in einem ganz anderen Sinne als bisher (Romanes, Schneider).
Jenes Tier, dessen Bedeutung mir am klarsten wurde, ist der +Hund+. Ich
weiß nicht, ob der Hund das Symbol =des= +Verbrechers+ =überhaupt= ist;
aber das Symbol +eines+ Verbrechers ist er.
Hier bedarf es freilich einer Aufklärung über das =Wesen des
Verbrechers=.
Der Verbrecher ist derjenige Mensch, welcher den Sündenfall fortwährend
begeht und immer weiter +fortsetzt+, =ohne Bemühung=, über ihn
hinauszukommen. Das irdische Behagen geht ihm über alles, und er ist
auch der einzige Mensch, der sich nicht eigentlich unglücklich fühlt —
obwohl er, in tieferem Sinne, und auch wie seine Handlungen bezeugen —
sicher der unglücklichste Mensch +ist+.
Der gute Mensch fällt, wird geboren, aber er fühlt sich danach auch
sein ganzes Leben lang mit Schuld belastet und hat in sich nie Grund
zu Zufriedenheit oder Hochmut. Er braucht sein ganzes Leben, um wieder
aus der Unfreiheit zur Freiheit zu gelangen; diesen Sinn gibt er
seinem Leben. Der Verbrecher hingegen hat nicht diesen +Willen zum
Wert+; in ihm geht eine kontinuierliche Desorganisation vor sich bis
zu seinem Ende, er zerfällt in Stücke und löst sich am Schlusse wohl
in materielle Atome auf: Er ist der Mensch, der wirklich +stirbt+.
Der Verbrecher lebt sein ganzes Leben ohne eigentliche „Einheit des
Bewußtseins“, ohne kontinuierliches einheitliches Ich, das um alles
weiß, was es tut, sich alles zurechnet; der Verbrecher +zerfällt+
(die Verbrechen, die er begeht, sind die letzten Mittel, um sich
+zusammenzuhalten+).
Der Verbrecher hat keinen +Willen+ zum Wert oder, was dasselbe ist,
keinen +Willen+, er kehrt sich immer mehr dem Nichts zu, versinkt
in Nacht und Hilflosigkeit. Der Verbrecher +entsteht+ durch einen
unbegreiflichen spontanen Akt des +Verzichtes+ auf den individuellen
+Wert+.[69] Ein Willensphänomen ist das Urteil; der Verbrecher urteilt
nicht, auch an der Erkenntnis ist ihm nichts gelegen, auch das
intellektuelle Gewissen mangelt ihm. Alles Urteilen ist Werten: Der
Verbrecher wertet nicht, er wertet auch sich nicht, denn er sucht kein
Ich zu behaupten, das über seinen psychischen Geschehnissen stünde:
Er ist +ohne Selbstbeobachtung+ und lebt +unbewußt+. Da er nichts
wertet, nichts beurteilt, so wertet er auch sich nicht, beurteilt sich
nicht mehr; der Freiheit des Urteilsvermögens hat er sich begeben;
und darum +erwartet+ jeder Verbrecher sein Urteil, das Urteil über
sich selbst, +von jemand anderem+ gefällt, zu hören; jedes Urteil, das
ihm von anderer Seite wird, nimmt er hin, auch gegen das +Todesurteil
revoltiert+ er psychisch gar nicht mehr: denn er hat sich des höheren
Lebens, der Maßstäbe dessen, ob ihm, ob überhaupt Recht oder Unrecht
geschieht, begeben. Er hat die Angst des Tieres vor dem unmittelbar
bevorstehenden körperlichen Tode und wird diesem zu entgehen trachten,
aber nicht, weil er vom Unrecht seiner Richter überzeugt wäre.
Weil er auf alles +Wollen+ verzichtet hat, darum ist der Verbrecher
stets Fatalist und der wirkliche Fatalist immer ein Verbrecher
(natürlich oft ohne es zu wissen; der Verbrecher +weiß+ ja doch nie,
daß er Verbrecher ist; er fühlt es nur dumpf).
Das kommt eben damit überein, daß der Verbrecher sein Urteil von
anderswo erwartet; daß er auf den freien Willen verzichtet hat, ist
dasselbe, wie daß er auf die +Autonomie+ verzichtet hat: er benützt
sich selbst bereits als Mittel zum Zweck. Würde er noch wollen, so
würde er sich nicht für gänzlich durchs Schicksal gebunden halten.
Dieser Fatalismus des Verbrechers ist aber nur ein Spezialfall
desjenigen Verhaltens, welches die allgemeinste Definition des Bösen
vom logisch-erkenntnistheoretischen Standpunkte darstellt: des
konstanten Triebes zum, oder der konstanten Unterwerfung unter den
+absoluten Funktionalismus+. Ethisch ist Wille zur Freiheit, und Wille
zur Freiheit ist freier Wille; Freiheit ist nur zu definieren als
Unabhängigkeit von anderen Variablen, Aufhören, bestimmt zu werden,
Ende der Passivität, Anfang der Aktivität und Spontaneität. Der
Verbrecher ist der Mensch, der allgemein (+auch+ für sich) die kausale
Verknüpfung aller Dinge anstrebt und verwirklicht. Darum schrickt er
am leichtesten zusammen unter jedem heftigeren Geräusch und jedem
grelleren Licht; er sieht nicht mehr, er hört nicht mehr, apperzipiert
nicht mehr; er hat kein Gefühl für den Ort, auf dem er steht, für die
Zeit, in der er ist; ihm fehlt der Sinn für die räumlich-zeitliche
+Gegenwart+, weil er nicht über dieser steht, sondern in sie
einbegriffen ist.
