und ihre ethische Bedeutung nebst Spekulationen über Zeit, Raum, Wille
überhaupt.
Über rückläufige Bewegungen.
(Vom amechanischen Standpunkte.)
(War ursprünglich als Aufsatz für eine Zeitschrift gedacht.)
Man hat in den geometrischen Gebilden vielfach Symbole einer höheren
Realität erblickt. Ob der Grund dieser Erscheinung einzig darin gelegen
ist, daß wir in ihnen eine apriorische Funktion unserer eigenen
Anschauung, also immerhin etwas mit den Eigenschaften und dem Werte
aller Apriorität Ausgestattetes wiederfinden, wie dies Kant gelehrt
hat, oder ob darum, daß wir in ihren Gesetzen nur die der eigenen
Phantasie entdecken, sie nicht vielmehr aller transzendenten Symbolik
zu entkleiden geeignet ist, mag dahingestellt bleiben. Ganz einfach
und allgemein ist die Frage sicherlich mit keiner von beiden Antworten
erledigt. Das Dreieck z. B. dient seit altersher und auch heute noch in
der theosophischen Lehre als magisches, mystisches Symbol und erweckt
sicherlich auch oft im Beschauer, der diese Tradition nicht kennt,
einen unheimlichen Eindruck, beinahe Furcht. Das Viereck hat von dieser
Eigenschaft fast gar nichts.
Vielleicht hängt damit auch die merkwürdige Rolle der Dreizahl
zusammen. Wundt hat in seiner „Methodenlehre der historischen
Wissenschaften“ (Logik, II/2, 2. Aufl., Leipzig 1895) verschiedene
Theorieen zusammengestellt, die sich nach seiner Ansicht nur durch
ihre ganz unbegründete, verwerfliche Neigung zur Trichotomie erklären
und sich dadurch immer verraten, daß die Wirklichkeit unter dem
apriorischen Gesichtspunkte der Dreizahl betrachtet und vergewaltigt
wird. Er führt die dialektische Methode von Fichte und Hegel, Comtes
„Gesetz“ der religiösen, metaphysischen und wissenschaftlichen
Menschheit und mehreres andere von sehr ungleicher Bedeutung
nebeneinander an und (in einem später veröffentlichten Aufsatze „Über
naiven und kritischen Realismus“, Philosophische Studien 1897) auch
die Vitalreihentheorie von Avenarius, welche er an ihrem Dreischnitt
bereits als ein mythologisches Gespinst wiedererkennt — allerdings
das schlimmste, was dem Ametaphysiker begegnen kann. Es muß aber,
trotz +Wundt+, einen tieferen Grund haben, daß in allen Märchen,
Mythen, Sagen die Dreizahl eine so übergroße Rolle spielt (Die drei
Wünsche, die 3 Gesellen, 3 Strophen des Meistergesanges, 3 Sätze der
Sonatenform, 3 Zeiten, 3 Nornen, 3 Parzen, 3 Grazien, 3 Weltregenten
(Zeus, Hades, Poseidon), 3 Unterweltsrichter (bei den Indern Vishnu,
Indra, Çiva als die 3 Götter), Trilogieform; vgl. August +Pott+, Zahlen
von kosmischer Bedeutung, Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. XIV,
1883). Sieben, neun, zwölf, dreizehn werden wohl ausgezeichnet und
haben doch nicht diese hohe Bedeutung. Wie ärmlich ist hingegen das
Gefühlsäquivalent, welches der Wichtigkeit der Fünf- und Zehnzahl in
jenem dekadischen Zahlensystem, in dem wir uns rechnend fortwährend
bewegen, in uns entspricht! Wie wenig Tieferes empfinden wir in diesen
Zahlen, die doch in jahrtausendelangem Gebrauch nach biologischer Art
Zeit genug gehabt hätten, sich in uns zu fixieren, die wir an den
uns mit so vielen Wirbeltieren gemeinsamen Extremitäten wahrnehmen
können, ja zumindest als Affen fleißig benutzen durften; während
für jene anderen Zahlen durchaus kein ebenbürtiges Vorbild in der
empirischen Wirklichkeit besteht. Es läßt sich vermuten, daß der
tiefere, unbekannte Grund der Bedeutung der Dreizahl identisch sein
wird mit der Ursache der Dreizahl der Dimensionen unseres Raumes. Doch
scheint den Ansprüchen der Dreiheit ein Gefühl zugrunde zu liegen,
als ob sie vorzüglich die im Absoluten erfolgende Vereinigung der in
der Erscheinung differenzierten Gegensätze (wie Liebe — Haß, Furcht —
Glaube, Angst — Hoffnung, Gut — Böse) versinnbildliche.
1 und 3 haben eine Verwandtschaft. Die Dreizahl hat einen
+monistischen+ Charakter; durch sie wird die Eins, die Einheit wieder
bejaht. Darum sind beide ungerade (durch 2 nicht teilbar): weil sie
+einheitlich+ sind.[62]
Warum ich hierbei länger verweilt habe, wird sich später[63] zeigen;
jetzt will ich auf ein damit verwandtes Thema, das noch nirgends zum
Gegenstande einer Frage gemacht scheint, etwas näher eingehen.
Man hat allgemein dem +Kreise+ eine besonders hohe Dignität als
dem vollkommensten, symmetrischen, ebenen Gebilde zuerkannt.
Jahrtausendelang hat die Auffassung, die einzige erhabener Gegenstände
würdige Bewegungsform sei die im Kreise, bestanden und bekanntlich
noch Kopernikus gehindert, die Planetenbewegung um die Sonne anders
zu denken als kreisförmig. Daß die Planeten sich kreisförmig bewegen
müßten, war für ihn, wie für alle seine Vorgänger ein Axiom, an dem ein
Zweifel in ihm gar nicht aufstieg. Die Erhabenheit der vollkommensten,
unerschütterlichen Gleichmäßigkeit, jene Empfindung, die in den
Gesängen der Erzengel des Faust-Prologes, in den großartigsten Versen
der Welt, zum Ausdruck kommt, liegt offenbar dieser Forderung zugrunde.
