Bellachini

Nach dem Attentat befand sich in der Deputation gratulierender

Kurgäste auch Bellachini, der Magieprofessor. Fürst Bismarck

drückte ihm huldvollst die Hand und bemerkte dabei: »Hätten Sie

denn, da Sie in der Nähe standen, die Kugel nicht auffangen können?«

Zahllose Ovationen wurden dem Geretteten dargebracht. Über zweitausend

Glückwunschdepeschen und -schreiben trafen ein. Fürst Bismarck hat

Schädigungen von der Wunde nicht davongetragen, nur eine gewisse

Schwäche im Handgelenk blieb zurück. Aber dieses Attentat hat in

den folgenden Kämpfen eine ernste Rolle gespielt. Im Dezember rief

Fürst Bismarck dem Klerikalen Jörg, der erklärt hatte, daß »wegen des

verwegenen Verbrechens eines halbverrückten Menschen ein guter Teil

der Deutschen geradezu ins Delirieren geraten sei«, die heftigen Worte

entgegen: »Mögen Sie sich lossagen von diesem Mörder, wie Sie wollen,

er hängt sich an Ihre Rockschöße fest, er nennt Sie seine Fraktion!«

[Illustration: ~=Pater peccavi=~

Gern säh’ den Bismarck mal als =Pater peccavi= jetzt der Heilige Vater.

(»Berliner Wespen«, Februar 1874)]

Pfui!

Auf Bismarcks Rede erklang von links und rechts ein stürmisches

Bravo, aus dem Zentrum aber rief eine schrille Stimme »Pfui!«.

Dem Rufer, Graf Ballestrem, diente Bismarck mit folgenden Worten:

»Meine Herren! Der Herr Präsident hat schon gerügt, was ich von

dem Herrn Abgeordneten, der dort auf der zweiten Bank sitzt,

rügen wollte — oder vielmehr, rügen ist nicht mein Beruf, aber

ich wollte meine Meinung darüber äußern. ›Pfui!‹ ist ein Ausdruck

des Ekels und der Verachtung. Meine Herren, glauben Sie nicht,

daß mir diese Gefühle fernliegen; ich bin nur zu höflich, um sie

auszusprechen.« — Noch einmal wurde später dem Fürsten Bismarck im

Reichstag ein »Pfui!« entgegengeschrien: Als er im Mai 1889 seine

letzte Rede über die Altersversicherung hielt und die Freisinnigen

anklagte, daß sie ihm stets ihre Zustimmung versagten, ob aus

Abneigung gegen seine Person oder aus fraktionellen Gründen, da

erklang aus dem Munde des Herrn Struwe dieses Schmähwort. Bismarck

aber schritt in seiner ganzen Größe bis an den Rand der Tribüne:

»Erlauben Sie, daß ich da ganz offen rede; wer mir ›Pfui!‹ sagt,

denn nenne ich unverschämt. Ich will den Herrn gar nicht fragen —

Sie mögen die Wahrheit nicht hören; ich bin aber hier, um Ihnen

die Wahrheit zu sagen. Insultieren lasse ich mich nicht, dann

insultiere ich wieder. ›Pfui!‹ — ich weiß nicht, worauf sich

das bezog, ich kann deshalb darauf nicht erwidern. Ich betrachte

es als einen allgemeinen Ausdruck des Hasses, dessen Gegenstand

ich seit Jahren hier an dieser Stelle für die Herren, die dort

sitzen, gewesen bin. Als Christ kann ich das hinnehmen, aber als

Kanzler, solange ich hier stehe, kämpfe ich dagegen und lasse

mir dergleichen nicht sagen, ohne darauf zu reagieren.« Später

hat auf einem parlamentarischen Abend Fürst Bismarck diese Szene

kommentiert: »Ja, was soll man machen, wenn einem jemand sozusagen

vor versammeltem Kriegsvolk ›Pfui!‹ zuruft? Es ist doch gerade, als

ob mich jemand anspuckt. Das erstemal war es ein Herr vom Zentrum,

der mir das Wort zurief. Es war noch die Zeit, wo ich immer einen

Revolver in der Tasche trug. Als der Zwischenruf erscholl, dachte

ich zunächst: ›Du gehst hin und schießt ihn nieder!‹ Nach einer

halben Minute Überlegung aber habe ich mir gesagt: ›Nein, das ist

denn doch nicht dein Metier!‹«

[Illustration: ~Herrn Ludwig Bamberger gewidmet~

»Wir Liberalen werden nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen.«

(»Frankfurter Laterne«, März 1873)]

