Er hält nicht stille

Von seinen Bismarckporträts hat Lenbach geäußert: »Vielleicht hätte

ich ihm gerecht werden können, aber Sie wissen, wie es in der Kunst

geht, um was Ordentliches zu leisten, bedarf es der Gegenliebe. Was

liegt aber einem Bismarck an seinen Porträts? Aus Höflichkeit tut

er zwar so, aber ich weiß, daß beim Sitzen seine Gedanken in die

Weite schweifen, und doch könnte ich etwas zuwege bringen, wenn

er nur fünf Minuten stillhalten wollte. Das genaue Gegenteil von

Moltke hierin wie auch sonst: Moltke war Kunstschwärmer und hätte,

wenn es nötig gewesen wäre, einen halben Tag ausgehalten.«

Manchen hat der greise Fürst scheiden sehen von denen, die ihm einst

teuer gewesen. Und dennoch hat seinem Lebensabend jener köstliche

Glanz nicht gefehlt, den die Liebe verbreitet. Jeden seiner Schritte

hat die Sorge der Kinder, die Hingebung der Freunde überwacht, und er

starb nicht, wie die Feinde hofften, einsam und von Gewissensqualen

gefoltert, sondern die zärtliche Hand der Liebe hat den Todesschweiß

von seiner Stirn getrocknet, und der Freund hat ihm die Augen

geschlossen. Durch seine Seele aber zitterte kein Schrecken der

selbstanklagenden Reue. — In der Nacht des 30. Juli ist Fürst Otto

von Bismarck nach kurzem Todeskampf entschlafen. Die Flammen sind

erloschen, und dem Riesen, dem die Welt zu eng war, blieb nur noch

ein Grab. Aber wie zu dem Lebenden, so pilgern auch zu dem Toten die

Söhne Deutschlands, und heilig ist die Stätte, geheiligt durch des

Volkes Dank und Liebe, an der Otto von Bismarck ruht. Man hat ihn

begraben unter den Bäumen, die ihm Schatten gaben, in dem Boden,

der ihn gastlich trug, denen nahe, die ihm nahestanden; er schied,

wie er gelebt, und er ruht, wie er geschieden. Und gerade in dieser

Schlichtheit liegt etwas Gewaltiges: er, der einst mitten in dem

brausenden Treiben der Welt gestanden, wählte sich einen Abschluß

seiner Taten, wie ihn der Landmann findet, der das Feld bestellte, und

der Reitersmann, der nach beendetem Kriege den Abend unter den Seinen

verbrachte.

Und kein wortreiches Epitaph verkündet rühmend seine Taten. Seines

Wesens Art und seine Treue, sein Streben und sein Leid sind

ausgesprochen in den selbstgewählten Worten: »Ein treuer deutscher

Diener Kaiser Wilhelms =I.=« Diese Worte, die seine Grabstätte

zieren, sind einfach und gerade; die Grabschrift ist ein Lebensinhalt

zugleich und ein Buch, aus dessen Tiefe die Enkel schöpfen werden;

es ist in aller Schlichtheit ein die Jahrhunderte überragendes Stück

Weltgeschichte. Es klingt zugleich aus diesen Worten die Musik des

heiligen Trotzes, die Stimme des Prometheus, der den Menschen das Licht

gab und an den Felsen geschmiedet wurde. Es ist das Vermächtnis seines

Lebens an den bei den Vätern ruhenden vielgeliebten alten Herrn. — Und

schlicht und ergreifend hat der Dichter des preußischen Lebens, Theodor

Fontane, das Wesen Bismarcks geschildert:

[Illustration: ~Reichstag und Kanzler~

»Dieser Mann hat eine zu eiserne Faust! Zum Teufel mit ihm!«

»Dieser Kerl redet zu viel! Raus mit dem Schwätzer!«

»Dieser Mensch redet nichts, rein gar nichts! Raus aus der Bude!«

(»Jugend«, 1910)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 332 / 334 题