Als Keplers Gesetze Anerkennung fanden, versuchte man durch ein Lächeln
über die frühere kindliche Auffassung diese zu widerlegen.
Die elliptische Bewegung teilt zwar nicht ganz mit der kreisförmigen
das Pathos des Gesetzes, die Würde der Launenlosigkeit, dafür aber
haftet ihr in gleicher Weise wie jener die Eigenschaft an, die hier zum
Gegenstande der Kritik gemacht werden soll.
Die +rückläufige+ Bewegung ist nämlich die anethische Bewegung κατ’
ἐξοχήν. Sie ist selbstzufrieden, sie schließt das Streben aus, sie
wiederholt das Gleiche immerfort, sie ist, moralisch betrachtet,
schlimmer als der wenigstens +immer+ weiter rückwärts wollende,
wenigstens +sinnvolle+ Krebsgang. Bloß im unablässigen Streben liegt
für Goethe wie für Kant das Sittliche. Wie berechtigt die Argumente
sind, die sich vom Standpunkte dieser einzig freien Ethik gegen jede
positiv ethische Wertung der Planetenbewegung herleiten lassen, läßt
sich leicht an einigen vulgären Analogien zu derselben dartun. Sich im
Kreise drehen ist sinnlos, zwecklos; jemand, der sich auf der Fußspitze
herumdreht, selbstzufriedener, lächerlich eitler, gemeiner Natur. Der
Tanz ist eine weibliche Bewegung, und zwar vor allem die Bewegung der
Prostitution. Man wird finden, daß ein Weib um so lieber, um so besser
tanzt, je mehr es von der Dirne an sich hat.
Hiermit hängt ferner der Charakter des bayerisch-österreichischen
Volksstammes, insbesondere des Wieners, zusammen. Seine große Neigung
zur Tanzmusik ist kein isolierter Zug seines Wesens, sondern in diesem
tief begründet. Die Kreisbewegung hebt die Freiheit auf und ordnet
sie einer Gesetzlichkeit unter; die +Wiederholung+ des nämlichen
wirkt entweder lächerlich oder unheimlich (Robinson). Der Charakter
des Wieners ist im Ethischen +fatalistisch+ (Lass’ gut sein, Da kann
man nichts machen); der Fatalismus, ins Intellektuelle übersetzt, ist
+Indifferentismus+; darum ist der Wiener apathisch, „gemütlich“. Der
+Walzer+ ist +die+ absolut +fatalistische+ Musik; aber darum zugleich
der adäquate musikalische Ausdruck der Kreisbahn.
Das +Ringelspiel+. Zu ihm fühlen sich stets Frauen mehr als Männer
hingezogen. Die Abneigung des Mannes gegen das Ringelspiel und die
eigentümliche Beklemmung, welche es erweckt, können höchst intensive
Grade annehmen. Die wenigsten Männer werden auch, wenn sie zu ihrem
Ausgangsorte zurückzukehren gezwungen sind, gerne auf derselben Linie
zurückgehen, die sie auf dem Hinweg eingeschlagen haben — ein Phänomen,
das durchaus hierher gehört. Nur der unethisch veranlagte Mensch wird
keinerlei Widerstreben in solchem Falle empfinden. Darum berührt uns
auch der Gedanke des Wanderers so sympathisch; und darum haben selbst
die höchststehenden +Frauen+ so gar kein Bedürfnis zu +reisen+. Allem
Reisen aber liegt +unbestimmte Sehnsucht+, ein +metaphysisches+ Motiv
zugrunde.
Aus dem gleichen Grunde ist es auch alles eher als eine Befriedigung
des Unsterblichkeitsbedürfnisses, jene ewige Wiederkunft des Gleichen
anzunehmen, wie sie pythagoreische und indische Lehren (auch die
Weltentage des esoterischen Buddhismus) kennen, und wie sie Nietzsche
wieder verkündigt hat. Im Gegenteile, sie ist fürchterlich: denn es ist
nur der +Doppelgänger+, zwar nicht in zeitlicher Koexistenz, sondern in
der +Sukzession+. Der Wille zum (eigenen) Wert, zum Absoluten ist ja
die Quelle des Bedürfnisses nach Unsterblichkeit. Alles Streben nach
unendlicher Vervollkommnung wird aber durch nichts so +verhöhnt+, wie
durch den Gedanken, daß jede Überwindung der Unvollkommenheit uns dem
Rückfall in deren stärksten Grad zeitlich näher bringt.
Darum ist auch das Gefühl so unheimlich (vgl. die Theorie
der Furcht), das viele Menschen kennen, +eine neue Situation
bereits einmal erlebt zu haben+. Man hat in diesem Gefühle ganz
+unsinniger+weise die tatsächliche Basis des Glaubens an die
Unsterblichkeit gesucht.[64] Unsinnig ist diese Ableitung: denn
jenes Gefühl ist voll Furcht, weil wir uns in solchem Augenblick
wie völlig +determiniert+, wie an ein Rad (oder an eine Zykloide)
+gebunden+ vorkommen; der Unsterblichkeitsgedanke +negiert+ aber
gerade die Determiniertheit durch irgend eine Kausalität von außen,
er setzt und bejaht etwas, das gerade allein +nicht+ Funktion der
Zeit ist, er ist der Freiheitsgedanke, der Besieger der +Furcht+,
Unsterblichkeitsbewußtsein: +höchstes Selbstbewußtsein+.