Ebenso wie mit den Dingen, hat er sich mit den Menschen verknüpft und
funktionell verbunden: =entweder als ihr „Beherrscher“ oder als ihr
Knecht=. Denn dies sind die zwei denkbaren Arten des Funktionalismus;
entweder, du mußt dich ändern, wenn ich mich ändere; oder: ich muß mich
ändern, wenn du dich änderst. Der Verbrecher gibt, sowenig wie sich
selbst, irgend einem anderen Menschen, irgend einem anderen Dinge die
+Freiheit+ (vgl. den Begriff der „Freiheit des Objekts“, Geschlecht
und Charakter, 1. Aufl., S. 248 f.; und die „freie Auffassung des
Nebenmenschen“ gegenüber dem Beeinflußtwerden durch sein Dasein,
S. 268, 384 f.; über „Grenzüberschreitung“ überhaupt als Typus der
Unsittlichkeit gegen andere, S. 296, 301). Das erste ist der Typus
des +Despoten+, das zweite der Typus des +Sklaven+. Der Despot kann
natürlich mit gutem Recht als eine Form des Sklaven und der Sklave als
eine Form des Despoten aufgefaßt werden: so muß es ja sein, weil, wenn
x = f(y), auch y = f(x) ist. Die Gegenwart des Nebenmenschen +zwingt+
den Despoten zur +Eroberung+, den Sklaven zur Unterwerfung. Der Despot
ist also ganz ebenso unfrei, wie der Sklave; und der Sklave, der sich
an den Machthaber drängt und sich ihm als Diener aufzwingt, ebenso
„mächtig“ wie der Despot.
Dieses Heraustreten aus dem universalen Reiche der Freiheit, dieser
Absturz in die Notwendigkeit bedingt, daß der Verbrecher nie +einsam+
ist, und zugleich doch gänzlich +unsozial+. Der Verbrecher +spricht+
stets mit anderen, auch wenn er +allein zu denken+ scheint.
Wenn er einsam wird, d. h. der andere Mensch, mit dem er beisammen war,
von ihm fortgeht, so fühlt er sich schwach und hilflos (Epilepsie);
er fürchtet sich vor der Einsamkeit, scheut es, mit sich je allein
zu sein, weil er dadurch an sich würde erinnert werden; er ist froh,
wenn er sich entkommt, und sein ganzes Tun ist: Sucht, vor sich zu
entwischen — was eben in sich vergeblich ist.
Da Furcht und Ekel identisch sind, so ist eingeordnet, daß der
Verbrecher nicht nur stets Furcht, sondern auch stets +Ekel vor sich
selbst+ hat.
Der Verbrecher rechtfertigt dabei entweder alles, was er tut, vor
anderen oder klagt sich vor ihnen an (der Sklave); oder er überführt
sie in Gedanken, klagt sie an, besiegt sie (der Machtgierige). Aber
er ist nie einsam, weil stets mit Dingen und Menschen funktionell
verbunden; darum aber auch nie zweisam und mehrsam, weil er die fremde
Psyche nicht +auffassen+, nicht verstehen kann, noch will, sondern in
Abhängigkeit von ihr sich befindet. Darum lügt er auch immer (denn man
belügt +nie+ =sich=, sondern immer +andere+).
In diese Abhängigkeiten also hat sich der Verbrecher begeben. Sein
ganzes Innenleben ist eine Heuchelei vor anderen, und das höhere
Leben in ihm wie gestorben. Diese Wegwendung vom höchsten Leben, von
der Freiheit, empfindet er nicht direkt als Schuld; denn er kennt
keine wahre Reue, sondern ist verhärtet, verstockt, der Einsicht
und dem Mitleiden unzugänglich. Das Aufgeben seines freien Selbst
äußert sich bei ihm als Haß gegen alles, was noch frei ist. Wie er
in sich das ewige Leben und den Christ getötet, ausgetrieben hat,
so möchte er es überall getötet, ausgetrieben sehen. Er haßt daher
alle Vorstellungen von Sittlichkeit, Unschuld, Güte, Heiligkeit,
Weisheit, Vollkommenheit, Seele, Einkehr, Umkehr, Reue, Leben, ja die
bloßen +Namen+ derselben. Jedes verbrecherische Unternehmen hat seine
unwillkürliche Sympathie; auch in der Dichtung hofft und fürchtet er
mit dem Schuft, mit dem Mörder, mit dem Eroberer; jede Nachricht über
Tod und Untergang und Schaden und Krankheit wird von ihm begrüßt,
bejaht, ebenso alle Sinnlichkeit (darunter auch, als ein +Spezialfall+,
jeder Koitus; bei ihm ist auch die Kuppelei noch einem höheren,
allgemeineren untergeordnet; die Weiblichkeit des Verbrechers erschöpft
ihn nicht, wenn sie auch stets einen Teil von ihm ausmacht). Dagegen
ist ihm der Gedanke an Christus und am stärksten der Gedanke an Gott
und das Wort Gott in der Seele zuwider. Auch sein Erkenntnistrieb
ist nie reine, hoffende, bedürftige Sehnsucht, nie gegen den Irrsinn
gerichtet, nie inneres Erhaltungsbedürfnis; sondern er will die Dinge
+zwingen+, und darum auch erkennen. Die Vorstellung, daß ihm etwas
unmöglich sein sollte, widerspricht seinem Geiste des absoluten
Funktionalismus, der sich mit allem, alles mit sich verknüpfen will;
darum ist ihm die Vorstellung von Schranken, Grenzen (auch der
Erkenntnis) unerträglich. Hier wächst das Verbrechen ins Große: seine
Einsichten sind nie aus dem Ganzen heraus geschehen, nie Synthesen von
innen, sondern stets von außen heraus; denn sein psychisches Leben
ist selbst ein solches diskontinuierliches, in Stücke zerschlagenes.
