»Die Fürstin frug mich in Kissingen,« so erzählt Memminger, »wie
ich zu der Bekanntschaft des Arztes gekommen sei. Ich erwiderte:
›Er ist ein Altbayer wie ich, er war viel im Auslande wie ich
auch, er spricht und denkt altbayerisch wie ich selber — also
hat sich die Bekanntschaft leicht angebandelt, als mich vor drei
Jahren Seine Durchlaucht, Ihr Herr Gemahl, zu sich rufen ließ; wir
Altbayern wissen uns schon untereinander zu verstehen.‹ Die Fürstin
lächelte und meinte: ›Ich habe mich auf diesen Altbayern nicht so
leicht verstanden. Schweninger war so ganz anders als die anderen
Ärzte, die auf die Lebensgewohnheiten meines Mannes mehr Rücksicht
genommen hatten. Er erklärte, daß der Fürst, wenn er wieder gesund
werden wolle, ganz nach seinen Vorschriften die Diät halten und bis
auf weiteres gar nichts von Alkohol genießen dürfe. Das war für
meinen Mann kaum zum aushalten; er hatte zudem Schmerzen, und es
quälte ihn die Schlaflosigkeit; dabei war er immer ein ruheloser
Geist, der arbeiten wollte und mußte, also zeigte er bald wieder
Verlangen nach einem Erfrischungs- und Beruhigungsmittel; ich gab
ihm, weil er mich dauerte, einen Trunk. Aber da kam ich schlecht
weg. Als ihn Schweninger wieder besuchte, merkte er sofort, daß
etwas gegen seine strengen Vorschriften geschehen war, und er
stürmte sozusagen mit fliegender Mähne und den wilden Augen eines
Berbers zu mir und erklärte mir ungefähr: ›Wenn Sie Ihren Mann
umbringen wollen, dann geben Sie dem Fürsten den Schnaps weiter!‹
Ich mußte lachen, die Fürstin aber fuhr lebhaft fort: ›Ja, das
war mir gar nicht zum lachen, denn das war echter, unverfälschter
altbayerischer Dialekt, und ich muß schon sagen, daß ich von dieser
ungewohnten und unerhörten Anrede ebenso betroffen wie beleidigt
war. Aber was konnte ich machen? Mein Mann war recht krank, die
Professoren und Kurpfuscher hatten sich vergeblich an ihm versucht,
der Zustand war äußerst bedenklich, das nachdrückliche Auftreten
Schweningers und seine unaufhörliche Fürsorge für den Patienten
bei Tag und Nacht sagten mir alles übrige. Gleichwohl deutete ich
es meinem Mann an, was mir widerfahren war: der winkte jedoch ab
und meinte: ›Ich probiere es nun einmal mit diesem Doktor; er
imponiert mir mehr als die übrigen; er kennt offenbar meine Natur
besser und darum auch die Heilmittel.‹ Also ließ ich den neuen
Arzt fortmachen, wenn er auch noch einigemal meinen ernsten Groll
reizte; einmal hat Schweninger gar ein Glas, das ich meinem Mann
wieder so zwischenhinein zugesteckt hatte, und das er erwischte,
einfach zum Fenster hinausgegossen. Indessen hat Schweninger Wort
gehalten; mein Mann ist wider Erwarten gesund und arbeitsfähig
geworden, und er erhält ihn heute noch, so gut es eben in diesen
Jahren und nach solchen Plagen und Affären geht.‹ — Die Fürstin,
die asthmatisch war, hielt ein wenig an und fuhr dann mit
gedämpfter Stimme fort: ›Auch meine Mißstimmung gegen Schweninger
ist verraucht, und ich bin recht froh, daß wir den Arzt im Hause
haben. Er bringt immer muntere Laune mit, kann äußerst angenehm,
erheiternd und anregend plaudern; er ist überall zu Hause und
kein so steifleinener, affektierter Manschettenprofessor und
geheimnisvoller ›Zauberer‹. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb
weiß er mich über meine Leiden und Bedenken hinwegzuleiten oder
hinwegzufoppen, wie die Altbayern sagen. Mein Mann schätzt Ihren
Landsmann ungemein hoch, und zwar auch deswegen, weil er keinen
Doktor Wichtig spielt und seine Vertrauensstellung nicht in der
Weise gebraucht oder mißbraucht, wie es zum Beispiel der Engländer
Mackenzie getan hat. Schweninger ist in erster und letzter Linie
Arzt und verfolgt beim Patienten auch in und mit der Unterhaltung
nur den ärztlichen Zweck. Von Politik fängt er gar nicht an
und spricht nur mit meinem Mann beiläufig darüber, wenn dieser
einen Anstoß dazu gibt.‹ — ›Freilich, Durchlaucht,‹ bemerkte ich
dazwischen, ›wollen das die Leute nicht glauben; sie meinen, der
Doktor sei in die geheimsten Falten des Diplomatenrockes und in
die geheimsten Fächer des Fürstlichen Archivs eingeweiht.‹ — Die
Fürstin wiederholte darauf: ›Ich versichere jedem, der es hören
will, der Vorzug dieses Arztes ist, daß er bloß Arzt sein will
und all sein Können darein verlegt. Das mag ebenso Bescheidenheit
oder Berechnung sein, ich achte beides und verstehe ihn ganz.
