Alexander von Humboldt

»Bei unserem hochseligen Herrn«, so erzählte Bismarck, »war ich das

einzige Schlachtopfer, wenn Humboldt des Abends die Gesellschaft

in seiner Weise unterhielt. Er las dann gewöhnlich vor, oft

stundenlang, eine Lebensbeschreibung von einem französischen

Gelehrten oder einem Baumeister, die keinen Menschen interessierte.

Dabei stand er und hielt das Blatt dicht vor die Lampe. Mitunter

ließ er es fallen, um sich mit einer gelehrten Bemerkung darüber

zu verbreiten. Niemand hörte ihm zu, aber er hatte doch das Wort.

Die Königin nähte in einem fort an einer Tapisserie und hörte

gewiß nichts von seinem Vortrag. Der König besah sich Bilder

— Kupferstiche und Holzschnitte — und blätterte geräuschvoll

darin, in der schönen Absicht, nichts davon hören zu wollen. Die

jungen Leute seitwärts und im Hintergrunde unterhielten sich

ganz ungeniert, kicherten und übertäubten damit förmlich seine

Vorlesung. Der aber murmelte, ohne abzureißen, fort wie ein Bach.

Gerlach, der gewöhnlich auch dabei war, saß auf einem kleinen

runden Stuhle, über dessen Rand sein fetter Hinterer auf allen

Seiten herabhing, und schlief, daß er schnarchte, so daß ihn der

König einmal weckte und zu ihm sagte: ›Gerlach, so schnarchen

Sie doch nicht.‹ — Ich war sein einziger geduldiger Zuhörer, das

heißt, ich schwieg, tat, als ob ich seinem Vortrage lauschte, und

hatte dabei meine eigenen Gedanken, bis es endlich kalte Küche und

weißen Wein gab. — Es war dem alten Herrn sehr verdrießlich, wenn

er nicht das Wort führen durfte. Ich erinnere mich, einmal war

einer da, der die Rede an sich riß, und zwar auf ganz natürliche

Weise, indem er Dinge, die alle interessierten, hübsch zu erzählen

wußte. Humboldt war außer sich. Mürrisch füllte er sich den Teller

mit einem Haufen — so hoch — (der Kanzler zeigt es mit der Hand)

von Gänseleberpastete, fettem Aal, Hummerschwanz oder anderen

Unverdaulichkeiten — ein wahrer Berg! — es war erstaunlich, was

der alte Mann essen konnte. — Als er nicht mehr konnte, ließ es

ihm keine Ruhe mehr, und er machte einen Versuch, sich das Wort

zu erobern. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl‹, fing er an. Aber

es war nichts, der Erzähler ließ sich seinem Thema nicht abwendig

machen und fuhr gelassen mit dem zweiten Kapitel der Geschichte,

die er zum besten gab, fort. Humboldt sah sich mißmutig nach ihm

um, hustete kurz und trocken und setzte noch einmal an. ›Auf dem

Gipfel des Popokatepetl, siebentausend Toisen über‹ — wieder drang

er nicht durch, der Erzähler sprach ruhig weiter. ›Auf dem Gipfel

des Popokatepetl, siebentausend Toisen über dem Niveau des Stillen

Meeres‹ — er stieß es mit lauter, erregter Stimme hervor, halb

wehmütig, halb zornig, die ersten Worte feierlich, die letzten

hastig; jedoch gelang es ihm auch damit nicht; der Erzähler redete

fort, wie vorher, und die Gesellschaft hörte nur auf ihn. — Das

war unerhört — Frevel! Wütend setzte Humboldt sich nieder und

versank in Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menschheit,

auch am Hofe. — Die Liberalen haben viel aus ihm gemacht, ihn zu

ihren Leuten gezählt. Aber er war ein Mensch, dem Fürstengunst

unentbehrlich war, und der sich nur wohl fühlte, wenn ihn die Sonne

des Hofes beschien.«

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 196 / 334 题