Kein „ens metaphysicum“ +will+ die drehende Bewegung; der Mensch will
eine Unsterblichkeit in Freiheit, nicht weil es ein Weltprozeß will;
ja Unsterblichkeit ist selbst nur ein Teil der Freiheit, +Freiheit+
(Nicht-Bedingtheit) von der +Zeit+ (Freiheit selbst umfaßt noch mehr:
ist noch Freiheit vom Raume, Freiheit vom Stoff). Freiheit wird
+negiert+ durch ein +Gesetz+ der Periodizität.
Der Fatalismus, das ist der Verzicht des Menschen, sich selbst je in
+Freiheit+ eigene Zwecke zu setzen, empfängt sein Symbol im Wiener
Walzer. Die Tanzmusik begünstigt im Menschen die Verabschiedung des
sittlichen Kampfes, ihre Wirkung ist ein Gefühl der Determiniertheit;
höheren Menschen ist sie darum ebenso unheimlich und widerwärtig, wie
die Entdeckung des Robinson, im Kreise herumgegangen zu sein.
Sicher gibt es auch im Leben des Menschen, nicht nur des Weibes,
sondern auch des Mannes, eine +Periodizität+.[65] Aber nie kommt
hier +ganz+ der gleiche Zustand wieder. Wenn wir ein mathematisches
Pendel im luftleeren Raume schwingen sehen könnten, so würde, wenn
wir von uns, den Beobachtern, absehen, der eine Zustand der äußersten
Elongation rechts von der Gleichgewichtslage nach einer ganzen
Schwingungsdauer +wiedergekehrt sein+, und zwar +vollständig als der
nämliche+. Wir sagen freilich, er unterscheide sich von dem früheren
(nur) durch eine ganze Schwingungsdauer; d. h. aber, er unterscheidet
sich von ihm dadurch, daß jener ihm vorangegangen ist; sonst ist hier
das zeitliche Doppelgängertum durchaus realisiert. Von jenem Vorangehen
haben wir Kunde durch unser +Gedächtnis+, welches das psychologische
Werkzeug für die Auffassung der Zeit ist. Es besteht also völlige
Identität sonst, nur die Zeitmomente sind verschieden. Wir sehen
hier, daß zur +Zeitmessung+ nur geeignet ist, wem sonst Zeitliches,
d. h. Veränderung mit der Zeit, nicht anhaftet. Da wir eine solche
Voraussetzung von den Fixsternen mit noch geringeren Fehlern als von
irgend einem realen Pendel machen dürfen, benützen wir sie als letzte
Messer der Zeit.
Die Kreisbewegung ist schließlich auch lächerlich, wie alles bloß
Empirische, d. h. +Sinn+lose; indes alles Sinn+volle+ erhaben ist.
Damit hängt auch wohl zusammen, daß der Kreis und die Ellipse als
abgeschlossene Figuren auch nicht +schön+ sind. Der kreisförmige
oder elliptische +Bogen+, als Ornament, kann schön sein: er bedeutet
nicht, wie die ganze Kurve, die völlige Sattheit, der nichts mehr
anzuhaben ist, wie die um die Welt geringelte Midgardschlange. Im
Bogen ist noch etwas Unfertiges, der Vervollkommnung Bedürftiges und
Fähiges, er läßt noch ahnen. Darum ist auch der Ring immer Symbol von
etwas Unmoralischem oder Antimoralischem: der magische Kreis fesselt,
er raubt die +Freiheit+; der Hochzeitsring fesselt und bindet, er
nimmt zweien die Freiheit und die Einsamkeit, er bringt statt dessen
die Knechtschaft und Gemeinschaft. Der Ring des Nibelungen ist das
Abzeichen des Radikal-Bösen, des Willens zur Macht, und der Ring des
Zauberers, einmal um den Finger gedreht, +verleiht+ die Macht.
Daß also die Planeten in runden Bahnen laufen, darin vermag, wer
mit Kant im Progressus, im Kampfe das Sittliche sieht, nur etwas
Unethisches zu erblicken, etwas vollkommen Moralfremdes. Auch in den
Planeten finden wir also nicht die würdige Anlehnung für unser Dasein
als sittliche Wesen. Dieses gewinnt freilich nur noch an Erhabenheit,
wenn es von allen Einzeldingen der sichtbaren Natur losgelöst wird.
Wäre also das Sonnensystem speziell ethisch gedacht, so dürfte die
Bahn eines Planeten nie in sich zurücklaufen. Es dreht sich ja auch
der Mond, in dem sicherlich nichts irgendwie Ethisches liegt (sein
intimes Verhältnis zur weiblichen Physis und zum Hunde ist hierfür
Beweis), in der gleichen Bewegung um die Erde, wie diese um die Sonne.
Und der Saturn, zu dem der Mensch sicherlich unter allen Planeten in
der nächsten Beziehung steht, mit seinen Ringen und Monden erscheint
geradezu als die Summation des Bösen.
Vielleicht gibt es Himmelskörper, die keine rückläufigen Bewegungen
ausführen, an denen die +Astronomie+ zuschanden wird.[66] Keinesfalls
aber wird, selbst im Falle der vollen Berechtigung dieser Kritik der
in sich zurücklaufenden Bahnformen, der gestirnte Himmel, den Kant
neben das Sittengesetz stellte, nun all seine Majestät zugunsten des
Sittengesetzes verlieren müssen. Nur soll man in ihm nicht mehr suchen,
als er tatsächlich psychologisch für uns repräsentiert, das Symbol für
die +Unendlichkeit+ des Weltalls, deren allein wir uns im Sittengesetze
würdig fühlen, die allein des Sittengesetzes würdig ist, und seine
schmerzlose Lichtseligkeit.
Das Zeitproblem.
