Ein Vierteljahrhundert war vergangen, seitdem das Steuer der stolzen
Fregatte Germania den Händen Bismarcks entglitt. Andere hatten es
ergriffen; neue Gedanken, neue Ziele zogen herauf. Und bald ging die
Saat auf, die Otto von ~Bismarck~ einst in die Furchen deutschen Lebens
streute. Deutsches Wirtschaftsleben erblühte, Technik und Wissenschaft
feierten reiche Triumphe, der deutsche Handel sandte seine Schiffe
in alle Meere, deutscher Gewerbefleiß gewann die Märkte der Welt.
Und ehrfurchtgebietend stand in eiserner Rüstung Germania, und noch
lauschte die Welt auf ihr Wort. Bismarcks Erbe!
Aber er, der einst dem deutschen Elend ein Ende schuf, der die
Kyffhäusertore sprengte und die Kaiserkrone aus den Flammen hob, hat
uns gemahnt, stets auf der Wacht zu sein, das Geschaffene gegen eine
Welt von Neid und Feindschaft zu schützen. Er wußte, die Stunde würde
kommen, da wir noch einmal in Kampf und Not erwerben müßten, was wir
von den Vätern ererbten. Denn gar zu feurig und gar zu kühn hatte sich
der Deutsche aus der Verschlafenheit vergangener Zeiten erhoben und
seine natürlichen Rechte gefordert. Sein Land sollte nicht mehr als
Schauplatz aller europäischen Kriege von den Feinden zerstampft werden!
Seine Söhne nicht mehr die willfährigen Diener fremder Interessen sein!
Seine Arme sollten sich ausstrecken nach fernem Kolonialland! Seine
Arbeitsfreude fremden Rivalen Lohn und Ruhe kürzen! Deutschland wollte
sein eigenes Dasein leben!
In der Tat: Was Bismarck schuf, das hat einen Umsturz aller
altgewohnten politischen Regeln, eine Umwälzung aller hergebrachten
Begriffe bedeutet. Der Kaisertraum der Sachsen und Hohenstaufen sollte
ausgeträumt sein, längst schon, ehe Napoleon den Händen des letzten
Kaisers aus Habsburgs Hause das Zepter entriß — und nun sollte dieser
Traum von neuem lebendig werden! Nun sorgte ein starkes Geschlecht, daß
er nie wieder zerfließe! Nur ~eine~ Macht in Europa sah neidlos das
Werden des Neuen. Nur Österreich-Ungarn, der Besiegte von Königgrätz.
Es ist vielleicht das erstaunlichste Werk aus Bismarcks Meisterhand,
daß er, unter Kampfeslärm und Schlachtendonner, schon die Grundlage
für dieses Bündnis schuf, das jetzt auf hundert Schlachtfeldern seine
Kraft und seinen tiefen Sinn erhärtet. Hier schuf er für beide Völker
die Basis der Sicherheit, einen Grund, der jedem Stoß und jedem Angriff
standhalten sollte, selbst dann, als ganz Europa sich gegen uns wandte
und im fernen Indien, in Australien, in Kanada, in Japan, am Kongo
sich Helfer suchte. »Gestützt auf unsere Einheit und in Freundschaft
mit Österreich-Ungarn«, so rief er einmal, »können wir der weiteren
Entwicklung mit aller Gemütsruhe entgegensehen und mit ihm der
Überzeugung sein, daß unser Gott keinen Deutschen zugrunde gehen läßt,
am wenigsten Deutschland selbst.«
Es war des Fürsten Bismarck stete Sorge, daß in Österreich und Ungarn
der slawische Keil sich zwischen das Bündnis drängen und andere, vor
allem polnische Tendenzen den Frieden stören könnten. Gerade deshalb
trieb er die Politik der »zwei Eisen im Feuer«, schloß er mit Rußland
den Rückversicherungsvertrag. Aber er sah auch die Gefahr einer
Vereinigung von Rußland und Frankreich schon lange voraus, ehe sie in
Kronstadt besiegelt wurde; er kannte den Ehrgeiz der Militärs; er sah
das Wachstum des Panslawismus; er wußte, daß die Politik ein flüssiges
Element ist und daß auch die stärksten historischen Beziehungen sich
lösen. Und so klingt uns noch aus seinem Testamente die Warnung
entgegen: =Toujours en vedette!= Darum hat er Deutschland auch
wirtschaftlich auf sich selbst und seine Kraft gestellt — wenn heute
unser Volk vor dem Hunger geschützt ist, so ist es Bismarcks Verdienst.