Immer noch höher stiegen die Wellen des Kulturkampfes. Die Maigesetze,

das Brotkorbgesetz, die Aufhebung der Artikel 15, 16 und 18 der

Verfassung, die Unterordnung der Religionsgesellschaften unter die

staatlichen Gesetze, der Kampf gegen die Jesuiten — immer wieder trat

Fürst Bismarck in die Bresche, um die Rechte des Staates zu schützen.

Bis dann die Zeit kam, wo der Staatsmann der Steuergesetzgebung im

Reiche und bald auch der neuen Wirtschaftspolitik den Weg zu öffnen

suchte, und wo er, da der Liberalismus sich sträubte, gezwungen war,

Wege des Friedens mit dem Zentrum zu betreten. Ihm galt ja auch der

Kulturkampf nicht als Selbstzweck; er fühlte es, daß doch vielleicht

die Gesetzgebung der Ära Falck zu weit gegangen war, und indem er dann

an die Revision der Maigesetze ging, suchte er einen =modus vivendi=

mit Rom und der römischen Kirche zu schaffen. Allerdings innerlich

auch jetzt überzeugt, daß ein ewiger Friede mit der römischen Kurie

niemals eintreten wird. Denn in der Kurie erkannte er eine unabhängige

politische Macht, zu deren unabänderlichen Eigenschaften der Trieb

zum Umsichgreifen gehöre. Während aber die Wogen des Kulturkampfes

allmählich sich zu glätten begannen, erhoben sich neue Hindernisse

und Schwierigkeiten nach anderer Richtung: In der Auswärtigen Politik

ballte sich plötzlich eine dunkle Wolke zusammen, und die Abneigung der

extremen Konservativen stieg bis zu einer unerhörten Maßlosigkeit empor.

Der Gedanke, daß ein neuer Krieg mit Frankreich notwendig werde,

dessen Kraft schnell erstarkt war, beherrschte den größten Teil der

siebziger Jahre. Besonders der Generalstab ging von der Anschauung

aus, daß ein Krieg auch aus prophylaktischen Gründen geführt werden

könne, und daß es geraten sei, den Kampf gegen Frankreich aufzunehmen,

solange man noch die Gewißheit habe, dem Gegner überlegen zu sein.

Auch Moltke war dieser Meinung. Aber Fürst Bismarck trat ihm mit

voller Entschlossenheit entgegen. Denn er hielt jeden Krieg für eine

Ruchlosigkeit, der uns nicht aufgezwungen und aufgedrungen würde. Aber

gerade gegen Bismarcks Friedensliebe richtete sich das Komplott, das

von dem französischen Botschafter in Berlin, Herrn von Gontaut-Biron,

und dem russischen Kanzler Gortschakow gesponnen wurde und das seine

Fäden bis an den Hof der Kaiserin Augusta zog. Dieses Komplott trat

zutage, als Kaiser Alexander nach Berlin kam und während eines

dreitägigen Aufenthaltes die Wahrheit erkannte. Das Entlassungsgesuch,

das Fürst Bismarck abermals eingereicht hatte, wurde von seinem

»tieferschütterten Freunde Wilhelm« abgelehnt und ihm ein längerer

Urlaub zur Herstellung seiner Gesundheit bewilligt.

[Illustration: »~=O lovely peace!=~«

Bismarck als Bärenführer, läßt den russischen Bären tanzen. Er zitiert

das Wort von Goldsmith: »Mein Bär tanzt immer nach artigen Tönen.«

(»Punch«, Mai 1875)]