Alle jene Phänomene der Neigung und Abneigung, der Bejahung und
der Furcht finden ihre Zusammenfassung in der =Einsinnigkeit der
Zeit=. Diese besteht darin, daß die reale Gegenwart zwar zur realen
Vergangenheit, aber nie zur realen Zukunft wird: oder, wie man auch
sagen könnte, darin, daß die Zeit sich nur in der Form entwickelt,
daß das Quantum der Vergangenheit immer größer, das der Zukunft immer
kleiner wird, nie umgekehrt. Nur +ideale+ Gegenwart kann zur +realen+
Zukunft werden: indem ich etwas +will+, +schaffe+ ich Zukunft.
Man hat über den tieferen Grund der Einsinnigkeit der Zeit, ihres
Vorschreitens nur in einem Sinne, ihrer Nicht-Umkehrbarkeit viel
nachgedacht, aber nur Unsinn zutage gefördert.
Die Einsinnigkeit der Zeit ist mit dem Welträtsel (dem Rätsel des
+Dualismus+) das tiefste Problem im Universum, und es ist nicht zu
wundern, daß die hervorragendsten Denker der Welt — Plato, Augustinus,
Kant, Schopenhauer — +darüber+ sämtlich geschwiegen haben, auch dort,
wo sie mit der Zeit selbst sich beschäftigten. Und doch hätte vor
allem Kant nicht schweigen sollen; denn wenn die Zeit nur apriorische
Anschauungsform ist, ohne Bedeutung für die Dinge an sich selbst, so
bleibt das Rätsel eines Sinnes, einer Richtung der Zeit drückender
als zuvor. Auf einer geraden Linie mag ich hin und her spazieren; und
der Zeit, die doch als eine Gerade vorgestellt wird, +fehlt+ diese
Eigenschaft. Die Einsinnigkeit der Zeit, d. h. das Nie-Wiederkehren des
Vergangenen, ist aber der Grund aller jener besprochenen Phänomene des
Widerstrebens gegen rückläufige, drehende Bewegungsformen. Diese Form
der Bewegung ist, wie sich herausstellte, =unethisch=.
+Daß die Zeit einsinnig ist, dafür muß demnach der Grund im+
=Moralischen= +liegen+.
Um so schneidender empfinden wir den Widerspruch im Kantischen System:
wenn die Zeit einen Sinn hat, so muß, sei sie noch so sehr Form bloßer
Erscheinung (und das ist sie sicher), doch ein Zusammenhang zwischen
ihr und dem intelligiblen, ethischen Grunde der Welt bestehen.
Daß die Einsinnigkeit der Zeit ein Ausdruck der Ethizität des Lebens
ist, darauf weist vieles hin. +Es ist unsittlich, zweimal dasselbe
zu sagen+: wenigstens empfindet der Mensch, der an sich die höchste
sittliche Anforderung stellt und sich verloren weiß, wenn er nicht ihr
gehorcht, es so.
So hat es auch Christus empfunden: es ist die tiefste und zugleich die
strengste (an Strenge noch über Kant hinausgehend) sittliche Vorschrift
des Evangeliums in dem nie beachteten Worte (Evang. Matth. 10, 19)
enthalten: Sorget nicht, was Ihr sagen werdet, wenn man Euch fragt,
sondern sprechet, was Euch der Geist eingeben wird. (Μὴ μεριμνήσητε πῶς
ἢ τί λαλήσητε δοθήσεται γὰρ ὑμῖν ἐν αὐτῇ τῇ ὥρᾳ τί λαλήσετε.)
Denn: sage ich, was ich mir vorgenommen habe zu sagen, so streiche ich
die Zeit, die zwischen jenem Augenblick der Überlegung und dem neuen,
der die Handlung erfordert, liegt; ich begehe eine Lüge gegen den neuen
Augenblick, setze ihn nämlich als identisch mit dem früheren; und
bin damit zugleich determiniert, indem ich mich durch einen früheren
Augenblick, durch empirische Kausalität, determiniert habe. Ich handle
nicht mehr +frei+, aus dem Ganzen meines Ich heraus, suche nicht mehr
+neu+ das Richtige zu finden; und bin doch wirklich ein anderer als in
jenem früheren Moment, zumindest um jenen +reicher+; und nicht mehr
ganz identisch mit dem früheren.
Unethisch ist es, die =Vergangenheit= ändern zu wollen: Alle +Lüge+
ist +Geschichtsfälschung+. Man fälscht zuerst seine eigene Geschichte,
dann die der anderen. Unethisch, die +Zukunft+ =nicht= ändern zu
wollen, sie +nicht+ anders, besser als die Gegenwart, d. h. +nicht+
=schaffen= zu wollen. +Wolle!+ so könnte der kategorische Imperativ
formuliert werden. Das Phänomen der +Reue+ verbindet beides (es ist
der eigentliche Ausdruck der Einsinnigkeit der Zeit): Es +bejaht+ die
vergangene Schuld, aber als +Vergangenheit+ und +verneint+ sie als
+Zukunft+, d. h. es setzt ihr den Willen zur Besserung in der Zukunft
entgegen.
Die Zukunft ist noch nicht wahr, die Vergangenheit ist wahr. Die Lüge
ist +Machtwille über die Vergangenheit+, der sie keine Freiheit oder
Existenz schenken kann, weil die Gegenwart gleich unfrei, gleich tot
ist. In der Gegenwart berühren sich Vergangenheit und Zukunft; sie ist
das, was der Mensch =kann=; über die Vergangenheit hat er keine Macht
+mehr+ und über die Zukunft noch keine. Wenn Ewigkeit und Gegenwart
eins geworden sind, dann ist der Mensch Gott geworden, und Gott ist
+allmächtig+.