Dennoch will er das Universum umfassen; aber er sucht sich nicht
Gott zu nähern, sondern =Gott zu ersetzen= durch die Erkenntnis. Die
unmittelbare Intuition hat er nicht, weil er ja nicht in der Idee des
Ganzen lebt, sondern gerade von dieser sich abgekehrt hat; aber er
will das Genie, das ihm fehlt, +zusammensetzen+, die Welt Stück für
Stück auch geistig erobern (das ist der Typus des Eroberers in der
Wissenschaft, der Typus +Bacos+).
Wo noch nicht dieser absolute Funktionalismus hergestellt ist, da
+haßt+ er, wie er sein eigenes intelligibles Wesen haßt, d. h.
verneint; der Haß ist die Vorstufe des Mordes, wie die Liebe die
Erzeugerin des Lebens. Darum +haßt+ der +Verbrecher wütend+ den
Gedanken an +Unsterblichkeit+; denn Unsterblichkeit ist ein Spezialfall
der +Freiheit+, nämlich Freiheit von der +Zeit+. (Von den drei
Kantischen Ideen sind zwei identisch, nämlich Gott und Freiheit, die
dritte, Unsterblichkeit, in ihnen bereits begriffen.) Das Streben
des Verbrechers ist, =nichts frei zu lassen=; weder sich, noch etwas
anderes (das Verbrechen ist genau so überindividuell, transzendental
wie das Recht). Und darum wird er zum Tempelschänder, darum begeht
er das Sacrileg. Die niederste, gemeinste Form des Dranges nach
Verknüpfung (Unfreiheit) ist die Sucht, die Dinge körperlich zu
+beschmutzen+, und auf diese Weise sich selbst mit ihnen zu verbinden;
die höheren Formen gehen auf Vernichtung und Zerstörung; =weil
alle +Existenz+ noch irgendwie +frei+ ist=. Darum wird das letzte,
verzweifelte Streben des Verbrechers endlich das, was Ibsen den Kaiser
Julian knapp vor seinem Ende ausrufen läßt: Maximos, =ich möchte die
Welt zerstören=! Denn was noch +ist+, ist eine +Widerlegung+ des
Verbrechers und seines Strebens, eine Widerlegung des Verbrechers, der
nicht mehr +ist+. Ganz trocken habe ich das Verbrechen definiert als
Drang nach dem Funktionalismus; lebendiger kann ich es ausdrücken:
+es ist das Bedürfnis+, =Gott zu töten=; es ist höchste allgemeinste
+Verneinung+.
Die Formen, die das Verbrechen annimmt, ergeben sich hieraus
ungezwungen. Aus dem Haß wird Mord, aus der Verneinung Vernichtung,
sobald die Gesinnung Tat wird. Diebstahl und Raub sind Demonstrationen
gegen die Eigenheit des Eigners und ihr Recht auf freies Eigentum;
+die Tötung endlich ist der zur Handlung gewordene Haß gegen
Unsterblichkeit+. Der Mord ist das letzte, was der Verbrecher tun kann,
sein letztes Mittel, sich als Verbrecher zu behaupten; Gott tötet
er am meisten, wenn er den Menschen tötet. Aber es gibt Mord, und
zwar psychologisch ganz mit der Tötung des Menschen identisch, auch
sonst: z. B. das Bedürfnis, ein hohes, edles, berühmtes +Kunstwerk+ zu
zerstören. Es ist das genau die gleiche Verzweiflungstat wie der Mord,
die Sucht, das Seiende zu verneinen, zu widerlegen, das Nichtsein zu
rechtfertigen. Wenn der Verbrecher nicht mehr aus, noch ein weiß, dann
sucht er als durch ein letztes Mittel sich zu helfen, durch Mord. Der
Mord ist die Tat des +schwächsten+ Menschen.