Aber auch über diese Zeit brachen die Sorgen herein: Im Juli erhob sich

der Aufstand in der Herzegowina. Die Gefahr, daß der ganze Balkan zu

einem Brandherd werden und die dort entfesselten Flammen auf Europa

niederschlagen würden, erhob sich in fürchterlicher Nähe. Im nächsten

Frühjahr schon ergriff bereits das Feuer Serbien und Bulgarien, und

wieder nach einem Jahre führte der Zar selbst seine Armeen über die

Donau. Mußte hier nicht die Sorge erwachen, daß Rußland und Österreich

im blutigen Zwiste aneinander geraten? Nahm Fürst Bismarck für den

einen Staat Partei, dann würde sich Frankreich sofort auf die Seite des

anderen schlagen, und ein europäischer Krieg stände vor der Tür. »Ich

habe«, so sagte er damals im Gespräch, »zwei mächtige Wappentiere an

ihren Halsbändern. Ich halte sie auseinander; erstens damit sie sich

nicht zerfleischen, zweitens damit sie sich nicht auf unsere Kosten

verständigen können. Ich glaube damit nicht nur jedem derselben,

sondern auch Deutschland und Europa einen Dienst zu erweisen. ... Dem,

der zum Hieb ausholt, in die Klinge zu fahren, ist ein schlechtes

Geschäft. Man erwirbt sich damit keine Freunde, und der Behinderte wird

einen dieses Dazwischentreten bei anderer Gelegenheit entgelten lassen.«

Auch in den folgenden Zeiten, als die orientalische Frage immer

brennender wurde, hielt Fürst Bismarck Deutschland nicht für

verpflichtet, aktiv in den Zwist einzutreten. »Ich werde«, so rief

er im Reichstag aus, »zu irgendwelcher aktiven Beteiligung an diesen

Dingen nicht raten, solange ich in dem Ganzen für Deutschland kein

Interesse sehe, welches auch nur die gesunden Knochen eines einzigen

pommerschen Musketiers wert wäre.« Unter Leitung des ehrlichen Maklers

Bismarck kam es denn auch auf der Berliner Konferenz zunächst zu

einem Verständnis der europäischen Mächte, zu einer Einigung aller

christlichen Völker gegenüber den Osmanen. Erleichtert allerdings wurde

dem Staatsmann die Aufgabe dadurch, daß am 6. Mai 1876 in Saloniki der

deutsche und der französische Konsul von fanatisierten mohammedanischen

Pöbelhaufen unter Mitwirkung der Behörden ermordet wurden. Im nächsten

Frühjahr hat dann, da auch die Konferenz der Mächte in Konstantinopel

resultatlos verlief, Rußland der Pforte den Krieg erklärt, und bei

Plewna und am Schipkapaß wurden blutige Schlachten geschlagen. Dem

Frieden von San Stefano ist dann der Berliner Kongreß gefolgt, und seit

diesem Kongreß, der den Russen nicht alle erwünschten Früchte trug,

erhob sich lärmend und rachedurstig gegen Deutschland der Panslawismus.

Als aber auch das amtliche Rußland, vor allem Gortschakow, sich gegen

Deutschland feindselig zeigte, da schloß sich Bismarck mit Österreich

zusammen.

[Illustration: ~Die Konferenzarbeit~

»Blut ist genug geflossen, jetzt kommt die Tinte ’ran.« (»Kikeriki«,

Mai 1875)]

Während nun draußen harte Konflikte den Frieden der Welt bedrohten,

war Bismarck gezwungen, auch im Inneren seinen Gegnern die gepanzerte

Faust zu weisen. Der erste, den sie traf und den sie zu Boden schlug,

war Graf Harry von Arnim, der in seiner Brandschrift »=Pro nihilo=« die

schwersten Anklagen gegen den großen Staatsmann erhob: Er habe in ihm,

dem Grafen Arnim, nur den Rivalen gesehen und es deshalb veranlaßt,

daß er in seinem ersten Prozeß, der ihm neun Monate Gefängnis eintrug,

rechtswidrig verurteilt wurde. Es fehlte auch der Vorwurf nicht, Fürst

Bismarck habe seine amtliche Stellung zu Geldgeschäften mit Bleichröder

gemißbraucht; er habe dem Kaiser nur eine Scheinherrschaft übrig

gelassen, und er sei so der allmächtigste Minister seit Stilichos und

Pipins Zeiten geworden. Auf diese Schrift erfolgte gegen den einstigen

Botschafter in Rom und Paris eine neue Anklage wegen Landesverrates,

Majestätsbeleidigung und Verleumdung des Reichskanzlers. Das Ergebnis

war das Urteil des Staatsgerichtshofes, das den Grafen in allen Punkten

für schuldig erklärte und unter Aberkennung der Ehrenrechte zu fünf

Jahren Zuchthaus verurteilte. Arnim hatte sich dem Richter nicht

gestellt; er ist, ein Verschollener, im Mai 1881 zu Nizza gestorben.

