzend an.

Die Gilden der Ölhändler, der Lastenträger und Schmiede besaßen ein

gemeinsames Klubhaus in der Stadt. Das unansehnliche Gebäude, mit

Restaurationshallen, kleinem Theatersaal, nahm in zahllosen Zimmern die

werktätigen Menschen auf, die aßen, sprachen, sich abtrennten, schliefen,

Musik hörten, rauchten. Das Gerücht von Wang-luns Wiederauftauchen schlug

ein. Zwischen die Mitteilungen von Truppenbewegungen unter Chao-hoei

schwirrten die Aufforderungen des Schan-tungkomitees, keine

Truppenübergriffe zu gestatten. Im Klub schrie man sich an. Ein alter

Schmied, dem sein kleines ländliches Besitztum bei der Stadt Lint-sing

verbrannt war, schüttelte in einer abendlichen Beratung stöhnend die Arme,

verfluchte die Dynastie, verglich sie einer Schmarotzerpflanze. Li hieß der

angesehenste der Lastenträger, ein robuster gerader Mann, der zu den

Wahrhaft Schwachen gehörte, seit dem Sommer der Gebrochenen Melone in der

Stadt wohnte. Während der Beratung kam ein junger Mensch aus seinem

Nachbarhause in das lange Zimmer, hielt sich keuchend die Hand vor den

Mund, berichtete stoßweise mit verstört geisternden Blicken, die Herren

sollten aufpassen: Polizisten mit einer Rotte Soldaten durchsuchten das

Haus, in dem Li bei Sippenverwandten gewohnt hatte; der Lastenträger selbst

--. Als der junge Mensch hier nicht weiterkam, die zusammengedrängten

Arbeiter über ihn herfielen, der Schmied ihm den Rücken klatschte, machte

der atemlose verwirrte eine Handbewegung nach seinem Halse.

Da schlichen schon zwei ältere Gildengenossen herein, sperrten die Tür ab,

japsten, Li sei ergriffen worden; Polizisten seien von Soldaten begleitet,

die den Kopf Lis in einem Käfig auf ihren Lanzen trügen; die

Sippenangehörigen des Toten würden eben ins Gefängnis transportiert. Der

junge Mensch nickte weinend. Das flüsternde Durcheinander nahm ein Ende,

das Durcheinander von Furcht, Wut und Drohung: jeder wollte in sein Haus.

Li war auf die Nachricht von Wang-luns baldigem Eintreffen aus

südwestlicher Richtung dahin aufgebrochen, mit zwei langen Messern und

einem versteckten Dolch; als Bettler an einer Soldatenrotte vorbeigehend,

nicht weit von der Stadt, fiel er durch seine Ruhe auf; sie stellten ihn,

er gab Auskunft über Person, Wohnort; das weitere verlief wie bei dem alten

Chu und zahllosen anderen. Nach Zugehörigkeit zu den Wahrhaft Schwachen

gefragt, meinte er, er sei Bettler und ginge seinen guten Weg; angefaßt zur

Durchsuchung setzte er sich zur Wehr, kam rasch um, sein Kopf kehrte nach

Nordosten zurück.

Der Soldatentrupp lagerte in einem alten Regierungsjamen innerhalb der

Mauern. Die Nachtwächter trommelten die erste Nachtwache; die

Gildengenossen hockten in dem langen Zimmer des Klubhauses bei verhängten

Fenstern. Als einer auf das verabredete Klopfen die Tür öffnete, wand sich

ein einzelner schlanker unbekannter Mann herein, wurde rasch festgehalten;

man leuchtete ihm ins Gesicht, das berußt war; es war Ngoh. Mehrere

pfiffen, was er hier suche; seine Wühlereien in befreundeten kleinen

Genossenschaften waren bekannt. Er bat höflich um Schutz; er fürchte sich,

da der Revisor ihn gewarnt hätte und er warne sie selbst; es verlaute, daß

man in der Stadt auf größere Truppenmassen warte, um über verdächtige

Gilden zu fallen. Die Ängstlichen, um den niedrigen Tisch mit Teetassen

gehend, riefen, er brauche sie nicht zu warnen; was er hetzen wolle?

