Der Jude mit den zerrissenen Stiefeln

»In Petersburg«, so erzählte Bismarck einmal bei Tisch, »kam in

unsere Kanzlei ein Jude, der nach Preußen zurückbefördert sein

wollte. Er war aber sehr abgerissen und hatte besonders schlechte

Stiefel an. Man sagte ihm, ja, er sollte befördert werden; aber

er wollte vorher andere Stiefel haben, und beanspruchte das als

ein Recht und trat so dreist und unverschämt auf, schrie und

schimpfte, daß die Herren sich vor ihm nicht zu helfen wußten.

Auch die Diener getrauten sich nicht an den wütenden Menschen.

Da wurde endlich, als der Spektakel zu arg geworden war, ich zu

körperlicher Hilfe herbeigerufen. Ich sagte ihm, er sollte ruhig

sein, sonst würde ich ihn einsperren lassen. Er erwiderte trotzig:

›Das können Sie nicht, dazu haben Sie in Rußland gar kein Recht!‹

— ›Das wollen wir sehen‹, sagte ich. ›Ich muß Sie allerdings nach

Hause schaffen, aber Stiefel brauche ich Ihnen nicht zu geben,

wenn ich’s auch vielleicht getan hätte, wenn Sie sich nicht so

ungebührlich aufgeführt hätten.‹ Darauf machte ich das Fenster auf

und winkte einem Gorodowoy, einem russischen Polizeimanne, der ein

Stück davon seine Station hatte. Mein Jude fuhr fort, zu schreien

und zu schelten, bis der Polizeimann, ein großer starker Mensch,

hereinkam. Zu dem sagte ich: [russische Worte, die unübersetzt

bleiben]. Und der große Schutzmann nahm den kleinen Juden mit und

steckte ihn ein. Den anderen Vormittag aber kam der wieder an,

ganz umgewandelt, und erklärte sich zur Abreise ohne neue Stiefel

bereit. Ich fragte, wie es ihm ergangen wäre inzwischen. — Schlecht

wäre es ihm gegangen, sehr schlecht. — Nun, was sie ihm denn getan

hätten? — Ja, sie hätten ihn — nun, sie hätten ihn — körperlich

mißhandelt. Ich sprach ihm mein Bedauern aus und fragte, ob er sich

beschweren wolle. Er zog vor, schnell abzureisen, und ich habe

nichts wieder von ihm gehört.«

[Illustration: ~Der beschränkte Untertanenverstand~

Bismarck: »Undankbares Volk! Beschränkter Untertanenverstand! Für

jede Steuer und jedes Monopol, das sie mir bewilligen, und für jeden

Belagerungszustand, den sie mir verlängern, gebe ich ihnen einen

Bischof, und noch sind die Leute nicht zufrieden.« (»Figaro«, Oktober

1881)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 192 / 334 题