Ein Surrogat für den Mord ist der Koitus, und nur durch eine Linie vom
Mörder getrennt der +Don Juan+. Er ist innerlich genau so +leer+ und
+verzweifelt+ wie der Mörder, und braucht als Stütze die Eroberung
durch den Koitus. Es ist die einzige +Ausfüllung der Zeit+, die
gewisse Menschen haben (vielleicht existieren diese Menschen übrigens
nur als Möglichkeiten im Genie), daß sie koitieren. So ersetzen sie
Gott: sie leben +doch+, empfinden doch +Lust+, +obwohl+ sie sich
heruntergesetzt haben. Wie der Mörder nach dem Morde den Tatort
umkreist, weil er die Tat +braucht+ (das seiner selbst gewisse
Gedächtnis, das es ihm sagen könnte, daß er es gewesen ist, hat er
längst nicht mehr), so muß der Don Juan fortwährend Weiber haben,
um +sich+ nicht gewahr zu werden; von Don Juan zum Mörder ist, wie
gesagt, nur ein Schritt. Es ist das einzige Mittel zur Erfüllung der
Zeit (die ihnen keinen Sinn mehr hat, da sie von keiner Vergangenheit
mehr beschwert sind, von keiner Zukunft mehr etwas haben wollen), daß
der Don Juan verführt, daß der Mörder mordet. So allein +erzeugen+ sie
eine Gegenwart, stellen die Negation als Position auf; +beides+ ist in
gewissem Sinne allerdings gegen die +Langeweile+ gerichtet.
Der epileptische Anfall ist, wie ich vermute, an das momentane
gänzliche Erlöschen der Fähigkeit zur Apperzeption geknüpft; und wenn
es heißt, daß Verbrechen oft im epileptischen Anfall begangen werden,
so sollte es wohl umgekehrt ausgedrückt werden: sie werden +gegen+ den
epileptischen Anfall begangen, dessen drohende Nähe verspürt wird.
Die Anfälle des Epileptikers häufen sich im Laufe seines Lebens und
werden immer furchtbarer, und schließlich stirbt er in einem letzten
gräßlichsten Anfall; gegen die furchtbarste Hilflosigkeit, welche in
der Epilepsie zum Ausdruck kommt, flüchtet er in den Mord — oft auch in
die Frömmelei und Bigotterie.
Im übrigen: der Verbrecher ist durchaus ohne Innen+leben+, er ist wie
+tot+; man mordet zuerst sich selbst, bevor man den anderen mordet.
Darum kennt er auch eigentlich weder +Lust+ noch +Schmerz+.
Ich kehre jetzt endlich zum Thema.
Der Hund.
Das Auge des Hundes ruft unwiderstehlich den Eindruck hervor, daß
der Hund etwas +verloren+ habe: es spricht aus ihm (wie übrigens aus
dem ganzen Wesen des Hundes) eine gewisse rätselhafte Beziehung zur
+Vergangenheit+. Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die
Freiheit.
Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum +Tode+. Monate
bevor mir der Hund Problem geworden war, saß ich eines Nachmittags
gegen 5 Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes, in welchem ich
abgestiegen war, und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes.
Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen, mir
neuen, durchdringenden Weise +bellen+, und hatte im gleichen Momente
unwiderstehlich das Gefühl, daß gerade im Augenblick jemand +sterbe+.
Monate nachher hörte ich, in der furchtbarsten Nacht meines Lebens,
da ich, ohne krank zu sein, buchstäblich mit dem Tode rang — denn es
gibt für größere Menschen den seelischen Tod nicht ohne den physischen
Tod, weil bei ihnen Leben und Tod am gewaltigsten und intensivsten
als Möglichkeiten sich gegenüberstehen — dreimal, gerade als ich zu
unterliegen dachte, einen Hund in ähnlicher Weise bellen, wie damals in
München; dieser Hund bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen
anders. Ich bemerkte, daß ich in diesem Momente mit den Zähnen mich ins
Leintuch festbiß, eben wie ein Sterbender.
Ähnliche Erlebnisse müssen auch andere Menschen gehabt haben. In der
letzten Strophe von +Heines+ bedeutendstem und schönstem Gedichte „Die
Wallfahrt nach Kevlaar“, heißt es, wie die vom Leben erlösende Mutter
Gottes dem Kranken sich naht:
„Die Hunde bellten so laut.“
Ich weiß nicht, ob der Zug bei Heine originell oder der Volkssage
entnommen ist. Wenn ich nicht irre, spielt auch irgendwo bei
Maeterlinck der Hund eine ähnliche Rolle.
Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich mehrfach dieselbe
Vision, die Goethe, nach dem Faust zu schließen, gehabt haben muß:
einigemale, wenn ich einen +schwarzen+ Hund sah, schien mir ein
Feuerschein ihn zu begleiten.
Ausschlaggebend aber ist das +Bellen+ des Hundes: die absolut
+verneinende+ Ausdrucksbewegung. Sie beweist, daß der Hund ein Symbol
des Verbrechers ist. Goethe hat dies, wenn es ihm auch vielleicht nicht
ganz klar geworden ist, doch sehr deutlich empfunden. Der Teufel wählt
bei ihm den Leib eines Hundes. =Während Faust im Evangelium laut liest,
bellt der Hund immer heftiger=: der +Haß+ gegen Christus, gegen das
Gute und Wahre.