Ngoh entblößte seinen rechten Arm, zeigte drei große strahlige Brandnarben,

die ihm Ma-noh beigebracht hatte auf seinen Wunsch:

»Meine Arme sehen nicht schön aus. Erst habe ich dies als Male meiner

eigenen Befreiung aufgefaßt; jetzt als Male meiner Fesselung. Wenn ihr mich

schimpft und wartet, werdet ihr andere Fesseln tragen, liebe Herren. Die

Fasane schreien, die Leoparden, Löwen brüllen; ihr wißt schon, welche

Goldfasane ich meine; die Panther von Chao-hoeis Soldaten, die

Literatenlöwen. Aber schimpft!«

»Du warst selbst Panther! Sieh deine Hände; so weiche Finger hat keiner aus

dem Volk!«

»Warum bist du aus deinem Käfig ausgebrochen, Ngoh?«

»Er glaubt er ist besser, als die Soldaten drüben.«

»Schimpft nur, ich will die Male nicht beflecken, indem ich sie von euch

begaffen lasse. Wenn ich Panther bin, seid ihr Hunde und Katzen. Es tut mir

leid, daß ich euch gestört habe. Oder: Hunde ist zu gut gesagt; Hasen,

Bohrwürmer, Maden.«

»Hetzer!«

»Es scheint, als ob hier nur Schreihälse und Männer ohne Leber sich

vordrängen.«

Der Schmied streifte Ngohs Ärmel auf:

»Haltet die Mäuler! Ich nehme mir solch Mal, drei Brenner untereinander.

Ihr Schreihälse werdet am Arm kein Mal gebrauchen; man wird euch schon die

Stirn brennen und die Köpfe abschlagen.«

»Was nutzen die Vorwürfe, Schmied? Wie sollen wir uns helfen? Wir werden

nicht über die Truppen herfallen, damit es mit uns eins, zwei, drei hopp

geht. Der Heuchler, Hetzer!«

»Er ist ein Narr, ein Fopriester!«

»Er hat Li verführt; jetzt kommt er und prahlt mit seinem Kopf.«

»Laßt mich sein, was ich will. Ihr seid nicht meine Brüder.«

Einer sprang besessen um den Tisch und klatschte in die Hände: »Wir wollen

nicht deine Brüder sein, wir wollen nicht deine Brüder sein. Hört ihn nicht

an, werft ihn heraus, er ist gefährlich, er bringt uns alle, alle ins

Unglück. Ich habe einen Vater und drei kleine Kinder!«

»Ngoh soll reden, was er zu reden hat. Ngoh, sprich los.«

»Brüder, ich steh hier, ich geh nicht hinaus, bring euch nicht ins Unglück.

Löscht das Licht aus; man erkennt Schatten von draußen.«

In das finstere lebendige Zimmer sahen die zwei kleinen quadratischen

Papierfenster, die der weiße Mond beschien, als erschrockene Augen hinein.

Scharren, Murren an den Wänden.