Ärgern kann ich mich nur über die unverschämten Zeitungen,
welche dem Schweninger jetzt nachrechnen, was er durch seinen
›Fürstlichen Hausarzt‹ verdient. Gar nichts, sage ich Ihnen, gar
nichts verdient er, denn er nimmt nichts an. Uns ist das gar
nicht angenehm, weil wir ihm so sehr verpflichtet sind, aber ich
fürchte, er würde bei wiederholtem Drängen wieder rückfällig ins
Altbayerische, das er mit mir einmal gesprochen hat. Ja, ja, die
Altbayern sind sonderbare Käuze! Mein Mann hat sie recht gerne;
auch die bayerischen Beamten, die er in seinem Dienste hatte,
lobte er immer, sie seien keine Gecken und Einfaltspinsel und
hätten noch eine Freude an der Arbeit; sie fragten nicht so nach
der Uhr wie die Maurergesellen und preußischen Bureaukraten,
denen er nie recht grün war. Schon als der Fürst Bundesgesandter
in Frankfurt war, hatte er Zuneigung zu den Altbayern und hielt
beispielsweise den bayerischen Gesandten Baron Schrenk für einen
der ehrlichsten, fähigsten und arbeitsamsten Köpfe in der ganzen
bunten Gesandtengesellschaft.‹«
[Illustration: Der Handlanger. (Politischer Bilderbogen 1897)]
[Illustration: ~Resultat der Memoiren~
Der große wog, der kleine wog —
Hoch lebe der große »Großherzog«!
Der Kaiser hatte in einer scherzhaften Rede von dem großen und kleinen
»Woog« in Hessen-Darmstadt gesprochen. (»Jugend«, November 1906)]
Zu den Hausgenossen des Fürsten Bismarck in den letzten Jahren
gehörte auch der junge Doktor Chrysander, der gleich allen, die dem
großen Staatsmann nähertraten, in abgöttischer Verehrung an ihm
hing. Sein stilles bescheidenes Wesen und seine erprobte Diskretion
bewirkten es, daß er in dem lebhaften Kreise von Friedrichsruh
äußerlich wenig hervortrat. Ungleich schärfer hob sich dagegen die
Silhouette des großen Malers Franz von Lenbach ab, dessen ehrliches
und kräftiges, altbayerisches Wesen jeder Schmeichelei und Kriecherei
abhold war. Vielleicht bestand zwischen den beiden Männern auch
eine gewisse Seelenverwandtschaft. So wie Fürst Bismarck jeden, mit
dem ihn das Geschick zusammenführte, alsbald bis auf den Grund der
Seele durchschaute, wie ihm weder Rang, noch Geburt oder Reichtum
zu imponieren vermochten, so enkleidet auch Lenbach in seinem
künstlerischen Schaffen jeden Gegenstand seiner äußeren Hülle, um tief
in das eigentliche Wesen einzudringen; nicht auf die Schale, sondern
auf den Kern kommt es ihm an. Zahllos sind die Bilder, die er von
Bismarck schuf, und kein anderer hat ihn, den deutschen Rembrandt, in
dieser Kunst erreicht. Und fast jedes dieser Bilder zeigt wieder einen
neuen, feinen Zug, immer tiefer dringt der Künstler in die Psyche
des gewaltigen Mannes, und die Schätze, die er aus dem Goldschacht
herausholt, breitet er mit freigebiger Hand vor uns aus.