Ich bin, wie ich bemerke, gar nicht von Goethe beeinflußt. Die
Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen und Gedanken war so groß, daß
ich mich an den Faust erinnerte, jene Stellen hervorsuchte und nun zum
ersten Male, vielleicht als erster überhaupt, +ganz verstand+.
Ich führe nun weiteres an:
Der Hund handelt, als ob er die eigene Wertlosigkeit fühlen würde;
er läßt sich vom Menschen schlagen, an den er sich gleich wieder
+herandrängt+, wie stets der böse Mensch an den guten. Diese
Zudringlichkeit des Hundes, das Hinaufspringen am Menschen ist der
Funktionalismus des Sklaven. In der Tat haben Menschen, welche rasch
für sich zu gewinnen suchen, und doch zugleich so sich schützen gegen
Angriffe, Menschen, die man nicht abschütteln kann, Hundegesichter,
Hundeaugen. Hier erwähne ich zum ersten Male jene große Bestätigung
meines Gedankensystemes. Es gibt wenige Menschen, die nicht ein oder
mehrere +Tiergesichter+ haben; und jene Tiere, denen sie ähneln,
gleichen ihnen auch im Benehmen.
Die +Furcht+ vor dem Hunde ist ein Problem; warum gibt es keine Furcht
vor dem Pferde, vor der Taube? Sie ist Furcht vor dem Verbrecher. Der
Feuerschein, der dem schwarzen Hunde (vielleicht dem bösartigsten)
folgt, ist das Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des
Bösen.
+Das Schweifwedeln des Hundes bedeutet, daß er jedes andere Ding als
wertvoller anerkennt als sich selbst.+
Die Treue des Hundes, welche so gerühmt wird, und die viele den Hund
für ein moralisches Tier halten läßt, kann mit Recht nur als Symbol der
Gemeinheit gefaßt werden: der +Sklavensinn+ (das Zurückkehren nach den
Schlägen ist kein Vorzug).
Interessant ist es, wen der Hund +=an=bellt+; es sind im allgemeinen
=gute= Menschen, die er anbellt, gemeine, hündische Naturen nicht. Ich
habe an mir selbst beobachtet, daß ich von Hunden um so mehr angebellt
wurde, je weniger Ähnlichkeit ich psychisch mit ihnen hatte. Merkwürdig
ist nur, daß die Dienste des Haushundes gerade gegen den Verbrecher in
Anspruch genommen werden.
Die Hunds+wut+ ist ein sehr merkwürdiges Phänomen, vielleicht der
+Epilepsie+ verwandt, in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum aus dem
Munde tritt. Beide werden von der Hitze begünstigt.
Wenn der Hund nicht wedelt, sondern den Schweif starr und gerade hält,
dann ist Gefahr, daß er +beißt+: das ist die verbrecherische +Tat+,
alles andere, auch das Bellen, nur Zeichen der bösen Gesinnung.
Hunde unter den Menschen in der Literatur sind der „+alte+ Ekdal“
in Ibsens Wildente und am großartigsten +Minutte+ in Knut +Hamsuns+
Roman „Mysterien“. Viele sogenannte „alte Magister“ repräsentieren den
Hundetypus unter den menschlichen Verbrechern.
Denn daß es noch andere Verbrecher gibt, das beweisen die +Schlange+,
das +Schwein+.
Sehr bedeutsam ist auch das +Schnüffeln+ des Hundes. Hierin liegt
nämlich Unfähigkeit zur Apperzeption. Ganz wie der Hund, so wird auch
die Aufmerksamkeit des Verbrechers durch einzelne Sachen ganz passiv
angezogen, ohne daß er weiß, warum er sich ihnen nähert oder sie
berührt: er hat eben keine Freiheit mehr.
Daß er auf die Wahl überhaupt verzichtet hat, kommt auch in der
Regellosigkeit der Kreuzung des Hundes mit irgend welcher Hündin zum
Ausdruck. Diese wahllose Vermischung ist vor allem eminent plebejisch,
und der Hund ist der +plebejische+ Verbrecher: der Sklave.
Ich wiederhole nochmals: es ist =Blindheit=, den Hund als ethisches
Symbol zu betrachten; selbst R. Wagner soll einen Hund geliebt haben
(Goethe scheint in diesem Punkte tiefer geblickt zu haben). +Darwin+
erklärt das Wedeln des Hundes als „Ableitung der Erregung“ („Ausdruck
der Gemütsbewegungen“). Es ist natürlich der Ausdruck der ärgsten
Gemeinheit, der unterwürfigsten Devotion, die auf jeden Fußtritt gefaßt
ist und um alles nur mehr bettelt.
Das Pferd.