Die Lüge also, als unethisch, ist +Umkehrung+ der Zeit: Indem der
Änderungswille hier auf die Vergangenheit statt auf die Zukunft sich
erstreckt. Alles Böse aber ist Aufhebung des Sinnes der Zeit: Verzicht
darauf, Verzweiflung daran, dem Leben einen Sinn zu geben.[67]
Der Wille des Menschen schafft die Zukunft: Der Mensch nimmt die Zeit
+voraus+, indem er beschließt; und er nimmt die Zeit +zurück+, indem
er bereut. Im +Willen+ des Menschen, der stets Wille zur Ewigkeit ist,
wird die Zeit =zugleich= +gesetzt+ und +verneint+.
+Die Einsinnigkeit der Zeit ist sonach identisch mit der Tatsache, daß
der Mensch zutiefst ein wollendes Wesen ist.+ =Das Ich als Wille ist
die Zeit.=
Das realisierte Ich wäre Gott; das Ich auf dem Wege zur
Selbstrealisierung ist Wille.
Der Wille ist etwas zwischen Nichtsein und Sein; sein Weg geht vom
Nichtsein zum Sein (denn aller Wille ist Wille zur Freiheit, zum Wert,
zum Absoluten, zum Sein, zur Idee, zu Gott; „Geschlecht und Charakter“,
1. Aufl., S. 578). Daß das +Sein+ noch +nicht ist+, das +Nicht-Sein+
noch +ist+, das ist der Grund, warum die Zeit wirklich ist; daß das
+Sein+ =wird=, das ist der Grund ihrer Einsinnigkeit und deren tiefere,
wesenhaftere Bedeutung.
Hiermit wären die aufgeworfenen Fragen beantwortet.
Die Einsinnigkeit der Zeit ist somit identisch mit der Tatsache der
Nichtumkehrbarkeit des +Lebens+, und das Zeiträtsel identisch mit dem
Rätsel des +Lebens+ (obschon nicht mit dem Rätsel der Welt). +Das Leben
ist nicht umkehrbar+; es gibt keinen Rückweg vom Tode zur Geburt. =Das
Problem der Einsinnigkeit der Zeit ist die Frage nach dem Sinn des
Lebens.=
In dieser Einsinnigkeit der Zeit liegt der Grund dafür, daß unser
Unsterblichkeitsbedürfnis nur auf die Zukunft (nicht auf das Leben
vor unserer Geburt zurück) sich erstreckt. Deshalb interessiert uns
wenig unser Zustand vor der Geburt, gar sehr aber jener nach dem
Tode. Und wäre die einsinnige Zeit nicht dasselbe wie der Wille, so
könnte ja der Wille zurückwollen und Vergangenheit ändern (nach dem
Worte Nietzsches: „Was aber ist des Willens größter Schmerz? Daß er
über die Vergangenheit nicht gebieten kann“). Der Wille müßte nicht
Wille sein und der Satz der Identität wäre aufgehoben, wenn der Wille
Vergangenheit ändern +wollte+ oder +könnte+; denn eben, daß er Wille
ist, darin liegt die Kluft zwischen Vergangenheit und Zukunft und ihr
ewiger Unterschied ausgesprochen. Der Wille ist etwas Gerichtetes und
seine Richtung ist der Sinn der Zeit. Das Ich verwirklicht sich selbst
als Wille, d. h. es erlebt, entfaltet sich in der Form der Zeit: Die
Zeit ist die Form der inneren Anschauung, wie Kant dies gelehrt hat.
Aller Wille will Vergangenheit als +Vergangenheit+; und nur der
Verbrecher, der nicht mehr den Blick nach Gott will, sondern nach
unten sinkt, lügt, d. h. +mordet+ Vergangenheit; +die Umkehrung der
Zeit ist das Radikal-Böse, und die Furcht vor dieser Umkehrung ist die
Furcht vor dem Bösen+.
Der Wille setzt die Zeit und verneint sie (darum erwacht man, wenn man
+will+, erwacht das Medium, wenn der Hypnotiseur +will+); in ihm ist
das Sein Gottes und des Nichts, in ihm der Dualismus in der Welt am
deutlichsten ausgesprochen. So ist das Problem des Willens zugleich das
tiefste Problem der Welt und eins mit diesem.
Psychologisch ist „die Zeit“ die Zeit, in der wir leben, „die Zukunft“
die Zeit, die +wir+ noch erleben werden. Die formale, transzendentale
Zeit hört aber mit dem physischen Tode nicht auf, sondern erstreckt
sich über die Individuen hinweg. Sie wird eben gesetzt vom Ewiglebenden.
Warum der Mensch geboren wird, um zu sterben, warum der Wert (das
Ich) Wille wird, warum das Absolute sich an ihm +im irdischen Leben+
realisiert, d. h. +warum+ die Zeit +einsinnig+ ist, das ist die Frage
nach dem Sinn des Daseins, und nicht durch das Wort, sondern nur durch
die Tat zu lösen. Sie ist aber identisch mit der Frage, mit dem Sinn
der Einsinnigkeit der Zeit.
„Man lebt nur einmal“, das gilt nicht nur vom Ganzen, sondern auch von
jedem einzelnen Moment.
Weil Furcht die Kehrseite des Willens zum Wert ist, bezieht sie sich
auf das, was geschehen wird, nicht auf das, was geschehen ist, obwohl
ihr Grund immer in der Vergangenheit zu suchen ist (ebenso bei ihrem
Gegenteile: der +Hoffnung+). Die Furcht ist so ein guter Ausdruck der
Einsinnigkeit der Zeit; die Schuld, aus welcher sie entspringt, ist
vergangene Zeit; die Strafe, vor der ihr bangt, ist kommende Zeit.