»Er bringt uns ins Unglück!«

»Ich halte eure Schimpfworte aus, weil ihr mir leid tut. In ein paar

Wochen, Monaten wird alles geschehen sein. Wang-lun ist unterwegs; die

Weiße Wasserlilie, euer Bund, hat euch aus Schan-tung benachrichtigt, was

geschehen wird. Man hat euch den Halskragen noch nicht übergeworfen; eure

Häuser stehen noch. Jetzt liegen schon die Soldaten in der Stadt. Ich

spreche doch nicht erregt, wie ein Verführer. Wir Wahrhaft Schwachen finden

unseren Weg ohne alle Hilfe; wir können ihn nicht verfehlen.«

»Träume nicht, Ngoh; sprich weiter, weiter.«

»Von unserem Westlichen Paradies will ich euch nichts erzählen. Die

Wahrhaft Schwachen sind nicht süchtig nach dem schwarzen Fluß, man soll uns

nicht wie Unkraut totschlagen dürfen. Ich kann von keinem Feind reden; aber

wenn es einen gibt, so haben wir einen gemeinsam. Und darum spreche ich zu

euch; und darum müßt ihr mich anhören, denn euch liegt am Leben, an Eltern,

Söhnen.«

Der Schmied zischte: »Es ist keine Gerechtigkeit für uns niedrige Menschen,

keine Gerechtigkeit. Es gibt keine Götter, die auf uns hören, nur die

Spione des Totengottes; alle sind auf uns los: der Kaiser ist der Sohn des

Himmels, alle Geister der Städte und Mauern, Flüsse, Äcker sind ihm

untergeben. Freut euch doch, daß Gewalt kommen soll gegen die Verräter des

Bodens. Ich freue mich, seht ihr!«

Ngoh klapperten die Zähne: »Wir sind aus der Bahn geworfen; wir können

nicht unsere Brüder und Schwestern meucheln lassen. Wir wimmern alle und

jammern, wie ich es tue. Ich bin kein Hetzer; ich bin traurig, weil ihr das

glaubt von mir. O was tut ihr, daß ihr uns fortstoßen wollt! Wie soll ich

das Blutbad mit ansehen, das man anrichten wird unter uns und euren

zahlreichen Sippen. Habt ihr von Ma-noh gehört? Schweigt doch nicht, hört

den Schmied; war euch Li nicht lieb, dessen Geist jetzt hier an der Türe

huscht? Ich bring euch kein Unglück; von Eltern, Ahnen, Ehren hab ich mich

losgesagt; glaubt ihr, ich hab das für nichts und nichts getan? Ihr seid

erbarmungslos, sinnlos, ich bin nicht anders. Ich reiß die Türe auf, ich

reiß das Papier von den Fenstern ab und schreie auf die Straße: daß ich

Ngoh bin, der ehemalige Hauptmann der Kaiserlichen Garde, dem der Kaiser

ein Pfefferminzsäckchen verliehen hat, daß ich ein Freund Wang-luns, des

toten Ma-nohs, des erschlagenen Lis bin, hier im Gildenhause sitze,

verlassen von den Gilden, die zu mir halten sollten, aus Feigheit nicht zu

mir halten. Ich schreie es über die Straßen, daß die Geister, böse,

ruhelose Seelen, im Straßenkot zwischen den Ästen es hören. Sie haben

keinen Platz auf der Erde wie wir Wahrhaft Schwachen, keine Schonung,

keinen guten Blick, keinen Weihrauch, sie werden mich hören. Helft mir,

helft mir, böse, liebe Geister!«

Und schon sprudelte er die Namen der verruchten Dämonen heraus, deren

Nennung schon den Tod bringen kann; gleichmäßig bewegte der alte

Dämonenbezwinger den Kopf hin und her, rief die unseligen Namen. Ängstlich

drängten sich Gildengenossen in den Ecken zusammen, stopften sich die

Finger in die Ohren, rangen die Hände. Dem Schmied riefen sie zu, er soll

den Ngoh binden, in eine Kammer sperren. Der Schmied und Ngoh flüsterten

zusammen. Gemeinsam scharten sich alle plötzlich um die beiden, hockten

hin, flüsterten, Pupillen und Nüstern weit in Erregung über den

Geisterherrn. Ngoh, wieder langsam atmend, starrte vor sich, verbeugte

sich.

Am Marktplatz stand das prächtigste Haus des ganzen Viertels, der Tempel

des Stadtgottes. Zwischen Läden und Buden war es eingebaut; weit war das

Hinterland, ein Park mit schönen Blumenanlagen und einem Treibhaus.

Ungeniert warfen die Markthändler ihren Abfall und Kehricht vor der

hölzernen rotbemalten Torhalle auf; bisweilen konnten Gaukler so hoch

springen, daß sie mit der Hand die grünen Büschel der hängenden Lampions

berührten. In Herden trieben sich die Bettler und blinden Musikanten

zwischen den beiden steinernen Löwenhunden zu den Seiten des Eingangs

herum; die grauen Tiere, deren Augen gleich Eiern hervortraten, hielten

ihre Schwanzhaare gesträubt, wie einen Fächer der eine, wie einen

entfalteten Pfauenschweif der andere. Die hohen Doppeldächer schwangen sich

wie Schiffskiele; von ihren schwarzen Rippen blitzten herunter die

gepanzerten Reiter, die Hellebarden, die geschwungenen Schwerter und

Dolche. Auf dem höchsten Dachfirst trabte ein silberner Krieger zwischen

zwei schildbewährten Bogenschützen, die herunterzielten. Durch die Torhalle

schoben sich die Menschen; drängten sich zu Theatervorstellungen auf dem

Tempelhof. Barbiere rasierten in dem Durchgang, Narzissenverkäufer

schrieen; Straßenreiniger, öffentliche und private, gingen auf und ab,

sammelten mit Harke und Schippe den Kot; bestaubte Kinder spielten

Ziegelwerfen.

Vor der Gebetshalle inmitten des riesigen Hofes stand allseitig frei die

Bühne. Über sie hatte der Erbauer jeden Pomp gehäuft, den Glanz

hochgetrieben gegen die gehaltene Pracht des Tempels; sie erhob sich vom

Boden wie eine Tänzerin, die mit ihrem gerundeten Blick die Welt zum

Verschwinden bringt. Acht glatte Holzpfeiler warfen das Dach hoch, dessen

vier Kiele, gewaltsam nach oben gezerrt, über der Traufe endeten, als

sollte die Bewegung, die von oben lautlos herunterrollte, mit einem Anprall

wieder in die Höhe. Rotblaue Puschel, Fähnchen, Glocken von der Traufe.