Der Pferde+kopf+ hatte mir, bevor ich noch als Tierpsychologe an das
Pferd dachte, einen merkwürdigen Eindruck gemacht, einen Eindruck von
Unfreiheit; und zugleich verstand ich, daß dieser Pferdekopf +komisch+
wirken könne. Äußerst rätselhaft ist das fortwährende +Nicken+ des
Pferdes. Lange nicht mit gleicher Sicherheit wie beim Hunde, aber
doch als aufklärender Gedanke kam mir der Einfall, daß das Pferd den
+Irrsinn+ repräsentiere.
Hierfür spricht das Alogische im Benehmen des Pferdes, das Nervöse
und Neurasthenische, das dem Irrsinn verwandt ist, und worüber die
Pferdezüchter soviel klagen und staunen sollen.
Der Irrsinn aber ist das Gegenteil der Logik und Erkenntnistheorie
(vielleicht nur der letzteren?). Wer sich in diesen Disziplinen zu
orientieren sucht, der hat stets den Irrsinn als Gefahr in sich. In ihm
ist das logische Denken problematisch, und dies die Richtung, in der
+seine+ Erbsünde hauptsächlich zu suchen ist. Der Irrsinnige hat darum
nichts vom Verbrecher in sich; Menschen, die vor dem Irrsinn in Furcht
leben, kennen dafür die Furcht vor dem Teufel nicht und umgekehrt. Der
Verbrecher oder Heilige (als umgekehrter Verbrecher) hat ein ziemlich
sicheres, scharfsinniges Orientierungsvermögen im Denken, und hat keine
Kämpfe des „+intellektuellen+ Gewissens“ zu bestehen.
Das Genie ist entweder die +Umkehrung+ des vollkommenen Irrsinnigen
oder die Umkehrung des vollkommenen Verbrechers. Vor einem von beiden
lebt jedes Genie in Furcht; es hat in jedem Augenblicke seines Lebens
und in den größten Augenblicken am stärksten, gegen eine dieser
beiden Formen des Nichts sich zu behaupten, sich selbst gegen sie zu
+setzen+: Das Ich, das Genie =ist= eine =Handlung= („ewig jung“), ein
fortwährendes +=Ja=+!
Menschen, in denen das Ethische problematisch ist, haben entweder
Furcht vor der +Lüge+ oder sind verlogen; Menschen mit Problematisation
des Logischen hassen und fürchten den =Irr=+tum+, oder erliegen
ihm. Nun wirkt der Irrtum immer =komisch=; und so wirkt auch der
Pferdeschädel komisch.
Bei mehreren Menschen mit Irrsinnsfurcht habe ich auch morphologisch
Annäherung an den Pferdekopf gefunden.
Der Hund +bellt+ das +Pferd an+; weil der Böse das Gute anbellt.
Das Pferd ist auch sonst das Gegenteil des Hundes: es ist
+aristokratisch+ und sehr wählerisch bei der Wahl des sexuellen
Komplementes.
Allerdings bildet die Existenz des Gaules hiergegen einen Einwand;
ebenso wie es auch aristokratischere Hunde (Bernhardiner, gewisse
Doggen) zu geben scheint.
Das Verbrechen richtet sich gegen den Sinn der Zeit; die Logik ist
zeitlos; vielleicht hat darum das Pferd kein Verhältnis (auch kein
Verhältnis des Verlustes) zu Vergangenheit und Zukunft.
Das aristokratische Genie hat ein starkes Verhältnis zum Irrsinn
(Nietzsche, noch mehr +Lenau+); das plebejische zum Verbrechen
(+Beethoven+, Knut Hamsun, Kleist).
Einige allgemeinere Bemerkungen.
Den Männern, welche die Sprache schufen, lagen ähnliche Eindrücke vor,
wie diejenigen, auf Grund deren ich hier spreche. Menschen, die als
Schweine, Kameele, Affen, Ochsen, Esel, Hunde bezeichnet werden: das
zeigt, daß hier die Erkenntnis vorliegt, daß gewisse Menschen spezielle
Tier-+Möglichkeiten verwirklichen+. Anderseits stattet die Tierfabel
jedes Tier mit +einem+ bestimmten Charakter aus; nur dem Menschen weist
sie keinen solchen Charakter zu. Daß die charakterologische Nomenklatur
die Tiernamen alle als Schimpfnamen benützt, ist weiter bezeichnend,
und ebenso, daß sie gewissen Menschen geistig die Tier-Ähnlichkeit
beilegt.
Das sind Antizipationen, prähistorische Antizipationen meiner Theorie.
Eine historische liegt in den platonischen Ideen vor und in den Lehren
Platons vom Schicksal der Menschen nach dem Tode: der eine beziehe
den Leib eines Vogels, der andere einen anderen u. s. w. — eine
Lehre, die sehr viel für sich hat. (Als mir die entwickelten Gedanken
kamen, waren mir die betreffenden Stellen aus Plato übrigens noch
unbekannt.) Denn Menschen mit unmoralischem Hang nehmen, je mehr sie
diesem Hange nachgeben, mit zunehmendem Alter auch immer mehr diese
Tierphysiognomien an.
