Der zweite Uriasbrief

Dieses zweite Schriftstück war an den deutschen Botschafter in

Wien, den Prinzen Reuß, gerichtet und hatte folgenden Wortlaut:

»Im Hinblick auf die bevorstehende Vermählung des Grafen Herbert

Bismarck in Wien teile ich Eurer Durchlaucht nach Vortrag bei

Seiner Majestät folgendes ergebenst mit: Falls der Fürst oder

seine Familie sich Eurer Durchlaucht Hause nähern sollten, ersuche

ich Sie, sich auf die Erwiderung der konventionellen Formen

zu beschränken, einer etwaigen Einladung zur Hochzeit jedoch

auszuweichen. Diese Verhaltungsmaßregeln gelten zugleich für

das Botschaftspersonal. Ich füge hinzu, daß Seine Majestät von

der Hochzeit keine Notiz nehmen werden. Eure Durchlaucht sind

beauftragt, in der Ihnen geeignet erscheinenden Weise sofort

hiervon dem Grafen Kalnoky Mitteilung zu machen.« — Neben der

deutschfreisinnigen und ultramontanen Presse fühlte sich auch

die edle »Kreuzzeitung« gedrungen, dem Grafen Caprivi für diese

»Tat« den Dank des Vaterlandes auszusprechen. »Uriasbriefe« nannte

dagegen Bismarck verächtlich diese Erlasse. In den »Hamburger

Nachrichten« vom 5. Juli wurden sie mit den Worten vernichtet:

»Wir sind der Ansicht, daß die Kontrolle privater Geselligkeit im

Auslande und die Einwirkung auf private Dinereinladungen nicht zu

den Aufgaben gehören, zu deren Lösung hochgestellte Staatsmänner

berufen und Botschaftsgehalte bewilligt werden. Wir glauben nicht,

daß die auswärtigen Akten einer anderen Großmacht, wenn sie

veröffentlicht würden, ein Gegenstück dieses deutschen Vorgangs

aufzuweisen hätten.«

[Illustration: Im besten Falle wird er ein äußerst unbequemer

Fraktionsgenosse sein. (»Ulk«, Mai 1891)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 303 / 334 题