Der Glaube hingegen geht aufs +Zeitlose+. Aufs Zeitlose beziehen sich
+Mut+ und +Glaube+, auf die Einsinnigkeit der Zeit (ihren einzigen
Wertbestandteil, die doch sonst das Wertlose an sich ist) +Hoffnung+
und +Furcht+.
Die Zukunft ist das, was durch den Willen geschaffen wird; nur der
Wollende hat Zukunft. +Darum lebt der Mensch solange, als er noch
irgendwie+ =will=, zum Wert hinauf =will=, als er noch zwischen Sein
und Nichtsein steht, und die Menschen sterben im Momente, da sie
sich völlig entfaltet haben: entweder ihr Wille am Ziele angelangt,
Wert geworden ist, d. h. der Mensch Gott oder Engel geworden ist;
oder wenn der Wille (und die Hoffnung) am Ziele angekommen und damit
auch die Fähigkeit dazu gänzlich erloschen ist: ein Mensch, der gar
keinen Willen zum Wert (also gar auch keine Furcht) mehr hat, stirbt
ebenfalls. +Der vollkommene Verbrecher kann als Mensch nicht leben+ —
denn der +Mensch+ hat noch immer Möglichkeit zu +sein+, so lang er lebt
— darum +stirbt+ der vollkommen böse gewordene Verbrecher, +und darum
ist es so wahrscheinlich, daß er Tier oder Pflanze wird+, und daß die
Inder Recht haben, wenn sie vor allem Lebenden deswegen sich scheuen.
Darnach also ist die Lebensdauer des Menschen zu bestimmen. Wagner
hatte den Parsifal vollendet, und nicht mehr die Absicht, noch zu
schaffen; was er je +wollte+, hatte er zu wirken vermocht. Ebenso
war Goethes eigentlichste Lebensarbeit der Faust, und er betrachtete
selbst die wenigen Tage als geschenkt, die er nach seiner Vollendung
noch lebte. Die Antizipation einer extensiv-großen Zukunft kann auch
Hoffnung genannt werden: +der Mensch lebt solang als er hofft+.
Der +Spieler+ ist der Mensch, der Hoffnung am notwendigsten hat, weil
er an der Furcht am stärksten leidet. Er ist stets ein Desperado.
Bei +Rossini+ hingegen scheint mir — ich glaube ihm nicht Unrecht zu
tun — ein umgekehrter Prozeß vor sich gegangen zu sein. Er hat große
Versuche zweimal gemacht („Barbier“ und „Tell“), schließlich aber
aufgehört zu wollen; sein Gesicht als alten Mannes ist von frecher,
fetter Sinnlichkeit.
Bei den +weiblichen+ Schriftstellerinnen, Künstlerinnen u. s. w. ist
auffallend, daß keine eine +Entwicklung+ hat, keine einem Kunstideal
nachstrebt und allmählich näher kommt. Die Frauen haben keine
Entwicklung; weil sie keinen Willen zum Wert haben: Hiermit ist das
begründet, was ich einmal („Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S.
382) allzu abgerissen behauptet habe: +daß für die Frauen die Zeit
nicht gerichtet ist+.
Ist somit die Zeit das Ich als Wille, so fragt es sich noch, was ist
der Raum, die andere Form der Erscheinung und wie verhalten sich die
beiden?
Die +Bewegung+ ist es, die hierauf Antwort gibt; in ihr vereinigen sich
in rätselhafter Weise Raum und Zeit. Die Zeit ist die Art, in welcher
der Raum einzig durchmessen werden kann; es gibt keine Fernwirkung. Sie
ist aber auch die einzige Form, in welcher das Ich (Gott im Menschen)
sich findet.
+Der Raum ist also eine Projektion des Ich+ (aus dem Reich der Freiheit
ins Reich der Notwendigkeit). Er enthält im Nebeneinander, was nur im
zeitlichen Nacheinander erlebt werden kann. Der Raum ist symbolisch für
das vollendete, die Zeit für das sich wollende Ich. Darum scheint der
Raum +erhaben+, die Zeit nicht.
Das Ich aber ist die Synthesis des Alls, die Einheit aller Gegensätze
und darum, von wegen der synthetischen, vollendenden Bedeutung der
Dreizahl,[68] die drei Dimensionen des Raumes.
Darum ist die Bewegung, die Projektion des Willens, ein sichtbarer,
körperlicher Ausdruck (Muskelkontraktion), und Schopenhauer ein wenig
gerechtfertigt, der beide gar identifiziert. Der Trieb stellt nur die
Erscheinung des Willens im niederen Leben dar; darum ist auch das Leben
der Tiere und Pflanzen noch einsinnig, weil sie nur symbolisch sind für
menschliches Leben.
Der Wille (die Enge des Bewußtseins) ist die Form der Bewegung des
Psychischen: die Enge des Bewußtseins, solange es noch irgend eng ist,
und nicht alle Ewigkeit in sich resorbiert hat, =ist= ja die Tatsache
der Zeit; und es werden hier als zwei Tatsachen ausgegeben, was eins
und dasselbe ist.
Darum ist der +Körper räumlich+ und entsprechen seine Achsen den
Raumachsen; weil er die Projektion des Ich, seine Erscheinung ist.
Wie im Reiche der Natur, das ist im Reiche der Gesetzlichkeit, der
+Funktionalität+, der Raum, +das überall qualitativ Gleiche+, in der
Zeit durchmessen wird — +Bewegung+ — d. h. wie die +Vielheit der
Raumpunkte die Zeit+ =ist=; so enthalten im Reiche des Geistes, dem
Reiche der Freiheit, des Nicht-irgendwie-noch-abhängig-Variablen, die
vielen diskreten Momente des individuellen Lebens immer das ganze
zeitlose Ich, den Charakter (nur jetzt in umfangreicherer, dann in
beschränkterer Bewußtheit). Dieses Enthaltensein des Ich in jedem
Momente des Lebens ist +identisch+ mit der Tatsache der Freiheit.