Von den Tieren also hat nach der Sprache jede Spezies einen +einzigen+,
allen ihren Mitgliedern gemeinsamen menschlichen Charakter, der
unter den Menschen nur gewissen wenigen eigentümlich ist. (Abgesehen
allerdings von den Hunden: Mops und Pudel, Köter und Windspiel sind
ganz verschieden; die Hunde zeigen übrigens merkwürdige Imitationen
vieler anderer Tiere, des Löwen, des Bären, des Dachses, selbst der
Schlange.)
Im Gegensatz zu den Tieren wird von der Sprache den Pflanzen kein
Charakter zugeschrieben; insoferne wohl mit Recht, als die Pflanzen
keine +bestimmten Triebe und Neigungen+ zu haben scheinen, was mit
ihrer Bewegungslosigkeit übereinkommt; denn die Bewegung ist die
physikalische Seite des Triebes.[70]
Was für Aussichten diese Tierpsychologie öffnet, das beweist
am sichersten ihre merkwürdige (von mir gar nicht gesuchte)
Übereinstimmung mit der Systematik. Dem Hunde, als Verbrecher, ist
der Wolf verwandt (der Wolf ist Symbol der +Gier+, vielleicht aber
noch von etwas anderem), und der Wolf ist sicher verbrecherisch; dem
Pferde (der Irrsinn), dem Esel (die Dummheit; der Esel ist vor allem
die eigensinnige, starrköpfige und +selbstzufriedene+ Dummheit; er ist
die +Karikatur der Frömmigkeit+; dazu stimmt, daß den Juden, wie die
Frömmigkeit, auch dieses Abbild fehlt; es gibt keinen jüdischen Esel).
Auch dafür, daß Affe und Mensch einander ähnlich sind, bietet sich hier
eine (nicht deszendenztheoretische) Erklärung. Der Affe ist nämlich die
+Karikatur des Mikrokosmus+: er ist das alles nachahmende Tier, und
notwendig dem Menschen ähnlich; +er zeigt, auf welche Weise man noch
alles sein kann+.
Die ausgestorbenen Tiere gleichen den ausgestorbenen Völkern, den
Riesen, den Zwergen.
Der systematischen Verwandtschaft entspricht also in drei Fällen
auch die psychologische Ähnlichkeit und Nachbarschaft: das System
der Psychologie (als Charakterologie) ist danach +identisch+ mit dem
Systeme der Zoologie.
Merkwürdig ist das Verhältnis der Haustiere zu ihren wilden Ahnen,
z. B. Hund : Wolf = Fliege : Gelse = Schwein : Eber = Katze : Tiger.
Worauf der Unterschied zwischen Haustier und wilden Ahnen psychologisch
weist, dafür habe ich keine Lösung gefunden. +Aber es liegt hier ein
tiefes Problem verborgen.+
Nach den Vögeln scheinen viele Unterschiede unter den Frauen sich
bestimmen zu lassen:
Die Gans, die Taube, die Henne, der Papagei, die Elster, die Krähe,
die Ente, das findet man alles physiognomisch wie charakterologisch
unter den menschlichen Weibern vertreten. Die Männer dieser Vögel sind
Pantoffelhelden (mit Ausnahme des Hahnes; Papagei?)
Dagegen sind Kuh, Hündin, Reh, Gazelle, Katze +Säugetiere+, deren Typen
mehr den menschlichen Frauen entsprechen.
Ochs und Schaf sind wieder zwiefach verwandt.
An der Schlange sind sehr merkwürdig und tief antimoralisch die
+Häutungen+; auch besteht ein Zusammenhang mit dem Kreise.
Das Verhältnis von Hund und Hase hat eine Beziehung zum Verhältnis von
Hund und Katze, entsprechend der Ähnlichkeit zwischen Katze und Hase.
Hund und Hase: der Feige jagt den Feigen.
+Kater+ findet man unter Männern öfters, auch mit Vorliebe für Katzen
unter den Frauen („mon chat“).
Der Wurm und die +Schlange+ haben beide zum +buckligen+ Verbrecher
Beziehungen. Stechende Augen gewisser Verbrecher: gehören zu den
Reptilien.
Der Vogel ist die Sehnsucht der Schildkröte (des +verschlossenen+
Menschen, der die +Umkehr+ vollzieht, aber noch immer nicht fliegt).
Pflanzen.
Hier nur die Vermutung: wenn alle Tiere unter den Menschen Verbrecher
sind, gibt es +Pflanzen+ unter den Menschen, und was repräsentieren
diese?
Unter den Frauen gibt es sicher Pflanzen: Rose, Tulpe, Lilie,
Vergißmeinnicht, die Veilchen nicht zu vergessen. Aber unter den
Männern? +Entspricht nicht das pflanzenhafte Sein der Neurasthenie?+
Den Mangel an +Bewegungs+fähigkeit im Neurastheniker würde das wohl
erklären. Der Neurastheniker ist +anämisch+: mangelnde Zentralisation
in der Pflanze (kein eigentliches Nervensystem): schließlich hat
die Pflanze keine Sinnesorgane (Mangel an Aufmerksamkeit beim
Neurastheniker).
Anorganische Natur.
Das Licht der Sterne ist ein Licht, das nicht mehr +brennt+.
