Fraktur

Sehr kräftig hat der Kanzler seine Abneigung gegen deutsche

in lateinischer Schrift gedruckte Bücher und auch gegen die

neue, von dem Minister von Puttkamer eingeführte Orthographie

ausgesprochen. Es geschah dies in einem Dankschreiben aus Varzin

an die Naturforscher Karl und Adolf Müller in Kassel, die ihm ein

Werk über die Tiere der Heimat zugesandt hatten. »Die fesselnde

Schilderung und die naturgetreuen Abbildungen haben die Abneigung

überwunden,« schrieb er ihnen, »welche mich sonst abhält,

deutsche Bücher mit lateinischen Lettern zu lesen, weil ich mit

der Zeit, welche Geschäfte und Gesundheit zu meiner Verfügung

lassen, haushälterisch umgehen muß. Ich brauche erfahrungsmäßig

80 Minuten, um die Seitenzahl in lateinischer Schrift zu lesen,

die =more vernaculo= (nach allgemeiner Sitte) gedruckt, eine

Stunde erfordert. Französisch oder Englisch mit deutschen

Lettern gedruckt, oder Deutsch mit griechischen, wird jedem

Leser, auch dem mit allen Alphabeten gleichmäßig vertrauten, die

gleichen Schwierigkeiten machen. Der gebildete Leser liest nicht

Buchstabenzeichen, sondern Wortzeichen. Ein deutsches Wort in

lateinischen Buchstaben ist ihm eine ebenso fremde Erscheinung, als

Ihnen ein griechisches Wort in deutschen Buchstaben sein würde,

und nötigt zu langsamerem Lesen, geradeso wie die neuerdings

eingeführte willkürliche Entstellung unserer hergebrachten

Orthographie. Verzeihen Sie diesen Ausbruch verhaltenen Unbehagens

eines einsamen Lesers und sehen Sie in demselben kein Symptom von

Undankbarkeit für Ihre freundliche Gabe, bei deren ansprechender

Lektüre ich die Nationalität der Typen gern vergesse.«

[Illustration: Ein Neujahrsgeschenk. (»Don Quichotte«, 31. Dezember

1887)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 269 / 334 题