Und wenn seine Waffen gut und stark sind, so ist es der Lohn seiner
Mühen und Sorgen um Deutschlands Zukunft.
* * * * *
~Götterdämmerung~ und ~Völkerfrühling~! Nach mehr als vierzig
Jahren eines ungestörten Friedens, der dem deutschen Volke eine
reiche Entwicklung aller seiner Kräfte, einen reichen Lohn aller
seiner redlichen Arbeit brachte, bricht plötzlich mit Wolkenbruch
und Hagelschlag ein schweres Gewitter herein, und erschauernd
blickt die Menschheit auf das furchtbare Ringen und Werden. Von
wissenschaftlichem Streben, vom Werk des Poeten, vom Fortschritt der
Technik, von blühendem Handel, von ertragreichen Fluren, von den
gewaltigen Schiffen, die unter der Flagge des Friedens die weiten Meere
durchkreuzen, erzählt seit mehr als vierzig Jahren die Chronik. Und
jetzt?
Jetzt schlägt Klio im Buche der Wahrheit und des Lebens die Blätter
um und verzeichnet mit ehernem, in Tausender Herzblut getauchtem
Griffel neues, fremdes Geschehen. Ein Zar hatte den ewigen Frieden
diktiert, derselbe, der jetzt vom fahlen Antlitz die Maske riß;
Abrüstungsvorschläge wurden in England gemacht, von demselben Volke,
das jetzt aus jämmerlicher Profitwut die Welt in Flammen setzte;
ein stolzer Palast erhob sich im Haag, in dem Schiedsrichter in
hohen Perücken der Völker Schicksal berieten — und jetzt stürmt die
Geschichte über sie alle, die Toren, hinweg, die den Krieg aus dem
Völkerleben auslöschen und Blut und Eisen entwerten wollten. Das aber
darf die Chronik dieser Zeit und dieses Krieges bekunden: Deutschland
ist schuldlos an dem Blute, das jetzt in Gewitterbächen über die Erde
dahinströmt. Tausendmal beleidigt, tausendmal vom Hochmut der Fremden
herausgefordert, hat Deutschland im Bewußtsein seiner Kraft stolz
geschwiegen. Ein Weltreich des Friedens sollte unter Kaiser Wilhelms
des Zweiten Zepter das Deutsche Reich werden, nur in Werken des
Friedens sollte sein Volk um den Lorbeer ringen. Und auch jetzt, als
das Grauen von Serajewo über die Welt zog, als das Blut der gemordeten
Fürstenkinder von Österreich nach Rache schrie und als sich Rußland,
auf Frankreich und England gestützt, dem Werke der Gerechtigkeit
widersetzte, hat Kaiser Wilhelm in Selbstverleugnung dem Frieden zu
dienen gesucht. Er ist nicht zum Ziele gelangt.
Wir wissen es jetzt — die Akten beweisen es klar —, daß seit Jahr und
Tag, schon in König Eduards Zeiten, zwischen den Männern, die uns
heute bekriegen, eine Verschwörung zu unserer Vernichtung bestand.
In der letzten Stunde erst haben wir, damit wir nicht Luft und Atem
verlieren, hat die deutsche Faust das listig gesponnene Gewebe mit
dem Schwerte zerhauen. Und es kam, als es herniedersauste, ein großes
Gefühl der Befreiung über das ganze deutsche Volk, ein Gefühl der
Freude, endlich einmal aufräumen zu dürfen mit diesen in der Finsternis
schleichenden Mächten, es kam die alte ~Germanenfreude~ am blutigen
Ringen auf grüner Heide.
