Das zähe Huhn

Von der Fahrt nach Busaney erzählt der Kanzler eine ähnliche

Szene: »Ich hatte den ganzen Tag nichts als Kommißbrot und Speck

gehabt. Jetzt kriegten wir ein paar Eier — fünf oder sechs. Die

anderen wollten sie gekocht; ich aber esse sie gern roh, und so

unterschlug ich ein paar und zerschlug sie an meinem Degenknopf,

was mich sehr erfrischte. Als es dann wieder Tag geworden war,

genoß ich das erste Warme seit sechsunddreißig Stunden — es war

nur eine Erbswurstsuppe, die mir General Göben gab; sie schmeckte

aber ganz vortrefflich. Später hatte es noch ein gebratenes Huhn

gegeben, an dessen Zähigkeit aber der beste Zahn verzweifelte.« Es

war dem Minister von einem Marketender angeboten worden, nachdem er

von einem Soldaten ein ungekochtes gekauft hatte. Bismarck hatte

jenes angenommen, dafür bezahlt und dem Manne noch obendrein das

von dem Soldaten erworbene gereicht. »Wenn wir uns im Kriege wieder

treffen,« sagte er, »so geben Sie mir’s gebraten wieder. Wo nicht,

so hoffe ich, daß Sie mir’s in Berlin zurückerstatten.«

[Illustration: ~Preußische Fanfaronaden~

Wilhelm: »Ich weiß nicht recht — wann denkst du, werde ich mit

Frankreich fertig sein?«

Bismarck: »Nur zu bald, gnädiger Herr, wie ich mit dieser Flasche.«

(»Actualités«, November 1870)]

Allmählich drängten die Dinge dem Gipfelpunkte von Sedan entgegen. Mit

dem Morgengrauen des 1. September begann die Schlacht, und zur selben

Stunde brach auch der König mit Bismarck auf, um Zeuge der Entscheidung

zu sein. Mit ihnen zusammen standen auf der Höhe von Fresnois Moltke,

Roon und zahlreiche Prinzen und Generale. Als aber das gewaltige

Ringen zu Ende war, da erschien der General Reille als Parlamentär mit

dem bekannten Briefe Napoleons bei König Wilhelm: »Mein Herr Bruder!

Nachdem mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben,

bleibt mir nur noch übrig, meinen Degen in die Hände Ew. Majestät

niederzulegen. Ich bin Ew. Majestät Vetter Napoleon.« Der König reichte

das Schreiben zunächst Bismarck und ersuchte ihn, die Antwort zu

entwerfen. Dieser las den Brief dem Kronprinzen, Roon und Moltke vor

und diktierte dann dem Grafen Hatzfeld die Antwort: »Mein Herr Bruder!

Mit Bedauern über die Umstände, unter denen wir zusammentreffen, nehme

ich den Degen Ew. Majestät an und bitte Sie, einen Ihrer Offiziere

ernennen zu wollen, der bevollmächtigt wird, über die Ergebung der

Armee zu unterhandeln, die sich unter Ihren Befehlen so tapfer

geschlagen hat. Meinerseits habe ich den General von Moltke dazu

bestimmt. Ew. Majestät Bruder Wilhelm.« Als Reille mit dieser Antwort

fort war, umarmte der König den Kronprinzen und reichte dann Bismarck

die Hand mit den Worten: »Dieses weltgeschichtliche Ereignis, fürchte

ich, bringt uns den Frieden noch nicht.« Bismarck fuhr mit Moltke nach

Donchéry, um hier die französischen Unterhändler zu erwarten. Die

Tragödie von Sedan war ausgespielt; es konnte nur noch ein Nachspiel

geben.

In Donchéry hat Bismarck übernachtet. Am Morgen um sechs Uhr erschien

bereits ein französischer General; Bismarck zog sich hastig an, setzte

sich, ohne zu frühstücken, eiligst zu Pferde und ritt davon. In der

Stube aber fand Moritz Busch alles in Unordnung umhergeworfen: Am Boden

lagen die »Täglichen Losungen und Lehrtexte der Brüdergemeinde für

1870«, auf dem Nachttischchen befand sich ein anderes Andachtsbuch:

»Die tägliche Erquickung für gläubige Christen«, Schriften, in denen

der Kanzler des Nachts zu lesen pflegte.

Über die Einzelheiten der weltgeschichtlichen Vorgänge der nächsten

Stunden hat Bismarck an die Gattin berichtet. Dieser Brief ist von den

Franzosen aufgefangen und später vom »Figaro« veröffentlicht worden.

Selbst das französische Blatt aber sprach mit Staunen und Ergriffenheit

von diesen schlichten Worten, in denen der Sieger des großen Krieges

von einem Ereignis spricht, dessen weltgeschichtliche Bedeutung jeder

erfaßte, von der liebenswürdigen Art, wie er mitten in den Schauern

und dem Brausen der Weltgeschichte Zeit findet, von Marie und Karl,

von Hans, Fritz, Herbert und Bill zu sprechen. Wie hätte wohl der

französische Sieger geschrieben! Der Brief ist in der Tat eines der

rührendsten Dokumente menschlicher Demut und schlichter Größe.

[Illustration: Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu

Tisch. (»Der Floh«, September 1870)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 179 / 334 题