Das Verhältnis zum gestirnten Himmel ist darum +asexuell+ (Kant
gegenüber Wagner), weil der Stern der Engel ist, und der Engel ohne
Sexualität.
Die Blumen sind wohl alle weiblich. Die Bäume männlich. Dazu stimmt,
daß nur im +Tier+reich die Weibchen weniger schön sind als die Männchen
(Geschmack des Verbrechers ....??).
Das Licht ist das Symbol des +Bewußtseins+. Die Nacht (der Schlaf)
entspricht dem Unbewußten. Der Traum hat viel Verbrecherisches.
Das Licht +raucht+ nicht; alles Feuer raucht (schwarz, antimoralisch;
absolutes Nichts; Kohle; Diamant als Gegenteil, Repräsentant des Etwas,
vollkommen durchsichtig; Durchsichtigkeit als moralisches Symbol;
Bedeutung des Gegensatzes in der Psychologie: Kohle—Diamant).
+Rot+ ist die Farbe des niederen Lebens und seiner Lust (+grün+ bei
der Pflanze, die Farbe der +statischen Lust+, entspricht dem Rot,
der dynamischen Lust des Tieres, Neurastheniker anämisch, Verbrecher
polyämisch): +blau+ ist die Farbe der Freude und Seligkeit des höchsten
Lebens.
Das Rot der Hölle ist das Gegenteil vom Blau des Himmels.
Sehr tief liegt es, daß der +Rauch+ das Auge +schmerzt+.
Sehr tief liegt es auch, daß das Blut +eisen+hältig ist. Leben und
+Mord+: ὁ τρὡσας ἰασεται (Euripides, Telephos). „Die Wunde schließt der
Speer nur, der sie schlug.“ (Parsifal.)
Der Berg ist das Symbol des +Riesen+.
Der Fluß ist das Ich als Zeit.
Das Meer ist das Ich als Raum.
Die Quelle ist die Geburt, das Meer Symbol so für Tod wie für Leben:
Aufhören der Individuation kann Tod, kann erst eigentlich Leben
bedeuten.
Apollinisch : Dionysisch = Fluß : Meer.
Der Regen +befruchtet+ (Zeugung); der Quell ist die +Geburt+.
Licht ist auch sinnbildlich für +Erkenntnis+; +Licht und Schall sind+
=Positionen=, darum beide immer eines +Anteiles+ am =Werte= sicher.
Das Dunkel hingegen wie die Stille führt zur +Furcht+: der Verbrecher,
der sich im Dunkel fürchtet, wird, ohne es zu wissen, erinnert an das
Dunkel, das in +ihm+ ist (an den Tod seiner Seele); er fürchtet sich in
diesem Augenblick also vor sich selbst.
Aus der nämlichen Ursache, die Licht in der Nacht (+das Feuer ist das
Licht der Nacht+) anders, greller, unheimlicher leuchten läßt, als am
Tage, rauschen Wasser anders, lauter, furchtbarer in der Nacht, als
zur stillsten Tageszeit (Ertränktwerden durch Wasserfluten ist das
seltenere Korrelat der anderen, gewöhnlicheren Vorstellung von der
Höllenpein: des Flammentodes).
Und die Ruhe des Mittags, wo alle Töne leiser verhallen, ist das
Unheimliche der (scheinbaren) Vollkommenheit, der Wunschlosigkeit,
der (scheinbaren) Erfüllung. Dem Unheimlichen des Mittags (Pan)
entspricht vielleicht die Furcht vor völligem geistigen Klarsehen, vor
Enträtselung aller Probleme (vor dem Lebensende: die Furcht vor der
=atheistischen= +Lösung+).
Tief ist auch die Furcht vor dem +Weißen+ (Leichentuch); ebenfalls
dieser falsche Schein der Vollkommenheit.
* * * * *
+Die Gravitation ist das Symbol des Gnadelosen+; so hoch er sich auch
werfe, der Mensch wird ohne Gnade hinabgezogen. (Der Fall des Sternes
ist der Sünden+fall+.)
Das Licht ist das Symbol der +Gnade+; es verhält sich zum Auge, wie
Gott zum Gläubigen: es läßt sich nicht sagen, wessen Verdienst das
+Sehen+ ist, ob Verdienst des Lichtes, ob Verdienst des Auges.
Das +Fliegen+ ist keine volle, geradlinige Überwindung der Gravitation.
Krankheiten sind vielleicht alle nur +Vergiftungen+: der Seele fehlt
der +Mut+, das Gift ins Bewußtsein zu heben, und dort im Kampfe
unschädlich zu machen; darum wirkt es im Körper weiter.
Eine solche Vergiftung ist wohl sicher die +Gicht+; sie dürfte stets
auf unmoralische Sexualität zurückgehen.
+Die Lahmheit ist wohl ein erstarrter Krampf.+
[69] Er +erwartet darum geradezu das Todesurteil+, fühlt dumpf, daß
er es verdient, weil er sich selbst als +wertlos+, d. h. nicht als
ontologische Realität gewollt hat.
[70] Die Pflanzen ahnen wohl auch den Tod nicht, sind ohne Angst und
wehren sich nicht gegen das Sterben.