[Illustration: Bismarck als Wotan. (»Jugend«, 1908)]
Und das Volk stand auf. Vergessen war aller Hader, aller Streit der
Parteien. Blitzenden Auges konnte der Kaiser verkünden: »Es gibt
keine Parteien mehr«, und bald dröhnte der Boden vom Schritt der
deutschen Heere. Schulter an Schulter zogen sie, getreue Kameraden,
der Grafensohn und der Bauernknecht, der weltberühmte Gelehrte und der
schlichte Volksschüler ins Feld, der Student und sein Professor — der
Kaiser rief, und alle, alle kamen.
Denn sie alle wußten es, was es gilt: Daß heute die eisernen Würfel
rollen um Deutschlands Zukunft, Ehre und Recht, um Haus und Heimat, um
Freiheit und Glück!
Wahrlich, Zeiten zogen herauf, erfüllt von Ungeheurem, wie sie uralter
nordischer Heldensang schildert: »Steinberge stürzen, Riesenleiber
straucheln, zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft!« Wo kennt die
Geschichte in tausendjährigem Lauf ein Schicksal, wie es heute den
Deutschen bestimmt ist? Baschkiren und Tungusen, die wilden Söhne
der sibirischen Steppe, die Reiter der glutstarrenden afrikanischen
Wüste, schlitzäugige Söhne Ostasiens, kanadische Jäger, indische
Sepoys, Bengalen und dunkelhäutige Gurkhas, Turkos und Zuaven und
Senegalschützen, belgische Mörder, schmutzige Kosaken — sie alle wagen
im Namen der Kultur, der Menschlichkeit, unser altes, heiliges, großes,
gesegnetes Deutschland zu verderben. Vor ihnen, über ihren Köpfen weht
das in das Blut der Opfer von Serajewo getauchte düsterrote Banner des
Mordes.
Sie strömen hervor aus allen Winkeln der Erde, beutelüstern,
raffgierig. Aber sieghaft erhebt sich, weithin durch die Ewigkeit
leuchtend, deutsche Treue und deutsche Todesverachtung. Hei, wie
die Mauern barsten von Lüttich, Namur und Maubeuge! Wie der alte
Hindenburg das Russenpack in die Masurischen Seen trieb! Wie die
deutschen Armeen über Frankreichs Boden brausten! Hie Schwert des
Herrn und Gideon! Mögen sie kommen, mag der schrille Schlachtruf des
Asiaten mit dem Gebrüll des Basutos, Zuaven-Wildheit sich mit dem
Zischen der Dum-Dum-Kugeln vereinen — vergebenes Mühen! Denn fest und
unerschütterlich stehen Deutschlands Söhne. Sie ketten den Sieg an
ihre Fahnen, mit ihnen reitet das Recht, reitet Gott ins Feld. Der
Völkerfrühling, der Frühling Deutschlands naht, schon leuchtet fernher
über den Wäldern das Morgenrot einer neuen, glücklichen, von unseren
Brüdern erkämpften Zukunft. Die Nebel weichen dem Schwerterglanz, der
Lorbeer senkt sich auf Heldenstirnen — unsterbliches, deutsches Volk!
Und so berichtet das Buch der Zeit, wie einst das Lied der Nibelungen,
von deutschen Heldentaten ohne Zahl, von frohem Kampf und jauchzendem
Sterben. Und von ewigem Ruhm und ewig grünendem Lorbeer. Ja, der
deutsche Völkerfrühling bricht an! Und hell leuchtet in ihm und über
ihm, schützend und segnend und Früchte treibend, die Sonne des Mannes,
um dessen Lebenswerk wir ringen:
+des eisernen Kanzlers Otto von Bismarck!+