»Bei unserem hochseligen Herrn«, so erzählte Bismarck, »war ich das
einzige Schlachtopfer, wenn Humboldt des Abends die Gesellschaft
in seiner Weise unterhielt. Er las dann gewöhnlich vor, oft
stundenlang, eine Lebensbeschreibung von einem französischen
Gelehrten oder einem Baumeister, die keinen Menschen interessierte.
Dabei stand er und hielt das Blatt dicht vor die Lampe. Mitunter
ließ er es fallen, um sich mit einer gelehrten Bemerkung darüber
zu verbreiten. Niemand hörte ihm zu, aber er hatte doch das Wort.
Die Königin nähte in einem fort an einer Tapisserie und hörte
gewiß nichts von seinem Vortrag. Der König besah sich Bilder
— Kupferstiche und Holzschnitte — und blätterte geräuschvoll
darin, in der schönen Absicht, nichts davon hören zu wollen. Die
jungen Leute seitwärts und im Hintergrunde unterhielten sich
ganz ungeniert, kicherten und übertäubten damit förmlich seine
Vorlesung. Der aber murmelte, ohne abzureißen, fort wie ein Bach.
Gerlach, der gewöhnlich auch dabei war, saß auf einem kleinen
runden Stuhle, über dessen Rand sein fetter Hinterer auf allen
Seiten herabhing, und schlief, daß er schnarchte, so daß ihn der
König einmal weckte und zu ihm sagte: ›Gerlach, so schnarchen
Sie doch nicht.‹ — Ich war sein einziger geduldiger Zuhörer, das
heißt, ich schwieg, tat, als ob ich seinem Vortrage lauschte, und
hatte dabei meine eigenen Gedanken, bis es endlich kalte Küche und
weißen Wein gab. — Es war dem alten Herrn sehr verdrießlich, wenn
er nicht das Wort führen durfte. Ich erinnere mich, einmal war
einer da, der die Rede an sich riß, und zwar auf ganz natürliche
Weise, indem er Dinge, die alle interessierten, hübsch zu erzählen
wußte. Humboldt war außer sich. Mürrisch füllte er sich den Teller
mit einem Haufen — so hoch — (der Kanzler zeigt es mit der Hand)
von Gänseleberpastete, fettem Aal, Hummerschwanz oder anderen
Unverdaulichkeiten — ein wahrer Berg! — es war erstaunlich, was
der alte Mann essen konnte. — Als er nicht mehr konnte, ließ es
ihm keine Ruhe mehr, und er machte einen Versuch, sich das Wort
zu erobern. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl‹, fing er an. Aber
es war nichts, der Erzähler ließ sich seinem Thema nicht abwendig
machen und fuhr gelassen mit dem zweiten Kapitel der Geschichte,
die er zum besten gab, fort. Humboldt sah sich mißmutig nach ihm
um, hustete kurz und trocken und setzte noch einmal an. ›Auf dem
Gipfel des Popokatepetl, siebentausend Toisen über‹ — wieder drang
er nicht durch, der Erzähler sprach ruhig weiter. ›Auf dem Gipfel
des Popokatepetl, siebentausend Toisen über dem Niveau des Stillen
Meeres‹ — er stieß es mit lauter, erregter Stimme hervor, halb
wehmütig, halb zornig, die ersten Worte feierlich, die letzten
hastig; jedoch gelang es ihm auch damit nicht; der Erzähler redete
fort, wie vorher, und die Gesellschaft hörte nur auf ihn. — Das
war unerhört — Frevel! Wütend setzte Humboldt sich nieder und
versank in Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menschheit,
auch am Hofe. — Die Liberalen haben viel aus ihm gemacht, ihn zu
ihren Leuten gezählt. Aber er war ein Mensch, dem Fürstengunst
unentbehrlich war, und der sich nur wohl fühlte, wenn ihn die Sonne
des Hofes beschien.«