Diese doppelte Erscheinungsform des Ich als Raum und als Zeit ist der
tiefste Grund dafür (was man nie noch ganz begriffen, worüber man
sich mit Zeno wundert), daß Geometrie auf Arithmetik, Arithmetik auf
Geometrie angewendet werden kann: weil Raum und Zeit nur verschiedene
Erscheinungen +eines und desselben+ sind.
+Das Leben ist eine Art Reise+ =durch den Raum des inneren Ich=,
eine Reise vom engsten Binnenlande freilich zur umfassendsten,
freiesten Überschau des Alls. Alle Teile des Raumes sind qualitativ
ununterschieden, in allen Momenten des Lebens steckt (potentiell) der
ganze Mensch. Zeit ist Vielheit, aus vielen Einheiten zusammengesetzt;
Raum ist +Einheit+, aus Vielheit zusammengesetzt (Symbol des
einheitlichen Ich).
=Das Unbewußte ist die Zeit=, beides =eine= Tatsache.
Die Melodie entspricht der Zeit (die einzelnen Töne konstituieren
den Rhythmus), die Harmonie dem Raum (geometrisches Verhältnis der
Schwingungszahlen; Harmonie der Sphären). Darum wird die Melodie durch
eine Linie dargestellt. Musik ist die Mathematik im Reich der Freiheit
(vgl. „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 326).
Licht — Raum (Auge mit Fixations+punkt+).
Schall — Zeit (Gehörssinn ohne „Lokalzeichen“).
Ich kehre zum Thema zurück:
Wäre der Mensch anethisch, wie die drehende Bewegung, so könnte er
nicht im Morgen etwas anderes sehen, als im Heute, das neue Jahr nicht
unterscheiden vom alten, sich entwertet fühlen und Furcht empfinden,
wenn er sich auf einem früheren Punkte wiederfindet, wie Robinson, oder
wie eine Gestalt Tolstois (in seiner hervorragendsten Erzählung „Herr
und Knecht“). So sehr es zum Lächeln reizen mag, wenn der Spießbürger
in der Sylvesternacht von der Zeitung auf die Zeit zu reflektieren
beginnt: es liegt doch darin ein gewisses kosmisches Gefühl, ein Gefühl
für Vergangenheit und Vergänglichkeit, der eine hoffnungsvolle Zukunft
entgegengesetzt wird.
Alle Drehung aber ist Aufhebung der Zeit, sie wird als Wiederholung
ja auch nur erkannt und bewertet durch unsere bloß einsinnige
Zeitanschauung, die Bedingung aller Eindeutigkeit, aller +Wahrheit+
ist: wir würden im anderen Falle allen Halt verlieren. Während die
Erde, auf der wir leben, fortwährend kreist und kreist, bleibt der
Mensch unberührt vom kosmischen Tanze. Sein Geist ist nicht mit dem
ganzen Systeme mechanisch verbunden; frei blickt er hinaus und gibt
oder nimmt dem Schauspiel seinen Wert.
Anhang.
Ich will noch zwei musikalische Motive hier besprechen, welche in
Beziehung zu dem Probleme stehen.
1. Die Melodie des Hirten, Tristan und Isolde, III. Akt, drückt die
+sinnlose Zeit+ aus, +als wäre die Zukunft nicht etwas, was der
Vergangenheit entgegengesetzt wird+. Das +ewige Einerlei+ soll sie ja
auch nach der Absicht Wagners bezeichnen.
2. Das Hauptmotiv der „Appassionata“ ist das Motiv des +Menschen+ (als
des Wesens mit dem Willen zum Wert), +das größte Motiv zwischen Sein
und Nicht-Sein+. Sein aufsteigender Teil ist die Liebe, die Sehnsucht
nach dem Wert, nach der Reinheit.
Sein zweiter, absteigender, +abfallender+ Teil drückt das
Zurückgeschlagenwerden, das Erfolglose, Unglückliche aller Versuche
aus, sich dem Wert zu nähern: das ewige Zurückfallen in die
Sinnlichkeit. Alles Schicksal, alles Unbewußte, alle Vergangenheit und
Zukunft neben der Gegenwart, +alles, worüber der Mensch keine Macht
hat+, liegt in diesem zweiten Teile.
Der +sieghafte+ Schluß des dritten Satzes bringt nur mehr den ersten,
nicht mehr den zweiten Teil: die erfolg+reiche+ Annäherung an den Wert,
die Vereinigung mit ihm.
Das Motiv ist das größte Motiv der Einsinnigkeit der Zeit.
[62] Der Dritte spricht das ausschlaggebende, versöhnende, letzte Wort;
die dritte Göttin, die dem Paris erscheint, ist die eigentlich schöne
u. s. w.
[63] S. 107.
[64] Vgl. „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 162, 517.
[65] Vgl. „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 64 f., 135 f.
[66] Aber auch die Bewegung in der Spirale ist, trotz Goethe, keine
eminent sittliche.
[67] Ein eminent unethisches Gefühl, weil nur dadurch wirklich zu
definieren, daß die Einsinnigkeit der Zeit in ihm aufgehoben erscheint,
ist die +Langeweile+.
[68] Die dialektische Methode; vgl. bes. S. 97 f.
Metaphysik.
(Enthaltend die Idee einer universellen +Symbolik+, Tierpsychologie
[mit ziemlich vollständiger Psychologie des +Verbrechers+] etc.)
Metaphysik.
Was ich hier als Metaphysik darlegen will, deckt sich nicht mit dem
gewöhnlichen Begriffe von einer solchen. Ich untersuche hier nicht
Sein und Nicht-Sein und trachte nicht, beide voneinander zu scheiden.
