Einsam

Vom 19. Dezember 1894, als die Fürstin Johanna von seiner Seite

gerissen war, stammt der folgende Brief des Fürsten Bismarck an

seine bejahrte Schwester, die einst in der Jugend sein Liebling

gewesen ist:

Meine geliebte Malle!

Wenn ich in meiner Einsamkeit darüber nachdenke, was mir an

Herzensbeziehungen in dieser Welt bleibt, so stehst Du in erster

Linie, und ich beklage die räumliche Trennung, die unser Lebenslauf

über uns verhängt hat. Das gleiche ist der Fall mit meinen

Söhnen, die, seit sie erwachsen sind, außerhalb des Schattens des

väterlichen Hauses ihre Selbständigkeit gesucht haben. Marie ist

bei mir als liebende Tochter, aber doch auch nur als Anleihe, außer

ihr Helene Külz eine freundliche und leicht zu liebende Nichte; sie

reist morgen zum Fest nach Haus und ich mit Marie und zwei Kindern

übermorgen nach Friedrichsruh. Die Reise liegt wie ein Alp auf mir.

Einmal bringt sie die Trennung von Johanna und von den Stätten

unseres letzten Zusammenlebens zum definitiven Abschluß, dann auch

bin ich noch nicht in der Fassung, mit Fremden zu verkehren, und

das kann ich unterwegs und in Friedrichsruh nicht vermeiden. Ich

würde am liebsten hier einwintern, aber meine Leute sind meist

verheiratet, ihre Frauen und Kinder dort, und Weihnachten vor der

Tür; auch bestehen Schweninger und meine Söhne auf dem Wechsel, da

ich dort für sie leichter erreichbar bin als hier im Hinterwalde,

ohne Schnell- und Nachtzüge. Ich reise also und werde mich unter

Menschen noch einsamer fühlen wie hier ... Was mir blieb, war

Johanna, der Verkehr mit ihr, die tägliche Frage ihres Behagens,

die Betätigung der Dankbarkeit, mit der ich auf achtundvierzig

Jahre zurückblicke. Und heut alles öde und leer; das Gefühl ist

ungerecht, aber =I can not help it=. Ich schelte mich undankbar

gegen so viel Liebe und Anerkennung, wie mir im Volke über

Verdienst geworden ist; ich habe mich vier Jahre hindurch darüber

gefreut, weil sie sich auch freute, wenn auch mit Zorn gegen meine

Gegner, hoch und niedrig. Heut aber ist auch diese Kohle in mir

verglimmt, hoffentlich nicht für immer, falls mir Gott noch Leben

beschert; aber die drei Wochen, die gestern verlaufen waren,

haben über das Gefühl der Verödung noch kein Gras wachsen lassen.

Verzeih, mein Schwesterherz, daß ich mich ausklage; aus noch

lange nicht. Ich bin noch müder geworden, seit der Katastrophe,

=tic douloureux= hat zugenommen, hindert mich am Schlafen und am

Aufenthalt im Freien. Verbrauchte Nerven ...

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 325 / 334 题