Über die schwarzen Dachrippen trappelten die weißen Pferdchen, klirrten die

metallenen Behänge, Rüstungen der wilden Kämpfer. Dicht unter das Dach

kroch ein Tier pfeileraufwärts, schmiegte sich mit gestrecktem Bauch an,

dicht unter dem Dach lockerte es die schillernden Flügel, grub den weißen

Schnabel in das Holz, rotgold glitzernde Rücken: Vogeltier, der Phönix.

Erst jenseits der Bühne, so hoch, daß sich sein Dachfirst nicht vom Hof

blicken ließ, ragte der Tempel. Nicht breitbeinig wie ein Bauer, sondern

sein Geheimnis war, daß er dem buckligen Zikadenfänger glich, von dem

Liä-dsi erzählte: er balancierte Erdkügelchen auf der Leimrute; als er fünf

Kügelchen nebeneinander halten konnte, war er reif und konnte die Zikaden

nur so abpflücken, hielt seinen Arm wie einen dürren Ast, seinen Körper wie

einen Baumstrunk; sein Wille hatte sich ohne Zerteilung verdichtet.

Machtvoll stand der Tempel, hörte nicht die Musik der Spieler, er verhehlte

die Bewegung des Stolzes, ließ spöttisch wenig Licht fallen in die

Versammlung der Geister, Götter, die er deckte. Das Unglück lag über ihm.

Die hölzerne Bildsäule des Stadtgottes, vor einem Monat noch reich

bekleidet, im Besitz eines Siegels, lehnte geschändet in dem Dunkel des

Raumes. Man hatte einen Unwürdigen zum Stadtgott gemacht; als die Unruhen,

Überfälle, Feuerbrünste kamen, ließ ihn der Magistrat nackt ausziehen, zur

Verschärfung der Strafe vor die Torhalle schleppen, Ketten um den Hals

hängen. Als sich Ruhe einstellte, fuhr man ihn wieder an seinen Platz,

bekleidete ihn mit billigen Kitteln und Röcken; geschwärzt vom Sonnenlicht

und Anwürfen schwieg er in dem totenstillen Raum. Keiner der vielen bunten

Gehilfen, die ihn umgaben, seine Sekretäre, Spione, Henker, Spitzel,

Polizisten zweifelten daran, daß der zerquälte, willensstarke Gott bald das

Äußerste wagen würde. Einen Dämon hatte sich die Stadt gezüchtet.

Und dicht neben dem Eingang zum Tempel lag der Geheimeingang des großen

Pfandhauses, das den Gilden, Geheimbünden zu Beratungen diente. Die

Rebellen fanden den Ort neben der Wohnung des Beschützers der Mauern und

Wallgräben am sichersten. In dem langgestreckten niedrigen Speicher

stapelten Wohnungseinrichtungen, Kleiderballen, Theatergarderoben,

Schmucksachen, Sänften dicht gereiht. Aus Ballen und Kisten stieg ein

öliger Geruch. Hier liefen durch viele Tage nur Ratten und Mäuse. Am

dritten Tage nach Ngohs Besprechung im Gildenhause hockten hier, es war

nach Ende des Marktes, schweigend und wartend mehr als dreihundert

Menschen. Sie saßen überall herum; meist gewöhnliche Trachten. Grüße,

Winke, sonderbarste Posituren; fast alle kannten sich, Ausschüsse der

führenden Genossenschaften, Brüder, Schwestern der Wu-weisekte, der

verschlossene Ngoh. Der Schmied rief gedämpft einen weißbärtigen Mann an:

»Will der alte Lehrer den Gästen nicht sagen, was sie hören möchten?«

Die wohllautende Stimme des Lehrers:

»Laßt euch ehrerbietig grüßen. Der kenntnislose Knecht wagt nicht, euch zu

belehren. Sein wackelnder Kopf weiß nichts mehr. Danken will der halb Tote,

daß er euch alle sehen durfte!«

Viele setzten sich um ihn; man schob ihm eine niedrige Leiter zu. Ngoh

verneigte sich tief: »Der alte Herr möge uns belehren«; andere riefen

dasselbe. Der Lehrer lächelte nach allen Seiten, pappelte mit dem zahnlosen

Mund, er trippelte zwei Stufen hinauf:

»Ich bin aus dem Dorf in Schan-tung, wo der Weise Lo-hwai geboren ist. Er

ist unser großer Lehrer; diesen Schuppen mit Kleidern, Ballen hätte er

recht gefunden für eine fromme ernste Zusammenkunft. Große Mächte und

Kräfte gibt es; aber, ob ihr dem Wang-lun folgt oder ihm nur Freunde seid,

wißt ihr, daß wir keine tausend Buddhas wie die Bonzen und Fopriester

anbeten, den Taschi-Lama und den Dalai-Lama überlassen wir dem Kaiser

Khien-lung. Unser, unser Buddha blickt uns aus Himmel, Bergen und Bächen

an; die Donnerschläge grüßen ihn besser als Pauken und Gongs; sein

Weihrauch sind Wolken und Wind; er trinkt seinen Tee aus den fünf Seen und

den vier Meeren und horcht auf das Rauschen der Wipfel und Äste, das

Rauschen seiner geschwungenen Banner. Wir haben keinen Buddha, als warmen

Wind und Regen, keinen Buddha, o weh, als die Taifune, die an den Küsten

entlang laufen; niemand ist mit uns, im Süden, Westen und bei uns; wir

schwarzhaariges Volk der Söhne Hans sind allein geblieben. Wir sind gelb

wie die Erde, das Wasser. Die im weichen Süden leben, schwemmen auf,

tänzeln in bunten Kleidern; am schwarzen Drachenfluß ist das Land so hart

wie die Menschen. Und darum können sie alle leben. Unmerklich wie

bodenständige Kresse wachsen unsere Häuser von der Erde ab, achten die

Geisterpulse und Luftströmungen; so machen wir uns ähnlich dem Tao, dem

Weltlauf, versagen uns ihm nicht. Wir, die den Wang-lun aufgenommen haben,

sind nicht mit Halskragen und Beinstricken an das Schicksal gebunden. Wie

die alten Worte lauten: schwach gegen das Schicksal sein ist der einzige

Triumph eines Menschen; zur Besinnung müssen wir kommen vor dem Tao, uns

ihm anschmiegen: dann folgt es wie ein Kind. Der alte Speichler redet ohne

Zusammenhang, o, er schämt sich seines Schwachsinns.«

Der Greis stieg eine Stufe herunter, kauerte, ein weißer Pavian, hin und

schloß die Augen. Vertieft saßen viele der starkknochigen Männer in den

Gängen; Gruppen kauerten auf den riesigen Zeugballen und sahen herüber,

drückten die Ballen platt.

Ein fein gekleideter junger Mensch, der seinen Fächer öffnete, richtete

sich auf einem wackligen Achtgenientisch auf, schräg gegenüber der Leiter

des Alten; man drehte sich nach ihm um, als der Tisch knarrte; er kehlte in

einer hastigen Art.

»Der alte Herr und die werten Genossen wollen es mir nicht mißgönnen zu

tönen. Ich will nicht wetteifern mit dem alten Herrn. Wir haben keine

prächtigen Tempel, keine Klöster, die der Drachensohn ausschmückt und mit

Goldbarren beschenkt. Für uns beten keine Bonzen in Seide, die östliche

Kinder und Mädchen verführen. Für die fremden Altäre haben wir nur Lachen,

Achselzucken. Auch ich gehe den reinen Weg und will zu den Kihs. Dem Gipfel

der Kaisergewalt werden wir und unsere Nachkommen uns nähern. Aber wie ihr

andern, die es nicht mit uns Wu-wei-freunden haltet, über uns denken möget:

wir sind östlich und nicht die gelben Bonzen, wir sind Kinder der hundert

Familien, und nicht der Heilige und Großwürdige vom Gnadenberge, den der

Kaiser in einem Siegeszug empfangen hat. Von Tibet ist der

herübergestiegen, ist bei Kuang-tse gestorben, in einer goldenen Stupa

heimgesandt worden. Die Fremden halten zueinander, die Mandschus und die

Lamas. Die Lamaserien fressen das weiche, warme Gekröse des Landes auf; sie

dürfen das; uns, ja, uns schlägt man die Köpfe, die wir nichts verlangen,

keinen stören. Wir tausende, aber ihr kennt uns doch, liebe geehrte Brüder,

ihr Herren Lastträger, von den Dschunken und die andern. Wir sind auf der

gelben Erde geboren und wollen uns nicht, da wir friedlich sind, von

fremden Priestern und Kaisern ausrotten lassen. Wir müßten gebieten über

die achtzehn Provinzen, über achtzehn Provinzen von Liao-tung bis zu den

Miao-tse. Was haben wir getan? Toll gewordene Strolche in Soldatenuniformen

preschen mit Hellebarden über unsere Märkte; wen wird man heute fesseln und

wem die Zunge abschneiden, wen wird man morgen stäupen? Wir sind in dieser

Provinz geboren und dürfen uns friedlich darin ergehen.«

Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman · 第 18 / 29 题