Der Feuerkopf

Vielleicht mochte gerade im Gedenken an diese Zeit Fürst Bismarck

über die Kaiserin Augusta das Urteil fällen, das er in seinem

Gedenkbuch niedergelegt hat: »Der Kaiser machte in den letzten

Jahren seines Lebens mir gegenüber kein Geheimnis aus seinen

häuslichen Beziehungen, beriet mit mir, welche Wege und Formen zu

wählen seien, um seinen häuslichen Frieden ohne Schädigung der

Staatsinteressen zu schonen; »den Feuerkopf« pflegte der hohe Herr

in vertraulichen, aus Verdruß, Respekt und Wohlwollen gemischten

Stimmungen die Gemahlin zu bezeichnen und diesen Ausdruck mit einer

Handbewegung zu begleiten, die etwa sagen wollte: ›Ich kann nichts

ändern.‹ Ich fand diese Bezeichnung außerordentlich treffend; die

Königin war, solange nicht physische Gefahren drohten, eine mutige

Frau, getragen von einem hohen Pflichtgefühl, aber auf Grund ihres

königlichen Empfindens abgeneigt, andere Autoritäten als die ihrige

gewähren zu lassen.«

Das neue Gesetz fand im Reichstag eine völlig veränderte Aufnahme. Der

Eindruck des zweiten Attentates, der Gedanke an die Leiden des greisen

Monarchen führten zur Annahme des Entwurfs, 221 Stimmen hatten dafür,

mit der Fortschrittspartei aber auch das Zentrum dagegen gestimmt.

In diesem Kampfe war aus dem Munde des Kanzlers das Wort gefallen,

daß der Fortschritt eine sehr gute Vorfrucht für den Sozialismus

als Bodenbereiter sei. Und es fiel das andere Wort: »Ich konnte

nicht glauben, daß ein Monarch, der mehr als irgendein Lebender, und

ich möchte wohl sagen, auch als ein der Vergangenheit Angehöriger,

mit Einsetzung seines Lebens, seiner Krone, seiner monarchischen

Existenz getan hat, um die Wünsche und Bestrebungen seiner Nation

zu verwirklichen, der dies mit einem gewaltigen Erfolge und dabei

doch ohne jede Überhebung getan hat, der ein milder, vollkommener,

volkstümlicher Regent geblieben ist, eine populäre Figur — wenn der von

hinten mit Hasenschrot zusammengeschossen wird, ja, meine Herren, an

dieses Verbrechen reicht kein anderes heran.«

[Illustration: ~Unsere Parlamentsnubier~

Der Kampf um das Sozialistengesetz ist beendet, Bismarck hat gesiegt.

Die Opposition der Nationalliberalen war angeblich nur ein Scherz, der

Kampf ein Kampfspiel. (»Ulk«, Oktober 1878)]

Als Staatsmann, der stets realpolitische Ziele im Auge behielt,

zugleich erfüllt von wogenden Gedanken über die Notwendigkeit einer

neuen Steuer- und Wirtschaftspolitik, suchte Fürst Bismarck innere

Fühlung mit der neuen Mehrheit, auf die allein er sich mit seinen

Plänen stützen wollte. Erleichtert wurde ihm der Versuch, sich mit

dem Zentrum zu stellen, durch den Tod des Papstes Pio Nono, der am

7. Februar 1878 die Augen geschlossen hatte. Sein Nachfolger Leo

=XIII.= galt als friedliebend; er hatte auch dem Deutschen Kaiser

seine Erhebung auf den päpstlichen Stuhl in den freundlichsten Worten

angezeigt und es bedauert, »nicht die guten Beziehungen vorzufinden,

die einst zwischen Preußen und dem päpstlichen Stuhle bestanden«.

Darauf hatte der Kaiser in seiner Antwort die Hoffnung ausgesprochen,

daß der Papst mit dem mächtigen Einfluß, den die Verfassung der Kirche

ihm auf alle ihre Diener gewähre, dahin wirken werde, daß auch die

Priester, die es bisher unterließen, nunmehr dem Beispiel der ihrer

geistlichen Pflege befohlenen Bevölkerung folgen und den Gesetzen des

Landes, in dem sie wohnen, sich fügen würden. In der Antwort nannte

der Papst die Mittel, durch die nach seiner Ansicht der alte Friede

erreicht werden könnte. Schlimm genug hatte in der Tat der Kulturkampf

gewütet: Von zwölf preußischen Bistümern waren acht ohne Bischöfe, 1400

Pfarreien waren ohne Pfarrer, sämtliche katholische Lehrerseminare

waren geschlossen.

[Illustration: ~Herkules am Scheidewege~

Nach den Wahlen, die eine Schwächung des Liberalismus brachten, treten

die ersten Absichten einer Beseitigung des Kulturkampfes hervor. (»Der

Floh«, April 1877)]

Allerdings konnte der Staat den Wünschen des Papstes im vollen

Umfang niemals entsprechen. Gipfelten sie doch in dem Verlangen,

die Verfassung und die Gesetze Preußens nach den Satzungen der

römisch-katholischen Kirche abzuändern. Aber die Brücke zur Verhandlung

war doch geschlagen, und alsbald erschien als Unterhändler des

Papstes der Kardinal Masella bei Bismarck in Kissingen. Aber nach

Kanossa ging Bismarck auch jetzt nicht. Er folgte allerdings dem

Gedanken, der ihn stets geleitet hat, daß Konflikte nur auf dem Wege

des Kompromisses, durch Zugeständnisse gelöst werden können, und er

war der Meinung, die Wiederherstellung des diplomatischen Verkehrs

durch einen Gesandten getrost einräumen zu können, wenn man von Rom

aus die Anzeigepflicht bei der Anstellung von Geistlichen anerkannte.

Aber zunächst brachte der Tod des versöhnlichen Kardinals Franchi

die Verhandlungen erneut zum Stocken, zumal da die klerikale Presse

in scharfem Widerspruch zum Papste alle friedlichen Absichten zu

durchkreuzen suchte. Diese seltsame Erscheinung führte Fürst Bismarck

in einem grimmigen Artikel auf den Charakter, die Zusammensetzung und

die Leitung der Zentrumspartei unter welfischer Führung zurück, »deren

leidenschaftliche Geltendmachung rein politischer Gesichtspunkte von

vornherein den kirchlichen Kampf vergiftet und damit der katholischen

Bevölkerung unsäglichen Schaden bereitet hat«. Der Artikel schloß mit

der Mahnung, daß durch die berufenen kirchlichen Autoritäten und aus

der katholischen Bevölkerung heraus dem verwirrenden und vergiftenden

Treiben der Partei ein Ziel gesetzt werden möge, deren einflußreichsten

Führern das Interesse der Kirche nur der Deckmantel für politisch

unterwühlende Zwecke sei und die der Erwartung des Papstes in bezug auf

die Treue der katholischen Untertanen des Deutschen Reiches durch ihr

ganzes Verhalten offen Hohn sprächen.

[Illustration: ~=Modus vivendi=~

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 244 / 334 题