Aber seine Gesinnungsgenossen und Freunde setzten mit erneutem Eifer

ihren Feldzug gegen Bismarck fort. Hier traf die »Kreuzzeitung« sich

mit der »Reichsglocke« Joachim Gehlsens auf dem gleichen Pfade. Und

hier sah Bismarck, wie er in seinem Gedenkbuch berichtet, unter seinen

schroffsten, aber keineswegs ehrlichsten Gegnern den Obersten von

Caprivi, der später sein Nachfolger wurde.

Schon ein Jahr vorher hatte mit den sogenannten Ära-Artikeln Perrots

der Verleumdungsfeldzug gegen Bismarck begonnen. Lügen aller Art

wurden verbreitet. Keine Roheit und Gemeinheit der Sprache wurde

vermieden. Und als Fürst Bismarck im Reichstag Protest erhob, als

er vor allem die »Kreuzzeitung« anklagte, daß sie ehrenrührige,

unbewiesene, anonyme Verleumdungen verbreite, als er die Konservativen

aufrief, von diesem Blatte sich loszusagen, das die christliche

Gesinnung nur als Aushängeschild für politische Zwecke benutze, da

hat ein Teil der konservativen Partei den Mut gefunden, sich in

einer öffentlichen Erklärung auf die Seite des Blattes zu stellen.

Es waren die »Deklaranten«. Schon vor den Ära-Artikeln hatte einer

dieser Herren auf einem pommerschen Woll- und Pferdemarkt sich damit

gebrüstet, er werde Bismarck so klein machen, daß er »jedem ehrlichen

pommerschen Krautjunker aus der Hand fressen müsse«. Fürst Bismarck

hat die Namen der Deklaranten im »Reichsanzeiger« zum Gedächtnis

der Mit- und Nachwelt abdrucken lassen. Es waren die Namen alter

Freunde darunter, aber auch die Namen vieler Diener der Kirche, und

noch in späten Jahren hat er nur mit Zorn an jene Episode und ihre

Helden denken können. Den edlen Herren der Kirche vor allem hat er

in seinem Gedenkbuch ein Denkmal gesetzt: »Ich habe gegen Politiker

in langen Kleidern, weiblichen und priesterlichen, immer Mißtrauen

gehegt, und dieses Pronunziamento einiger hundert evangelischer

Pfarrer zugunsten einer der frivolsten, gegen den ersten Beamten des

Landes gerichteten Verleumdung war nicht geeignet, mein Vertrauen zu

Politikern, die im Priesterrock, auch in einem evangelischen, stecken,

zu stärken.« Die Nerven Bismarcks drohten unter dieser harten Probe

zusammenzubrechen. War er doch gezwungen, plötzlich mit allen oder fast

allen Freunden und Bekannten den bisherigen Umgang einzustellen. — Ein

Teil der Konservativen und Klerikalen ging noch weiter. Sie hatten

die »Reichsglocke« begründet, um Bismarck zu vernichten. Hinter ihr

standen nicht nur Politiker, sondern auch Hofbeamte, namentlich aus der

Umgebung der Kaiserin Augusta. Ihnen gelang es, das Verleumderblatt

täglich in die Hände des Monarchen zu spielen, wie es ja auch in

dreizehn Exemplaren an die verschiedenen Höfe kolportiert wurde.

[Illustration: ~Die pommerschen Knochen~

Wilhelm: »Ich weeß, wo du mit deiner knochigen Rede hinjezielt hast;

na, da mache ich dir =anticipando= zum Herzog.«

Bismarck: »Majestät verkennen meine friedlichen Absichten.«

Wilhelm: »Männeken, keene Verstellung, wir sind unter uns.«

Am 5. Dezember hatte Bismarck im Reichstag es abgelehnt, in Sachen

des Orients auch nur »die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen

Musketiers« einzusetzen. (»Hum. Blätter«, Dezember 1876)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 234 / 334 题