»Hegel«, meinte einmal der Fürst, »wurde ja zu meiner Zeit
überall doziert, ich habe mir aber von ihm nur angeeignet, was
ich für das Examen brauchte. Eines inneren Eindrucks bin ich mir
nicht bewußt geworden. Wie ich allmählich Jurist bei Bier und
auf dem Paukboden wurde, so hat auch das betrachtende Leben in
der Natur mehr Einfluß auf mich gehabt als die Philosophen. In
dieser natürlichen Neigung fühlte ich mich mehr zu Spinoza als
zu Hegel hingezogen. Hegel dachte ja eigentlich in erster Linie
für sein Auditorium, um etwas vortragen zu können. Im Vergleich
zu Spinoza arbeitete er auf kultiviertem Boden, während Spinozas
Gedanken unmittelbar aus der Natur herauswuchsen. Spinoza habe ich
an der Hand deutscher Hilfsbücher im lateinischen Text studiert.
Er war ein aristokratischer Jude, wie sich ja überhaupt die
holländischen Juden vorwiegend aus dem portugiesischen Judenadel
rekrutiert haben.« Auf die Frage, ob Spinozas pantheistische
Philosophie Einfluß auf ihn gewonnen habe, erwiderte der Fürst:
»Das Christentum einen viel, viel höheren, den höchsten! Durch
Kant«, fuhr dann der Fürst fort, »habe ich mich nicht völlig
durchbringen können; was er über das Moralische sagt, zumal das
vom kategorischen Imperativ, ist sehr schön; aber ich lebe am
liebsten ohne das Gefühl des Imperativs; ich habe überhaupt nie
nach Grundsätzen gelebt; wenn ich zu handeln hatte, habe ich mich
niemals gefragt: nach welchen Grundsätzen handelst du nun?, sondern
ich habe zugriffen und getan, was ich für gut hielt. Man hat mir ja
oft vorgehalten, daß ich keine Grundsätze habe. In meiner Jugend
pflog ich mit einer philosophisch angehauchten Cousine, die mich
gerne betanten wollte, oftmals Gespräche darüber, ob ich Grundsätze
annehmen müsse oder nicht. Schließlich sagte ich ihr, und damit
waren alle unsere Streitigkeiten zu Ende: ›Wenn ich mit Grundsätzen
durchs Leben gehen soll, so komme ich mir vor, als wenn ich durch
einen engen Waldweg gehen sollte und müßte eine lange Stange im
Munde halten!‹«