Seit Kantens Auftreten scheint es geboten, solche Untersuchungen
nach einer anderen als der metaphysischen, nach der Methode der
Transzendentalphilosophie auszuführen; es ist ihnen durch diese eine
große Strenge, Reinheit und Sicherheit gewährleistet. Vielleicht
besteht daneben auch noch die introspektiv-psychologische Methode zu
Recht, wenn der Psychologe selbst nur tief genug ist; aber absolut, wie
ein Musikstück, darf sich die Metaphysik nicht mehr entwickeln.
Was ich hier im Sinne habe, hätte ich auch +Symbolik+, universelle
Symbolik nennen können. Denn nicht auf das Ganze, sondern +auf die
Bedeutung alles einzelnen im ganzen+ kommt es mir an. Was das Meer,
was das Eisen, was die Ameise, was der Chinese bedeuten, die +Idee+,
die sie repräsentieren, aufzudecken, darauf gehe ich aus. Und insofern
ist dieses Unternehmen das erste in seiner Art. Es soll die ganze Welt
umspannen, und den tieferen Sinn der Dinge bloßzulegen, im eigentlichen
Sinne zu erklären trachten. Es ist diese Metaphysik darum nicht nur
Metaphysik, sondern auch Metachemie, Metabiologie, Metamathematik,
Metapathologie, Metahistorie u. s. w. Das Unternehmen ist so groß, so
gewaltig, daß ein Einzelner seine Kräfte daran ins Ungemessene wird
wachsen lassen können.
Der Grundgedanke und die Voraussetzung des Buches, die Basis, auf
der +alles+ Folgende ruht, ist die Theorie vom Menschen als dem
+Mikrokosmus+. Da der Mensch zu allen Dingen in der Welt ein Verhältnis
hat, so müssen alle Dinge derselben schon in ihm irgendwie vorhanden
sein. Mit diesem Gedanken des Mikrokosmus macht nun dieses Buch zum
ersten Male ernst: +Das System der Welt ist ihm identisch mit dem
System des Menschen.+ Jeder Daseinsform in der Natur entspricht eine
Eigenschaft im Menschen, jeder Möglichkeit im Menschen entspricht etwas
in der Natur. So wird die Natur, alles Sinnliche, Sinnenfällige in der
Natur +gedeutet+ durch die +psychologischen+ Kategorieen +im+ Menschen
und nur als Symbol für diese betrachtet.
Die erkenntnistheoretische Berechtigung dieses Unternehmens darzutun,
würde sofort in die verwickeltsten, schwierigsten Probleme führen;
für seinen Wert und sein Wohlbegründetsein muß es im Laufe seiner
Entwicklung die überzeugendsten Beweise selbst liefern. Nur soviel ist
zu bemerken: Der Sinn des Unternehmens ist ganz im Einklang mit der
Thesis alles philosophischen Idealismus, daß wir nur Erscheinungen
und nicht „Dinge an sich selbst“ in den Gegenständen der Außenwelt
vor uns haben. Daß hier diese sinnliche Erscheinung als Symbol einer
psychischen Realität angesehen wird, einer psychischen Realität noch
dazu, welche +Erfahrung im Menschen+ ist, das freilich ist etwas,
das über jene allgemeinste idealistische Anschauung hinausgeht, und
speziell einer Lehre des vollendetsten idealistischen Systemes,
einer Lehre Kantens, zuwiderläuft. Es gab, wenn ich die persönliche
Bemerkung machen darf, für mich eine längere Zeit, wo ich an der
ganzen theoretischen Philosophie Kantens den Gedanken, daß auch
die psychischen Phänomene nur Erscheinungen seien, ganz so wie die
physischen, für den größten und genialsten Gedanken Kantens ansah.
Später wurde ich hierin bedenklicher, vor allem durch moraltheoretische
Erwägungen geleitet. Die Anschauung, welche diesem Buche zugrunde
liegt, ist die einer größeren Realität der psychischen als der
physischen Phänomene; wenn ich einstweilen auch noch außerstande
bin, diese Grundvoraussetzung systematisch und methodisch vollkommen
begründen oder einordnen zu können.
Die Gedanken, die ich im folgenden zu einem solchen +System der Welt+
entwickle, sind nur wenige an der Zahl. Aber sie lassen den Grundriß
des Ganzen wenigstens ahnen; und wenn ich nicht die Möglichkeit für
mich sollte erlangen können, den Bau selbst zu Ende zu führen, so
beanspruche ich für mich doch außer dem einzelnen Folgenden auch den
Ruhm, als erster ihn gedanklich konzipiert zu haben.
Das erste, was mich zum Nachsinnen führte, war das Phänomen der
Tiefseefauna, über die ich einiges wenige hörte und las (was in mir den
Wunsch erregte, in Neapel selbst weiteres hierüber zu studieren).
Es kam mir (Frühling 1902) der Gedanke, daß die +Tiefsee+ in einer
Beziehung zum +Verbrechen+ stehen müsse. Und daran glaube ich auch
heute im allgemeinen festhalten zu können. Die Tiefsee hat keinen Teil
am +Licht+, dem größten Symbole des höchsten Lebens; und so muß auch,
was den Aufenthalt dort wählt, lichtscheu, verbrecherisch sein. Die
Polypen und Kraken können, wenn sie Symbole sind, jedenfalls nur als
Symbole von Bösem betrachtet werden.
Im Laufe des folgenden Sommers und Herbstes entwickelte sich hieraus
immer klarer der Plan zu einem Unternehmen, von dem ich nur ganz wenige
aus der ungeheuren Zahl der Aufgaben, die es in sich schließt, bisher
ausführen konnte, der Plan zu einer